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Kapitel 1
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| von annamolly erstellt: 31.01.2010 letztes Update: 15.03.2010 Romanze / P16 | 29 Reviews |
Soooo... Jaaa. Es gibt mal wieder was Neues von uns, indeed. Ich wollte eigentlich warten, bis wir mal wieder was Slashiges fertig haben, weil Lisa ja im Moment (wenn sie mal updatet) zwei Non-Slash-Sachen postet, aber... Irgendwie bekommen wir nichts fertig. Also etwas, das schon länger fertig ist und auf die Veröffentlichung wartet. VIel Spaß!
22. Dezember 2008
Ich bin nicht schwanger, oder so.
Trotzdem überkommt mich auf dem Heimweg vom Stall, ohne dass ich sagen könnte, wo es herkommt, das unbändige Verlangen nach einem Stück Sachertorte.
Fühlt sich an, als würde ich den Abend nicht mehr erleben, wenn ich jetzt keins hole. Ist schon fast eine Sehnsucht nach der Schokolade, der Marillenmarmelade. Dazu Sahne.
Glück für mich, dass ich gerade am Burgtorstüberl vorbeikomme, die sowieso die beste Sachertorte der ganzen Stadt machen. Nirgendwo in Graz gibt es so gute Torte wie hier.
Also betrete ich das, gut gefüllte, Kaffeehaus, stelle mich in die Schlange. Tippe eine SMS an Mario, dass ich noch zehn Minuten länger bleibe, während ich hinter irgend so einem Riesen darauf warte, endlich dran zu kommen.
Der Typ ist wirklich groß.
Ich meine - ich bin ja schon selbst wirklich sehr groß, mit meinen 1,81. Und dann auch noch mit den Absätzen. Aber der kommt mir vor, als wäre er gleich noch mal zwanzig Zentimeter größer.
Und ungefähr dreimal so breit.
Er ist jetzt nicht dick, oder so, aber - breit. Breites Kreuz.
Als er dran ist, mustere ich sein Gesicht. Ist so eine Angewohnheit von mir, mir die Leute um mich herum immer ganz deutlich anzusehen.
Ist schon ganz interessant, was man für Leute trifft.
Der hier hat braune Augen. Schöne braune Augen. Die sind das Erste, was mir auffällt. Und auch sonst ist er nicht gerade hässlich, auch wenn er eben irgendwie ein Schrank ist.
Jetzt bedankt er sich höflich, nimmt seinen Kaffee und spricht in sein Telefon.
Ich kann gar nicht so schnell ausweichen, wie er mich umrennt.
Sieht mich nicht und erwischt mich voll, so dass mein Geldbeutel runter fällt, sämtliche Münzen und meine ganzen Karten sich auf dem Boden verteilen.
Vollidiot!
„Wappler!“, brülle ich schon fast, bevor ich mich bücke, anfange, mein Kleingeld wieder einzusammeln.
Wenigstens besitzt er den Anstand, seinen Kaffee und das Handy wegzustellen und mir beim Aufsammeln zu helfen. Wenigstens etwas.
Mir ist das Ganze unsagbar peinlich. Vor allem, als jetzt auch noch die Leute hinter uns anfangen, zu murren. Wir sollten uns doch mal beeilen. Der Typ denkt allerdings gar nicht daran.
Beeilt sich nicht, sondern sucht in seinem ganz normalen Tempo weiter.
Sieht unbeholfen dabei aus, wie er da auf dem Boden herumkriecht - ist eindeutig von der Statur her nicht für so etwas gemacht.
Dann reicht er mir meinen Führerschein und meine Kreditkarte, meine diversen Treuepunktekarten. Er wirft einen Blick darauf, sieht dann auf. Mit seinen schönen Augen.
Die irgendwie das Einzige sind, was an ihm richtig schön ist. Klar, er sieht nicht schlecht aus, aber schön ist er jetzt auch nicht.
„Tut mir leid, Julika Kienzl“, sagt er. „Ich lad’ dich auf ’nen Kaffee ein... Als Entschädigung?“
Er streckt mir die Hand hin und, verwirrt wie ich bin, ziehe ich mich daran hoch, klopfe mir den Dreck von den Knien meiner Jeans.
