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von Ace Kaiser    erstellt: 05.03.2010    letztes Update: 02.04.2012    Geschichte, Abenteuer / P12    (in Arbeit)
2.
Es war etwa Windstärke vier, böenartig ging es bis sieben. Auf den leicht gekräuselten Wellen waren bis in die Ferne Schaumkronen zu sehen. Hier auf dem Oberdeck der Pascal Magi riss der Wind an Haaren und nicht befestigten Uniformteilen.
In der Ferne schwamm ein roter Signalkörper, wurde kurz von einem Wellenkamm verdeckt und erschien erneut. Plötzlich wurde er mittig perforiert, platzte auf und versank.
"Entfernung, Master Chief?", fragte Cartridge, der das Ziel mit seinem Fernglas beobachtet hatte.
"Exakt vierhundertelf Meter, Sir."
Der Lieutenant setzte das Fernglas ab und sah zum Schützen herüber.
Private First Class Chan war sichtlich über seinen Erfolg erfreut.
"Achtzehn Sekunden, Private. Das ist nicht tragbar. Nicht bei einem zwölf Zentimeter großen Ziel, wenn Sie ein selbstregulierendes Visier an Ihrem Gewehr haben. Erreichen Sie zehn."
Der Getadelte nickte bestätigend. "Ja, Sir."
"Pull, Ms. Schmitt!"
Corporal Schmitt bediente die Wurfmaschine und brachte einen weiteren Signalkörper ins Spiel.
Diesmal setzte Chan an, zielte, und löste nach acht Sekunden den Schuss.
"Na also, warum nicht gleich so?"
"Ich habe verrissen, Sir", wandte Chan zerknirscht ein. "Ein Wellenkamm ist mir dazwischen gekommen."
"So, haben Sie das?", schmunzelte Cartridge. Es dauerte etwa weitere zehn Sekunden, bis der Private begriff, dass der Signalkörper nicht wieder aus einem Wellental hoch kommen würde.
"Pull."
Ein weiteres Ziel flog ins Meer, und diesmal brauchte Chan für einen klaren Schuss erneut nur acht Sekunden.
"Lassen Sie es gut sein, Mr. Chan, Sie sind wieder ausreichend in Schuss."
"Ja, Sir."
"Wer ist der Nächste?"
"Darf ich mich einmal einmischen, Lieutenant?", klang die Stimme von Lieutenant Aquanaut auf.
James wandte sich ihr zu und nickte. "Selbstverständlich, Ma'am. Private, geben Sie der Lady Ihr Gewehr und zehn Schuss Munition."
"Aye, Sir." Der Private entlud die Waffe, verriegelte sie im entladenen Zustand und übergab sie der Offizierin der Pascal Magi. "Entwaffnet und gesichert, Ma'am."
"Entwaffnet und gesichert. Ich übernehme." Mit einem Nicken nahm sie die Waffe entgegen.
"Zehn Schuss, Lieutenant", fügte Chan hinzu und reichte ihr das halb gefüllte Magazin.
"Sieben Komma sechs zwei? Nicht gerade die Standard-Munition."
Cartridge verkniff sich ein Schmunzeln. "Wir haben drei Munitionstypen. Die Sieben Komma sechs zwei ist für Fernziele besser geeignet. Für unsere kurzläufigen Waffen verwenden wir Fünf Komma Fünf Sechs. Und für die Pistolen Neun Komma Null mit Weichkerngefechtskopf."
"Wie interessant." Aquanaut lud durch, legte die Waffe probeweise an und entsicherte. "Pull, Ms. Schmitt."
Ein weiterer Signalkörper wurde abgeschossen. Lieutenant Aquanaut feuerte eine Einzelschussserie von drei Schüssen ab. Der dritte Schuss zerstörte das Ziel im Flug. "Das bedeutet dann, dass jeder Ihrer Leute mindestens zwei Waffen bei sich trägt."
"Mitführt. Es kommt auf die Situation an. Bei einer Enterung benutzen wir die Kurzreichweitenwaffen, wenn wir Enterer noch auf See abwehren die weit reichenden Waffen. Hätten Sie diesmal die Güte zu warten, bis der Schwimmer im Wasser ist, Ma'am?"
"Tadeln Sie mich nicht dafür, das ich mich gerade an eine vollkommen fremde Waffe gewöhne. Ich habe schon ewig nicht mehr mit einem Gewehr geschossen. Pull, Ms. Schmitt."
Der nächste Signalkörper flog ins Wasser. Es dauerte keine fünf Sekunden, als er nach dem ersten präzisen Schuss der Offizierin zerplatzte. "Etwas knifflig mit den Wellenkämmen. Und die Entfernung liegt mir nicht ganz. Ich gehe selten Ziele über dreihundert Meter an", kommentierte sie, entlud die Waffe und sicherte sie. "Entladen und gesichert übergeben, Private Chan."
"Entladen und gesichert übernommen, Ma'am."
Sie drückte ihm das Magazin in die Hand. "Machen Sie weiter, Cartridge."
"Aye, Ma'am. Stonefield, Sie sind dran."
"Jawohl, Sir."
***
Nach all der Aufregung der letzten Monate begann sich Sango Fukami endlich wieder ruhiger zu fühlen. Es war einfach zuviel passiert. Erst die verhängnisvolle Seeschlacht, die eines ihrer Schadensbekämpfungsteams ausgelöscht hatte - vier Freundinnen waren gestorben - dann der Kampf um den zweiten Grand Roar, dessen Entstehung der Skipper verhindert hatte... Und danach war auch noch die Presse über sie herein gebrochen und hatte Wochenlang versucht, die Mädchen der Crew für jede noch so kleine Story auszuquetschen. Zum Glück war das endlich vorbei, und mit Tsubasas Rückkehr von ihrem Fluglehrgang schien auch die Normalität an Bord wieder Einzug gehalten zu haben. Zwar waren diese ganzen Ledernacken auf dieser Fahrt dabei, aber abgesehen davon, dass sie an Deck Zielschießen geübt hatten, waren sie noch nicht negativ aufgefallen. Und immerhin waren auch Frauen dabei, das war ein tröstlicher Gedanke.
