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von muckel    erstellt: 02.02.2010    letztes Update: 12.04.2010    Geschichte, Allgemein / P18    (abgebrochen)
~*~*~


Oh Gott. *________*
Leute. Ihr macht mich echt fertig. *-* Ich hätte echt nie, nie, nie~mals mit so einer Reaktion gerechnet. Ich freue mich riesig, dass die FF bei so vielen Anklang findet, ich saß hier echt mit so einem fetten Grinsen im Gesicht. *jedem einen dicken, nassen Kuss auf die Wange drück* Vielen lieben Dank an SISI, The Lulu-Girl, Phagenkind, Schmusekater, Tommaus, xBrokenHearted, -Phantomrider, kleines-Schaf, adversity, sorrows, HonEyBaBe und Rita für die lieben Kommis. *jedem ein Gummibärchen schenk* Außerdem natürlich auch danke den vielen Menschen, die meine FF schon nach dem ersten Kapitel in ihre Favs aufgenommen habt, ihr macht mich zu einem sehr glücklichen Menschen. *mit Herzchen werf* xD

~*~*~


28. DEZEMBER 2009
Das Essen hier sieht aus wie Kotze.
Und es schmeckt auch so.
Und irgendwann beginnt man auch sich so zu fühlen.
Du bist, was du isst.

30. DEZEMBER 2009
Bill redet immer noch nicht wieder mit mir.
Manchmal ist er so leise, dass ich fast vergesse, dass er überhaupt da ist.

Wenn ich aufwache, ist er schon unter der Dusche oder beim Frühstück. Als erster. Früher haben wir zusammen gegessen. Na ja, nicht an einem Tisch und so, aber halt zur gleichen Zeit. Ich glaube er steht extra früher auf, damit er nicht mit mir zusammen essen muss. Er sagt nicht mehr „Guten Morgen“ oder „Gute Nacht“, und das hat er sonst immer. Obwohl ich nie darauf reagiert hab. Und wenn ich in unser Zimmer komme, geht er raus. Und wenn ich abends ins Bett gehe, schläft er schon.

Ich glaube, ich bin tot für ihn.

1. JANUAR 2010
Gestern war Sylvester.

Sylvester ist irgendwie unsinnig, finde ich. Aber immerhin nicht so schlimm wie Weihnachten, weil da drehen ja wirklich alle ab. Sylvester wird da schon gechillter angegangen. Abends ein paar Knaller, ein bisschen Sekt – das ist schon okay so.
In der Klinik gab’s aber leider nur Knallerbsen. Dabei ist das Feuerwerk ja das eigentliche Highlight an Sylvester. Aber die sind hier anscheinend der Meinung, Böller und Verrückte passt nicht so zusammen. Keine gute Mischung halt. Deshalb war alles auch nicht so wirklich spannend. Ich lag im Bett und habe mich glorreich mit Nichts beschäftigt. Außer Warten zählt als Beschäftigung. Das mit den Knallerbsen hatte Lukas mir schon erzählt, obwohl ich ihn nicht danach gefragt hab, und daher wusste ich, dass das alles sowieso nicht so ein Spektakel wird. Ich hatte auch eigentlich gar nicht wirklich Lust, später raus zu gehen und mir dieses peinliche Knallerbsen-Sylvester anzutun. Lieber gar kein Sylvester, als sowas jämmerliches, hab ich mir gedacht.

Die anderen saßen im Gemeinschaftsraum zusammen. Haben Schach und Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt und so. Ich hab kurz da geguckt, aber bin gleich wieder gegangen.
Hab mich in mein Bett gelegt und wie gesagt – gewartet. Es wurde immer später und immer langweiliger und zeitweise hatte ich echte Probleme, nicht einzupennen.