„Ich weiß nicht, ob...“, fange ich an, werde aber unterbrochen.
„Ist jetzt gut, andere Leute wollen auch noch etwas haben!“, ruft eine unfreundliche, alte Frau und ich fahre herum, sehe den bitterbösen Blick, mit dem ich angegafft werde, und trete schon automatisch einen Schritt zur Seite.
Sehe dann wieder zu dem Typen. „Ich glaub’... Also, ich sollte nach Hause“, murmele ich.
Sollte ich auch - immerhin wartet Mario dort. Mein Freund.
Mein Freund, der in letzter Zeit sowieso total rumspinnt, wegen jedem kleinen Scheiß fast ausrastet, total eifersüchtig ist, wenn ich nur mal mit Freunden weggehe - und da eben auch der ein oder andere männliche Kumpel dabei ist.
Ich weiß auch nicht, was in letzter Zeit bei ihm los ist.
Deswegen sollte ich jetzt auch dringend zwei Stücke Sachertorte ordern, sie einpacken lassen und dann zu Mario verschwinden.
Aber eigentlich habe ich gar keine Lust darauf, heimzufahren und mich schon wieder nur blöd von der Seite anmachen zu lassen. Wo ich solange war. Mit wem ich mich unterhalten habe.
Der Typ steht immer noch vor mir und ich will gerade ansetzen, zu sagen, dass es nicht geht, dass ich wirklich dringend heim muss, da legt er urplötzlich seine Hände an meine Schultern und schiebt mich zu einem Tisch, der gerade frei wird.
Er zieht mir sogar den Stuhl zurück, auf den ich mich verdattert fallen lasse, bevor er sich mir gegenüber setzt, seinen Kaffeebecher und das Handy auf den Tisch legt.
„Ich bin übrigens Sebastian“, sagt er und zögert kurz, scheint zu überlegen, ob er noch etwas anhängen will.
Mir ist es egal. Ist Sebastian - das reicht schon.
„Rempelst du immer unschuldige Frauen an, Sebastian?“, kann ich mir nicht verkneifen. „Ist das deine Anmache?“
Er lacht leise und ganz plötzlich muss ich feststellen, dass er ja doch irgendwie... Eine ganz eigene Art hat, schön zu sein. So bescheuert das auch klingt. Aber wenn er lacht, dann ist er definitiv auf eine eigene Art schön.
Nicht so objektiv schön wie Mario, niemals.
Aber auf seine eigene Art, eben.
Er muss nicht auf die Frage antworten, denn just in dem Moment tritt die Kellnerin an den Tisch, sieht mich fragend an.
„Einen Einspänner und zwei Stück Sachertorte“, bestelle ich und die Kellnerin nickt, verschwindet dann wieder, während Sebastian mich unverhohlen mustert.
„Tut mir leid, dass ich dich angerempelt habe. War keine Absicht. Ich war nur am Telefon so konzentriert und dann hab’ ich dich wohl einfach nicht gesehen“, entschuldigt er sich langatmig noch einmal und ich hebe eine Augenbraue.
„Weil ich auch so leicht zu übersehen bin“, gebe ich spöttisch zurück. Ist ja auch wahr. Habe schon oft genug dumme Kommentare zu hören bekommen, wegen meiner Größe.
Zu groß ist eben auch nicht unbedingt toll.
„Ja, weiß auch nicht, wie das passieren konnte“, brummt er und trinkt einen Schluck Kaffee, dreht seinen Becher in den Händen und wartet, bis de Kellnerin die Kuchenstücke vor uns abgestellt hat, bevor er sich wieder mir zuwendet.
„Und was machst du sonst so? Also... Beruf, oder so?“, fragt er nach. Scheint wirklich bemüht, ein Gespräch aufzubauen.
Und ich will ja nicht so sein, so dass ich ehrlich antworte. „Ich geh’ noch zur Schule. Und bevor du fragst, ich bin 20, mach’ aber erst nächstes Jahr meine Matura, weil ich erst spät eingeschult wurde und dann mit 13 ein Jahr in Indien war, mit meinen Eltern, und die Klasse wiederholen musste...“
Seine Augen haben sich geweitet, als ich erzählt habe, dass ich noch zur Schule ginge. Und als ich dann gesagt habe, dass ich trotzdem schon 20 bin, schien er auf einmal doch wieder ganz erleichtert.