"Fukami-san?"
Sango wandte sich um "Hyosuke-kun? Bist du das hinter dem Stapel?"
Der junge Mann setzte den gut gefüllten Korb ab. "Wer sonst? Ich bin mit der Wäsche deiner Sektion fertig. Willst du deine gleich mitnehmen?", fragte er lächelnd.
Sango ertappte sich dabei, wie sie den kleinen Bruder vom Skipper anlächelte. Nicht das sie Interesse an ihm gehabt hätte. Nicht das sie gegen den Skipper oder Tsukasa eine ernsthafte Konkurrenz gewesen wäre. Aber Hyosuke war einer der angenehmeren Vertreter des männlichen Geschlechts, und irgendwie konnte sie sich nicht mehr vorstellen, den schlanken Computerspezialisten nicht an Bord zu haben. Er wurde zwar im Moment etwas abseits seiner Qualifikation eingesetzt, aber dafür bekam er jeden Fleck raus und kapitulierte auch nicht vor Altöl. "Gerne."
Erfreut lächelte er zurück, und für einen Moment hielt sie den Atem an. Zumindest bis er ihr Paket aus der Reihe der Wäschestücke hervor geholt hatte. "Hier, bitte."
Sie lächelte freundlich, dankbar, und wie sie meinte unverfänglich. "Danke sehr, Hyosuke-kun."
"Bist du auf dem Weg zur Brücke? Irgendwas wichtiges?"
"Nicht wirklich. Der Eins O hat mich einbestellt, aber es geht nur um die neuen Motorkomponenten und die neu rekrutierten Leute in der Schadensbekämpfung. Nichts wirklich wichtiges."
"Oh, dann haben wir ja ein Stück Weg gemeinsam." Hyosuke nahm den Korb wieder auf. "Geh voran. Ich folge dir."

Sango drückte ihr Wäschepaket an sich. Sie kicherte leise, weil der riesige Wäscheberg und der schmale Hyosuke einen witzigen Kontrast bildeten, während sie beide durch den Korridor gingen. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem eine schwarz maskierte Gestalt aus einem der Gänge auftauchte. Eine schwarz maskierte Gestalt, die ein Schnellfeuergewehr im Anschlag hielt. Zwar zielte sie nicht auf Sango, aber das konnte ja noch kommen. Entsetzt wollte sie schreien, aber die maskierte Gestalt legte den linken Zeigefinger auf die Mundöffnung der Maske und bedeutete ihr still zu sein.
"Fukami-san? Ist irgend etwas? Fukami-san?"
Die maskierte Gestalt richtete sich auf. Wurde groß. Größer als sie. Noch ein wenig größer. Schließlich musste sie den Kopf in den Nacken legen, um die fremde Person noch ansehen zu können.
Sie ging an Hyosuke vorbei, bedeutete auch ihm zu schweigen und verschwand im Gang, aus dem sie beide gerade gekommen waren.
"Was war das denn gerade?", stammelte sie entsetzt.
"Wenn mich nicht alles täuscht, dann...", begann Hyosuke, der eine leichte Ahnung davon hatte, wer in der Crew der Pascal Magi so groß war, wurde aber unterbrochen, als vier weitere schwarz maskierte Gestalten in den Gang eindrangen. Zwei sicherten dabei, während die anderen beiden voran eilten, um dort die Sicherungspositionen zu übernehmen. Der Anführer bedeutete ebenfalls den zwei Crewmitgliedern zu schweigen. Dann aktivierte er einen Scanner und wählte zielsicher die Infrarotspur aus, die von der ersten Gestalt hinterlassen worden war. Die vier Maskierten arbeiteten sich auf bewährte Art den Gang hinab.
Aus großen Augen sahen sich Hyosuke und Sango an. "Ich glaube nicht, das wir das verstehen müssen", murmelte sie tonlos.
"GRANATE!", hallte ein erschrockener Ruf aus dem Gang, in dem die fünf Gestalten verschwunden waren. Es gab ein kurzes Zischen, dann fluchte jemand lautstark.
Kurz darauf kamen drei der Maskierten wieder den Gang hinunter. Sie zogen sich fluchend die Masken vom Gesicht. Allen war gemein, dass sie auf der Maske oder auf Herzhöhe einen roten Fleck trugen. Übungsmunition.
"Verdammt, dass der Alte uns so schnell erledigt, ärgert mich. Himmel, vor 'nem Monat hat er noch flach gelegen", murrte die blonde Frau ärgerlich.
"Ich hab's dir gleich gesagt, LaFleure, unterschätze den LT nicht. Aber hörst du auf mich? Nein. Und Mikata gegen Cartridge, soll ich dir sagen, wie das ausgeht?"
"Ich will es gar nicht wissen, Wu." Mit ärgerlichen Mienen passierten die drei Infanteristen die beiden, doch diesmal grüßten sie höflich. Und ihre Waffen hingen nun harmlos über ihren Schultern.
"Machen die das jetzt jeden Tag?", fragte Sango stirnrunzelnd.
***
Es war der dritte Tag auf See, und Clio Aquanaut war auf dem Weg zum Vordeck. Sie konnte zur Recht sagen, dass das erwartete Chaos durch die Marines an Bord ausgeblieben war. Zwar sorgten sie für ein wenig Unruhe, vor allem mit den Übungen, aber es blieb im erträglichen Maße. Hier und da war es bisher zu harmlosen Flirts mit der Besatzung gekommen, und wer war sie schon, dass sie verurteilte, dass auch einige Frauen aus Cartridges Team daran beteiligt gewesen waren? Es blieb alles im Rahmen, und die eigentlich erwarteten Zwischenfälle mit sich überschneidenden Duschzeiten und ähnlichen  Vorkommnissen blieben dankenswerterweise aus. Dafür kursierten in der Mannschaft kleine, illegale Duschfilmchen der durchtrainierten Marines. Das machte Clio mehr Sorgen als die Marines selbst. Sie musste heraus finden, wer diese Aufnahmen gemacht hatte, wie er sie gemacht hatte, und wie sie dieses Sicherheitsleck stopfen konnte. Denn genau wie die Crew der Pascal Magi hatten die Marines ein Anrecht auf die eigene Würde.