Um zwanzig vor zwölf hab ich mich dann gefragt, ob meine Uhr richtig geht.
Um viertel vor zwölf hab ich beschlossen, dass es mir egal ist.
Um zehn vor zwölf  hab ich mir überlegt, wie armselig es ist, an Sylvester allein zu sein.
Um fünf vor zwölf  wär ich deshalb beinahe doch raus zu den anderen gegangen.
Um drei vor zwölf platzte Bill ins Zimmer.

Ich hab fast einen Herzkasper bekommen.

„Es ist gleich zwölf“, sagte Bill und es war seltsam, seine Stimme wieder zu hören.
„Ich weiß“, antwortete ich. Dann war kurz Schweigen, bis er fragte: „Willst du nicht rauskommen?“

Eigentlich wollte ich. Aber ich war zu stolz das zuzugeben. Ich war zu stolz zuzugeben, dass ich nichts lieber als das wollte, und ich war zu stolz zuzugeben dass ich allein war und dass das eigentlich auch okay war, aber nicht an Sylvester. Also wartete ich darauf, dass Bill beginnt mich zu überreden.

Er stand einen Moment noch still da und wartete auf eine Antwort. Dann sah er auf seine Uhr. „Noch eine Minute.“

Scheiße, für sowas war keine Zeit. „Okay“, sagte ich also und stand auf. Wir sahen uns einen Moment unschlüssig an, dann rannten wir aus dem Zimmer, durch den Flur, durch die große Eingangstür bis nach draußen. Die anderen zählten gerade den Countdown und waren schon bei fünf. Ich sah Den-der-nie-spricht bei jeder Zahl leicht mit den Kopf nicken und die letzten drei Sekunden zählten Bill und ich mit. Dann standen wir einfach nur da. Um uns herum fielen sich die Verrückten in die Arme. Ich kratzte mich verlegen am Kopf, und Bill hielt mir schließlich die Hand hin.

Es war eine seltsame Geste. Und ich kam mir auch ziemlich seltsam vor, als ich nach kurzem Zögern nach seiner Hand griff und sie schüttelte. „Frohes Neues“, sagte er, und ich nickte. Scheiße, ich kam mir total bescheuerte vor und trotzdem war ich froh, dass er da war. Ich war froh, dass ich nicht alleine auf meinem Zimmer lag und ich standdessen Knallerbsen auf den Boden werfen konnte und mir dabei denken konnte, wie verdammt lächerlich wir alle aussehen mussten. In der Ferne konnten wir wenigstens ein paar Feuerwerkskörper sehen, doch alles in allem war es ziemlich unspektakulär und armselig – aber das war ja keine Überraschung.

Und ich war froh, dass Bill wieder mit mir redete. Ich wollte, dass es mir egal war, doch aus irgendeinem bescheuerten Grund war es das nicht. Fast hätte ich gefragt „Also bin ich doch nicht tot für dich?“, doch ich ließ es bleiben. Irgendwie klang die Frage doof und außerdem war sie peinlich.

Nach einer halben Stunde gingen wir alle wieder rein. Im Bad gab es einen kleinen Stau, doch schließlich lagen alle im Bett und es war ganz ruhig in der Klinik. Ich lag eine ganze Weile wach und lauschte in die Stille. Wenn man der Stille lange genug zuhört, fängt sie an in den Ohren zu knistern. Irgendwie finde ich das beruhigend.

Jedenfalls kam mir dann so eine blöde Idee. So eine Idee, wie nur ich sie haben kann. Ich kam auf die Idee, mich zu bedanken. Dass er mich zu den anderen gebracht hat und ich an Sylvester nicht allein sein musste und so. Also hab ich ganz leise „Danke“ gesagt.

Verdammt, ich dachte er schläft. Ich dachte er hört es nicht. Ich dachte ich könnte es einfach so sagen, und mich deshalb gut fühlen, und er würde es nie erfahren.

