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von SaKi Violet
erstellt: 24.01.2010
letztes Update: 24.01.2010
Geschichte, Allgemein / P12
(fertiggestellt)
Ist eine wunderbare Übung, auf den Punkt zu kommen und seine Spontanität zu trainieren ;)
~*~
SGZ 19: Die Chance
„Verflixt und zugenäht!“, polterte Van Helsing und wischte sich die nasse Erde vom Mantel. Fluchend kletterte er aus der Grube und brachte seinen kichernden Assistenten mit einem scharfen Blick zum Schweigen. „Wer hebt denn hier auch mitten auf dem Weg Gräber aus?!“
Missmutig griff er nach seinem Hut, der ihm bei seinem Freiflug auf den durchgeweichten Boden vom Kopf gefallen war. Die breite Krempe zog er tief ins Gesicht, auch wenn sie ihm kaum mehr Schutz vor dem strömenden Regen bieten würde.
„Komm endlich.“ Van Helsing ging zügig voran, Carl beeilte sich, die Utensilien zu schultern und mit ihm Schritt zu halten.
Seit zwei Wochen waren sie in Transsylvanien, auf der Suche nach Van Helsings erklärtem Erzfeind: Dracula. Und seinen Freunden, die sich an einem unbekannten Ort mit ihm versammelt hatten. Die Gründe waren dem Vampirjäger egal – aber eine derartige Gelegenheit, dieses ganze Pack mit einem Mal auslöschen zu können, die würde er sich nicht entgehen lassen.
Also zog er mit seinem jungen Gehilfen Carl, der sich mit Kreuzen, Weihwasser, Silberkugeln und allerhand neumodischen Waffen abschleppte, durchs Land und durchsuchte jeden Winkel. Alte Schlösser, Geisterdörfer, Wälder, Schluchten und Friedhöfe. Und auf einem solchen stapften sie gerade durch ein Unwetter und zentimeterhohen Schlamm, um Hinweise auf den vermeintlichen Grafen und seine Gefolgschaft zu finden.
„Sollten wir uns nicht einen Unterschlupf suchen?“, versuchte Carl seinen Herren zur Vernunft zu rufen.
„Und damit diese Chance vergeben? Niemals!“ Van Helsing lief unbeirrt weiter und untersuchte die mit Efeu überwucherten Gräber an der Friedhofsmauer. Die Inschriften waren verwittert und in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Doch dem Vampirjäger reichte es, die Jahreszahlen entziffern zu können: Sie waren nicht alt genug. Was er suchte, war ein Grab aus dem Jahre 1476. Diese hier waren über hundert Jahre zu jung.
„Vielleicht hast du Recht.“ Damit wandte er sich zu seinem Assistenten, der von den schweren Lasten gebeugt und atemlos vor ihm stand. „Es wird ohnehin bald hell. Lass uns ein Quartier für den Tag suchen und morgen Nacht weitermachen.“
Die Dankbarkeit in Carls Augen sprach Bände.
Wenig später befanden sich die beiden Männer auf einer notdürftig befestigten Straße, die auf einen rötlichen Schein in der Ferne zuführte. Ein Dorf, so hoffte Carl zumindest. Vielleicht mit einem Gasthaus, in dem sie etwas über den Grafen und seine Freunde in Erfahrung bringen konnten, so hoffte Van Helsing.
Nach einer Stunde anstrengenden Marsches, in der der Regen nachgelassen und die Wolken sich an Teilen des Himmels verzogen hatten, erreichten sie das Dorf. Die meisten Häuser drückten sich an die Wand eines Berges, die wenigen übrigen bildeten einen Halbkreis um die einfache Kirche, die in der Mitte des Ortes stand.
Gleich das zweite Haus erwies sich als Schänke, in der sogar noch eine Kerze im Fenster stand und im Wind flackerte. Als Van Helsing und Carl eintraten, erwartete sie nur ein schnarchender Trunkenbold. Der Wirt hatte ihn wahrscheinlich schlafen lassen und war selbst zu Bett gegangen.
„Immerhin ist es trocken und warm.“ Van Helsing zuckte die Schultern, warf seinen vor Nässe glänzenden Ledermantel auf eine Bank und ließ sich daneben nieder. Carl stellte mit lautem Gepolter all die Utensilien ab, dann setzte er sich gegenüber seinem Herren auf einen Stuhl.
Während der Vampirjäger seine Lederhandschuhe auszog und überlegte, ob er nach oben gehen und den Wirt aufwecken sollte, strich ein kalter Luftzug über seine Wange. Das Verwunderliche war nicht der Windhauch an sich – er kam aus der falschen Richtung! Nicht von den Fenstern oder der Tür her, sondern von der Treppe, die in den oberen Stock führte. Als Van Helsing den Kopf hob, sprang er mit einem lauten Schrei auf.
„Du!“
Sein Gegenüber wurde – wenn das überhaupt möglich war – noch blasser als zuvor. „D-du!“, erwiderte er schrill, vollkommen erstarrt vor Überraschung.
Van Helsing zögerte nicht lange, riss die Pistole aus dem Halfter an seiner Hüfte und drückte ab. Noch ehe Carl überhaupt registriert hatte, was hier vor sich ging, taumelte der Schwarzgekleidete getroffen von der Treppe. Sekunden später richtete er sich allerdings schon wieder auf und funkelte den Vampirjäger feindselig an.
„Ich hätte wissen müssen, dass du mich selbst hier finden würdest! Vielleicht hätte ich nach London reisen sollen, als du auf dem Weg hierher warst?“
„Damit wärst du mir sogar entgegengekommen, Dracula!“, spuckte Van Helsing wütend und wandte sich dann an Carl. „Armbrust, los!“, herrschte er ihn an. Der junge Mann wühlte sich mit fliegenden Fingern durch das Waffenarsenal, bevor er seinem Herrn das gewünschte – bestückt mit Pfeilen mit silberner Spitze – reichte. Diese Zeitspanne genügte Dracula, um sich vollständig vom vorherigen Treffer an seiner Hüfte zu erholen – normale Kugeln konnten ihm nichts anhaben.
„Stirb, du Monster! Und deine ganze Brut mit dir! Ich nehme an, sie sind ebenfalls hier und warten auf ihr Ende?“ Van Helsing sprang hinter dem Tisch hervor und richtete die Armbrust auf den Vampir.
„Und wie gedenkst du, uns alle auszulöschen? Mit diesem Spielzeug? Ha!“ Dracula schoss vorwärts, auf den Vampirjäger und seinen Gehilfen zu. Erschrocken schrie Carl auf, als der Vampir ihm an die Kehle sprang.
Van Helsing drückte ab und durchbohrte Draculas Körper.
Dachte er. Der Vampir hatte sich blitzschnell herumgedreht und Carl als Schutzschild benutzt. Der junge Assistent brach röchelnd und blutend zusammen, Dracula schoss mit einem lauten Lachen durch die Tür.
Noch während Van Helsing auf seinen Freund zustürzte, hörte er draußen viele Stimmen in das Lachen einstimmen. Und wie sie sich in eine ihm unbekannte Richtung entfernten.
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