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Geschichte: Fanfiktion
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von Veleren
erstellt: 31.01.2010
letztes Update: 08.08.2010
Geschichte, Drama / P18
(fertiggestellt)
Rhaleen erwachte in einem Bett, das nicht ihr gehörte. Dies war nicht ihre kleine Hütte, denn diese hatte sie verlassen – für immer. Aber wo war sie jetzt? Mühsam öffnete sie die Augen, erblickte schließlich einen kleinen Raum, umgeben von Wänden aus Stein, nicht der Teil einer kleinen Hütte. Ihre Lagerstatt war einfach ausgestattet, aber sauber und einigermaßen bequem. Langsam kehrte auch ihre Erinnerung zurück, ihr letzter, bewusster Moment, bevor eine Sturmböe sie endgültig aus dem Sattel ihrer scheuenden Stute gezerrt hatte. Sie glaubte, zu diesem Zeitpunkt nahe des Fürstensitzes gewesen zu sein. Also hatte ein Diener Elvúrils sie vermutlich gefunden. Und wo der Herr sich befand, war auch sein Berater nicht weit.
Schrecken ergriff sie. Obwohl jeder Knochen in ihrem Körper schmerzte, ihr Tränen von ihren protestierenden Muskeln in die Augen getrieben wurden, stemmte sie sich hoch. Gerne wäre sie geblieben, doch das kam nicht in Frage. Es dauerte quälend lange, bis sie das Bett hinter sich gelassen hatte und sie suchte nach ihren halbhohen Schuhen, fand sie sorgsam unter einen kleinen Tisch gestellt. Das Verschnüren der Bänder aus Leder jedoch war an diesem Tag eine ungewohnte Anstrengung, die schwarze Flecken vor ihren Augen tanzen ließ. Allerdings war der Gedanke, in diesen Mauern bleiben zu müssen, umso furchtbarer. Jeder Augenblick mehr konnte zu ihrer Entdeckung führen. Deswegen hatte sie ihre kleine Hütte verlassen, deshalb war sie mit dem wenigen, was sie besaß, geflohen. Vor dem Wetter hatte sie sich in der Vergangenheit nie gescheut, war nie davon besiegt worden. Und am Ziel gab es einen anderen Unterschlupf für sie.
Laut, viel zu laut für ihre noch empfindlichen Ohren, flog die Tür auf und Rhaleen stieß einen erschrockenen Schrei aus. Einst hatte sie sich einem Mann mit einer Waffe entgegengestellt, aber es war auf ihrem Grund, unter ihren Bedingungen gewesen. Damals hatte ihr Hass noch hell gebrannt. Hier jedoch befand sie sich in der Fremde und ihr Herz klopfte, als sie vorsichtig den Blick wandte. Ihr Hass allein, der tief in ihr glomm, konnte ihr jetzt nicht helfen.
„Wolltest du uns gerade verlassen?“, fragte die eintretende Frau mit verhärmtem Gesicht. Keine deutliche Gefahr.
Langsam entspannte sich Rhaleen wieder und nickte. Vor dem kleinen Fenster war kein Heulen, kein Wind mehr zu hören und sie wusste, sie konnte aufbrechen. Leider kannte sie den Fürstensitz nicht und hatte keine Ahnung, wo sich ihr Pferd befand. Das könnte ein Problem sein. Dafür hätte ihr Vater sie bereits gescholten. Lass nie deine Gefühle über deinen Verstand siegen, hatte er oft gesagt. Nun, zumindest war sie frei, während er im Kerker saß. Doch das konnte sich ändern, wenn sie nicht vorsichtiger war. Nachdem es Elessar gelungen war, all die Dinge, welche ihr Vater aufgebaut hatte, in vier Jahren beinahe vom Angesicht Gondors zu tilgen, würde man auch die Erben sicher verfolgen und in einem Kerker zu sitzen hielt sie für sehr unangenehm.
