Fanfiktion / Reale Personen / Musik / Tokio Hotel / Gedankenkotze
Who made up all the rules
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Geschichte melden
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
 
»
von muckel    erstellt: 02.02.2010    letztes Update: 08.03.2010    Allgemein / P18     71 Reviews
~*~*~



[Header]
[Autor:] muckel.
[Titel:] Gedankenkotze
[Cover:] http://i46.tinypic.com/2e33nth.jpg
[Genre:] Drama/Wortwirrwarr/Gedankensuppe von Tom
[Rating:] P18
[Disclaimer:] Ich verdiene kein Geld mit dieser Story und habe keinerlei Rechte an Tom oder Bill.
[Claimer:] Der Rest gehört mir.
[Danke an:] VAMPIRETTCHEN ! Meine Lebensretterin. <3
[Sonstiges:] Natürlich darf sich jeder diese FF hier herunterladen, da habe ich auch nichts dagegen.
Ich möchte allerdings nicht, dass die heruntergeladene FF ohne mein Einverständnis
an Dritte weitergeschickt wird, vor allem im Falle einer Löschung dieser FF oder meines Accounts.
Natürlich kann ich sowas nicht oder zumindest nur sehr schwer überprüfen,
aber ich hoffe trotzdem, dass mein Wunsch einfach akzeptiert wird. ._.

[A/N:] Konstruktive Kritik ist wie immer sehr gerne gesehen.
Update ist ca. einmal in der Woche (falls Interesse besteht xD).
Vergebt mir, falls ich es mal nicht schaffe - ich stehe kurz vor'm Abi. (;



Viel Spaß. (:


Widmung
Basti. ._.



~*~*~



GEDANKENKOTZE.



8. NOVEMBER 2009
Liebes Tagebuch,
blablaba


Tagebücher sind schwul.

9. NOVEMBER 2009
Kinderficker. Arschloch. Hurensohn. Pimmel. Schwanzlutscher. Loser.

10. NOVEMBER 2009
Versteh nicht wieso der Doc denkt, ich mach mich in meinem Tagebuch lustig über ihn. Habe im obigen Eintrag bloß Emotionen verarbeitet und dazu wird mir schließlich ständig geraten.

11. NOVEMBER 2009
Heute Vorwürfe wegen meines ‚ironischen’ Tagebucheintrags. Ich würde die ganze Therapie nicht ernst nehmen. Versteh gar nicht wie der Doc auf sowas kommt, aber er scheint sich offensichtlich verarscht zu fühlen.

12. NOVEMBER 2009
Und wieder eine Stunde meines Lebens damit verschwendet, genau zwei Zeilen zu Papier zu bringen. Langsam wird mir das echt zu doof.

13. NOVEMBER 2009
Im oberen Flur ist das Klo verstopft.

Nachtrag:
Vielleicht geht die Stunde schneller rum, wenn ich noch irgendwas schreibe. Deshalb erläutere ich den obigen Satz mal.
Okay, also Lukas hat versucht den Teddy von dem komischen Typ der nie spricht im Klo runterzuspülen. Weil der nie spricht, weiß ich auch nicht, wie der heißt. Nicht, dass ich hier sonst groß Namen kennen würde oder daran interessiert wäre, mit irgendwelchen Irren Freundschaft zu schließen. Ist ja auch unwichtig, jedenfalls hat Der-der-nie-spricht im Bad einen Heulkrampf gekriegt als die ihm gesagt haben, dass das Klo verstopft ist, weil sein Teddy im Rohr fest hängt. Mit seinen Tränen hat der echt fast das Bad unter Wasser gesetzt.

Nachtrag Nr. 2:
Hab die Story gerade dem Kerl erzählt, der mir gegenüber sitzt und mit sich selbst Schach spielt, aber der fand das nicht mal halb so witzig wie ich. Ich sag doch. Hier sind echt alle schon tot innen drin.

