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von StormXPadme
erstellt: 12.02.2010
letztes Update: 25.06.2010
Geschichte, Drama / P18
(fertiggestellt)
2
Es war nicht, was sie erwartet hatte, nicht annähernd.
Was hatte sie denn erwartet? Nicht viel. Gar nichts eigentlich. Diese andere Person, die sie irgendwann einmal gewesen war… Diese Jean Grey… Die hatte nie viel über solche Dinge nachgedacht. Die Lehre der Wissenschaft, vor allem einer Wissenschaft wie der Heilung, ließ einen irgendwann die Frage nach einem Leben nach dem Tod rationalisieren. Während ihrer Gefangenschaft war dieser nüchterne Glaube irgendwann zur Hoffnung geworden, zum letzten Ziel. Die Aussicht, nie wieder irgendetwas fühlen zu müssen, wenn sie einen Weg finden würde, das alles zu beenden, war an manchen Tagen alles gewesen, das ihren Geist vor dem verführerischen Abgrund des völligen Wahnsinns bewahrt hatte. Doch wer immer auch ihr Schicksal in seinen sadistischen Händen halten mochte, offensichtlich wollte man ihr die Gnade eines endgültigen Endes nicht gewähren. Da war dieser letzte, alles beherrschende Schmerz gewesen … Und anstatt jetzt endlich die Bürde ihres Lebens hinter sich lassen zu dürfen, war ihr Geist an diesem Ort aufgewacht, hin transportiert worden, was auch immer diese so genannten höheren Mächte eben damit anstellten. Sie wusste nicht, wo sie war oder wann, was mit ihr passieren würde… Sie fragte sich bitter, ob das ihre Art von Strafe für ihre Taten sein sollte, mental in völliger Schwärze eingeschlossen zu werden, beraubt jeglicher Sinne, verloren in den eigenen Gedanken. Oder ob sie wiedergeboren werden würde, wie es diese andere, ebenso abstrakte Vorstellung vorsah, um zu büßen, sich dadurch zu verbessern… Als was sollte das dann sein? Als Schmeißfliege in der Antarktis? Götter hatten einen seltsamen Humor.
Irgendetwas stimmte nicht, das hatte ihr verlorener Geist bereits begriffen, aber noch weigerte sie sich, es anzunehmen, auch nur in Erwägung zu ziehen, dass sie vielleicht gar nicht da war, wo sie dachte zu sein. Es war vorbei, sie hatte dafür gesorgt. Und wenn man sie bis an das Ende aller Dinge in diesem Zustand der Leere lassen wollte, bis irgendwann selbst ihre eigenen Gedanken von Hass, Angst, Trauer verschwinden würden, würde sie es mit offenen Armen begrüßen, wenn das nur hieß, dass mit ihr auch die Bedrohung für das Universum gestorben war.
‚Du bist nicht tot.‘
Nichts… Nur ihre eigene Stimme, ihre eigenen wirren Gedanken in ihrem Kopf, sie war ganz sicher…
Waren sie das? Hatte nicht Phoenix vor ihrem ersten Tod auch immer mit ihrer eigenen Stimme mit ihr gesprochen, bis sie sich irgendwann selbst nicht mehr gekannt hatte? Bis sie geleitet von dieser hervorragenden Kopie nicht mehr in der Lage gewesen war, klar zu denken, zu fühlen, zu entscheiden?
Nichts. Vorbei. Nur der letzte dumme, sehnsüchtige Teil ihres Geistes, der in ganz seltenen, sorgsam versteckten Momenten noch gehofft hatte, es würde einen Ausweg aus ihrer grauenhaften Lage geben- dass sie zurückkehren konnte… Irgendwann würde auch diese naive Stimme aus ihren Gedanken verschwinden…
Etwas war anders. Sie hatte keinen Körper, keine Augen, aber sie konnte sehen, Bilder in ihrem Geist, die man ihr zeigte, um zu verstehen, aus ihrer Lethargie zu finden, so musste es sein… So wie Charles vor ein paar Jahren einem telepathischen blinden Jungen geholfen hatte, seinen Weg durch die Kraft seiner Gedanken zu gehen wie jeder andere. Es war nicht die Welt der Menschen, die sie sah, aber die Erleichterung, sich nicht mehr so völlig verlassen und hilflos zu fühlen, überschattete diese kleine Enttäuschung. Vielleicht konnte sie dorthin gehen, irgendwann, wenn sie sich erst dort zurechtgefunden hatte, wo immer sie jetzt war. Und dann würde sie es tun können, ohne fürchten zu müssen, dass irgendjemand aus ihrer Familie wieder Opfer einer Verrückten sein würde, die dabei auf ihrer Schulter saß. Da war keine Trauer mehr in ihr. Sie hatte genug Zeit gehabt, zu trauern. Die anderen würden es verstehen, irgendwann, das finden, was sie selbst nicht mehr haben konnte. Das einzige Gefühl, das sie sich gewünscht hatte, noch einmal zu erleben
ich liebe dich
war ihr ein letztes Mal geschenkt worden. Auch er würde wieder glücklich werden, irgendwann, das hoffte sie zumindest. Vielleicht würde es ihr vergönnt sein, es nachzuprüfen. Vorerst löste der Anblick der Unendlichkeit des Alls mit seiner atemberaubenden, glitzernden Schönheit wenigstens die Ketten von Furcht um ihre Seele, und sie konnte zur Ruhe kommen. Keine Planeten, keine Monde. Keine Sonne. Nur Kälte, die ihren Körper nicht mehr berühren konnte, und das Nichts, das ihre aufgewühlte Seele wie das Streicheln einer etwas rauen, starken Hand berührte.
Freiheit.