An anderer Stelle hätte Rhaleen über diesen Spott des Lebens gelacht. Nur die Tatsache, dass wenige ihr Gesicht kannten, schützte sie meist. In diesem Mauern jedoch gab es eine Person, die es sicherlich konnte.
„Herrin, ich will niemanden zur Last fallen“, erwiderte Rhaleen derweil unterwürfig und sie merkte mit aufkommender Zuversicht, wie ihre Verstellung ihr Ziel fand. Manche Menschen waren wirklich leicht zu manipulieren, genau wie ihr Vater immer gesagt hatte.
Unwirsch sagte die Frau: „Das entscheidet Herr Elvúril. Übrigens bin ich lediglich seine Haushälterin Kalina, keine hohe Herrin. Aber er hat mich gebeten, mich um dich zu kümmern.“ Erfreut klang die Andere darüber aber nicht. Nun, Rhaleen hatte sowieso vor, möglichst bald von hier zu verschwinden.
„Keine Umstände. Sagt mir, wo mein Pferd ist und ich werde mich auf den Weg machen.“ Um es deutlich zu zeigen, machte Rhaleen ein paar Schritte in Richtung der Tür. Kalina jedoch, die eine Schüssel mit irgendeinem Brei in der Hand trug, stellte sich ihr in den Weg.
„Du wirst uns jetzt nicht verlassen. Herr Elvúril ist bereits auf dem Weg hierher. Und du tätest gut daran, ihn für seine Gastfreundschaft zu danken. Denn aus meiner Sicht könntest du gern gehen. Ich kann keine unerwarteten Gäste gebrauchen, doch Befehl ist Befehl.“
Wenigstens waren sie und Kalina darin einer Meinung. Dann erstarrte sie jedoch. Sie zweifelte keinen Moment, dass Elvúril zu ihr wollte und sie sah bereits das Gesicht seines Beraters vor sich, der ihn begleitet. Nein, soweit durfte es nicht kommen!
Ihre Gedanken überschlugen sich. Unter ihrem Kleid fühlte Rhaleen nach dem Dolch, den sie dort trug, mittlerweile alt, aber immer noch scharf. Lange Jahre hatte sie sich im Umgang damit geübt, ihn aber niemals mehr gegen einen anderen Menschen gewandt. Seit ihrem letzten Tag hatte sie friedlich an unterschiedlichen Orten gelebt, bis sie von den Feinden der alten Zeit entdeckt wurde und sie weiterziehen musste. Erst zwei Tage zuvor allerdings hatten die Andeutungen eines reisenden Händlers aus Minas Tirith sie zu ihrer überstürzten Flucht gezwungen. Noch allzu deutlich sah Rhaleen das Gesicht des Mannes vor sich, wie er auf sie zeigte und sie bei ihrem alten Namen nannte, den, welchen ihr Vater ihr gegeben hatte. Die Leute im Dorf hatten getuschelt und der Händler war wenig später in Gesellschaft des Vorstehers gesehen worden. Da hatte Rhaleen gewusst, dass es wieder einmal ein Ende mit ihrem Frieden hatte. Der Sturm war ihr Verhängnis geworden und es galt ein weiteres Mal, sich in Sicherheit zu bringen. Keinen Moment zweifelte sie daran, dass sie Kalina ohne Probleme überwältigen könnte. Als sie den Blick der Anderen begegnete, so unfreundlich er war, zog sie ihre Hand aber wieder zurück. Eine Mörderin war sie nicht. Diese Frau war eine Närrin, kein Feind.
Dennoch überraschte sie Kalina, indem sie diese unsanft beiseite stieß. Hinter sich hörte sie die Holzschüssel zu Boden fallen, doch sie war bereits durch die offene Tür gelangt. Hastig suchte sie nach dem kürzesten Weg, der zum Ausgang führen musste. Meist verfügte das Gesinde über einen eigenen solchen, damit sie den Herrn nicht mit ihren Tätigkeiten störten. Schließlich spürte Rhaleen einen Luftzug, wandte sich ihm zu. Das protestierende Schreien Kalinas in den Ohren rannte sie los, bald verfolgt von der anderen Frau.