Kenne ich, die Reaktion. Bekomme ich jedes Mal, wenn ich von einem Typen angesprochen werde und der mich fragt, was ich mache, womit ich mein Geld verdiene, oder ob ich studiere.
„Und was machst du?“, gebe ich die Frage zurück. Höflichkeitshalber. Ich meine - es ist nicht so, als würden wir uns nach heute noch irgendwann mal wiedersehen, aber man kann ja trotzdem mal fragen.
Wenn er schon so nett ist und mir einen Kaffee ausgibt. Und ein Stück Kuchen, der ja auch sündhaft teuer hier ist.
„Ich bin Exilgrazer... Wohn’ zurzeit in Deutschland“, sagt er nur. „Und was hast du mit deinen Eltern in Indien gemacht?“
Sofort hellt sich meine Miene auf, als ich anfange, von Indien zu erzählen. Mein Vater ist Personalleiter und musste für drei Jahre nach Neu-Delhi und meine Eltern haben mich mitgenommen, weil sie nicht wussten, was sie sonst mit mir machen sollten.
Ich bin dort ein Jahr auf die deutsche Schule gegangen, bis meine Eltern entschieden haben, dass es doch besser für mich wäre, in Österreich aufzuwachsen.
„Also hat man mich zurück zu meiner Tante nach Graz geschickt“, erzähle ich und hebe die Schultern. „Wenigstens hab’ ich als Entschädigung Iskander bekommen.“
„Iskander?“, hakt Sebastian sofort nach und sieht mich interessiert an.
Jesus, der interessiert sich ja wirklich für das, was ich ihm erzähle. Der sieht nicht aus, als wäre das pure Höflichkeit. Nein, es interessiert ihn wirklich.
„Mein Pferd“, kläre ich ihn auf und schiebe die Kuchenkrümel auf meinem Teller zusammen, esse sie auch noch.
Kann eben nicht genug davon bekommen.
„Du reitest?“
„Springreiten... Und jetzt erzähl’ eben mal von dir, Sebastian. Ich erzähle und erzähle und du sitzt schweigend da!“, fordere ich ihn auf. Mustere ihn erneut. Versuche, etwas Ermutigendes in meinen Blick zu legen.
„Na, ich hab’ halt nicht so viel zu erzählen, wie du. Ich habe nie in Indien gewohnt und ich hab’ auch kein Pferd“, erwidert er grinsend. Wären wir Freunde, würde ich ihm jetzt vor die Stirn schlagen. „Aber gut... Letztes Jahr bin ich nach Deutschland gezogen. Bremen...“
„In den hohen Norden auch noch! Verstehen die dich da überhaupt?“, frotzele ich zurück und erst lacht er, wird dann aber doch etwas ernster.
„Manchmal haben sie echt ein paar Probleme, aber Pech gehabt.“
Ich will gerade ansetzen, zu fragen, was er denn in Bremen so macht, weshalb er dorthin gezogen ist, da vibriert mein Handy in der Hosentasche.
SMS von Mario. „Wo bleibst du denn? Ich warte mit dem Essen!“
Scheiße. Das hab’ ich total vergessen. Dass ich schon seit... fast zwei Stunden, wie mir der Blick auf die Uhr beweist, zu Hause sein sollte. Bei meinem Freund, Mann!
Er übernachtet zurzeit bei mir, weil in seiner Wohnung ein Wasserrohrbruch war, so dass es ihm natürlich noch viel eher auffällt, wenn ich einfach mal länger wegbleibe.
„Ich muss los, sorry, Sebastian... War nett, mich mit dir zu unterhalten“, sage ich und schiebe den Stuhl zurück, stehe auf. In Windeseile ziehe ich mir Jacke und Schal an, setze meine Mütze auf und drehe mich um, will gerade gehen, als sein „Julika!“ mich zurückhält.