"Am grübeln, Clio?", klang die Stimme von Commander Kojima hinter ihr auf.
Aquanaut seufzte. "Wie man es nimmt. Die Marines gewinnen im Bereich korrektes Benehmen gegen unsere Crew nach Punkten. Und ich muss die Punktetabelle manipulieren."
"Ach, die Duschfilmchen. Ich dachte, du hast die Täter schon gefunden. Ich würde es tun, bevor Cartridge dahinter kommt", tadelte Kojima.
"Aye, Fellow." Clio öffnete das Schott zum Vorderdeck und trat hinaus. "Ist ja nicht so, als wäre ich nicht längst dabei. Ich..."
In diesem Moment erschien ein Waffenlauf direkt vor ihrer Nase. Erschrocken blieb sie stehen, blinzelte, und erkannte hinter dem Waffenlauf einen Kopfüber hängenden Marine. Entsetzt tat sie einen Schritt zur Seite.
"Oh, entschuldigen Sie. Sie sind ja gar nicht der LT", sagte die Marine. Clio identifizierte sie an Statur und Stimme als Master Chief Jones, die Nummer zwei der Truppe.
Hinter ihnen im Laufgang erklangen zwei leise Plopp-Geräusche, und auf Jones' Scharfschützenbrille erschienen zwei rote Flecken.
Resignierend ächzte sie auf, beugte sich kurz wieder nach oben und sprang dann von ihrem luftigen Hinterhalt herab.
"Nicht ablenken lassen, Master Chief. Es scheint, als wären Sie etwas eingerostet. Eins O, Lieutenant." Cartridge nickte ihnen zu, während er an Clio vorbei auf das Vorderdeck trat.
"Etwas, Sir", gestand die Master Chief. "Aber ich steigere mich zusehends. Leider ist Chief Aquanaut recht groß, weshalb ich vorschnell meine Stellung verraten habe."
"Was Ihnen im Ernstfall das Leben kostet, Master Chief", tadelte James ernst.
"Cartridge!"
Der Lieutenant wandte sich Commander Kojima zu. "Ma'am?"
"Das ist genau das Thema, über das ich dringend mit Ihnen sprechen muss. Finden Sie nicht, dass Sie Ihr Training vollkommen übertreiben? Sie stören den internen Betrieb, Sie irritieren die Crew, und Sie lösen irgendwann noch einmal Angstpsychosen aus, wenn Sie so weiter machen! Wollen Sie das?"
"Bei allem Respekt, Ma'am, aber ich bin mit meinen Leuten als Entermannschaft und Verteidigungseinheit an Bord. Sie müssen mir schon erlauben, meinen Dienst so zu verrichten, wie ich es für optimal halte. Meine Leute müssen jede Ecke, jeden Winkel und jeden Spalt an Bord kennen, erst dann können sie die Pascal Magi und vor allem ihre Crew effektiv beschützen."
"Trotzdem, Cartridge, Sie stören mir das Bordleben zu sehr. Geht es etwas zurückhaltender? Ein wenig konformer mit unserer bescheidenen Crew? Ich meine, die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie nie zum Einsatz kommen, oder?"
"Oh, ich hoffe doch sehr, dass das der Fall ist. Es ist nicht so als würde ich mich freuen, wenn ich gezwungen bin, auf Leben und Tod zu kämpfen, Ma'am."
Kojima beäugte ihn ärgerlich. "Wir sollten mit dem Skipper darüber sprechen. Kommen Sie, Cartridge, erledigen wir es gleich."
"Aye, Fellow." Resignierend entlud er seine Übungswaffe und schulterte sie.
Aquanaut streckte eine Hand nach ihm aus. "Tanja, hat das nicht noch Zeit? Ich meine, es geht immerhin um die Sicherheit der Pascal Magi."
"Soweit ich es verstanden habe, sollen wir ein Team bilden", erwiderte die Eins O eisig. "Im Moment aber haben wir auf einer Seite die Mannschaft der Pascal Magi und auf der anderen Seite  die Marines, die tun und lassen, was immer sie wollen. Wir..."
Ein infernalisches Heulen hallte über das Vordeck. Ein Heulen, das den meisten Seefahrern bekannt war, das ihnen in Fleisch und Blut übergegangen war. Gefechtsalarm.
Kojima zuckte für einen kurzen Moment zusammen. "Lieutenant, Ihre Leute sollen sich bewaffnen und bereit halten. Zwei Teams: Ein Enterteam, ein Abwehrteam!"
"Aye, Fellow!" Cartridge drückte sich an den beiden Frauen vorbei, Jones im Schlepp.
"Da geht er hin. Ein Glück hat der Kerl", murmelte Aquanaut amüsiert. "Melde mich ab zur CIC."
"Aye, Fellow. Ich übernehme die Brücke."
***
Als Clio Aquanaut auf die Gefechtsbrücke der Pascal Magi kam, war sie die Letzte. Alle anderen hatten ihre Positionen bereits eingenommen. "Status?", fragte sie, und ließ ein Holo über ihrem Sitz entstehen.
Konzentriert nickte der Skipper ihr zu. "Drei, nein, vier Schnellboote mit Torpedobewaffnung halten auf die Rodriguez zu. Offene See. Sie sind noch drei nautische Meilen entfernt und fahren mit fünfunddreißig Knoten. Ihre Waffen sind scharf. Auf Aufforderungen abzudrehen reagieren sie nicht. Ich habe Tsubasa gestartet."
Aquanaut nickte bestätigend. "Aye, Shorty. Ich übernehme die Suche nach U-Booten."
Amüsiert fragte Misaki: "Du erwartest einen heimlichen Gast?"
