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von DemonLover    erstellt: 27.02.2010    letztes Update: 27.02.2010    Geschichte, Drama / P12    (abgebrochen)
Eigentlich hatte ich das erst als zweites Kapitel eingeplant, aber irgendwie war es dann früher fertig und ich habe es vorgezogen. Falls das dann chronologisch nicht ganz hinhaut, ernenne ich es vielleicht nachträglich noch zum zweiten Kapitel. Aber ich habe es dazwischengeschoben, um nach dem Prolog nicht nathlos mit Glinda weiterzumachen.



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Kapitel 1: das Verlies der Verdammnis

Viele hundert Meilen von der Smaragdstadt entfernt, am Rande der Wüste ohne Wiederkehr, stand das Verlies der Verdammnis. Inmitten des kargen, menschenleeren Ödlandes ragte es als riesiger Koloss aus dem dichten Nebel empor. Einst von den größten Magiern des Landes, einem Winkie, einem Munchkin, einem Quadling und einem Gillikin, errichtet und mit einem magischen Bannkreis umzogen, garantierte es für absolute Sicherheit. Noch nie war es einem der Gefangenen gelungen, aus dem Verlies zu fliehen, was nicht zuletzt an dem bedrohlichen, feuerspeienden Zeitdrachen lag, der über dem Eingangstor festgekettet war. Doch auch sonst hatte man alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen, um die Ozianer vor der Bösigkeit der Sträflinge zu bewahren.

