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Geschichte: Fanfiktion
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von Angel-Oriares
erstellt: 19.12.2009
letztes Update: 10.07.2011
Geschichte, Romanze / P18
(fertiggestellt)
Eigentlich wollten wir erst Montag das neue Kapitel online stellen, aber wir haben den Plan mal eben über den Haufen geworfen. Viel Spaß mit Edward, unserem Piano Man, in den Becka und ich beide heimlich verschossen sind (falls ihr nie wieder etwas von mir hört, hat sie mich für diesen Satz umgebracht). :)
Kapitel 1: Gloam
I saw their starved lips in the gloam,
With horrid warning gaped wide,
And I awoke and found me here,
On the cold hill’s side.
[John Keats]
- Edwards POV -
Ein nervtötendes Klopfen riss mich aus meinem Sekundenschlaf und ich schreckte von der Couch auf. Dieses Hotelzimmer besaß ausgezeichnete Betten, warum benutzte ich sie nicht auch mal?
„Ich komme ja schon“, rief ich dem Eindringling zu, der weiterhin ohne Unterlass gegen die Tür hämmerte.
Ich rieb mir erschöpft und müde über die Augen. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen und meine Laune hatte den Nullpunkt längst unterschritten.
Kaum hatte ich die Tür geöffnet, schoss Alice an mir vorbei. „Himmel, Edward. Wo bleibst du denn? In 10 Minuten geht es los.“
War es wirklich schon so spät? Mit einem Blick auf meine Armbanduhr vergewisserte ich mich. Alice hatte Recht. Ich war spät dran, aber in 10 Minuten würde ich es wohl schaffen von einem Hotelzimmer ins nächste zu laufen. Wozu also diese ganze Aufregung?
„Jetzt bin ich ja wach und wir können los“, beruhigte ich die aufgeregte Frau vor mir.
„Nachdem du dich umgezogen hast.“ Ihre Augen schienen Funken zu sprühen und ich sah an mir herunter. Dunkle Jeans, irgendein Designer-Hemd, welches Alice mir gekauft hatte, schwarze Schuhe.
„Wieso soll ich mich umziehen?“
„Weil du so...“ Sie bedachte mich mit einem Blick, als würde ich in einem Kartoffelsack vor ihr stehen. „Nicht diese Klamotten“, sagte sie bestimmt.
„Ich sehe aus wie jeder normale Amerikaner, das muss reichen.“ Ich liebte Alice, aber manchmal konnte sie einen in den Wahnsinn treiben.
„Der Durchschnittsamerikaner hat aber keinen Interviewtermin mit dem 'People Magazine'.“ Alice verdrehte die Augen. „Bitte.“
„Ich gehe ja schon.“ Genervt eilte ich in das riesige Schlafzimmer dieser Suite und tauschte Jeans und Hemd gegen einen schmalen, schwarzen Anzug. Den hatte Alice ebenfalls gekauft, also würde sie nichts daran auszusetzen haben.
Ich verfluchte Alice oft für ihre Hartnäckigkeit, aber es war genau diese, die mich davon abhielt, meine Termine und Verpflichtungen einfach links liegen zu lassen. Die Tatsache, dass sie meine Schwester und somit unkündbar war, tat ihr Übriges. Ich wusste, dass sie Recht hatte, ich sollte mich umziehen und ich sollte auch diese verhassten Interviews hinter mich bringen, aber es war jedes Mal wieder eine Überwindung. Mein Job war es nicht vor aufgeblasenen Pressefritzen zu sitzen und immer wieder die gleichen Phrasen von mir zu geben. Mein Job war es Musik zu machen, zu komponieren, Konzerte zu geben, die Menschen zu berühren. Leider gewann mit zunehmendem Erfolg auch die unangenehme Seite meiner Arbeit immer mehr an Bedeutung.
Wieso war plötzlich jedes noch so kleine Detail aus meinem Privatleben von Interesse? Cola oder Pepsi? Adidas oder Nike? Blond oder brünett? Wen ging das schon etwas an? Die Öffentlichkeit fraß mich auf, drohte mich immer mehr zu verschlingen, aber ich steckte mitten in diesem Strudel und konnte mich nicht mehr befreien.