14. NOVEMBER 2009
Ich hab jetzt ein Haustier. So ne kleine Spinne, die wohnt in meiner Nachttischlampe. Als ich heute Morgen aufgewacht bin, hab ich die zufällig entdeckt. Hab die Augen aufgemacht und bäm - genau drauf geguckt. Die hat sich gerade so’n Netz gesponnen und da wusste ich: Die wohnt ab jetzt hier und ich hab die Fridolin getauft. Irgendwie find ich’s cool, dass Fridolin jetzt da ist. Eigentlich könnte Fridolin sogar in dem zweiten Bett schlafen, das noch im Zimmer steht, weil da keiner drin pennt. Ist ja nicht so, als bräuchte ich zwei, obwohl ich schon mal überlegt hab, die beiden Betten zusammen zu schieben. Na ja, ich wüsste aber eh nicht wie ich Fridolin klar machen sollte, dass das leere Bett gern benutzt werden kann. Falls Spinnen eine Sprache sprechen, kann ich sie nicht. Jedenfalls ist Fridolin mein neuer Mitbewohner und das find ich cool. Es ist nicht so, als wär ich einsam. Im Gegenteil, ich bin umringt von Menschen, die haben nur leider alle einen an der Waffel. Fridolin und ich sind also praktisch die einzige normalen hier in der Klinik. Ab jetzt sind wir ein Team. Fridolin und Tom gegen den Rest der Welt. Oder die Irren im Irrenhaus. Oder so.

15. NOVEMBER 2009
Fridolin ist tot.
Verkohlt, als ich gestern Abend noch ein bisschen gelesen hab. Irgendwie ist mir entfallen, dass die Lampe sich mit der Zeit erhitzt, aber andererseits ist Fridolin auch ziemlich bescheuert einfach sitzen zu bleiben, obwohl es immer heißer und heißer wird, anstatt wegzulaufen.

Eigentlich sollte man meinen, dass der Überlebensinstinkt Fridolin dazu gebracht hätte, das Weite zu suchen. Spätestens als diese feinen Härchen die Spinnen an ihren Beinen haben, angefangen haben zu versengen, war ja wohl klar, dass es langsam gefährlich wird so nah an der Lampe hocken zu bleiben. Obwohl, jetzt, wo ich so darüber nachdenke.. es könnte auch sein, dass Fridolin doch zu Recht in der Klinik war und ich dem armen Vieh praktisch zum Selbstmord verholfen hab.

Wie auch immer.
R.I.P. Fridolin.

16. NOVEMBER 2009
Der Doc hat gesagt er findet es schade, dass ich mein Tagebuch dazu nutze, über schwachsinnige Spinnen-Selbstmord-Theorien zu philosophieren. Er sei aber froh, dass ich das Tagebuch mittlerweile nicht nur nutze, um Vulgärausdrücke aufzuschreiben. Daraufhin hab ich gesagt, dass ich jawohl schon ziemlich durchstarte, wenn ich immerhin schon beim Philosophieren angekommen bin. Auch wenn es nur über Spinnen-Selbstmord-Theorien ist. Ich wette es gibt Leute, die sind hier schon seit Jahren und können nicht mal schreiben, geschweige denn einen Tagebucheintrag verfassen.

17. NOVEMBER 2008
Alter.
Ich werde den Doc jetzt glücklich machen und einen ordentlich Eintrag schreiben. Wenn ich mich jetzt nämlich nicht irgendwie ablenke, polier ich diesem Affen der da hinten vor’m Fernseher hockt die Fresse. Das schwör ich.

Aber von vorne. Heute Vormittag  - ich liege ganz gechillt auf’m Bett und hör Musik – fliegt die Tür auf und ein Mensch steht in der Tür. Ich sage bewusst Mensch, weil ich zuerst dachte, es sei ein Weib, bis es sich dann vorgestellt hat. Irgendwas mit B. B.. B.. ach egal. Nennen wir es mal Ben, fängt ja auch mit B an. Passt also.