Seit wenigen Tagen war das Verlies um eine Gefangene reicher. Vollkommen zu Unrecht, wie sie den Wachposten immer wieder beteuert hatte. Doch mittlerweile hatte sie es aufgegeben, sich zu rechtfertigen.
Ganz oben, in einem der unzähligen Türme, lag ihre Zelle. Fluchend schlurfte die Gefangene zu dem kleinen Gitter, doch der Nebel machte es ihr unmöglich, irgendetwas erkennen zu können. Selbst ein Fenster zur Außenwelt blieb ihr verwehrt. Bald würde sie, wie all ihre Genossen, dem Wahnsinn verfallen, das wusste sie.
Ihre Zelle war kaum größer als eine Abstellkammer, und entbehrte jegliches Mobiliar. Einzig eine harte, durchgelegene Pritsche stand in der Ecke. Nicht mal ein schwacher Trost – das war eindeutig unter ihrem Stand!
Aber wenn sie so recht darüber nachdachte, war sie eigentlich froh, dass ihre Zelle nicht mit einem Spiegel ausgestattet war – den Anblick wollte sie sich ersparen. Sie hatte sich ihrer prunkvollen Kleider entledigen müssen und trug einen schäbigen, grauen Kittel. So und ohne Perücke, unter der ihr kurzes, graues Haar in fettigen Strähnen zum Vorschein kam, sah sie gut zwanzig Jahre älter aus.
Doch als wäre das nicht genug, hatte man ihr auch noch ihr Wetterhexen-Diplom aberkannt und sie zauberunfähig gemacht. Eine größere Demütigung könnte sich eine Hexe nicht vorstellen.
Jahrelang hatte es gedauert, bis sie sich alles, auf was sie zurückblickte, erarbeitet hatte (wenn auch nicht immer auf rechtem Wege). So lang und hart war ihr Aufstieg – zur Direkteuse des G.L.I.Z.Z. und zuletzt zur Pressereferentin im Dienste seiner Ozzellenz – und so schnell war alles vorbei.
Ständig hörte sie die schneidenden Worte der Hexe, der sie ihre Gefangenschaft verdankte: „Madame, haben Sie sich schon einmal überlegt, wie Sie sich behaupten werden im Gefängnis? Sonderlich souverän wohl kaum. In meinen Augen haben Sie nämlich nicht das Zeug dazu. Ich würde mir wünschen, dass Sie mich Lügen strafen – aber ich bezweifle es!“ Doch die Schlagfertigkeit der Hexe kam nicht von ungefähr, einst wurde sie selbst mit dieser Aussage konfrontiert. Die Gefangene hasste es, mit ihren eigenen Waffen geschlagen zu werden. „Kleine Mistgöre!“, knurrte sie.
Irgendwann – da sie bei einem Blick durch die Gitterstäbe immer nur das triste Grau sah, hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren – spürte sie, wie ein Schatten sie streifte. Im ersten Moment glaubte sie, es sei der Zeitdrache, der seine Runde kreiste, um zu sehen, ob alles beim Rechten ist. Doch da sie weder da Rasseln der Ketten noch das Schnauben seiner Nüstern hörte, erhob sie sich von ihrer Pritsche und schaute durch die Gitterstäbe.
Plötzlich nahm sie ein Gesicht wahr – zuerst sehr verschwommen und schemenhaft, doch je näher es dem Gitter kam, desto deutlicher wurde es. Erschrocken fuhr sie zusammen, als sie die Gestalt erkannte. Es war ein etwas älterer, rundlicher Mann mit gutmütigen Gesichtszügen, der sie zufrieden musterte. Der Gefangenen entfuhr ein: „Allmächtiger Oz!“ Während der Mann eine Zange aus seiner Tasche auspackte und die massiven Gitterstäbe auseinanderbog, so dass ein Loch entstand, gerade groß genug, um hindurch zu klettern, brachte die Gefangene kein Wort heraus. „Kommen Sie schon, steigen Sie auf!“, sagte der Mann lächelnd. „Stellen Sie sich vor, was wir alles bewirken könnten – zusammen!“ Die Gefangene zog zweifelnd die Augenbrauen hoch. „Was haben Sie vor?“, fragte sie mürrisch. „So schwer es mir auch fällt, loszulassen – wir werden Oz verlassen müssen“, entgegnete er. „Vermutlich fliege ich dorthin zurück, wo ich hergekommen bin.“ – „Nun gut – überall ist es besser als hier!“
Etwas unbeholfen zwängte sich die Gefangene durch die schmale Lücke. „Ich stecke fest!“, rief sie. „Schhhhh!“, machte der Mann, „man hört uns noch!“ Er nahm ihre Hände und versuchte, sie in seinen Heißluftballon zu ziehen. Sie drückte sich ab und schaffte es schließlich. Als sie etwas unsanft im Korb des Ballons landete, stieß sie mit ihrem Fuß gegen die Dachfassade. Einer der dunklen Ziegel löste sich und fiel hinunter, wo der Nebel ihn verschluckte. Es dauerte fast eine halbe Minute, bis sie den Aufprall hörten. „Schnell, fliegen Sie los!“, rief die Gefangene. Von unten hörten sie die Stimmen der Wachen: „Dort, sie darf uns nicht entkommen!“ Der Heißluftballon setzte sich langsam in Bewegung und eine Harpune schoss haarscharf an dem Ballon vorbei.
Auf einmal sahen sie genau vor sich zwei riesige, leuchtend rote Augen – es war der Zeitdrache. Schnell versuchte der Mann, den Ballon in die entgegengesetzte Richtung zu steuern, doch der Drache folgte ihnen. Er schnaubte und spie Unmengen von Feuer, die den Nebel ein wenig lichteten. Bald würde er sie haben und dann wäre es aus mit ihnen. „Tun sie etwas!“, rief der Mann. „Wie denn?“, fragte die Gefangene, „so ganz ohne Zauberei kann ich da gar nichts machen!“
Der Drache kam immer näher und fast berührten seine Flammen den hölzernen Korb, bevor er plötzlich schlagartig stoppte. Er verzog das Gesicht und brüllte so laut, dass es den Ballon erschütterte. Die Kette, die den Drachen mit einer Halsfessel an der Mauer des Gefängnisses festhielt, war stramm gezogen und das Monstrum unterlag der Stabilität. Er machte Anstalten, seine Fesseln zu brechen und den Flüchtigen hinterherzujagen, doch schon bald musste er erkennen, dass es zwecklos war.
Der Heißluftballon wurde immer schneller und schon bald hatte er das Verlies der Verdammnis hinter sich gelassen. Erleichtert atmete der Mann auf. Doch der Gefangenen stand immer noch die Wut ins Gesicht geschrieben. „Ich weiß gar nicht, warum sie so muffelmotzig sind“, sagte der Mann, „ist doch alles bestens gelaufen!“ – „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“, grummelte die Gefangene.

Nach und nach löste sich der Nebel auf und als sie über das Ödland hinweg waren, hatten sie nahezu freie Sicht. Ein letztes Mal schauten die beiden auf das Land Oz. Der Mann seufzte. Er warf noch einen letzten Blick auf das gute, alte G.L.I.Z.Z., auf das Grab des unbesungenen Munchkins, auf die Kornkammer, auf den Wald der wehrhaften Bäume, auf den Gouverneurssitz und auf die Smaragdstadt.
Wehmut erfüllte ihn, als der Heißluftballon verschwand – irgendwo hinter dem Regenbogen.
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