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von Das Chii
erstellt: 24.12.2009
letztes Update: 24.12.2009
Geschichte, Drama / P12
(fertiggestellt)
[ ● Das schönste Geschenk seines Lebens ● ]
In allen nur erdenklichen Farben drängen sich diese Lichterketten meinen Augen auf. Es ist egal, wo ich hinsehe. Überall sind sie vorhanden, in den verschiedensten Formen. Gerade bin ich an einem Fenster vorbeigegangen, in welchem eine Lichterkette in der Form einer Mickey Mouse war. Mir ist das alles einfach zu wider.
Ich weiß, dass ich erst 12 Jahre alt bin, aber dennoch halte ich wirklich wenig von diesem Feiertag und für mein junges Alter, bin ich schon sehr reif. Dies zumindest sagt immer Schwester Mary. Sie ist eine gute Seele, versucht alle im Waisenhaus und auch mich wie ihre eigenen Kinder zu behandeln, aber seien wir doch ehrlich.
Wir haben keine Eltern, entweder wurden sie einem gewaltsam weggenommen oder sie sind gestorben, so wie es in meinem Fall war. Vor nun gut sechs Monaten habe ich in einem Auto gesessen, mein Vater saß am Steuer und meine Mutter daneben.
Wir wollten gerade an den Strand, welcher nicht weit von meinem damaligen zu Hause entfernt war, fahren, doch dann ist ein betrunkener in unseren Wagen gefahren und mein Vater verlor die Kontrolle über den Wagen.
Ich hatte anscheinend mehr als einen Schutzengel, denn außer einer leichten Gehirnerschütterung und einer Platzwunde an der Stirn, hatte ich keine Verletzungen, was jedoch genau mit meinen Eltern geschah, kann ich nicht sagen, da ich nur noch vage Erinnerungen an diesen Tag habe. Ich weinte nicht, konnte einfach nicht weinen. Auch jetzt noch nicht.
Es ist doch ein wenig seltsam, wenn ich mir die anderen Kinder so ansehe und sie weinen sehe, wenn sie um ihre Eltern trauern, frage ich mich manchmal, ob mit mir etwas nicht stimmt, aber ich kann einfach nicht weinen. Mitten auf dem großen, pompös dekorierten Hauptplatz des kleinen Dörfchens bleibe ich stehen. Ein wahnsinnig großer, übertrieben dekorierter und hell erleuchteter Christbaum steht in der Mitte von eben diesem.
Die Farbe Rot ist am stärksten Vertreten, neben Gold und Violett. Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen, um einen kurzen Blick auf den Engel, welcher die Spitze des Monstrums ziert, erhaschen zu können. Ich senke den Kopf wieder, da ich wirklich nicht an diesem Anblick interessiert bin. Warum ich überhaupt auf den Marktplatz gegangen bin, weiß ich ohnehin nicht.
Meine Beine haben sich schon fast wie von alleine bewegt und mich automatisch hierher getragen. Ein stechender Schmerz zieht sich durch mein Herz und ich muss an meine Eltern denken. Ich schlinge meine Arme um meinen Oberkörper und gebe mich für einen Moment der Sehnsucht nach meinen Eltern hin.
Ich vermisse sie wirklich, vor allem meine Mutter, welche ich so sehr geliebt habe und auch noch liebe. Aber dies lasse ich nur einen kurzen Moment zu. Ich schüttle den Kopf, sodass meine fast pechschwarzen, etwas längeren Haare in mein Gesicht fallen. Mit einem langgezogenem Seufzer setze ich mich in Bewegung und gehe auf einen Laden zu.
Es ist ein alter Spielwarenladen. In der Auslage befinden sich viele, noch von Hand gefertigte Dinge, die sich ein jedes Kind mit Sicherheit wünscht, jedoch nicht bekommt, da die Menschen in diesem Dorf, in welchem ich nun lebe, nicht gerade viel Geld haben, dies habe ich einmal von Schwester Mary gehört. In dem großen Fenster kann ich mein Spiegelbild sehen.
Meine eisblauen Augen haben einen so kalten Ausdruck, dass man, wenn man nur diese zu Gesicht bekommen würde, denken würde, ich sei mindestens zehn Jahre älter. Meine Haut ist schon fast aschfahl und ich wundere mich, dass Schwester Mary mich gehen ließ. Plötzlich drängen sich unzählige Gerüche in meine Nase.
