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von annamolly    erstellt: 31.01.2010    letztes Update: 19.07.2011    Geschichte, Romanze / P16    (fertiggestellt)
25. Dezember 2008

Der erste Weihnachtsfeiertag - und ich verbringe ihn mit meiner besten Freundin im Kaffeehaus.

Zumindest teilweise. Zwei Stunden hat sie mir gegeben, dann muss sie wieder zurück nach Hause - zur Familie. Zu ihren Eltern.

Ich gehe dann wieder nach Hause in meine Wohnung, wo mein kleiner Weihnachtsbaum auf mich wartet. Dazu Pizza vom Pizzaservice und ein schlechter Film im Fernsehen.

Meine Eltern sind seit zwei Jahren schon in Kapstadt. Letztes Jahr sind sie wenigstens zu Weihnachten heim gekommen - dieses Jahr hat mein Vater meiner Mutter eine Reise geschenkt.

Nach Marokko, glaube ich, keine Ahnung.

Meine Eltern sind also nicht da, Mario ist bei seinen Eltern in Wien. Eigentlich hat er darauf bestanden, dass ich mitkomme, aber da hatte ich absolut keine Lust drauf. Seine Eltern machen mir oft genug deutlich, dass sie nicht unbedingt so viel von mir halten.

Er hat behauptet, das würde gar nicht stimmen, dann haben wir uns gestritten und er ist gefahren.

Also verbringe ich Weihnachten nicht nur alleine - nein, auch noch im Streit mit meinem Freund und ohne seit zwei Wochen etwas von meinen Eltern gehört zu haben.

Nicht mal gestern haben sie angerufen.

Nur ihr Paket war gestern in der Post. Zwei Pullover aus ganz fantastisch weicher Wolle - ich habe schon wieder vergessen, wo genau das jetzt herkommt - und eine Weihnachtskarte.

„Hallo Schatz, wir hoffen, du hast ganz wunderschöne Weihnachten. Es tut uns leid, dass wir es dieses Jahr nicht nach Hause geschafft haben, aber ab Sommer sind wir ja wieder da! Mama und Papa“ stand drauf.

Toll.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so ein ätzendes Weihnachtsfest hatte. Wirklich nicht.

Deswegen war ich heute auch schon eine halbe Stunde früher als verabredet im Kaffeehaus. Habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten, musste einfach mal raus.

Jetzt sehe ich auch Sophia, die sich einen Weg bahnt, von der Tür bis zu meinem Tisch und sich daran fallen lässt, erst Mal erschöpft durchatmet. „Hey Süße“, sagt sie dann, küsst mich auf die Wange.

„Hallo“, antworte ich nur, rühre in meinem Kaffee und stütze mein Kinn auf die Hand, beobachte, wie sie sich erst Mal ihren Mantel, dann die Mütze, Schal und ihre Strickjacke ablegt.

„Also so kalt ist es jetzt auch nicht“, sage ich spöttisch und sie streckt mir die Zunge raus.

„Du hast ja keine Ahnung... Ich komme direkt vom Schlittenfahren mit meinen Cousins, da wird dir verdammt schnell verdammt kalt“, verteidigt sie sich, bestellt ebenfalls ein Stück Sachertorte.

Ich habe schon das Zweite vor mir.

„Und wie ist dein Weihnachten bisher?“, fragt sie, lächelt zufrieden, als sie ihren Kuchen bekommt.

Ich hebe eine Augenbraue, starre sie an und frage mich, ob das ein Witz ist. Bis mir auffällt, dass sie gar nicht weiß, dass Mario in Wien ist.

„Ganz toll“, antworte ich sarkastisch. „Meine Eltern lassen sich in Südafrika oder Marokko, oder wo auch immer sie sind, nicht erreichen und mein Freund feiert Weihnachten in Wien.“

„Oh“, macht Sophia nur, sieht mich betroffen an. „Ich dachte, er hätte das abgesagt und ihr würdet zusammen feiern - hier?“

Ja, das hatte ich auch mal gedacht. Dem war aber ja nicht so... Und auf einmal ist er auch davon ausgegangen, dass ich das wüsste. Hat getan, als hätte von Anfang an festgestanden, dass er nach Wien fährt.

Spinner.

„Und was ist sonst so los bei dir?“, fragt meine beste Freundin jetzt. Versucht, mich abzulenken.

Ich denke nach. „Ich hab’... vor drei Tagen einem wildfremden Kerl meine Handynummer gegeben.“

Gut, so hatte ich ihr das jetzt nicht erzählen wollen... Wenn ich ihr überhaupt von Sebastian erzählen wollte. Wollte ich, glaube ich, echt nicht. Ich meine... Warum sollte ich? Es ist ja nicht so, als wäre da irgendwas.

Wir haben uns vorgestern zum Kaffee trinken getroffen, es war nett und mehr auch nicht.

Er ist ein netter Typ, ja. Unglaublich sympathisch und freundlich, hat mich oft zum Lachen gebracht. Aber mehr auch nicht.

Sophia scheint allerdings an ganz andere Dinge zu denken, denn sie starrt mich mit aufgerissenen Augen und offenem Mund an. „Entschuldigung, bist du wirklich meine beste Freundin Julika Kienzl?“, fragt sie dann.

„Mann, Phia, da war nichts, okay? Kein Grund, so zu schauen!“, murre ich, strecke meinen Arm nach ihr aus und schlage ihr leicht gegen die Stirn.

