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von Celebne    erstellt: 15.01.2010    letztes Update: 28.08.2010    Geschichte, Drama / P18    (fertiggestellt)
Kapitel 2:  In Gurthanar


Als Tawariel das Haus betrat, erlebte sie eine weitere unerfreuliche Überraschung. Daeron saß an dem großen Tisch in dem düsteren Blockhaus, hatte den Kopf auf seine Arme gelegt und schnarchte. Vor ihm stand eine große Flasche, welche leer war. Tawariel nahm die Flasche und roch daran. Der Inhalt war eindeutig hochprozentig gewesen. Mit finsterer Miene sah sich die junge Heilerin in dem Heilungsgebäude um. Die Bezeichnung „Haus der Heilung“ war eigentlich ein Witz. Jeder Kranke, welcher sich in dieser windschiefen Bude aufhielt, würde zweifellos noch schwächer werden, wenn er hier länger als einen Tag blieb. Im Erdgeschoss gab es eine Reihe von einfachen Bettgestellen, welche mit altem, muffigem Stroh aufgefüllt waren. Diese waren wohl für die Patienten gedacht. Eine schmale Leiter führte ins Dachgeschoss des Hauses. Tawariel legte ihren Mantel und ihr Kopftuch seufzend ab und kletterte die Leiter flink empor. Oben gab es weitere Betten. Wie es aussah, nächtigte Daeron hier. Eine nicht gerade sauber aussehende Flickendecke war über sein Lager gebreitet. Tawariel ließ sich bedrückt auf den Boden nieder.

Sie hatte gewusst, dass es in Ithilien nicht so sauber wie in Minas Tirith sein würde, aber dass man ihr zumutete, in so ein dreckiges Loch zu ziehen und dort Menschen zu heilen, was schier unmöglich zu sein schien, empfand sie als Höchststrafe. Tränen traten in ihre Augen und sie beneidete die anderen Heilerinnen, welche in Minas Tirith bleiben durften. Doch dann sah sie auch die alte Ioreth vor ihrem inneren Auge, welche große Hoffnungen in Tawariels Fähigkeiten gesetzt hatte. Sie durfte die alte Vorsteherin der Häuser der Heilung einfach nicht enttäuschen!

Daeron grunzte laut im Schlaf und Tawariel blickte zornig hinab zu ihm. Es gab jetzt nur noch eines für sie: die Ärmel hochkrempeln und an die Arbeit gehen! Zuerst galt es einmal, den sturzbetrunkenen Heiler von Ithilien zu wecken. Entschlossen verließ Tawariel mit einem Holzeimer das Haus, um frisches Wasser zu holen. Es kümmerte sie nicht, dass die Bewohner
des Dorfes sie überrascht anstarrten, denn Tawariel hatte ihre Kopftücher nicht wieder aufgesetzt. Sie schleppte den vollen Eimer ins Haus zurück und direkt dem schlafenden Daeron über den Kopf. Er brüllte entsetzt auf und erhob sich geräuschvoll von seinem Stuhl.
Tawariel verbiss sich ein Lachen, da die Lage einfach zu ernst war. Daeron wischte sich das nasse, lange Haar aus dem bärtigen Gesicht und wandte sich wütend an die junge Frau.
„Bist du toll geworden? Was fällt dir ein, mich fast zu ertränken? Was tust du überhaupt hier?“
„Ich frage mich, was du hier tust“, erwiderte Tawariel kalt. „Am hellichten Tag betrinkst du dich, statt Menschen zu heilen.“
„Menschen heilen!“, keifte Daeron zornig zurück. „Die Leute kommen nicht mehr zu mir, seit die Fürstin von Ithilien gestorben ist. Sie glauben, dass auf meinen Händen ein Fluch liegt. Hat man dich wohl geschickt, um mich abzulösen?“
„Nein, Ioreth hat mir gesagt, dass ich dich unterstützen soll“, sagte Tawariel besonnen. „Aber wenn du keine Unterstützung willst, kann ich gerne wieder nach Minas Tirith zurückgehen.“

Daeron wurde jetzt bedeutend ruhiger. Er wischte sich verlegen über die nasse Stirn.
„Wenn du schon einmal da bist, kannst mir vielleicht doch helfen“, seufzte er und deutete auf die marode Einrichtung des Hauses.
„Wo sind die Kräuter und die Salben?“, fragte Tawariel finster.
„Ich habe alles wegwerfen müssen, nachdem niemand mehr zu mir kam“, sagte Daeron unglücklich und ließ sich wieder seufzend am Tisch nieder, da ihm übel war.