„Wofür?“, fragte Bill und mein Herz blieb beinahe stehen, weil er noch wach war. Wie gesagt: verdammt.
„Dass du mich geholt hast“, sagte ich nach einem kurzen Moment den ich brauchte, um mich wieder zu fangen. Scheiße, kam ich mir dämlich vor.
„Bedank dich bei Schwester Sofia. Die hat mich geschickt.“

Das brachte mich völlig aus dem Konzept. Ohne nachzudenken, sagte ich: „Wow, das tat weh.“ Die Worte fielen aus meinem Mund, bevor ich sie aufhalten konnte,  und platschten auf den Boden zwischen unseren Betten, wo sie liegen blieben wie ein toter Fisch.

Bill sagte nichts mehr. Und ich bin mir sicher, innerlich lächelte er und dachte sich: Geschieht dir Recht, du Wichser.

15. JANUAR 2010
Bill ist seltsam.
Ich glaube er hat mir immer noch nicht verziehen. Auch wenn ich nicht weiß ob er wegen der Sache mit dem Geschenk sauer ist (die ich immer noch nicht zugegeben hab), oder weil er wegen mir Nasenbluten hatte.

Seit Sylvester redet er zwar wieder mit mir, aber irgendwie ist er so.. kalt. Am Anfang, bevor ich ihm fast die Nase gebrochen hab, war er immer so freundlich und jetzt sagt er nur das nötigste. Nicht, dass ich ihm das verübeln könnte. Aber er erinnert mich immer mehr an mich selbst. Und das kann ich überhaupt nicht leiden. Weil ich ein Arschloch bin und ich nicht will, dass er eins ist. Das passt auch gar nicht zu ihm. Außerdem ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass es pro Geschichte nur ein Arschloch gibt, und das bin nun mal schon ich. Wieso kann er das nicht einfach akzeptieren?

Das ist genau das gleiche wie bei so Casting-Shows. Wenn sich da zwei zu ähnlich sind, fliegt immer einer davon raus. Weil man nicht zwei gleiche Typen in einer Band haben will. Das ist langweilig. Das will keiner sehen.

Genauso wie zwei Arschlöcher langweilig sind. Aber leider kann ich ja niemanden bitten, Bill aus  meinem Leben zu schreiben. Es war interessant als Bill ankam und so anders war als ich. Irgendwie kam dadurch ein bisschen Schwung in das öde Leben hier. Was Neues. Ich konnte sagen was ich wollte und er war immer noch nett. Egal wie scheiße ich zu ihm war. Und jetzt schlägt er mich mit meinen eigenen Waffen und das ist so genial, dass es von mir sein könnte. Ich sag doch, der Kerl wird wie ich. Und das kotzt mich an.

25. JANUAR 2010
Scheiße man.
Ich erreiche den Gipfel der Einsamkeit. Ja, sowas gibt’s. Hab ich selbst erfunden. Und heute Vormittag wurde es mir klar. Beim Frühstück. Weil irgendwie jeder Verrückte einen anderen Verrückten hatte, der bei ihm saß. Außer so ein paar total kranken, die sowieso schon tot innendrin sind. Denen kann keiner mehr helfen.

Aber ich bin nicht tot innendrin. Und ich will es auch nicht sein. Und dass ich langsam anfange mich so zu fühlen, macht mir ehrlich gesagt Angst. Eine Scheißangst.

Ich will hier keine Freunde. Wollte ich auch nie. Eigentlich hab ich mich immer von allen fern gehalten. Ich hatte auch bevor ich hierher kam nie besonders viele Freunde. Vielleicht eine Handvoll, und das hat mir voll und ganz gereicht. Bei zu viel Kontakt mit anderen krieg ich sowieso Ausschlag. Dafür bin ich dann doch zu sehr egoistisch veranlagt und dafür  hab ich auch ein bisschen zu viel Einzelgänger-Gene in meiner DNA. Aber jeder braucht irgendwen, selbst ich. Das hab ich mir heute Morgen eingestanden. Dass ich vereinsame. Und wer weiß, wie lang ich noch hier bleiben muss. Wenn ich nicht aufpasse, verlerne ich wahrscheinlich wie man spricht. Dann kann ich mich mit Dem-der-nie-spricht zusammen tun. Mit ihm und seinem blöden Teddy.

