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von Angel-Oriares    erstellt: 19.12.2009    letztes Update: 10.07.2011    Geschichte, Romanze, Humor / P18    (fertiggestellt)
Wie versprochen, zu Heiligabend gibt es Kapitel 2. Dieses Mal lernen wir Bella kennen – und hoffentlich auch lieben. Wie meinte eine Leserin so treffend: Bella wird einen schweren Stand haben. Das glauben wir auch, obwohl wir sie trotz ihres grässlichen Jobs ganz arg mögen :)

Herzlichen Dank an euch alle übrigens für 44 Reviews und über 220 Favoeinträge. Wir sind überwältigt, ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie sehr. Damit hätten wir nie und nimmer gerechnet.
DAS ist mitunter das schönste Weihnachtsgeschenk, was ihr uns machen konntet.
Und u.a. genau deswegen bekommt ihr jetzt das zweite Kapitel, was euch hoffentlich genau so gut gefällt wie der Prolog und Kapitel 1.

Frohe Weihnachten an euch alle.
Becka

P.S. Und noch was in eigener Sache. Meine wundervolle Mitschreiberin hier hatte gestern Geburtstag und ich hab ihr einen kleinen Weihnachts-OS geschrieben. Wer möchte, kann gerne mal reingucken: http://www.fanfiktion.de/s/4b31562a0001085e06705dc0



Kapitel 2: Click

Baby, there’s no other superstar, you know that I’ll be your Papa-paparazzi.
Need that picture of you. Ready for those flashing lights.
[Lady Gaga – Paparazzi]

- Bellas POV -

Ich konnte nicht gerade behaupten, dass ich meinen Job übermäßig liebte.
Ich war Fotografin, aber nicht nur irgendeine stinknormale. Ich verdiente meinen Lebensunterhalt damit, Promis aller Art abzulichten, ob sie es wollten, oder nicht. Ich fragte nie, ob ich durfte, ich drückte einfach immer ab und war schon wieder verschwunden, ehe sie es bemerkten.

Eigentlich war das nie mein Plan gewesen. Ich liebte es zwar, zu fotografieren, aber nur, wenn es Dinge waren, die mir gefielen. Meine Bilder waren Kunst, drückten etwas aus. Sie hatten Seele und Tiefe. Es war mir egal, was ich fotografierte, solange meine Bilder Momente einfingen, die sonst für immer verloren wären.
Leider halfen mir meine 'Kunstwerkchen' nicht dabei, meine Rechnungen zu bezahlen und ich hatte auf eine Notlösung ausweichen müssen, um nicht am Hungertuch zu nagen. Ich konnte prinzipiell auch jetzt noch genau das tun, was mir Spaß machte: Ich fotografierte Menschen, meistens dankbare Objekte, bei denen man nicht viel falsch machen konnte, auch wenn ich dafür öfter mal die Grenzen der Privatsphäre meiner Motive überschreiten musste.
Aber das war der Preis, den ich – und gezwungenermaßen auch sie zahlen mussten, wenn ich die Beste sein wollte. Und das wollte ich. Sehr sogar.

Ein gutes Bild zeigte eine Berühmtheit in betrunkenem Zustand. Beim Kiffen. In eindeutigen Positionen beim wilden Knutschen mit einer unbekannten Schönheit, während die eigentliche Freundin zuhause saß und die unehelichen Kinder hütete.
Es gab so vieles, wofür Klatschzeitungen Geld bezahlten. Viel Geld.
Mittlerweile hatte ich mir durch eben solche Jobs ein schönes Sümmchen angespart. Noch ein, zwei Jahre und ich würde genug Geld zusammen haben, um mir eine der Topkameras schlechthin kaufen zu können. Ob Canon oder Nikon war ich mir noch nicht ganz einig, aber ich war mir sicher, eine Entscheidung treffen zu können, wenn es soweit war. Wenn ich mich selbstständig und komplett unabhängig von irgendwelchen Schundblättern machen konnte.