"Ich bitte dich, Skipper. Vier Schnellboote, die auf offener See einen Frachter angreifen, der von einem Kampfschiff beschützt wird, das schreit doch geradezu nach einer Falle. Oder nach einem Haufen absoluter Idioten und Anfänger. Denen händigt man aber nur bedingt Schnellboote mit Torpedos aus."
"Raketen bereitmachen, Captain?"
Kurz überdachte Captain Misaki ihre Optionen. Mit Laevatein-Raketen auf die Schnellboote zu feuern war wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen - mit verdammt zielsicheren Kanonen allerdings. Auf der anderen Seite aber zählte nur der Schutz der Rodriguez. Und wenn sie nahe genug heran fuhren, konnten sie die Gatlingkanonen einsetzen. Die würden gegen Schnellboote effektiv genug sein, allerdings das Schiff an den Frachter heran führen. Und da sie nicht davon ausging, dass es tatsächlich so strohdumme Piraten gab, die einen Frachter angriffen, während ein unbeschädigtes und voll einsatzbereites Eskortschiff keine zwei Meilen dahinter fuhr, scheute sie davor zurück, sich selbst Manöver-Optionen vorzuenthalten. "Offener Funkspruch an die Angreifer. Zehnsekündiger Countdown zum abdrehen. Danach feuern wir eine Laevetain auf das Schnellboot, das der Rodriguez am nahesten ist."
"Aye, Shorty!"
"Hier spricht die Pascal Magi. Unbekannte Schiffe, Sie greifen einen Frachter unter unserem Schutz an. Dies ist ein Akt der Piraterie. Drehen Sie sofort ab, oder wir eröffnen in zehn Sekunden das Feuer. Dies ist Ihre einzige Warnung! Fünf Sekunden!"
Captain Misaki nickte Chief Aquanaut zu.
"Ziel erfasst. Vorderes Schnellboot auf Backbord!"
"Feuer!", befahl der Skipper.
"Aye, Shorty! Feuer!" Auf dem Vorderdeck sprang einer der Raketenbunker auf, und entließ einen roten Marschflugkörper. Die Maschine wurde zwanzig Meter in die Höhe katapultiert, bevor die Rakete Flügel ausklappte und den Antrieb startete. Ohne weitere Verzögerungen raste sie auf das anvisierte Schnellboot zu. Der Steuermann versuchte ein Ausweichmanöver, was bei einem sehr schnellen Marschflugkörper und einem wendigen Schnellboot immerhin einen Versuch wert war, doch die allzu vage Hoffnung erfüllte sich nicht. Die Laevetain-Rakete schlug in den Schiffsrumpf ein, explodierte, und ließ den Angreifer in Feuer und Rauch vergehen.
"Auf Sonarkontakte achten", mahnte Misaki ernst. "Was tun die anderen drei Schnellboote?"
"Drehen ab, Skipper. Sie entfernen sich mit hoher Geschwindigkeit", meldete Chief Aquanaut.

Für einen Moment fühlte sich der Kapitän der Pascal Magi versucht, aufzuatmen. Aber das Misstrauen überwog. Ihre Gedanken verboten ihr, sich einlullen zu lassen. Im letzten Konflikt um den zweiten Grand Roar waren solche Piraten billige Bauernopfer gewesen. Warum sollte es diesmal anders sein? Sie aktivierte die interne Kommunikation. "Tanja? Wir schließen zur Rodriguez auf, halten aber einen Abstand von einer halben Seemeile hinter ihr. Schicke Lieutenant Cartridge mit ein paar Leuten und einem Schlauchboot raus, damit sie eventuelle Überlebende vom zerstörten Schnellboot bergen können. Tsubasa soll die Suche unterstützen."
"Aye, Shorty. Nanu, du bist mit dem Ausgang unseres kleinen Geplänkels wohl nicht besonders zufrieden."
Nanaha Misaki lächelte dünn unter ihrem Datenvisier. "Nenne es Berufs-Paranoia, Tanja. Mir wurde die Pascal Magi einmal fast unter meinem Hintern versenkt. Ich möchte es nicht erleben, dass es tatsächlich jemand schafft."
"Man kann auch übertreiben", mahnte Commander Kojima. "Cartridge ist raus. Tsubasa weist ihn ein."
"Mal sehen, ob sie jemanden finden, der uns erklären kann, was hier eigentlich gerade passiert ist", murmelte Misaki mit ärgerlicher Stimme. Verdammt, es konnte doch keinesfalls so reibungslos ablaufen. Und wenn sie damit nicht Recht hatte, dann sollte sie besser ihr Kapitänspatent zurückgeben.
***
Es war nicht jedermanns Sache, sich auf dem unendlichen Ozean der fragilen Sicherheit eines Schlauchboots mit Außenbordmotor anzuvertrauen. Ein guter Marine hatte keine Zeit dazu, um mit einer solchen Situation Schwierigkeiten zu haben. Er führte seine Befehle aus. Master Chief Karen Jones war schon viel zu lange Marine, um überhaupt an die Möglichkeit zu denken, über Bord fallen und jämmerlich ertrinken zu können. Sie blendete einfach alles aus, was nicht zu ihrer derzeitigen Aufgabe gehörte. Am Bug zu sitzen, den Blick fest auf den Kurs gerichtet, um Trümmer, Überlebende, Minen oder sonstige Schweinereien rechtzeitig zu entdecken, nahm sie mehr als genug ein. Eine einzige, einen Meter unter dem Wasser treibende Mine, und das Kommando von Cartridge verlor sechs hervorragend ausgebildete Soldaten. Jones hatte nicht vor, daran Schuld zu sein. Garantiert nicht.
Sie näherten sich den Trümmern des Schnellbootes, die von der Laevetain nicht in tausend Fetzen zershreddert worden waren. Jones gebot Corporal Schmitt, langsamer zu fahren.
Schmitt reduzierte die Geschwindigkeit, und die Spitze des Bootes berührte wieder das Wasser. Die anderen vier Marines an Bord luden ihre Waffen durch und entsicherten sie. Allzeit bereit war für sie mehr als nur eine Floskel. Und nach dem Debakel an Bord des verminten Frachters hatte keiner von ihnen Lust, ohne Gegenwehr auf eine weitere Teufelei herein zu fallen.