Weit kam sie nicht. Vor ihren Augen tanzten durch die Anstrengung Schatten, der Gang begann gefährlich zu wanken. Bald wollten ihre Füße ihr nicht mehr gehorchen. Als sie gegen einen stämmigen Körper prallte, Arme sie umfingen, war sie bereits in einen Dämmerzustand verfallen.
Leider hatte ihr Vater bei all seinen Lektionen nicht daran gedacht, dass ein weiblicher Körper in mancher Beziehung empfindlicher war. Tief in ihrem Inneren konnte sie jetzt nur noch hoffen, dass der Berater des Fürsten sie nicht erkannte, zehn Jahre sie ausreichend verändert hatten. Harte Arbeit und die Sorgen um die Zukunft hatten ihre Züge verändert.
Es wäre zu viel Spott gewesen, wenn man sie am Ende doch noch gefangen hätte. Fámbor zumindest wäre froh darüber.
*****
Das Abendessen mit Anborn war eine willkommene Gelegenheit für Faramir, seine Pflichten in Minas Tirith einmal zu vergessen und die Gegenwart seiner Familie zu genießen. Besonders stolz war er auf Raumovaile und Canyindo. Sein älterer Sohn hatte Festkleidung angelegt, mit der er beinahe wie der Erbe eines Fürsten aussah, welcher er war, wenn auch nicht sein eigener. Canyindo hingegen trug ein einfaches Kleid, das ihr Wesen besser zur Geltung brachte als jeder Schmuck. Lediglich den Gürtel mit der kleinen Tasche daran hatte sie nicht weglegen können. Allein Faramir, Éowyn und Beregond wussten, was sich darin befand und bisher hatte der Truchsess nie gefragt, warum sich seine Ziehtochter nicht von der Falkenskulptur lösen wollte. War es ein Zeichen der Akzeptanz ihres Erbes?
Gerade berichtete Anborn aus seinen Tagen als Waldläufer, da sah Faramir aus den Augenwinkeln, wie Elboron aufstand und den Raum verlassen wollte.
„Ist irgendetwas mit ihm?“, fragte Faramir seine Gemahlin leise, aber diese gab keine Antwort. Natürlich wusste er, dass der Junge in einen Teich gefallen war, aber das konnte immer geschehen. Das nächste Mal würde Elboron vorsichtiger sein. Kein Grund jedoch, einen Gast zu verärgern.
„Er ist den ganzen Abend ungewöhnlich still. Sicher denkt er nur über seine Erlebnisse heute nach. Irgendwann wird er von Anborns Erzählung genauso gefesselt sein wie Canyindo und Raumovaile.“
Normalerweise liebte Elboron Geschichten von Abenteuern und das gab dem Truchsess noch mehr zu denken. Ehe er genauer darüber nachdachte, hatte er sich bereits erhoben und folgte dem Jungen zur Tür. „Ich komme gleich zurück, entschuldigt mich bitte“, sagte er und wusste, niemand würde es ihm übel nehmen.
Seine Neugier allerdings, was Elboron umtrieb, war weit stärker als der Gedanke an eine mögliche Unhöflichkeit gegenüber Anborn als Gast.
~~~
Nicht weit vom Speisesaal entfernt fand er den Jungen schließlich, wie er auf einer Holzbank saß und grübelte.
„Das solltest du nicht tun; das bringt frühzeitig Falten“, lächelte Faramir, doch sein Scherz traf auf eine Mauer, die neu am Wesen seines Sohnes war. „Warum verlässt du das Abendmahl schon? Du hast kaum etwas gegessen und Anborn würde sich freuen, dich noch ein wenig länger zu sehen“, fuhr er sanft fort.