Er ist auch aufgestanden, sieht mich... Fragend, bittend, hoffend an. „Gibst du mir deine Handynummer?“
Er will meine Handynummer. Der Typ, den ich gerade im Kaffeehaus kennen gelernt habe, weil er mich über den Haufen gerannt hat, will meine Handynummer.
„Sebastian...“, setze ich an. „Ich glaub’ nicht, dass das eine so gute Idee ist.“ Ist es auch nicht.
Ich gebe sowieso schon nie meine Handynummer einfach an Fremde weiter. Auch wenn sie so sympathisch wirken, wie dieser Sebastian hier.
„Komm’ schon. Was soll... Ich versprech’ dir auch, dass ich keinen Telefonterror mache. Ich würd’ nur gerne in Kontakt bleiben“, bittet er und ich seufze.
Er will in Kontakt bleiben. Ganz großes Kino. Was sage ich denn jetzt?
„Na gut. Bereit?“, sage ich, verfluche mich selber dafür, dass ich ihm jetzt tatsächlich meine Nummer diktiere.
Ich kann’s nicht so ganz glauben, dass ich das tatsächlich gemacht habe, als ich eine halbe Stunde später die Wohnungstür aufschließe - mit einem verführerisch guten Lasagne-Duft empfangen werde.
Mario sitzt im Wohnzimmer auf der Couch und ich gehe zu ihm, setze mich einfach auf seinen Schoß und küsse ihn kurz.
„Wo warst du denn so lange?“, fragt er dann. „Du hättest doch schon vor zwei Stunden hier sein müssen. Ich hab’ mir Sorgen gemacht!“
Ich seufze, fahre ihm durch die Haare. „Tut mir leid. Ich wollte uns nur ein Stück Sachertorte mitbringen und dann hab’ ich...“ Ich zögere. „Tati getroffen und wir haben uns verquatscht, haben uns schon so lange nicht mehr gesehen.“
Inständig bete ich, dass ihm nicht auffällt, dass ich lüge. Dass ich nie im Leben Tati - ihres Zeichens meine Nachhilfelehrerin, die mir mal ein Jahr lang Mathematik-Nahhilfe gegeben hat - getroffen habe.
Sondern einen Typen kennen gelernt habe - dem auch noch meine Handynummer gegeben habe.
Sebastian.
Mario seufzt, nimmt mir die Mütze ab, streicht ein paar Haarsträhnen hinter mein Ohr.
„Schon gut... Wollen wir essen?“
22. Dezember 2008
Ich bin nicht schwanger, oder so.
Trotzdem überkommt mich auf dem Heimweg vom Stall, ohne dass ich sagen könnte, wo es herkommt, das unbändige Verlangen nach einem Stück Sachertorte.
Fühlt sich an, als würde ich den Abend nicht mehr erleben, wenn ich jetzt keins hole. Ist schon fast eine Sehnsucht nach der Schokolade, der Marillenmarmelade. Dazu Sahne.
Glück für mich, dass ich gerade am Burgtorstüberl vorbeikomme, die sowieso die beste Sachertorte der ganzen Stadt machen. Nirgendwo in Graz gibt es so gute Torte wie hier.
Also betrete ich das, gut gefüllte, Kaffeehaus, stelle mich in die Schlange. Tippe eine SMS an Mario, dass ich noch zehn Minuten länger bleibe, während ich hinter irgend so einem Riesen darauf warte, endlich dran zu kommen.
Der Typ ist wirklich groß.
Ich meine - ich bin ja schon selbst wirklich sehr groß, mit meinen 1,81. Und dann auch noch mit den Absätzen. Aber der kommt mir vor, als wäre er gleich noch mal zwanzig Zentimeter größer.
Und ungefähr dreimal so breit.
Er ist jetzt nicht dick, oder so, aber - breit. Breites Kreuz.
Als er dran ist, mustere ich sein Gesicht. Ist so eine Angewohnheit von mir, mir die Leute um mich herum immer ganz deutlich anzusehen.
Ist schon ganz interessant, was man für Leute trifft.
Der hier hat braune Augen. Schöne braune Augen. Die sind das Erste, was mir auffällt. Und auch sonst ist er nicht gerade hässlich, auch wenn er eben irgendwie ein Schrank ist.