Eine Erinnerung streifte sie… Vor vielen Jahren, sehr vielen, Scott hatte noch Rosen von Ororos Sträuchern stibitzt, um sie ihr zu schenken… Sie waren bei Emma gewesen. Nicht oft, Charles war noch sehr unsicher gewesen, was die Motive der White Queen angingen. Für Scott war das Training ziemlich schnell erledigt gewesen, Emma hatte ihm genauso wenig wie Charles helfen können. Aber Jean hatte sie öfter und länger zu sich geholt. Hatte sie erforscht, ihren Kopf durchsucht wie ein Kind eine Spielzeugkiste, mit einem faszinierten Lächeln. Hatte ihre Kräfte gefördert, wie Charles es sich nie getraut hatte, bis er diese Besuche in seiner Angst vor Jeans Fähigkeiten irgendwann unterbunden hatte. Damals hatte sie ihm noch geglaubt, wenn er gesagt hatte, dass etwas besser für sie war.
Aber sie war enttäuscht gewesen, das schon. Bei der letzten dieser mentalen Sitzungen… Da hatte Emma ihr etwas gezeigt, das irgendwann in Vergessenheit geraten war. Wovor sogar sie selbst Angst gehabt hatte, so unerwartet, so überwältigend war dieses Gefühl gekommen, plötzlich von seinem Körper losgelöst zu werden, über den Dingen zu fliegen, wie sie es immer so geliebt hatte, ungesehen, außerhalb von Raum und Zeit… Sie hatte geschrien vor Panik, bis Emmas Geist sie an einen Ort ganz ähnlich wie diesen hier entführt hatte, um sie zur Ruhe zu bringen und zurück zu schicken. Es war schrecklich gewesen. Sie hatte jede einzelne Sekunde davon geliebt.
‚Sie nennen es ein Limbo.‘
Ihre Gedanken erstarrten, ihr Geist gefror.
Es war nicht ihre eigene Stimme gewesen.
Als es doch passierte, was sie nicht hatte akzeptieren wollen, als sie ein inzwischen mehr als bekanntes orangefarbenes Licht in ihrem Rücken spürte… Da war es nach dem ersten Moment des Schocks am Ende doch nur wieder eine weitere Enttäuschung auf ihrer ellenlangen Liste fehlgeschlagener Versuche. Hatte sie wirklich gedacht, es hätte diesmal geklappt? Dass sie tatsächlich die Kontrolle zurückbekommen würde? Sie hatte einmal mehr versagt, es war umsonst gewesen. Phoenix würde weitermachen, immer weiter…
Jean zwang sich, das monotone Karussell ihrer Resignation gewaltsam anzuhalten, müde und angewidert von ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit. Vielleicht war es nur Einbildung… Sie war immer noch frei, nichts war in ihrem Geist, kein Zwang, keine fremden Stimmen in ihrem Kopf… Etwas hatte sich verändert. Sie würde nicht herausfinden, was, wenn sie sich einmal mehr in die Regungslosigkeit ihrer Trauer fallen ließ. Sie drehte sich abrupt um, bevor sie noch begriffen hatte, dass sie sehr wohl einen Körper hatte, nur ein Schatten einer Silhouette, den ihre eigenen Gedanken geschaffen hatten, um sich zu fokussieren, auf diese schwierige Form der mentalen Verständigung zu konzentrieren.
‚Ein Limbo. Die höchste Form der Telepathie, zu welcher eure beschränkte Spezies fähig ist.‘ Hören konnte Phoenix sie allerdings sehr wohl noch in ihrem Kopf, und umgekehrt, ohne dass einer von ihnen laut sprechen musste. ‚Wesen mit deinen Fähigkeiten kommen hierher, um zu ruhen, zu sprechen und Kraft zu sammeln. Euer primitives dreidimensionales Kontinuum ist hier oben bedeutungslos.‘
Jean ertappte sich dabei, dass sie kaum zuhörte. Ihre Wahrnehmung war gefesselt von der Erscheinung ihrer Gegnerin, so völlig anders, als sie sich daran erinnern konnte.
Die Form ihrer Vogelgestalt war immer noch zu erkennen, aber es war ein wärmendes, fließendes Feuer, das sie umgab, kein aggressives. Ihre Augen strahlten im Licht der Sonne, ihre Flügel schlugen in einem sanften, langsamen Rhythmus. Ihr Schnabel war rund nach unten gebogen, blieb fest verschlossen, eine leichte Welle umgab ihr Antlitz, wie die Andeutung eines Lächelns. Es war nicht Dark Phoenix, der Jean in diesem Augenblick gegenüberstand. Es war dieses Wesen, das die Shi’ar so lange überwacht hatten, das selbst über Leben und Sterben gewacht, Galaxien begleitet und geformt hatte, mit der Weisheit der Anbeginn aller Zeiten das Universum beschützt hatte, bevor sie gefallen war. Diese andere wahnsinnige, unkontrollierte Phoenix… Sie war verschwunden, definitiv.