Tawariel ließ sich von ihm erklären, wo man in dieser Gegend Kräuter fand und zog dann mit einem Tragekorb los. Daeron sollte inzwischen das Haus säubern und vor allem das alte Stroh auf den Betten auswechseln. Tawariel verließ das Dorf und betrat ein kleines Wäldchen. Sie musste sich beeilen, denn die Sonne ging bald unter. Sie pflückte Schafgarbe, Lavendel, Arnika, Melisse und Wilden Thymian. Auch in dieser späten Jahreszeit wuchsen diese Pflanzen noch im milden Klima Ithiliens.  Zufrieden und vollem Korb kehrte sie schließlich wieder ins Dorf zurück.

***


Faramir hatte den Tod Éowyns längst noch nicht verkraftet. Er versuchte, seine Trauer jedoch nach außen hin nicht zu zeigen. Seine Ämter erfüllte er, so gut er konnte und versuchte, seinem Sohn ein guter Vater zu sein. Und trotzdem litt er noch sehr unter dem Verlust seiner geliebten Gemahlin. Das große Fürstenanwesen in den Emyn Arnen war ohne Éowyn nicht mehr der schöne, fröhliche Ort, welcher er zu ihren Lebzeiten gewesen war. Jeden Abend, nachdem er Elboron zu Bett gebracht hatte, vergrub sich Faramir in seinem Schmerz. Seit Éowyns Tod konnte er nicht mehr gut schlafen und trank oft mehr Wein, als ihm gut tat. Der treue Kammerdiener Rhivad, welcher sich sehr um seinen Herrn sorgte, wusste von diesen Dingen, denn er räumte jeden Morgen die leere Weinkaraffe aus dem Kaminzimmer weg. Und er registrierte genau, wie viel Wein Faramir dann am Abend zuvor zu sich genommen hatte.
Jedoch fiel Rhivad nichts ein, wie er seinen geliebten Herrn helfen konnte. Es stand ihm ja auch als Diener nicht zu, sich darüber den Kopf zu zerbrechen oder am Ende gar darüber zu reden.

Am gleichen Abend, als sich Tawariel zum ersten Mal auf Kräutersuche in der Nähe von Gurthanar machte, kehrte Faramir ein kleines bisschen besser gelaunt als sonst nach Hause. Er hatte den Ausritt auf seinem Rappen Mornis an diesem schönen Herbsttag genossen. Die Sonne hatte recht warm vom Himmel geschienen und das herbstliche Ithilien hatte dem traurigen Fürsten einen herrlichen Anblick geboten.
Mit einem leichten Seufzen stieg Faramir von Mornis herab und übergab das verschwitzte Tier dem Stallknecht. Elboron spielte gerade mit zwei Gefährten in den Gärten Verstecken. Mit einem leichten Lächeln ging der Fürst in den Stall, um seinen Sohn zu begrüßen. Er entdeckte Elboron schnell. Der blonde Junge rannte gerade über die Wiese, um einen seiner Spielkameraden einzufangen. Mit seinem glücklichen Lächeln erinnerte er Faramir in diesem Moment sehr an Éowyn.
Er hat viel von ihr, dachte Faramir wehmütig. Ich wünschte, sie könnte ihn jetzt so sehen.

