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von Lady of Stories    erstellt: 25.01.2010    letztes Update: 25.05.2012    Geschichte, Mystery / P18 Slash    (in Arbeit)
Hallo zusammen,
nach dem Prolog kommt heute das erste Kapitel.
Mein Dank geht an @lalalaula200 und @Vampire-Neko no Kuro  für ihre Reviews.

~Natales...~
(Geburt)


Der Winter des Jahres 1422 war der Schlimmste, den die Rumänen seit mehr als fünfzig Jahren erlebten. In den letzten Oktobertagen verdunkelte sich mit einem Mal der gesamte Himmel; schwarze, riesige Wolken wurden von rauen Winden über die Bergkuppen getragen. Sie verdeckten die Sonne und warfen ihre schwere Last genau über Transsilvanien ab. Der Sonnenaufgang an jenem Tag war der letzte, den die Menschen für eine lange Zeit sehen sollten. Dreißig Tage und Nächte schneite es ununterbrochen. Dazu wehte ein beißender Wind, der das weiße Pulver in die Luft wirbelte und alles, was einen Schritt entfernt war, verbarg.

Um die Mittagsstunde machte sich Graf Nicolas Dragulia auf seinem Vollblutaraber Rasvan auf den Weg in das Dorf, um eine Stute abzuholen. Gesattelt und gezäumt stand der Rappe am Tor und wartete auf seinen Herrn, der einem seiner Diener die Zügel aus der Hand nahm und sich schon jetzt in den Sattel schwang. Schnee und eisiger Wind wurde hereingetragen, als ein zweiter Diener einen Flügel des aus dunklem, dichtem Holz gefertigten Portals aufzog. Rasvan schnaubte, folgte jedoch gehorsam dem leichten Schenkeldruck seines Reiters und trat  hinaus.

Nicolas zog die Kapuze seines mit Bärenfell gefütterten Mantels tiefer in seine Stirn und kniff einen Moment die eisblauen Augen zusammen. Der Schnee funkelte, obwohl die Sonne  - wie in den letzten Tagen – nicht zu sehen war. Sofort, nachdem er auf Rasvans Rücken die Eingangshalle des Schlosses verlassen hatte, schlug die frostige Kälte über ihm zusammen und drang durch alle Schichten seiner Kleidung. Beruhigend klopfte der Mann dem Rappen auf den breiten Hals und lenkte ihn auf den Weg, der sich im Zickzack den Berg hinunterwand. In unregelmäßigen Abständen ragten Bäume über dem Reiter empor und schirmte ihn eine Sekunde vom Wind ab. Nicolas Atem bildete kleine Wolken in der reinen Luft; seine Hände froren in den, ebenfalls mit Fell gefütterten, Handschuhen. Das Vollblut suchte sich ruhig seinen Weg über den gefrorenen Waldboden. Aufmerksam warf der Graf einen Blick hinauf zum Himmel.

Sergui, der Älteste der Diener, die im Dienste der Familie Dragulia standen, würde einen Suchtrupp entsenden, wenn Nicolas innerhalb von sechs Stunden nicht zum Schloss zurückgekehrt war.

Normalerweise benötigte er eine knappe Stunde, bis er das Dorf im Tal erreichte.

Es sah nicht danach aus, als würde der dichte Schneefall in nächster Zeit aufhören. Nicolas fluchte leise. Das würde seinen Weg nicht einfacher machen. Er war erstaunt und erleichtert zugleich, dass Rasvan noch nicht auf ein unter dem Schnee verborgenes Eisfeld getreten und abgerutscht war. Bei der Größe und dem Gewicht des Pferdes wäre ein, vielleicht sogar tödlicher, Unfall unvermeidbar gewesen. Und bis man ihn hier fand, oder er den Weg zurück zum Schloss in diesem Schneetreiben gefunden hätte, wäre er längst erfroren...

Rasvan schnaubte, als unmittelbar vor ihm die Äste einer großen Buche nachgaben und eine große Ladung Schnee auf den Hals des Rappen und Nicolas fiel. Der Graf zuckte zusammen, als das kühle Nass sein Gesicht streifte. Instinktiv fasste er fester in die Zügel, doch sein Pferd war besonnen, nickte nur kurz mit dem schweren Kopf und ging weiter. Trotz der Kälte verzog Nicolas kurz die Lippen zu einem Lächeln. So ruhig der Rappe reagiert hatte – wenn er im Sommer mit ihm über die Wiesen galoppierte, zeigte er seine ungebändigte, feurige Natur. Ein Charakterzug, den der Graf sehr gerne in den hoffentlich bald kommenden Fohlen sehen würde.

Denn das war der Grund, warum er sich bei solch gefährlichem Wetter aus seinem warmen Kaminzimmer und seiner Frau entfernt hatte: er wollte einem der Bauern eine Stute abkaufen, die er sich vor einigen Tagen angesehen hatte.

Nicolas zitterte langsam auch in seinen dicken Kleidungsschichten. Sehnsüchtig dachte er an das warme Kaminzimmer mit seinen dicken Teppichen, dem großen Kamin und dem prasselnden Feuer, und seine Frau, die dort gesessen hatte, als er sie verließ, in eine warme Decke gehüllt, ein Buch in der Hand.

Catalina.

In Gedanken an sie und die kurz bevorstehende Niederkunft bemerkte der Graf erst, dass er angekommen war, als Rasvan auf einen kleinen, gepflasterten Hof trat, an den ein  schmuckvoll verziertes Bauernhaus mit einem Stall und einem kleinen Nebengebäude grenzte. Im Inneren des Hauses begann sofort ein Hund zu bellen; nur Sekunden später trat ein Mann, dicht vermummt in dunklen, groben Stoff, mit einer Fackel in der Hand in das Schneetreiben und lief auf den Rappen zu.

„Es ist nicht ungefährlich, in diesem Schneetreiben die Bergpfade zu beschreiten, Erlaucht“, rief er und griff nach den Zügeln. Nicolas nickte nur und gab Rasvan durch leichten Schenkendruck zu verstehen, dem Mann zu folgen. Im Stall war es angenehm warm, der Geruch nach frischem Heu, Dung und Pferden lag in der Luft. Dankbar, dem eisigen Wind und dem Schnee einige Minuten zu entkommen, glitt Nicolas aus dem Sattel und schlug die Kapuze zurück. Sofort fiel ihm sein schwarzes Haar ins Gesicht, das er lang und seidig gekämmt trug. Schöne, streng geschnittene Gesichtszüge, die jedoch die meiste Zeit unter einem Lächeln versteckt waren. Seine eisblauen Augen wanderten langsam durch das Zwielicht.