Jetzt bedankt er sich höflich, nimmt seinen Kaffee und spricht in sein Telefon.
Ich kann gar nicht so schnell ausweichen, wie er mich umrennt.
Sieht mich nicht und erwischt mich voll, so dass mein Geldbeutel runter fällt, sämtliche Münzen und meine ganzen Karten sich auf dem Boden verteilen.
Vollidiot!
„Wappler!“, brülle ich schon fast, bevor ich mich bücke, anfange, mein Kleingeld wieder einzusammeln.
Wenigstens besitzt er den Anstand, seinen Kaffee und das Handy wegzustellen und mir beim Aufsammeln zu helfen. Wenigstens etwas.
Mir ist das Ganze unsagbar peinlich. Vor allem, als jetzt auch noch die Leute hinter uns anfangen, zu murren. Wir sollten uns doch mal beeilen. Der Typ denkt allerdings gar nicht daran.
Beeilt sich nicht, sondern sucht in seinem ganz normalen Tempo weiter.
Sieht unbeholfen dabei aus, wie er da auf dem Boden herumkriecht - ist eindeutig von der Statur her nicht für so etwas gemacht.
Dann reicht er mir meinen Führerschein und meine Kreditkarte, meine diversen Treuepunktekarten. Er wirft einen Blick darauf, sieht dann auf. Mit seinen schönen Augen.
Die irgendwie das Einzige sind, was an ihm richtig schön ist. Klar, er sieht nicht schlecht aus, aber schön ist er jetzt auch nicht.
„Tut mir leid, Julika Kienzl“, sagt er. „Ich lad’ dich auf ’nen Kaffee ein... Als Entschädigung?“
Er streckt mir die Hand hin und, verwirrt wie ich bin, ziehe ich mich daran hoch, klopfe mir den Dreck von den Knien meiner Jeans.
„Ich weiß nicht, ob...“, fange ich an, werde aber unterbrochen.
„Ist jetzt gut, andere Leute wollen auch noch etwas haben!“, ruft eine unfreundliche, alte Frau und ich fahre herum, sehe den bitterbösen Blick, mit dem ich angegafft werde, und trete schon automatisch einen Schritt zur Seite.
Sehe dann wieder zu dem Typen. „Ich glaub’... Also, ich sollte nach Hause“, murmele ich.
Sollte ich auch - immerhin wartet Mario dort. Mein Freund.
Mein Freund, der in letzter Zeit sowieso total rumspinnt, wegen jedem kleinen Scheiß fast ausrastet, total eifersüchtig ist, wenn ich nur mal mit Freunden weggehe - und da eben auch der ein oder andere männliche Kumpel dabei ist.
Ich weiß auch nicht, was in letzter Zeit bei ihm los ist.
Deswegen sollte ich jetzt auch dringend zwei Stücke Sachertorte ordern, sie einpacken lassen und dann zu Mario verschwinden.
Aber eigentlich habe ich gar keine Lust darauf, heimzufahren und mich schon wieder nur blöd von der Seite anmachen zu lassen. Wo ich solange war. Mit wem ich mich unterhalten habe.
Der Typ steht immer noch vor mir und ich will gerade ansetzen, zu sagen, dass es nicht geht, dass ich wirklich dringend heim muss, da legt er urplötzlich seine Hände an meine Schultern und schiebt mich zu einem Tisch, der gerade frei wird.
Er zieht mir sogar den Stuhl zurück, auf den ich mich verdattert fallen lasse, bevor er sich mir gegenüber setzt, seinen Kaffeebecher und das Handy auf den Tisch legt.
„Ich bin übrigens Sebastian“, sagt er und zögert kurz, scheint zu überlegen, ob er noch etwas anhängen will.
Mir ist es egal. Ist Sebastian - das reicht schon.
„Rempelst du immer unschuldige Frauen an, Sebastian?“, kann ich mir nicht verkneifen. „Ist das deine Anmache?“
Er lacht leise und ganz plötzlich muss ich feststellen, dass er ja doch irgendwie... Eine ganz eigene Art hat, schön zu sein. So bescheuert das auch klingt. Aber wenn er lacht, dann ist er definitiv auf eine eigene Art schön.
