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von Zordrath
erstellt: 24.12.2009
letztes Update: 24.12.2009
Geschichte, Humor / P6
(fertiggestellt, keine anonymen Reviews)
„WAI-NACH-TENN!“, rief er erneut. Wieder nichts. Er kratzte sich am Kopf.
„Wissenschaftlicher Wai-nachz-mann Grig!“, rief er und marschierte zu einem gebeugten Glollob mit langem weißen Bart, der sich in ein Sammelsurium aus technischen Geräten eingegraben hatte.
„Warum haben wir noch kein Wai-Nach-Tenn?“
Grig sah verwirrt zu ihm auf. Mit seinen dreißig Zentimetern war er noch kleiner als die meisten Glollobs, und das Alter hatte ihm zudem einen nicht unbeeindruckenden Buckel eingebracht. In seinem Blick spiegelte sich vollkommene Verwirrung. Nicht, dass das etwas heißen musste – Grig sah IMMER verwirrt drein. Verwirrt und senil. Er war zwar das größte Genie, das jemals unter den Glollobs geboren worden war, wachte aber trotzdem jeden Morgen in der Gewissheit auf, sich selbst verloren zu haben und brauchte dann Hilfe, sich wieder zu finden. Flob hatte es längst aufgegeben, diese beiden Eigenschaften als Widersprüche anzusehen und vermutete inzwischen vielmehr einen Zusammenhang.
„Haben wir nicht?“, erwiderte Grig sichtlich überrascht.
„Sieht das etwa wie Wai-Nach-Tenn für dich aus?“, fuhr Flob ihn an und zeigte auf das Algenknäuel, das ihren „Wai-Nachz-Baum“ darstellen sollte. Niemand in der Unterwasserwelt der Glollobs wusste, was ein „Baum“ eigentlich war, also hatte Grig mit Bildern gearbeitet, und die Substanz, die der grünlichen Masse am nächsten kam, zum Nachstellen benutzt – und das waren nun einmal Algen. In der Theorie sollte das vage tannenförmige Knäuel (was auch immer eine „Tanne“ sein mochte) eine festliche Atmosphäre verströmen, aber es weigerte sich beharrlich, das zu tun. Mehrere Glollobs standen ratlos um den Baum und warteten reichlich fruchtlos auf ihre Wai-Nachz-Stimmung.
„Ich hab‘s!“, rief Grig und schlug sich an die Stirn. „Wir haben die Kehr-Tsenn vergessen!“ Damit wuselte er zu einer in der Nähe stehenden Kiste und trug sie zu den um den Baum versammelten Glollobs.
„Hier drin sind Kehr-Tsenn“, erklärte er gewichtig. „Ich hatte keine Zeit mehr, sie unter Laborbedingungen zu erproben, wir wissen also nicht, wie sie darauf reagieren werden, in den Baum geknotet zu werden. Höchste Vorsicht ist geboten!“
Die Glollobs scharrten nervös mit den Füßen. Offensichtlich waren sie nicht bereit, für Wai-Nach-Tenn auch etwas zu riskieren, was Flob nicht überraschte. Es war ja genau diese Einstellung, aus der er sie mit dem freudigsten Fest der Menschen heraus holen wollte.
„Öffne die Kiste, Grig!“, befahl er. „Jeder schnappt sich eine Kehr-Tse und bindet sie in den Baum!“ Der Forscher tat wie geheißen, und mehrere glühende Welse schwammen aus ihrem Käfig. Grig hatte sie eigens zum Verbreiten von Festtagsstimmung gezüchtet, und Flob konnte nicht umhin, ihm seine Anerkennung zu zollen. Ihr heimeliges Leuchten, das in der Strömung stets in Bewegung schien, war das Schönste, was er je gesehen hatte.
Weniger schön war, dass sie den Glollobs einfach davon schwammen und den Algenbaum auffraßen.