Ich war gerade dabei, meine Kamera in ihrer Tasche zu verstauen, als mein Handy klingelte.
„Swan?“, nahm ich ab und presste es mir zwischen Ohr und Schulter, damit ich den Reißverschluss der Tasche mit beiden Händen zuziehen konnte, da er, wieder einmal, klemmte.
Ich meldete mich immer mit dem Nachnamen, da viele meiner Kunden – Redakteure und Leiter von großen Zeitschriften – meistens auf mein Handy anriefen, wenn sie einen Auftrag für mich hatten. Auf dem Handy war ich nämlich, im Gegensatz zu meinem Festnetz, weil ich so viel unterwegs war, leichter zu erreichen.
„Isabella!“, tönte mir eine Stimme entgegen, die ich nur allzu gut kannte.
„Hallo Aro“, begrüßte ich meinen Anrufer und richtete mich wieder auf. Die Tasche war zu.
Aro war einer der Zeitungsbesitzer, Aro vom Volturi Magazine. Eigentlich hieß er Arnold, doch er verbat es jedem, der ihn ansprach, sofort, ihn so zu nennen. Ich hatte keine Ahnung, wieso. Ich vermutete, dass ihm sein richtiger Name, aus welchen Gründen auch immer, peinlich war, aber ich war mir nicht ganz sicher. Ich hatte ihn nie gefragt. Für mich war er einfach nur Aro, fertig.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte ich und ging in meine Küche, um mir ein Glas Saft einzuschenken. Ich hatte den halben Nachmittag im Central Park verbracht, um Fotos von Bäumen und Menschen zu machen, die meinen Weg kreuzten. Leider hatte ich im Eifer des Gefechts vergessen, mir etwas zu trinken mitzunehmen und die Getränkepreise rund um den Central Park waren für meinen Geschmack eindeutig zu hoch.
„Ich brauche Fotos“, fackelte Aro nicht lange und kam sofort auf den Punkt.
„Das dachte ich mir schon.“ Ich lachte, als ich mit einer Hand versuchte die Flasche aufzudrehen. Ich scheiterte kläglich. „Von wem denn?“
„Von Edward Cullen. Er ist zurück in der Stadt, um an seinem neuen Album zu arbeiten.“
„Edward Cullen?“ Ich hatte schon von ihm gehört, aber ich hatte im Moment kein Bild vor Augen, wie er aussah.
„Der Pianist, auf den zur Zeit die komplette Frauenwelt abfährt.“
Alle außer ich, konnte ich da nur denken. Ich nahm mir vor, ihn später zu googeln, um zu wissen, wen ich fotografieren sollte.
„Ein paar seiner Stücke kennst du bestimmt. Sagt dir Spanish Lullaby was? Das ist von ihm“, half er mir auf die Sprünge und ich nickte, obwohl er mich nicht sehen konnte.  
„Ja, das kenne ich in der Tat.“ Es war unmöglich, es nicht zu kennen, so oft, wie es momentan im Radio hoch und runter gespielt wurde. Eigentlich war es ein Wunder, dass es ein rein musikalisches Klavierstück überhaupt ins Radio geschafft hatte. Aber dass es momentan das meistgespielte Stück in ganz Amerika war, machte mir doch ein bisschen Angst.

Wenigstens wusste ich nun, wieso mir der Name Edward Cullen bekannt vorgekommen war. Der Starpianist also.
Das dürfte ein Kinderspiel werden. Ich hatte es schon einmal geschafft, Brad Pitt abzulichten. Da würde ich doch so einen Klaviermenschen gleich dreimal vor die Linse bekommen. Zumal er sich in derselben Stadt befand wie ich.
Es war mir ein Rätsel, wie dieser Kerl einen solchen Status erreicht hatte. Er spielte doch nur Klavier, sang nicht einmal dazu. Das war schlichtweg… langweilig.
Meine nächste Mission würde nun also darin bestehen, herauszufinden, wo in New York City sich Mister Cullen aufhielt. Die Stadt war groß und die Auswahl an Aufnahmestudios beinahe unzählbar.