„Viel besser.“ Alice streckte mir den erhobenen Daumen entgegen. „Nur... die Haare. Was hast du damit schon wieder gemacht?“
„Nichts?“
Alice eilte auf mich zu und zupfte an den Strähnen auf meinem Kopf herum. „Wieso weigerst du dich bloß zu Antoine zu gehen?“, seufzte sie, weiterhin zupfend. „Er ist der beste Friseur New Yorks“.
„Vielleicht, weil er Antoine heißt.“
„Papperlapapp“, fegte sie meinen Einwand fort. „Winston muss doch mittlerweile fast 1000 Jahre alt sein. Du solltest dich nach einer Alternative umsehen.“
„Die wird aber sicherlich nicht auf den Namen Antoine hören.“ Winston war schon der Friseur meines Großvaters gewesen und hatte auch mir meinen ersten Haarschnitt verpasst. Er war tatsächlich alt, mittlerweile halb-blind, aber ich war ihm trotz allem treu geblieben. In seinem Laden roch es nach Leder, Aftershave und Rasierschaum. Wonach es in Antoines Salon riechen mochte, wollte ich mir nicht vorstellen.
Ein Mann konnte vielleicht mehrere Frauen haben, aber nicht mehrere Friseure.
*
„Mr. Cullen?“
„Entschuldigung. Wie war die Frage?“ Ich hatte schon vor einer halben Stunde aufgehört der nervigen Reporterin und ihrer piepsigen Stimme genauer zuzuhören. Ihre Fragen waren eintönig, langweilig und sie stellte genau die, die mir schon hundertmal gestellt worden waren.
„Was hat es mit dem ungewöhnliche Titel Ihres letzten Albums auf sich? 'Gloam'?“, wiederholte sie ihre letzte Frage.
„Der Begriff stammt aus einem Werk von Keats“, antwortete ich mechanisch.
„Keats?“ Die Frau mir gegenüber runzelte die Stirn. Musste mal als Journalist nicht wenigstens ein paar der alten Klassiker kennen?
„John Keats, ein englischer Dichter aus dem neunzehnten Jahrhundert. 'Gloam' entstammt 'La Belle Dame Sans Merci' – 'Die wunderschöne Frau, die kein Erbarmen kennt'. Es bedeutet so viel wie 'Zwielicht'“. Jedes Mal einen Penny für diese Erklärung und ich würde nie wieder Konzerte geben müssen.
„Gibt es denn eine 'wunderschöne Frau' in Ihrem Leben?“ Sie lächelte mich fröhlich an, scheinbar erfreut über ihre geschickte Überleitung zu meinem Privatleben.
„Über mein Privatleben möchte ich nicht sprechen.“ Die Öffentlichkeit wusste schon viel zu viel von mir, ich musste sie nicht auch noch mit weiteren Informationen füttern.
„Sie wurden in letzter Zeit häufiger mit Tanya Denali gesehen.“ Sie überging meinen Einwand einfach, wie es die Journalisten fast immer taten.
Es gab unzählige Fotos von Tanya und mir, die schon seit Wochen im Internet kursierten. Es abzustreiten hatte daher wohl wenig Sinn. „Wir sind Freunde“, sagte ich knapp.
„Beobachter sprechen davon, dass zwischen Ihnen beiden eine ganz besondere Art der Chemie besteht.“
Taten sie das? „Wie ich schon sagte, wir sind Freude.“ Ich nahm einen Schluck aus dem Wasserglas, was mir ein freundlicher Kellner vor ein paar Minuten gebracht hatte. Ein guter schottischer Whisky wäre mir lieber gewesen. Allzu lange hielt ich dieses dumpfe Frage und Antwort-Spiel nicht mehr aus.
„Sie sind sehr zurückhaltend, wenn es um Ihr Privatleben geht. Warum verstecken Sie sich?“
Von Minute zu Minute wurde mir diese Frau unsympathischer. Ich war generell nicht gut auf die Presse zu sprechen, ließ sie mir doch seit Monaten keine Luft mehr zum Atmen, aber die Frau vor mir war besonders hartnäckig.
