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von Katzi    erstellt: 19.01.2010    letztes Update: 21.04.2011    Geschichte, Allgemein / P12    (pausiert)
Das hier ist eine One-Shot-Sammlung für verschiedene kurze Geschichten im Bereich Fußball.
Diesen One-Shot habe ich für Nicki3 als verspätetes Weihnachtsgeschenk geschrieben. Sie wollte was über die HSV-Werder-Rivalität mit Piotr Trochowski und Tim Wiese in den Hauptrollen. Nicht ganz einfach …
Falls irgendwer Wünsche oder Ideen hat, will ich versuchen, das umzusetzen. Ich bin prinzipiell für alles offen. Kann aber dauern, denn ich brauche immer mindestens zwanzig Überarbeitungen, bis ich einen Text online stelle.
Reviews wären klasse, besonders wenn sie konstruktive Kritik enthalten.

Disclaimer: Die hier beschriebenen Ereignisse entsprechen (höchstwahrscheinlich) nicht der Wahrheit. Die Personen gehören mir nicht, ich will niemandem damit schaden und ich verdiene auch kein Geld damit.

Warnung: ziemlich viele Schimpfwörter in diesem Kapitel.

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Ein blau-grün-pinkes Wunder

„Was für ein Arschloch.“
„Das kannst du laut sagen.“
„Uns auf den Sack geben, damit wir wackeln, geht's noch?“
„Ich meine, was denkt der sich eigentlich, ja?“
„Der hat halt einen Schuss an der Waffel.“ Piotr, der bis jetzt nur in die Zeitung gestarrt hatte, ein wütendes Grummeln tief im Bauch, sah jetzt doch auf und drehte sich zu Ivica Olic. Der hatte, wie Piotr mit Überraschung feststellte, ein Lächeln auf den Lippen. Ein leicht gequältes zwar, doch wirkte er trotzdem wesentlich unverkrampfter als alle anderen Spieler, die die Zeitungen mit giftigen Blicken taxierten und sich lauthals aufregten, um irgendwie ihren Ärger loszuwerden. „Das ist halt Wiese. Was erwartet ihr? Dass er plötzlich an den Anstand der Fans appelliert? Nicht in tausend Jahren. Eher gewinnt Leverkusen mal 'nen Titel.“
„Ja eben, der sollte mal an die Fans denken“, meckerte Marcell. „Als wenn nicht schon genug Stress vorm Derby ist.“
Piotr schlug die Zeitung, aus der ihm Wiese entgegen schrie, zu, was schwierig war, weil Zeitungen einfach immer zu groß und so unpraktisch waren, und jetzt kam er sich noch dümmer vor, als sie auseinander fiel.
Marcell sprach ihm aus der Seele. Genauso wie Joris Mathijsen, der sich jetzt auch zu Wort meldete. „Da gibt's hundert Fanprojekte, wie Gewalt im Fußball verhindert werden soll, gerade jetzt versuchen irgendwelche Leute, die noch irgendwie dran glauben, dass es bei HSV-Werder friedlich ablaufen könnte, die Fans zur Vernunft zu bringen - und dann sagt der so 'nen Scheiß!“
Mladen Petrics Zeitung landete zerknickt neben Piotrs. „Und ausgerechnet der, ausgerechnet der macht das jetzt! Als hätte er nicht schon für genug Zoff hier gesorgt.“
„Wie blöd kann man eigentlich sein?“ Ein lautes Ratschen des Reißverschlusses – Frank Rost hatte seine Sporttasche zu schnell geöffnet. Ungehalten zerrte er an dem Reißverschluss, der sich jetzt nicht mehr schließen ließ und den Wiese jetzt also auch noch auf dem Gewissen hatte. „Oder will er es herausfordern, dass unsere Fans versuchen ihn umzubringen?“
„Verdient hätte er's ja“, knurrte David Jarolim. „Und wenn die ihm mit irgendwas abschmeißen, dann gönne ich's ihm echt aus vollstem Herzen.“
„Vielleicht will er ja genau das.“ Mladen benutzte so viel Deo, bis Paolo Guerrero neben ihm zu husten begann. Die Deo-Spraydose flog in seine Tasche. „So wie die Fischköppe im Moment in der Bundesliga dastehen, ist das doch deren einzige Hoffnung zu gewinnen - durch Spielabbruch.“
„Nee, soweit denkt der nicht.“ Marcell knüllte nun seine Zeitung ebenfalls zusammen. „Solche Gedankengänge übersteigen doch definitiv seine Gehirnkapazität.“
„Eben.“ Wieder ein leicht verzweifeltes Lächeln von Ivica. „Der hat sich da nichts bei gedacht. Also regt euch doch über sowas nicht so auf.“
„Bin ich hier irgendwie im falschen Film gelandet?“ David Jarolim starrte Ivica nun an, als wäre der an allem schuld. „Ausgerechnet du verteidigst den Spinner?“
Frank stieg sofort darauf ein. „Ich versteh sowieso nicht, wieso du dich zu diesem arrangierten Versöhnungs-Fotoshooting-Quatsch einverstanden erklärt hast. Als wenn Wiese das irgendwie bereuen würde, dass er dich fast geköpft hat.“
„Was hätte ich denn tun sollen? Das Versöhnungsangebot ablehnen und ihn stattdessen mit Flaschen, Feuerzeugen, Golfbällen und Schweineköpfen bewerfen?“
„Ja!“, kam es von mehreren Spielern zurück.
Ivica lachte, stand auf und schlang seine Sporttasche über die Schulter, um sich auf den Weg zu machen. Kurz vor der Tür drehte er sich noch einmal zu der Mannschaft um, von der die meisten noch nicht fertig mit Umziehen waren. „Keine Aufregung, Leute. Wir machen unser Ding am Mittwoch und damit hat sich die Sache.“