Okay, also Ben steht auf einmal in der Tür mit einem fetten Koffer und ich checke gar nicht, dass er ein Typ ist. Mein erster Gedanke war, die schicken mir ne Nutte vorbei, um mich für die Strapazen der Therapie zu entschädigen oder so, aber den Gedanken hab ich nach dem Bruchteil einer Sekunde wieder verworfen, weil mir klar wurde dass es das pure Wunschdenken meines Schwanzes und eigentlich völliger Schwachsinn war.

Jedenfalls murmelt Ben „Hi“, und kommt ungefragt rein, gefolgt von irgendeiner Schwester, die irgendwas labert von wegen neuer Mitbewohner und Freunde werden und so weiter. Fast hätte ich gelacht, aber irgendwie war ich zu überrumpelt.

Irgendwann ist die Schwester dann gegangen und wir waren allein. Natürlich denke ich immer noch er ist ein Weib, vor allem weil er die Haare so komisch hat und diese engen Klamotten, und seine Gesichtszüge sind auch voll feminin und.. ach keine Ahnung. Der Typ ist einfach sau androgyn. Meine Nutten-Idee hatte ich ja schon über Board geworfen, also hab ich mir seine Anwesenheit damit erklärt, dass der Mädchenblock der Klinik überfüllt ist und deswegen ein paar zu uns rüber kommen. Ohne Scheiß, ich kam mir kurz vor als hätte ich im Lotto gewonnen, mein kleiner Freund geht in meiner Hose schon voll ab und dann sagt der „Ich bin übrigens Ben.“ (Okay, er hat natürlich nicht Ben gesagt, sondern B-irgendwas, weil Ben ja nicht sein richtiger Name ist.)

Ich also „Aha.“, damit er gleich kapiert, dass ich nicht sonderlich heiß drauf bin, mich mit ihm zu unterhalten. Er wollte wohl nicht sofort aufgeben und hat versucht eine Konversation anzukurbeln indem er mir erzählt hat, dass die Klinik wo er vorher war geschlossen hat und er deshalb jetzt hier ist, und blablabla.

Verdammt, es ist mir scheißegal, warum er hier ist.
Ehrlich, ich hab nichts gegen ihn oder sein Aussehen oder so. Es ist einfach die Tatsache, dass er mein Revier betreten hat. Mein Zimmer war der einzige Ort hier, wo ich mal vor den ganzen Irren meine Ruhe hatte. Ich meine, alle sind hier völlig krank, und das sage ich nicht nur so. In einem Irrenhaus sind nun mal alle verrückt, sonst wären sie ja nicht da.

Ben stört.
Der soll weg.


18. NOVEMBER 2009
Ben heißt Bill.
Irgendwie war ich gestern so bei ‚Ben’ drin, dass ich gar nicht mehr dran gedacht hab, dass ich mir den Name nur für ihn ausgedacht hatte. Wir sind also auf dem Zimmer und es war schon recht spät. Ich hab noch gelesen und Bill so:
„Tom (ja, er kennt mittlerweile meinen Namen, dieser Pisser), kannst du bitte das Licht ausmachen? Ich kann nicht schlafen, wenn das an ist.“
Und ich so:
„Ben, kannst du bitte die Fresse halten? Ich kann nicht lesen, wenn das Licht aus ist. Idiot.“
„Dann lies doch morgen weiter. Außerdem heiße ich Bill. Und du brauchst mich nicht gleich beleidigen, okay?“

Ich roll also mit den Augen und äffe ihn nach „Du brauchst mich nicht gleich beleidigen, okay?“, nur dass ich es irgendwie viel weinerlicher sage als er es gesagt hat. Aber ist doch wahr, was regt er sich so auf? Soll er doch die Glotzen zu machen, dann ist es dunkel. Und das habe ich ihm dann auch gesagt, woraufhin er sich wortlos umgedreht hat um zu schlafen, zu schmollen, oder was weiß ich. Okay, es war nicht komplett wortlos, aber ich hab nicht verstanden, was er noch gemurmelt hat, von daher war es irgendwie doch wortlos.

