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Geschichte: Freie Arbeiten
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von Kind der Dunkelheit
erstellt: 13.01.2010
letztes Update: 09.07.2010
Geschichte, Thriller / P16
(abgebrochen)
Hinter dem imposanten Herrenhaus im Osten Deutschlands versank langsam die Sonne. Baron Wilhelm von Havel saß draußen auf der Terrasse und blickte zufrieden über seine Güter. Direkt hinter dem Herrenhaus erstreckte sich ein weitläufiger Obstgarten, hier wurden Äpfel angebaut, welche wegen ihres aromatischen Geschmacks in der ganzen Gegend berühmt waren- und dem Baron gutes Geld einbrachten. Darüber hinaus hatte ihm dieses Jahr eine überaus reiche Getreideernte geschenkt. Nein, über finanzielle Sorgen konnte von Havel wirklich nicht klagen...
Anders sah es aus, was seine familiäre Situation anbetraf. Nach zwölf Jahren Ehe hatte seine Frau Adela es noch immer nicht geschafft, ihm einen überlebensfähigen Erben zu schenken. Wütend ballte der Baron seine auf dem weißen, gußeisernen Tisch liegende rechte Faust, bis die Fingerknöchel weiß hervortraten.
Ein einziges Kind, das Erste, hatte überlebt. Aber bei diesem Kind handelte es sich lediglich um ein Mädchen- ein kränkliches noch dazu. Vom Tage ihrer Geburt an hatte die inzwischen zehnjährige Karoline an diversen Krankheiten gelitten, und mehr als einmal hatte ihr Überleben auf Messers Schneide gestanden. Das Mädchen war klein für ihr Alter, mager wie die Kinder der armen Tagelöhner und so bleich, als würde es in einem Bergwerk arbeiten und niemals Sonnenlicht sehen.
Der Gutsherr brachte seiner einzigen Tochter nur wenig Zuneigung entgegen. Zumal ein Mädchen als Erbin des Anwesens und Stammhalterin des Familiennamens nicht infrage kam. Oft schon hatte er sich selbst sogar bei dem verachtenswerten Wunsch ertappt, das Kind möge endlich sterben. Es war wie ein Mühlstein an seinem Bein.
Seit Karolines Geburt war die Baronin noch mit fünf weiteren Kindern niedergekommen. Das Zweite war tot geboren worden. Kein allzu großer Verlust, da es sich gleichfalls um ein Mädchen gehandelt hatte. Die folgenden vier Kinder waren allerdings samt und sonders Jungen gewesen. Jeder Einzelne von ihnen war noch im Wiegenalter verstorben- plötzlicher Kindstod, wie ihm der hilflose Dorfarzt bedauernd versichert hatte.
Von Havels verzweifelte Wutanfälle, während derer er sogar gelegentlich sein Eheweib mißhandelte, änderten nichts an den Tatsachen. Natürlich nicht.
Inzwischen faßte er den Tod seiner Kinder beinahe als persönliches Versagen auf. Als sei er nicht imstande, einen gesunden Sohn zu zeugen!
Ungehalten griff er sich eine Walnuß von dem vor ihm stehenden Teller und knackte sie energisch mit den Zähnen. Am gestrigen Abend hatte Adela nach beschwerlicher Schwangerschaft und einer noch schwereren, fast zwei Tage lang andauernden Geburt abermals einen Jungen zur Welt gebracht. Der kleine Wilhelm schlief nun in seiner Wiege in dem mit Stuck verzierten Kinderzimmer. Von dem Überleben dieses Jungen hing alles ab, denn angesichts des Alters von Adela- sie hatte die Vierzig bereits überschritten- würde er das letzte Kind bleiben. Nachdem sie den Säugling gesäubert und gewindelt hatte, war die Hebamme vor den Baron getreten und hatte ihn entschieden darauf hingewiesen, dass jede weitere Schwangerschaft den Tod der Baronin bedeuten könne. Sie war zu alt, um noch Kinder zu gebären.
Sollte auch Wilhelm junior sterben, ehe er selbst Nachkommen gezeugt hatte, würden das Anwesen und das Herrenhaus spätestens nach Karolines Tod- der in nicht allzuferner Zukunft liegen konnte, man mußte sich das Mädchen ja bloß ansehen!- dem Verfall und der Verwilderung anheimfallen.
