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von THARA
erstellt: 27.12.2009
letztes Update: 27.12.2010
Geschichte, Romanze / P16
(fertiggestellt)
Er wusste, dass es verdammt noch mal kindisch war, wie er sich benahm, aber Leroy konnte nicht anders: an der Bescherung wollte er nicht teilnehmen; so viele Gedanken stürmten in den vergangenen Tagen auf ihn ein, dass er sich nach dem Essen mit der Familie klammheimlich davon geschlichen hatte aus dem warmen Haupthaus des Gutshofes. Leroy schlug den Kragen seines dunkelblauen Lodenkurzmantels hoch und er schritt achtsam – an manchen Bodenstellen war es glatt - über den verschneit-geräumten Innenhof des Familien-Guts. Wohin er gehen wollte … nun, es war ihm eigentlich ganz egal, wohin ihn seine Füße tragen würden – sie kannten ihn gut und wussten schon, wo er hinwollte und musste. Leroy ging in den Pferdestall des Hofes, und kaum dass er die Stalltür geöffnet hatte, begrüßte ihn das heitere Schnauben und Wiehern von sieben Stuten, vier Wallache und einem Hengst. Das Licht brannte noch – so spät war es ja noch nicht, aber draußen war es dunkle Nacht voller Schneefall, guter Düfte und froher Klänge.
Si tous les gares du monde desidaires des sont copins – wenn alle Menschen Brüder wären … so gäbe es überall Frieden auf Erden und in den Menschenherzen, doch leider gab es sogar in manchen Familien an Weihnachten tiefe Zwistigkeiten, die das Zusammenleben erschwerten.
Die Gordon-Smiths und die Wallaces samt jeweiligem Familienanhang waren zu Heilig Abend und den beiden Weihnachts-Feiertagen, bis hinüber über den baldigen Jahreswechsel auf dem französischen Gut zusammen gekommen. Auf dem Gut war Platz für eine halbe Division und deren Fuhrpark, sagte Alexander immer spaßeshalber, wenn im Sommer jedes Jahr die Feriengäste anrollten.
Bevor sie alle miteinander im weihnachtlich-festlich geschmückten Barockzeit-Wohnzimmer, das in der Größenordnung ein halber Festsaal war, das Weihnachtslieder-Repertoir zu singen anfangen wollten, war Leroy einfach rasch gegangen, ohne es zumindest seiner Frau zu sagen, dass er einen Atemzug Winterluft für sich allein brauchte. Es war ihm ein wenig zu eng in der Kehle geworden, wenn er daran dachte, dass seine zweitälteste Tochter und ihre Familie diesmal nicht so fröhlich ausgelassen würden feiern können, denn ihr Mann Leon hatte seit fast einem halben Jahr schon keine Arbeit.
Essen, Trinken, Musizieren, Geschenke aufreißen - innerlich gewehrt hatte Leroy sich dagegen, denn für ihn war weniger mehr Wert. Der Weihnachtskoller hatte ihn dieses Jahr wegen der Sorge um Madeleine und Leon ergriffen. Madeleine war derzeit von ihrem Mann schwanger mit Vierlingen … wie sollten sie es nur schaffen?, denn in den Vereinigten Staaten gab es keine Gesundheitsversicherung und so etwas wie Kindergeld gab es nur in der Sozialfürsorge, nachdem der persönliche Fall hundert Mal durchgeprüft worden war. Die Amtsmühlen mahlen eben langsam … Leroy und Jennifer, als werdende Großeltern, würden finanziell so ihr Bestes tun, um Madeleine und Leon, samt der noch ungeborenen Enkelkinder zu unterstützen.
Hoffentlich merkte es keiner im Haus, dass Leroy fehlte … friedlich war es hier im Stall. An den Boxen schritt Leroy vorbei, mit einem der Futtereimer in der Hand, der randvoll gefüllt war mit gelben Rüben, Apfelschnitze und Leckerlies, die er heute früh zusammen mit einem der Pferdepfleger des Guts in der Stallküche neben der Schmiede-Esse für die Gutspferde gerichtet hatte. Sie, die Guts-Großfamilie, hatte schier gevöllert am gemeinsamen Tisch, der unter dem opulenten Weihnachtsmenü in der Wohnküche beinahe zusammengebrochen wäre.
Kulinarische Besonderheiten aus drei Ländern hatte es gegeben – so viel, dass sie alle zusammen noch bis Leroys sechzigsten Geburtstag am siebenundzwanzigsten würden davon wohl schlemmen können! Eine Lachsterrine hatte seine Schwester Romana selbst gemacht, während Ellen ein Baguette nach dem anderen aus dem Steinbackofen herausgeholt gehabt hatte. Seine Frau Jennifer hatte einen Plumpudding gezaubert und Leroy selbst, der gerne in der Küche werkelte, hatte für die traditionelle, süße Mohbabe gesorgt, die es als Nachtisch gegeben hatte.