„Ich würde nicht behaupten, dass ich mich verstecke“, erwiderte ich mit meinem charmantesten Lächeln. „Es ist lediglich der Versuch, ein paar Dinge in meinem Leben zu schützen“.
„Ihre Beziehungen?“ Sie betrachtete mich durchdringend. Erwartete sie jetzt wirklich, dass ich so schnell kapitulieren würde? Ich war viel zu sehr auf der Hut. Wenn ich eins in den letzten zwei Jahren gelernt hatte, dann dass ich lieber zu wenig, als zu viel sagen sollte.
„Mein Privatleben, meine Familie, meine Freunde.“ Ich vermied es mit voller Absicht den Begriff 'Beziehung' aufzugreifen. Mit wem ich mein Bett teilte oder auch nicht, ging die Öffentlichkeit rein gar nichts an.
„Ihre Schwester ist Ihre Managerin?“
„Ja, das ist richtig. Alice ist meine rechte Hand, ohne sie wäre ich aufgeschmissen.“ Über Alice zu sprechen fiel mir leicht. Sie hatte nichts dagegen und durch ihre Job fand sie sich sowieso häufig in den Zeitungen wieder.
„Ist es nicht seltsam jemanden immer um sich zu haben, mit dem man so eng verbunden ist?“
„Es wäre seltsamer, wenn ich jemanden um mich haben müsste, der mir fremd ist“, antwortete ich ruhig. Ich schlief fast jede Nacht in einem anderen Hotelbett, verbrachte mehr Zeit in Flugzeugen als auf dem Boden und vergaß manchmal in welcher Stadt ich morgens aufwachte. Alice war eine der wenigen Konstanten in meinem Leben.
„Sie haben gerade Ihre Tournee beendet. Wie sind Ihre weiteren Pläne?“
Endlich kamen wir wieder auf meine Arbeit zu sprechen. Das war ein Thema, über welches ich gerne redete und auch etwas zu sagen hatte.
„Ich werde in den nächsten Wochen an meinem neuem Album arbeiten. Ein paar Titel wollen noch geschrieben werden. Danach geht es ins Aufnahmestudio.“
„Werden Sie sich in dieser Zeit wieder aus der Öffentlichkeit zurückziehen?“
Das war sicher! Aber vielleicht sollte ich diplomatischer antworten. „Ich werde in New York bleiben und sicherlich auch hin und wieder meine Wohnung verlassen. Nur von Luft und Musik kann auch ich nicht leben“. Ich lächelte unverbindlich. Leider war es wichtig, dass die Presse einen mochte. An einem Tag hoben sie dich in den Himmel, am nächsten zerquetschten sich dich wie ein lästiges Insekt und tanzten auf deinen Überresten Tango.
„Von Luft und Liebe aber vielleicht?“ Die Journalistin nickte mir aufmunternd zu, selbst sie hatte gemerkt, dass ich mir soeben ein Eigentor geschossen hatte.
„Man kann nie wissen.“ Ich nahm einen weiteren Schluck von meinem Wasser und fragte mich zum wiederholten Male, warum sich die Leser dieser Gazetten für mein Liebesleben interessierten.
Alice rettete mich, da sie in den Raum stürzte. Diese Frau war ein Orkan. Ihr Temperament war legendär und sie hatte ihre beiden großen Brüder schon immer fest im Griff gehabt. Emmett, den würde ich auch mal wieder anrufen müssen.
„Die Zeit ist um. Sie entschuldigen uns bitte, Mrs. Harris? Wir haben leider noch weitere Termine.“ Sie streckte der Frau vor mir die Hand entgegen und lächelte sie entwaffnend an. Selbst wenn sie noch Fragen gehabt hatte, wovon auszugehen war, würde sie meiner Schwester nicht widersprechen. Alice strahlte trotz ihrer zarten Statur Autorität aus.
Ich erhob mich aus dem Sessel, verabschiedete mich ebenfalls und folgte Alice zurück in mein Hotelzimmer.
„Wie ist es gelaufen?“, fragte sie, während sie wie ein Wirbelwind umherlief, ihren Blackberry fest im Blick.