Der Punkt ist, ich habe einen Plan. Eine Mission. Oder irgendwas in der Richtung.
Ich nenne sie: Tom sucht sich einen Verbündeten im Irrenhaus.
Und weil das so lang ist, kürz ich das so stylisch ab: TsseViI. Das klingt viel cooler. Weil keiner weiß was für eine klägliche und bekloppte Bedeutung es eigentlich hat.

Morgen fange ich an.

26. JANUAR 2010
Heute startet Mission TsseViI.
Phase I: Sichten.

Klingt ja soweit schon mal ganz gut. Ich stell mir so vor, dass ich mich einfach in den Gemeinschaftsraum setze (was ich sonst nie tue), und mich mal etwas näher mit den ganzen Verrückten befasse (was ich sonst ebenfalls nie tue, außer um mich über sie lustig zu machen). Aber das ist halt genau die Sache. Ich lache sie in Gedanken aus. Ich fänd’s aber viel lustiger, mich mit wem anders über sie lustig zu machen. Lieber einen verrückten Freund, als gar keinen. Find ich. Deshalb hat Mission TsseViI höchste Priorität.

Ich starte übrigens mit Bill. Der ist immerhin mein Zimmermitbewohner. Und der hat auch schon mal mit mir gesprochen. Früher. Und außerdem scheint der noch relativ normal zu sein. Was auch immer man darunter versteht. Jedenfalls nenne ich ihn: Objekt 1.

Objekt 1 redet nach wie vor nicht wirklich mit mir. Jedenfalls nicht so, wie es am Anfang mit mir geredet hat. Aber das kann man ja ändern. Und ich habe mir überlegt, ich könnte etwas tun, was ein Tom Kaulitz mehr hasst als alles andere. Ja wohl. Tom Kaulitz überlegt ernsthaft, sich zu entschuldigen.

Aber nur, wenn mir nichts anderes übrig bleibt. Das ist sozusagen die letzte Option. Wenn gar nichts anderes klappt, versuche ich es. Auf  Tom-Art. Ich werde sowas sagen wie: „Hey, tut mir Leid mit deiner Nase, aber dein verficktes Geschenk ist mir scheißegal und wenn du kleiner Wichser dir einbildest, du könntest mir irgendwas anhängen, kannst du ab sofort meinem Arsch dein blödes „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ entgegen heucheln,  kapiert?“

Entschuldigen war noch nie meine Stärke. Vielleicht sollte ich das alles noch ein bisschen üben. Und mit ein bisschen Glück mutiert Bill dann auch vom Arschloch-Tom-Abklatsch zurück zu Sonnenschein-Bill.

27. JANUAR 2010
Phase I: Sichten.

Objekt 1: Failure.
Ich glaube, er hasst mich wirklich.

29. JANUAR 2010
Phase I kotzt mich an. Ich hab genug von Phase I. Ich scheiß auf Phase I. Deshalb überspringen wir sie jetzt. Und kommen direkt zu Phase II: Kontakt.

30. JANUAR 2010
Phase II: Kontakt.

Objekt 2 (Magersüchtiger Typ): Failure.
Objekt 3 (Depressiver Futzi mit Brille): Failure.
Objekt 4 (Depressiver Futzi ohne Brille): Failure.

Naja.
Morgen ist ja auch noch ein Tag. Ich hab Zeit.

2. FEBRUAR 2010
Ich seh schon. Das wird nix.

5. FEBRUAR 2010
Heute war ein interessanter Tag. Und ich gebe ihm deshalb einen Namen: Tag der Momente. Das passt wirklich, auch wenn es bescheuert klingt. Normalerweise würde ich mir sowas schwules auch nicht ausdenken, aber heute schon, und wenn ich könnte, würde ich diesen Tag sogar zum Feiertag erklären. Alle würden mich dafür lieben, da bin ich mir sicher.

