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von Katzi    erstellt: 19.01.2010    letztes Update: 20.05.2012    Geschichte, Allgemein / P12    (in Arbeit)
Warnung: Entweder ist es AU oder es spielt in der Zukunft.

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Ein anderer Manuel Neuer

Manuel weinte nie. Absolut nie. Noch nicht mal, als er sich auf dem Ascheplatz beide Knie aufgeschlagen hatte und das Blut überall hintropfte wie in diesem Film, den er heimlich geguckt hatte, als seine Eltern abends weggegangen waren.
Er hatte auch nicht geweint, als er sich den Daumen gebrochen hatte, weil der blöde Karsten mal wieder seine Torwarthandschuhe versteckt hatte. Zwar hatte er sich fast die Zunge blutig gebissen, um die Schluchzer zu unterdrücken, aber es war keine Träne gefallen, definitiv nicht. Frag doch Karsten, Mohamad oder Kevin, die können es alle bezeugen. Die können auch genau erklären, in welchem seltsamen Winkel der Daumen abstand und wie laut es geknackt hatte.
Er hatte auch nicht geweint, als der Arzt ihm danach eine Spritze gegeben hatte. Keinen Pieps.

Aber einmal, ein einziges Mal, hatte er geheult. 19.05.2001, 17:29, Parkstadion. Aber das war ausnahmsweise okay gewesen, denn Jiri Nemec, Olli Reck und Gerald Asamoah hatten auch geheult. Überhaupt alle im Stadion.
Die Trauer wurde später, als er die scheiß-arroganten Bayern feiern sah, zu Wut. „Tod und Hass dem FCB“ schrieb er vorne in sein Physikbuch. Seine Mutter fand's nicht gut. Auch nicht, dass er sich mit dem Scheiß-Dortmund-Fan aus seiner Klasse prügelte, der am nächsten Montag in der Schule sang: „Ihr werdet nie deutscher Meister!“
Eigentlich prügelte sich Manuel (fast) nie und eigentlich gehörte er auch nicht zu den Leuten, die die gegnerischen Fans mit Flaschen oder Steinen angriffen. Gut, natürlich gab er mal Sprüche zum Besten und zog mal am Schal oder so. Aber eigentlich ließ er die schlimmsten Sprüche, also die wirklich allerschlimmsten Sprüche, aus. Und einmal hatte er sogar mit einem Dortmund-Fan im Training Passübungen gemacht. (Er hatte natürlich extra hart geschossen, um dem mal zu zeigen, wer die Nummer Eins im Revier war.)
Aber jetzt war nicht eigentlich. Jetzt hatten die Scheiß-Bayern ihnen den Titel geklaut und da gab es kein eigentlich mehr, sondern nur grenzenlose Trauer und Wut.
So war es nur völlig verständlich, dass er nie, absolut nie zum FC Bayern gehen würde. Das hatte er früher immer mit den Toten Hosen mitgegrölt: „Ich würde nie zum FC Bayern München gehn!“ Und er hatte jedes Wort ernst gemeint. Und wie gut es jetzt tat, zu wissen, dass die Bayern ihn haben wollten, aber er ihnen einen Korb geben konnte.

Und dann hieß es eines Tages, du musst gehen, der Verein steckt in großen finanziellen Schwierigkeiten, wir brauchen das Geld. Und das Angebot von Bayern war ja wirklich nicht schlecht. Und immer Champions League spielen ... Aber konnte er das jetzt wirklich: unter Uli Hoeneß spielen, den er schon immer verabscheut hatte? Auch wenn die Bayern-Spieler aus der Nationalmannschaft ja behaupteten, privat sei er schwer in Ordnung. Überhaupt, die Bayern-Spieler, mit denen er in der Nationalmannschaft zusammenspielte, waren ja auch größtenteils okay, mal abgesehen davon, dass sie beim falschen Verein spielten.
Irgendwie war heute alles anders. Die Welt war nicht mehr in königsblau und den Rest unterteilt. Es war schwer, einen Verein zu hassen, wenn dort Menschen spielten, mit denen er schon zusammen gejubelt hatte. In der U21 hatte er sogar mit Mats Hummels gespielt, der erst in Bayern und dann in Dortmund gewesen war, also eigentlich die schlimmstmögliche Kombination schlechthin. Und es hatte ohne Probleme geklappt, früher unvorstellbar.

Und so klappte es auch irgendwie, in Bayern zu spielen. Das erste Mal, dass er sich selbst auf einem Foto im rot-weißen Trikot sah, das erste Mal, dass er einem Fan ein Autogramm auf ein Bayern-Cappie schrieb, das erste Mal, dass er in der Allianz-Arena von den Bayern-Fans angefeuert wurde, das erste Mal, dass er auf's Oktoberfest musste, war schon komisch. Für einen kurzen Moment fühlte er sich fehl am Platz, doch es war erstaunlich, wie schnell er sich an alles gewöhnte. Plötzlich war er stolz darauf, beim besten deutschen Verein die Nummer Eins im Tor zu sein. Er ärgerte sich über die unqualifizierten Äußerungen aller möglichen Leute, die nur neidisch auf den Erfolg der Bayern waren.

Es klappte, bis er in die Veltins-Arena musste. Zunächst war noch alles in Ordnung. Ein bisschen Wehmut, klar. Erleichterung, dass die Fans ihn weitgehend freundlich empfingen. Freude, seine alten Kollegen wiederzusehen. Das Spiel war auch gut. Frühe Führung durch Miro. Doch die Schalker ließen nicht locker und kämpften richtig hart. In der Schlussphase wurde es verdammt eng. Manuel konnte zweimal in letzter Sekunde retten. Dass er Kevin Kuranyi dabei etwas härter erwischte, tat ihm zwar leid, aber in so einem Moment hatte er keine andere Wahl, als sich voll reinzuwerfen. Und ein Elfmeter war das definitiv nicht, da konnten die Schalker Fans pfeifen, so viel sie wollten. Sah der Schiedsrichter zum Glück auch so. Ein letzter Konter der Bayern, den der Schalker Torwart entschärfen konnte, und endlich, endlich, endlich der erlösende Schlusspfiff. Manuel riss die Arme in die Höhe und dann prallte plötzlich alles auf ihn ein. Ich bin wie Oliver Kahn, dachte er. Olli Kahns Nachfolger. Und er war stolz drauf. Und dafür hasste er sich, sollte er sich eigentlich hassen. Was war nur aus ihm geworden, dass er jetzt für Bayern genauso jubelte wie früher für Schalke? Königsblau, eine Liebe bis in den Tod und all diese Sachen, die so sicher geschienen hatten, die er nie auch nur in Zweifel gezogen hatte. Zack, alle seine ach-so-festen Überzeugungen umgeworfen.

„Gut gehalten.“ Ein rot-weißer Spieler umarmte ihn kurz. Was der noch sagte, hörte er nicht mehr. Er hörte nur noch wie aus weiter Ferne den fünfzehnjährigen Manuel Neuer, der ihn beschimpfte. Scheiß-Bayer. Lügner. Söldnerschwein. Verräter.
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