Als Elboron seinen Vater erblickte, winkte er ihm lachend zu. Der Knabe wirkte heiter und gelöst, als habe er den Tod seiner geliebten Mutter längst verkraftet. Aber Faramir ahnte, wie es wirklich in Elboron aussah. Auch er hatte seine Mutter früh verloren und sich seinen Spielgefährten gegenüber nichts anmerken lassen. Faramir fragte sich, ob sich der Kleine wohl auch jeden Abend in den Schlaf weinte, so wie er es damals getan hatte.
Schließlich kam Elboron zu seinen Vater und begrüßte ihn artig. Faramir drückte den zehnjährigen Knaben an sich. Er hing sehr an dem Jungen, fast zu sehr. Ständig wurde er von der Angst begleitet, seinen Sohn auch noch zu verlieren. Diese Angst machte ihn manchmal fast wahnsinnig.
„Ada, du erdrückst mich fast“, meinte Elboron kichernd. „Können wir jetzt zum Nachtmahl hineingehen. Ich habe Hunger.“
„Hunger – das ist gut“, erwiderte Faramir lächelnd und fuhr durch Elborons halblange Locken. „Komm, wir fragen Rhivad, was es heute Abend zu essen gibt.“

Er nahm seinen Sohn an der Hand und ging mit ihm ins Haus hinein, während im Westen die Sonne langsam unterging.

Wie Faramir vermutet hatte, trauerte sein Sohn auch noch sehr um Éowyn. Elboron hatte zu seiner Mutter ein besonders herzliches Verhältnis gehabt. Der Knabe war immer stolz darauf gewesen, ein halber Rohir zu sein. Er hatte Éowyns Geschichten über das edle Reitervolk aus dem Norden Mittelerdes geliebt. Doch seit seine Mutter tot war, hatte er jegliches Interesse an den Rohirrim verloren. Faramir ahnte, warum dies so war. Geschichten über Rohan erinnerten den Jungen zu sehr an seine Mutter und würden die Wunden in dessen Seele wieder aufs Neue aufreißen.
Der Fürst hoffte, dass sich dies eines Tages wieder besserte. Daher schickte er einen Boten nach Edoras, um den König Rohans zu sich einzuladen, welcher schließlich Elborons Onkel war.


***

Tawariel erreichte etwa zur gleichen Zeit das Haus der Heilung von Gurthanar. Inzwischen war sie nicht mehr ganz so schockiert, als sie das heruntergekommene Gebäude erblickte. Sie würde Daeron dazu anhalten, dieses Haus wieder instand zu setzen. Als sie die Hütte betrat, sah sie, dass der Heiler tatsächlich in ihrer Abwesenheit etwas gearbeitet hatte. Er hatte das alte Stroh auf den Betten gegen frisches ausgetauscht und den Lehmboden sauber  gefegt. Außerdem brutzelte auf einem Spieß über dem offenen Herdfeuer ein Hühnchen. Tawariel lief das Wasser im Munde zusammen als sie den Duft das Brathuhnes roch.
„Zur Feier des Tages“, meinte Daeron verlegen und kratzte sich am grauen Bart.
„Das ist nett von dir“, erwiderte Tawariel erfreut und stellte ihren Kräuterkorb auf den Tisch.

Bis das Essen fertig war, machte sie sich daran, die Kräuter zu sortieren und einige davon in einem Mörser zu zerkleinern. Daraus wollte sie am gleichen Abend noch Salben und Tränke herstellen.
„Ich weiß nicht, ob du dir tatsächlich diese Mühe machen sollst“, sagte Daeron bedrückt, als Tawariel ihm beim Mahl erzählte, was sie alles an diesem Abend noch plante. „Es kommt doch eh niemand zu uns.“
„Wenn die Leute nicht zu uns kommen, dann gehen wir eben zu ihnen“, erklärte die junge Frau unternehmungslustig und biss hungrig in das zarte Hühnerfleisch.

Daeron staunte kopfschüttelnd über Tawariels Tatendrang. Im Stillen fragte er sich, wie lange das wohl bei ihr anhalten würde.