Plötzlich murmelte Elboron: „Nein, will er nicht. Alle wollen heute bloß Vaile sehen. Er war heute außerdem gehorsam, aber ich war das nicht. Außerdem wird er einmal Fürst und Truchsess und ich bin deswegen sowieso unwichtig.“
„Wer hat dir denn das erzählt?“, brach es aus Faramir hervor, ehe er langsam begriff, welches Problem Elboron hatte: Eifersucht eines Bruders auf einen anderen. Sicher meinte es sein Sohn nicht böse, verstanden er und Raumovaile sich doch sonst gut. Dennoch konnte sich Elboron zurückgesetzt fühlen, denn er hatte seinem Ziehsohn tatsächlich in den letzten Wochen viel Aufmerksamkeit geschenkt. Warum war ihnen das nie wirklich aufgefallen? Wahrscheinlich, weil Elboron bisher nie Anlass zur Sorge gegeben hatte und niemand seine Gefühle so gut verbarg wie er, sollte er dies wirklich wollen. Für einen Jungen seines Alters war es eine normale Reaktion, aber sie kam plötzlich. Wahrscheinlich hatte Elboron diese Gefühle lange mit sich herumgetragen und an diesem Tag waren sie endlich zu viel geworden.
„Manche Leute sagen, Raumovaile sei alt genug, damit er ein paar Pflichten von dir übernimmt, weil er eben dein Erbe ist. Außerdem habe ich gehört...“
„Unsinn! Raumovaile kann nicht...“, erwiderte Faramir sofort und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen.
Jeder Junge fühlte sich einmal zurückgesetzt, aber Elboron hatte keinen Grund dazu. Leider war niemandem bewusst, dass er der Erbe in Ithilien war, nicht Raumovaile, auch dem Jungen selbst nicht. Daher wusste Faramir nicht, wie er das Elboron jetzt erklären sollte. Er hatte gehofft, dies irgendwann in Ruhe tun zu können. Jedoch trug der Junge das Erbe seiner Mutter mit sich, war aufmerksam und scharfsinnig. Es war jetzt zu spät.
„Warum nicht? Was ist mit Raumovaile?“
Schnell nahm er den protestierenden Elboron in seine Arme und hinderte ihn so daran, irgendeine weitere Person aus dem Saal zu locken. „Elboron, ich werde es dir erzählen, das verspreche ich. Doch jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Bitte, wir haben einen Gast und Anborn freut sich, dich zu sehen, vertrau mir. Wir lieben dich nicht weniger als Raumovaile.“
Es zeugte von der Intelligenz Elborons, denn er nickte schließlich und ließ sich von Faramir von der Bank hochziehen. Trotzdem glaubte der Truchsess, in den Augen seines Sohnes ein neues Licht glimmen zu sehen: Eine Ahnung, dass Raumovaile und Canyindo mehr waren als seine Geschwister.
Früher oder später, das hatte Faramir geahnt, wären sie an dieser Stelle angelangt. Nichts führte schneller zu Problemen als das Gefühl eines Kindes, sein Bruder oder seine Schwester würden ihm vorgezogen. Aus seiner eigenen Vergangenheit wusste Faramir, wohin es führen konnte, nicht allein bei den Kindern selbst. Elboron hatte ebenfalls kurz geglaubt, Raumovaile würde ihm vorgezogen und war damit auf ein Geheimnis gestoßen. Dass sie Elboron nie Veranlassung dazu gegeben hatten, spielte keine Rolle. Kinder zogen auch unbewusst ihre eigenen Schlüsse, welche für Erwachsene manchmal schwer zu vermeiden waren. Auch das hatte Faramir erst durch Elboron wirklich gelernt.
Lange Jahre hatte Faramir gesehen, wie eine glückliche Familie um ihn entstand, die er heute stolz Anborn vorgeführt hatte. Doch jetzt glaubte er zu sehen, wie das Glück sich unter Wahrheiten auflöste, welche er gerne verdrängt hätte.
Mochten Raumovaile und Canyindo im Herzen seine Kinder sein, andere Menschen und die Welt selbst würden das nicht akzeptieren. Für sie zählte die wahre Abkunft und in dieser waren Elboron und Raumovaile nur die Kinder zweier unterschiedlicher Männer.