Das hieß… Vielleicht hatte Jean ja gar nicht versagt. Vielleicht hatte sie nur etwas noch nicht erkannt, das vermutlich nur sehr wenigen Lebewesen in diesem Universum je erlaubt war zu erfahren. ‚Bist du Gott?‘
Kein Zweifel mehr, Phonix lachte. Es war das hellste, leichteste Lachen, das Jean je vernommen hatte, wie ein melodisch abgestimmtes Glockenspiel einer Weihnachtskapelle. Und trotzdem trug es eine unverkennbare Note von tiefster Traurigkeit. ‚Der Vergleich mag mir schmeicheln, Kind des Lichts, aber er schränkt meine Bedeutung im Rad des Seins erheblich ein. Ich bin nicht dein Schöpfer und nicht dein Richter, und du bist noch lange nicht am Ende deines Wegs angekommen. Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden. Wenn sie erst zurückkommt, wird es mich nicht mehr geben.‘
Wenn sie erst…
Jemand schrie, und diesmal war es ihre eigene, hasserfüllte Stimme. Die verklärte Hoffnung eines unerwarteten aber durch und durch positiven Endes zerplatzte durch den Stich eines Skalpell aus purer Panik. ‚Sie wird nicht zurückkommen! Ich habe sie verbannt!‘
‚Ach, Kind des Lichts…‘ Phoenix‘ Astralform deutete etwas wie ein langsames Kopfschütteln an, eine Geste, die sie von ihrem menschlichen Wirt übernommen hatte. ‚Deine Fähigkeiten sind eine Zierde eurer Rasse, ohne Zweifel, aber mach nicht den Fehler, deine Stellung zu überschätzen. Du besitzt gar nicht die Macht, sie zu vernichten. Niemand kann das. Sie wird tun, wozu sie erschaffen wurde, und mein Leben wird in ihrer Übermacht untergehen.‘
Es wurde immer heller um Jean herum, die Sterne blendeten sie. Sie konnte Nebel sehen, einen kargen Planeten in der Ferne, aus dem ganze Stücke herausgerissen worden waren. Als hätten Phoenix‘ ernste, klare Worte die letzte Verdrängung über ihrem Geist gelöst, begann sie endlich wieder richtig wahrzunehmen, konnte sich umsehen, weiter als jeder Mensch es vermocht hätte… Weiter als sie es je gewollt hätte. Bis hin zu diesem einen, von tiefem Blau beherrschten Planeten, den sie so sehr hatte beschützen wollen und von dem ihre Feindin nur noch wenige Minuten Flugzeit trennten.
Dark Phoenix war in der Tat verschwunden, weg von diesem Ort ihrer Niederlage, aber sie war nicht vernichtet, in keinster Weise. Sie hatte sich ihrer ursprünglichen Form ebenso wie des lästigen Geistes ihres Wirths für den Augenblick entledigt, beide in diesem Zustand der Tatenlosigkeit zurückgelassen, um ungestört handeln zu können.
‚Halt sie auf!‘ Ihre Stimme überschlug sich, ging in einem Aufschluchzen unter. Dark Phoenix hatte offensichtlich beschlossen, diesmal kein Risiko mehr einzugehen… Und das Wesen, das sie erst geschaffen hatte, das bis vor wenigen Augenblicken noch eins mit ihr gewesen war, hatte sich entschlossen, einfach zuzusehen?
‚Ich kann nicht, Kind des Lichts. Du hast sie zu wütend gemacht. Ihr Zorn gibt ihr Kraft. Ich kann sie nicht mehr stoppen.‘ Phoenix bemühte sich immer noch, betont gelassen und mitfühlend zu klingen, aber ein anhaltendes leichtes Flackern in der Korona ihrer Flammen ließ darauf schließen, dass sie der baldigen Vernichtung ihres eigenen Geistes, ihrer ganzen Identität, nicht halb so gleichgültig gegenüberstand, wie sie glauben machen wollte.
‚Du bist sie! Natürlich kannst du das!’ Ihr Zorn war eine heiß glühende Lanze in ihrem erstarrten Herzen, ein Funkenmeer in der eisigen Kälte ihrer Seele. Er wurde umso intensiver, je länger sie diese selbstherrliche Schlampe betrachtete, die sich einfach ihres Lebens, ihres Geistes bemächtigt hatte, als wäre sie ihr gottverdammtes Spielzeug.
Sekundenlang verblasste Phoenix‘ Gestalt, bis fast nichts mehr von ihr zu sehen war und Jean schon dachte, das Gespräch war vorbei, dass Dark Phoenix gemerkt hatte, was hier vorging und es aufhalten wollte… Aber schnell begriff sie, dass es gar nicht Dark Phoenix war, die Angst vor einem vorzeitigen Ende ihrer Existenz hatte. Es war ihre Schöpferin, ihr zweites Ich. Sie versuchte zu fliehen und konnte dem Limbo ihrer eigenen Fähigkeiten doch nicht entkommen, dem Kreis ihres mit ihrem Wirth verbundenem Seins, den sie selbst geschaffen hatte. Sie musste zuhören, ob sie wollte oder nicht. ‚Sie ist zu menschlich geworden. Ich kann sie nicht mehr in meine Gewalt bringen.‘
Jean begriff, von einer Sekunde auf die andere, und fast wäre ihr ein hysterisches Lachen entwichen. Mochte Dark Phoenix jegliche negative menschliche Emotionen verkörpern, die es gab, ihr wahres Ich besaß nun mal keine einzige davon. Ihr Geist war rein und klar, selbst in diesem Zustand der Labilität noch. Phoenix konnte nicht lügen. Jede einzelne ihrer Gesten, ihrer Worte sprach von Verunsicherung, sogar von Sorge.
Aber was sollte einem Wesen, das über so unendlich viel Macht verfügte, das Jeans Körper, ihren Geist monatelang mit kaum mehr als einem einzigen Gedanken unter Kontrolle gehabt hatte, Sorgen bereiten?
Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen- ihr Körper. Nein, sie war nicht tot, aber das konnte sich nur noch um eine Frage von Minuten handeln. Genau wie bei Alkali Lake. Und Phoenix hätte sie vermutlich auch diesmal wieder unter Aufwand all ihrer Kräfte heilen können.
Hätte. Wenn es in Jeans Körper noch einen Geist gegeben hätte, der für sein Leben gekämpft hätte.
