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von Veleren    erstellt: 31.01.2010    letztes Update: 08.08.2010    Geschichte, Drama / P18    (fertiggestellt)
Disclaimer: Mit dieser Geschichte verdiene ich keine Geld und habe auch nicht die Absicht, denn sie wurde allein aus Spaß geschrieben. Tolkiens Welt gehört mir nicht und ich borge mir lediglich einige Charaktere aus. Meine von mir erfundenen Charaktere bilden allerdings eine Ausnahme.

Alterseinstufung: P18

Genre: Drama

Zusammenfassung: Zehn Jahre nach den Ereignissen in „Mit den Flügeln eines Falken“: Zwei junge Menschen sind gezwungen, sich mit ihrem Erbe auseinanderzusetzen, das sie nicht länger verdrängen können. Auch ihre Familie und ehemalige Begleiter ihres Schicksals bleiben davon nicht verschont. Sie alle müssen erfahren: Auch wenn die Feinde der Vergangenheit besiegt sind, so kann ihr Geist doch ein Erbe sein, das in einem willigen Gedächtnis getragen, zu einer neuen Waffe in den Händen der Menschen wird. Und wenn es um Macht geht, kann der Frieden schnell verloren sein.





Das Erbe des Falken





Prolog - Erinnerungen

„Elboron, pass diesmal auf, wo du hinläufst. Mutter und vor allem Nidara werden nicht erfreut sein, wenn du ein weiteres Mal in einem Schlammpfuhl landest!“

Doch Canyindo sah nur noch einen braunen Haarschopf hinter einem Baum verschwinden und seufzte. Als sie sich angeboten hatte, auf ihren kleinen Bruder aufzupassen, hatte sie es aus reiner Höflichkeit getan, nicht, weil sie sich darauf freute. An einem anderen Nachmittag in Raumovailes Begleitung war Elboron gestolpert und in einer Schlammpfütze gelandet, welche am Waldrand hinter einem Busch verborgen gewesen war, der ziemlich einzigen in der ganzen Umgebung. Nidara, ihre Kinderfrau und engste Vertraute hatte die richtigen Worte für den kleinen Windkopf gefunden, während der Blick Éowyns, ihrer Mutter, gegenüber Raumovaile mehr als missbilligend gewesen war. Elboron war ein liebenswürdiger Junge, aber er befand sich in einem Alter, fand Canyindo, in dem man ihn am besten an einem Stuhl festgebunden hätte. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie und Raumovaile vor fünf Jahren im gleichen Alter genauso gewesen waren.

Irgendwo in ihrer Nähe befand sich Imrogorn, der sie als Wächter begleitete. Da es jedoch in Ithiliens Wäldern fünfzehn Jahre nach Ende des Krieges keine Gefahren mehr gab, waren sie es gewohnt, vielfach allein durch die Gegend zu streifen. Von ihrer Mutter Éowyn hatte Canyindo zudem den Umgang mit einem Messer gelernt und war in der Lage, sich gegen einen Angreifer zu wehren. Hilfe suchend blickte sich Canyindo dennoch in diesem Moment nach Imrogorn um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Irgendwie ahnte sie eine Unannehmlichkeit voraus. Der Gefolgsmann ihres Vaters war allerdings auch nicht erfreut über seine Tätigkeit als Hüter, ließ die Kinder gerne laufen. Sie war also auf sich allein gestellt. Wie zur Unterstützung griff sie nach der kleinen Skulptur eines Falken im Flug, die sie in einer Tasche an ihrem Gürtel trug. Ihre wahre Bedeutung hütete sie lediglich in einem Winkel ihres Geistes, doch sie war eine Art Glücksbringer für sie geworden. Dann raffte sie entschieden ihre Röcke und versuchte, Elboron zu folgen.

Plötzlich hörte sie ein Klatschen, dann einen Schrei: „Canyi!“

Natürlich, wie konnte es anders sein! Was mit Raumovaile geschehen war, davon konnte sie nicht verschont bleiben. Kurz danach blieb Canyindo stehen und betrachtete das Missgeschick, das sich vor ihren Augen eröffnete: Auf einer Lichtung befand sich ein kleiner Teich. Auf ihrer Seite fiel das Ufer steil zum Wasser hin ab, eine Falle für unvorsichtige Besucher. Éowyn hatte sie stets gelehrt, an unbekannten Orten mit Bedacht vorzugehen. Elboron hatte diesen Rat nicht beherzigt. Zumindest stand er bereits wieder nicht weit entfernt am Ufer, aber vor Nässe triefend. Seine sonst braunen Haare mit einem Schimmer von rot hingen in traurigen, fast schwarzen Strähnen wirr um seinen Kopf, die Kleidung aus festem Stoff klebte an seinem Körper. Für sich bot Elboron einen traurigen und gleichzeitig erheiternden Anblick, aber Canyindo zügelte ihre Belustigung und seufzte einmal mehr.