Sehr gerne hätte Faramir dies geändert. Welchen Nutzen hatte denn das Erbe der Zwillinge? Besonders für Éowyn und ihn würde es Schmerz bringen und vor allem auch für Elboron wenn er die Wahrheit erkannte: Er war, aus der Sicht der Welt, ein Einzelkind, allein. Vielleicht hätte er sich eines Tages darüber gefreut, als zweiter Sohn zwischen Pflicht und Freiheit wählen zu können.
Etwas, das ihm selbst verwehrt worden war.
*****
Beinahe ungeduldig hatte Elvúril auf das Erwachen der Fremden gewartet. Er kam sich zwar ein wenig albern vor, als er immer wieder an ihr Gesicht denken musste, aber er schob seine Zweifel beiseite. Schließlich hielt er es nicht länger aus und er machte sich auf dem Weg. Vorher aber rief er Kalina zu sich, damit sie sich um den Schützling des Fürstenhauses kümmerte. Es wäre unhöflich gewesen, einen Gast zu überfallen, bevor er gegessen hatte.
Gegen Mittag war der Sturm weitergezogen und Elvúril hoffte, die Menschen würden sich schnell wieder davon erholen. Fámbor war mit einigen Männern losgeritten, nach Schäden in der Umgebung zu suchen und Hilfe anzubieten. Natürlich hätte ihn der Fürst jederzeit überreden können, in Ornionon zu bleiben, denn sein Rat war ihm willkommen. Diesmal jedoch hielt Elvúril es sogar für besser, wenn Fámbor ein wenig Abstand vom Fürstensitz bekam. Sein Misstrauen gegenüber der Frau war einfach übertrieben!
Bei seinem Weg zur Unterkunft der Fremden allerdings fiel ihm die Frau regelrecht in die Arme. Nicht weit hinter ihr rannte eine wütende Kalina, die sich erst in seiner Gegenwart augenblicklich ein wenig beruhigte. Die Frau in seinen Armen schwankte und Elvúril stützte sie sofort. Welche Narretei sie dazu getrieben hatte, von ihrem Lager aufzustehen, wusste der Fürst nicht. Fragend blickte er Kalina an.
„Sie hat mich beiseite gestoßen und wollte fliehen. Eigentlich war sie bereits dabei, ungesehen zu verschwinden, als ich ihr etwas zu essen bringen wollte. Herr, ich würde raten, sie vielleicht besser einsperren zu lassen.“
Jetzt fing also auch noch die Haushälterin damit an!
„Seit wann werden Gäste in Ornionon eingesperrt?“, wies Elvúril sie scharf zurecht. Manchmal hatte er genug von den Vorstellungen dieser Frau. Kalina sollte sich besser um den Fürstenhaushalt kümmern, nicht um andere Angelegenheiten. Das nächste Mal würde er sie sicherlich nicht mehr mit einem solchen Auftrag bedenken. Und ein Gast war die Fremde, das entschied Elvúril bei ihrem geschwächten Anblick. „Lass etwas zu essen vorbereiten, falls Flüchtlinge hier eintreffen.“
„Aber, die Frau...“
„Dies ist jetzt meine Sorge! Geh jetzt.“ Man musste es Kalina hoch anrechnen, dass sie ohne zu zögern gehorchte. Hinter ihrer Stirn hatte er das wachsende Misstrauen und den Zorn auf die Fremde beinahe sehen können, aber die Haushälterin zeigte nichts davon. Dennoch gefiel Elvúril diese Situation nicht. Wäre Fámbor auch noch hier gewesen...
„Komm, ich bringe dich an einen freundlicheren Ort“, wandte sich der Fürst an die Frau. „Kannst du selbst laufen oder soll ich dich tragen?“
Doch die Frau hatte sich bereits aus seinem Griff gelöst, stand etwas schwankend, jedoch sicher auf den Beinen. Es hatte allerdings den Anschein, als wolle sie zum Ausgang des Gesindeflügels, hinaus in den Hof.