„Wie alle anderen Interviews auch – anstrengend.“ Ich streifte das Jackett ab und warf es achtlos auf einen Sessel, was mir ein Schnauben von Alice einbrachte.
„Das ist Armani, damit solltest du ein wenig pfleglicher umgehen.“
„Ich habe das Ding bezahlt, also darf ich es auch knittern.“ Mit einem kleinen Satz sprang ich auf die Couch, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und grinste Alice an.
„Wirst du jemals erwachsen?“, seufzte sie theatralisch.
„Ich hoffe nicht“, grinste ich und Alice rollte mit den Augen. „Was steht für heute noch auf dem Plan?“ Ich betete, dass es nicht viel war. Der Jetlag steckte mir noch in den Knochen und ich wollte nur noch ins Bett.
„Dinner“, antwortete sie knapp.
„Mit welchen Blutsaugern denn heute?“ In den letzten Wochen hatte Alice mich von einem Geschäftsessen zum nächsten gescheucht. Ich wollte die Füße hochlegen, mir irgendeinen Schwachsinn im Fernsehen anschauen und die Minibar leeren. Nach noch mehr Smalltalk stand mir nicht der Sinn.
„Emmett wird nicht erfreut sein, wenn ich ihm sage, wie du ihn genannt hast.“
„Emmett? Wir treffen uns mit Emmett?“ Ich war schlagartig wieder hellwach.
Alice nickte. „Er hat Semesterferien und wollte dich überraschen.“
„Wann hat der mal keine Ferien?“ Emmett, mein eigentlich großer Bruder, der das Leben nahm, wie es kam und mich oft an einen Zehnjährigen erinnerte. Für ihn schien der Ausspruch 'Die Leichtigkeit des Seins' erfunden worden zu sein. Emmett studierte... Was studierte er nochmal? Ach ja, Sport. Sein Studium dauerte mittlerweile bereits 9 Jahre an und es war kein Ende abzusehen. Wie sollte er auch jemals fertig werden, wenn er die Nächte auf Studentenpartys und die Tage schlafend in seiner Wohnung verbrachte? An Stelle unserer Eltern hätte ich ihm schon längst den monatlichen Scheck gestrichen. Der Kerl war fast 30 Jahre alt und hatte außer unzähligen Liebschaften nichts vorzuweisen.
„Ziehst du dich noch um?“ Alice warf mir einen kurzen Seitenblick zu, bevor sie einen Kalender aus ihrer Handtasche zog und sich etwas notierte. Wozu brauchte sie Blackberry und Kalender? Ich würde sie nie verstehen.
„Ist Armani nicht gut genug für einen Abend mit meinem Bruder?“
„Wohl eher zu gut für die Sportsbar, in die er uns schleppen will. Ich will den Anzug morgen nicht direkt reinigen lassen müssen, weil er nach fettigen Burgern und Bier riecht.“
„Ja, Mama.“ Ich erhob mich und konnte erst im letzten Moment dem Kalender ausweichen, der an meinem Kopf vorbei rauschte und dumpf gegen die teure Seidentapete prallte. Alice war mit mir nicht ausgelastet, es wurde Zeit, dass sie einen Freund fand, dem sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken konnte.
*
Die Sportsbar war genau das, was man sich unter einer Sportsbar eben vorstellte. Überall hingen riesige LCD-Fernseher, auf denen man die Spiele des Abends verfolgen konnte. Die Kellnerinnen trugen schamlos kurze Shorts, was von Alice mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert wurde. Dieses Ambiente war eindeutig nicht auf Frauen zugeschnitten. Mir gefiel es und ich konnte mir ganz genau vorstellen, warum Emmett uns hier treffen wollte.
„Ein Tisch für zwei?“ Eine von der Natur üppig beschenkte Kellnerin grinste uns freundlich an.
„Für drei“, antwortete Alice rasch.
„Gerne Schätzchen. Folgt mir einfach.“
Sie führte uns an einen rustikalen Tisch und ich rückte für Alice den Stuhl zurecht, bevor ich mich ebenfalls setzte.