Aro und ich machten einen Preis für die Fotos aus und ich versprach ihm, spätestens übermorgen die erste Runde zu liefern. Wenn er damit zufrieden war, würde er mich noch einmal auf ihn ansetzen.
Ich fragte mich zwar, was so spannend an Fotos sein sollte, die zeigten, wie der Wundermensch das Studio betrat oder es wahlweise auch wieder verließ, aber wenn Aro solche Fotos wollte, würde ich sie ihm beschaffen. Immerhin war er einer der wenigen Zeitungsbesitzer, die noch ordentlich zahlten.
Und da mir die Konkurrenz im Nacken saß – würde ich die Fotos nicht schießen, würde es eben jemand anders tun – blieb mir keine große Wahl.
Ich schnappte mir meinen Laptop, öffnete Google und tippte seinen Namen hinein.
Die Recherche konnte beginnen.

Am frühen Abend hatte ich alles zusammen, was ich benötigte und würde mich direkt am nächsten Morgen auf den Weg machen können.

*


Der Weg zum Aufnahmestudio von Edward Cullen führte mich am Buchladen meiner besten Freundin vorbei. Weil ich früher losgekommen war, als ursprünglich geplant, beschloss ich, Rosalie einen Besuch abzustatten und ihr von meinem neuen Auftrag zu erzählen.
Ich drückte die schwere verglaste Holztüre zu Rosalies Geschäft auf und augenblicklich ertönte das angenehme Läuten einer kleinern Glocke, die sich über der Türe befand. Der Laden war urig und doch wunderschön, man fühlte sich sofort wohl. In einer Ecke hatte Rosalie ein paar alte, aber unendlich gemütliche Sessel aufgestellt, in die sich ihre Kunden setzen und lesen konnten. Auch ich hatte schon Stunden hier verbracht, nur um in diesen Sesseln zu sitzen und sie von ihrer Arbeit abzuhalten.

Nachdem das Klingeln aufgehört hatte, erschien Rosalie aus dem hinteren Teil des Ladens.
„Bella.“ Sie kam auf mich zu, legte mir die Hände auf die Oberarme und küsste mich auf beide Wangen.
Ich lächelte sie an, als sie mich wieder los ließ. Das war meine Rose. Eine wunderschöne Blondine, die jeglichem Vorurteil gegenüber blonden Frauen trotzte. Rose war intelligent, zielstrebig, tough und der freundlichste Mensch der Welt. Ich war unglaublich froh, sie kennen gelernt zu haben.
„Hi Rose.“ Ich setzte mich, wie immer, in den dunkelroten Samtsessel und überschlug die Beine. Wir waren alleine in ihrem Geschäft und so konnte sie es sich erlauben, sich zu mir zu setzen.
„Was machst du hier?“, fragte sie mich und bot mir eine Tasse Tee an. Eine weitere Besonderheit, die es nur in Rosalies Buchladen gab. Sie kümmerte sich um ihre Kunden und hatte immer massenweise Tee da. Vielleicht war das mit ein Grund dafür, warum sie sich trotz der überaus zahlreichen Konkurrenz in New York halten konnte und nicht zwischen all den großen Buchhandelsketten unterging. Rosalies Geschäft war zwar klein, aber es war fein und hatte, im Gegensatz zu anonym und steril wirkenden Ketten Leben in sich.
Außerdem war Rosalie derart schön, dass sich immer wieder Männer in ihren Laden verirrten und ihn mit zehn gekauften Büchern wieder verließen.