„Nicht nötig, ich muss gehen. Mein Pferd, wo ist es?“, murmelte sie, aber Elvúril schüttelte den Kopf. „Du bleibst und das ist ein Befehl. Zum Reiten bist du zu schwach. Weißt du, ich brauche keine weiblichen Helden in Anfalas. Überhaupt, wie ist dein Name?“
Der letzte Satz war ein Befehl und die Frau flüsterte: „Rhaleen.“
Ein häufiger Name in Anfalas. Sein Glaube, sie könne von einem weiter entfernten Ort kommen, zerschlug sich damit. Er wusste nicht, woran er die vergangenen Stunden überhaupt gedacht hatte. Elvúril hatte zahlreiche schönere Frauen gesehen, sie alle abgelehnt. Rhaleen war deutlich zu jung für ihn, aber es gab dennoch etwas an ihr, das immer mehr interessierte. In diesem Moment konnte er es nicht in Worte fassen, aber es war, als trüge sie ein Geheimnis mit sich. Er wusste es, denn auch seine Schwester hatte einst diese Ausstrahlung gehabt, damals, bei ihrer letzten Begegnung.
Womöglich könnte es auch eine unbestimmte Dunkelheit sein, die sie mit sich trug... Ehe seine Vorstellungen ihn ebenfalls gegen die Fremde einnahmen, verbannte er sie, endgültig, wie er hoffte.
„Nun, dann willkommen in Ornionon, Rhaleen. Ich hätte dir gern meine Gastfreundschaft ohne Bedingungen angeboten, aber jetzt muss ich dir leider befehlen, bis zu deiner endgültigen Genesung hier im Fürstensitz zu bleiben. Es wäre zudem ungünstig, wenn es sich herumspricht, dass meine Gäste mich vorzeitig verlassen wollen.“
Für Elvúril selbst hatte es freundlich geklungen, aber er sah deutlich, wie die Frau bleich wurde. Warum scheute sie Ornionon so sehr? Entgegen seiner Befürchtungen ließ sie sich dennoch widerstandslos in eines seiner eigenen Gästezimmer im privaten Flügel des Fürstensitzes bringen. Ihre Geheimnisse würde Rhaleen wohl erst preisgeben, wenn sie sich erholt hatte.
Insgeheim hoffte er, Fámbor behielte nicht am Ende recht. Zur Sicherheit ließ er dennoch zwei Wachen in einem Gang in der Nähe postieren. Ob er die Frau damit schützen wollte oder sich selbst vor Rhaleen, wusste er am Ende allerdings auch nicht wirklich.
*****
Anborn hatte beschlossen, am nächsten Morgen abzureisen und das Abendmahl endete, ehe die letzte Geschichte vollständig erzählt war. Gerne hätte Canyindo noch weitere Erlebnisse aus seiner Vergangenheit gehört, Berichte aus dem Leben eines ehemaligen Waldläufers, von anderen Zeiten und aus Anfalas, der Heimat ihres Onkels, den Teil Gondors, in den eine Stimme sie in letzter Zeit rief. Aber sie verabschiedete sich mit den anderen von ihrem Gast. Raumovaile lächelte ihr zu, wurde jedoch von ihrer Mutter aufgehalten. Nachdem Vater ihm bereits zu seinem Sieg gratuliert hatte, war es wohl für sie an der Zeit.
Canyindo scheute sich nicht, mit ihren Gedanken allein zu sein. Auch als Zwilling war sie – entgegen der Meinung mancher Leute – nicht an Raumovaile gekettet und in vielen Dingen gingen sie zwischenzeitlich eigene Wege. Stattdessen stolperte sie beinahe über Elboron, der auf sie verloren wirkte. Sie hatte bereits geahnt, es könnte etwas nicht in Ordnung sein, nachdem er den Speisesaal verlassen hatte. Es war nicht seine Art...
„Canyi, warum kann Vaile nicht Papas Pflichten übernehmen?“
War es das, was ihn die ganze Zeit beschäftigt hatte!? Beinahe hätte Canyindo gelacht. Eher hätte sie an Eifersucht gegenüber der eindeutigen Bevorzugung Raumovailes an diesem Tag oder Groll auf sie selbst gedacht. Dann kam es über sie wie ein Schwall eiskalten Wassers.