„Hörst du mir einmal zu?“, rief sie zu Elboron hinüber, bevor sie sich umdrehte um nach Imrogorn zu rufen.

Sollte Elboron erkranken, würde sie sicher den Jungen pflegen dürfen und danach hatte sie kein Bedürfnis. Sie wusste, als Tochter eines Fürsten hatte sie wenig Wahl für ihre Zukunft, doch als Heilerin und Kinderfrau fehlte ihr die Begabung und sie mied die Tätigkeiten, soweit sie konnte.

Nidara würde sich des Jungen annehmen. Zumindest war der Ausflug, den sie geplant hatten, um Elboron vom Warten auf das Abendessen mit ihrem Gast abzulenken, sehr schnell beendet. Raumovaile wartete zudem auf Canyindo. Obwohl sie mit ihren fünfzehn Jahren bereits unterschiedliche Wege gingen, zog es die beiden Geschwister immer wieder zueinander, ein Erbe aus Zeiten der Gefahr und Verfolgung.

Dunkle Bilder stiegen plötzlich in Canyindo auf, Erinnerungen an eine Frau mit goldenen Haaren, an ein sanftes Lächeln, ihre wirkliche Mutter. „Canyi!“ Der Ruf unterbrach ihre Gedanken jedoch und lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf ihren anderen Bruder.

Es war schön, dass wenigstens Elboron keine weiteren Sorgen kannte und kein anderes Unglück als dieses. Und dass er eine Schwester hatte, die ihm zur Seite stehen konnte.

*****

Das Klirren von Metall drang über den Hof zu ihnen herüber, zwei Männer bewegten sich im Schritt eines Kampfes, während einige Zuschauer sie anfeuerten und zwei weitere sie besonders neugierig beobachteten. Einer davon war deutlich ein Krieger, dessen dunkelblonder Schopf bereits von einigen grauen Strähnen durchzogen war, der andere ein schlanker Junge, erst beinahe ein Mann, dessen blonde Haare in der Nachmittagssonne schimmerten.

„Dein Ziehsohn hält sich gut gegen den Hauptmann“, bemerkte Anborn und Faramir musste ihm zustimmen.

Raumovaile war einst ein zurückhaltender Junge gewesen, aber er hatte sich in den zehn Jahren in den Emyn Arnen genau wie seine Schwester Canyindo sehr gewandelt. Sein leiblicher Sohn Elboron, sein bisher einziger Nachkomme, konnte ihn kaum übertreffen. Mit fünfzehn Jahren gegen einen harten Krieger wie Beregond bestehen zu können, der mit immer wilderen Hieben seinen Gegner dennoch nicht überwinden konnte, war eine Auszeichnung.

Faramir murmelte und sah weiterhin dem Treiben zu: „In seinem Alter hätte ich mich nicht so gut geschlagen. Beregond war sein Lehrer und er hat seine Sache mehr als gut gemacht. Wenn er auch nicht mein Erbe sein kann, wird er möglicherweise einmal der Hauptmann der Weißen Schar werden, soweit er dies möchte und sein eigenes Erbe ihm nicht wichtig ist.“

Offenbar erstaunt riss sich Anborn vom Kampf los und zog die Aufmerksamkeit Faramirs auf sich. Der Truchsess war über den Besuch seines alten Waldläufergefährten erfreut gewesen. Nach Elborons Geburt hatte sich sein Leben mehr auf seine Familie gerichtet. Darin war wenig Platz für Männerfreundschaften gewesen, aber Faramir hatte sie nicht wirklich vermisst. Éowyn, die beiden Zwillinge und Elboron waren seine Erfüllung, sein wahrer Frieden und er hätte alles aufgegeben um sie bei sich behalten zu dürfen. Dennoch hatte er den Kontakt zu Anborn und den anderen nicht vollständig aufgegeben. Nun war der ehemalige Waldläufer, der zwischenzeitlich selbst eine Familie hatte und in einem Dorf in Anfalas lebte gekommen, um einen alten Freund zu besuchen.