„Ich habe einen neuen Auftrag“, erzählte ich ihr, während sie mir eine Tasse mit dampfendem Tee besorgte. „Aro, vom Volturi Magazine, will, dass ich diesen Klavierspieler fotografiere.“
„Edward Cullen?“ Sie lugte um die Ecke. „Apfel- oder Früchtetee?“
„Genau, Edward Cullen. - Apfel. Danke.“
Sie kam wieder zu mir und setzte sich. „Edward Cullen, wow. Ist es nicht unglaublich schwer, an ihn heranzukommen? Er wird doch sicher gut bewacht.“
„Das wird er bestimmt“, nickte ich zustimmend. „Aber das wird mich nicht aufhalten. Du kennst doch mein Motto.“
„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Sie grinste.
„Eben. Davon lasse ich mich ganz bestimmt nicht unterkriegen. Wofür hat uns der liebe Gott sonst Ellbogen gegeben, wenn nicht dafür?“ Ich würde nicht zögern, eben diese auch einzusetzen. Meistens war ich lieb und freundlich, bekam meine Fotos und verzog mich wieder. Aber ich würde mich nicht abwimmeln lassen. Ohne Fotos würde ich nicht nach Hause gehen.
„Du bist wirklich unglaublich.“ Rose lachte amüsiert. „Ich bin echt froh, dass du meine beste Freundin bist. Zum Feind möchte ich dich wirklich nicht haben.“
„Danke, gleichfalls.“ Auch Rosalie konnte scharf schießen, wenn sie wollte. Sie hatte nicht umsonst bereits mit siebenundzwanzig ihr eigenes, kleines Geschäft.

Ich warf auf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass ich langsam los musste. Aus sicherer Quelle hatte ich erfahren, dass Edward Cullen zwar nie vor zehn Uhr am morgen im Studio auftauchte, aber man konnte ja nie wissen. Bei meinem Glück würde er ausgerechnet heute fünf Minuten eher da sein. Das konnte ich nicht riskieren. Lieber war ich zu früh da und wartete auf ihn.
„Ich muss los.“ Ich gab Rosalie meine leere Tasse zurück und stand auf.
„Alles klar.“ Sie erhob sich ebenfalls und brachte mich zur Türe. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich einen jungen Mann, der vor dem Schaufenster stand und uns, oder vielmehr Rosalie, durch die Scheibe hinweg beobachtete.
„Ich glaube, du kriegst gleich Kundschaft.“ Ich boxte sie leicht in die Seite, ehe ich sie rasch umarmte und meine Tasche schulterte. Das war der einzige Nachteil an meiner Leidenschaft für die Fotografie. Eine ordentliche Kamera wog gefühlte Tausend Kilogramm und ich bekam in regelmäßigen Abständen Muskelkater in den Schultern und im Rücken, wenn ich sie zu lange durch die Gegend schleppte.
„Dann raus mit dir, ehe du mir mein Tagesgeschäft versaust.“ Sie hielt mir, ebenso grinsend, die Türe auf und ließ mich hinaustreten. „Einen schönen Tag wünsche ich“, verabschiedete sie mich und zwinkerte mir zu.
„Danke, gleichfalls“, rief ich zurück und winkte ihr im Gehen noch kurz zu.
„Ruf mich heute Abend an, ja? Ich will alles wissen.“
„Worauf du dich verlassen kannst.“ Als ob ich es wagen würde, Rosalie über meinen Auftrag im Unwissen zu lassen. Sie würde mich einen Kopf kürzer machen, wenn ich ihr nicht genug Details liefern würde.
„Hallo, kann ich Ihnen helfen?“, hörte ich sie den jungen Mann noch fragen, dann bog ich um die Straßenecke und der Lärm der vorbeifahrenden Autos übertönte jegliches weitere Wort, das Rosalie und der junge Mann von sich gaben.

Pfeifend marschierte ich auf die nächste U-Bahn-Station zu und ging in Gedanken den kürzesten Weg zum Studio durch. Aufgeregt wegen dem, was mir bevorstand, war ich schon lange nicht mehr. Zu Beginn meiner Karriere als Paparazzi – ich hasste dieses Wort – hatte ich noch Herzklopfen bekommen, wenn der Promi dann wirklich vor mir gestanden war und ich Foto um Foto gemacht hatte. Mittlerweile kümmerte es nicht mehr. Diese Leute waren auch nur Menschen und besuchten die Toilette genau so wie ich und jeder andere Mensch der Welt. Sie sahen vielleicht ein bisschen besser aus als der Rest der Menschheit und waren mit etwas mehr Talent gesegnet. Aber das war auch schon alles, was an ihnen beeindruckend war.