„Solche Manieren sieht man nicht mehr oft. Hast du ein Glück, Kleine.“ Sie warf mir einen aufreizenden und Alice einen neidvollen Blick zu.
„Ja, mein Bruder ist schon ein besonderes Exemplar“, antwortete diese schnippisch. 'Schätzchen' und 'Kleine' waren nicht unbedingt Namen, mit denen Alice angesprochen werden wollte.
„Bruder also?“ Die Kellnerin schenkte mir ab diesem Moment ihre volle Aufmerksamkeit. „Mein Name ist Cindy.“ Wie es aussah, wollte sie mir ihre beiden Argumente auch direkt vorstellen, denn diese rückten immer näher.
„Edward“, sagte ich und zwinkerte ihr zu.
„Freut mich, Edward. Was für ein ungewöhnlicher Name.“ Cindy schob ihren Kaugummi von rechts nach links und leckte sich mit der Zunge lasziv über die Oberlippe.
„Kann man hier auch Getränke bestellen oder nur das Personal?“, unterbrach Alice die mir gebotene Vorstellung.
Cindy wandte sich widerwillig an meine Schwester. „Was darf’s denn sein?“
„Rotwein, trocken. Du weißt schon, dieses Zeug, was man aus Trauben macht.“ Alice warf ihr einen gekonnt liebenswürdigen Blick zu und ich unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen.
„Ich nehme ein Bud.“ Nach diesem Tag konnte ich ein Bier brauchen.
„Klaro, kommt sofort, Süßer.“ Cindy wackelte mit aufreizenden Hüftbewegungen davon.
„Muss das immer wieder sein?“, meckerte Alice los, kaum dass sie verschwunden war.
„Was denn?“ Ich schaute sie mit einer Unschuldsmiene an.
„Du weißt genau, was ich meine.“ Sie klang vorwurfsvoll, als sie nach ihrem Handy angelte und es auf den Tisch legte.
„Muss das immer sein?“ Ich zeigte auf das sündhaft teure Teil und lehnte mich zurück.
„Wenn du weiterhin erfolgreich sein möchtest, muss das sein, ja. Ganz im Gegensatz zu deinem Charme, den du an jede dahergelaufene Schlampe verschenkst.“
„Alice Cullen, woher kennst du nur solche Wörter?“, grinste ich. „Die war doch nett.“ Ich liebte es, sie zu provozieren, sie war so herrlich berechenbar.
„Klar, die war nett. Da fängst du dir sicherlich auch eine nette Krankheit ein.“
„Ich dachte, Dad wäre der Arzt in der Familie. Willst du umsatteln? Muss ich mir einen neuen Manager suchen?“
„Als ob du jemanden finden würdest, der dich für diesen Hungerlohn erträgt.“ Sie streckte mir wie in alten Zeiten die Zunge raus.
„Ich liebe dich auch, Schwesterherz.“
Cindy hatte uns die bestellten Getränke gebracht, nicht ohne mir mehr oder weniger unauffällig ihre Telefonnummer zuzustecken und ich nippte gedankenverloren an meinem Bier, ließ den Tag Revue passieren. Alice war kurz nach draußen gegangen, um zu telefonieren.
Noch ein paar Tage, dann hatte ich diese elenden Interviews hinter mir - keine Journalisten mit den ewig gleichen Fragen mehr. Ich freute mich unbändig auf die Zeit des Komponierens. Sie war das Schönste an meinem Beruf, aber wenn ich um die halbe Welt flog, fand ich einfach keine Zeit dafür. Kreativität brauchte Ruhe. Ich zweifelte nicht daran, dass mich die Muse küssen würde. Das tat sie immer, wenn ich mich nur in die richtige Stimmung brachte.
Vielleicht würde ich auch meinen Eltern einen Besuch abstatten. Das Piano in ihrem Haus war zwar kein Fazioli, aber ein Steinway war für einige Tage auch zu gebrauchen.
„Hey Alter“, riss mich Emmett aus meinen Gedanken. „Wie geht's dir, Mozart?“ Er grinste mich an und ließ sich auf den Stuhl links von mir fallen.