„Sie steht hier drüben, Erlaucht.“

Der Bauer führte Nicolas zur letzten Box, vorbei an einem jungen Braunen, der nervös schnaubte, als er den Geruch des Fremden aufnahm, und einem großen grauen Arbeitspferd, das nicht einmal von seinem Futtertrog aufsah. Der Stall fasste vier Boxen, von denen zwei sich jeweils gegenüberlagen, und eine großen Sattelkammer am hinteren Ende. Licht fiel durch mehrer schräge Luken im Dach, die zum Schutz vor Schnee und Regen mit Leinensäcken abgedichtet wurden. Der Boden war aus gestampften Lehm und sorgsam gefegt; in den Boxen lag frisches Stroh und die Tröge waren mit frischem Wasser und Heu gefüllt. Die Reinlichkeit war ein wichtiges Kriterium gewesen, nach dem Nicolas den Stall ausgewählt hatte, aus dem die Stute sein sollte. Die herzliche Wärme des Bauern, mit seinen Tieren umzugehen, war ein weiterer Punkt gewesen.

Die Stute, die er ausgewählt hatte, war von etwas kleinerem Wuchs als sein Rappe. Ihr Fell schimmerte seidig schwarz, wie auch Schweif und Mähne. Kluge Augen sahen ihm ruhig entgegen, als er seine rechte Hand aus dem Handschuh zog und ihr sanft über die Nüstern strich, die samtig weich waren.
„Wie ist ihr Name?“
„Meine Frau nannte sie Fee, Erlaucht.“
Nicolas lachte. Sanft strich er der Stute über den Hals, bis er nickte.
„Holt sie aus der Box heraus. Wir werden sehen, wie sie Rasvan gefällt.“

Nicolas ging zu seinem Rappen zurück und schlang die Zügel um seine Hand. Die andere legte er ihm an den Hals und sprach ihm beruhigend zu. Er wusste nicht, wie Rasvan auf die Stute reagieren würde; er musste bereit sein, Fee vor den schweren Hufen des Hengstes zu schützen, sollte er auskeilen. Der Bauer kam langsam auf ihn zu, die Stute an einem grob genüpften Seil führend, das an ein Halfter gebunden war. Als die beiden Pferde sich so nahe waren, dass sie einander riechen konnten, blieb er stehen. Rasvan ruckte mit seinem mächtigen Kopf nach vorne und stupste Fee an. Es sah aus, als schnuppere er an ihr. Nach einigen Minuten blies er einen gewaltigen Luftstrom aus seinen Nüstern und rieb seinen Kopf an ihrem. Fee wieherte leise.

„Sie scheinen sich nicht abgeneigt zu sein. Ich werde sie direkt mitnehmen.“
„Wie Ihr wünscht, Erlaucht.“
Nicolas band den Hanfstrick am Sattel fest und holte aus den Tiefen seines Mantels einen schwarzen Samtbeutel heraus, den er dem Bauern übergab. Der machte große Augen, als er das Gewicht spürte. Nach einem raschen Blick auf den Grafen öffnete er die Schnur und schüttete den Inhalt in seine hohle Hand.
Die Silbermünzen klimperten.

„Erlaucht, das...“, der Mann sah auf, „das ist zu viel! So viel Silber würde ich für drei ausgewachsene Hengste bekommen, wenn ich einen reichen Händler fände! Das kann ich unmöglich annehmen!“

Nicolas ging einmal um die Stute herum und sah sie sich genau an. Ihre Bau, die Fesseln, die Zähne. Dann sagte er ernst: „Das ist eine junge, gesunde Stute. Sie ist ihren Preis wert. - Wenn sie fohlt, werde ich einen Hengst für mich behalten, für meinen Erben. Die anderen sollen Euch gehören. Das ist das Silber wert. Und Ihr werdet das Geld brauchen, wenn der Winer so streng bleibt und die nächsten ebenso werden. Ihr habt eine Frau zu ernähren.“
„Bald auch ein Kind“, antwortete der Mann überglücklich und verstaute den Beutel sicher in seiner Hose. „Es wird im Februar zur Welt kommen – und überleben, so Gott will.“
„Ich denke an Euch und Eure Frau, wenn es so weit ist“, versprach Nicolas und trat, Rasvan am Zügel führend, wieder hinaus in die Kälte. Es schneite immer noch, die dichten schwarzen Wolken waren noch näher gekommen und hingen drohend über dem Tal. Er zitterte schon, wenn er an den langen und dunklen Heimweg dachte.

„Wollt Ihr mit hineinkommen, Erlaucht, und den Morgen abwarten? Es ist nicht ungefährlich, bei Nacht und diesem Schneetreiben in den Bergen unterwegs zu sein.“
„Es ist sehr freundlich von Euch, mir das anzubieten, aber ich muss zurück. Meine Frau erwartet jeden Tag unser Kind und ich habe ihr versprochen, bei der Geburt anwesend zu sein.“
„Dann will ich Euch nicht aufhalten.“ Der Bauer schmunzelte und hielt die Zügel, als Nicolas in den Sattel stieg. „Seid vorsichtig, Erlaucht. In der Dunkelheit kann man leicht vom Weg abkommen. Wölfe sollen gesehen worden sein. Hunger treibt sie aus den Bergen hinab. - Wollt Ihr eine Fackel mitnehmen?“

Einige Minuten später trat Raszan mit seinem Reiter wieder unter die Bäume, die am Fuß des Berges standen. Hoch über ihnen erhob sich die Burg der Familie Dragulia wie ein mächtiger Schatten; die vereinzelten Lichter schienen winzig klein. In der linken Hand hielt Nicolas eine Fackel, deren Schein ein paar Fuß weit leuchtete. Die Stute trabte geduldig hinter ihnen her. Der gemächliche Schritt, die Stille um ihn herum und das stetige, leise Fallen der Schneeflocken machte den Grafen schläfrig. Trotz der Kälte sank sein Kopf immer tiefer auf seine Brust, und seine Augen fielen zu. Die Kälte spürte er schon gar nicht mehr...

Rasvan strauchelte. Nicolas zuckte zusammen und griff in die Zügel. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre aus dem Sattel in den Schnee gestürzt. Die Fackel glitt aus seiner starren Hand, fiel in eine Schneewehe und erlosch zischend. Mit sanftem Schenkendruck trieb er den Rappen weiter, nun in völliger Finsternis. Wie lange er ritt, konnte er nicht ermessen. Seine Hände waren an den Zügeln festgefroren, so schien es ihm zumindest; er zitterte am ganzen Körper und an seiner Kapuze bildeten sich kleine Eiskristalle. Als er den flackernden Lichtschein vor sich sah, dachte er, er sei einer Täuschung erlegen.

„Erlaucht!“
Sergui kam ihm eintgegen, eine Fackel in der Hand. Er griff in die Zügel des Rappen und führte ihn die letzten Meter. Nicolas hatte das Schloss gar nicht wahrgenommen.