Nichtsdestotrotz hatte ich durch meinen Job schon unzählige interessante Leute kennen gelernt. Zeitungsbesitzer wie Aro waren nur ein winziger Teil davon. Ich hatte andere Fotografen kennen gelernt, hatte mich mit ein paar Berühmtheiten unterhalten und dabei festgestellt, dass eigentlich viel mehr hinter der Fassade, die sie umgab, steckte, als sie der Welt zeigten und allen voran hatte ich meinen Lieblingskollegen und mittlerweile auch besten Freund kennen gelernt.
Seth Clearwater war fünf Jahre jünger als ich, aber genau wie Rosalie der liebste Mensch der Welt.
In den vergangenen Monaten war es immer wieder vorgekommen, dass wir denselben Promi hatten fotografieren müssen, lediglich mit dem Unterschied, dass er für ein anderes Magazin fotografiert hatte, als ich. Irgendwann hatte er mich angesprochen, als wir uns während der stundenlangen Warterei auf einen Star so tierisch gelangweilt hatten, dass nicht einmal mehr die Spiele auf unseren Handys Ablenkung gebracht hatten. Daraufhin hatten wir unsere Handynummern ausgetauscht, uns auch privat getroffen und immer besser verstanden.
Vor drei Monaten hatte er mir schließlich verkündet, dass ich seine beste Freundin geworden war und ich hatte das Kompliment nur zu gerne zurückgegeben. Ich hatte immer viel Spaß mit ihm und Rosalie, wenn wir wieder einmal eine Samstagnacht zum Tag gemacht und bis in die Puppen gefeiert hatten. Doch nicht nur feiern ging mit den beiden am Besten. Auch tiefgründige Gespräche über Probleme und Dinge, die mich beschäftigten, konnte ich mit niemandem so gut führen, wie mit ihnen. Sie bereicherten mein Leben und würden immer an erster Stelle für mich stehen. Rosalie und Seth waren meine Ersatzfamilie geworden. Meine eigenen Eltern, die ich über alles liebte, lebten am anderen Ende von Amerika in Phoenix und Geschwister oder sonstige Verwandte hatte ich nicht. In New York waren Rose und Seth mein Halt.

Mit den Stöpseln meines iPods im Ohr stieg ich in die U-Bahn und ließ mich durch den New Yorker Untergrund chauffieren. Wie immer war die Bahn völlig überfüllt und ich drängte mich in eine Ecke an der Seite, um nicht von schwitzenden, stickenden Körpern erdrückt zu werden. Das war eindeutig ein Nachteil am Großstadtleben und als ich vor sechs Jahren von Phoenix hinterher gezogen war, hatte mich beinahe der Schlag vor lauter Kulturschock getroffen. Phoenix war zwar auch nicht gerade klein oder überschaubar und mit mehreren Tausend Einwohnern auch garantiert keine Kleinstadt mehr. Aber New York war das pure Gegenteil davon und hatte mich nur gehalten, weil meine anfängliche Faszination lange genug angedauert hatte, damit ich mich einleben konnte. Kurz darauf hatte ich Rosalie und ein paar andere Menschen kennen gelernt, die ich heute guten Gewissens zu meinen Freunden zählen konnte. Sie hatten mir die Stadt gezeigt, viel mit mir unternommen und mir verboten, je wieder wegzuziehen.
Also war ich geblieben. Nicht zuletzt auch wegen Mike, in den ich mich damals verliebt hatte.
Wir waren ein Jahr ein Paar gewesen, ehe er Jessica kennen gelernt hatte, mit der er mittlerweile zwei kleine Kinder hatte. Ich gönnte ihm sein Glück und verstand mich mit den beiden immer noch gut. Hin und wieder besuchte ich die beiden in ihrem kleinen Häuschen ein wenig außerhalb von New York.
Während wir bis vor ein paar Jahren noch gemeinsam das Nachtleben der City genossen hatten, lebten die beiden nun das Leben einer typischen amerikanischen Familie. Und es gefiel ihnen. Sie waren glücklich, ihre Kinder waren großartig und nur das zählte.
Ich besuchte sie wirklich gerne, auch wenn ich die Reise aus der Stadt hinaus aus Zeitgründen nur selten antrat.