Jedenfalls merke ich jetzt erst, was für ein Glück ich mit Fridolin als Mitbewohner hatte. Fridolin war einfach total unkompliziert. Der hat keine Widerworte gegeben, oder mir gesagt, dass ich meinen Scheiß wegräumen soll, oder dass er nicht schlafen kann, wenn das Licht an ist.

Vielleicht hab ich Glück und Bill folgt Fridolins Beispiel indem er auch Selbstord begeht. Wenns sein muss geh ich ihm dabei auch zur Hand.

19. NOVEMBER 2009
Doc liest meine Tagebucheinträge nicht mehr. Er sagt, es freut ihn, dass ich anfange das Tagebuch richtig zu nutzen, und dass er jetzt nicht mehr kontrollieren wird, ob ich Einträge mache, oder nicht. Wenn es mir hilft und Spaß macht, solle ich das Tagebuch einfach weiter führen, ansonsten nicht. Jetzt, wo ich es richtig getestet habe, würde ich ja wissen, ob es mir was bringt, oder nicht.

Warum nicht gleich so!?

24. DEZEMBER 2009
Scheiße, ich fasse es nicht. Was bin ich nur für ein jämmerlicher, erbärmlicher Haufen Nichts. Okay, also eigentlich hatte ich das mit dem schwulen Tagebuch ja aufgehört, wo mich keiner mehr dazu gezwungen hat. Aber Gott, ich sitze in einer verdammten Nervenklinik fest mit einem Haufen Leute, die ihren Verstand verloren haben. Mir schaut wer zu wenn ich dusche und nachts wird mehrmals kontrolliert, ob ich noch im Bett bin – ich kann also sowieso nicht mehr viel tiefer sinken.

Aber zum eigentlichen Thema.
Heute ist Weihnachten. Weihnachten fand ich schon immer scheiße, nur mal so nebenbei. Ich hasse es, anderen Geschenke zu kaufen, und ich hasse es, wie alle viel zu fröhlich sind und so tun, als wäre die Welt für ein paar Tage wunderschön und allen ginge es super toll. Ich dachte hier in der Klinik, würden sie das bleiben lassen. Diesen ganzen Unsinn, mit dem Bäumchen und den Weihnachtskugeln. Bis gestern sah es auch wirklich danach aus, und wenn nicht heute Morgen beim Frühstück jeder einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann bekommen hätte (ich frage mich, ob der kleine Magersüchtige sich wohl verarscht gefühlt hat!?), dann hätte ich wahrscheinlich vollkommen vercheckt, dass heute Weihnachten ist. Aber spätestens, nachdem plötzlich diverse Familienangehörige hier aufgekreuzt sind, war dann klar, dass ich nicht mal mehr verdrängen kann, was heute für ein Tag ist. Mama und Papa haben ihre gestörten Kinder zum Teil in die Arme geschlossen, und ihnen zum Teil etwas unbeholfen gegenübergestanden, aber sie waren letzten Endes trotzdem da, auch wenn manche sich sichtlich unbehaglich gefühlt haben. Sie haben diesen Tag in einer Klinik verbracht, um bei ihren Kindern zu sein, anstatt zu Hause mit Oma und Opa zu feiern, und auszublenden, dass irgendwo noch ein Familienmitglied in einer Anstalt hockt und ziemlich kaputt und einsam ist.

Natürlich kam keiner aus meiner Familie. Ich hatte vielleicht ein bisschen gehofft, dass meine Mutter kommen würde, aber sie tat es nicht, und ich nahm es hin und redete mir ein, dass es mir egal ist, obwohl das nicht stimmt. Es war aber erträglich, weil auch niemand von Bills Eltern kam. Scheiße man, es sah echt danach aus und es tröstete mich irgendwie, dass wir beide allein sind, während alle anderen Besuch haben und geliebt werden. Wir lagen einfach auf unseren Betten und taten gar nichts. Er hatte sich ein Kissen in den Rücken gelegt und schrieb irgendwas, ich beobachtete eine Fliege, die ständig mit einem leisen „plopp“ gegen die Fensterscheibe flog und sich wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung nach der anderen zuzog.