„Nun ja, er...“, stammelte Canyindo nur und blickte den Anderen hilflos an.
Plötzlich stieß Elboron hervor: „Ist Vaile nicht Mamas Sohn? Ich habe gehört, solche Jungen könnten nicht Erben ihrer Väter werden. Aber Papa hätte doch nie...“
Sehr deutlich verstand Canyindo das Konzept, das Elboron hier zu erklären versuchte. Tatsächlich war Raumovaile nicht der Sohn des Truchsess, genauso wenig wie sie selbst. Aber es hatte sie nie gekümmert und Elboron hatte es nicht wissen müssen. Alle waren sie eine Familie, allein das zählte. Woher ihr Ziehbruder seine Überlegungen hatte, wusste sie selbst nicht. Anlügen jedoch konnte sie ihn weiter nicht. Es wäre gegen ihre Überzeugung gewesen. Und vielleicht verdiente Elboron die endgültige Wahrheit.
„Raumovaile ist nicht Mamas Sohn, ich auch nicht“, gestand sie schließlich.
Möglicherweise war ihr Ziehvater nicht damit einverstanden, aber sie fand, es sei eine Sache, welche sie untereinander regeln sollten. „Aber wir sind auch nicht Vaters Nachkommen“, fuhr sie langsam fort.
Sie hätte viel darum gegeben, den Ausdruck Elborons an diesem Abend nicht sehen zu müssen. Vor ihm brach seine Welt zusammen. Für sich fand es Canyindo grausam, aber das Schicksal hatte vor ihnen als Kinder ebenfalls nicht Halt gemacht. Elboron würde verstehen müssen, dass sein Weg ein anderer war als der seiner Ziehgeschwister. Er war der Erbe seines Vaters, sie waren für etwas Anderes bestimmt. Erst mit der Wahrheit hinter sich konnten sie ihre Bande wieder stärken, bis etwas Neues daraus erwuchs, das für die Zukunft hielt.
„Elboron, deshalb kann Raumovaile nicht Papas Erbe sein: Weil er nicht sein Sohn ist. Wir waren noch klein, als unsere Mutter auch starb, aber wir wurden hier freundlich aufgenommen. Wenn du willst, wird sich nichts daran ändern, aber sei versichert, weder Raumovaile noch ich stehen deinem Erbe im Weg.“
In Wahrheit wollte Canyindo kein Erbe, sie wollte Frieden, eine eigene Familie und eine ruhige Zukunft. Das Schicksal ihrer Mutter zeigte ihr, wohin das Erbe eines alten Hauses führte. Daher wollte sie es nicht. Was Raumovaile tat, war seine Entscheidung, doch sie ahnte, er dachte ähnlich. Die Falkenskulptur in ihrer Tasche war das letzte Bindeglied zu ihrer Vergangenheit. Sollte sie sich endlich davon trennen?
Unwillkürlich zog sie Elboron in die Arme und spürte das alte Band zwischen ihnen, das kein Missgeschick jemals durchbrechen konnte. Trotzdem glaubte Canyindo, zwischen sich und dem Jungen einen Graben zu sehen, der sich langsam erweiterte. Tief in ihrem Herzen hatte sie geahnt, dass dieser Tag kommen würde.
Nicht weit von ihr entfernt fing sie kurz danach den Blick ihrer Mutter auf, die sich mit Raumovaile unterhielt. Wahrscheinlich ahnte sie, was gerade geschehen war.
Ihr Weg, der vielleicht von Emyn Arnen wegführte, hatte heute begonnen.
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@Celebne: Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Faramir irgendwelche Unterschiede zwischen den Zwillingen und Elboron machen würde. Allerdings befürchte ich, machen das andere Leute schon und die kümmern die Kinder wenig. Die Frau, die bei Elvúril aufgetaucht ist, hat natürlich auch ihre Vergangenheit. Man wird sehen. Vielen Dank für Dein Review!
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