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von Birdstrike
erstellt: 06.03.2010
letztes Update: 06.03.2010
Geschichte, Drama / P16
(fertiggestellt)
Series: -
Characters: Det. Ray Coombs (Ronn Sarosiak), Det. Michael ‘Mickey’ Hayden (Kiefer Sutherland)
Continuity: Post-movie
P: P-16
Warnings: Gewalt, Übernatürliches, es fällt das ein oder andere böse Wort.
Disclaimer: ‘Visions of Death’ © 1999, Promark Entertainment Group, Videal GmbH & Paul Marcus. Mir gehört nichts, ich bekomme nichts. Dieses Werk dient der reinen Unterhaltung.
Nightshift
♠♠♠
Er fand ihn schließlich in dieser Gay-Bar. Hemmungslos betrunken.
Ray seufzte leise, als er das Wrack beobachtete, das ein guter Detektive sein sollte, das sein Partner seit zwei Jahren und außerdem seit zwei Stunden im Dienst war.
Nun… soweit nichts Neues.
Seit dem Jabberwocky-Fall vor einem halben Jahr hatte sich Mickeys‘ zugegebenermaßen bereits schlechter Zustand in ein suizidales Desaster verwandelt. Und das, obwohl es für Ray flüchtig so ausgesehen hatte, als würde Mickey sich wieder einkriegen, in der kurzen Zeit in der er mit dieser Frau zusammen gewesen war. Doktor Swann, Vera. Braunes, langes Haar, nussbraune Augen, ein süßes Lächeln, eine großartige Figur, wirklich, eine Schönheit. Natürlich hatte Mickey es in den Sand gesetzt.
Ray hatte keine Details von seinem Partner bekommen, aber er wusste, dass es zwischen den beiden einen Streit gegeben hatte und dass Doktor Swann daraufhin gegangen war. Nach Schottland, um was immer sie studierte, dort zu studieren. Man konnte nicht sagen, dass die Frau nicht wusste, wie man einen gründlichen Schlussstrich zieht.
Ray zuckte zusammen, als ihn plötzlich jemand am Arm berührte und er aus seinen Gedanken gerissen wurde. Ein junger Mann, wahrscheinlich nicht mal halb so alt wie er selbst, stand ziemlich nah neben ihm, musterte ihn von oben bis unten und grinste dabei anzüglich. “Dich habe ich hier noch nie gesehen, Süßer. Was darf ich dir zu trinken holen?“
Ray verdrehte innerlich die Augen und schüttelte verneinend den Kopf. Wortlos ging er in Richtung Bar, bevor die Dinge kompliziert wurden. Keine gute Idee hier schlechte Stimmung zu verbreiten, nur weil er einen betrunkenen Vollidioten abholen wollte und unterwegs einen Blow-Job in der örtlichen Toilette ablehnte.
Er setzte sich auf den leeren Barhocker neben Mickey, der damit fortfuhr in sein leeres Glas zu starren, als hoffe er darauf, dass es sich auf magische Weise wieder füllen würde. Die Minuten vergingen in Stille zwischen den Beiden, aber Ray sagte nichts. Er kannte die Prozedur schließlich schon.
„Warum machst du das immernoch?“ fragte der Blonde neben ihm schließlich ohne aufzusehen.
Ray wollte eine schlagfertige Antwort geben, aber ihm wurde klar, dass es keine gab. “Ich weiß es nicht.“
Mickey schnaubte humorlos und hob halbherzig seinen Kopf um den nächsten Jack Daniels zu bestellen, bevor er bissig murmelte, “Tragisch… Vielleicht solltest du dann nochmal darüber nachdenken. Du weißt schon… nicht hier.“
Ray schloss kurz die Augen und atmete tief ein. Er kannte diesen Ton bereits und anders als bei anderen konnte sein Partner ihn damit nicht verjagen. “Mickey… jetzt hör-“
„So eine dreckige Welt, Ray…“ unterbrach ihn der Blonde plötzlich, die Stimme rau und undeutlich von zu viel Alkohol und zu wenig Schlaf und Mickey starrte mit an die Lippen gehobenem Glas an die gegenüberliegende Spiegelwand, die blauen Augen glänzend im gedämpften Licht.“Da war dieses Mädchen gestern, so hübsch, mit blonden Haaren und großen, blauen Augen und wahrscheinlich war sie die beliebteste Cheerleaderin an der gesamten Junior-High, der die Jungs in Scharen hinterhergelaufen sind… Sie … haben sie aus dem Fluss gefischt wie Abfall. Vergewaltigt und verprügelt und dann erwürgt mit einer … gottverfickten Plastiktüte… Sie war gerade siebzehn, Ray, gerade siebzehn… So eine… dreckige Welt…“
Ray biss die Zähne zusammen und schüttelte kurz den Kopf in Richtung des Barkeepers, der ihm einen fragenden Blick zugeworfen hatte. “Ich weiß… Ich war am Tatort mit dir.“
„Ja… Ja, das warst du…“
„Komm schon, Mickey…“ Zum ersten Mal sah Ray zur Seite, gerade als Mickey den Kopf in den Nacken legte und den Whiskey in einem Zug verschwinden ließ. “Zeit nach Hause zu gehen.“
„Ich bin im Dienst.“
„Du bist sturzbetrunken, Detektive Hayden, und nicht in der Verfassung auch nur in der Nähe einer geladenen Waffe zu sein, ganz zu schweigen davon, eine zu tragen.“ Ray stand demonstrativ auf und Mickey blieb demonstrativ sitzen. “… Fick dich… Detektive Coombs.“
Ray seufzte erneut auf. Gott, wie er diese verdammte Nachtschicht hasste.