„Haltet sie!“, kreischte Grig und rannte der erstbesten Kehr-Tse hinterher. „Dageblieben, ihr Mistviecher!“
Die anderen Glollobs taten wenig, um die Welse an der Flucht zu hindern, während Grig hysterisch herumwuselte und versuchte, sie zu fassen zu kriegen.
„Das ist doch alles eine Schnapsidee“, meinte einer.
„Völlig sinnlos“, kommentierte ein zweiter.
„Die Menschen sind einfach durchgeknallt, ich habs euch doch gesagt!“
Ich muss eingreifen, schoss es Flob durch den Kopf. Er rannte zum nächstbesten Gerät und legte einen wichtig aussehenden Hebel um.
„JINGLE BELLS!“, dröhnte es aus einem gewaltigen Horn. „OH DU FRÖHLICHE…“
„Ein Anschlag!“, kreischte einer der Glollobs. „Lauft um euer Leben!“
„Ihr müsst MITSINGEN!“, brüllte Flob in einem lächerlichen Versuch, den Wai-Nachzliedgenerator zu übertönen.
„…OH DU SELIGE…“
„Fangt meine Welse wieder ein! Fangt sie!“
„Verbarrikadiert die Häuser! Schnell!“
„…GNADENBRINGENDE WEIHNACHTSZEIT!“
*
Ein weiterer interessanter menschlicher Wai-Nachzbrauch war der Glü-Wain.
„Blödes Wainachdn…“, lallte Flob, während er sturzbesoffen durch die Straßen von Blobbia taumelte, der Stadt der Glollobs. Eine Stadt, die er gerne in wai-nachtlichen Girlanden gesehen hätte, wenn seine apathischen Mitbürger denn dafür zu gewinnen gewesen wären.
Eigentlich hatte er nur ein einziges Glas getrunken, um anzutesten, was an dem Glü-Wain dran war, doch Glollobs waren nicht unbedingt sonderlich trinkfest.
„Solln sie doch alle weiter in ihrer Depression versauern… ICH KANN AUCH OHNE SIE SPAß HABEN! ICH UND MEIN GLÜ-WAIN, WIR STEHEN DAS GEMEINSAM DURCH! WIR GEGEN DEN REST DER WELT!“
Er trommelte sich demonstrativ auf die Brust, hielt diesem Druck nicht stand und kippte nach hinten. Unter lautem Scheppern prallte er gegen eine Ansammlung von Mülltonnen.
„Das is gar nich mal so unbequem“, murmelte er. „Vielleicht bleib ich hier einfach liegen, bis Wainachdn vorbei is…“
„Hallo, Bürgermeister!“
Flob schreckte hoch und erblickte einen von mehreren Seepferdchen mit Plastikgeweih gezogenen Schlitten. Ein dicker Glollob in roter Kleidung entstieg dem Gefährt und stapfte auf Flob zu. Sein imposanter Schnurrbart war weiß gefärbt und auf dem Rücken trug er einen prall gefüllten Sack.
„Wie kommts, dass ihr am Wai-Nachzabend derart im Abfall liegt, Bürgermeister?“, fragte der Mann.
„Lass mich in Ruhe mit Wainachdn“, maulte Flob. „Alles nur ne blöde Idee von den Menschn…“
Der Mann setzte ein breites Grinsen auf. „Es ist sogar eine GROßARTIGE Idee“, gab er zurück. „Ihr habt es nur völlig falsch angepackt!“
„Ich brauch kein Wainachdn“, grummelte Flob. „Ich kann auch so Spaß haben!“
„Aber trotzdem wäre es euch lieber, wenn ALLE Spaß hätten, oder nicht?“
Flob hob die Augenbrauen. „Und… wie wollt ihr das anstellen?“
Das Grinsen des Mannes wurde breiter. Er setzte seinen Sack ab und holte ein in goldene Schleifen gewickeltes Paket hervor.