***


„Wieso hat dieses Arschloch ... Mann!“ Marcells Stimme brach. Die Beleidung kam aus tiefstem Herzen, doch trotzdem ein verzweifelter Versuch, irgendwie die Tränen abzuwehren. Piotr sah lieber weg. Sah weg, weil es ihm unangenehm war, Marcell heulen zu sehen, sah weg, weil er Marcell nicht beschämen wollte, sah weg, weil er nicht wusste, was er sagen sollte, wollte. Und vor allem sah er weg, weil ihm dieser eine Gedanke nicht aus dem Kopf ging: Ich hätte den Elfer reingemacht. Weil er befürchtete, dass dieser Gedanke sich irgendwie in seinem Gesicht verraten würde.
„Es ist so unfair!“ Marcells Stimme klang immer noch gepresst, unkontrolliert und Piotr konnte ihn immer noch nicht ansehen.
„Ja“, war alles, was ihm darauf einfiel. Und: Es kann doch nicht so schwer sein, einen Elfer reinzumachen. Aber vergeblich, Wiese war jetzt der Elfer-Held. Und das war wirklich unfair, denn verdient hatte er das ganz sicher nicht.

***


Das hat dieses Arschloch verdient. Piotr sah sich nun schon zum vierten Mal hintereinander das Video im Internet an. Das Video, das den katastrophalen Patzer Wieses zeigte. Der absolut grottenschlechte Patzer, der Werder das eigentlich sichere Weiterkommen in der Champions-League versaute. Und der wollte ein Torwart-Held sein, womöglich sogar noch die Nummer Eins in der Nationalmannschaft! Erstens konnte Piotr sehr gut darauf verzichten, in einer Mannschaft mit Wiese zu spielen, zweitens war der doch einfach nur schlecht.
„UEFA-Pokal sollte für uns kein Problem sein“, meinte Marcell nachmittags nach dem Training. „Wiese vergeigt es eh immer in den entscheidenden Spielen. Kannste dich noch an das Spiel Werder gegen Juve erinnern?“ Dass er dies so betont beiläufig erwähnte, verriet Piotr, dass er nicht der einzige war, der sich das Video in der letzten Woche angesehen hatte. War wesentlich angenehmer, den Idioten in pink mit hängenden Schultern vom Spielfeld schleichen zu sehen, als den Idioten in quietschgelb über's Spielfeld düsen zu sehen.
„Ja, sollte für uns kein Problem werden“, pflichtete Piotr ihm pflichtbewusst bei.
Marcell knallte die Tür der Umkleidekabine hinter sich zu. „Der hat keine Nervenstärke. Frank ist da wesentlich sicherer.“

