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von Kind der Dunkelheit    erstellt: 13.01.2010    letztes Update: 09.07.2010    Geschichte, Thriller / P16    (abgebrochen)
ACHTUNG: Es handelt sich um eine rein fiktive Geschichte und ich habe die unten verlinkte "Kurklinik Nordrhun" lediglich als gedankliche Kulisse benutzt! Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufälliger Natur!

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Es war eine sternenklare, friedliche Nacht im März. Der weitläufige Komplex der Klinik lag in tiefem Schlaf, nur notdürftig waren die einzelnen Gänge um diese Zeit beleuchtet.

Leise, verstohlen öffnete sich die Tür von Zimmer 217. Eine Schwester spähte nach rechts und links den Flur hinunter, ehe sie der Person im Zimmer ein stummes Zeichen gab. Eilig, aber nichtsdestotrotz lautlos schob der Pfleger- Joshua war sein Name- den Rollstuhl aus dem Zimmer. Den Rollstuhl, in dem eine leblose Gestalt hing.

"Hat sie es freiwillig getrunken?" zischte die rothaarige Krankenschwester.

"Das kommt ganz auf deine Definition von Freiwilligkeit an, Anke", erwiderte Joshua spöttisch. "Sagen wir es so: Ich hatte ein wenig... Überzeugungsarbeit zu leisten."

Der Kopf der alten Frau war zur Seite gesackt, ihre von einem milchigen Film überzogenen Augen schienen Anke irgendwie anklagend anzusehen. Etwas Flüssigkeit war der Toten aus dem rechten Mundwinkel gelaufen.

Eilig schoben sie den Rollstuhl mit der Leiche zum Fahrstuhl. Anke drückte den Knopf mit der Aufschrift "Kellergeschoß".

Unten angekommen, wurden sie bereits von Dr. Michelstein, dem Oberarzt, erwartet.

"Ist alles plangemäß verlaufen? Gut. Bringt sie hier rüber und legt sie in das Fach mit der Nummer zwölf, das ist noch frei... Ich stelle dann sofort den Totenschein aus." Der Arzt beachtete die tote Frau nicht weiter.

In Anke regte sich einmal mehr Unbehagen ob der Kaltblütigkeit des Arztes, und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, auf welch diabolischen Kuhhandel sie sich da eingelassen hatte. Es hatte erst so logisch, so praktisch geklungen, als Dr. Michelstein vor über einem Jahr an ihren Freund Joshua und sie herangetreten war.

"Wir wählen nur Patienten aus, die ohnehin nicht mehr lange zu leben hätten- und von diesen auch nur solche, die keine Angehörigen mehr haben. Ihr Job, Anke, ist es, diese todgeweihten Kreaturen davon zu überzeugen, ihre Ersparnisse der "Helft dem Kinde!"- Stiftung zum Wohle krebskranker Kinder zu hinterlassen... deren Verwalter zufällig ich bin", hatte Gustav Michelstein ausgeführt. "Sobald dies geschehen und das entsprechende Testament aufgesetzt ist, erlösen wir die armen, alten Leute von ihren Leiden... und teilen uns den an die Stiftung fallenden Nachlass."

Joshua hatte sich zuerst überzeugen lassen, und schließlich hatte auch Anke zugestimmt. Was war schon dabei, das Leben eines ohnehin Todkranken um einige Monate abzukürzen? Sowieso vermisste niemand diese Unglücklichen. Zwar betrug das Ersparte der alten Leute selten mehr als wenige Tausend Euro, aber es läpperte sich.

Doch in letzter Zeit schlief Anke nur noch schlecht, litt unter Schuldgefühlen.

Dr. Michelstein schloß schwungvoll das Kühlfach mit der Leiche der bedauernswerten Sophie Nienemann. "Wer ist denn der Nächste auf unserer Liste...? Ah, der Alte aus 401. Alfons Hirschberg. Der ist nächste Woche fällig."

"Aber Herr Hirschberg hat nur eine leichtere Herzkrankheit, er könnte noch mehrere Jahre leben!" protestierte Anke.

"Sind Sie hier der Arzt oder ich? Und selbst wenn, was für eine Rolle spielt das schon?" wies der Arzt die junge Krankenschwester scharf zurecht.

Anke sagte nichts mehr. Erst später, als Joshua und sie zuhause waren und im Bett lagen, äußerte sie ihre Bedenken. "Ich kann das nicht mehr. Ich will das nicht mehr, es hat nichts mit Erlösung zu tun, das ist nur noch brutaler Mord!" regte sie sich auf. "Joshau, laß uns aussteigen!"