Wie warm und freundlich kam ihm die Eingangshalle nach der Kälte und Dunkelheit vor! An den Wänden brannten in regelmäßigen Abstäden Fackeln, die helles Licht verbreiteten. Die Halle war groß und hatte mehrere Türen, alle aus dunklem, edlem Holz gefertigt. Der Boden war aus schwarzem Stein, wie auch die Wände und die hohe Decke. Nicolas stieg aus dem Sattel und streckte seine Glieder.
„Habt Dank, Sergui.“
Der älteste Diener der Familie Dragulia war ein gedrungener Mann von achtundvierzig Jahren mit dichtem grauen Haar, braunen Augen und einem freundlichen Wesen. Er hatte schon Nicolas Vater zu Diensten gestanden und kannte das Schloss so gut wie kein anderer. Er nahm die Zügel der beiden Pferde in die Hand und begutachtete die Stute.
„Sie ist ein Prachtexemplar, wenn Ihr erlaubt, Erlaucht.“
Nicolas lächelte. „Ihr Name ist Fee. Stellt sie in die Box neben Rasvan. Vadim soll heute Nacht ein Auge auf sie haben.“
„Wie Ihr wünscht. - Die Gräfin wünscht, Euch zu sprechen. Ich sollte Euch abfangen.“

Zielstrebig ging Nicolas auf die erste Tür auf der linken Seite zu. Er konnte das Lächeln auf Sergui's Gesicht förmlich spüren. Und er wusste genau, dass das schnelle Verschwinden des Grafen in die Gemächer seiner Frau das einzige Gesprächsthema in den Räumen der Dienerschaft sein würde.

Der Gang, den er entlangging, war breit und mit dunkelrotem Teppich ausgelegt. Die Wände waren mit Holz verkleidet, und Wandteppiche verzierten sie. Nicolas blieb nicht stehen, um einen Blick auf die Wälder Rumäniens, das Meer oder wilde Tiere zu werfen, die von seinen Vorfahren zu Pferd oder vom Boden aus gejagt wurden. Seine Stiefel machten kein Geräusch, als er am Ende des Ganges nach rechts abbog, eine verborgene Treppe hinaufeilte, die hinter einem roten Teppich mit dem Familienwappen seiner Familie – ein Adler mit zwei Köpfen, vier Klauen und zwei großen Schwingen, der eine Schriftrolle und ein Schwert hielt – verborgen war und in das obere Stockwerk führte, wo sich ausnahmslos seine Gemächer und die seiner Frau befanden. Nur die Dienerinnen von Catalina durften sich hier aufhalten.
Nach einigen weiteren Gängen fand sich Nicolas auf dem wieder, wo das Schlafgemach lag. Boden und Wände waren hier mit dunkelgrünen Stoffen ausgelegt, die Wandteppiche zeigten Waldlichtungen im Frühling und Sommer, mit wilden Tieren und Blumen. Die Doppelflügel waren mit einem die ganze Fläche ausfüllenden Baum beschnitzt, in dessen sommerlicher Krone Vögel und Eichhörnchen saßen. Es war ein wunderschönes Stück Kunst. Doch auch dafür hatte der Mann keinen Blick. Er drückte die Klinke des rechten Flügels hinunter und öffnete leise die Tür.

Einzig einige Kerzen in silbernen Haltern spendeten Licht. Dunkle Vorhänge waren vor die großen Fenster gezogen und sperrten jeden noch so kleinen Strahl aus. Aufgrund der drohenden Wolkenwand wäre es dem Mond, auch ohne diese Maßnahme von Seiten einer der Dienerinnen aus, nicht gelungen, seine silbrigen Strahlen zur Erde hinab zu schicken. Der Raum war groß und beherbergte neben dem Doppelbett, das an der Rückwand in der Mitte stand, einen Tisch aus poliertem Holz, auf dem Kämme und andere Utensilien lagen und an dem ein ovaler Spiegel mit goldenem Rahmen befestigt war, einem dazu passenden Stuhl mit fellüberzogener Lehne und einem großen Schrank, in dem die Kleidung aufbewahrt wurde, noch eine aus Holz geschnitzte Wiege, die Nicolas selbst angefertigt hatte, als Catalina ihm sagte, sie erwarte ein Kind.
Eine junge Dienerin, die auf einem Stuhl neben dem Kopfende gedöst hatte, schreckte auf. Nicolas gebot ihr mit einer Geste, den Raum zu verlassen. Sie neigte den Kopf und verschwand, zog den Türflügel ohne einen Ton hinter sich zu. Bevor er sich dem Bett näherte, entledigte Nicolas sich seiner Handschuhe, des Mantels und seiner schwarzen Stiefel. Darunter trug er eine schwarze Samthose und ein ebenfalls schwarzes Hemd mit silbernen Knöpfen. Kurz griff er nach seinem Haar, zog die silberne Spange heraus und schüttelte den Kopf, bevor er seine langen Strähnen wieder mit dieser befestigte. Barfuß trat er neben die linke Bettseite, auf der seine Frau lag.

Catalina war achtundzwanzig, fünf Jahre jünger als er. Sie war die Tochter einer der reicheren Bauern gewesen, als Nicolas ihr vor zwei Jahren das erste Mal begegnet war. Sie hatte ihn verzaubert. Gegen den Willen seines kranken Vaters hatte er sie zur Frau genommen. Seine Mutter war gestorben, als Nicolas achtzehn Jahre alt gewesen war; der alte Graf verstarb im Winter nach der Heirat an einer Lungenentzündung und vererbte seinen Titel an den einzigen Sohn. Seine letzten Worte an ihn waren voll Spott und Hass gewesen; er hatte niemals gebilligt, dass Nicolas, sein einziger Stolz, ein Bauernmädchen geheiratet hatte. Diesem war das Gerede von Ehre und dem Namen der Familie nichts wert gewesen; er liebte Catalina vom Grund seines Herzens aus, und konnte sich nicht vorstellen, sein weiteres Leben ohne sie zu führen.
Schweigend beobachtete er sie. Ihre Gesichtszüge waren weich, ihre Haut weiß und reinlich, doch sah sie nicht krank aus. Sie war ein zartes Geschöpf, mit feingliedrigen Fingern, einer schmalen Taille und langen Beinen. Ihr schwarzes Haar fiel bis auf ihre Hüften und umgab sie in diesem Moment wie ein Schleier. Ihre Nasenflügel bebten leicht im Schlaf. Sie lag auf dem Rücken in den Kissen, das Gewicht ihm zugewandt, die weiche Decke bis zur Brust hochgezogen. In der linken Armbeuge hielt sie ein weißes Leinenbündel.