***


Was dachte sich dieses Arschloch eigentlich, nach dem Spiel auch noch ach-so-großmütig zu ihm zu kommen und ihm eins mit seiner Pranke auf den Kopf zu geben?
„War'n gutes Spiel. Wir sehen uns Sonntag.“
Piotr sagte nichts, ignorierte ihn einfach. Oder redete sich ein, ihn zu ignorieren, wenn er in Wirklichkeit einfach keine Antwort wusste.
Auch wenn Wiese keinen bedrohlichen Tonfall hatte, dafür war dieser Glückspilz zu glücklich über seinen mehr als glücklichen Sieg, klang es wie eine Drohung aus seinem Mund. Und jetzt konnte Piotr sich auch nichts anderes mehr einreden. Rache nehmen? Wozu, waren doch aus beiden Wettbewerben im Halbfinale rausgeflogen. Um was ging es jetzt noch? Außerdem glaubte er auch nicht mehr daran, dass sie diese Saison noch gegen Werder gewinnen könnten. Definitiv nicht, wenn dieser sonnenbankgebräunte, pinktragende, gegelte, tätowierte Proll im Tor stand. Der sich jetzt wunderbar in seiner Rolle des großzügigen Siegers zu fühlen schien, der ein wenig seiner kostbaren Zeit opferte, um dem wertlosen Verlierer kurz was Nettes zu sagen. Konnte Piotr gut drauf verzichten.
Er schlich in die Kabine, während sich - wieder auf dem Hamburger Rasen - ein grünweißer Jubelhaufen bildete.
Es schien ihm, als wäre er in einem sehr schlechten Film gelandet. Piotr Trochowski - eine Tragödie in drei Akten. Er hatte ein Tor gemacht, ein Kopfballtor, verdammt! Der HSV hatte gesiegt, wenigstens ein Spiel gegen Werder gewonnen - das einzige, das letztendlich nichts zählte. Alles sah nach Sieg aus, dann die Katastrophe in Form einer Papierkugel. Wirklich schlechter Film, wenn der Drehbuchautor kein besseres Motiv für den Eintritt der Katastrophe fand als eine Papierkugel.
Piotr hatte ganz sicher keine Lust, schon in drei Tagen wieder nach Bremen zu fahren.

***


„Boah, was für ein Arschloch!“
„Allerdings.“
„Was glaubt der eigentlich, wer er ist?“
Für Piotr war es wie ein Déjà-vu. Wieder saßen die Hamburger Spieler gemeinsam in der Kabine, wieder hatte Wiese ihren Verein beleidigt, wieder waren alle sauer. Nur dass es diesmal noch schlimmer war, denn Wiese war der Sieger und die Hamburger die Verlierer, auf die er jetzt auch noch draufschlug. Man tritt nicht auf Gegner, die schon am Boden liegen, dachte Piotr, fürchtete aber, dass das zu dramatisch klang, und ließ so lieber den anderen Spielern den Vortritt, die genug Beschwerden und Beleidigungen für Wiese parat hatten.
„Das ist ja wohl sowas von unsportlich! Wenn er dafür keine gehörige Strafe von der DFL kriegt ...“ Mladen schleuderte seine verschwitzte Kleidung in den Wäschekorb. Der Frust über die vier Niederlagen in Folge gegen den Erzrivalen (nein, eigentlich nur drei, aber gefühlte vier) war in jeder Bewegung zu erkennen.
„Gesperrt gehört er!“ Marcell, immer noch nicht über seinen verschossenen Elfmeter hinweg. „Scheiß-HSV, ja, ich glaub, ich spinne! Da wird immer gleich so ein Aufhebens drum gemacht, wenn man mal irgendwie einen Trainer ein bisschen kritisiert, und der sagt einfach sowas!“
„Irgendwann wird auch er mal auf die Schnauze fallen.“ Auch Ivica wirkte inzwischen merklich angefressen, als er seinen Kopf erschöpft nach hinten gegen die Wand fallen ließ. Trotzdem konnte Piotr in seiner Stimme immer noch kein bisschen Gehässigkeit hören.
„Auf seine verdammt große Schnauze. Und dann wird er sich gehörig wundern.“ Ob Frank das wirklich glaubte oder jetzt nur sinnlos Rache schwören wollte?
„Eins ist ja wohl klar.“ David Jarolim warf einen finsteren Blick in die Runde. „Wenn er das nächste Mal hier im Stadion auftaucht, wird der sein blaues Wunder erleben. Sowas lassen sich unsere Fans nicht bieten. Das, was er bis jetzt an Pfiffen gehört hat, war noch gar nichts. Der kann dann taub nach Hause gehen.“