Aber von vorne. Phase II lief beschissen. Richtig beschissen. Die meisten wollte ich nicht mal ansprechen. Und wenn, dann hab ich immer nur so komische erwischt. Manche haben mich nur böse angeguckt, manche haben mich ignoriert, manche waren eigentlich ganz nett aber so kaputt, dass ich mit denen lieber nichts zu tun haben will.

Und dann hatte ich eine Eingebung. Die Antwort auf alle Fragen. Und sie lautet: Lukas.

Ich Depp! Lukas, der mir das mit den Knallerbsen erzählt hat und Lukas, der mit dem Teddy von Dem-der-nie-spricht das Klo verstopft hat. Lukas mag mich, verdammt.

Also bin ich zu ihm hin. Er war im Gemeinschaftsraum und saß mit Dem-der-nie-spricht an einem Tisch und hat Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt. „Kann ich mitspielen?“, hab ich gefragt und er hat gegrinst und gesagt: „Klar.“

Deshalb hab ich mich gesetzt. Triumph ist ein schönes Gefühl. Ich hab mich so gut gefühlt, dass ich sogar versuchte mich mit Dem-der-nie-spricht zu unterhalten.
„Du hast ja einen neuen Teddy“, hab ich gesagt und deutete auf das Stoffvieh auf seinem Schoß. Reagiert hat er nicht wirklich. Hat mich bloß angeguckt, und dann hat Lukas mir für ihn geantwortet.
„Nein, nein, das ist der alte. Ich hab ihn tausend Mal gewaschen. Zu Weihnachten wollte ich ihm dann einen neuen schenken, weil mir das alles so leid tat und das alte Stoffvieh total versifft ist. Aber er wollte ihn nicht. Er wollte lieber den alten Teddy behalten. Dabei hing der schon in nem Klo, man! Ich weiß echt nicht, warum Mike immer so scheiße machen muss, aber ich glaub, er findet das einfach witzig. Ich versteh‘s trotzdem nicht.“
„Mike?“
„Jaja. Mein zweites Ich“, seufzte Lukas und dann sagte er noch: „Sag bloß nix.“

Einen Moment befürchtete ich, dass er mich fragen könnte, warum ich hier bin. Doch er tat es nicht. Stattdessen drückte er Dem-der-nie-spricht den Würfel in die Hand und meinte, er dürfe anfangen.

Das tat er auch. Und dieser Schweinehund würfelte eine sechs.

„Klasse Todd!“, rief Lukas und setzte das Männchen für Todd auf das Spielfeld, weil Todd sich nicht rührte. Dann würfelte Todd noch mal.

„Heißt der echt so? Todd?“, fragte ich Lukas währenddessen, und nickte in Todds Richtung. Er würfelte eine drei und Lukas setzte die Figur für ihn.
„Nee“, sagte er dabei.
„Wieso nennst du ihn dann so?“
„Wie soll ich ihn sonst nennen?“, fragte Lukas zurück, „Er braucht doch einen Namen.“
„Also ich nenne ihn, Der-der-nie-spricht“, sagte ich. Den Name finde ich sowieso viel logischer als Todd.
„Das passt doch gar nicht“, hat Lukas geantwortet, „Das ist doch kein Name.“
„Ist es wohl.“
„Nein.“
„Doch.“

Dann hat Lukas nachgegeben. „Okay, aber Todd passt besser. Wegen Todd und Teddy.“
„Was passt daran?“
„Na alles. Du weißt schon. Wegen dem T und dem Doppel-D. Das ist witzig.“

Lukas hat einen seltsamen Humor. Und das war der Moment, in dem ich beschloss, dass er trotzdem eigentlich ganz nett ist. Verrückt, denn sonst wär er ja nicht hier, aber irgendwie trotzdem relativ normal. Auch wenn er ein zweites Ich namens Mike hat.