Doch wer gedachte schon der Tiere? Keiner sollte in dieser heiligen, stillen Nacht zu kurz kommen! Die Menschen denken immerzu egoistisch nur an sich selbst, schwelgen in den Genüssen des weihnachtlichen Festmahles, aber wer dachte an die anderen Wesen dieser Erde … Pferde waren noch immer Leroys inneres persönliches Glück. Auch wenn er, bedingt durch sein kaputtes, linkes Knie, schon viele Jahre nicht mehr im Sattel auf dem Rücken eines Pferdes gesessen gehabt hatte, liebte Leroy den täglichen Umgang mit den Pferden hier auf dem Gut.
Desirée Rouge, eine kupferrote Füchsin, ein Cheval de Selle Francais, war Leroys Lieblings-Stute, denn sie hatte so ein geduldig sanftes Herz in ihrer Brust schlagen, das ihn immer an seine Großmutter Sylvie erinnerte, von der er einst als kleiner Junge grenzenlose Herzensliebe hatte erfahren dürfen, als er hier zusammen mit seinem Zwillingsbruder John und seiner Mutter nach der Trennung seiner Eltern zur seelischen Genesung auf das Gut gekommen war. Preise in der Dressur hatte Desirée zusammen mit Yves ein ganzes Pokalregal voll in seinem Zimmer vorzuweisen. Dass ausgerechnet Christopher Yves, Leroys und Jennifers zweitgeborener Zwillingssohn, in die sportlichen Steigbügel seines Vaters gestiegen war, hatte ihn lange Zeit verwundert, denn Yves machte sich oft Sorgen um die Gesundheit seines Vaters, der schon viele tiefe Schläge des Schicksals, insbesondere die beiden lebensgefährliche Reitunfälle, in seinen nun knapp sechzig Lebensjahren hatte immer wieder hinnehmen müssen. Sein Zwilling Gary hielt nichts von Yves halsbrecherischem Hobby, das er neben seinem Studium fast exzessiv lebte, doch, wenn die beiden Brüder auf dieses Thema kamen, dann konterte Yves damit, dass Gary ja gar nichts sagen musste, denn der Dienst bei der Deutschen Küstenwache in Travemünde an der Ostsee war mitunter auch nicht wenig halsbrecherisch, dass er froh sein solle, die Kapitänstocher Sabine Neumann an seiner Seite zu haben.
Gary, für den es gar nicht leicht gewesen war, über die Feiertage dienstfrei zu bekommen, würde erst zum runden Geburtstag seines Vaters mit seiner Verlobten Sabine kommen, denn sie feierten Heilig Abend bei Familie Neumann, Sabines Eltern.
Leroy näherte sich Desirée, nachdem er ihre Box betreten hatte. Die Füchsin wieherte leise zum Gruß. Sie kannte Leroy und sie lebte in Sympathie mit ihm. Unter den Tieren ist es, wie unter den Menschen: man versteht sich oder man versteht sich nicht. Leroy und Desirée verstanden sich nicht nur, es war eine innige Zuneigung von Mensch zu Tier und von Tier zu Mensch, die man Liebe nennen konnte. Desirées Nüstern schnupperten schnaubend an Leroys Hand, die den Futtereimer hielt. Leroy lächelte still in sich hinein. „Ja, meine Madame Rouge, das ist für dich!“, sagte er mit gesenkter, sanfter Stimme zu der Stute und er leerte ihr den Eimer in den Futtertrog neben der Heuraufe. Desirée schnupperte nicht länger – die ersten Apfelschnitze, die Leroy kleingeschnitten hatte, verschwanden knurpsend in ihrem Maul und ihre Zähne zermahlten die Leckerbissen. Es war ein dem Pferd eigenwilliges Geräusch beim Kauen, das in Leroy das Gefühl von Zufriedenheit und Glück auslöste, denn so hatte er der Tierseele freundlich gedient. Er setzte sich zu Desirée ins trockene Stroh, lehnte sich mit dem Rücken an die hölzerne Boxenwand und schloss die Augen … war is over now. „Frohe Weihnachten, Desirée!“, murmelte Leroy.
Im Wohnzimmer-Salon des Haupthauses waren alle am Weihnachtsbaum vergnügt versammelt: Fabienne und Larry, Romana und Alexander, Ellen und Frank mit Susanna und Yves. Yvonne Janet saß am Klavier bereit und Alexander hatte seine Konzertgitarre in den Händen. Alle wollten zu Ehren Noelles vereint singen, aber es war etwas im Familiengefüge nicht stimmig, das jeder innerlich spürte. Alexander merkte, dass unter den Männern das Alphatier fehlte. Blitzschnell überlegte er, ob er was sagen sollte, entschied sich dagegen und wartete, denn es konnte ja schlicht und ergreifend sein, dass sein Schwager mal auf die Toilette hatte müssen und gleich zu ihnen in den Salon kommen würde.
Leroy kam aber nicht in den folgenden drei, vier Minuten, da sagte Susanna, im Moment die Jüngste der Familie, ganz laut vor allen Erwachsenen zu ihrer Mutter Ellen: „Où est grand-père Leroy, Maman?“ – „Wo ist Opa Leroy, Mama?“
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