Bereits am nächsten Morgen packte Tawariel verschiedene Kräutertinkturen und Salben, welche sie in der Nacht hergestellt hatte, in den großen Weidenkorb und verließ sodann das Haus der Heilung, um die Bauernhöfe in der Umgebung zu besuchen. Daeron hatte derweil
die Aufgabe, das Haus auszubessern. Er war nicht besonders erfreut darüber, denn er war alles andere als ein begabter Zimmermann. Trotzdem machte er sich mit griesgrämiger Miene daran. Schließlich sollte die heruntergekommene Hütte wieder ein Ort werden, zu welchem die Menschen ohne Vorbehalte hingehen sollten.
Tawariel besuchte sogleich den ersten Hof, der in Sichtweite kam. Da die Sonne bereits vor einigen Stunden aufgegangen war, arbeiteten die Bewohner des Hofes bereits. Tawariel ging schnurstracks zu einer älteren Frau, welche gerade einen Eimer mit Wasser aus einem Brunnen emporzog. Als sie die graugekleidete Heilerin erblickte, machte sie ein finsteres Gesicht.
„Was wollt Ihr hier?“, fragte sie barsch.
„Ich bin Tawariel, eine Heilerin aus Minas Tirith“, erklärte die junge Frau mit sanfter Stimme. „Ich möchte Euch nur meine Dienste anbieten, falls Ihr sie benötigt oder einer Euerer Angehörigen.“
„Sehe ich so aus, als ob ich krank wäre?“, meinte die Bäuerin spöttisch. „Bisher haben wir unsere Kranken alle selbst wieder gesund bekommen.“
Tawariel verschlug es nicht oft die Sprache, aber in diesem Fall war es so. Sie verstand beim besten Willen den Unmut dieser Landfrau nicht.
„Traut Ihr uns Heilern wohl nicht?“, fragte sie vorsichtig.
„Es ist besser, Ihr geht jetzt“, erwiderte die Bäuerin ausweichend und zeigte zum Hoftor.
Tawariel hatte keine Wahl. Sie nahm ihren Korb wieder an sich und verließ mit betrübter Miene den Bauernhof.
Beim nächsten Anwesen erging es ihr nicht anders, und beim dritten Haus öffnete man ihr nicht einmal die Türe.

Gerade, als sie unverrichteter Dinge wieder in das Haus der Heilung zurückkehren wollte, lief ihr ein kleines Mädchen in den Weg.
„Ihr müsst mir helfen!“, jammerte das Kind den Tränen nahe. „Meine Mutter ist sehr krank. Bitte kommt mit.“
Tawariel nickte eifrig und ließ sich von dem Mädchen zu einer abgelegenen Hütte am Waldrand führen. Sie erschrak über die ärmliche Einrichtung der Hütte. Zwei kleine Kinder, die kaum laufen konnten, saßen auf dem strohbedeckten Boden und weinten. Auf einem Lager aus geflickten Decken lag eine junge Frau, kaum älter als Tawariel, mit fiebergeröteten Gesicht. Tawariel stellte ihren Korb ab und ging rasch zu der Kranken hin. Sie befühlte ihre Stirn und ließ sich ihre Zunge zeigen. Anschließend tastete Tawariel den Hals der Frau ab. Die Mandeln waren stark geschwollen.
„Ihr habt eitrige Mandeln, wahrscheinlich schon seit vielen Tagen“, meinte Tawariel besorgt.
„Ich musste mich um die Kinder kümmern“, ächzte die Kranke.
„Wo ist Euer Gemahl?“, fragte Tawariel, während sie einen Sud aus Salbei und Lindenblüten kochte.
„Mein Gemahl wurde von Orks getötet“, seufzte die Frau, welche Serinde hieß.
Tawariel blickte die Kranke mitleidig an. Kein Wunder, dass Serinde hier so elend hauste. Als Witwe mit drei Kindern hatte man es in Ithilien nicht leicht.
„Warum geht Ihr nicht nach Minas Tirith?“, wollte die Heilerin wissen. „Dort würde es Euch sicherlich besser ergehen als hier.“
Serinde schlürfte dankbar von dem Trank, den ihr Tawariel reichte. Er schmeckte etwas bitter, aber dafür auch würzig.
„Ich weiß nicht, wohin ich in Minas Tirith soll“, erwiderte Serinde bedrückt.
„Ich werde Euch helfen“, versprach Tawariel und begann, die Hütte zu säubern.