"Du bist wohl nicht bei Sinnen?" herrschte ihr Freund sie an. "Aussteigen? Wir stecken viel zu tief drin, Anke! Außerdem will ich nicht mein ganzes Leben lang für 1200 Euro netto schuften! Du vielleicht?"

Anke schwieg, wie so oft.

"Na also. Hätten wir das ja geklärt." Joshua drehte sich auf die Seite und löschte das Licht.

Am nächsten Nachmittag war Anke damit beschäftigt, die Habseligkeiten von Sophie Nienemann in Müllbeutel zu werfen, als es leise an den Türrahmen des Zimmers klopfte. Erschrocken fuhr Anke herum und musterte das blonde Mädchen.

"Suchst du jemanden?" fragte sie.

"Nein. Ja. Eigentlich...Mein Name ist Cäcilia Vogel. Sophie Nienemann war meine Großmutter." Das Mädchen betrat das Zimmer und befingerte zögernd ein Foto der alten Dame, welches noch auf dem kleinen Fernseher stand.

Kalt durchzuckte es Anke. Großmutter? "Aber... wir dachten, Frau Nienemann hätte keine Angehörigen gehabt?" hakte sie mit belegter Stimme nach.

Cäcilia zuckte langsam die Schultern. "Naja, das letzte Mal hab ich Oma gesehen, da war ich etwa sechs... Dann haben meine Mutter und sie sich zerstritten und nie wieder miteinander gesprochen. Meine Mutter wollte nicht, dass ich zu Oma Kontakt aufnehme, aber jetzt bin ich sechzehn und lasse mir nichts mehr vorschreiben." Trotzig warf sie den Kopf in den Nacken. "Ich hab rumtelefoniert, herausgefunden, wo Oma jetzt wohnt und dass sie hier in der Klinik ist. Da wollte ich sie besuchen. Tja, sieht so aus, als käme ich zu spät, was?" Tränen glitzerten in Cäcilias blauen Augen. Klein und schmal wie sie war, sah sie eher wie dreizehn als wie sechzehn aus.

"Es... es tut mir leid", würgte Anke hervor.

"Sie können ja nichts dafür. Mochten Sie Oma?" Cäcilia fixierte die Krankenschwester forschend.

"Ich... ja, sie war eine sehr nette Frau. Du... du kannst dir gerne von ihren Sachen nehmen, was du willst, ich muß eben... bitte entschuldige mich!" Anke stürzte aus dem Zimmer und schloß sich im Schwesternklo ein, wo sie lange Zeit still weinte. Dann jedoch hatte sie einen Entschluß gefasst.

Eine Woche später, morgens um vier Uhr, hielt Anke Wache vor dem Zimmer von Alfons Hirschberg, während Joshua versuchen sollte, dem Einundachtzigjährigen das Gift einzuflößen. Anke hörte, wie der geistig noch fitte alte Herr sich erbittert wehrte und betrat mit ängstlicher Miene das Zimmer. "Joshua, wir haben ein Problem!" sagte sie scheinbar schockiert.

"Vorne im Treppenhaus... es scheinen Patienten ihre Zimmer verlassen zu haben und sich dort zu streiten! Jedenfalls hab ich von dort Lärm gehört, du solltest besser nachsehen!"

"Verdammt!" fluchte der Pfleger. "Bestimmt wieder diese alte Schabracke aus Nummer 421! Pass auf den Alten auf! Ich bin sofort wieder da!" Mit langen Schritten spurtete er davon.

"Bitte, helfen Sie mir", flehte der alte Mann mit weit aufgerissenen Augen. "Der führt nichts Gutes im Schilde!"

Anke verlor keine Zeit, sondern warf dem Patienten eine Wolldecke über den Schoß und schob ihn dann sofort aus dem Zimmer, den Flur entlang zum Fahrstuhl. Jeden Moment würde Joshua zurückkommen und er würde sogleich erfassen, was Anke vorhatte. Als sie soeben den Rollstuhl in den Aufzug schob, erschien Joshua auch schon am anderen Ende des Flures. Er entdeckte Anke und den Patienten, gab einen wütenden Laut von sich und rannte auf den Aufzug zu.

"Komm sofort da raus! Du wirst mir nicht alles kaputtmachen!" tobte er, doch da schloß sich bereits die Tür des Aufzugs vor seiner Nase.

Ankes Herz raste wie wild. Joshua würde annehmen, dass sie schnurstracks ins Erdgeschoß fuhr, um dort dann den Haupteingang zu benutzen. Deshalb würde er ohne zu zögern bis ganz nach unten rasen und sie dort erwarten. Sie stoppte also den Aufzug nur ein Stockwerk tiefer, bugsierte den Rollstuhl heraus und schob ihn, so schnell es ging, über den Flur zum anderen Flügel des Krankenhauses, um den dort befindlichen Lieferantenaufzug ins Zwischengeschoß zu benutzen. Sie tastete verzweifelt nach ihrem Handy, nur um festzustellen, dass sie es im Schwesternzimmer vergessen hatte. "Scheiße", fluchte sie wimmernd.