***


„Was? Dieser Arsch ist dabei?“, entfuhr es Piotr, als er von den Nominierungen für das anstehende Qualifikationsspiel erfuhr. Aber es war ja auch nur seine Freundin hier, die das hören könnte. Trotzdem senkte er sofort wieder die Stimme. „Aber warum das denn?“ Hätte Jogi Löw nicht lieber Adler oder Neuer nominieren können? Die Asienreise ohne Wiese war doch recht angenehm gewesen. Natürlich war es weniger angenehm gewesen, die ganze Zeit zu wissen, dass der aus dem Grund nicht dabei war, weil er stattdessen das DFB-Pokal-Finale spielte. Und auch noch gewann. Kein schöner Abend, als sie gemeinsam im Mannschaftshotel das Finale ansahen. Als Piotr mit ansehen musste, wie ein strahlender Wiese den Pokal in die Höhe stemmte.
Und wie es aussah, musste er jetzt mit Wiese nach Aserbaidschan. Er war eigentlich ganz froh gewesen, dass die Spielauslosung ergeben hatte, dass der HSV und Bremen sich erst am letzten Spieltag der neuen Saison wieder entgegentreten würden. So konnte man hoffen, dass bis dahin einiges vergessen wäre. Natürlich würden sie alle den Rachegedanken ganz und gar nicht vergessen.
Wiese begrüßte ihn mit einem breiten Grinsen und einem unsanften Klaps auf den Rücken. „Na, Trotsche? Alles klar?“
Piotr erwiderte die Begrüßung nicht, wich Wieses Pranken aus und gesellte sich zu Philipp. Hielt sich die nächsten Tage fern von Wiese, was jedoch gar nicht so einfach war. Zwar hing der die meiste Zeit mit seinen Werder-Kollegen rum, aber wenn er Piotr beim Training, beim gemeinsamen Essen, im Hotelflur oder beim Einsteigen in den Mannschaftsbus nahe kam, musste er immer seine große Klappe aufreißen und Piotr in irgendeiner Form anrempeln.
„Na, gut geschlafen?“ „Geiles Wetter hier, oder?“ „Was war'n das vorhin für'n Schuss?“
„Ja.“ „Ja, ganz gut.“ „Na ja ...“
Und immer dieses unheilverkündende Grinsen.