"Langsamer", mahnte Chief Jones. Sie legte ihr Gewehr an, und begann die Trümmer mit Hilfe ihres Scharfschützenfernglases abzusuchen. Ein solches Schnellboot verfügte über acht bis zwölf Mann Besatzung und konnte kurzfristig noch einmal die gleiche Anzahl als Entermannschaft mitführen. Das machte ein bis zwei Dutzend potentielle Überlebende. Andererseits hatte die Laevetain-Rakete den dünnen Stahlrumpf vollkommen zerfetzt. Diese Waffe war dazu gedacht, ein Kampfschiff entscheidend zu treffen oder sogar zu versenken. Der dünne Rumpf des billigen Schnellboots hatte der Rakete keinen nennenswerten Widerstand entgegengesetzt. Hier Überlebende finden zu wollen war illusorisch.
Jones nahm das Gewehr wieder ab und sicherte es. "Langsam voraus, Corporal. Jungs, an die Stangen. Wir sammeln alles ein, was irgendwie aussieht, als wäre es noch aus einem Stück. Nevski und Daesun sichern."
"Aye, Ma'am."
Langsam trieb das Schlauchboot in die schwimmenden Trümmer hinein. Die beiden für die Bergung eingeteilten Marines fischten mit langen Haken nach Beute, aber erwartungsgemäß war es nicht besonders viel. Wenn sie noch ein paar Stunden warteten, kam vielleicht die eine oder andere aufgeblähte Wasserleiche an die Oberfläche. Aber weiter helfen würden ihnen ein paar Tote sicher nicht.
"Chief? Das sollten Sie sich vielleicht mal ansehen", sagte Daesun mit stockender Stimme.
"Was ist denn, Private?"
Der Spezialist hielt ihm seine Beute hin, eine große Plastiktasche. Er hatte sie geöffnet. Und der Inhalt hatte es in sich.
"Das sieht nach einem Haufen harter Scheinchen aus", stellte Jones burschikos fest. "Rand?"
"Aye, Ma'am. Das sind ozeanische Rand. Etwa zehntausend. Entspricht einem Gegenwert von zwanzigtausend kanadischen Dollar."
"Okay, jetzt wissen wir, mit welcher Motivation die Schnellboote die Rodriguez angegriffen haben. Aber wir wissen immer noch nichts über die Absichten. Weitersuchen."
"Aye, Ma'am!"
***
Eine halbe Stunde später war Cartridge mit der Geldtasche bei Kapitän Misaki vorstellig.
"Keine Überlebenden?", versicherte sich die Skipperin der Pascal Magi.
"Nach einem Treffer mit einem Marschflugkörper war das auch nicht zu erwarten. Sollte es tatsächlich jemand ins Wasser geschafft haben, wird die Explosion seine Lungen zerplatzen lassen haben. Damit Auftrieb adé. Nein, dies ist alles was wir haben. Ich habe mir erlaubt, das Geld zu zählen. Ich komme auf die erstaunliche Summe von elftausendeinhundertachtzig Rand. Wenn ich vermute, dass die anderen Schnellboote in etwa die gleiche Menge bei sich geführt haben, dann lässt das nur zwei Schlüsse zu."
"Ich bin an Ihren Schlussfolgerungen sehr interessiert, Jim. Schießen Sie los."
"Erstens: Der Rand ist eine Kunstwährung, die von Australien bis nach China genutzt wird. Sie hat feste Wechselkurse zu achtzehn regionalen Währungen und stabilisiert eine Handelszone aus eins Komma acht Milliarden Menschen. Wer immer den Piraten sehr viel Geld bezahlt hat, damit sie die Rodriguez angreifen, wollte über das Geld nicht zurückverfolgt werden. Andererseits hat er auch nicht versucht, uns über eine nationale Währung auf eine falsche Fährte zu locken."
Commander Kojima hob eine Augenbraue. "So? Denken Sie?"
"Der Beutel schwamm nur, weil er ein nahezu wasserdichtes billiges Plastikding ist. Die Luftblase hielt ihn oben an der Wasseroberfläche. Hätte ich geplant, dass eines der Schnellboote abgeschossen wird, und wir anschließend das Geld finden, wäre ich auf Nummer sicher gegangen, und hätte mich nicht auf eine Billigtasche aus der Massenfertigung verlassen."
"Und die zweite Schlussfolgerung?"
"Nun, Commander Kojima, ich schätze, das unser Gegner nicht damit gerechnet hat, dass die Schnellboote mit einem Marschflugkörper beschossen werden. Dass wir quasi Distanz wahren."
"Vermuten Sie, dass wir in die Kampfreichweite eine U-Bootes gezogen werden sollten, Jim?", hakte Misaki nach.
"Entweder das, oder die Schnellboote hatten eine hübsche Überraschung für uns an Bord. Die einzige andere Alternative wäre für mich, dass die Auftraggeber der Schnellbootbesatzungen mit einem Raketenbeschuss gerechnet haben, um eventuelle Video-Aufnahmen für ihre Zwecke verwenden zu können. Sie wissen schon, übertriebene Gewaltanwendung, und so was."

Commander Kojima wechselte mit dem Skipper einen schnellen Blick. Zwar galten Crew und Offiziere der Pascal Magi als Helden, aber sie hatten genügend Feinde, die so eine Vorlage selbst dann auskosteten, wenn sie nur geringen Erfolg versprach. Und übermäßige Gewalt durch ein ziviles Eskortschiff konnte schnell zu einem schlechten Image für die Sicherheitsfirma werden.
"Ein auf der Lauer liegendes Unterseeboot schließen wir nahezu aus. Tsubasas Team hat mehrere mobile Sonarbojen abgeworfen, jedoch nichts entdeckt. Bleibt noch eine unliebsame Überraschung für uns an Bord der Schnellboote", sagte die Kapitänin nachdenklich.