Hektisch fummelte Anke nun ihre Schlüsselkarte aus der Uniformtasche und erklärte Alfons Hirschberg, wie sie an der Tür des Lieferanteneingangs anzuwenden war. "Sobald das grüne Licht leuchtet, können Sie die Tür aufdrücken", sagte sie eindringlich. "Versuchen Sie, Hilfe zu holen, irgendwo zu klingeln... Ich halte die anderen auf. Sagen Sie allen, was hier vorgeht, falls ich dazu nicht mehr in der Lage sein sollte!"

Der alte Mann, der ein Bein im Zweiten Weltkrieg verloren hatte, griff mit zitternden Fingern nach der Karte. "Ich danke Ihnen", sagte er gerührt. "Sie sind ein guter Mensch!"

"Nein, das bin ich nicht. Aber ich will mich ändern", meinte Anke grimmig. "Los jetzt, machen Sie, das Sie wegkommen! Da vorne ist die Tür" Der Rollstuhl verschwand quietschend in der Dunkelheit, und Anke lief die Treppe hinauf in Richtung der Lobby des Krankenhauses, von wo sie die anderen unter wütenden Diskutieren auf sich zukommen hörte.

"Wo ist der Krüppel?" Joshua packte sie an der Schulter und schüttelte sie. Dr. Michelstein folgte ihm mit unbewegter Miene.

"Weg ist er!" fauchte Anke. "Ich steige aus, Joshua! Ich lasse alles auffliegen..."

"Einen Scheißdreck wirst du tun!" brüllte der Pfleger und versetzte seiner Freundin einen Kinnhaken, der sie zu Boden gehen ließ. Benommen richtete Anke sich sogleich wieder auf.

"Arndt, Thomas, holt den alten Simpel zurück. Er kann ja nicht weit gekommen sein", befahl der Arzt wegwerfend, und die zwei Pfleger rannten hinaus in die dunkle Nacht. "So, und nun zu ihr..." Dr. Michelstein zog eine Spritze mit klarem Inhalt auf. "Joshua, halt sie fest. Es tut mir sehr leid, Anke, aber das haben Sie sich selber zuzuschreiben", säuselte er unaufrichtig, ehe er die Nadel in ihrer Armvene versenkte und den Kolben durchdrückte. Nur wenige Sekunden später wurde es schwarz um Anke.

"Los, da um die Ecke, er wird zur Straße gerollt sein!" spornte Arndt schnaufend Thomas an. "Den kriegen wir!" Seine Augen leuchteten wütend. Kaum daß sie auf dem Bürgersteig standen, erblickten sie auch schon den flüchtigen Patienten, aber...

"Verdammt!" Thomas trat zornig gegen einen Blumenkübel. Der Alte war nicht alleine. Er war auf einen Trupp Jugendlicher gestoßen und redete wild gestikulierend auf diese ein.

"Egal, den holen wir uns", knurrte Arndt und lief lockeren Schrittes zu der Gruppe hinüber. "Da ist ja unser Patient", sagte er lächelnd. "Wir dachten schon, wir hätten Sie verloren, Herr Hirschberg!" Schon wollte er nach dem Rollstuhl greifen.

"Hey, nicht so schnell!" fiel ihm einer der Jugendlichen mißtrauisch in den Arm. "Der Opa hat uns da was ganz Merkwürdiges erzählt..."

"Ach, der leidet an Altersdemenz", versicherte Thomas jetzt abfällig. "Wir nehmen ihn mit zurück, bevor er sich hier noch eine Lungenentzündung holt." Gegen den Protest der Jugendlichen bemächtigte er sich des Rollstuhls und wollte den verzweifelt weinenden Alfons Hirschberg zurück zur Klinik fahren. In diesem Moment hielten zwei Streifenwagen neben ihm.

"Wir hatten die Polizei sowieso schon gerufen", sagte ein Mädchen.

Bei der sich anschließenden Durchsuchung der Klinik fanden die Beamten nicht nur die Leiche der Krankenschwester Anke Schwerten, sondern auch sieben weitere Leichen von Patienten, deren Todesursache zumindest zweifelhaft erschien. Der Oberarzt Herr Dr. Michelstein legte nur wenige Stunden nach seiner Verhaftung ein umfassendes Geständnis ab. Er und seine Komplizen hatten innerhalb von vierzehn Monaten insgesamt neunundzwanzig Patienten durch die Gabe von Gift getötet. Die Klinik wurde nach diesem Skandal geschlossen.

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