„Du hast mir nie erzählt, dass dein Ziehsohn selbst ein Erbe hat. Ich dachte, sie wären Waisenkinder gewesen.“

Aragorn war es gewesen, der ihm geraten hatte, gegenüber anderen die wahre Geschichte der beiden Kinder geheim zu halten. Allzu viele Menschen waren bereit, im Kampf um Macht und ein Erbe selbst unschuldige Geister zu verderben und für sich zu nutzen. Zwar war Anborn ein Freund, doch hatte Faramir keine Ausnahme gemacht. Raumovaile und Canyindo sollten in Frieden aufwachsen. Jetzt jedoch spürte der Truchsess, wie das alte Erbe der Kinder sich langsam in den Vordergrund drängte. In den Augen der Menschen waren die Zwillinge alt genug, ihre wahre Herkunft zu erfahren und andere Menschen ebenso.

Faramir lehnte sich gegen die Wand des Schuppens neben ihnen und holte Luft. „Waisenkinder waren sie nicht wirklich. Éowyn fand sie im Alter von fünf Jahren mit ihrer Mutter Fionráme, welche noch am gleichen Tag starb. Zuerst kannten auch wir die Geschichte der beiden nicht. Erst langsam begannen wir die Intrigen, die Lügen und Gefahren zu begreifen, die sich um diese beiden Kinder spannen. Ihr Vater war Anadrieldur, Herr von Achaenard und Aceydava, vor ihrer Geburt in einem Angriff von Feinden, welche sich Sadoryn nannten, gefallen und sie sind die Erben.“

„Also ist Raumovaile ein Fiondi!“, rief Anborn aus.

Nicht weit entfernt fiel ein Schwert klirrend zu Boden, aber Faramir mochte nicht nachsehen, welcher der beiden Kämpfer gewonnen hatte. Stattdessen ergriff er den ehemaligen Waldläufer neben sich am Arm. „Woher weißt du davon?“

„Ich hörte einmal durch Zufall bei einem Besuch im Fürstensitz in Ornionon, wie Herr Elvúril von seiner Schwester erzählte, die sich mit dem Herrn eines Fürstenhauses, der Fiondi, vermählt hätte, das jedoch untergegangen ist“, gestand Anborn. „Wir haben uns oft gefragt, warum ein Mann wie Elvúril manchmal einen solch traurigen Blick mit sich trägt. Damals erfuhr ich die Wahrheit, behielt sie jedoch für mich. Sicher wäre Elvúrils Berater Fámbor erfreut gewesen, einen unliebsamen Zuhörer zu finden. Bisher ahnte ich allerdings nicht, dass es Nachkommen der Fiondi gibt.“

Manchmal vergaß Faramir, wo Anborn jetzt lebte. Wie es den ehemaligen Waldläufer nach Anfalas verschlagen hatte, blieb ihm ein Rätsel. Aber der Herr des gondorrischen Lehens war Elvúril, Fionrámes Bruder und Onkel seiner beiden Ziehkinder. Auch er war Teil der Geschichte der beiden.

Obwohl es nur vertrauenswürdige Leute in Emyn Arnen gab, blickte sich Faramir einmal um, bevor er erwiderte: „Wenige wissen es und ich habe mir Mühe gegeben, es weiter zu verbergen. Als wir sie fanden, war das Leben der Kinder ständig in Gefahr. Der Überfall auf die Fiondi und den Tod ihres Vaters verdanken Raumovaile und seine Schwester den Sadoryn, den Getreuen. Ihre Anführer Bregolas und besonders Eäránd glaubten, Denethor hätte ihnen befohlen, ein verräterisches Fürstenhaus, die Fiondi, zu vernichten. Aber ich weiß, dass dem nicht so war. Dennoch hielten sie an ihrer Überzeugung fest, verfolgten erst die Mutter, dann die Kinder. Erst nach großen Mühen konnten wir die beiden Anführer gefangen nehmen, das größte der Verstecke der Sadoryn ausheben.“

Wieder einmal erschien das Bild des Mädchens vor sich, das Faramir damals in den unterirdischen Gängen begegnet war. In welcher Beziehung sie zu den Sadoryn gestanden hatte, wusste er bis heute nicht, aber ihr hasserfüllter Blick hatte sich in seine Seele gegraben und er würde ihn nie wieder vergessen. Anborns vorsichtiges Räuspern holte ihn in die Gegenwart zurück.