Diesmal war es anders. Diesmal war da keine mentale Energie mehr, der sich Phoenix bedienen konnte. Diese ganze Show hier war nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver, um ihre Seele beschäftigt, am Leben zu erhalten. Um die Zeit zu gewinnen, ihren unfreiwilligen Wirth ein weiteres Mal vor dem Tode zu bewahren. Wenn sie es irgendwie schaffen konnte, diesem Zustand zu entfliehen, sich ein zweites Mal vom Leben abzuwenden, wie sie es vorhin getan hatte…
‚Ich kann es nicht bekämpfen!‘ Phoenix musste ihre Gedanken, ihr Begreifen gespürt haben, jetzt war es deutliche Furcht, die ihre Stimme schriller färbte. Immer verzerrter wurde die Bewegung in ihrem Körper, verblasste das Licht in ihren Augen zu einem kaum mehr sichtbaren Funkeln von Aggression und Argwohn. Ihre Gedanken wurden zu einem schrillen, herrischen Kreischen in Jeans Seele, aber sie schaffte es nicht, auch nur einen Bruchteil des Drucks darauf auszuüben, wie Dark Phoenix das konnte. Sie konnte sich nicht wehren. Dafür brauchte sie die Stärke ihres dunklen Ichs, die ihr so unendlich wichtig war. ‚Die Versuchung… Die Gefühle… Du bist wie eine Droge für mich… Alles, wonach es mir von Anbeginn an verlangt hat…’
Es war so traurig, dass diese andere, frühere Jean vermutlich sogar noch Mitleid mit dieser Kreatur gehabt hätte. Bevor sie zum Spielball für Entitäten geworden war, die mit einem Achselzucken über die Zerstörung allen Lebens hinweggingen. Die Wut durchfloss ihren Körper wie das Feuer, das ihre menschliche Form umspielt hatte. Sie schrie, ohne Stimme zu haben, tobte, ohne Muskeln, die auf ihr Zittern reagieren konnten. Nicht einmal Dark Phoenix hatte so tiefen, unbändigen Hass in ihr geweckt. Dark Phoenix war primitiv, geschaffen aus nichts als dunklen Gefühlen, aber berechenbar. Phoenix war einfach nur erbärmlich.
‚Halt die Klappe! Ich kann nicht, ich bin so schwach, ich bin unterprivilegiert und schizophren, Menschen sind das pure Böse, es sind nicht meine Emotionen, das ist alles mein böser großer Zwilling… Du hast das alles verdammt noch mal selbst geschaffen! Du hast es mit offenen Armen empfangen, und du willst immer noch nicht aufhören!‘
Das Licht ihrer Gegenüber durchflutete sie, wie ein Energiestoß mit reinsten negativen Protonen, die an ihren Zellen, ihren Gedanken zerren wollten, jedoch genauso durch sie hindurchflossen wie das längst vergangene Licht der Sterne. Die Maske war gefallen, Phoenix begriff wohl nach all dieser Zeit endlich, mehr und mehr, dass ihr praktischer, hilfloser Wirth nicht ganz so schwach war, wie sie immer geglaubt hatte. ‚Halt den Mund! Sei still!‘
‚Oder was?‘, gab Jean bitter zurück, mit dem kleinsten Hauch von Genugtuung, der in der Übermacht ihres Zorns, ihrer beginnenden erneuten Resignation Platz hatte. Es machte keinen Unterschied, was sie versuchte. Sie hatte keinerlei Möglichkeit, dieses Limbo oder auch nur ihren eigenen Geist zu kontrollieren. Sie würde erneut nur zusehen können, und vielleicht würde der Anblick, den sie so lange gefürchtet hatte, der endgültigen Zerstörung ihrer Heimat, endlich diese letzte verzweifelte Barriere ihrer Vernunft brechen und ihren Geist in Dark Phoenix‘ alles verzehrender Seele vergehen lassen. Es wäre eine Erlösung gewesen. Aber sie hatte nicht vor, es dem Wesen, welches das alles zu verschulden hatte, leicht zu machen. ‚Bringst du mich um? Redest du nicht mehr mit mir? Versklavst du meinen Körper und meinen Geist?‘
Jetzt mischte sich auch in Phoenix’ dröhnende Stimme so etwas wie Bitterkeit. ‚Es erstaunt mich, wieviel Energie du noch für Worte aufbringst. Menschlicher Zynismus ist eine Eigenschaft, die sich mir immer noch nicht erschlossen hat.‘
‚Du bist kein Mensch, du wirst nie einer sein.‘ Vorhin war es eine Erleichterung gewesen, wieder sehen zu können, aber jetzt wünschte sich Jean nichts anderes als Augenlider, die sie hätte schließen können, einen Boden, auf dem sie sich zusammenrollen konnte, für immer, um nichts mehr hören, fühlen zu müssen. Nicht mehr miterleben zu müssen, wie das Wesen, das ihre eigenen Emotionen erst geschaffen hatten, auf ihre Heimat zuhielt, nicht mehr zu erfahren, wie sinnlos jeder Versuch, das alles aufzuhalten, von Anfang an gewesen war, weil es nie Phoenix‘ Macht gewesen war, die sie nicht zu bekämpfen vermochte. Nur ihre verdammte Schwäche. ‚Und du opferst alles und jeden dafür, um dich für deine Behinderung zu rächen. Dann geh doch, zerstör das ganze Universum, bis du allein bist und dein unglaublich übermächtiges Leben alleine fristen kannst. Aber steh auch verdammt noch mal dazu!‘
‚Wofür kämpfst du?‘ Jetzt schrie Phoenix wirklich, es war ein Ausbruch reinsten Hasses. Ihr mentaler Körper flackerte unter dem Einfluss von Kritik, die ihr nie jemand entgegenzubringen gewagt hatte, bis nur mehr das erbitterte Festhalten an etwas, das sie nicht aufzugeben vermochte und das allem widersprach, wofür ihr Leben früher gestanden war, ihr Energie verlieh. Sie hätte einfach aufgeben können, sich ihrem Untergang hingeben und ihr neues Leben genießen. Es wäre um einiges einfacher gewesen. Sie tat es nicht, immer noch verteidigte sie sich. Es war sie selbst, vor der sie sich rechtzufertigen versuchte. ‚Was glaubst du, erreichen zu können? Du musst sterben, um sie aufzuhalten!‘ Sie schien ernsthaft eine Antwort auf diese überaus dramatische Warnung zu erwarten, verstummte herrlich lange Sekunden völlig.