***


„Halt mal'n bisschen Abstand, du Arschloch!“
Wiese sah sogar ein bisschen überrascht aus, was Piotr einen winzigen Triumph bescherte.
Doch viel überraschter war er selber über seine eigenen Worte. Normalerweise benutzte er solche Beleidigungen nicht. Außer jemand foulte ihn brutal. Das konnte man von Wiese jetzt eigentlich nicht behaupten, der nichts weiter tat, als neben ihm am Buffet zu stehen und sich Tomaten auf seinen Teller zu schaufeln. Aber was musste der auch neben ihm stehen und ständig versuchen, Gespräche mit ihm anzufangen?! Langsam nervte es. Und heute war Piotr endgültig der Kragen geplatzt. Konnte man sich nicht einfach in Ruhe freuen, dass sie am Samstag die Quali für die WM sichergemacht hatten, und in Ruhe essen?
Doch leider hielt Wieses Überraschung nicht lange an und schon machte sich wieder das vertraute Grinsen auf seinem unnatürlich gebräunten Gesicht breit. „Na, na, na. Ich glaub, ich muss mal gleich meinen Kumpel bei der Bild anrufen und dem 'ne neue Schlagzeile liefern. Auch was?“ Bevor Piotr überhaupt widersprechen konnte, landeten schon Tomaten auf seinem Teller.
„Ich wollte aber keine Tomaten!“, brach es aus ihm heraus. „Ist das denn so schwierig zu verstehen? Ich hab doch überhaupt noch nicht ja gesagt, dass ich Tomaten will! Warum tust du mir dann einfach Tomaten auf den Teller? Ich hab genug davon, kannst du mich nicht mal in Ruhe lassen? Warum musst du ständig nerven? Das ist doch jetzt echt lange genug vorbei mit den ganzen Derbys, du musst da nicht immer noch drauf rumreiten! Ja, toll, ihr habt gewonnen, ja, ihr habt den DFB-Pokal auch noch gekriegt, super, herzlichen Glückwunsch! Und wir Scheiß-Hamburger sind so doof, ich weiß, klar, wir haben's vergeigt, aber dafür waren wir immerhin in der Tabelle deutlich vor euch! Also, kein Grund, hier so einen auf superstark zu machen! Ihr seid nämlich gar nicht so gut, wie ihr immer tut! Und 50 Gegentore in der letzten Saison, das ist auch nicht wenig! Also spiel dich hier nicht so auf! Außerdem macht man das nicht, dass man auf einen Gegner tritt, der schon am Boden liegt, das ist unsportlich, und überhaupt musst du immer für Ärger sorgen, obwohl es bei den Derbys sowieso schon immer so viel Stress gibt, und irgendwann wirst du auch mal auf deine Schnauze fliegen! Ich hab echt die Schnauze voll von dir! Und jetzt hör gefälligst auf, mich ständig dumm anzumachen, ich will nämlich nicht mit dir reden, wenn du's immer noch nicht kapiert hast, aber wahrscheinlich bist du einfach zu –“
„Du redest aber gerade mit mir.“
„Ja! Aber nur weil ...“ Waren die Worte eben nur so aus ihm herausgesprudelt, so verließen sie ihn jetzt schon wieder. Ja, warum ließ er sich überhaupt auf diese sinnlose Diskussion mit Tim Wiese ein?
„Macht mal Platz da, ich hab auch Hunger.“ Manuel Neuer, der anscheinend schon den Hauptgang hinter sich gebracht hatte, während sie hier dumm rumgestanden und gestritten hatten, schob sich an ihnen vorbei zum Kuchenbuffet. Per Mertesacker folgte kurz darauf, blieb stehen und sah von Piotr zu Wiese und wieder zurück zu Piotr.
„Alles klar mit euch beiden?“
Wiese sah Piotr an, der mit den Schultern zuckte. Per war eigentlich in Ordnung, obwohl er auch Bremer war. Genaugenommen waren alle Bremer in Ordnung bis auf Tim Wiese.
„Geht schon.“
„Klar, ich kümmer mich um den Hamburger“, kündigte Wiese an.
Per grinste kurz und folgte dann Manuel. Per schien das vielleicht zu beruhigen, Piotr ganz sicher nicht. Er konnte gut darauf verzichten, dass Wiese sich um ihn kümmerte. Zudem er das auch gar nicht brauchte, denn, wie gesagt, er hatte gar keine Tomaten essen wollen.
„Eigentlich wollte ich ja noch fragen, was man hier in Hamburg Schönes machen kann“, tat Wiese jetzt wieder ganz harmlos, doch das funktionierte bei dem einfach nicht.
Du solltest hier lieber gar nichts machen. Denn falls du auf einen nicht absolut hundertprozentig pazifistischen HSV-Fan triffst, bist du im Arsch.“
„Kannst ja mitkommen, dann greift mich bestimmt keiner an, wenn ich mit einem Hamburger unterwegs bin.“
„Du bist echt nicht ganz dicht, Wiese.“
„Wegen den Tomaten? Ich kann sie auch gerne wieder wegnehmen.“ Und dann begann Wiese allen Ernstes damit, jede Tomate auf Piotrs Teller einzeln mit der Gabel aufzuspießen, um sie auf seinen eigenen Teller zu befördern. Piotr sah sich währenddessen hilfesuchend um, nicht wissend, ob er jetzt lachen oder einfach nur durchdrehen sollte. Sie waren jetzt wirklich schon fast die letzten, weil alle anderen längst aufgegessen hatten.
„Willst du auch?“ Als Piotr sich umsah, war schon wieder irgendein Gemüse kurz davor, auf seinem Teller zu landen.
„Nein!“, rief er diesmal sofort.
„War nur 'n Scherz. Aber willste gar nichts essen?“
„Doch. Ich hol mir gleich Fisch. Und ich kann das selber, danke.“
Wiese begann leise ‚Was ist grün und stinkt nach Fisch’ zu singen.
„Dann müsstest du doch eigentlich Sau essen“, entgegnete Piotr.
„Was?“
„Na: Was ist blau und stinkt nach Sau?“
„Hä? Schalke?“
Das Problem war, dass Piotr bei Wiese nie wusste, ob der nur einen Spaß machte, sich verstellte, oder wirklich so dumm war.
„Hertha?“
„Wie wär's mit deinem Lieblingsverein?“
„HSV? Jetzt echt? Aber ihr seid doch immer rot.“
„Na und? Du bist ja auch pink.“
„Das war in der Vergangenheit, ne. Und du behauptest die Derby-Wochen sind schon lange vorbei.“
Es dauerte noch, bevor sie das geklärt hatten und bis sie endlich dazu kamen, zu essen. Und sie wären fast zu spät zum Nachmittagstraining gekommen. Das Training war übrigens hervorragend. Die Hamburger Zuschauer pfiffen Wiese gnadenlos aus und Piotr traf einige Mal gegen ihn. Er legte sich schon mal einige Sprüche zurecht, die Wiese gleich nach dem Training von ihm zu hören kriegen würde. Denn er bedauerte es schon jetzt, dass er ihm ‚Was ist blau und stinkt nach Sau’ beigebracht hatte, was er sich von nun an ständig anhören musste.