Von Kümmel bis Anis, über Zimt bis Glühwein. Ich rümpfe die Nase, diesen Geruch von Glühwein mochte ich noch nie, mein Vater hat diesen immer getrunken und hatte immer dieses gutmütige Lächeln auf den Lippen. Erneut zieht sich dieser Schmerz durch mein Herz und ich muss mich zwingen, nicht an sie zu denken.
Nicht heute, nicht am Heiligen Abend, nicht, wenn ich sie nicht bei mir haben kann. Ich drehe mich um und das Geräusch der Glocke, welche sich an der Tür des Spielwarenladens befindet, ertönt. Eine Frau kommt mit ihrem Kind heraus, sie dürfte um die sieben oder acht sein, wenn mich meine Augen nicht täuschen.
Sie zerrt an dem Rock ihrer Mutter, Krokodils Tränen fließen an ihren Wangen entlang und sie redet irgendwelche Worte, die ich aber nicht wirklich verstehen kann. „Ja meine Kleine! Warte ab, was dir der Weihnachtsmann bringt!“, sagte die Mutter. Sofort erhellen sich die Augen der Kleinen und sie entfernen sich von mir.
Wehmütig muss ich mit ansehen, wie dieses Mädchen mit seiner Mutter davon geht und sich freut. Ein leichter Anflug von Eifersucht erfüllt mein Herz. Wie sehr ich dieses Mädchen in diesem Moment doch hasse. Es kann mit seiner Mutter glücklich sein und ich stehe hier. Allein und verlassen, völlig auf mich allein gestellt.
Ich spüre das heiße Brennen in meinen Augen, merke, wie sich die ersten Tränen in meinen Augenwinkeln sammeln, zwinge mich aber dazu, sie zu verdrängen. Ich weine nicht und schon gar nicht hier, auf dem Marktplatz. Ich stecke eine Hand in meine Tasche, welche über meiner linken Schulter hängt und fische ein paar Cent heraus, welche ich auf der Straße gefunden habe.
Ich werfe einen Blick auf die teils rostigen Münzen und fange an zu zählen. Es dürfte sich ausgehen. Ich gehe auf einen Stand zu, welcher kandierte Äpfel verkauft. Ein leichtes Lächeln huscht über meine Lippen, verblasst aber sogleich wieder. Die Frau, welche diese roten, süßen Dinger verkauft, lächelt mich mit einem warmen Lächeln an und wartet auf eine Reaktion von mir.
Doch da sehe ich den Preis und muss voller Enttäuschung meinen Kopf hängen lassen. „Willst du nun etwas kaufen Kleiner?“, höre ich die leise Stimme fragen. Ich schüttle nur den Kopf und strecke meine Hand aus, in welchem ich das Geld habe. „Das ist aber zu wenig!“, meint sie und ich zucke mit den Schultern, will mich schon umdrehen, als mich die freundliche und warme Stimme der Verkäuferin zurückhält.
„Aber weißt du was, wir haben heute doch Weihnachten! Gib mir diese paar Cent und ich gebe dir einen!“ Sofort hebe ich meinen Kopf und strahle sie schon fast an. Nach wenigen Sekunden reicht sie mir die rote Köstlichkeit, ich bedanke mich noch einmal und renne dann glücklich weg.
Schon langsam wird es dunkel und ich muss wieder zurück in das Waisenhaus. Ich will keinen Ärger mit Schwester Mary bekommen. Sie ist zwar der liebenswürdigste Mensch, den ich kenne, außer natürlich meiner Mutter, aber wenn sie einmal wütend ist, kann man mit ihr nicht gut Kirschen essen.
Die Straßenlaternen erleuchten mir den Weg, der Schnee, welcher am Tag noch gelegen hat, ist nun dem unausweichlichen Glatteis gewichen. Ich schlinge meine Arme um meinen Oberkörper, da sich die klirrende Kälter schon bis unter meine Gewänder ausbreitet. Nur noch wenige Meter trennen mich von meinem zu Hause.