♠♠♠
Mickey doch noch aus der Bar, in den Dienstwagen und nach Hause zu schleppen war leichter gewesen als erwartet. Ein Phänomen, das Ray immer wieder bei diesen, wie er es nannte, ‘Sondereinsätzen‘ beobachten konnte. Auch wenn er so viel intus hatte, dass es für gewöhnliche Menschen bereits zum Koma gereicht hätte, war Mickey in der Lage binnen Minuten wieder wie nüchtern zu wirken auch wenn er es nicht war. Ray fragte sich jedes Mal, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.
„Wir haben morgen eine Dienstbesprechung mit Leutnant Cartwright. Er wäre bestimmt nicht begeistert, wenn du dieses Mal wieder nicht auftauchst.“ Ray lehnte sich an die Wand neben Mickeys‘ Wohnungstür, während der aus seiner Hosentasche den Schlüssel herausfischte und die Türe zu seinem Apartment aufschloss.
„Ja, danke, Ray. Das wusste ich noch garnicht.“ knurrte sein Partner sarkastisch, trat ein und sah sich nicht mal um, ob Ray ihm folgte oder nicht. Der verdrehte die Augen, bevor er eintrat und Mickey in die Küche folgte.
Es war über die letzten Monate fast wie ein Ritual zwischen ihnen beiden geworden, dachte Ray, als er sich an den Türrahmen lehnte und Mickey zusah, wie er sich ein großes Glas Wasser einschüttete. Ein bescheuertes Ritual, dass immer mehr zur Gewohnheit wurde.
Mickey erschien nicht zum Dienst. Ray klapperte jede Bar der Stadt ab, bis er ihn fand und nach Hause schleifte. Und morgen würde Ray wieder einmal versuchen, ihrem neuen Vorgesetzten Cartwright zu verheimlichen, das Mickey die letzte Nacht erneut im Rausch zu Hause verbracht hatte, obwohl Cartwright bereits von der Internen bestens über Mickeys‘ Alkoholproblem informiert worden war und Ray kein einziges Wort glaubte. Mickey gefährdete nicht nur sich selbst, er sah noch nicht mal, dass Ray für ihn seinen eigenen Job riskierte. Warum er es dann überhaupt tat?
Ray wusste es selbst nicht, er hatte es sich oft genug gefragt. Genauso wenig wie er wusste, warum er jetzt schon wieder diese, sich jedes Mal wiederholende und mittlerweile völlig sinnfreie Diskussion eröffnen musste, obwohl er das Ende davon bereits kannte.