Nachdem sie frisches Stroh auf den Boden geschüttet hatte, badete sie die beiden Kleinkinder und kochte ihnen etwas zu essen. Sie befahl dem größeren Mädchen auf die zwei Kleinen aufzupassen, während die Mutter schlief.
Als Tawariel ihre Patientin wieder verließ, war es fast Nachmittag geworden. Sie nahm sich vor, am nächsten Tag Serinde wieder zu besuchen.

Daeron hatte inzwischen begonnen, das Haus der Heilung auzubessern. Doch da er kein begabter Handwerker war, sahen die neuen Bretter, die er auf die kaputten alten draufgenagelt hatte, schief und krumm aus. Empört stemmte Tawariel die Hände in die Hüften.
„Wie sieht denn das aus!“, schimpfte sie. „Schade um die schönen Bretter! Du hättest die alten, kaputten Bretter erst entfernen müssen. Jetzt sieht ja diese Hütte noch schlimmer aus als vorher.“
„Aber wenigstens ist sie wieder dicht und der Wind kann nicht hereinblasen“, meinte Daeron etwas kleinlaut.
Ungeduldig riss Tawariel ihm die Bretter aus der Hand und versuchte selbst, die Hütte auszubessern. Doch sie war nicht kräftig genug, um die alten Bretter aus der Wand zu entfernen.

„Darf ich helfen?“, fragte ein junger Mann aus dem Dorf freundlich, welcher die beiden Heiler eine Zeitlang beobachtet hatte.
Tawariel wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete den Fremden kritisch. Er war wie ein Knecht gekleidet.
„Wenn du Zeit hast, kannst du gerne helfen“, meinte sie freundlich. „Aber wir haben leider kein Geld, um dich zu bezahlen.“
„Schon gut“, meinte der Knecht lächelnd. „Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir vielleicht ein paar Kräuter gegen den Husten meiner Großmutter mitgeben würdet.“
Tawariel nickte strahlend. Sie war froh, dass am Ende nicht alle Menschen im Dorf so abweisend wie diese Bauersleute gewesen waren.


Vier Wochen später:

König Éomer war in den Emyn Arnen zu Besuch gekommen. Es war das erste Mal seit der Beisetzung Éowyns, dass er seinen Schwager und seinen Neffen besuchte. Allerdings war er nicht nur wegen Faramirs Einladung nach Gondor gekommen, sondern auch wegen einiger politischer Angelegenheiten, welche er mit König Elessar zu klären hatte. Éomer hatte seinem Neffen ein hübsches, braunes Pony mitgebracht, welches Byron genannt wurde. Elboron war begeistert von dem Geschenk, während Faramir eher skeptisch war. Das Pony war etwas größer als das, welches der Knabe bisher geritten hatte. Außerdem wirkte es nicht so zahm wie das andere.
Éomer sah, dass Faramir sich Sorgen machte, und er legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter.
„Keine Sorge, Schwager. Elboron ist bereits jetzt ein geschickter Reiter. Vergiss nicht, dass er ein halber Rohir ist.“
„Ich denke nur daran, auf welche Weise Éowyn zu Tode gekommen ist“, erwiderte Faramir nachdenklich. „Auch sie war eine geschickte Reiterin.“
„Du solltest dir trotzdem nicht zu viele Sorgen machen“, mahnte Éomer. „Du kannst Elboron nicht ständig vor irgendwelchen, möglichen Gefahren schützen. Er soll schließlich einmal ein tapferer Krieger werden.“
Faramir schwieg dazu. Vielleicht machte er sich tatsächlich zu viele Gedanken. Aber er wusste auch, dass er einen weiteren Verlust eines geliebten Menschen nicht verkraften würde. Er verkraftete ja kaum Éowyns Tod.