„Keine schönen Erinnerungen“, vermutete der ehemalige Waldläufer.

„Nein. Elessar benötigte nach diesem Sieg noch mehr als vier Jahre, ehe es ihm gelungen war, alle Mitglieder der Sadoryn aufzuspüren und einem gerechten Urteil zuzuführen. Es war eine harte Zeit, denn Éowyn befürchtete, sie könnten die Kinder doch noch in Emyn Arnen aufspüren. Beregond ist es zu verdanken, dass sie stets in Sicherheit waren. Seit nunmehr sechs Jahren haben wir nichts mehr von den alten Geistern gehört. Und wir wollen sie auch nicht wieder hervorholen.“

„Trotz der Gefahr ist Raumovaile zu einem sehenswerten, jungen Mann geworden“, gab Anborn zu und zeigte auf den Kampf, der jetzt vorüber war.

Gerade half Raumovaile seinen Lehrmeister mit der Hand vom Boden aufzustehen und Faramir hörte Beregond sagen: „Ein großes Lob, Junge. Du machst deinem Vater alle Ehre.“

„Und seine Schwester ist auf ihre eigene Art ebenso tapfer“, konnte sich Faramir einen Zusatz nicht versagen, denn er achtete Canyindo nicht geringer, obwohl sie ein Mädchen war. Schade, fügte er in Gedanken hinzu, dass sie keine allzu große Schönheit ist.

In einer Geste zwischen alten Kameraden hieb ihm Anborn freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. „Gondor ist friedlich und deine beiden Ziehkinder haben ein Leben in Glück vor sich. Bei einem Vater wie dir kann es nicht anders sein. Wann wirst du sie vor die Entscheidung stellen? Wirst du es überhaupt?“

Diese Fragen hatte sich Faramir auch bereits gestellt, sie jedoch immer wieder verdrängt. Auch Éowyn liebte die Kinder über alles, genau wie ihren leiblichen Sohn Elboron. Keinen von ihnen wollten sie verlieren und deshalb hatte sich auch Faramir geweigert, ein Wort über ein altes Erbe zu verlieren. Doch Raumovaile und Canyindo wurden älter und er sollte es vielleicht tun, bevor das Schicksal die beiden Kinder selbst einholte.

„Darüber werde ich mit Éowyn sprechen.“ Ehe sie ihr Gespräch fortführen konnten, kam Raumovaile zu ihnen herüber, ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht und Faramir konnte sich seines Stolzes nicht mehr erwehren.

„Hast du das gesehen, Vater?“, wollte der Junge begeistert wissen und der Truchsess nickte.

„Nicht nur ich bin stolz auf dich, mein Sohn!“

Mein Sohn... Vom Blut her gesehen stand ihnen Elvúril, der Herr von Anfalas, als einziger Mensch wirklich nahe. Im Herzen jedoch bedeuteten solche Verbindungen für Faramir nicht alles. Dort wusste er bereits seit vielen Jahren, dass Raumovaile und Canyindo sein Sohn und seine Tochter waren, ob Blut sie mit ihnen verband oder nicht. Auch Anborn lächelte anerkennend.

Sollte Elboron ihm auch so große Freude machen, war Faramirs Leben erfüllt. Damals, vor vielen Jahren, als sie die Kinder gefunden hatten, war es zweifelhaft gewesen, ob die Gefahren hinter ihnen je vergehen würden. Aber die Schatten waren verschwunden, selbst die Erinnerung an die beiden Männer im Kerker hatten sie versiegen lassen.

„Kommt, wir sollten deinen Besuch nicht mit alten Geschichten überschatten, Anborn“, forderte Faramir die beiden anderen auf. „Sobald Canyindo und Elboron von ihrem Ausflug zurück sind, werden wir gemeinsam essen. Es ist gut, alte Freunde zu Besuch zu haben.“

Vielleicht war es selbstsüchtig von einem Vater, seine Kinder anderen vorzeigen zu wollen. An diesem Tag aber konnte selbst Faramir nicht anders.

Was einst unter Gefahren begonnen, war zu seinem größten Glück geworden. Nichts konnte das je wieder zerstören.