„Hiermit!“, rief er und streckte es stolz in die Höhe. „Mit dem wichtigsten Aspekt der menschlichen Wai-Nacht: Dem Ge-Schänk!“
Flob runzelte die Stirn. „Und was macht man damit?“
„Man kauft es und gibt es einem anderen!“, erklärte der Wai-Nachzmann.
„Und das soll gute Laune verbreiten?“
„Aber natürlich! Studien belegen, dass der Mensch glücklicher ist, je mehr er kauft, je mehr er verkauft und je mehr er geschenkt kriegt. Zu keiner Zeit im Jahr werden diese drei Faktoren so geschickt verknüpft wie an Wai-Nach-Tenn. Daher sind sie alle so begeistert davon!“
Das klang für Flob durchaus plausibel. „Also gut“, sagte er und warf seinem Gegenüber ein paar Münzen zu. „Versuchen wir es!“ Damit nahm er das Ge-Schänk und drückte es dem nächstbesten Passanten in die Hand.
„Frohe Wai-Nach-Tenn!“, rief er.
Der Passant glotzte ihn an, dann das Ge-Schänk, dann den Schlitten mit den Seepferdchen. „Eine neue Wahlkampftaktik, Bürgermeister?“
„Mach es auf“, soufflierte Flob.
Das Gesicht des Passanten hellte sich auf. Eifrig entfernte er Papier und Schleifen und enthüllte… eine schlammbraune Tasse, die Grunzgeräusche von sich gab.
„Quillen die Müllhalden der Stadt schon wieder über?“
„Ähm, nein“, begann Flob. „Das ist, ähm…“ Er warf dem Wai-Nachzmann einen hilfesuchenden Blick zu. „Was genau IST es denn?“
„Es ist ORIGINELL“, verkündete der Wai-Nachzmann enthusiastisch. „Wenn es NÜTZLICH wäre, hättet ihr es euch ja schon längst selbst gekauft! Dann wäre es doch kein Ge-Schänk!“
„Kann ich es irgendwie… umtauschen?“, fragte der Passant skeptisch. Der Wai-Nachzmann gab ein hohes Kichern von sich.
„Dazu müsstet ihr mir erst einmal beweisen, dass ihr es bei mir gekauft habt“, sagte er. „Aber was wäre es denn für ein Ge-Schänk, wenn noch ein Preisschild dran wäre?“
„Aber ich habe es GERADE EBEN gekauft!“, warf Flob dazwischen.
„Daran kann ich mich doch nicht erinnern! Wir haben einen solch reißenden Absatz…“
„Ihr habt EIN Exemplar verkauft!“
„Aber ich WERDE reißenden Absatz haben! Wartet’s nur ab!“
„Wenn ihr auf Mund-zu-Mund-Propaganda hofft, das könnt ihr vergessen“, meinte der Passant säuerlich und betrachtete angewidert seine grunzende Tasse.
Just in diesem Moment gesellte sich ein Mann im Hasenkostüm zu ihnen.
„Ge-Schänke sind doch SOWAS von out“, verkündete er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Der Glollob von heute kauft OSTA-EIER!“
„Das ist das falsche Fes…“, begann Flob kläglich, da wurde er auch schon vom Wai-Nachzmann überfahren.
„Osta-Eier?“, brüllte er. „Wer will denn schon Osta-Eier? NIEMAND will Osta-Eier!“
„Ich will eins!“, rief der Passant und warf seine Tasse hinter sich. Das Porzellanstück grunzte protestierend.
