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von JeyF    erstellt: 22.01.2010    letztes Update: 22.01.2010    Geschichte, Allgemein / P6    (abgebrochen, keine anonymen Reviews)
Station Weihnachten


Sanft bebte der Boden unter ihren Füßen, während sie durch eine Glasscheibe hindurch das Schauspiel des Schnees beobachtete.
Der kalte Wind trieb die Flocken mal wild durcheinander und ein anderes Mal sah es aus, als würde eine Gruppe Schneeflocken die anderen jagen.
Es war ein lustiges Spiel und gleichzeitig ein anmutiger Tanz.
„Nächste Station: Hauptbahnhof“ erklang eine mechanische Stimme hinter ihr.
Neugierig lenkte sie ihren Blick zum Einstiegsbereich und beobachtete, wie ein Mann verzweifelt versuchte den gekauften Weihnachtsbaum in den Zug zu frachten.
„Wieder so ein Verrückter, der Wochen vorher seinen Baum kauft“ dachte Mia.
Sie hatte nichts gegen den weihnachtlichen Trubel um sich herum und sie wollte auch niemanden die Vorfreude nehmen.
Im Gegenteil, sie beneidete die Menschen, die bereits im November damit anfingen ihre Dekoration raus zu kramen und Plätzchen backten.
Sie selbst war in den vergangenen Jahren kaum in Weihnachtsstimmung gekommen.
Auch dieses Jahr schien es ihr nicht vergönnt zu sein.
Obwohl es das erste Mal seit Jahren wieder richtig schneite und sie sich redlich Mühe gab.
Mia´s Haus ähnelte inzwischen eher einer riesigen Leuchtreklame.
Erneut begann der Zug sich in Bewegung zu setzen.
Sie hörte, wie sich lautstark die Tür zum Abteil öffnete und drehte sich erschrocken um.
Ein kleines Mädchen, vielleicht um die sechs Jahre mit roten Locken, kam frech herein gehüpft, ihm folgte ein erschöpft aussehender Mann mittleren Alters.
„Caitlin, ich hab dir doch gesagt, du sollst die Tür nicht so auf knallen!“ stöhnte dieser.
„Aber Papi! Ich freu mich so auf Weihnachten!“ konterte die Kleine und lies sich auf einen freien Platz fallen.
„Was denkst du, würde der Weihnachtsmann davon halten, wenn er wüsste dass du nicht auf deinen Vater hörst?“
Der Rotschopf vertrete genervt die Augen.
„Dem würde es gefallen, dass ich mich auf Weihnachten freue!“
Mia, die das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen.
Zu gut erinnerte sie sich an die Zeit, in der sie selbst ihre Eltern in den Wahnsinn getrieben hatte.
Resignierend massierte sich der angeschlagene Mann die Schläfe.
„Aber wieso freust du dich denn so darauf? Du weist doch schon was du geschenkt bekommst. Etwas, das auf deinem Wunschzettel steht.“
Missmutig verschränkte das Mädchen sie Arme vor der Brust.
„Mensch Papi! Du denkst immer nur an die Geschenke! Es geht doch um was ganz anderes!“
„Worum denn?“ verblüfft betrachtete der Mann seine Tochter von oben herab.
Diese seufzte laut über das Unverständnis ihres Vaters.
„Es geht um die Familie! Darum, dass alle zusammen kommen und gemeinsam Spaß haben! Zeit miteinander zu verbringen und gemeinsam Plätzchen zu backen!“
Plätzchen backen.
Verträumt dachte die stille Beobachterin daran, wie sie früher mit ihrer Mutter in der Küche gestanden hatte und zu sah, wie diese den Teig für die Leckereien herstellte.
Aufgeregt durfte sie dann das ausstechen der Plätzchen übernehmen.
Im Hintergrund war das Lied “In der Weihnachtsbäckerei“ gelaufen und beide hatten laut mitgesungen.
Die Erinnerung daran erfüllte Mia mit einem warmen und wohligen Gefühl.
Ein gereiztes „Das gibt´s doch nicht!“ aus der Bank hinter ihr riss sie wieder in die Gegenwart zurück.
Anscheinend hatte das junge Pärchen, das dort saß ebenfalls das Gespräch zwischen Vater und Tochter mit angehört.
„Was ist denn los?“
Der junge Mann, mit den schulterlangen braunen Haaren und den Augen, deren Farbe sie an schwarzen Tee erinnerte, schien von dem Ausbruch seiner Freundin völlig überrumpelt zu sein.
„Ich finde es einfach unverschämt, wie dieses Mädchen hier durch die Gegend schreit. Es gibt Leute, die ihre Ruhe haben wollen!“
Mit einem finsteren Blick zu dem Rotschopf bekräftigte die Freundin ihre Aussage.
„Sie freut sich eben“ versuchte Schwarzauge sie mit einem Lächeln zu beruhigen.
„Das kann ja sein, aber dann soll sie das gefälligst leiser tun! Mir hat es schon gereicht, dass du mich heute mitgeschleppt hast!“
Entschuldigend drückte er ihr einen Kuss auf die Wange.
„Tut mir Leid. Ich dachte es würde dir gefallen.“
Seine Liebste warf ihm einen zornfunkelnden Blick zu.
