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von Elerina Niniel    erstellt: 01.03.2010    letztes Update: 06.04.2010    Geschichte, Mystery / P16    (abgebrochen)
Alles kursiv Geschriebene sind Visionen...

^^^^^^^^

Mir wurde schlecht.
Nicht schlecht in dem Sinne, dass es mir die Kehle zu schnürte und mein unverdautes Mittagessen krampfhaft einen Weg durch meinen Rachen brannte. Auch nicht in dem Sinne, dass sich mein Magen verkrampfte, weil er vergeblich nach Essen suchte.
Es war nichts von alledem.
Die Übelkeit, die mich fest im Griff hatte, war schlimmer. Schlimmer, weil ich drohte zu ersticken und schlimmer, weil sie hervorsagte, dass ich gleich etwas sehen würde. Nein, nicht etwas. Sondern die Zukunft. Es war wie in Final Destination.
Ich japste leise nach Luft, versuchte mir aber nichts anmerken zulassen. Auf Nervosität reagierte ich in solchen Momenten immer aggressiv.
Der Sitz vor meinen Augen begann zu verblassen, alles wurde grau. Ich schloss meine Augen; nun, es fühlte sich so an, doch ob ich es wirklich tat, wusste ich nicht. Meine Gedanken, meine Gefühle, befanden sich immer außerhalb meines Körpers, wenn mein Blick in die Zukunft entschwand.
Es traf mich mit voller Wucht.

Das Flugzeug bebt, Atemmasken klappen hervor. Plötzlich fehlt der Rumpf. Er ist weg. Ein Mann fliegt an mir vorbei und wird in die Luft gesogen. Koffer kommen mir entgegen, verfehlen mich aber knapp. Mit einen Mal wird mir kalt. Wind umfängt mich vollkommen. Ich drehe mich nach rechts – und blicke direkt ins Freie. Meine Sitznachbarin ist weg.