Nicht so objektiv schön wie Mario, niemals.
Aber auf seine eigene Art, eben.
Er muss nicht auf die Frage antworten, denn just in dem Moment tritt die Kellnerin an den Tisch, sieht mich fragend an.
„Einen Einspänner und zwei Stück Sachertorte“, bestelle ich und die Kellnerin nickt, verschwindet dann wieder, während Sebastian mich unverhohlen mustert.
„Tut mir leid, dass ich dich angerempelt habe. War keine Absicht. Ich war nur am Telefon so konzentriert und dann hab’ ich dich wohl einfach nicht gesehen“, entschuldigt er sich langatmig noch einmal und ich hebe eine Augenbraue.
„Weil ich auch so leicht zu übersehen bin“, gebe ich spöttisch zurück. Ist ja auch wahr. Habe schon oft genug dumme Kommentare zu hören bekommen, wegen meiner Größe.
Zu groß ist eben auch nicht unbedingt toll.
„Ja, weiß auch nicht, wie das passieren konnte“, brummt er und trinkt einen Schluck Kaffee, dreht seinen Becher in den Händen und wartet, bis de Kellnerin die Kuchenstücke vor uns abgestellt hat, bevor er sich wieder mir zuwendet.
„Und was machst du sonst so? Also... Beruf, oder so?“, fragt er nach. Scheint wirklich bemüht, ein Gespräch aufzubauen.
Und ich will ja nicht so sein, so dass ich ehrlich antworte. „Ich geh’ noch zur Schule. Und bevor du fragst, ich bin 20, mach’ aber erst nächstes Jahr meine Matura, weil ich erst spät eingeschult wurde und dann mit 13 ein Jahr in Indien war, mit meinen Eltern, und die Klasse wiederholen musste...“
Seine Augen haben sich geweitet, als ich erzählt habe, dass ich noch zur Schule ginge. Und als ich dann gesagt habe, dass ich trotzdem schon 20 bin, schien er auf einmal doch wieder ganz erleichtert.
Kenne ich, die Reaktion. Bekomme ich jedes Mal, wenn ich von einem Typen angesprochen werde und der mich fragt, was ich mache, womit ich mein Geld verdiene, oder ob ich studiere.
„Und was machst du?“, gebe ich die Frage zurück. Höflichkeitshalber. Ich meine - es ist nicht so, als würden wir uns nach heute noch irgendwann mal wiedersehen, aber man kann ja trotzdem mal fragen.
Wenn er schon so nett ist und mir einen Kaffee ausgibt. Und ein Stück Kuchen, der ja auch sündhaft teuer hier ist.
„Ich bin Exilgrazer... Wohn’ zurzeit in Deutschland“, sagt er nur. „Und was hast du mit deinen Eltern in Indien gemacht?“
Sofort hellt sich meine Miene auf, als ich anfange, von Indien zu erzählen. Mein Vater ist Personalleiter und musste für drei Jahre nach Neu-Delhi und meine Eltern haben mich mitgenommen, weil sie nicht wussten, was sie sonst mit mir machen sollten.
Ich bin dort ein Jahr auf die deutsche Schule gegangen, bis meine Eltern entschieden haben, dass es doch besser für mich wäre, in Österreich aufzuwachsen.
„Also hat man mich zurück zu meiner Tante nach Graz geschickt“, erzähle ich und hebe die Schultern. „Wenigstens hab’ ich als Entschädigung Iskander bekommen.“
„Iskander?“, hakt Sebastian sofort nach und sieht mich interessiert an.
Jesus, der interessiert sich ja wirklich für das, was ich ihm erzähle. Der sieht nicht aus, als wäre das pure Höflichkeit. Nein, es interessiert ihn wirklich.
„Mein Pferd“, kläre ich ihn auf und schiebe die Kuchenkrümel auf meinem Teller zusammen, esse sie auch noch.
Kann eben nicht genug davon bekommen.
„Du reitest?“
„Springreiten... Und jetzt erzähl’ eben mal von dir, Sebastian. Ich erzähle und erzähle und du sitzt schweigend da!“, fordere ich ihn auf. Mustere ihn erneut. Versuche, etwas Ermutigendes in meinen Blick zu legen.