***


„Moin.“
„Hallo?“
„Ja, hallo. Tim Wiese hier. Trotsche, bist du das?“
„Ja.“
„Haste dich verwählt?“
„...“
„Wie geht's denn so?“
„Gut. Und dir?“
„Alles bestens. Hab heute Geburtstag. Ich hab ein super Modellflugzeug geschenkt bekommen.“
„Ah. Herzlichen Glückwunsch.“
„Danke, danke. Dann mal viel Glück heute Abend.“
„Hä? Du wünscht mir und dem HSV viel Glück? Schon zu viel gefeiert heute?“
„Ach was. Bis ins Halbfinale dürft ihr doch gerne kommen. Dann hauen wir euch wieder raus und singen: Ohne Hamburg fahr'n wir nach Hamburg.“
„Das werden wir ja sehen.“
„Ja. Aber zum Glück sehen wir uns ja Sonntag schon.“
„Das wird noch mal wesentlich lauter als beim Training in Hamburg. Da kannst du dich echt auf einiges gefasst machen.“
„Wie, wollen die etwa wieder mit Papierkugeln schmeißen?“
„Mich wundert es ja schon, dass du noch gar nicht wieder einen dummen Spruch losgelassen hast.“
„Hatte bis jetzt noch nicht so viel Zeit. Soll ich? Zum Beispiel: Was ist blau und stinkt nach Sau?“
„Spinner. Dann bis Sonntag, du Arschloch.“
„Du auch. Mach's gut.“
 
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