Nicolas setzte sich auf die Bettkante, plötzlich nervös. Eine Hand legte sich über seine.
„Du bist zurück“, sagte Catalina leise. Ihrer Stimme war die Erschöpfung anzuhören, dennoch lächelte sie schwach, hob die Hand und strich ihrem Mann über die Wange. Nicolas beugte sich vor und küsste sie liebevoll auf die Stirn.
„Verzeih mir, dass ich nicht bei dir sein konnte. War es sehr schmerzhaft?“
„Ich habe jeden hier im Schloss verflucht, dich eingeschlossen.“ Catalina drehte den Kopf und sah auf das Bündel in ihrem Arm. „Aber es hat sich gelohnt...“ Vorsichtig legte sie Nicolas sein Kind in die Arme. Der Graf sah einen kleinen Kopf mit schwarzen kurzen Haaren, einer winzigen Nase und geschlossenen Lippen. Eine Hand sah aus dem Leinen heraus; sie war so winzig, dass er den kleinen Finger seines Vaters gerade umschließen könnte.
„Er ist wunderschön. Wie seine Mutter.“

Nicolas gab das schlafende Baby zurück und stand auf, um sich umzuziehen und zu waschen. Nur Minuten später lag Catalina in seinen Armen, den Kopf an seine bloße Brust geschmiegt, sodass ihr langes Haar seine Haut berührte. Das Baby lag schlafend zwischen ihnen.
„Hast du dir schon einen Namen überlegt?“, fragte Nicolas leise.
„Eigentlich wollte ich ihn mit dir zusammen aussuchen“, antwortete Catalina und schloss die Augen. Ihr Mann strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie sanft. Kurz darauf war die Gräfin eingeschlafen. Nicolas lag noch lange wach und betrachtete sie und seinen Sohn.

~


Lautes Lachen schallte durch die oberen Gänge des Schlosses. Der Flügel zum gräfischen Schlafzimmer wurde aufgerissen und ein Junge von acht Jahren stürmte herein. Catalina, die an dem Tisch saß und ihr Haar bürstete, drehte sich herum und breitete lachend ihre Arme aus. Ihr Sohn umarmte sie stürmisch.
„Vadim hat verprochen, mit mir auszureiten“, sprudelte er hervor. „Er will mir das ganze Tal zeigen! Und Papa fragt, ob du herunterkommen möchtest.“
Catalina stand auf, strich das lange, dunkelrote Kleid mit den weiten Ärmeln glatt, das sie trug, und folgte Vlad aus dem Raum. Er war längst wieder verschwunden; er kannte bereits jetzt jeden Gang und die noch so versteckten Winkel des Schlosses, dass er sich schnell und vollkommen geräuschlos bewegen und jeden Diener erschrecken konnte – würde ihn sein fröhliches Kinderlachen nicht schon vorher verraten.

Vladislaus war der Name, den sie und Nicolas ihm gegeben hatten – nach einem seiner Vorfahren. Doch hören tat er nur auf die Abkürzung Vlad.

Catalina ging den Gang hinunter und gelangte durch den Geheimgang hinter dem Wandteppich in einen Gang des Grundgeschosses. Anders als ihr Mann vor acht Jahren, am Tag der Geburt von Vlad, blieb sie einige Minuten stehen und sah sich die Wandtteppiche an. In den neun Monaten ihrer Schwangerschaft hatte sie viel Zeit in der großen Bibliothek verbracht, die in einem hinteren Flügel des Schlosses lag, und hatte über die Familie ihres Mannes gelesen. Die Familie Dragulia war weit verzweigt und reichte weit in die Vergangenheit. Das edle Blut war von Generation zu Generation weitergegeben worden.

Bis Nicolas sie, ein einfaches Bauernmädchen, geheiratet hatte.

Leicht schaudern ging die Gräfin weiter. Sie wusste, dass Nicolas den Ruf und das Ansehen seiner Familie beiseite gefegt hatte, als er sie bat, ihn zu heiraten. Wenn es nach seinem Vater gegangen wäre, hätte er eine Frau hohen Adels heiraten müssen, um sein Blut würdig zu vererben. Auch, wenn sie den alten Grafen nicht kennen gelernt hatte, wusste sie um seinen Hass ihr gegenüber, der bis zu seinem letzten Atemzug anhielt.
Catalina öffnete die Tür zur Eingangshalle und bemerkte Nicolas, der mit Sergui ein paar Schritte entfernt stand. Von links, wo die Ställe lagen, drang das Lachen ihres Sohnes zu ihr. Sie trat zu ihrem Mann, der sie lächelnd in seine Arme schloss. Der Diener entfernte sich respektvoll ein Stück.

Der Stall befand sich am Ende der Halle. Zwei Fackeln hingen zischend in ihren schwarzen Haltern an der Wand und beleuchteten die große, schwere Holztür mit schwarzen Verschlägen. Auch sie war kunstvoll beschnitzt; zwei steigende Pferde standen sich gegenüber und keilten mit den Hufen aus. In den tanzenden Schatten sah es so aus, als bewegten die Tiere sich. Vlad blieb jedoch nicht stehen, um sich das faszinierende Schauspiel anzusehen. Wiehern lockte ihn in das Innere des Stalls.
Ein einziges Fenster spendete Licht. Es befand sich am Ende der Stallgasse, war so hoch, dass es vom Boden bis zur Decke reichte, und schmal. Sah man hinaus, blickte man direkt in eine breite Schlucht, die steil von dem Berg abfiel, auf dem das Schloss erbaut war. Vlad stand gerne dort und beobachtete den Abgrund. Doch nicht heute; zielstrebig bewegte er sich die frisch gefegte Stallgasse hinunter, an den Boxen vorbei, in denen Rasvan und Fee, die Pferde seiner Eltern, standen. Außer seinem eigenen Rappen standen noch drei Pferde hier, eine Stute und zwei Hengste, die den Dienern zur Verfügung gestellt wurden. Eines dieser Tiere hatte Vadim bereits gesattelt und hinausgeführt. Der Diener, gekleidet in dunklen Stoff, die braunen kurzen Haare gekämmt, sah auf, als er die Schritte hörte.

„Ihr habt ja schon fertig gesattelt, Vadim“, staunte Vlad und strich dem Hengst über die Nüstern. Der Diener neigte leicht den Kopf.
„Bran steht fertig in seiner Box, gnädiger Herr. Soll ich Euch beim Aufsitzen behilflich sein?“
„Darf ich es zuerst allein versuchen?“, fragte Vlad strahlend. Als der Diener nickte, öffnete er das Gatter der Box, die zu seiner Rechten lag. Bran wiehrte, als er ihn sah. Der junge Hengst sah genauso aus wie sein Vater; schwarz wie die Nacht, mit schwarzem Schweif und Mähne, ganz dunkelbraunen Augen und einem jetzt schon mächtigen Körper, der trotz seines stattlichen Gewichtes geschmeidig war. Nervös scharrte er mit den Hufen durch das Stroh; er wusste genau, dass er bald über Wiesen galoppieren würde. Vlad ging furchtlos auf ihn zu und streckte die Hand aus. Nachdem Bran seinen Geruch aufgenommen hatte, ließ er sich über die weichen Nüstern streichen.