Als keine Erwiderung mehr kam, wurde es mit einem Schlag ruhiger in ihrer hektischen Bewegung. Der Glanz ihres Feuers nahm an Intensität ab, die Sterne schienen durch ihre verblassende Gestalt. In der untrennbaren Verbindung ihrer Seelen konnte Jean echten Schock, völliges Unverständnis fühlen, über etwas, das einer Unsterblichen wohl nicht nachvollziehbar war. ‚Du willst das, nicht wahr? Warum?‘
Jean brauchte einen Moment, um eine richtige Antwort zu formulieren, eine, die für jemanden wie Phoenix zählen mochte. ‚Weil es meine Entscheidung ist, die einzige, die mir noch selbst zu treffen bleibt.‘
nein Jean nein tu das nicht
Nun war es ihre Erscheinung, die unter der Last ihrer letzten Erinnerung zu verblassen begann, sie sah es an ihrer durscheinenden weißlichen Hand, als sie sie aus einem nicht mehr länger benötigten Reflex vor ihre Augen hielt, um Tränen zu verstecken, die es nicht mehr gab. Es war vielleicht ihr Wille, aber sie war nicht die einzige, die darunter leiden würde. So sehr sie es sich gewünscht hätte… Auch sie musste zu ihren Entscheidungen stehen. Logan würde es eben nicht verstehen, das hatte er schon damals nicht. Er würde nicht glücklich werden. Sie hatte ihn allein gelassen, so wie er einst sie allein gelassen hatte. Sie würden vielleicht beide ihre Ewigkeit in diesem Schmerz leben, je nachdem, wie lange er Phoenix‘ Zerstörungswut noch überleben mochte.
‚Könntest du so eine Entscheidung treffen, Phoenix?’
Immer noch starrte sie stumpf auf diese unwirkliche, falsche Hand, weil sie sich nicht mehr traute, in die Richtung zu sehen, in welche Dark Phoenix verschwunden war, wo vielleicht schon innerhalb der nächsten Minute einmal mehr die Schmerzschreie geliebter Menschen in ihrem Geist laut werden würden. Erst als diese Hand plötzlich noch mehr zu verblassen, seltsame Schwere ihren Geist zu erfassen begann, hob sie träge den Kopf. Die Wut legte sich, sie hatte keine Kraft mehr dafür. Selbst die allgegenwärtige Traurigkeit verschwand in diesem Nebel aus plötzlicher heftiger Müdigkeit. Irgendetwas geschah mit ihr, erneut, vermutlich wollte Dark Phoenix ihre Seele zurück in ihren Körper holen, damit sie nicht länger auf ihr wahres Ich einsprach und ihr womöglich noch gefährlich werden konnte- oder sie wollte sie doch an der Vernichtung ihres Planeten teilhaben lassen. Es hätte auch nichts mehr zu sagen gegeben. Sie hatte Phoenix entgegen geschleudert, was ihr auf dem Herzen gelegen war, jetzt gab es keinen Grund für noch mehr Streit. Sie hatten beide ihren Weg gewählt, Phoenix und sie. Sie erwartete keine Antwort auf eine so rhetorische Frage.
Zu ihrem Erstaunen war die sichtbare Form ihre Gesprächspartnerin um ein Vielfaches ihrer beeindruckenden Größe zusammengeschrumpft. Ihre abstrakten Linien verschwammen ineinander, formten sich immer mehr zu einem wabbernden rundlichen Licht, das ihren Blick wie magisch anzog, ein wärmendes Licht, das ihren Geist weiter besänftigte, eine weiche Decke über ihrer frierenden Seele in der kalten Winternacht des letzten halben Jahres. Ein einzelner heller Lichtstrahl verließ diesen schemenhaften, verblassenden Ball einer vergehenden Sonne und berührte ihre Stirn wie ein Mal, eine schwache Erschütterung ließ ein letztes Mal ihre Gefühlswelt erbeben.
Etwas verschwand, von dem sie nicht einmal wusste, was es war, und trotzdem breitete sich eine seltsame Art von Leere in ihr aus. Phoenix‘ letzte Worte wurden zu einem sanften Gemurmel in ihren Gedanken, als sie schon kaum mehr etwas wahrnahm und das Licht der Umgebung längst zu einem immer blasser werdenden Wirbel aus hellen Punkten vor ihrer Wahrnehmung geworden war.
‚Das ist es, was dich zum wahren Kind des Lichts geformt hat, Jean Grey. Ruhe jetzt, und lass deine Wunden heilen.‘
Die anderen Anführer hatten Emmas Anweisung anstandslos ausgeführt und ihre jeweiligen Gruppen von etwa 10 Kindern über das ganze waldige Gelände rund um Westchester verteilt, um ihre Spur zu verwischen. Das Chaos nach Phoenix‘ erneutem Auftauchen am Himmel, vor allem in New York, hatte vor allem das Funknetz überbelegt, sodass nicht einmal mit den ausgeklügelten Kommunikatoren der X-Men Verständigung möglich war.
Das bedeutete für Emma die nicht unbeträchtliche Aufgabe, mental mit den anderen Anführern verbunden zu bleiben, um sicherzustellen, dass es allen gut ging. Auch für eine hervorragende Telepathin in einem solchen Wirrwarr aus sich überschlagenden, dunklen Emotionen eine anspruchsvolle Aufgabe. Emma war völlig abwesend. Mehrmals musste Katja sie unsanft in eine andere Richtung schieben, in die, die sie absichtlich ins unwegsame Unterholz im Wald gleich hinter dem Anwesen führte. So saßen sie wenigstens nicht völlig auf dem Präsentierteller- wenn Phoenix sie nicht ohnehin schon längst im Auge hatte.