Es war einfach wie immer, und dann klopfte es an der Tür. Bill stand auf, und öffnete sie, obwohl auch ein „Herein“ gereicht hätte, und da stand sie. Nicht nur seine Mutter, sondern seine halbe Familie. Ich weiß nicht, wie viele Menschen gekommen waren. Es waren mindestens acht. Mama, Papa, Oma, Opa.. vielleicht noch ein paar Cousins oder Kumpel von ihm, was weiß ich. Bill umarmte sie alle, seine Mutter flennte fast, und nannte ihn dauernd „Schatz“ und ich wollte jedes Mal kotzen, wenn sie das tat. Sie kamen alle in unser Zimmer, obwohl das viel zu klein für die ganzen Menschen war. Sie stanken nach Parfüm, und Plätzchen, und glücklicher Familie. Mir wurde schlecht.

„Das ist Tom, mein Mitbewohner“, erklärte Bill. Ich antwortete mit einem grimmigen Blick, während Bill mir seine halbe Familie vorstellte. Alle lächelten mir freundlich zu und es nervte mich. Und dann unterhielten sie sich, und sie lachten und überschütteten ihn mit Geschenken, die er alle unausgepackt auf seinem Bett liegen ließ, weil er ihnen erst alles zeigen wollte.

Und dann ging er.
Und seine Geschenke lagen immer noch dort.
Und dann bin ich einfach aufgestanden, hab mir eins weggenommen und bin damit abgehauen.

Ich habe einem Verrückten ein Weihnachtsgeschenk geklaut und bin zu feige, es ihm zurück zu geben.

25. DEZEMBER 2009
Verdammt, er weiß es.
Ich weiß, dass er es weiß.
Woher ich das so sicher weiß?
Weil er, nachdem seine Familie das fehlende Geschenk nirgends finden konnte und mit hängenden Köpfen wieder abgereist war, zu mir sagte: „Ich weiß es.“

Ich hab ihn „Arschloch“ genannt und ihn gefragt, was er meint. Das klang in etwa so. „Arschloch. Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst.“ Dann hab ich ihn noch mal „Arschloch“ genannt, weil ich fand, dass der Satz dadurch besser klang. Arschloch vorne, Arschloch hinten. Der Satz eingepackt von Arschloch. In der Literatur gibt es für so ein Phänomen sicher einen total cool klingenden Namen. Die müssen ja immer alles benennen und analysieren und ordnen. Schwachsinnig finde ich das. Als ob man Sprache ordnen könnte. Sprache ist frei. Man kann damit machen, was man will. Nicht alles lässt sich durch Regeln regeln und die sind bekanntlich ja ohnehin wenn dann nur dazu da, um gebrochen zu werden. Von wegen Verbotenes macht am meisten Spaß und so. Die alte Geschichte. Jedenfalls ist dieser ganze Mist a la Subjekt, Prädikat, Objekt totaler Mist. Wer hat sich diesen Scheiß ausgedacht? Das ist als würde man versuchen Worte in eine Zwangsjacke zu quetschen. Manche Dinge sind viel schöner, wenn sie voller Chaos sind. Wild und lebendig und frei. Aber alles was wild und lebendig und frei ist, muss ja geordnet werden. So denkt der Mensch. Und es ist schade, dass er nicht die Schönheit sehen kann, die sich hinter so manchem Chaos verbirgt.

Jedenfalls zuckte Bill mit dem Schultern. „Weißt du doch ganz genau.“
„Ich weiß gar nichts.“
„Komm jetzt mach nicht einen auf Sokrates“, rollte Bill mit den Augen. So sehr, dass ich mir irgendwie vorstellte, sie würden gleich aus seinem Kopf springen und eine Runde über den Boden rollen, und dann wieder zurück in seine Augenhöhlen schlüpfen. Bestimmt wünschte er sich, dass er das könnte, weil ich glaube, nach genau so einem Augenrollen war ihm gerade zu Mute.