Langsam verstummten die Schreie; ich kehrte in die Wirklichkeit zurück. Mit klammen Fingern wischte ich mir die Schweißperlen von der Stirn und schluckte ein paar Mal. In meinem Kopf zählte ich die Sekunden. Es würde ca. fünf Minuten dauern, dann würden mir die Koffer entgegen kommen. Ein paar Sekunden später würde meine Sitznachbarin, eine junge Australierin, tot sein. Mechanisch drehte ich mich zu ihr um und prägte mir ihr Gesicht ein. Blonde, schulterlange Haare, grüne Augen, eine etwas zu große Nase und dünne Lippen. Sie war hübsch. Ich wusste, dass ich sie retten konnte. Ich wusste, wer aller überleben würde und wer nicht. Ich wusste alles über den Absturz, obwohl ich nicht alles gesehen hatte. Ich wusste, an welchen Orten die Australierin sicher sein würde, doch sagte ich es ihr nicht. Ich habe gelernt, dass man in das Schicksal nicht eingreifen durfte. Unter keinen Umständen.
Drei Minuten.
Das Flugzeug wurde geschüttelt. Die ersten Turbulenzen traten auf. Ich krallte mich an den Armlehnen fest und versuchte ruhig zu bleiben. Diesmal wusste ich, dass ich meine Augen geschlossen hatte.
Mit drei Jahren wusste ich bereits, dass ich anders war als die anderen. Damals hatte ich meine erste Vision. Ich sah meine Katze sterben. Weitere Visionen folgten. Mit fünf sah ich einen Horrorunfall, bei dem drei Menschen ihr Leben ließen, voraus. Mit sieben Jahren wusste ich bereits Monate vorher, dass mein kleiner Bruder sterben würde. Mit 13 wusste ich bereits im März von dem im September stattfindenden Terroranschlag auf das World Trade Center. Jetzt war ich 16 Jahre alt und wusste bereits von dem Tsunami, der Ende dieses Jahres Indonesien in ein Katastrophengebiet verwandeln würde.
Dagegen war der Flugzeugabsturz ein Klacks. Aber warum sah ich ihn erst jetzt?
Zwei Minuten.
Die Lage hatte sich wieder beruhigt. Viele Passagiere atmeten hörbar aus und entspannten sich wieder in ihren Sesseln. Weiter hinten hörte ich ein Kinderlachen. Ich wagte nicht mich danach um zu drehen; das Kind würde nicht überleben. Es würde mit seiner Mutter aus den Sitzen gerissen werden und irgendwann im Ozean landen. Da würde es bereits tot sein.
Plötzlich musste ich an eine Geschichte denken. Meine Mutter hatte sie mir früher, als ich noch klein war, immer erzählt. Es ging um eine Hexe, die, so wie ich, in die Zukunft sehen konnte. Aber etwas entscheidendes unterschied uns. Sie sah in die Zukunft, wann immer sie wollte. Ich hingegen sah nur das, was ich sehen sollte. Und immer sah ich die Gesichter vor mir. Ich sah fremde Gesichter, Gesichter von Menschen, die bald sterben würden.
Eine Minute.
Erneute Turbulenzen traten auf. Das Flugzeug schüttelte mich in meinem Sitz hin und her. Der Sicherheitsgurt schnitt unangenehm in meine Oberschenkel. Ich hätte meine Augen schließen können, aber ich tat es nicht. Stattdessen griff ich nach der verschwitzten Hand, die sich neben mir in die Armlehne krallte. Sanft massierte ich sie; sie entspannte sich langsam und ich konnte sie in meine Hand legen. Dann blickte ich auf und sah in die weit aufgerissenen grünen Augen der Australierin. Ich konnte ihre Todesangst darin ablesen. Dann lenkte mich eine Bewegung in meinen Augenwinkeln ab.
Die Minute war um.
Die Koffer kamen geflogen, schlugen einige Menschen bewusstlos. Oder nahmen ihnen das Leben. Zögernd zog ich meine Hand von meiner Sitznachbarin zurück und blickte starr zu Boden. Dann war da Luft. Die eisige Luft, die mir ihren Tod bestätigte. Ich blickte weiter zu Boden.
Das Kind von weiter hinten war bereits tot. Die Mutter auch. Ein paar Reihen vor mir saß eine Schwangere. Sie würde überleben.
Erst jetzt bemerkte ich die salzigen Tränen, die mein Gesicht brennen ließen. Ich wagte nicht, sie mir weg zu wischen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich wollte nicht. Stur blickte ich zu Boden. Und dann machte ich etwas, was ich in solch einer Situation noch nie gemacht hatte.
Ich begann zu singen. Um mich zu beruhigen.
„You can rescue us all...“, sang ich und rief mir die Melodie zu dem Lied in Gedanken, „Spread our codes to the stars. You must rescue us all...“
Ich wiederholte die paar Zeilen immer wieder. Ich wiederholte und wiederholte und wiederholte.
Irgendwann wurde ich durchgeschüttelt. Der Gurt gab nach und ich wurde aus meinem Sitz katapultiert. Ich landete sanft in Sand. Wie im Trance vergrub ich meine Hände unter den kleinen Körnern und blinzelte der Sonne entgegen.
Ich lebte.
Die Realität umfasste mich langsam. Schreie drangen an mein Ohr und schließlich machte sich auch die Hitze bemerkbar. Irgendwo, ganz weit hinten, sehr weit entfernt und fast untergehend unter der Panik, hörte ich das leise Rauschen des Meeres.
Ich setzte mich auf. Mir war schwindelig, aber das machte nichts. Ich wollte einfach nur weg. Stockend kroch ich durch den Sand. Die aufkommende Übelkeit unterdrückte ich so gut es ging. Das letzte, das ich jetzt gebrauchen konnte, war eine Vision. Weinend kämpfte ich gegen den Schmerz an. Und dann passierte etwas, dass absolut nicht normal war. Mein Magen entspannte sich, meine Lunge dehnte sich aus, als ich Luft holte und mein Kopf wurde klar.
Keine Vision.
Ich kroch noch ein bisschen weiter, immer weg vom Lärm. Hauptsache, ich musste keine Toten mehr sehen. Dann sackte ich zusammen und blieb regungslos liegen. Ich atmete durch den Mund; mein Verhängnis. Ich sog ein paar Sandkörner ein und verschluckte mich an ihnen. Der Husten, der darauf folgte, verursachte ein Schwindelgefühl. Schwarze Punkte bildeten sich vor meinen Augen. Was waren diese Punkte? Was bedeuteten sie? Hatte ich eine Vision?
Nein, es war keine Vision.
Es war alles schwarz...

^^^^^^

So, das war mal der Prolog...
Ich würde mich sehr über Rückmeldungen freuen, damit ich weiß, ob ich die nächsten paar Kapitel auch hochladen soll. =)

Elerina Niniel
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