„Du wirst ganz still stehen, nicht wahr?“, flüsterte der Junge dem Hengst zu, während seine Hand über den breiten, glänzenden Hals strich und sich um die Zügel schlang. Vlad klopfte das Herz vor Aufregung, als er zum Sattel aufsah, der ihm plötzlich unerreichbar hoch auf dem Pferderücken zu liegen schien. Er war noch niemals alleine aufgestiegen; sonst stand Vadim neben ihm und hob ihn so, dass er seinen Fuß in den Steigbügel setzten und sich gänzlich nach oben ziehen konnte. Jetzt war er allein. Mutig legte er die Hand mit den Zügeln um den glatten Knauf aus hartem Leder und stützte seine linke auf dem Sattel auf. Kurz überlegte er, ob er versuchen sollte, sich allein durch Schwung auf den Rücken Brans zu schwingen und von dort aus die sitzende Position einzunehmen, entschied sich jedoch für etwas anderes.
Mit dem linken Bein suchte er den Steigbügel und stellte den Stiefel so hinein, dass er nicht herausrutschen konnte. Das dauerte fast eine halbe Minute, weil das Band immer wieder zur Seite pendelte. Der Hengst stand vollkommen still, wandte nicht einmal den Kopf. Nur seine Ohren zuckten manchmal, als lausche er auf die Geräusche. Schließlich hielt der Fuß, und Vlad spannte seine Muskeln an. Schwungvoll stieß er sich vom strohbedeckten Boden ab und sprang nach oben. Bran schnaubte, als er das Gewicht des Jungen auf sich spürte, bewegte sich jedoch keinen Zentimeter. Nach zwei weiteren Minuten saß er gerade im Sattel, die Füße sicher in den Steigbügeln, mit einem kindlichen stolzen Lächeln im Gesicht. Sanft stieß er Bran mit den Stiefelspitzen an, und gehorsam trat der Hengst aus der Box in die Stallgasse und zum Tor, wo Vadim wartete.

„Ihr habt es geschafft, gnädiger Herr.“
„Gleich beim ersten Versuch“, antwortete Vlad strahlend und schnalzte mit der Zunge. Bran fiel in Trab. Seine Hufe klapperten auf dem Steinboden, als er sich dem vorderen Tor näherte, wo Graf und Gräfin Dragulia standen und ihren Sohn in Empfang nahmen. Nicolas griff Bran in die Zügel und hielt ihn still, während Catalina Vlad seinen pelzgefütterten Mantel und schwarze Handschuhe reichte. Vor einigen Wochen hatte der Herbst Einzug im Tal gehalten; die Abende waren bereits kalt und ungemütlich.
„Passen Sie gut auf ihn auf, Vadim.“
„Das werde ich, Erlaucht“, antwortete dieser, der seinen Hengst neben Vlad zum Stehen brachte.

„Seid vor der Dämmerung zurück“, fügte Catalina hinzu und fuhr ihrem Sohn einfach durch sein langes Haar, das er, wie sein Vater, mit einer silbernen Spange nach hinten zurückgebunden trug, bevor sie einen Schritt nach hinten machte. Vlad drehte sich um und winkte, bevor er durch das Tor ritt und das Schloss hinter sich ließ. Die Kronen der Bäume waren von buntem Laub gekrönt, durch das das Sonnenlicht seltsame Schatten auf den Erdboden warf. Vlad beobachtete sie, als die Pferde den Berg hinabgingen, auf demselben Pfad, den Rasvan vor mehr als acht Jahren beschritten hatte, um Nicolas in einer stürmischen Winternacht nach Hause zu bringen. Der Himmel war blau, nicht eine Wolke zeigte sich. Tief unter ihnen lag das Dorf, eng an den Fluss geschmiegt. Das Herrenhaus der Familie Valerious  drohte wie ein Schatten über ihnen.
Sobald sie den Schatten des Berges verließen, wurde Bran unruhig. Vlad hielt die Zügel stramm, wie sein Vater es ihm beigebracht hatte. Der Hengst war von gleicher feuriger Natur wie Rasvan; Catalina war stets in Sorge, Vlad könne abgeworfen werden und sich verletzen. Der Junge wusste, dass Bran nicht zulassen würde, dass er aus dem Sattel glitt. Doch er ahnte genau, was der Hengst wollte.
„Lange lässt er sich nicht mehr halten, gnädiger Herr“, bemerkte Vadim. Sein Hengst war älter und weitaus ruhiger.
„Folgt Ihr mir, Vadim?“
„Ich bin stets hinter Euch.“

Vlad gab die Zügel frei. Im nächsten Moment klammerte er sich an die Mähne des Pferdes, als er davonschoss, auf das Dorf zu. Der Wind schnitt scharf in sein Gesicht und schon nach kurzer Zeit waren seine Hände, trotz der Handschuhe, klamm vor Kälte. Doch Vlad genoss den Ritt. Die Zügel umfassend, lenkte er Bran in einem weiten Bogen um das Dorf und das Herrenhaus, auf die Berge zu. Sie erhoben sich majestätisch in den Himmel; auf den höchsten Spitzen lag bereits der erste Schnee. Das Gras unter den donnernden Hufen wogte sanft; das Rauschen des Flusses zur Linken des Jungen wurde lauter, als Bran auf eine Furt zugaloppierte und in einem elegenten Satz über das Wasser setzte. Vlad lachte. Hier, auf dem Rücken seines Pferdes, fühlte er sich frei. Er zog an den Zügeln, wartete auf Vadim, der ihm in den nächsten Stunden das ganze Tal zeigte. Die Sonne stand schon tief, als sie den Rückweg antraten. In Vlad brannte noch die Energie des Tages, sodass er den Diener bat: „Vadim, lasst mich noch ein wenig galoppieren. Trefft mich am Waldrand wieder.“

„Wird es Eurem Vater gefallen, wenn ich Euch alleine lasse, gnädiger Herr?“
„Er braucht es nicht zu erfahren“, drängte der Junge. „Bitte, Vadim!“
Der Mann seufzte und zog eine Augenbraue nach oben. „Wisst Ihr, was Euer Vater mit mir macht, wenn Euch etwas geschieht? Und Eure Mutter?“
„Ihr könnt mich die ganze Zeit beobachten“, setzte Vlad schnell nach. „Ich bin auf dieser Seite des Flusses. Und wenn wir noch länger reden, ist die Sonne weg und wir müssen zurück!“
Vadim schwieg einen Moment. Mit einem Blick auf das Schloss meinte er dann langsam: „Einverstanden. Aber, gnädiger Herr - “
Den Rest hörte der Junge nicht mehr. Bran donnerte bereits davon, auf den Fluss zu. Vlad beugte sich weit über seinen Hals, spürte das Vibrieren des Bodens in den Muskeln und dem Zucken des schwarzen Fells. Der Boden verschwamm vor seinen Augen, so schnell waren sie. Er schloss die Augen, genoss das Gefühl des Schwebens.