"Oder wir gehen vollkommen falsch an die Sache heran", meldete sich Chief Aquanaut zu Wort, als sie eintrat, "und wir tun genau das, was unser Gegner von uns will. Nämlich das wir uns die Köpfe zerbrechen, während die eigentliche Aktion an ganz anderer Stelle erfolgt." Sie deutete auf die Tasche. "Das ist also das Blutgeld?"
"Und zwar eine ganze Menge davon", sagte Cartridge. Er machte eine fahrige Geste mit beiden Händen. "Aber wir sind uns einig, dass dieser dilettantische Piratenangriff auf unseren Frachter, fünfzig Seemeilen vom nächsten Festland entfernt, auf die eine oder andere Weise von einer anderen Aktion ablenken sollte? Ich meine, Hallo, selbst ein Dutzend Schnellboote hätte keine Chance gegen die Pascal Magi gehabt. So schlau müsste selbst der dümmste Pirat sein."
"Ja, ich denke, da sind wir uns einig", erwiderte der Skipper. "Cleo, konnte Tsubasa die drei fliehenden Schnellboote zu ihrem Heimathafen verfolgen?"
"Sie haben Kurs auf den Schiffsfriedhof genommen und sind dort im Gewühl verschwunden. Unser Kurs führt uns zum Glück im rechten Winkel an ihm vorbei. Ich kann ruhig den Rest meines Lebens verbringen, ohne ihn noch mal sehen zu müssen."
Die drei Frauen seufzten simultan. Cartridge beließ es bei einem entnervten Schnauben. Im Friedhof hatte die Bombe gelauert. Dort hatte er seine Leute verloren. Nein, da musste er nicht um jeden Preis noch einmal hin. Aber wenn er musste, würde es jemand büßen.
"Sie soll zurückkehren, aber auf dem Rückweg noch ein paar Sonarbojen verteilen. Ich will sehen, wenn etwas aus dieser Richtung auf uns zuschleicht", sagte Misaki ernst.
"Aye, Shorty." "Ach, und bringen Sie das Geld in den Schiffstresor, listen Sie es unter den Asservaten auf und sperren Sie es gut weg." "Aye, Fellow." Aquanaut griff nach der Tasche, hob sie hoch und wog sie nachdenklich in der Hand. "Haben wir das Baby auf kleine Schweinereien wie Peilsender, Gifte und Sprengstoff kontrolliert? Die Tasche selbst könnte aus Plastiksprengstoff sein."
Cartridge räusperte sich ärgerlich. "Lieutenant, wenn Sie meinen, dass ich meinen Job nicht beherrsche, ist jetzt vielleicht ein guter Zeitpunkt gekommen, um..."
"Schon gut, schon gut. Ich vertraue Ihnen, Cartridge. Aber es ist mein Job, diese Fragen zu stellen. Okay?"
"Aye, Fellow", erwiderte der First Lieutenant Cartridge, halb besänftigt. Er erhob sich von seinem Platz. "Wenn es das gewesen ist, Skipper, Eins O, dann würde ich gerne die Nachbesprechung meiner Leute leiten."
"Das war es in der Tat, Jim. Aber stellen Sie heute Nacht zusätzliche Wachen auf. Irgendjemand da draußen will etwas von uns. Und er hat mit einem wirklich großen Hammer angeklopft."
Cartridge grinste dünn. "Aye, Shorty."

Als Kojima und Misaki alleine waren, atmete der Skipper tief durch. "Also, was denkst du, Tanja?"
"Über Cartridge? Es ist lange her, das ich einem fähigen männlichen Offizier begegnet bin. Schätze, als er seine Sterne gekriegt hat, haben sie beim Gehirn absaugen gepfuscht."
"Ich meinte die Situation, Tanja", tadelte Misaki.
"Ich frage mich zwei Dinge, diesbezüglich. Erstens: Welchen Vorteil hätten die Schnellboote gehabt, wenn wir schnell auf sie zu gefahren wären, um die Gatling-Kanonen einzusetzen? Und zweitens: Als wir die Position überfahren haben, an der wir uns befunden hätten, wenn wir zur Rodriguez gerast wären, ist nichts passiert. Warum? Summa summarum bleibt die Frage, ob wir es nicht doch mit wagemutigen, aber sehr dummen Piraten zu tun hatten."
"Eher unwahrscheinlich", erwiderte Misaki.
"Dann verkleideten Soldaten? Die Schnellboote waren alte amerikanische Modelle aus dem letzten Jahrhundert. Die haben sie zu Schleuderpreisen in die Welt verkauft, bevor der Grand Roar entstand. Also kennen sich eine Menge Soldaten mit diesen Kisten aus. Und es ist ja nicht so, als hätten wir nicht genügend Feinde da draußen, Nanaha."
"Nicht so unwahrscheinlich, aber sehr, sehr dumm. Falls wir uns nicht zufällig gerade in den Fängen eines genialen Meisterplans befinden, der mit diesem vollkommen sinnlosen Opfer begann."
"Eines sehr undurchsichtigen Plans, der uns als Ziel hat. Ich kann mir ohnehin nicht vorstellen, wer die Rodriguez angreifen wollte. Der Frachter fährt mit Getreide und ein paar Dutzend Containern Elektro-Krimskrams für den asiatischen Großmarkt. Das ist kein besonders lohnendes Ziel. Außer für einen Versicherungsbetrug."
"Dann waren es vielleicht doch Dilettanten."
"Wollen wir es hoffen. Glauben kann ich es allerdings nicht. Du hast die Brücke, Tanja. Ich löse dich um drei Uhr morgens ab. Bleib wachsam."
"Aye, Shorty. Und, was machst du in der Zeit? Eine Mütze Schlaf nehmen, oder Lieutenant Cartridge beim Debriefing seiner Leute besuchen?"
"Erst nachdenken, dann schlafen gehen. Warum sollte mich die Nachbesprechung der Marines interessieren?"
"Nun, vielleicht nicht die Marines... Nur einer."
"So interessant ist Jim nun auch wieder nicht", tadelte Misaki.
"Oh, ich habe gar keinen Namen genannt, Nanaha."