“So kann das nicht weitergehen, Mickey.“
Scheppernd wurde das Glas auf die Theke gestellt. “Ray…“ Mickey lachte kurz und humorlos und der Blonde schüttelte den Kopf.“… Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es dir doch ganz einfach scheißegal sein kann?“
“Und wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es mir nun mal nicht scheißegal ist?“ schoss Ray ungehalten zurück und versuchte garnicht erst, seine seit der Fahrt - seit mehreren Monaten schon - aufgestaute Wut zu verbergen, eine Wut, von deren Intensität er selbst überrascht war. “Verdammt nochmal, Mickey, du bist mein Partner, soll ich einfach daneben stehen und zusehen, wie du dich ins Grab säufst?!“
„Ja! Ja, das wäre für uns beide wohl das Beste, Ray!“ fuhr Mickey auf, ohne sich umzudrehen und Ray schüttelte bestürzt den Kopf. “Gott, Mickey, du musst dir mal zuhören. Du musst dir mal zuhören, was du da sagst, das ist doch-“
„Halt den Mund, Ray! Halt einfach den Mund!“ fauchte Mickey dazwischen und Ray biss die Zähne zusammen. Es reichte. Endgültig. Ray hatte lange genug den Mund gehalten und die Diskussion hier enden lassen, aber heute nicht. Er musste endlich ansprechen, was er sich seit Wochen schon dachte und bevor er richtig darüber nachdenken konnte, fauchte er zurück. “Du tust gerade so als wenn du der Einzige bist, dem sowas passiert, Mickey.“
„Und wovon zum Teufel redest du jetzt?“ Der Blonde drehte sich zu ihm um und in seinen Augen war aufrichtige Verwirrung zu lesen, aber Ray achtete nicht darauf. “Wovon wohl? Davon, von einer Frau verlassen zu werden. Doktor Swann. Ja, sie war eine klasse Frau. Aber ihr kanntet euch grade mal zwei Monate! Und jetzt so zu tun, als wenn die Welt untergeht und deinen Job zu riskieren, ganz zu schweigen von meinem Job und deinem Leben, das ist ja wohl mehr als melodramatisch!“
Mickey starrte ihn mehrere Sekunden lang an. Und dann lachte er. Es klang abgehackt und leer, als hätte Mickey einen wirklich, wirklich schlechten Witz gehört und es jagte Ray einen Schauer über den Rücken. Kopfschüttelnd fischte der Blonde eine zerbeulte Schachtel Zigaretten aus der Brusttasche seines Hemdes und zündete sich eine an.
“Mickey…?“
„Vera?“ Mickeys‘ Lachen erstarb und er sah auf und grinste, aber es erreichte seine Augen nicht und sah falsch und bitter aus. “Du glaubst wirklich, es geht hier um Vera? Gott, Ray…“
„Was soll ich denn deiner Meinung nach sonst glauben? Seit sie dich verlassen hat, bist du ein Wrack. Und du-“
Mickey unterbrach ihn heftig und seine plötzliche Aggressivität ließ Ray zusammenzucken. “Nein, Ray! Nein, ich habe sie verlassen, okay?!“
„Was?” Ray stand der Mund offen für Sekunden, bis er ihn hörbar zuklappte. “Du? Aber warum…”
Der Blonde lachte wieder leise, aber es klang genauso hohl wie vorhin und obwohl er seinem Blick auswich, konnte Ray den Schmerz in seinen blauen Augen sehen. "Weil sie so war, was sie war.“
Ray verdrehte die Augen. “Oh natürlich, lass mich nachdenken. Eine hübsche, nette Frau, die dich davor bewahrt hat, dass größte Arschloch der Stadt zu sein?"
„Sie war Parapsychologin, Ray.“
„Para-…“ Ray kniff die Augen zusammen und erinnerte sich ungewollt an dutzende schlechte Horror-Filme, an die er unzählige Stunden seines Lebens verschwendet hatte. “Sekunde… Das sind doch die, die Geister und Gespenster und so einen Unsinn untersuchen, oder? Und du willst mir erzählen, Doktor Swann-… Aber sie war so eine smarte Frau, ich hätte nie gedacht-“
„Ja, sie war smart.“ Mickey schnaubte leise, schnippte die Asche der Zigarette achtlos auf den Boden. “Und manipulativ. Und an ihrer Karriere interessiert. Und ich war ihre Laborratte.“
„Was warst du? Wirklich, Mickey, ich kann dir nicht folgen. Bist du sicher, dass du nicht mehr betrunken bist?”
„Ich wünschte, ich wäre es. Das würde zumindest erklären, warum ich dir den Bullshit erzähle.“ Mickey starrte ins Leere und drückte die nicht einmal halb zu Ende gerauchte Zigarette in Ermangelung eines Aschenbechers auf der Theke hinter sich aus.
„Also… lass mich das kurz zusammenfassen.“ Ray trat in die Küche und hob die Arme um seine Worte mit Gesten zu unterstreichen, eine Gewohnheit, die er nicht mehr los wurde. “Du trinkst und rauchst du dich zu Tode, weil du mit ihr Schluss gemacht hast, weil sie ein klein wenig neben der Spur war? Wirklich, Mickey…“
„Nein! Verflucht nochmal, nein, Ray! Es geht nicht um sie, es ging niemals um sie, okay?!“ Völlig unvermittelt kam die Explosion, die Ray die ganze Zeit erwartet hatte und sie erwischte ihn eiskalt. Er trat erschrocken rückwärts, während Mickey sich immer mehr hineinsteigerte. Er zitterte plötzlich am ganzen Leib, ballte die Fäuste so stark, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten und seine blauen Augen waren unnatürlich geweitet. “Du weißt Garnichts, Ray! Du kannst doch garnicht verstehen- Gott! Ich kann sie sehen, okay?! Ich kann sehen, wenn sie sterben! Wie sie sterben! Und jedes Mal wenn ich es versuche, wird es schlimmer, jedes verfickte Mal! Und selbst wenn ich es nicht versuche, sind sie in meinen Träumen und ich kann es nicht stoppen und jedes Mal bin ich es, jedes Mal bin ich es, verdammt, ich bin es, der sie tötet und gleichzeitig kann ich sie fühlen, ich fühle ihren Schmerz und ihre Angst und diese Kälte und - … und ich- … Gottverfluchte Scheiße!“
Mickey fuhr herum und schlug beide Hände mit voller Kraft auf die Theke. Dann stand er still. Ray sah seine Schultern zittern und er war absolut sprachlos. Wovon zum Teufel… Was…?