Ich kann Lichter erkennen, als ich das schwere Eisentor öffne, welches die meiste Zeit geschlossen ist und uns davon abhält, das Gelände zu verlassen. Ich will mich nur noch in mein Bett legen und mich in den Schlaf weinen. Ich kann den Schmerz, welcher von meinem Herzen ausgeht, beinahe nicht mehr ertragen.
Das große Tor geht ebenfalls mit einem Quietschen auf und Schwester Mary steckt ihren Kopf durch den Spalt, dann erscheint sie in voller Größe und strahlt mich an. „Alec Schätzchen! Da bist du ja endlich!“, sagt sie lachend und nimmt mich in den Arm, als ich neben ihr ankomme. „Komm mit, ich habe eine Überraschung für dich!“
Ohne dass ich auch nur ansatzweise hätte reagieren können, zerrt sich mich schon hinter sich her, bis wir im Speisesaal ankommen. Sofort weiten sich meine Augen. Der große, hohe Raum ist festlich geschmückt, aber bei weitem nicht so übertrieben wie in der Stadt. Ein Normalgroßer Baum steht in der Mitte und darunter befinden sich etliche Päckchen.
Manche kleiner, manche größer. Der Duft von Lebkuchen und Tee erfüllt die Luft und ich kann meine Emotionen einfach nicht mehr für mich behalten. Ich schlinge meine Arme um die Taille von Schwester Mary und vergrabe meinen Kopf in ihrer Schürze, lasse meinen Tränen einfach freien Lauf. Sie streicht mir über den Rücken, während ich aufschluchze.
„Ist schon gut Kleiner! Komm geh und schau, was wir für dich haben!“ Ich weiß nicht, ob ich dem ganzen trauen kann, aber ich gehe zu dem schönen Baum und sehe mir diese Päckchen an. Meinen Namen kann ich aber nirgends finden und komme mir nun doch ein wenig dumm vor. Warum sollte auch ich etwas bekommen, schließlich bin ich schon 12 und verdiene keine Geschenke.
Bin ich doch nur ein kleiner Junge, der gezwungenermaßen Erwachsen wurde. Ich drehe mich um und gehe mit gesenktem Kopf auf Schwester Mary zu. Ich weiß nicht, warum sie dies nun getan hat. Es macht mich traurig und erneut muss ich mit den Tränen kämpfen. Meine Wangen waren ohnehin noch nicht trocken, von meiner Heulattacke.
Was sie mir nun angetan hat, ist mehr, als mein junges Herz verkraftet und ich schwäre mir, nie wieder auf so etwas hinein zu fallen. „Jetzt zieh doch nicht so ein Gesicht mein Sohn!“, sagt sie zu mir und ich hebe den Kopf, schaue sie aus Tränennassen Augen an. „Dein Geschenk war einfach zu groß um es zu verpacken oder es unter den Baum zu stellen!“
Sie deutet mit ihrem Kopf zur Tür und ich schaue sie verwirrt an. Will sie mich noch mehr quälen? Wollen sie mich nun aus dem Waisenhaus werfen? Trotz meiner Skepsis drehe ich mich um und erstarre. An der Tür sehe ich sie stehen. Diese Frau, mit ihren langen, braunen Haaren, die ihr in großen Locken über den Rücken und die Schultern fallen,
diese braunen Augen, die so viel Liebe ausstrahlen, das man sie einfach anlächeln muss und ich sehe ihn, diesen Mann mit den beinahe schwarzen Haaren, den blauen Augen, die so gnädig und fürsorglich sind und den meinen so sehr ähneln.
Ich laufe los, denke nicht mehr nach, laufe einfach. Ich falle ihr, meiner Mutter in die Arme und sie drückt mich sofort an sich. Heiße Tränen fließen über meine Wangen. Ich kann es einfach nicht fassen. Ich liege hier in den Armen meiner Mutter.
Sie ist nicht tot, sie ist real. Mein Vater umarmt mich auch und ich kann mich einfach nicht mehr halten. Ich fange an zu heulen wie ein Schoßhund. Meine Mutter streicht mir durchs Haar und flüstert mir beruhigende Worde zu. In diesem Moment, bin ich der glücklichste Junge der Welt, denn ich habe meine geliebten Eltern wieder.
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