"W-war das nicht ohnehin naheliegend? Und jetzt ab auf die Brücke mit dir, oder wir tauschen die Schichten. Dann kann ich mich um drei Uhr morgens ins warme Bett kuscheln."
"Ich gehe ja schon, ich gehe ja schon. Aber mach dir nicht so einen Kopf, ja? Du hast ein ganzes Schiff voller fähiger Leute, die dir dabei helfen, diesen Meisterplan zu durchschauen. Was du nicht siehst, werden wir sehen, versprochen."
Nanaha Misaki lächelte sanft. "Aye, Fellow."
***
"Kippe abdecken, Soldat!", blaffte Cartridge von hinten. Private First Class Charlene Obermeyer zuckte bei der Stimme direkt hinter ihr zusammen. Einerseits, weil sie ihren Vorgesetzten nicht hatte kommen hören - und dabei war sie gerade wegen ihres guten Gehörs und ihrer scharfen Augen am Bug als Wache eingesetzt worden - und zweitens hatte sie gar keine Zigarette angesteckt. Sie kannte die Regeln auf Wache. Das rote Glimmen einer brennenden Zigarette war auf achthundert Meter genau zu sehen, und wurde zu gerne von feindlichen Scharfschützen als Zielscheibe missbraucht. Auch Enterkommandos hatten Scharfschützen. Und wenn ein Wachtposten so dumm war, seine Position mit einer so lächerlichen Einfachheit preis zu geben, dann hatte er es auch nicht anders verdient. "I-ich habe nicht...", begann sie stammelnd, aber da war der Lieutenant schon neben sie getreten und hatte abgewunken.
"Schon gut. Ich wollte Ihnen nur ein wenig Adrenalin ins Blut schießen, damit Sie mir hier nicht einschlafen." Cartridge grinste dünn.
"Sir", mahnte Obermeyer tadelnd. Sie konnte in dem mit Tarnfarbe fast schwarzen Gesicht einen rötlichen Schimmer vom Zahnfleisch ausmachen. Die Zähne, sonst von einem alabasterfarbenen Weiß, hatte sich der LT ebenfalls eingefärbt. Und gegen das Weiß der Augen trug er eine gelbe Scharfschützenbrille. Am Kopf thronte ein Nachtsichtgerät, für den Moment deaktiviert. Seine restliche Kleidung, blauschwarzer Fleckentarn, verschwamm in der hellen Nacht mit dem Hintergrund des blaugrauen Schiffstahls. Der LT war ein harter, aber gerechter Hund, und deshalb noch beliebter als der Master Chief der Truppe. Als die Meisten von ihnen mehr oder weniger schwer verletzt gewesen waren, hatte Cartridge die Einheit noch vom Krankenbett aus rekonstruiert, Empfehlungen ausgestellt, Leute für Orden vorgeschlagen, und sich massiv dafür eingesetzt, dass der Rest der Einheit zusammen bleiben konnte. Er hatte jedem einzelnen freigestellt, trotzdem die Truppe zu verlassen. Sie waren geschlossen geblieben.
Er war für alle ein guter Vorgesetzter, für eine Handvoll ein guter Freund, aber für jeden ein verdammt guter Lehrer. Selbst jetzt sprach er nicht laut, und seine Stimme wurde schon nach wenigen Metern vom Wellenschlag, dem Wind und den Fahrtgeräuschen der Pascal Magi verschluckt. Normalerweise stellte man sich einen Lieutenant als einen Frischling vor, der seine Leute nur deshalb nicht in den Tod führte, weil er einen erfahrenen Chief oder Sergeant in der Truppe hatte. In ihrer Einheit bildeten der Master Chief und der LT ein Team aus zwei nahezu gleichwertig guten Kommandosoldaten, die ihre Erfahrungen aus über einhundert Einsätzen in vier gemeinsamen Jahren zusammen getragen hatten.
"CIC?", fragte Cartridge unvermittelt.
Obermeyer drückte gegen ihren linken Wangenknochen, wo das Bonefone auflag, ein spezieller Kopfhörer, der ihr Ohr für Umgebungsgeräusche freiließ. Die Schallwelleninformationen wurden direkt auf den Knochen übertragen, und von dort vom Mittelohr ebenso gut zu hören, wie von einem normalen Kopfhörer. Aber eben nicht überlagert, deshalb gehörte das Bonefone auch zu den bevorzugten Ausrüstungsgegenständen des LT. "CIC von Bugposten", raunte sie in ihr Bügelmikrophon.
"Hier CIC." "Erbitte Status von Sonar und Radar."
"Status von CIC Sonar: Keine Kontakte. Status von CIC Radar: Frachter zwei Seemeilen voraus. Identifiziert als Rodriguez. Kontakt mit Flugobjekt in siebenundzwanzig Seemeilen Entfernung auf Zweitausend Fuß Höhe, in Richtung Null Sechs Sieben, identifiziert als Passagierflug nach Beijing, angemeldet. Kurs führt Richtung Drei Vier Zwei, und passiert Pascal Magi in achtunddreißig Minuten in voraussichtlich siebzehn Seemeilen."
"CIC von Bugposten, habe verstanden. Danke und gute Schicht."
"Bugposten von CIC: Gute Arbeit da draußen."
Obermeyer deaktivierte die Verbindung und sah zu Cartridge. "Nur die Rodriguez, Sir. Und ein Passagierflugzeug mit Zielort Beijing wird uns auf Westkurs in nördlicher Richtung passieren. Keine weiteren Vorkommnisse."
"Bleiben Sie wachsam. Auch wenn die Attacke heute glimpflich abgelaufen ist, es gibt immer ein paar Mistkerle, die irgend eine verdammte Tarntechnologie entwickeln und nicht für die Pazifikflotte arbeiten. Oder die eine oberschlaue Idee haben, wie sie trotz aller Sicherheitsvorkehrungen an Bord kommen können. Ich will, dass Sie erst schießen und dann fragen, haben Sie verstanden, Obermeyer? Ich will nicht einen einzigen meiner Leute  verlieren."
