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von Wynona    erstellt: 09.02.2010    letztes Update: 08.03.2010    Geschichte, Romanze / P16    (fertiggestellt)
Kapitel 2

Nach drei Stunden wurde ich wach, ich hatte Hunger und vor allem Durst. In meiner kleinen Umhängetasche hatte ich ein Butterbrot und einen Apfel gestopft und in meinem Koffer war eine Thermoskanne kalter Tee. Die Thermoskanne war einfach zu groß für meine Handtasche gewesen. Zuerst holte ich mein Butterbrot raus, ich wickelte es aus und stellte fest dass es nicht mehr sehr appetitlich aussah, es war schon etwas zerquetscht.

Aber ich hatte Hunger und dem Geschmack tat das keinen Abbruch. Nur wurde mein Durst nun nicht weniger, sehnsüchtig blickte ich zu meinem Koffer hoch. Der hilfsbereite Pastor war anscheinend inzwischen ausgestiegen und so versuchte ich alleine meinen großen Koffer aus dem Gepäcknetz hinunterzuziehen. Ein älterer Herr kam mir zum Glück zur Hilfe.

Ich warf ihm einen schüchternen Blick zu: „Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Er nickte nur schweigsam und setzte sich wieder. Gleich nahm ich einen kühlen Schluck von dem Kamillentee und klemmte dann die Thermoskanne zwischen meine Hüfte und die Armlehne. Langsam näherten wir uns Paris, nun wurde ich wirklich unruhig. Hier musste ich umsteigen und ich wusste nicht ob das reibungslos klappte, ob mein französisch wohl reichte?

Mutter war immer sehr stolz, dass sie ihrer Tochter den Besuch des Gymnasiums ermöglichen konnte und das ich Klassenbeste war, in allen Fächern, aber ich wusste trotzdem nicht ob ich mich verständlich machen konnte. In der Schule französisch zu sprechen oder mit echten Franzosen, war wohl etwas anderes. Endlich fuhr der Zug in Paris ein. Hektisch riss ich meinen Koffer förmlich aus dem Gepäcknetz, vor lauter Angst nicht rechtzeitig aus dem Zug zu kommen.

Dann trat ich auf den Bahnsteig, um mich herum war hektisches Leben, Fahrgäste stürzten in den Zug oder liefen an dem Zug vorbei um auf das richtige Gleis zu kommen. Panisch stellte ich fest, dass ich die Thermoskanne vergessen hatte, aber ich war zu ängstlich noch mal einzusteigen und sie zu holen.

Ziellos lief ich durch den Bahnhof, ich hatte keine Ahnung von welchem Gleis mein Anschlusszug nach Melun fuhr, ich wusste nur das ich kaum Zeit für einen Aufenthalt hatte. Mit feuchten Händen ging ich dann doch auf einen uniformierten Bahnangestellten zu. Vor dem hatte ich fast dieselbe Angst, wie die die ich vor den Zollbeamten gehabt hatte. Uniformen lösten bei mir immer unschöne Kindheitserinnerungen aus.

„Monsieur, bitte von welchem Gleis fährt der Zug nach Melun?“, ich lächelte ihn vorsichtig an. Er sah mich abwertend an, natürlich hatte ich einen hörbar deutschen Akzent, sah typisch deutsch aus. Ich war ein hochgewachsenes – zu dünnes - wachsblondes Mädchen, mit Sommersprossen, Stupsnase und himmelblauen Augen. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, dass die Deutschen bei den Franzosen nicht sehr beliebt waren.

Dann antwortete er mir doch noch, wobei er das ziemlich schnell tat, es war offensichtlich, dass er sich nicht die geringste Mühe gab, es mir einfach zu machen, im Gegenteil: „Gleis 5, ich denke es fährt sogar in 10 Minuten einer.“ Ich war stolz, weil ich ihn trotzdem verstand, und bedankte mich artig. Dann lief ich so schnell ich mit dem schweren Koffer konnte zu dem besagten Gleis, zum Glück fand ich gleich einen Platz.

Meine Arme schmerzten und ich hatte Seitenstechen. Nun standen mir noch fünf Stunden Fahrt bevor, ich aß meinen Apfel und genoss die Landschaft die am Fenster vorbeirauschte. Frankreich war wunderschön, das konnte ich schon jetzt sehen. Müde und erschöpft kam ich in Melun an, hoffentlich war meine Tante schon da, ich hatte keinen Nerv mehr noch lange am Bahnhof zu warten.