*****

Bereits aus dem Gesichtsausdruck ihrer Ziehtochter konnte Éowyn lesen, dass ein Missgeschick passiert sein musste. Sie wusste, Faramir wollte mit Anborn und ihr zu Abend essen und hatte Elboron und Canyindo unter Imrogorns Begleitung nur unter der strengen Ermahnung besonders an ihren Sohn, auf sich Acht zu geben, in den Wald reiten lassen. Doch Elboron war ungeduldig, verständlich in seinem Alter und er war ihr mehrfach bei den Vorbereitungen für ein angemessenes Mahl im Weg gestanden. Canyindo, so hatte sie gehofft, würde in der Lage sein, auf den Jungen aufzupassen. Zu deutlich war ihr das Missgeschick im Gedächtnis, das ihm mit Raumovaile passiert war. Dennoch ahnte sie eine weitere Unannehmlichkeit.

„Was ist geschehen?“

Hinter Canyindo erschien ein völlig durchnässter Elboron, den Blick verschämt auf dem Boden gerichtet. Auch seine Ziehschwester war alles sichtlich unangenehm.

„Ich bin in den Teich gefallen“, presste Elboron schließlich hervor als Canyindo ihm einen Schubs gab. „Ich wollte Fangen spielen, obwohl du gesagt hast, ich soll aufpassen, weil wir heute Abend einen Gast haben.“

Dabei sah der Junge wie der sprichwörtlich arme Wicht aus, über dem die Regenwolke schwebte. Wenn Éowyn es überdachte, hätte es auch gut sein können. Ob sie Lachen oder ihn mit ein wenig Groll zurechtweisen sollte, wusste sie nicht. Stattdessen rief sie: „Nidara!“

Beim Klang des Namens zuckte Elboron zusammen, denn er wusste, was ihn jetzt erwartete. Egal, was der Junge getan hatte, Éowyn hatte es nie wirklich geschafft, streng mit ihm zu sein. Diese Aufgabe kam stets seiner Kinderfrau zu, die auch Raumovaile und Canyindo erzogen hatte. Die Zunge von Beregonds Gemahlin war in den Jahren in Emyn Arnen flink und manchmal scharf geworden und Elboron kannte die unangenehme Seite allzu gut. Natürlich liebte er seine Mutter und auch Nidara über alles, aber der Gedanke, gerade die Kinderfrau enttäuscht zu haben, war für ihn schlimmer als jede Strafe. Genau das machte sich Éowyn zunutze. Bis zum Abendessen war es nicht mehr lang und Elboron musste vorzeigbar sein. Dass Canyindo keine Schuld traf, ahnte Éowyn ebenfalls. In diesem Alter waren alle Kinder schwierig, hatte sie sich sagen lassen, selbst ein sonst artiger Junge wie Elboron. Allein seine beiden Ziehgeschwister waren anders gewesen.

Tatsächlich schlug Nidara beinahe ihre Hände über dem Kopf zusammen, als sie Elboron wenig später erblickte.

„Hätte ich gewusst, dass der Teich so nahe ist, hätte ich besser auf ihn aufgepasst“, gestand Canyindo derweil, aber Éowyn gebot ihr zu schweigen. Für ihre Tochter hatte sie eine andere „Strafe“ im Sinn. Am liebsten hätte sie Canyindo gehen lassen, aber für ihre Zukunft musste sie lernen, dass eine Aufsichtsperson immer eine gewisse Verantwortung für ihre Schützlinge trug.

„Elboron, da du es liebst zu baden, solltest du in Zukunft daran danken, dich vorher auszuziehen. Wobei ich mich heute noch frage, welchen Beitrag der Schlammpfuhl für deine Schönheit geleistet hat.“ Gleichzeitig packte Nidara den Jungen am Arm, während sie Éowyn kurz zunickte. Die beiden Frauen verstanden sich nach langer Zeit jedoch ohne Worte, waren Freundinnen geworden, wo es der Rang erlaubte. Zu ihrem Erstaunen protestierte Elboron nicht. Wahrscheinlich fühlte er sich ziemlich schuldig, zusätzliche Probleme für seine Mutter verursacht zu haben.

„Du wirst mir derzeit bei den Vorbereitungen helfen“, sagte die Rohira zu Canyindo, die sich bisher nicht vom Fleck bewegt hatte.