Jedenfalls hab ich mit den Schultern gezuckt. Eigentlich fand ich es nicht wirklich witzig. „Wir könnten auch darauf achten, wie die Schwestern ihn nennen“, schlug ich vor.
„Süßer, nennen die den.“
„Süßer?“
„Ja, Süßer. Ends schwul.“

Ich hab bestätigend genickt. Weil Süßer einfach wirklich richtig schwul klingt. Kein Kerl dieser Welt will „Süßer“ genannt werden. „Der Arme.“
„Die behandeln den doch eh wie ein Kleinkind. Dabei ist der mindestens 17.“
„Naja, er hat einen Teddy.“
„Vielleicht ist der alles, was er hat.“

Dazu habe ich nichts gesagt. Nicht, weil ich es blöd fand, was Lukas gesagt hat. Im Gegenteil. Ich glaube, er hat Recht. Sein Teddy ist alles, was Todd hat. Und das fand ich so tragisch, dass es mir die Sprache verschlagen hat. Und das war der Moment, in dem ich beschloss, dass Todd und ich Freunde werden sollten.

„Sie behandeln ihn echt, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank“, hat Lukas gemurmelt und gewürfelt.
„Na ja, sonst wär er nicht hier“, hab ich eingewendet.
„Ja, aber du weißt schon.“

Ja, ich wusste schon.

„Jedenfalls brauchte er einen Namen und Süßer fand ich inakzeptabel“, hat Lukas dann gesagt, „Da wird der doch nur noch bescheuerter von, wenn man den dauernd so nennt. Bestimmt passt ihm das auch gar nicht und er kann sich nur nicht wehren. Weil er ja nicht sprechen kann.“
„Vielleicht kann er es ja“, hab ich laut überlegt. „Vielleicht will er einfach nicht.“

Und das war dann der Moment, in dem ich beschlossen hab, dass Todd gar nicht verrückt ist. Sondern einfach nur sehr traurig und einsam. Und dass er unbedingt wie ein Mensch behandelt werden sollte der siebzehn Jahre alt ist, und nicht als ob er ein Kleinkind wär. Denn das ist er nicht.

Jedenfalls bin ich sicher, dass Lukas mit seiner Theorie vollkommen Recht hat. Denn wie bereits gesagt – niemand möchte dauernd „Süßer“ heißen. Nicht mal Todd. Und das war wiederum der Moment, in dem Lukas und ich auf die Idee kamen, Todd zu taufen.

Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen. Auch nicht mehr, ob es mehr die Idee von Lukas war, oder von mir, oder die von uns beiden. Später haben wir uns darauf geeinigt, dass es Todds Idee war. Und weil er sie nicht laut vorschlagen konnte, hat er sie in Lukas und mein Hirn eingepflanzt.

Wir haben ihn uns geschnappt und ins Bad gebracht. Er sah nicht abgeneigt aus, aber auch nicht begeistert. Er sah eigentlich genauso aus wie immer. Manchmal wirkt er ein bisschen abwesend, aber Lukas und ich glauben, dass er in Wirklichkeit bloß alles auf sich einwirken lässt. Eigentlich saugt er jedes noch so kleine Detail seiner Umgebung und auch das, was sich darin abspielt, in sich auf wie ein Schwamm und dabei konzentriert er sich so sehr, dass er aussieht, als ob er Tagträumen würde und gerade in Gedanken auf einem anderen Planeten wär.