Ein Schrei ließ ihn so heftig an den Zügeln reißen, dass Bran auf die Hinterbeine stieg und ihn beinahe abgeworfen hätte. Vlad hielt sich an der Mähne fest, was den Hengst schnauben ließ; das Herz pochte dem Jungen bis zum Hals, als er sich umsah.
Ein Stück vor ihm schlängelte sich der Fluss in einer Rechtskurve an den Ausläufen der Berge vorbei. Das Ufer war den Blicken des Jungen durch dicht wachsende Sträucher verborgen. Einige Bäume standen dicht gedrängt, als suchten sie die Nähe zum Wasser. Von dort war der Schrei gekommen.
Vlad schnalzte mit der Zunge und trieb den Hengst bis zu den Büschen, wo er hart an den Zügeln zog und aus dem Sattel sprang. Das Gestrüpp verbarg ein steil abfallendes Ufer, das beinahe nahtlos in den, zu dieser Jahreszeit, reißenden Fluss überging. Nur ein schmales Stück flacher Erde sprang hervor, auf dem eine Person gerade stehen konnte. Beinahe wäre Vlad hinuntergestürzt. Schwankend blieb er auf der Kante stehen und sah hinunter.

Die Bäume waren jämmerliche Exemplare ihrer Art, all ihrer Blätter beraubt. Mächtige Wurzeln, die gar nicht zu den schmächtigen Stämmen passen wollten, hatten das Erdreich durchwühlt, um zum Wasser hinunterzureichen. Einige hingen in den Fluss. An einer klammerte sich ein Mädchen fest und schrie in diesem Moment abermals um Hilfe.
Sie musste die Böschung hinuntergestürzt und in den Fluss gefallen sein. Es schien pures Glück, dass sie nach der Wurzel greifen konnte; die Strömung war hier so stark, sie wäre wie ein Blatt fortgerissen und unter die Wasseroberfläche gezogen worden.
„Hilf mir!“
Das Mädchen schluchzte und sah Vlad flehend an. Ihre Hände hielten die Wurzel fest, doch immer wieder glitten ihre Finger von der feuchten und moosbewachsenen Rinde ab und sie tauchte tiefer in das eisige Wasser. Langes blondes Haar fiel über ihre Schultern. Sie trug braunes, grob gewebtes Tuch. Ein weiteres Mal rissen die Wassermassen sie beinahe mit sich und sie tauchte mit dem Gesicht unter.

Vlad schrie Vadims Namen, so laut er konnte, und rutschte sitzend den Abhang hinunter. Es war ihm gleichgültig, dass er den feinen Stoff verschmutzte, den er trug. Seine Füße fanden gerade so auf dem Stück Erde Platz. Rasch kniete er sich hin und streckte dem Mädchen seine Hände entgegen. Hier unten rauschte das Wasser laut in seine Ohren.
„Nimm meine Hände!“, rief er dem Mädchen zu. Sie sah ihn an, nackte Angst stand in ihren Augen.
„Ich kann nicht!“
„Versuch es!“
Vlad versuchte, ihre Hand zu packen. Ihre Fingerspitzen berührten sich, dann wurde der Arm zurückgerissen. Das Mädchen schrie; einen schrecklichen Moment hing sie nur noch mit einer Hand an der Wurzel und verschwand abermals unter Wasser. Prustend kam sie wieder nach oben, krallte sich in das morsche Holz. Verzweifelt schrie der Junge immer und immer wieder den Namen seines Dieners, während er sich bäuchlings auf den schmalen Streifen Erde legte und seine Arme ausstreckte, so weit es ging.
„Greif meine Hände!“

Noch einmal drückte das Mädchen sich gegen die Strömung und tastete nach den Händen des Grafensohnes. Diesmal klappte es. Vlad packte ihre Handgelenke. Doch jetzt bekam er die ganze Macht der Strömung zu spüren, die an den vollgesogenen Kleidern des Mädchens zerrte. Er konnte sich nirgends festhalten. Stück für Stück wurde er über den Boden gezogen, dem Fluss entgegen. Seine Füße scharrten vergeblich über die harte Erde; schon lagen auch seine Hände im Wasser, den unerbittlichen Strömungen ausgesetzt – aber er konnte das Mädchen doch nicht loslassen...!

Starke Hände griffen über seine, packten das Mädchen und zogen sie aus dem Wasser. Vlad hob den Kopf. Vadim stand über ihm; der Platz reichte gerade aus, dass er zwischen den Beinen des Dieners lag. Der nasse Körper hing regungslos in den Armen des Mannes. Sie war ohnmächtig geworden.
„Bleibt liegen, gnädiger Herr! Ich bringe das Mädchen nach oben, und komme Euch dann holen!“
Vlad gehorchte, mit wild klopfendem Herzen. Nur langsam wurde ihm bewusst, was geschehen war. Er hatte dem Mädchen das Leben gerettet! Wenn sein Vater davon erfuhr, würde er sehr stolz auf ihn sein – und Catalina würde ihn aus Angst an sich ziehen und wahrscheinlich niemals wieder loslassen...
„Gnädiger Herr.“
Vadim streckte ihm vom Rand seine Hand entgegen. Vorsichtig stand Vlad auf und ließ sich von ihm nach oben ziehen. Die Sonne war hinter den Berggipfeln verschwunden; erst jetzt bemerkte der Junge, wie kalt es war. Bran und der andere Hengst standen zusammen ein Stück abseits; Bran wiehrte freudig, als er seinen Reiter erkannte.

„Sie hat das Bewusstsein verloren,  gnädiger Herr.“ Vadim hielt das Mädchen immer noch in seinen Armen. „Und wenn ich das anmerken darf: wir sollten uns auf den Rückweg machen. Eure Mutter wird sich Sorgen um Euch machen, wenn Ihr nach Sonnenuntergang noch nicht im Schloss seid.“
„Kennt Ihr sie?“
Vadim war öfters im Dorf gewesen, und kannte beinahe jeden Bewohner. Er selbst hatte hier unten gelebt, bevor Nicolas ihn eingestellt und er auf Schloss Dragulia eingezogen war.
„Ihr Gesicht sagt mir nichts, gnädiger Herr. - Ein Sturm zieht auf. Wir haben nicht die Zeit, von Haus zu Haus zu gehen und nachzufragen, wo sie hingehört, wenn wir vor dem Regen im Schloss sein wollen.“
„Warum nehmen wir sie nicht mit? Mama kann sich um sie kümmern, und Papa kann morgen mit ihr ins Dorf reiten und sie ihrer Familie zurückgeben.“
Es war Vadim anzusehen, dass es ihm missfiel, das Mädchen von ihrem Elternhaus zu entfernen, doch angesichts der schwarzen Wolkenfront, die sich bereits drohend über den Bergen zu sammeln begann, blieb ihm nichts anders übrig. So setzte er sie vor sich in den Sattel, wickelte sie in seinen Mantel und spornte den Hengst zur Eile an. Vlad folgte ihm auf Bran.