„Was sollte mir denn daran gefallen, meine kostbare Zeit bei diesen alten Knackern zu verbringen?“
„Immerhin geht es bei Weihnachten doch darum, anderen Menschen eine Freude zu machen“ antwortete Schwarzauge sanft „Wir sollten froh darüber sein, dass wir es in diesem Maße und zusammen feiern können. Gibt es doch genügend Menschen, die dazu nicht Fähig sind. Viele werden dieses Jahr Weihnachten alleine verbringen, weil sie alt oder krank sind.
Andere werden es nicht feiern können, da sie einfach nicht genug Geld haben und auch sonst nichts mehr besitzen.
Da sollten wir doch in der Lage sein ein etwas unserer kostbaren Zeit für sie zu opfern und ihnen zumindest ein paar schöne Stunden zu bescheren.“
Wieder glitt Mias Blick hinaus in den Schnee.
Dieses Mal interessierte sie das Tanzen der Flocken jedoch nicht.
Mit einem stechenden Gefühl im Magen dachte sie an die Menschen, die Weihnachten nicht so feiern konnten wie sie.
An die Leute in den Altenheimen und Krankenhäusern, an die Obdachlosen auf der Straße, die bei diesem Wetter halb erfrieren mussten.
Und an die Kinder in den Heimen, die sich nichts sehnlichster wünschen, als zumindest einmal richtig Weihnachten feiern zu können.
Schwarzauge hatte vollkommen Recht.
Man sollte sich um diese Menschen kümmern, doch nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über.
Plötzlich polterte etwas neben ihren Sitz.
Etwas braunes, mit Rädern.
Es war ein brauner Rollkoffer und gehörte einer älteren Frau, die Mia mit ihren kurzen, grauen Locken und dem Hut stark an Miss Marple erinnerte.
Sie musste gerade zugestiegen sein.
„Entschuldigung junge Dame, ist der Platz dort noch frei?“ mit einer Handbewegung deutete sie auf den Platz gegenüber.
„Natürlich, setzen sie sich!“ antwortete Mia freundlich.
Dann sah sie zu, wie Miss Marple, ihren Koffer hinterher ziehend, Platz nahm.
Erst jetzt bemerkte sie den Blumenstrauß, den die Frau bei sich trug.
„Schöne Blumen, nicht?“ Miss Marple musste ihren Blick gefolgt sein und lächelte sie an.
Sie nickte.
„Sie sind wirklich schön. Sind sie für einen Freund?“
Die alte Frau schien froh darüber zu sein, mit jemanden sprechen zu können.
„Für eine liebe Freundin. Sie liebte diese Blumen.“
Mia fiel sofort auf, dass sie in der Vergangenheitsform sprach und sie ahnte auch schon weshalb.
Der betretene Gesichtsausdruck musste die junge Frau verraten haben, denn immer noch freundlich lächelnd fügte Miss Marple hinzu.
„Niemand von uns kann den Tod aufhalten.“
„Dann sind sie auf dem Weg zum Friedhof?“ fragte Mia zögerlich.
„Ja, ich gehe sie um diese Zeit öfters besuchen und erinnere mich an unsere gemeinsame Zeit.“
Bei diesen Worten schien es, als würde die Alte auch jetzt für einen Augenblick in Erinnerungen versinken.
Zögerlich versuchte Mia das Gespräch wieder aufzunehmen.
„Macht es sie denn nicht traurig, sie zu dieser Zeit zu besuchen. Ich meine, ihre Freundin ist nicht mehr da, um mit ihnen zu feiern.“
Wieder begann Miss Marple zu lächeln.
„Wer sagt denn, dass sie nicht hier ist? Ganz im Gegenteil!
Nie sind uns die Toten so nahe, wie zur Weihnachtszeit. Wir können ihre Anwesenheit ganz deutlich spüren. Sie begleiten uns bei jedem Schritt den wir gehen und halten ihre schützenden Hände über uns.
Denkst du nicht auch meine Freundin wäre zutiefst traurig, wenn sie sehen würde, dass ich ihretwegen betrübt bin?“
Ein Nicken war die einzige Antwort, die sie bekam.
Mia war sprachlos, so hatte sie das noch nie gesehen.
Vor einem halben Jahr war ihr Großvater verstorben und es hatte sie ziemlich mitgenommen
Die beiden hatten sich unglaublich gut verstanden, sie hatte mit ihm immer über alles reden können.
Weihnachten ohne ihn hatte die junge Frau sich kaum vorstellen können.
Das Wissen, dass er jetzt bei ihr war und sie beschützte trieb ihr die Tränen in die Augen.
Glücklicherweise ertönte in diesem Moment wieder die mechanische Stimme.
“Nächste Station: Marktplatz“
Es war ihre Haltestelle.
Sie verabschiedete sich von Miss Marple, die ihr lächelnd hinterher sah.
Kaum hatte sie sich abgewandt rann die erste Träne an ihrer Wange hinunter und während sie zum Ausgang ging erinnerte sich Mia daran, was der kleine Rotschopf, Schwarzauge und Miss Marple gesagt hatten.
Dann sah sie den großen Baum, der in der Mitte des Marktplatzes aufgestellt war.
Wurde von den Klängen des Kinderchors, der auf dem Weihnachtsmarkt sang empfangen.
Und in ihr brannte ein Feuer, dass sie und ihre Umgebung zu erwärmen schien.
Weihnachten war nun endlich auch für sie angebrochen.
 
 
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