Die nächste Station war meine und ich wanderte langsam in Richtung Ausgang, um bereit zu sein, wenn die U-Bahn anhielt. Chronische Überfüllung der Bahn erschwerte mir mein Unterfangen und so erreichte ich die Türen genau in dem Moment, als die U-Bahn anhielt und sie sich öffneten. Ich schlüpfte hinaus und machte mich auf den Weg zur Rolltreppe nach oben.
Nun war es nicht mehr weit, noch ein paar Meter nach links, ehe ich nach rechts abbiegen und in eine Seitenstraße einbiegen musste. Google Maps sei Dank, ich hatte mir einen detaillierten Wegplan noch am Abend ausgedruckt und eingesteckt.

Das Studio zu finden, war nicht schwer. Hauptsächlich deshalb, weil bereits eine ganze Traube an Menschen davor wartete.
Na großartig. Ich seufzte leise auf und marschierte auf sie zu. Schon von weitem konnte ich Jacob und Leah erkennen, wie sie ihre Kameras in den Händen hielten und sich unterhielten.
Die beiden hatten mir gerade noch gefehlt.
Jacob und Leah waren, wie ich, frei schaffende Fotografen. Langläufig wurden wir auch Paparazzi genannt. Obwohl ich diesen Begriff für das, was wir taten, verabscheute, musste ich zugeben, dass er auf die beiden eindeutig zutraf. Sie waren nur hinter schnellem Geld her, was sich in diesem Business äußerst leicht verdienen ließ. Es kümmerte sie nicht, dass Bilder und Fotografieren eigentlich Kunststücke waren, die mehr aussagten als manches Buch. Das einzige, was diese geldgierigen Hyänen wollten, war Fotos von Promis zu machen, die sie dann für viel Geld verkaufen konnten. Ein gutes Foto irgendeines A-Prominenten hatte für unzählige Zeitungen einen unschätzbaren Wert und ehe man sich versah, standen sie schon Schlange und boten einen ganzen Haufen Kohle für die Exklusivrechte an den Bildern.

Mir lag etwas an guten Bildern. Auch wenn ich Leute jagte und fotografierte, die damit meistens nicht einverstanden waren, war es mir trotzdem wichtig, ein schönes Bild zu schießen.
Nicht so wie Jacob und Leah, denen gar nichts an guten Fotos lag. Für sie war die Fotografie nur Mittel zum Zweck; möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen.
Alles andere, die Menschlichkeit vor allem, blieb dabei auf der Strecke. Ihnen machte es rein gar nichts aus, den Promis ihre Kamera mitten ins Gesicht zu halten. Während ich Skrupel und manchmal fast schon ein schlechtes Gewissen hatte bei dem, was ich tat, drückten sie einfach auf den Auslöseknopf und schossen Foto um Foto.
Klick, klick, klick, klick.
Ohne Rücksicht auf Verluste.
Das einzige, was für sie zählte, war der Profit, den sie aus der ganzen Sache schlagen konnten.

Und parallel dazu schafften sie es auch noch, mir den letzten Nerv zu rauben. Wenn sie mir nicht irgendwelche dummen Kommentare an den Kopf warfen, bedachten sie mich mit dem Blick und sahen mich abschätzend an.
Obwohl ich mich längst daran gewöhnt hatte, ging es mir immer noch gegen den Strich von solchen Kunstbanausen auf solche Art und Weise behandelt zu werden.