„Exzellente Wahl!“, sagte der Hase und griff sich seine Bezahlung. „Euer Produkt liegt hier irgendwo rum.“
„Warum kauft ihr bei IHM?“, ereiferte sich der Wai-Nachzmann. „Wenn euch euer Ge-Schänk nicht gefällt, kauft einfach ein GRÖßERES!“
„Was heißt da: Liegt hier irgendwo herum? Rückt es gefälligst heraus!“
„Aber die Suche ist Teil unseres einzigartigen Service-und-Erlebnis-Konzeptes!“
„Wie wär‘s mit ZWEI Ge-Schänken zum Preis von einem?“
„GEBT MIR MEIN EI!“
„Grunz!“
*
„Ich versteh das nicht, Grig“, klagte Flob, inzwischen wieder nüchtern, aber nicht minder mürrisch. „Bei den Menschen sieht es immer so einfach aus!“
„Ich wette, für die Menschen sieht es auch recht einfach aus, wenn Fische im Wasser atmen“, gab Grig zurück und wandte sich wieder seinen Computern zu. Flob überging den Kommentar.
„Wir müssen irgendwas übersehen haben!“, stellte er fest. „Das ist die einzige Erklärung. Wirf nochmal die Instrumente an!“
„Aber ich wollte gerade die faszinierende Korrelation zwischen dem Brunftverhalten der Kugelfische und der Ebbe bei Voll…“
Flob schubste den Wissenschaftler zur Seite und setzte sich selbst an den Computer.
„Ich werde schon herausfinden, warum deren Wai-Nach-Tenn soviel besser ist als unseres“, grummelte er und startete den „Menschensimulator 3000“. Mit wenigen Klicks stellte er das Programm auf „Heiligabend“ und holte seine Notiztafel hervor.
Was er sah, war deutlich unspektakulärer als die bisherigen Wai-Nachzvorbereitungen. Regelrecht enttäuschend sogar.
„Was machen die denn da?“, rief er. „Das ist doch kein Wai-Nach-Tenn!“
„Ich glaube schon“, meinte Grig und rückte sich seine Brille zurecht.
„Aber sie sitzen einfach da und ESSEN zusammen! Wo sind der Baum und die Ge-Schänke?“
„Vielleicht braucht man das ja alles gar nicht?“
„Willst du mir etwa erzählen, nachdem alles andere fehlgeschlagen ist, sollten wir es einfach mit einer gemeinschaftlichen MAHLZEIT versuchen?“
Grig warf einen Blick von Flob auf den Bildschirm, dann wieder zu Flob.
„Was haben wir schon zu verlieren?“
*
Das städtische Wai-Nachzmahl war überraschend schnell organisiert, nachdem man gewissen Geschäftsleuten versichert hatte, nicht Ge-Schänke oder Eier, sondern möglichst atmosphärische Wai-Nachzspeisen seien das Geschäft der Zukunft. Mehrere Reihen Tische waren vor dem Rathaus aufgestellt worden, dort, wo zuvor der Baum gestanden hatte. Die leuchtenden Welse kreisten über dem Ort und tauchten ihn in einen atemberaubenden Schein, ganz ohne in Algen gewickelt zu sein. Flob hatte kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, eine Krippe heranschaffen zu lassen, diesen aber schnell wieder verworfen.
Die Zusammenkunft war ein überraschender Erfolg.
„He, Flob!“, rief ihm Grig zwischen zwei Bissen von einem anderen Tisch aus zu, umgeben von einer Gruppe Leute, die alle exakt so aussahen wie er selbst. „Wir müssen das öfters machen! Ich wusste gar nicht, dass es noch andere Wissenschaftler in dieser Stadt gibt!“
Auch Flob war das neu (keiner der Forscher verließ sonderlich oft sein Haus), aber er winkte den Männern einfach freundlich zu, als hätte er sie schon ewig gekannt.
Mit einem Lächeln auf den Lippen lehnte er sich zurück und ließ sich von den fröhlichen Stimmen um ihn herum einnebeln. Irgendwo prostete ihm jemand zu, und andere brachen in Gelächter aus. Herzhaftes Gelächter. Wer hätte gedacht, dass all die absurden Bräuche der Menschen nur Vorwände waren, sich einmal im Jahr unter guten Vorzeichen zusammensetzen zu können?
„Vielleicht brauchen wir dann auch die silbernen Westen nächste Woche nicht…“
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