Es war ein holpriger, umständlicher Weg. Obwohl einer von Emmas Schülern mit telekinetischen Fähigkeiten so gut wie möglich Äste und Büsche aus dem Weg schob, hatten bald alle kleinere Wunden von Rinde und Dornen davongetragen. Der Blick zum Himmel war ein ständiger Begleiter, und die immer stärkere Gewissheit, dass U.G.E.R. Recht gehabt hatte, dass Phoenix‘ wild flammende, grell leuchtende Gestalt tatsächlich direkt auf die Stadt zuhielt, belastete mit jedem Meter mehr. Die kleine Lilian mit ihrer komplizierten Wellen-Mutation hatte mit den vielen sich überlappenden Eindrücken des überlasteten Funknetzes zu kämpfen, sodass sie vor Schwindelgefühl irgendwann nicht mehr laufen konnte und Katja sie auf den Arm nehmen musste, was ihre Gruppe noch mehr verlangsamte. Ein anderer Junge hatte irgendwo auf dem Weg einen Schuh verloren und trat sich prompt einen spitzen Ast in seinen bloßen Fuß, sodass sie erneut anhalten mussten. Aber sie kämpften sich verbissen weiter.
So verbissen, dass es doch irgendwann Emma war, die plötzlich abrupt stehenblieb, die etwas zu bemerken schien, das Katja noch verborgen blieb, weil sie alle Hände voll damit zu tun hatte, die Kinder zu beruhigen, sie anzutreiben, ihnen Mut zu machen und eins davon auf den Armen zu tragen, mit einer Energie, von der sie längst nicht mehr wusste, woher sie sie hatte.
Vielleicht war es dieser völlig surreale, unerwartete Lichtblick, den Emma ihr da vorhin verkündet hatte, von dem ein Teil von ihr immer noch glaubte, dass es ein Irrtum sein musste. Vielleicht die Ungewissheit, die in diesem Fall ein Segen war, weil sie immer noch Hoffnung bedeutete. Oder die simple Tatsache, dass es sie bei aller Angst um ihre Familie, vor den Unruhen auf den Straßen und vor allem vor diesem grausamen Ding am Himmel immer noch am meisten schmerzte, die Kleinen weinen zu hören. Irgendjemand musste in diesen schweren Minuten für sie da sein. Emma half ihr dabei in ihrer völligen Orientierungslosigkeit nicht gerade. Sie hatte keine Hand frei und musste sich auf eine scharfe Ermahnung beschränken. „Nicht stehenbleiben!“
Emma schien sie nicht einmal gehört zu haben. Sie hatte eine Hand an ihre Stirn gelegt und sah mit schmalen Augen zum Himmel. Es war Verwirrung, nicht länger Angst, die ihre Miene ausdrückte. „Sie hat angehalten.“
Katja kam nicht mehr dazu, ebenfalls nach oben zu sehen oder etwas zu erwidern.
Ein ohrenbetäubender mentaler Schrei, den sie nicht zum ersten Mal in diesen Tagen hörte, zwang sie und auch die anderen Mutanten, vielleicht sogar jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten in die Knie. Es war ein Schrei voller Schmerz, voller Panik- ein Schrei der Todesangst. Ein letztes Mal leuchtete ein gleißendes Licht über der Erde auf, wie eine Sternenexplosion, das jeglichen Glanz der Sonne verblassen ließ.
Und dann war es plötzlich viel zu still.
„Sie ist weg.“ Fassungslos rief Emma mental nach den anderen, damit sie sich alle auf einer Lichtung in der Nähe versammeln würden, wo Katja schon vor wenigen Tagen die Abreise der anderen beobachtet hatte. Sie beide nutzten diese Minuten, um die Kinder endlich richtig zu versorgen, sie zu beruhigen, obwohl sie eigentlich keine rechte Ahnung hatten, was sie ihnen sagen sollten.
„Ist es vorbei?“ Auch Piotrs erste Frage, als er mit den kleinsten Schülern als letztes dazukam, ging in Emmas Richtung, appellierte an ihre starken mentalen Fähigkeiten, mit denen sie versuchte, irgendetwas über die Situation herauszufinden, vielleicht sogar Phoenix selbst wiederzufinden, um zu wissen, was sie vorhatte.
Aber der anhaltende Lärm so vieler aufgebrachter Menschen weltweit machte dieses Unterfangen unmöglich. „Ich weiß es nicht.“ Emma schüttelte frustriert den Kopf und straffte sich schwerfällig, klopfte in einer fast schon beruhigend normalen Geste mit einer kleinen Grimasse den Schmutz des Baums, an dem sie gelehnt war, von ihrem weißen Cape. „Wir werden auf Neuigkeiten warten müssen. Inzwischen können wir zurückgehen, denke ich. Wir werden Wachen halten, um früh genug gewarnt zu sein, sollte sie wiederkommen.
Cat, kannst du…? Cat? Was ist?“
Erst Emmas besorgte Stimme ließ Katja sie wieder richtig wahrnehmen. Einen Augenblick lang war sie völlig verloren in einem mentalen Eindruck gewesen, wie sie das bisher nur von Charles, Jean früher oder eben ihrer Mentorin kannte. Irgendetwas hatte sie berührt, etwas in ihr zum Klingen gebracht wie eine lange nicht mehr angespielte Saite eines Instruments, aber es war wieder verschwunden, bevor sie es hatte fassen können. „Ich bin nicht sicher.“ Sie konnte nur fest daran glauben, dass sie mit ihrer Ahnung Recht hatte, weiterhin, aber sie durfte den anderen keine falschen Hoffnungen machen. „Nur Instinkt, denke ich. Wir müssen warten.“
Und inzwischen hatte sie ihren Job wieder zu machen, und da meldete sich gerade ein weiterer, verdammt starker Instinkt zu Wort. Ihre Aufgabe hatte sie vorhin im vielleicht schlimmsten Moment ihres Lebens mehr denn je vernachlässigt. Höchste Zeit, sich wieder darauf zu besinnen. Nicht nur sie hatte diesen grausamen Augenblick im Kontrollraum miterleben müssen. „Wo ist Artie?“ Stirnrunzelnd sah sie sich um, sofort wieder besorgt, als sie das hübsche Gesicht ihres kleinen Lieblings nirgends entdecken konnte. War er etwa in seiner Angst davongerannt?