Ich hatte sie noch nicht ganz erreicht, als sie mich bemerkten und mir Leah sofort den Blick entgegen warf. Ich rang mir ein spöttisches Lächeln ab und nickte ihnen kurz zu, ehe ich mir einen guten Platz vor dem Eingang des Studios sicherte.
In solchen Momenten zahlte sich meine Größe – oder sollte ich eher sagen Kleinheit? - wieder einmal aus. Ich schlüpfte leichtfüßig an den meisten, bulligen Schrankmännern vorbei und drückte mich an ihnen nach vorne.
Voila, beste Sicht auf Eingang und Straße. Von diesem Platz aus würde ich die Ankunft des großartigen Mister Cullen garantiert nicht verpassen.
Ich packte meine Kamera und die vielen Objektive, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten, aus und baute sie zusammen.
Nach ein paar Minuten war ich damit fertig und sah hoch zu meinem riesigen Nachbarn.
„Ist er schon rein?“, fragte ich ihn und schenkte ihm ein entzückendes Lächeln. Er musterte mich von oben nach unten, ehe sein Blick an meinem Ausschnitt hängen blieb. Ich verdrehte angewidert die Augen. Männer waren doch alle gleich.
„Was ist nun?“, hakte ich nach, nachdem er mir auch nach einer halben Minute noch nicht geantwortet hatte. „Ist er da? Ja oder nein?“
„Nee, Puppe“, grinste er mich an und ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Arschloch. „Aber was hältst du davon, wenn wir beiden Hübschen danach was trinken gehen? Ich kenne eine schicke Bar hier in der Nähe. Genau das Richtige für dich und mich.“
„Nein, danke.“ Ich schüttelte den Kopf und lächelte wieder zuckersüß. „Ich bin schon verabredet. Mit meinem Freund. Er ist Boxer.“
Am liebsten hätte ich laut losgelacht, als ich sah, wie das Lächeln meines Gegenübers erstarb.
„Dann nicht“, murmelte er und wandte den Blick wieder von mir ab, während ich mir ins Fäustchen lachte. Dieser Trick funktionierte immer wieder aufs Neue.

„Hey, Swan“, hörte ich plötzlich einen Kerl meinen Namen rufen. Jacob. Toll. Was war heute nur los, Tag des Arschlochs?
„Was?“, fauchte ich zurück und blickte in seine Richtung. Er stand mir mit Leah gegenüber und sah – ungelogen – aus wie ein Penner. Ich verstand selbst nicht viel von Mode, hatte absolut kein Gespür dafür und flehte Rosalie regelmäßig an, mit mir einkaufen zu gehen, damit ich wenigstens einigermaßen vorzeigbar aussah. Aber dass das, was er trug, eher einem Outfit aus dem Altkleidersack glich, sah selbst ich. Es wunderte mich wirklich, dass Leah nichts dagegen unternahm. Schämte sie sich nicht für ihn, wenn er so herumlief? Denn dass sie nur wegen seinen inneren Werten mit ihm zusammen war und es sie nicht kümmerte, wie er aussah, nahm ich ihr nicht ab. Dafür sah sie viel zu gut aus, als dass sie es nötig hätte, sich mit einem Idioten wie ihm abzugeben.
„Für wen bist du hier?“, fragte er.
„Das würdest du wohl gerne wissen, Black“, gab ich zurück und schüttelte den Kopf. Als ob ich ihm verraten würde, für wen ich arbeitete. Das Risiko, dass er mir meinen Auftraggeber wegschnappte, war viel zu groß. Genau so gut hätte ich mir beide Hände abhacken können. Das Resultat wäre dasselbe gewesen: keine Fotos mehr.  
„Ach komm schon, Swan“, rief er wieder.
„Lass mich in Ruhe“, giftete ich ihn an und hätte gerne noch ein paar hübsche Ausdrücke hinterher geschickt, die mir so durch den Kopf schossen und verlangten, in die Freiheit entlassen zu werden. Nur mit Mühe und Note konnte ich meine Zunge im Zaum halten und unser Wortgefecht in keine Schlammschlacht verwandeln.
Schade, dass Seth nicht hier war. Er hätte mich bestimmt auf andere Gedanken, wenn nicht gar zum Lachen gebracht.
„Wo steckt dein Busenfreund?“, wollte Jacob genau in dem Moment wissen, als ich an Seth dachte. Genervt schob ich mir die Haare aus dem Gesicht.
„Was geht dich das an?“, stellte ich ihm eine Gegenfrage und weigerte mich, auch nur den Hauch einer zufrieden stellenden Antwort auf seine Frage zu geben.
„Ich mein ja nur.“ Er grinste, als er gönnerhaft einen Arm um Leahs Schultern legte. Glaubte er etwa immer noch, dass Seth und ich ein heimliches Paar waren? Seth war fünf Jahre jünger als ich, der kleine Bruder, den ich nie haben würde. Aber es war egal, wie oft ich versuchte, Jacob das klar zu machen. Er schnallte es ja doch nie und versuchte es beim nächsten Aufeinandertreffen wieder aufs Neue, mich mit seinen Bemerkungen auf die Palme zu bringen.