Wortlos folgte das Mädchen, lauschte dem Klang der Arbeiten aus dem Wirtschaftstrakt des Fürstensitzes. Hier war die Tochter der Fiondi aufgewachsen und es war ihre Heimat. Doch als Éowyn sie anblickte, erkannte sie bereits eine junge Frau. Es war Zeit, dass Canyindo selbst Entscheidungen über ihre Zukunft traf, genau wie Raumovaile. Wenn sie jedoch ehrlich war, wollte sie das Mädchen nicht gehen sehen.

„Es tut mir leid“, sagte Canyindo plötzlich mit der Übertreibung eines Kindes, „ich wollte nicht, dass Elboron etwas geschieht. Er hätte auch leicht ertrinken können, weil ich ihm nicht gleich gefolgt bin. Aber ich liebe ihn, als ob ich seine richtige Schwester wäre.“ Die Zwillinge kannten einen Teil der Wahrheit, wenn auch nicht die ganze.

„Egal, was andere sagen, du bist seine richtige Schwester.“

Nach langen Jahren wusste Éowyn endlich, dass sie keine weiteren Kinder außer Elboron haben würde. Eine Heilerin hatte ihr eröffnet, es sei unwahrscheinlich, nach der langen und schweren Geburt ihres einzigen, leiblichen Sohnes, würde sie weitere Kinder empfangen können. Und so oft es sie und ihr Gemahl probiert, so oft sie es gehofft hatten, war nichts geschehen. Deshalb allein wollte sie Canyindo und Raumovaile weiter in ihrer Nähe wissen und für sie waren es ihre eigenen Kinder.

„Sollte Elboron es nicht wissen?“, fragte das Mädchen leise und blieb stehen.

Dies hatte sich Éowyn viele Male überlegt, aber die Entscheidung den Zwillingen überlassen.

„Eines Tages. Nicht heute Abend jedoch.“

Dann ging sie weiter in Richtung der Küche und wusste, Canyindo folgte ihr. Das Mädchen war fleißig, gehorsam und zuverlässig, aber in ihr trug sie schweres Erbe, dessen Umfang sie erst noch lernen musste. Konnte sie damit wirklich glücklich werden? Sofort nachdem Anborn abgereist war, entschied Éowyn, würde sie mit Faramir sprechen.

Der Zeitpunkt für die Wahrheit gegenüber den beiden Ziehkindern war wohl gekommen. Nicht heute, aber bald.

*****

„Der wievielte Sturm in diesem Jahr ist das bereits?“

Elvúril lächelte grimmig, blickte zu seinem Berater hinüber, der sich auf eine sehr herausfordernde Weise an das kleine Fenster gelehnt hatte, vor dem seit Stunden ein Sturm über Ornionon und dem Fürstensitz tobte. Fámbor liebte solche Spiele, auch nach zehn Jahren, nachdem er in Anfalas eingetroffen war. Beide waren sie Freunde und dennoch brauchten sie solche Momente, um sich nicht in den langweiligen Pflichten ihres Ranges zu verlieren. Vor allen anderen hatte Elvúril die direkte Art seines Beraters, der eine wenig ansprechende Vergangenheit hinter sich hatte, schätzen gelernt.

„Es ist jedenfalls der stärkste bisher“, bemerkte der Herr von Anfalas und das entlockte dem anderen Mann ein abfälliges Schnauben.

„Ich denke, ich werde mich nach dem Abklingen des Sturms mit einigen Leuten auf den Weg machen und sehen, ob wir den Bewohnern einiger Küstendörfer hier unter die Arme greifen können. Deine Männer sollen schließlich nicht allzu bequem werden.“

Etwas in dieser Richtung hatte auch Elvúril geplant, aber Fámbor war ihm ein weiteres Mal zuvor gekommen. Zornig darüber war er allerdings nicht. Manchmal verstand er jedoch nicht, wie der Andere in seiner Vergangenheit einen solch großen Irrtum auf seinem Lebensweg hatte begehen können. Er hatte Jahre verschwendet, die er besser hätte zubringen können. Aber auch er selbst, erinnerte sich Elvúril dann, war einmal ein Narr gewesen. Zumindest konnte er sich glücklich schätzen, in einem schwierigen Jahr wie diesem, in dem die Fischer wegen Stürmen oft nicht aufs Meer fahren konnten und die Bauern um ihre Ernte fürchten mussten, einen Berater wie Fámbor an seiner Seite zu haben.