Die trüben Gedanken des Gutsherren wurden jäh unterbrochen. "Vater?" fragte ein zaghaftes, dünnes Stimmchen. Karoline stand in der offenen Terrassentür und blickte ihn an. Erst kürzlich hatte das Kind eine Scharlacherkrankung überstanden, und die Augen wirkten unnatürlich groß in dem ausgezehrten Gesichtchen.
"Was ist?" fragte von Havel schroff. Wo zum Teufel steckte Marthe, das verdammte Kindermädchen? Vermutlich vergnügte sie sich mit einem der Stallburschen im Heu, anstatt ihrer Pflicht nachzukommen und ihm das Kind vom Leib zu halten.
"Darf ich mich ein wenig zu Euch setzen?" bat das Mädchen schüchtern.
Der Baron seufzte. "Von mir aus", gab er dann nach. "Wenn du dich ruhig verhältst."
Karolines kleines Gesicht hellte sich auf, und sie kletterte ungeschickt auf den Stuhl gegenüber ihrem Vater.
Beide schwiegen.
"Vater?" erklang dann abermals Karolines Stimme in die abendliche Stille hinein.
"Ja?" reagierte der Baron ungnädig.
"Darf ich mir einen Apfel pflücken?"
"Wie du willst", meinte von Havel desinteressiert. Er bemerkte nicht den traurigen Blick, welchen das Kind ihm zuwarf, ehe es langsam die Treppen hinunter in den Obstgarten ging.
Kurz darauf saß das Mädchen wieder ihm gegenüber auf dem Stuhl und knabberte appetitlos an seinem Apfel.
"Vater?"
"Was ist denn jetzt schon wieder?"
"Erzählt Ihr mir wohl eine Geschichte?" Hoffnungsvoll fixierten Karolines große Augen ihn.
"Nein!", wehrte der Baron verärgert ab. Dieses Kind war eine wahre Landplage! "Ich habe dir gesagt, du sollst stille sein! Aber dazu bist du nicht in der Lage. Geh und suche Marthe!"
Die Kinderaugen füllten sich mit Tränen. "Aber..."
"Hörst du schlecht? Du sollst verschwinden! Oder soll ich die Reitpeitsche holen?" wütete der Baron und hämmerte die Faust auf den Tisch, so daß der Teller mit den Nüssen hochhüpfte.
Schluchzend sprang Karoline auf und rannte mit wehendem Kleidchen und auf den Fliesen klappernden Schuhen zurück ins Haus.
Leise stieg sie die Treppe zum ersten Stock empor, spähte kurz in das Schlafzimmer der Mutter. Diese lag, immer noch erschöpft von der Geburt, in tiefem Schlaf. Das Kindermädchen war nirgends zu sehen, und Karoline öffnete verstohlen die Tür zu dem Zimmer, in welchem der Säugling lag. Auch hier keine Spur von Marthe. Karoline schlüpfte lautlos durch die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu, ehe sie hinüber zur Wiege ging und nachdenklich auf ihren kleinen Bruder hinabsah.
Wilhelm junior, noch ganz rot und zerquetscht von den Strapazen der Geburt, lag mit winzigen, geballten Fäustchen friedlich auf dem Rücken. Sein mit dunklem Flaum bedecktes Köpfchen war zur Seite gesunken, der kleine Mund wie eine Rosenknospe leicht geöffnet.
Tränen rannen über Karolines kalkweiße, hohle Wangen, als sie wie in Zeitlupe nach einem Kissen griff.
Vater liebt mich nicht, dachte sie voller Schmerz. Und wenn ich dich am Leben lasse, dann kümmert er sich noch weniger um mich. Dann braucht er mich überhaupt nicht mehr. Dann ist hier kein Platz mehr für mich. Denn du bist es, den er immer wollte- mich wollte er nie.
Weinend preßte Karoline das Kissen auf das Gesicht des Säuglings, bis dieser nicht mehr atmete. So wie sie es auch bei den anderen vier getan hatte.
E N D E
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Dieses alte Herrenhaus hier (in seiner Blütezeit) habe ich als gedankliche Kulisse für diese Geschichte benutzt:
http://www.lost-places.com/site/Bilder/lp062/index.html
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