„Ja, erzähl’ halt mal! Wer ist er und - warum gibst du ihm deine Handynummer?“

Ergeben seufze ich. Wenn ich jetzt nichts erzähle, dann wird sie einfach so lange nachbohren, bis ich nachgebe. Irgendwie wie Sebastian. Der lässt auch einfach nicht locker.

„Ich war im Kaffeehaus und... Na ja, er hat mich umgerannt, hat mich nicht gesehen. Dann hat er sich entschuldigt, mir geholfen, meine Sachen aufzusammeln und hat mich noch auf einen Kaffee eingeladen. Als Entschädigung. Und... Er hat einfach so lange gebettelt, bis ich nachgegeben habe. Genauso mit der Handynummer. Ich wollte ihm die nicht geben, schon allein wegen Mario, aber er hat so lange gefragt, bis ich sie ihm doch gegeben habe... Er wolle in Kontakt bleiben, hat er gesagt. Und... Vorgestern haben wir uns dann noch mal auf einen Kaffee getroffen“, fasse ich zusammen, hebe die Schultern.

Ist ja irgendwie nichts dabei. Ich war zweimal mit ihm Kaffee trinken und gut ist. Mehr wird da auch nicht mehr passieren. Wenn er das nächste Mal anruft, werde ich ihm klipp und klar sagen, dass ich einen Freund habe und wir uns nicht mehr treffen können - sollten.

„Wie romantisch“, seufzt Sophia und ich runzele irritiert die Stirn.

„Was ist denn daran romantisch, wenn dich so ein blöder Wappler einfach umrennt?“

Sie verdreht die Augen, verzichtet aber auf eine Antwort. Stattdessen... „Jetzt erzähl’ eben! Wie heißt er, wie sieht er aus, was macht er, woher kommt er, wie alt ist er...“, fordert sie und ich ziehe die Augenbrauen zusammen.

Spinnerin.

„Er heißt Sebastian und kommt hier aus Graz, wohnt aber gerade in Deutschland. Bremen. Was er da macht, keine Ahnung, ich hab’ nicht gefragt. Ist wohl so in meinem Alter, vielleicht zwei Jahre älter, oder so...“ Das ist so ziemlich alle Info, die ich von ihm bekommen habe.

Na gut, bis auf so kleine Randnotizen, dass sein bester Freund Martin heißt und seiner Freundin gerade einen Hund kaufen will, aber keine Ahnung hat, was für einen, und deswegen ihn immer nervt und so Sachen.

Aber das wird Sophia eher nicht interessieren - und geht sie auch nichts an.

„Dass du dir aber auch immer alles aus der Nase ziehen lassen musst! Wie sieht er aus?“, bohrt sie nach. Ein bisschen genervt.

„Er ist... Groß. Also... Riesig, echt. Bestimmt fast zwei Meter. Und hat ’n verdammt breites Kreuz, aber eigentlich... Er sieht nicht schlecht aus. Hat schöne braune Augen... Und so“, murmele ich. Habe das Gefühl, sogar ein bisschen rot um die Nasenspitze zu werden, weil ich genau weiß, wie das jetzt klingt.

Und wie Sophia es interpretieren wird. „Du hast dir aber jetzt nicht Sebastian Prödl abgeschleppt, oder?“, fragt die allerdings.  

Sebastian Prödl? „Wen?“

„Mann, Julika! Sebastian Prödl, Fußballnationalspieler...“ Ach. In dem Zusammenhang habe ich den Namen auch schon mal gehört, aber ich kann beim besten Willen dem kein Gesicht zuordnen. Hebe also nur die Schultern. „Na ja, es würde alles passen“, fährt Sophia aber einfach fort. „Er ist ungefähr zwei Jahre älter, ist groß - und vor allem ist er Grazer aber spielt gerade bei Werder Bremen...“

„Und was für ein Zufall wäre das, dass mich ausgerechnet ein Fußballnationalspieler umrennt?“, frage ich nur.

Ist doch so. Graz hat 250.000 Einwohner, da wäre es ein arger Zufall, wenn ich hier ausgerechnet einem Fußballer über den Weg laufen würde. Noch dazu einer, der nicht mal hier wohnt.

„Gibt vielleicht nicht nur einen Sebastian aus Graz, der gerade in Bremen wohnt“, antworte ich nur.

Sie will noch etwas dazu sagen, lässt es dann aber. Erst ist sie noch ein, zwei Gabeln Kuchen, bevor sie doch noch mal auf das Thema zu sprechen kommt.

„Und wie findest du diesen Sebastian jetzt?“

Ich werde nachdenklich. Wie ich ihn finde? Keine Ahnung. „Er ist... Nett“, fange ich an. „Wirklich, er ist total sympathisch und freundlich und alles... Zuvorkommend ohne Ende. Und... Keine Ahnung, er ist einfach sympathisch. Aber da ich ihn eh nicht noch mal sehen werde, ist’s auch egal.“  

„Wie, du wirst ihn nicht noch mal sehen?“ Jetzt klingt sie fast so enttäuscht, als würde es um sie gehen, nicht um mich.

„Mann, Sophia, du weißt doch, wie Mario ist. Ich hab’ echt keinen Bock, mich mit ihm zu streiten, weil ich mich mit Sebastian... Anfreunde. Der vermutet da doch gleich wieder sonst was. Danke, ne... Das ist es mir mit Sebastian auch nicht wert. Und jetzt genug über Sebastian geredet - was macht dein Leben?“

Nach ganz genau zwei Stunden verlassen wir das Kaffeehaus.

Sophia macht sich auf den Heimweg zu ihren Eltern - ich mache mich auf den Weg zum Stall.

Iskander freut sch wenigstens, wenn ich bei ihm vorbeischaue.
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