Der Ritt zurück zum Schloss war sehr ungemütlich. Schwarze, dichte Wolken zogen über die Bergspitzen der Karpaten und standen drohend über dem Tal. Es schneite nicht, doch ein scharfer Wind kam auf und pfiff heulend durch die engen Berghänge. Vadim ritt voraus; in der rasch aufkommenden Dunkelheit war der Schweif seines Hengstes nur schemenhaft zu erkennen, obwohl der Kopf des Rappen diesen beinahe berührte.
Vlad fror. Seine Hände waren, trotz der Handschuhe, eiskalt. Auch sein dicker Mantel hielt die Wärme nicht in seinen Gliedern. Brans Atem bildete kleine Wölkchen in der kristallklaren Luft. Vlad dachte an das Mädchen in Vadims Armen. War sie immer noch bewusstlos? Wie war ihr Name? Und wie war es dazu gekommen, dass sie in den Fluss gestürzt war?

Das Portal wurde von zwei Dienern geöffnet und sofort hinter ihnen wieder geschlossen, um die Kälte draußen zu lassen. Vlad brachte Bran zum Stehen, konnte jedoch nicht absteigen. Arme legten sich um ihn und zogen ihn herunter. Nicolas hielt ihn lange fest, bevor er sagte: „Wir haben uns Sorgen gemacht, als es dunkel wurde, Vlad. Große Sorgen! Deine Mutter wartet im Kaminzimmer auf deine Rückkehr.“
„Verzeiht mir, Erlaucht. Wir haben -“
„Es ist nichts geschehen, Vadim, Gott sei Dank. Doch sagt, wer ist das Mädchen?“
Der Diener war ebenfalls abgesessen. „Ihren Namen weiß ich nicht, Erlaucht. Euer Sohn hörte ihre Hilferufe und zog sie aus dem Fluss. Ohne seine Hilfe wäre sie ertrunken. Er bestand darauf, sie hierher mitzunehmen.“

Nicolas drückte seinen Sohn. „Recht tat er damit. Bringt sie nach oben in eines der freien Gemächer, Vadim, und holt Euch zwei der Mädchen zur Hilfe. Ich befürchte nur, wir haben keine Kleidung, die ihr passen könnte...“
„Sie kann Hemd und Hose von mir haben“, rief Vlad enthusiastisch. Er befreite sich aus den Armen seines Vaters und lief in Richtung Kaminzimmer davon, blieb jedoch einige Meter entfernt stehen und drehte sich um. „Kommst du nach, Papa?“
„Ja, Vlad. Ich bringe nur die Pferde in den Stall.“
Der Junge verschwand durch die dritte Tür auf der linken Seite. Er gelangte jedoch nicht auf einen Gang, sondern in das Speisezimmer mit seinen silbernen Leuchtern, der langen, aus dunklem Holz gefertigten Tafel, den hochlehnigen Stühlen mit den stoffbespannten Sitzen und einem dunkelroten Teppich, der jeden Schritt verschluckte. Einige Frauen waren dabei, ein einzelnes Gesteck abzuräumen; sie verneigten sich, als Vlad den Raum durchquerte und sie grüßte.
Catalina hatte allein gespeist und sich danach zurückgezogen.

Hinter dem Speisezimmer führte ein Gang zur Bibliothek, die auf der anderen Seite des Schlosses lag. Es war ein großer Raum mit einer rückwärtigen Fensterfront, die einen atemberaubenden Blick auf die Schlucht und die weit entfernten Berge preisgab. Die restlichen Wände wurden von hohen, dunklen Regalen eingenommen, in denen hunderte von Büchern und Schriftrollen lagerten. Der Boden war mit einem dicken schwarzen Teppich ausgelegt; in einer Ecke war ein Kamin in die Wand gemauert, in dem in den kalten Monaten tagsüber ein Feuer loderte, um es warm zu halten. Davor waren zwei große Ohrensessel aufgestellt, über deren Lehnen jeweils ein Lammfell geworfen war. Im linken saß Catalina, den Kopf an die Lehne gestützt. Sie horchte auf, als Vlad die Tür schloss.
„Vlad!“
Sie lief auf ihn zu, kniete nieder und schloss ihn in ihre Arme. Ihr langes schwarzes Haar kitzelte den Jungen im Gesicht, doch er liebte es, seiner Mutter so nahe zu sein. Er erwiderte die Umarmung, drückte sein Gesicht an ihre Schulter und atmete ihren Geruch ein, der ihm so vertraut war wie nichts anderes. Catalina roch nach Frühling, frisch geschnittenem Gras und Blumen.

„Mama... Ich habe einem Mädchen das Leben gerettet!“, sprudelte Vlad hervor. „Deswegen konnten wir nicht rechtzeitig nach Hause kommen... Da war der Fluss, und das Mädchen, sie ist gestürzt und wäre ertrunken, und -“
„Langsam, Vlad, langsam.“ Catalina lachte, während gleichzeitig einige Tränen aus ihren dunkelblauen Augen tropften. „Du kannst mir alles erzählen, wenn dein Vater hier ist.“
Genau in dem Moment betrat Nicolas die Blbliothek. Er setzte sich in einen der Sessel, seine Frau in den Armen, während Vlad ausführlich berichtete, was auf seinem Ausritt geschehen war. Nicolas nickte bedächtig mit dem Kopf und spielte mit einer von Catalinas Haarsträhnen. Sie hatte den Kopf an seine Schulter gebettet.
„Ich bin sehr stolz auf dich, Vlad. Das war sehr mutig von dir, dem Mädchen zu helfen. Ohne dich wäre sie wahrscheinlich ertrunken.“
„Mama hat geweint“, wandte der Junge ein, der am Kamin saß.
„Sie hatte Angst, als du zur Zeit des Sonnenuntergangs nicht wieder im Schloss warst. Wir beide hatten Angst um dich, Vlad.“
„Warum?“
„Wir dachten, dir sei etwas zugestoßen. Du bist unser einziges Kind, und wir lieben dich mehr, als du es dir vorstellen kannst.“
Ein leises Klopfen unterbrach das Gespräch. Sergui kam herein.
„Verzeiht die Störung, Erlaucht, aber ich sollte Euch Bescheid geben, sobald das Mädchen aufwacht.“

Ein paar Minuten später waren sie alle um das Bett versammelt. Vlad saß auf einem Stuhl neben dem Kopfende und sah neugierig auf das Mädchen, das ihrerseits Nicolas und Catalina aus großen grünen Augen ansah, die am Fußende standen. Sergui und die beiden Frauen standen an der Tür. Das Zimmer lag in den unteren Geschossen, wo auch die Unterkünfte der Diener waren, und wurde selten benutzt. Trotzdem fand sich nirgendwo auch nur ein Staubkorn. Die schweren Vorhänge waren zurückgezogen und ließen silbernes Mondlicht hinein, das, zusammen mit Kerzenschein, auf den dunklen Teppich und die Möbel fiel.

