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von THARA
erstellt: 27.12.2009
letztes Update: 27.12.2010
Geschichte, Romanze / P16
(fertiggestellt)
In der Familie wurde grundsätzlich, aus Vermeidungsprinzip, weil Leroy und auch Alexander einst der Alkoholsucht verfallen gewesen waren, sämtliche Feste ohne Alkohol und ohne andere alkoholhaltige Getränke und Speisen zelebriert. Mit straffällig meinte Alexander eine von Leroy im Hauptwohnhaus oder irgendwo draußen, in einem der anderen Gebäude auf dem Hofgelände gut versteckt deponierte Rum- oder Cognacflasche, aus der er sich so eventuell heimlich einen Schluck genehmigen könnte, um den inneren Aufruhr, den er vor wenigen Tagen durchgemacht hatte, weil nach den Weihnachtsfeiertagen sein sechzigster Geburtstag am siebenundzwanzigsten anstand und Leroy sich schrecklich aufgeregt hatte, es von seiner Familie ja nicht zu wollen, dass man ihn feierte! Einige Jahre schon war Leroy inzwischen vom Alkohol sauber geblieben, denn sein Leben erfüllte ihn so sehr, dass er nicht zum Nachgrübeln kam, aber da nun in drei Tagen sein runder Geburtstag vor der Türe stand, musste seine Familie damit rechnen, dass Leroy die Depression packte und er alle Disziplin samt Zügel, die er ansonsten fest in seinem Griff hielt, davon schießen ließ.
Jennifers meerblauer, erschrockener Blick kreuzte sich mit Romanas moosgrünem, als sie wortlos ihre Schwägerin hilfesuchend ansah und das Liedblatt in ihrer Hand enttäuscht sinken ließ. Ja, verflixt und zugenäht! Warum hatte sie es denn nicht selbst gleich bemerkt? Wo war Leroy?
„Er wird bestimmt oben sein, um mal den Blutzucker zu testen“, murmelte Romana leise an Jennifer gewandt. Leroy hatte seit fast drei Jahren Diabetes und musste sich regelmäßig um seine Gesundheit bemühen, indem er den Blutzucker testen und nach seiner individuellen metabolischen Einstellung Insulin in Einheiten spritzen musste. Jeder in der Familie war seither in ständig erhöhterer Aufmerksamkeit, um Leroy behilflich zu sein, falls dies nötig war, was glücklicherweise äußerst selten vorkam. Was dies anbelangte, hatte Leroy sich schwer selbst an die Kandare und sein gesundheitliches Lebensschicksal so genommen, wie es ihm als Aufgabe gestellt worden war, denn er wollte für seine Familie nicht die personifizierte Not sein. In diesen modernen Zeiten war und ist Diabetes kein sofortiges Todesurteil mehr und man konnte mit ein wenig Disziplin und Selbstverantwortung lernen, damit zu leben. Leroy lebte nicht schlecht damit, und seine Familie liebte ihn nach wie vor so, wie er eben war.
„Ich gehe ihn mal oben suchen!“, schlug Frank vor, dessen sensible Arztantennen ausgefahren waren. Er nickte seiner Frau Ellen, Leroys ältester Tochter, die selbst Ärztin wie ihr Mann war, zu und Frank flüsterte seiner Tochter Susanna ins glühend rote Öhrchen, sie solle doch mal schnell von seinem Schoß herunter. „Mit den Opa suchen will!“, quietschte sie, hopste in ihrem dunkelgrünen Samtkleidchen hinterher und schon hing sie ihrem Vater an der Hand. „Susanna, bitte bleib schnell mal bei der Mama!“, sagte Franc Gordon-Smith-Lambert sanft, aber mit bestimmendem Unterton in der Stimme zu Susanna.
Susanna war damit aber gar nicht einverstanden, dass ihr französischer Vater verbot, ihm mit nach oben ins Schlafzimmer von Oma und Opa zu folgen. Sofort zog sie eine schwer beleidigte Schnute, ihr fing die Unterlippe zu zittern an und dann heulte sie auch schon laut los, ehe ihre Mutter mit ihrem zärtlichen Trost überhaupt etwas bei ihr hatte ausrichten können. Schluchzend hing Susanna ihrer Mutter auf dem Schoß, und alle anderen seufzten schwer auf. Ellen ging mit ihrer weinenden Tochter aus dem Salon in die Küche. Eine Tasse Tee würde die Kleine schon wieder besänftigen.
„Alle Jahre wieder!“, meinte Yvonne lax. Sie hatte wochenlang am Klavier zusammen mit ihrer Oma Fabienne, die eine begnadete Klavierlehrerin war, Weihnachtslieder spielen geübt, und nun machte Papa Leroy solche Zicken.
Frank rannte die Treppe im Haus hoch, stolperte schier auf der letzten Stufe des Treppenabsatzes und fing sich gerade noch einmal ab. Er stürmte ins Schlafzimmer seiner Schwiegereltern, aber es war dunkel und als er das Licht einschaltete, war da niemand. Im Bad in der oberen Etage war auch niemand. Als er wieder nach unten die Treppenstufen hinuntereilte, fiel sein Blick im Flur auf die Garderobe und er überflog rasch, welche Jacken, Mäntel, Mützen und auch Schuhe da waren, da sah er, dass die Stiefel und der blaue Marinemantel von Leroy fehlten.
„Come, they told me parapapampam – a new born king to see parapapampam. Our finest gifts we bring parapapampam – to lay before the king …“, sang Leroy leise vor sich hin. Mit geschlossenen Augen genoss er die Zweisamkeit zwischen ihm und der noch immer an ihrem Festmahl fressenden Stute. Nur noch einen kleinen Augenblick wollte er hier so sitzen bleiben und den Erdenfrieden in sich aufsaugen, dann würde Leroy ins Haus zurück gehen, bevor man wegen ihm noch in helle Panik geraten würde, wo er so lange sich herumgetrieben habe, obwohl sie doch zusammen singen und dann die Geschenke mit ihm aufreißen wollten. Nicht, dass seine Familie noch auf die irrwitzige Idee käme, er würde sich aus Frust einen zur Brust nehmen!
Fabienne war die einzige, die die Situation nicht ganz so unmutig nahm, auch wenn es für die anderen eine kleine Aufregung bedeutete, da eben nicht alles so glatt heute an Heilig Abend lief, wie sie es sich so sehr gewünscht gehabt hatten. Ihr erwachsener Sohn Leroy hatte manchmal seinen eigenen Dickschädel und sie wusste, dass man ihm manche Eskapaden lassen und auch verzeihen musste. Ihr achtundsiebzig Jahre altes Mutterherz ahnte, wo Leroy hingegangen sein könnte, als Frank zu ihnen ins Wohnzimmer zurück gestürmt kam und verkündete, er habe seinen Schwiegervater nirgends im Haus finden können.
„Nigt so sähr Aufregung!“, sagte Fabienne in gebrochenem Englisch. Dann fuhr sie wieder in ihrer Muttersprache fort, was ihr sichtlich leichter über die Lippen ging: „Leroy ist in den Pferdestall gegangen!“ Die ganze Familie blickte Fabienne fragend an. „Das hat er schon als Junge zu Heilig Abend hier auf dem Gut gemacht. Er feiert die Pferdeweihnacht!“
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