"Jawohl, Sir. Ich gehe kein Risiko ein", erwiderte sie gleichermaßen bedrückt wie erleichtert. Die Sorge des LT machte ihr zu schaffen, war eine Belastung und zwang sie dazu, noch besser zu sein als sie ohnehin schon war. Verdammt. Andererseits fühlte sie sich leicht, frei und wie in Licht gebadet, weil die Sorge von Cartridge auch ihr galt. Sie fühlte sich ausgezeichnet, honoriert.
Cartridge lächelte noch einmal, klopfte ihr anerkennend auf die Schulter und ließ sie dann an ihrem Beobachtungsposten zurück. Ob der alte Fuchs wusste, dass sie nun ihr Bestes geben würde - wenn es sein musste, die ganze verdammte Nacht lang? Sicher wusste er das.
***
"Himmel, Jim, haben Sie mich erschreckt!"
Cartridge fuhr selbst ein klein wenig zusammen, als er beinahe den Skipper über den Haufen rannte. "Alles in Ordnung?"
Kapitän Mizuki hatte eine Hand auf ihre Brust gelegt, die andere nutzte sie, um sich an der Korridorwand abzustützen. Sie lächelte gezwungen. "Nur ein wenig Adrenalin. Sie geistern hier auch auch wie ein Gespenst durch mein Schiff. Nein, wie ein Oni trifft es eher."
Cartridge deutete auf das Nachtsichtgerät, das steil von seiner Stirn in die Höhe ragte. "Wegen dem hier?"
Mizuki lächelte ein wenig mehr. "Das kommt einem Oni schon sehr nahe, ja. Haben Sie sich die Zähne geschwärzt, Jim?" Interessiert trat sie einen Schritt näher heran und ergriff die Rechte Cartridges. Sie schob den Ärmel der Einsatzmontur ein wenig hoch. "Und die Arme auch da noch mit Tarnfarbe bemalt, wo eigentlich keine Haut blitzen kann?"
"Lebensmittelfarbe, Ma'am", erklärte Cartridge und deutete auf seine Zähne. "Und die Arme sind bis zu den Ellenbögen hoch getarnt. Ich gehe gerne auf Nummer sicher. Ich nehme lieber die Unannehmlichkeiten der Tarnfarbe in Kauf, als den Tod, weil ein wenig Haut von mir einem Scharfschützen als Zielscheibe gedient hat."
"Das ist es wohl, was man unter einem Profi versteht", erwiderte sie trocken, aber in ihren Augen blitzte es amüsiert. "Es freut mich, mit einem absoluten Profi zusammen arbeiten zu können. Aber ich denke, den heutigen Tag werden wir wohl eher als weitere Übung für Ihre Leute verbuchen können."
"Wollen wir es hoffen, Ma'am. Ein kluger Mann hat mal gesagt, dass der Soldat als Erster Krieg und Kampf fürchtet, weil er ihm als Erstem die Wunden und Narben schlägt. Muss ein Veteran gewesen sein."
"Eine interessante Sichtweise, wenn ich Ihren Beruf bedenke, Lieutenant", erwiderte Misaki lächelnd. "Sehen Sie zu, dass Sie an Ihren Master Chief delegieren und etwas Schlaf finden. Morgen früh möchte ich eine Abschlussbesprechung zu diesem hirnrissigen Angriff abhalten."
"Aye, Shorty", erwiderte Cartridge und salutierte ein wenig zu exakt, um die Geste zu ernst zu meinen, bevor er an ihr vorbei ging.
"Und verraten Sie mir bei Gelegenheit, was Sie gegessen haben, um so groß zu werden", rief sie ihm nach, als der Lieutenant schon halb im Gang verschwunden war.
Cartridge wandte sich noch einmal um und lächelte sie an. "Aye, Shorty."
***
Es gab viele Dinge, die im Leben eines Soldaten unpassend erschienen. Oder unwirklich. Manchmal beides. Die Soldaten an Bord der Pascal Magi, exakt gesagt die Marines, sahen sich selbst als elitäre Truppe an, als Beste der Besten. Wenngleich die Falle auf dem Frachter ein Manko in ihrer Bilanz war, das vielen Kameraden das Leben gekostet hatte. Dennoch, das Können war da, die Erfahrung, und die erfahrenen Vorgesetzten, die mit Umsicht und Gelassenheit ihre Teams dirigierten. Die Routine, entstanden aus Dutzenden Einsätzen und hunderten Übungen, hatte sie bestätigt. Wieder und wieder. Jeder einzelne von Cartridges Marines hatte seinen Anteil an Erfahrungen, und wenn man nach diesem Wissensschatz ging, dann war der Angriff auf die Rodriguez gegen dilettantische Möchtegern-Piraten äußerst erfolgreich abgeschlagen worden.
Soldaten mochten  noch so intelligent sein, ihre Modi waren es nicht. In diesem Fall lautete der Modus: Die Schlacht ist vorbei, ruhe und schlafe. Der Fehler in diesem Gedanken war das "Die Schlacht ist vorbei".

Als die Marines vom unhörbaren Vibrationsalarm der Wachtposten geweckt wurden, waren sie für ein paar Sekunden irritiert. Aber dann griffen ihre Erfahrungen, ihr Wissen und ihr Können. Binnen weniger Sekunden trug jeder Marine mindestens eine scharfe Waffe.  
Das war noch kein vollständiger Einsatzplan, aber jeder einzelne Soldat kannte nun seinen Platz an Bord der Pascal Magi. Das Kommando hieß: Enterabwehr. Aber wer sollte dazu in der Lage sein, das Schiff zu bedrohen? Es gab niemanden in Reichweite, nur die Rodriguez.
Das hieß nicht, dass die Marines nachlässig waren. Es hieß nur, dass sie an eine Übung dachten, nicht aber an einen echten, wirklichen Einsatz. Zumindest, bis der durch die dicken Wände gedämpfte Knall eines Scharfschützengewehrs an ihre Ohren dran. Spätestens jetzt wurde den Infanteristen klar, dass eins und eins zwei war... Und sie Plus mit Minus verwechselt hatten. Das Schiff war in Gefahr.
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