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von -elentari-    erstellt: 07.01.2010    letztes Update: 28.08.2010    Geschichte, Drama / P12    (fertiggestellt)
In der gleichen Nacht saß in einem anderen Teil der Häuser der Heilung ein junger Mann an einem Schreibtisch. Das gelbe Kerzenlicht der Leuchter erhellte seine Kammer gerade ausreichend, damit er die vor ihm ausgebreiteten Bücher noch erkennen konnte. Erneut war er tief über diese gebeugt und versuchte konzentriert ihren Inhalt nachzuvollziehen. Seine Arme hatte er auf die Schreibunterlage aufgestützt und sein Kopf ruhte auf seiner linken Handfläche.  Während seines Aufenthaltes in den Häusern der Heilung  war es zu seiner Gewohnheit geworden bis spät in die Nacht hinein über seinen Büchern zu brüten. Fieberhaft war er auf der Suche nach Aufzeichnungen über Sauron.

Aufgrund seiner schwerwiegenden Verletzungen konnte er nicht an der Schlacht am schwarzen Tor teilnehmen. Sein Fehlen versuchte er mit seiner Recherche wettzumachen. Vielleicht gelänge es ihm ja durch sein Studium der weisesten Schriften einen bisher unbekannten Schwachpunkt des Herrschers über Mordor ans Licht zu bringen. Unaufhörlich blätterte er Seite um Seite um, schlug Buch nach Buch auf und überflog Schriftzeichen in vielerlei Sprachen. Faramir, der Truchseß von Gondor war im Umgang mit diesen geübt. Schon seit frühester Kindheit beschäftigte er sich mit Lehren vergangener Zeitalter und Völker. Mithrandir war ihm bei seinem unerschöpflichen Wissensdurst immer eine Hilfe gewesen, wenn er sich denn in den Mauern Minas Tirith aufgehalten hatte.

Doch so sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm einfach nicht seine Gedanken zu ordnen. Ständig tauchten in seinem Geist Bilder auf. Verschwommene Bilder, die nur Gefühle zurückließen. Es waren nur noch schemenhafte Erinnerungen, doch er wusste woher sie stammten. Es waren Erinnerungen aus seinen Fieberträumen ausgelöst durch den schwarzen Atem der Nazûl, der ihn befallen hatte. Gelegentlich glaubte er seinen Bruder Boromir oder seine geliebte Mutter Finduilas zu erkennen, aber immer in dem Moment, da er sich ihrer Gestalt sicher war, verschwanden sie auch schon wieder vor seinem geistigen Auge.

Müde schüttelte er sein schwarzes Haupt und langsam richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. Mit auf dem Rücken verschränkten Armen schritt er in seinem Gemach auf und ab. Doch schon bald sah er ein, dass ihn dies auch zu keiner Lösung führen würde. Er blieb an Ort und Stelle stehen und atmete tief durch. Für diese Nacht würde er wohl seine Nachforschungen beenden müssen. Er besann sich der erleuchteten Kerzen und blies jede einzelne aus. Der dadurch entstanden Rauch brannte in seinem Hals. Er beschloss seinen nach Osten gerichteten Balkon zu betreten in der Hoffnung, dass ihm die frische Nachtluft Erleichterung bescherte. Nachdenklich stützte er seine Arme auf dem Geländer auf und sein Blick fiel abermals über die weiten Ebenen des Pelennors bis hin zu den Trümmern der ehemaligen Hauptstadt Osgiliath. Im Dunkel der Nacht konnte er diese zwar nicht wirklich ausmachen, aber nur zu gut kannte er ihre Position. War er nicht erst vor einigen Tagen beim Versuch die Stadt zurück zu erobern, verwundet worden.
Er selbst hätte sich nicht in diese von vorne herein aussichtlose Schlacht begeben. Nein, er hatte um seines Vaters Willen eine kleine Heerschar in den Tod geführt. Die Orks hatten sie schlichtweg überrannt, waren sie ihnen in ihrer Anzahl um das Zehnfache überlegen gewesen. Sein Vater, Denethor II. ein ehemals weiser und gelehrter Mann, existierte nicht mehr. So viel hatte ihm der Vorsteher der Häuser der Heilung gesagt; aber er spürte, dass ihm etwas verheimlicht wurde. Eine dunkle Ahnung und Furcht befiel ihn ohne dass er sich dies genauer erklären konnte. Als er seinen Vater das letzte Mal erblickte und im Streit verließ, erfreute sich Dieser bester körperlicher Gesundheit. Wie konnte er also so plötzlich sterben, ohne sich zur Verteidigung seines Reiches dem Kampf gestellt zu haben? Aber niemand wollte ihm darauf eine Antwort geben...

Faramir versuchte seine Gedanken abzuschütteln und war im Begriff den Balkon in Richtung seines Schlafgemachs zu verlassen, als ihm am Rande seines Blickfeldes eine weiße Gestalt auffiel. Stumm und still, wie ein Fels stand sie am Rand der Mauer. Er wusste nicht, ob es sich wieder um Bilder seines Geistes handelte, oder ob dieses zierliche Wesen tatsächlich an einem Abgrund stand. In ihm schwoll der Impuls laut nach ihr zu rufen, doch er fürchtete, dass sie sein lauter Ausruf erschrecken könnte und so betrachtete er sie weiterhin im Stillen. Er überlegte gerade, ob er sich zu ihr gesellen sollte, als sie sich sanft umdrehte und langsam auf die Häuser zu ging.
Elbengleich schritt sie in den Gärten unter ihm dahin; ihr schneeweißes Gewand leuchtete im Schein des Mondes und ihr goldenes Haar wurde vom aufkommenden Wind erfüllt. Er erkannte ihre Schönheit sofort, jedoch war es ihre Traurigkeit, die er in ihrem Gesicht zu erkennen glaubte, die ihm das Herz berührte...Sein Herz berührte, wie er es nie zu hoffen gewagt hatte.

Stürmisch verließ er Balkon und Kammer und rannte auf der Suche nach ihr durch die hohen und verlassenen Hallen. Er musste ihren Namen erfahren. Er musste wissen, warum sie sich in den Häusern der Heilung aufhielt. Er musste den Grund für ihre tiefe Traurigkeit kennen. Doch als er an der Stelle ankam, wo er ihren Aufenthaltsort vermutete, konnte er ihr zartes Antlitz nirgendwo erblicken. Still und unberührt lagen die Häuser der Heilung da, als ob niemand außer dem Truchseß selbst ihre Ruhe störte.

Enttäuscht machte er sich auf den Rückweg zu seinem Schlafgemach.
„Sie war wohl doch nur ein Trugbild meiner Erinnerung"
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