„Na, ich hab’ halt nicht so viel zu erzählen, wie du. Ich habe nie in Indien gewohnt und ich hab’ auch kein Pferd“, erwidert er grinsend. Wären wir Freunde, würde ich ihm jetzt vor die Stirn schlagen. „Aber gut... Letztes Jahr bin ich nach Deutschland gezogen. Bremen...“
„In den hohen Norden auch noch! Verstehen die dich da überhaupt?“, frotzele ich zurück und erst lacht er, wird dann aber doch etwas ernster.
„Manchmal haben sie echt ein paar Probleme, aber Pech gehabt.“
Ich will gerade ansetzen, zu fragen, was er denn in Bremen so macht, weshalb er dorthin gezogen ist, da vibriert mein Handy in der Hosentasche.
SMS von Mario. „Wo bleibst du denn? Ich warte mit dem Essen!“
Scheiße. Das hab’ ich total vergessen. Dass ich schon seit... fast zwei Stunden, wie mir der Blick auf die Uhr beweist, zu Hause sein sollte. Bei meinem Freund, Mann!
Er übernachtet zurzeit bei mir, weil in seiner Wohnung ein Wasserrohrbruch war, so dass es ihm natürlich noch viel eher auffällt, wenn ich einfach mal länger wegbleibe.
„Ich muss los, sorry, Sebastian... War nett, mich mit dir zu unterhalten“, sage ich und schiebe den Stuhl zurück, stehe auf. In Windeseile ziehe ich mir Jacke und Schal an, setze meine Mütze auf und drehe mich um, will gerade gehen, als sein „Julika!“ mich zurückhält.
Er ist auch aufgestanden, sieht mich... Fragend, bittend, hoffend an. „Gibst du mir deine Handynummer?“
Er will meine Handynummer. Der Typ, den ich gerade im Kaffeehaus kennen gelernt habe, weil er mich über den Haufen gerannt hat, will meine Handynummer.
„Sebastian...“, setze ich an. „Ich glaub’ nicht, dass das eine so gute Idee ist.“ Ist es auch nicht.
Ich gebe sowieso schon nie meine Handynummer einfach an Fremde weiter. Auch wenn sie so sympathisch wirken, wie dieser Sebastian hier.
„Komm’ schon. Was soll... Ich versprech’ dir auch, dass ich keinen Telefonterror mache. Ich würd’ nur gerne in Kontakt bleiben“, bittet er und ich seufze.
Er will in Kontakt bleiben. Ganz großes Kino. Was sage ich denn jetzt?
„Na gut. Bereit?“, sage ich, verfluche mich selber dafür, dass ich ihm jetzt tatsächlich meine Nummer diktiere.
Ich kann’s nicht so ganz glauben, dass ich das tatsächlich gemacht habe, als ich eine halbe Stunde später die Wohnungstür aufschließe - mit einem verführerisch guten Lasagne-Duft empfangen werde.
Mario sitzt im Wohnzimmer auf der Couch und ich gehe zu ihm, setze mich einfach auf seinen Schoß und küsse ihn kurz.
„Wo warst du denn so lange?“, fragt er dann. „Du hättest doch schon vor zwei Stunden hier sein müssen. Ich hab’ mir Sorgen gemacht!“
Ich seufze, fahre ihm durch die Haare. „Tut mir leid. Ich wollte uns nur ein Stück Sachertorte mitbringen und dann hab’ ich...“ Ich zögere. „Tati getroffen und wir haben uns verquatscht, haben uns schon so lange nicht mehr gesehen.“
Inständig bete ich, dass ihm nicht auffällt, dass ich lüge. Dass ich nie im Leben Tati - ihres Zeichens meine Nachhilfelehrerin, die mir mal ein Jahr lang Mathematik-Nahhilfe gegeben hat - getroffen habe.
Sondern einen Typen kennen gelernt habe - dem auch noch meine Handynummer gegeben habe.
Sebastian.
Mario seufzt, nimmt mir die Mütze ab, streicht ein paar Haarsträhnen hinter mein Ohr.
„Schon gut... Wollen wir essen?“
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