“Mickey… Wovon redest du da?”
„Ich kann nicht mehr…“ flüsterte der Blonde ohne sich umzudrehen und seine Stimme war gepresst und zitterte und Ray wurde mit Bestürzung klar, das Mickey weinte. “Gott, ich kann nicht mehr … Ich wollte das nie haben, Ray … Ich wollte das nicht… "
Mickey rutschte plötzlich zur Seite und Ray reagierte in Bruchteilen von Sekunden.
„Hey…“ Ruckartig sprang er vor, um den Tisch herum und fing Mickey auf, bevor er zu Boden ging. “Hey, Mickey! Komm schon, komm… du bist völlig übermüdet und hast zu viel getrunken… du weißt doch garnicht mehr, was du sagst… Komm, du musst ins Bett…“
„Fass mich nicht an!“ Unvermittelt schrie Mickey auf und Ray stolperte zurück und stieß gegen den Tisch, unsanft von dem Blonden gegen die Brust gestoßen.
„Sag mal, hast du sie noch-“ Ray sah auf. Und seine Stimme erstarb.
Mickeys‘ Augen... Sie waren schreckgeweitet. Blankes Entsetzten spiegelte sich darin wieder. Die nackte Todesangst. Tränen rannen ihm über kalkweiße Wangen. Seine Lippen bebten, sein ganzer Körper zitterte wie unter einem krampfartigen Tremor.
„Gott… Mickey… Mickey… Es ist alles in Ordnung… Es…“ Ray trat vor und hob beruhigend eine Hand, aber Mickey versteifte sich und wich ihm aus, klammerte sich an die Theke hinter sich.
„Fass mich nicht an…“ flüsterte der Blonde so leise, dass Ray eine Sekunde lang glaubte, er habe es sich nur eingebildet. Aber das hatte er nicht.
„Okay… Okay, ich fasse dich nicht an, Mickey… Siehst du, alles in Ordnung…“ Er brabbelte sinnloses Zeug, Ray war das klar, aber er wusste nicht, was er sonst sagen sollte. Er lehnte sich zurück an den Tisch und starrte den Mann vor sich fassungslos an, der vergeblich versuchte, sich wieder zu beruhigen.
♠♠♠
Ray stand an den Türrahmen gelehnt und sah auf das Bett, auf den Mann der dort schlief.
Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, hatte Mickey aufgesehen. Seine Stimme war gebrochen gewesen und er hatte ihm nicht in die Augen sehen können, als er sich entschuldigte. Als er Ray erklärte, dass er nur Unsinn geredet hatte. Das Ray alles vergessen sollte, was er erzählt hatte. Dass es der letzte Schwachsinn gewesen war.
Ray hatte genickt. Wortlos. Und Mickey ins Bett verfrachtet. Aber er war nicht gegangen. Und er hatte nichts vergessen. Nicht ein Wort.
Du weißt Garnichts, Ray!
Sie gingen ihm nicht aus dem Kopf. Wie eine Schallplatte mit Sprung wiederholten sie sich immer wieder und dennoch machten sie keinen Sinn.
Ich kann sie sehen, okay?! Ich kann sehen, wenn sie sterben! Wie sie sterben!
Mickey war am Ende. Ray war sich dessen heute Nacht bewusst geworden. Und er hatte ein Geheimnis. Ein Geheimnis, dass ihn fast um den Verstand brachte, das größer war, als Ray es sich vorstellen konnte.
- und gleichzeitig kann ich sie fühlen, ich fühle ihren Schmerz und ihre Angst und diese Kälte -
Entweder dass, oder Mickey war auf dem besten Wege, den letzten Rest seines Verstandes in Alkohol zu ertränken. Was auch immer es war… Ray würde nicht daneben stehen und zusehen. Das hatte er viel zu lange getan.
~fin~
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