Ich beschloss, Jacob und sein Anhängsel zu ignorieren und mich auf wichtigere Dinge zu konzentrieren, während ich auf den Superstar wartete.
Meine Fingernägel.
Es wurde Zeit, dass ich sie wieder einmal neu lackierte. Das Rot der letzten Runde blätterte an unzähligen Stellen ab und ließ meine natürliche Nagelfarbe zum Vorschein kommen. Sie sahen grottig aus, am besten machte ich direkt, wenn ich nach Hause kam, einen Termin bei der Maniküre aus. Und wenn ich schon einmal dabei war, konnte mir auch eine Pediküre nicht schaden. Zum Glück machte mir Emily jedes Mal einen Sonderpreis und ließ mich nicht einmal die Hälfte von dem bezahlen, was normale Kunden bezahlen mussten.

Dass diese Promis aber auch nie pünktlich waren. Mittlerweile war es nach halb elf und von Edward Cullen war immer noch weit und breit nichts zu sehen. Manche meiner ‚Kollegen’ warteten schon seit sieben Uhr auf ihn und da kein Mensch freiwillig vor sieben Uhr am Morgen arbeiten ging, war ich mir relativ sicher, dass er noch nicht im Gebäude war.
Das war mit ein Grund, wieso ich es hasste, nicht selbstständig zu sein. Man stand sich grundsätzlich stundenlang die Beine in den Bauch und wartete und wartete und wartete, nur um am Ende drei Minuten lang den Star fotografieren zu können. Freiwillig, wie manche Fans es tagelang taten, würde ich mir so etwas nie antun. Dazu war mir meine Zeit viel zu kostbar und mein Rücken, der mittlerweile zu schmerzen begann, viel zu wertvoll.
Ich stand kurz davor, die ganze Sache hinzuwerfen und Aro abzusagen, als ein dunkler Wagen vorgefahren kam und ein Murmeln durch die Reihe ging. Ein Zeichen für mich, dass er das war.
Endlich.
Ich brachte meine Kamera in Position und noch während der Wagen ausrollte, schoss ich schnell ein paar Probefotos. Der Blick auf das Minidisplay verriet mir, dass sie super geworden waren.
Wenigstens eine Sache, auf die ich mich verlassen konnte.
Ich achtete darauf, von meinen übergroßen Kollegen nicht zertrampelt zu werden.
Inzwischen waren wir ein bunter Haufen. Abgesehen von Fotografen wie mir, Jacob, Leah und dem notgeilen Trottel neben mir, hatten sich mittlerweile auch Reporter und Journalisten unter uns gemischt, die, sobald die erste Wagentüre aufging, anfingen, ihre Fragen auf unser aller Opfer abzufeuern.

Noch konnte ich ihn nicht sehen, aber ich nahm an, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich ihn zu Gesicht bekam.
Ich stellte mich in Position, legte den Finger auf den Auslöser und wartete nur darauf, dass er in mein Blickfeld geriet.
Ich war bereit.
Bereit, abzudrücken, sobald ich ihn sah.
Bereit für das alles entscheidende >Klick<, das mir das Geld für die Miete für die nächsten zwei Monate einbringen würde.
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