Bevor sie ihr Gespräch aber fortsetzen konnten, klopfte ein Diener an und berichtete von einem Fund, den die Männer unweit des Fürstensitzes gemacht hatten.

„Eine einsame Reiterin also“, murmelte Fámbor, nachdem der Diener den Raum wieder verlassen hatte. „Wer ist so verzweifelt, in einem Sturm wie diesen auszureiten? Sie hat Glück, dass deine Wachen aufmerksam genug waren.“

Neugierig geworden sagte Elvúril: „Ich glaube, ich werde mir diese mutige Frau einmal selbst ansehen.“ Die Proteste Fámbors, er müsse sich als Fürst nicht um jeden Ankömmling kümmern, erstickte er und fügte hinzu: „Was glaubst du, gibt es bei diesem Sturm sonst zu tun? Außerdem muss ich verhindern, dass Kalina sich darum kümmert.“

Der Name der Haushälterin des Fürstensitzes, das wusste auch Fámbor, war immer eine Begründung selbst einzugreifen.

~~~

Schwarze Haare breiteten sich wie ein Teppich über das mit Stroh gefüllte Kissen der einfachen Bettstatt aus, auf dem die Frau ohne Bewusstsein ruhte. Nicht weit davon entfernt stand Kalina, deren verhärmtes Gesicht zu einem noch grimmigeren Ausdruck als sonst verzogen war. Elvúrils Ankunft – oder besser: Einmischung – kam ihr sichtlich ungelegen. Der Fürst wusste, dass sie es nicht gerne sah, wenn hilfsbedürftige Menschen wie diese ihre Ordnung durcheinander brachten. Dennoch war Kalina die beste Haushälterin, welche man sich wünschen konnte und niemand konnte sie derzeit ersetzen. So war Elvúril bereit, mit ihren Eigenarten auszukommen – vorläufig.

„Weiß jemand, wer sie ist?“, erkundigte sich Elvúril, aber der Wachmann, der sie gefunden hatte, schüttelte den Kopf. „Mein Kamerad machte mich während unseres Rundgangs auf sie aufmerksam, Herr. Ihr Pferd befand sich nicht weit entfernt; das Zaumzeug hatte sich in einem Busch verfangen. Wahrscheinlich ist es bei diesem Sturm vor Angst durchgegangen und sie wurde abgeworfen. Viel bei sich hatte die Frau aber nicht. Außer diesen einfachen Kleidern befand sich in ihrer Tasche am Sattel lediglich ein kleiner Vorrat an Trockenfleisch. Schwer verletzt ist sie nicht, nur ein paar Schrammen.“

Kalina meldete sich zu Wort: „Wenn sie aufwacht, wird sie uns schon sagen, was sie zu dieser Dummheit getrieben hat. Ihren Namen wird sie sicher auch wissen. Das dürfte als Dank für die Aufnahme und die Pflege hier das Mindeste sein.“

Wieder einmal störte die Haushälterin Elvúrils missbilligender Blick nicht. Sorgfältig musterte der Fürst die bewusstlose Frau auf dem Bett im Gesindetrakt. Eine Edle konnte sie nicht sein, aber was ihn am Ende an ihr fesselte, wusste er selbst nicht genau. Draußen heulte der Sturm, als wolle er ihn an den Grund ihrer Aufnahme erinnern.

„Auf jeden Fall kann sie hierbleiben, bis der Sturm vorüber ist. Es soll nicht heißen, das Fürstenhaus von Anfalas würde Menschen in Not abweisen.“

Danach ließ Elvúril die Fremde mit der Haushälterin allein. Fámbor fing ihn an der Tür ab. „Mich erinnert diese Frau an irgendetwas. Hilfsbereitschaft in Ehren, aber ich rate dir, sie beobachten zu lassen. Irgendetwas stimmt hier nicht.“

Elvúril klopfte seinem Berater auf die Schulter und lächelte. Manchmal, das wusste er, verfiel der Andere noch in alte Gewohnheiten zurück. Die Frau war lediglich eine Abwechslung im Alltag, nicht mehr. Was sollte an ihr schon seltsam sein?

Die Geister der Vergangenheit waren mittlerweile bloße Schemen und dabei sollte es bleiben. Eine Frau eine Gefahr? Lächerlich!

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