„Was meinst du?”, fragte Emma verwirrt. „Er ist doch bei Wash, gleich da…
Oh mein Gott.“
Der ungekünstelte Schock in ihrer Stimme, in ihrer plötzlich stocksteifen Haltung ließ auch Katja eiskalte Schauer über den Rücken laufen. Sie begriff, viel zu spät, was ihr vorhin schon hätte auffallen sollen, bevor sie sich noch in Gregorys Richtung gedreht hatte. Erschrocken drängte sie sich durch die kleinen Gruppen aufgeregt miteinander tuschelnder Kinder hindurch zu ihm hin. Die Kleinen waren verständlicherweise immer noch völlig verängstigt, wandten sich mit ihren aufgeregten Fragen an Erwachsene, die ihnen keine klaren Antworten geben konnten. Sie erwarteten zumindest ein paar aufbauende Phrasen, um die immer nervenaufreibendere Zeit des Wartens zu überstehen, und Katja wollte und würde für sie da sein… Aber zuerst brauchte sie da jemand, um den sie sich vorhin schon hätte kümmern müssen, egal, wie schlecht es ihr gegangen war.
„Es hat erst so richtig angefangen, als Phoenix aufgetaucht ist“, erklärte Gregory bedrückt. Vorsichtig, um den völlig lethargischen, erschöpften Jungen nicht aufzuschrecken, übergab er ihn an Katja. „Wenigstens scheint er keine Schmerzen zu haben.“
Es war wirklich kein Wunder, dass Katja Artie nicht sofort gesehen hatte. Seine Haut schälte sich in immer größeren Fetzen ab, darunter kam rohes, rötliches Fleisch zum Vorschein. Seine Haare waren schneeweiß geworden, schienen immer mehr abzusterben und fielen in Büscheln aus. Seine Fingernägel waren abgefallen, der Ansatz von tiefschwarzen, messerscharfen Krallen war an ihrer Stelle zu sehen. Was der Kleine so lange befürchtet hatte, wovon er solange Albträume gehabt hatte, hatte mit der emotionalen Belastung vorhin eingesetzt, und es war genauso schlimm wie erwartet. Artie war nicht ansprechbar, er klammerte sich zwar müde an Katjas Schultern und vergrub sein Gesicht fest an ihrer Schulter, aber ihre zärtlich geflüsterten Worte drangen merklich nicht zu ihm durch.
„Wir kümmern uns zuhause um ihn. Ich rufe U.G.E.R. an.“ Jericho legte Katja mitfühlend eine Hand auf den Rücken. „Soll ich ihn nehmen? Du solltest dich schonen.“
Katja kam nicht mehr dazu, zu fragen, was er meinte, was er eigentlich gar nicht wissen konnte. Ein Ruck von Adrenalin und purer Furcht zugleich ging durch ihren Körper, als ein helles Aufblinken eines unscheinbaren Zylinders an Emmas weißer Hose verriet, dass die Com-Verbindung zu den Defenders wieder aufrecht war. „Emma!“
„Ich sehe es.“
Emma riss das Com-Link so unbeherrscht an ihr Gesicht heran, dass gleich mehrere Perlen von ihrem teuren Gürtel abfielen. „Gordon, verdammt, wo sind Sie?“
‚Walker hier‘, antwortete eine etwas tiefere, rauere Stimme, die jedoch um nichts weniger hektisch klang als die, die vorhin unter so beängstigenden Umständen einfach verstummt war. ‚Flash hat es gerade bei einem Asteroidentreffer ziemlich übel erwischt. Wir mussten erstmal da raus.‘
„Daddy!“ Bevor Emma oder Katja fragen konnten, lief eine von Kits Töchtern aufgeregt zu Emma hin und zerrte mit erstaunlicher Kraft ihren Arm nach unten, um selbst in den Kommunikator zu sprechen. „Daddy, wo bist du?“
‚Es geht uns gut, Süße.‘ Das leichte Zittern und ein kurzes, unterdrücktes Stöhnen immer wieder in Kits Stimme verriet, dass das nicht die ganze Wahrheit war, aber auch ein Lächeln konnte man ihm deutlich anhören. ‚Drück deine Schwester von mir, Jedda. Wir kommen so bald wie möglich nach Hause.‘
Das schien dem Kind erst einmal als Trost zu genügen, vermutlich war es auch nicht das erste Mal, dass die noch so kleinen, bildhübschen Mädchen um ihren Vater bangen mussten.
Und sie hatten mit dieser kurzen Nachricht weit mehr Beruhigung bekommen, als es Katja und Emma von sich behaupten konnten. „Walker, was zur Hölle geht da oben bei euch vor?“ Emma hielt sich sichtlich nur schwerlich und vermutlich nur der Zwillinge wegen davon ab, weit ungehaltener und unfreundlicher zu werden. Ihr Blick ging unweigerlich in Katjas Richtung, besorgt und entschuldigend zugleich, weil Kit nicht als erstes mit der Sprache herausrückte, was das Thema betraf, das sie alle so sehr bewegte.
Sie ließ fast das Com fallen, als sie Katjas Lächeln sah, die Tränen, die ihr über die Wangen liefen.