„Mozart hat Opern komponiert“, knurrte ich. Für Emmett war mein Beruf, meine Leidenschaft, ein einziger Witz. Selbst als ich nach und nach immer erfolgreicher wurde, hinderte es ihn nicht daran, mich aufzuziehen. Mr. Ich-studiere-bis-zur-Rente grinste mich fröhlich an.
„Wen interessiert schon, was ihr so klimpert?“
„Immerhin bezahle ich meine Miete selbst“, gab ich zuckersüß zurück.
„Mach dich mal locker. Du brauchst wohl dringend mal wieder eine Frau.“ Emmett angelte nach meinem Bier und hatte es in der Hand, bevor ich reagieren konnte.
„Bin bestens versorgt, danke.“ Ich nahm einen Schluck von Alices Rotwein. Er war scheußlich und mein Gesicht verzog sich angewidert.
„Wer ist denn die Frau des Monats?“ Er lächelte süffisant und trank mein Bier in einem großen Zug aus.
„Tanya, wie du weißt.“
„Noch immer? Ich dachte, die Kleine wäre dir schon längst langweilig geworden.“ Emmett klang ehrlich überrascht.
„Wieso sollte sie?“
„Sagen wir es mal so.“ Emmett lehnte sich vor und senkte seine Stimme. „Der Körper ist erstklassig, mit der kann man sicher viel Spaß haben, aber es gibt so viele heiße Frauen da draußen, die nur darauf warten von solchen Prachtexemplaren wie uns beglückt zu werden.“
„Du hörst dich, als wärst du noch auf der High School.“
„Ich habe nur begriffen, dass das Leben zu kurz ist, um sich auf eine Frau festzulegen. Irgendwann fängt der Stress an und dann sollte man sich schon aus dem Staub gemacht machen. Ich erinnere mich, dass du diese Einstellung mal geteilt hast, mein Lieber.“
Emmett hatte Recht. Ich war nie ein Kostverächter gewesen, aber seit ich Tanya kannte war ich treu - mehr oder weniger.
„Muss ich mir die Ohren zuhalten oder kann ich mich gefahrlos zu euch setzen?“
„Hey Alice.“ Emmett schloss sie in eine feste Umarmung und ich war mir nicht sicher, ob er unsere Schwester nicht gerade zerquetschte. Diese kicherte aber fröhlich, bevor sie sich wieder auf ihren Platz setze und misstrauisch ihr Weinglas musterte.
„Edward?“ Sie bedachte mich mit einem bitterbösen Blick.
Betont unschuldig klimperte ich mit den Augen. „Ja?“
„Mein Wein. Den hast du getrunken.“ Alice sah sich nach Cindy um, um neue Getränke zu bestellen.
„Würde ich niemals tun“, grinste ich.
„Emmett war es bestimmt nicht, der Banause.“
„Hey“, protestierte der Angesprochene. „Ich weiß durchaus ein gutes Tröpfchen zu würdigen.“
„Darf ich dich daran erinnern, wie du mit 18 den halben Weinkeller unserer Eltern mit deinen Freunden geleert hast? Dad ist fast gestorben, als er gesehen hat, dass du mit einem Château Mouton-Rothschild von 1945 Flaschendrehen spielst.“
„Es konnte ja niemand ahnen, dass dieses Zeug mehr als ein Kleinwagen kostet“, nuschelte er verlegen. Diese Episode aus seiner Kindheit hielten Alice und ich ihm immer wieder vor. Das Gesicht unseres Vaters war aber auch einfach zu gut gewesen, als er Emmett erwischt hatte. Emmett hatte den Wein abarbeiten müssen und ich war mir sicher, dass er bis heute noch nicht damit fertig war.
Der Abend war feuchtfröhlich und ich hatte so viel Spaß, wie schon lange nicht mehr. Alice sah ich jeden Tag, aber Emmett und meine Eltern viel zu selten. Sie lebten in einem kleinen, beschaulichen Städtchen namens Forks, in dem wir alle aufgewachsen waren. Oft sehnte ich mich nach der Ruhe und Stille zurück, obgleich ich gerne in New York lebte - der Stadt, die niemals schlief, wie schon der gute, alte Frank Sinatra wusste.