„Vater, darf ich auf Byron ausreiten?“, bettelte Elboron und hüpfte ungeduldig von einem Bein aufs andere.
Faramir und Éomer hatten es sich gerade im Kaminzimmer bei einem Kelch Wein gemütlich gemacht.
„Du solltest aber nicht alleine ausreiten“, sagte der Truchsess ernst. „Nimm Mardil mit, deinen Leibwächter.“
Elboron bedankte sich überschwänglich bei seinem Vater und stürmte jubelnd hinaus. Éomer sah dem Knaben schmunzelnd hinterher. Er fand, dass der Kleine viel von einem Rohir hatte. Gondorianer waren eher ernst und in sich gekehrt.
Faramir jedoch wirkte unruhig und besorgt, als Elboron zu seinem Ausritt aufbrach. Éomer schüttelte lächelnd den Kopf über seinen Schwager. Er hoffte, dass Faramir irgendwann über diese Phase hinwegkam.
„Du solltest froh sein, dass ihn das Pony so aufgemuntert hat“, mahnte der König. „Du hast mir doch erzählt, dass Elboron so unglücklich ist und das Interesse an Rohan und seiner Kultur verloren hat.“
Faramir nickte schließlich seufzend und gab seinem Schwager Recht.

Nach einer Weile bat Faramir seinen Gast, ihn zu Éowyns Grabmal zu begleiten. Es lag in den Gärten des Fürstenhauses. Als Éomer vor dem Grab seiner Schwester stand, übermannten den sonst so beherrschten Krieger nun doch die Gefühle und die Tränen rannen über seine Wangen.
„Westu hál, ferthu, Éowyn, ferthu“, murmelte Éomer leise.
Auch Faramir weinte wieder und schämte sich seiner Tränen nicht.
„Es ist ein schöner Ort hier, an dem sie ruht“, fuhr Éomer schließlich fort. „Ich glaube, es hätte ihr gefallen. Allerdings...“
Er unterbrach sich selbst. Nun, es war wohl nicht angebracht, seinem leidgeprüften Schwager zu sagen, dass Éowyn am besten in Heimaterde geruht hätte.  
Zum Glück hakte Faramir nicht nach. Er war viel zu sehr in seinem Schmerz um Éowyn versunken.

Als sie langsam zum Fürstenhaus zurückgingen, kam auch Elboron wieder von seinem Ausritt zurück. Der Leibwächter hatte sichtlich Mühe, ihm zu folgen. Der Knabe strahlte breit.
„Onkel Éomer, Byron ist wirklich so schnell wie der Wind. Vielen Dank noch mal!“
Éomer wischte sich rasch die Tränen beiseite und grinste seinen Neffen verschwörerisch an, während Faramir begann, sich erneut Sorgen zu machen. Nicht zu Unrecht, wie sich bald herausstellen sollte.

tbc...


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@Veleren: Ja, Faramir hat es in dieser Geschichte besonders schwer, weil er frisch verwitwet ist. Doch er wird noch merken, dass das Leben weitergeht. Tawariel muss aus ihrer Situation das Beste machen. „Schnurstracks“ habe ich abgeändert. Danke für den Hinweis und vielen Dank auch fürs Review!

@elentari: Ich freue mich, dich als neue Leserin begrüßen zu dürfen. Es ist auch mir nicht einfach gefallen, Éowyn sterben zu lassen. Bin ja auch eigentlich ein Fan von ihr. Aber ich habe mir gedacht, dass ich mit so einer Geschichte mal ganz neue Wege gehen kann. Danke fürs Review!

@Feael: Ich habe im neuen Kapitel auch Elborons Gemütsverfassung erwähnt. Danke für den Hinweis! In der ursprünglichen Fassung habe ich dies etwas vernachlässigt. Danke fürs Review!

@Ender: Ich freue mich, dass du hier im Archiv diese Geschichte auch mitliest. Ich habe einige Änderungen vorgenommen und die Kapitel länger gefasst. Es fällt mir nicht leid, Faramir leiden zu lassen, aber vielleicht geht es ihm ja irgendwann im Laufe der Geschichte besser. Danke fürs Review!
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