In Sekundenbruchteilen war es gekommen, während Emma mit ihrem vernichtendsten Tonfall ihren Botschafter zur Eile angetrieben hatte- Katja brauchte keine Antwort mehr. Ihre Knie wurden so weich, vor Erleichterung, vor Freude und trotzdem immer noch anhaltender Angst, dass sie gegen einen Baum zurücksank, das Kind auf ihrem Arm fest an sich gepresst, die andere Hand vorsichtig auf ihren Bauch gelegt. Ihr Baby musste schon in seinen ersten Tagen sämtliche intensivsten Gefühlshöhen und -Tiefen mitmachen, die es in ihrem Leben je gegeben hatte. Wo vorhin noch Schweigen und Schwärze geherrscht hatten, war jetzt dieses eine warme, zarte Gefühl zurückgekehrt, das sich zwischen Scott und ihr in ihrer Hochzeitsnacht so stark gebildet hatte. Er war noch da. Er lebte…
‚Ich habe nicht die geringste Ahnung, Frost. Wir sind hier oben blind wie die Maulwürfe‘, erwiderte Kit, mindestens so unwirsch, doch dann schlich sich auch in seinen Tonfall wieder ein hörbares Lächeln. ‚Aber was ich Ihnen sagen kann, ist, dass das Feuer auf dem Mond verschwunden ist ich hier wieder sechs Lebenszeichen auf meinem Bildschirm habe, seit die Sensoren wieder angesprungen sind. Wir versuchen, unser Schiff wieder soweit hinzubekommen, dass wir landen können. Wir melden uns.‘
„Beeilt euch. Westchester over und out.“
Tief durchatmend verstaute Emma das Com wieder und rieb sich mit beiden Händen heftig über ihr Gesicht, atmete mehrmals tief ein und aus. Langsam langte auch sie an den Grenzen ihrer Belastbarkeit an, und die Ungewissheit, was nun mit Phoenix war, erleichterte die Situation nicht. Auch nicht das Wissen, dass die unmittelbare Gefahr für die Erde zwar vorbei sein mochte, es dort selbst aber immer noch genügend davon gab, vor allem für die Mutanten.
„Denkst du, dass es vorbei ist, Cat?“, fragte sie leise, als sie beide kurz darauf ihre Gruppe um einiges langsamer als vorhin zurück zum Anwesen führten.
„Nein.“ Um das zu wissen, musste Katja nicht erst ihren neuen besten Freund in Washington anrufen. Die Leute waren schon vor Phoenix‘ Auftauchen feindseliger denn je zuvor der Mutantenwelt gegenüber eingestellt gewesen. Diese Todesangst auf dem ganzen Planeten eben, die sogar einen abgeklärten Charakter wie Emma so aus der Bahn geworfen hatte, würde diese Situation nicht verbessert haben. „Sie werden denken, es war eine Drohung. Sie werden ihre Maßnahmen treffen, denke ich. Und Magneto wird reagieren, früher oder später. Und wenn er es nicht tut, tun es andere. Niemand wird noch länger nur mehr zusehen.“
„Und was wirst du tun?“ Emma löste Katjas Hand für einen Moment sanft von Arties Rücken, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen, ihr forschend in die Augen zu sehen. Sie an ihr Verspechen von vorhin zu erinnern.
Es war nicht nötig. Nicht seitdem Katja gerade selbst so intensiv, völlig intuitiv gespürt hatte, dass dieser improvisierte Test vorhin nicht gelogen hatte. Und nicht nur, weil sich Artie bei Emmas kritischer Frage nur noch fester an sie klammerte, als wollte er sie gar nicht mehr loslassen. „Ich werde hier gebraucht. Ich lasse die Kinder nicht schon wieder im Stich.“ Und sie meinte nicht nur die Schüler.
„Wovon redet ihr?“ Siryns feine Ohren hatten mehr von dem Gespräch mitgehört als beabsichtigt. Sie schloss mit schnellen Schritten zu den beiden Erwachsenen auf und betrachtete Katja aufgeregt von der Seite, mit glänzenden Augen. „Gehst du wieder böse Mutanten bekämpfen?“
Katja schüttelte erneut entschieden den Kopf. „Nicht solange wir hier allein sind und ich auf euch aufpasse.“
„Aber wir haben doch Emma!“, mischte sich Jubilee protestierend ein. „Und bevor diese Psychos in Washington völlig durchdrehen, sollten wir da hinfliegen!“
„Wir fliegen nirgends hin“, wies Katja sie zurecht, nicht unfreundlich, aber sehr bestimmt. „Wir beschützen die Schule und warten darauf, dass wir endlich wissen, was mit den anderen ist. Die Mutantenwelt muss ihre Probleme diesmal ohne uns lösen. Wir haben schon genug für diesen Planeten getan und geopfert.“
Sie meinte die Gefahr, in der sich ihr Mann und ihre Freunde immer noch befanden, auch die vielen Verluste, die es in diesem verdammten Krieg gegen die Bruderschaft schon gegeben hatte, aber noch während sie es sagte, hallten Kits Worte eben unheilvoll in ihrem Kopf wieder. Zum Glück schienen die anderen bis jetzt noch nicht richtig begriffen zu haben, was diese auf jeden Fall hießen.
Sechs Lebenszeichen.
Nicht mehr sieben.
Wie auch immer diese Sache ausgegangen war – wenn sie denn vorbei war – irgendjemand hatte dabei mehr als je zuvor für diesen Kampf gegeben. Und auch wenn sie eigentlich froh hätte sein sollen, dass es Scott auf keinen Fall war und die Chancen auch recht gut standen, dass es niemand anderen im Team erwischt hatte… Ein scharfer Stachel von Schmerz hatte sich in ihrem Herzen festgesetzt bei diesen wenigen Worten vorhin. Um Phoenix würde niemand auf diesem Planeten trauern, und niemand hatte im Grunde mehr Hoffnung gehabt, dass man Jean noch retten konnte… Trotzdem war es, als hätte sie sie einmal mehr verloren, und wieder hatte sie nur hilflos daneben stehen können. Richtige Freude wollte da nicht aufkommen. Sie war fast froh, als Jericho neben ihr auftauchte und sie für ein Gespräch unter vier Augen beiseite nahm. Sie bezweifelte zwar, dass ihr behagen würde, was er ihr zu sagen hatte, aber wenigstens hörte sie auf zu grübeln. Katja wünschte sich einmal mehr sehnlichst, sie wäre mit den anderen geflogen.
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