„Weißt du, wer ich bin, und wo du dich befindest?“, fragte Nicolas freundlich. Das Mädchen nickte zögernd.
„Ihr seid Graf Dragulia.“
„Wie ist dein Name?“
„Iljana. - Warum bin ich hier?“
„Du bist in den Fluss gestürzt. Mein Sohn hat dich herausgezogen, und mein Diener nahm dich mit hierher, weil er nicht wusste, wo du zu Hause bist.“
Iljana wandte den Kopf und sah Vlad an. Erkennen zeigte sich in ihren Augen. Der Junge legte den Kopf leicht schräg und grinste. Sein Hemd war ihr ein wenig zu groß.
„Wo sind meine Sachen?“
„Wir mussten sie dir ausziehen, sie waren vollkommen durchnässt“, antwortete Catalina sanft. „Sie werden über Nacht trocknen, und morgen bekommst du sie wieder. Mein Mann bringt dich morgen zu deiner Familie zurück.“
„Sie werden sich Sorgen machen, wenn ich nicht nach Hause zurückkomme.“
„Du hast Recht, Iljana. Ich werde einen Boten zu deinen Eltern schicken, damit sie wissen, dass du wohlauf bist. - Sergui, würden Sie einen der jungen Männer schicken, die heute den Stall ausgebessert haben?“
„Ich werde selbst reiten, Erlaucht“, antwortete der Diener, neigte den Kopf und verschwand auf den Flur.
„Bist du hungrig, Illjana? Du kannst mit uns kommen und ein wenig Suppe essen, wenn du möchtest.“

„Deine Eltern sind sehr freundich.“
Es war kurz vor Mitternacht. Nach dem Essen hatten die gräfische Familie und das Mädchen sich in das Kaminzimmer zurückgezogen. Catalina und Nicolas saßen in Sesseln nahe am Kamin und schwiegen in vertrauter Weise, während sie dem Gespräch der Kinder lauschten, die ein Stück entfernt auf einem weichen Fell saßen. Iljana sah sich verzaubert um.
„Ich habe noch niemals so viele Bücher an einem Ort gesehen.“
„Habt ihr keine Bücher?“
„Mein Vater hat eine in Leder gebundene Bibel“, erwiderte das Mädchen stolz. „Jeden Sonntag liest er uns beim Abendessen einen Abschnitt daraus vor, aber niemand außer ihm darf sie berühren. Einmal durfte ich sie mir ansehen. Auf einer Seite ist eine bunte Zeichnung von Christus und seinen Jüngern.“
Vlad runzelte die Stirn. Die Familie besaß nur ein Buch? Und nur der Vater durfte es berühren?
„Du bist in Wohlstand aufgewachsen, Vlad“, mischte Nicolas sich in das Gespräch ein. Er hatte den Gesichtsausdruck seines Sohnes bemerkt. „Außer unserer Familie verfügen nur noch die Valerious über einen solchen Status wie wir. Viele der Bauern leben in sehr bescheidenen Verhältnissen, und sie besitzen nicht einmal die Hälfte an Wert von dem, was du kennst.“

„Können wir ihnen nicht etwas abgeben?“
Nicolas lächelte. „Ich habe immer versucht, den Menschen Hilfe zu geben, die sie benötigen. Mit Gottes Hilfe ist mir das bisher immer gelungen. Es ist wichtig, Vlad, sehr wichtig, dass du von dir nicht eine höhere Meinung hast als von den Menschen, die unten im Tal leben, nur, weil sie Bauern sind. Wir sind alle gleich, und nur unser Familienstand trennt uns voneinander. Wenn du eines Tages Graf bist, hoffe ich, dass du deine Untergebenen so behandelst, wie auch du behandelt werden möchtest.“
„Das werde ich“, versprach Vlad feierlich. Nicolas lachte leise.
„Du bist noch zu jung, um meine Worte zu verstehen. Wenn du älter bist, werden wir uns noch einmal darüber unterhalten.“

„Kannst du lesen, Iljana?“, fragte Catalina, die das Mädchen beobachtete. Diese wandte den Kopf und antwortete schüchtern: „Nein, Gräfin. Aber die verschlungenen Worte auf den Seiten faszinieren mich – auch, wenn ich sie nicht verstehe.“
„Würdest du es gerne lernen?“
„Lesen?“ Das Mädchen sah wieder zu den hohen Regalen, ihre Augen wanderten über die Buchrücken. „Das würde ich sehr gerne“, flüsterte sie.
„Wenn deine Eltern keine Einwände haben, kann ich es dich lehren. Auch schreiben. Dein Vater könnte dich hierher bringen – und Vlad hätte jemanden in seinem Alter, mit dem er spielen kann.“
„Oh ja! Papa, erlaubst du das? Bitte, bitte!“
Vlad sprang auf, seinem Vater in die Arme. Dieser lachte.
„Wenn Iljanas Eltern damit einverstanden sind, warum nicht? Ich werde sie morgen fragen, wenn ich sie zurückbringe. Ich muss sowieso ins Dorf. Der Bauer, der mir die Stute verkauft hat, bekommt sein versprochenes Fohlen.“

Iljana horchte auf. „Mein Vater hat mir einmal erzählt, dass er Euch eine Stute verkauft hat. Ihr habt ihm ein ganzes Säckchen Silbermünzen dafür gezahlt.“
„Dann bist du das Kind, das seine Frau in jenem Winter erwartete!“ Nicolas beugte sich vor. „Das stimmt, dein Vater hat mir die Stute verkauft, von dem Bran abstammt. Sie hat im Herbst erneut gefohlt, und ich halte mein Versprochen. Dieses Fohlen soll deinem Vater gehören, so wie jedes weitere.“
„Ihr seid sehr gütig. Das sagt mein Vater auch. Alle Dorfbewohner reden immer lobend von Eurem Großmut und Eurer Güte.“
Catalina lächelte still und legte ihre Hand auf den Arm ihres Mannes. Vlad fielen bald darauf beinahe die Augen zu, und als seine Mutter das sah, schickte sie ihn und Iljana in ihre Betten.
Am nächsten Tag machte Nicolas sich mit dem jungen Fohlen und Iljana auf den Weg ins Dorf. Das Mädchen, das vor dem Grafen im Sattel saß, verabschiedete sich von Vlad, der Rasvan ein Stück nachlief und winkte.

„Es ist sehr nett von dir, dass du Iljana lesen und schreiben beibringen möchtest“, sagte er ein wenig später zu Catalina, als sie zusammen im Kaminzimmer saßen, eng aneinandergekuschelt unter einer warmen Decke, und die Flammen im Kaimin beobachteten.  Die Gräfin schlang ihre Arme um den Jungen und küsste ihn.
„Magst du sie?“
„Ja. Und ich freue mich darauf, wenn sie wiederkommt.“
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