Für das reine Landleben war ich zwar nicht geschaffen, aber wenn mir der Trubel zu viel wurde, brauchte ich diese Auszeiten. Leider hatte ich dazu in den letzten Monaten keine Gelegenheit gefunden. Meine Mutter machte mir am Telefon regelmäßig die Hölle heiß und meine Argumente waren schwach, da sie eindeutig im Recht war. Vielleicht sollte ich mir einfach ein paar Tage Urlaub nehmen und mit Tanya...? Mir Tanya in Forks auszumalen, war grotesk und sie meinen Eltern vorzustellen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Meine Mutter würde niemals gutheißen, dass sie satte zehn Jahre jünger als ich war. Esme träumte von Enkelkindern, worauf sie aber wohl noch eine ganze Weile würde warten müssen. Alice war schon seit Ewigkeiten Single, da kein Mann ihren Ansprüchen zu genügen schien, Emmett vergnügte sich viel zu gerne mit Frauen, um sich auf eine festzulegen und ich selbst... ich hatte Tanya.
Cindy war noch ein paar Mal an unseren Tisch gekommen, hatte mehr oder weniger professionell die Getränke serviert und zum Dank für ihre Vorzüge von Emmett ein sattes Trinkgeld und seine Telefonnummer einstreichen können. Zum Abschied warf sie uns beiden einen eindeutigen Blick zu, der mein Interesse, sollte es denn jemals da gewesen sein, sofort zunichte machte. Alice warf mir oft genug vor, dass ich bei Frauen nicht gerade wählerisch war, aber wenn ich eine Bedingung hatte, dann die, dass ich Exklusivrechte genoss.
Als wir aus dem Laden traten, brach die Hölle los. Die Aasgeier hatten mich gefunden. Wieder mal. Es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn ich einen Abend ohne Kameras im Gesicht hätte verbringen dürfen. Ich schlug den Kragen meiner Jacke hoch, der mich aber nur unzureichend schützen konnte.
Ich hasste diese Menschen, die nichts Besseres zu tun hatten, als mir stundenlang aufzulauern. Gab ich nicht genug Interviews, bei denen sie mich wie eine Zitrone ausquetschen konnten? Brauchten sie wirklich Bilder von mir, wie ich mit meinen Geschwistern eine Bar verließ? Ich sah die Schlagzeilen über mein Alkoholproblem schon vor meinem geistigen Auge.
Alice reagierte gelassen, wimmelte all die blöden Fragen ab, die sie uns entgegen brüllten und steuerte ein Taxi an. Ich folgte ihr mit gesenktem Kopf.
Als wir endlich auf der Rückbank saßen und das Schlachtfeld hinter uns immer kleiner wurde, fühlte ich mich erleichtert, auch wenn ich wusste, dass es schon am nächsten Morgen genauso weitergehen würde.
„Ich brauche Urlaub, Alice.“
„Kriegst du, sobald das neue Album fertig ist.“ Sie klopfte mir aufmunternd auf den Arm.
„Ich brauche jetzt Urlaub.“ Die grellen Neonlichter der Reklametafeln leuchteten gegen den dunklen Nachthimmel an. In New York war es immer hell. Man konnte nicht einmal die verdammten Sterne sehen, da sie gegen das künstliche Licht keine Chance hatten.
Ich wollte in meine Wohnung, nicht wieder in dieses dämliche Hotelzimmer. Wieso wir 2000 $ pro Nacht ausgaben, obwohl ich in dieser Stadt eine Wohnung besaß, konnte ich nicht begreifen. Alice hatte die Suiten angemietet, in denen wir die Pressefritzen empfingen. 'Du kannst sie ja schlecht in dein Wohnzimmer einladen', hatte sie gesagt. Warum eigentlich nicht? Dann hätte sich wenigstens jeder davon überzeugen können, dass hinter dem Mysterium Edward Cullen auch nur ein normaler Kerl steckte. Ein Kerl, der zu viel getrunken hatte und der jetzt dringend ein Bett brauchte.
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