Ein riesiger Stein fiel von meinem Herzen als da eine Frau stand, die unverkennbar meiner Mutter ähnelte. Lächelnd ging ich auf sie zu. Die Frau lächelte zurück: „Du musst Klara sein?“ Ich nickte und deutete einen Knicks an. „Ja, Guten Tag Tante Monika.“ Meine Tante nahm mir meinen schweren Koffer ab: „Komm Klara, ich bin mit dem Fuhrwerk gekommen. Serge, Dein, Onkel und Deine Cousine Susi sind schon sehr gespannt auf Dich.“ „Ich freue mich auch schon, sie kennen zu lernen.“, antwortete ich.

Meine Tante warf mit Schwung den Koffer auf das Fuhrwerk. Sie war unverkennbar die Schwester meine Mutter, aber sie war bestimmt zweimal so kräftig wie sie. Meine Mutter war genauso dünn wie ich, wir mussten immer sparen und sparten auch am Essen. Das Einzige an dem meine Mutter nicht sparte war meine Schulbildung, sie wollte dass ihre Tochter einmal mehr Möglichkeiten hatte als sie, Mutti ging eigentlich nur putzen, damit wurde man nicht reich.

Anscheinend sparte meine Tante nicht an Lebensmitteln, das war wohl normal wenn man eine Landwirtschaft betrieb. Ich beneidete sie, mein Magen knurrte auch schon wieder. Ich war wirklich laufend hungrig. Als ich neben ihr Platz genommen hatte, fuhren wir los. Die kleine Stadt hatte ihre Reize. Die Häuser fand ich bezaubernd, es war alles so anders als in Berlin.

Es gab einen Marktplatz, mit wenigen Geschäften, aber anscheinend war alles da was man brauchte. Ein Bäcker, ein Metzger, sogar eine Post und ein kleiner Blumenladen. In einer Seitenstraße sah ich einen Friseur und einen Buchladen. Ich freute mich darauf die Stadt zu erkunden. Wir trafen nicht viele Menschen, aber die die wir trafen grüßten meine Tante freundlich. Sie war, obwohl sie Deutsche war, anscheinend hier angesehen.

Mich beäugten sie misstrauisch, ich versuchte mein bezauberndstes Lächeln aufzusetzen und grüßte auch, auch wenn sie mich nur anstarrten. Eine mit Bäumen gesäumte Straße führte aus der Stadt hinaus. Es dämmerte schon, bald würde es stockdunkel sein. Auf der rechten Seite hinter den Bäumen funkelte etwas, ich stellte fest dass dort die Seine lang floss. Alles wirkte sehr idyllisch, meine Tante war sehr schweigsam, lächelte mich nur hin- und wieder an.

Als wir schon ein Stück von der Stadt weg waren, kam uns ein Mann entgegen, eine Gitarre hing über seine Schulter, er hatte schulterlanges Haar, das zu einem Zopf gebunden war. Ich kannte nur Männer mit kurzen Haaren, ich fand den Anblick sehr befremdlich. Er trug ein gestreiftes Hemd, eine lange Kette und aus seinem Mundwinkel hing ein Getreidehalm.

Als wir fast auf gleicher Höhe waren, nickte er mir zu und lächelte dabei leicht. Seine Augen waren braun, was eigentlich nichts besonderes war, aber sein Blick war so intensiv, das ich das Gefühl hatte, es würde mich von dem Wagen runterziehen, direkt zu ihm. Mein Herz klopfte und irgendwie wurde ich unruhig.

Meinte Tante schnaubte abfällig: „Elendes Zigeunergesindel, halte Dich bloß von diesem Gesindel fern, Klara. Das sind alles dreckige Diebe und Schurken.“ Ich hatte Angst dass er sie noch hören konnte, aber sie hatte deutsch gesprochen, also war es wohl nicht so schlimm. Als wir an ihm vorbei waren, konnte ich nicht anders als mich umzudrehen.

Beunruhigt stellte ich fest, dass auch dieser Mann sich umgedreht hatte. Er lächelte mich wieder an und tippte sich grüßend an die Stirn, als ob er einen Hut auf hätte. Irritiert drehte ich mich schnell wieder um, ich hatte das Gefühl, als würde ich seinen Blick noch in meinem Nacken spüren.
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