Jedenfalls erwiderte ich darauf nichts. Ich warf einen Tennisball gegen die Decke und fing ihn wieder auf. Plopp. Plopp. Plopp. – machte das.
„Wie du meinst“, sagte ich schließlich, obwohl es gar nicht passte. Aber Bill starrte mich an und deshalb sagte ich einfach irgendwas, damit er eine Antwort hatte, was ja immerhin war was er wollte und ich hoffte wenn er das bekam ließ er mich in Ruhe. Ich gab ihm also die Antwort, auch wenn sie nicht passte und wartete darauf, dass er ging. Doch das tat er nicht. Er stand einfach weiterhin da und irgendwie sah er enttäuscht aus, und ich fragte mich woher er das Recht nahm enttäuscht zu sein. Immerhin war ich bisher nicht gerade freundlich zu ihm gewesen und außerdem kennt er mich gar nicht. In Menschen die man nicht kennt setzt man keine Erwartungen und man stellt ihnen auch keine. Darum kann man auch nicht enttäuscht sein von ihnen. Egal was sie machen.

Bill war das anscheinend egal, denn er sah trotzdem enttäuscht aus und dann seufzte er und ließ sich auf seine Matratze fallen. „Du kannst mir ja wenigstens sagen, was drin war.“

Ich hielt den Tennisball einen Moment länger fest als sonst. Ich presste meine Finger gegen die faserige Oberfläche. Erst wollte ich antworten, doch mir fiel nichts ein. Also sagte ich gar nichts. Ich zwang mich meine Finger wieder zu entkrampfen und begann, den Ball wieder gegen die Decke zu werfen. Plopp. Plopp. Plopp.

Bill seufzte erneut. Jetzt sah er traurig aus. Mein schlechtes Gewissen stocherte irgendwo in meinen Eigenweiden rum. Mit einem Chinastäbchen. Mein schlechtes Gewissen ist ein verdammtes Chinastäbchen. Es piekst überall und manchmal sticht es richtig zu. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Weil ich scheiße bin und das Chinastäbchen weiß das. Und es bestraft mich dafür. Schonungslos. Immer noch. Damit ich auch selbst merke, dass ich scheiße bin und was gemacht hab, was man nicht machen sollte. Ich sage zu dem Chinastäbchen: Lass das! Er ist verrückt. Morgen hat er das Geschenk schon vergessen. Und wenn nicht, ist es mir auch egal.
Und das Chinastäbchen ist ganz anderer Meinung, weil umso mehr ich ihm widerspreche, umso heftiger sticht es zu. Schlechter Mensch, sagt es dabei, Feigling, Feigling, schlechter Mensch, Feigling. Das Chinastäbchen, hat keinen besonders großen Wortschatz, so viel steht fest. Aber es erfüllt auch so seinen Zweck.

Jedenfalls sagte Bill irgendwann doch noch was, obwohl ich dachte, unser Gespräch, oder wie auch immer man es nennen will, sei längst beendet. „Tut mir Leid, dass deine Familie nicht da war“, sagte er, „Das hätte mich auch traurig gemacht.“

Mit einem Ruck stand ich im Zimmer. Ich kann mich so im Nachhinein auch gar nicht mehr erinnern, wie ich da so schnell hinkam. Von der Matratze hoch und alles. Und dann stand ich vor Bill. Dann war meine Faust in seinem Gesicht und dann war sein Blut auf seinem Shirt. Es lief aus seiner Nase wie ein kleiner Fluss. „Scheiße“, sagte er. Das war alles.

Ich stand auf und ging.


~*~*~
 
»
   
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Geschichte melden
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
> AGB <   > Impressum <          v3.0.0