Naja, jedenfalls waren wir dann im Bad. Lukas, Todd und ich. Alles war gut. Dann machten wir den Wasserhahn an. Es war immer noch alles gut. Dann sagte ich sowas wie „Hiermit taufe ich dich auf den Namen: Todd.“
„Warte, stop stop stop“, unterbrach Lukas mich. „Nur Todd? Und was ist mit einem Nachnamen?“
„Braucht er nicht.“
„Doch, jeder braucht einen Nachnamen.“
„Nein. Todd reicht.“
„Nein. Todd Teddy.“
„Sein Teddy heißt doch schon Teddy“, grummelte ich, weil Lukas alles so kompliziert machte.
„Dann heißt sein Teddy jetzt, Teddy Teddy. Bestimmt wär Todd gern mit seinem Teddy verwandt. Der liebt den doch abgöttisch. Wir machen’s möglich.“
„Na gut“, sagte ich schließlich. Nicht, weil ich die Idee gut fand. Im Gegenteil, ich fand sie total bekloppt. Sondern einfach, weil ich keine Lust hatte länger mit Lukas zu diskutieren.

Ich wiederholte also mein Sprüchlein, während Lukas Todd dazu brachte, sich hinzuknien. Keine Ahnung, wie er das schaffte. Währenddessen formte ich mit meinen Händen eine Schale und ließ etwas Wasser hinein laufen. Ich drehte mich wieder zu den beiden um und öffnete meine Hände über Todds Kopf.

Das war der Moment, in dem Todd abdrehte.

Ich weiß nicht, was da ablief. Todd schrie plötzlich wie am Spieß. Er bekam sich gar nicht mehr ein und er veranstaltete einen dermaßen krassen Lärm, dass ich Lukas nicht mehr verstehen konnte, obwohl er mir irgendwas zurief. Es war, als ob all die Dinge, die Todd nie sagte, sich in diesem Schrei entladen würden. Ich hatte eine Gänsehaut. Ich hatte Schiss. Ich dachte, der nippelt ab oder bringt uns um. Er ruderte mit den Armen, als ob er versuchen würde durch die Luft zu schwimmen, und seinen Teddy ließ er dabei mitkreisen.

Lukas und ich standen völlig schockiert da und ehrlich gesagt, mein Hirn floppte sich auf Stand-by. Ich versuchte nicht mal, Todd irgendwie zu beruhigen, ich sah ihn einfach nur an und dachte mir: Scheiße.

Dann kamen Ärzte rein und Schwestern und Pfleger, und sie schickten uns raus. Lukas und ich gingen sofort. Ich wollte zögern, weil das Chinastäbchen in meinen Eingeweiden rumstocherte und sagte: Verräter! Verräter! – doch irgendwas in mir wollte so schnell weg, dass ich nicht auf das Chinastäbchen hörte.. und irgendwas sagte mir, dass es auch besser so war.

Lukas und ich gingen auf unsere Zimmer, und ich dachte, das wär das Ende unserer Freundschaft. Die ja sowieso noch in den Kinderschuhen steckte und vielleicht noch nicht wirklich Freundschaft genannt werden konnte. Jedenfalls ging ich auf mein Zimmer und fühlte mich richtig beschissen. Gerade als ich die Tür schloss, brach Todds Gekreische mit einem Schlag ab. Das erleichterte mich aus irgendeinem Grund. Mir war als hätte mich das irgendwie verfolgt.

Bill sah auf, als ich ins Zimmer kam. „Was ist los?“, fragte er.
Ich überlegte einen Moment, ihm einfach alles zu erzählen. Doch dann sagte ich bloß: „Der, der nie spricht.“, und Bill nickte: „Achso.“

Dann legte ich mich einfach auf mein Bett, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun könnte. Ich nahm mir ein Buch und las, um mich abzulenken, und irgendwann streckte Lukas seinen Kopf zur Tür rein. „Hey Mann“, sagte er, „Es geht ihm wieder besser. Spielen wir morgen zu Ende?“

Das war der Moment, in dem mir klar wurde,  dass Lukas schon viel länger hier war als ich. Weil er trotz allem, was gerade passiert war, noch an das normale Leben dachte. Ihn warf das nicht aus der Bahn. Nicht mehr. Und deshalb konnte er auch an so banale Dinge wie unser abgebrochenes Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel denken.

Und es war auch der Moment in dem mir klar wurde, dass ich nicht mehr allein war.


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