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von Iceheart    erstellt: 14.11.2009    letztes Update: 01.02.2011    Geschichte, Drama / P18 Slash    (fertiggestellt, keine anonymen Reviews)
Hallo ihr Lieben! Vor dem zweiten Kapitel nutze ich die Gelegenheit, allen Lesern (auch den Schwarzlesern - bin ja nicht die GEZ... xD) ein angenehmes neues Jahr zu wünschen. Vielen Dank für die Reviews (Antworten findet ihr unter selbigen), ich habe mich über jeden Kommentar bzw. Favoriteneintrag sehr gefreut! Und nun will ich euch nicht länger warten lassen...

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Versunkene Erinnerungen


Seit mehr als vier Jahrhunderten durchwanderte der attraktive Vampir schon die Nächte und lehrte den Bewohnern Transsylvaniens, die Dunkelheit zu fürchten. Ein unsterbliches Geschöpf war er, das Anderen den Tod brachte und ihnen das Blut raubte, um die eigene Existenz zu erhalten. Ungezählte Jahre hatte er den Ausdruck von Verblüffung nur im entsetzten Blick jener Unglücklichen gesehen, die seiner Mordlust zum Opfer fielen. Doch an diesem denkwürdigen Abend fühlte Graf Vladislaus Dracula zum ersten Male seit langer Zeit einen Anflug von Erstaunen. Allerdings vermochte er nicht zu sagen, ob diese Überraschung guter oder schlechter Natur war. Noch nicht.

„Ich erkenne den Charakter eines Mannes am Geräusch seines schlagenden Herzens.“, Raunte er in die dämmrige Schwärze. Wohl wissend, dass der unerwartete Besucher seinen Worten lauschte, ging er gemessenen Schritts weiter und hob die schlanken Hände.

„Normalerweise, wenn ich mich ihm nähere...“ Wieder und wieder trafen seine von edlem, schwarzem Leder umhüllten Finger aufeinander, erzeugten ein regelmäßiges und stetig schneller werdendes Klopfen. „Kann ich fast tanzen zu seinem Takt...“

Nur einen Moment lang erhob der Graf seine dunkle Stimme, bevor er selbige erneut zum nachdenklichen Raunen senkte.

„Seltsam, dass Deines so ruhig schlägt... “ Fügte der schwarzhaarige Vampir hinzu und ließ die Hände ineinander ruhen, während ein Blitz die Nacht für Sekunden erhellte.

Doch weitaus bemerkenswerter als der ungewöhnliche Gleichmut des Eindringlings war das, was dessen Anblick in dem untoten Aristokraten auslöste.

~*~


Ich habe kein Herz. Ich fühle keine Liebe, keine Angst, keine Freude... keine Trauer. Ich bin leer. Und ich werde ewig leben.

Diese Sätze hatte der schwarzhaarige Vampir vor nicht allzu langer Zeit von sich gegeben. In jenem Moment, als die Worte seinem sinnlichen Mund entwichen, hatte er an ihren Wahrheitsgehalt geglaubt. Und für ganz Transsylvanien war er auch nicht mehr als ein seelenloses Ungeheuer, dem niemand habhaft werden konnte. Die Lebenden fürchteten und hassten ihn, aber besiegen konnten sie ihn nicht. Und in mancher einsamen Nacht meinte der attraktiven Unsterbliche, den letzten Hauch Menschlichkeit vor langer Zeit und für immer verloren zu haben.

Und doch hatte ein einziger Blick seines Gegners genügt, um etwas in Vlads Innerem zu berühren. Jeder Gedanke daran war mit einem bittersüßen Schmerz verbunden und deshalb hatte er es im Laufe der Jahrhunderte so tief in sich begraben, dass es fast in Vergessenheit geraten war. Doch das Funkeln dieser smaragdgrünen Augen schenkte diesen Erinnerungen neues Leben. Der durchdringende Blick des Jägers traf Vlads eiskaltes, tot geglaubtes Herz und fast war ihm, als ob es erneut zu schlagen begann...

Langsam schritt der Graf durch die Dunkelheit. Dabei schenkte er weder dem unablässigen Grollen des Gewitters, dem gleichförmigen Klacken seiner eleganten Stiefel noch irgendeinem anderen Geräusch Beachtung, denn seine übernatürlichen Sinne waren anderweitig beschäftigt.

‚Wo hast Du Dich versteckt?’ Fragte Vladislaus sich im Stillen und schaute sich suchend nach seinem Widersacher um...

Als plötzlich ein kleiner, Funken sprühender Gegenstand hinter dem Vampir zu Boden fiel, wandte er sich sofort in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und senkte den Blick. Diesen winzigen Moment der Unachtsamkeit wusste sein Gegner zu nutzen.

~*~


‚Jetzt oder niemals!’ Dachte Gabriel Van Helsing und ließ die Schatten, in denen er sich verborgen hatte, hinter sich.

Mit einer ebenso schnellen wie gewandten Bewegung holte der Jäger aus und stieß dem vor ihm stehenden Scheusal den silbernen Pfahl in die Brust, den seine Hand umklammert hielt.

‚Volltreffer.’ Stellte der Feldagent triumphierend fest, als sein Gegenüber aufschrie und das Gesicht verzog. Mit der Kaltblütigkeit, die sein mörderisches Handwerk verlangte, drehte er den Pflock noch ein wenig tiefer in die frisch geschlagene Wunde. Erst dann löste Gabriel die schlanken Finger von der tödlichen Waffe und trat einen Schritt zurück.

„Requiescat in pace.“ Während er dem Ungeheuer die letzte Ehre erwies, bekreuzigte sich der Feldagent. Der Sieg war sein, so viel stand fest. Und so wartete er darauf, dass die unselige Kreatur zu Boden sank und zu seinen Füßen ihr Leben aushauchte.

Doch der Triumph blieb Gabriel verwehrt: Zu seiner Verblüffung verebbten die schmerzerfüllten Laute, die das Ungeheuer von sich gab. Anstatt sich im Todeskampf zu winden, fand der Vampir seinen sicheren Stand wieder und hob den Blick. Doch die größte Überraschung stand dem Jäger noch bevor.

„Hallo Gabriel.“ Raunte der Graf mit einem diabolischen Grinsen.

Indes blieb dem so vertraulich Angesprochenen wenig Zeit, sich von seiner Verwunderung zu erholen. Das Ungeheuer in Menschengestalt senkte kurz den Blick, umklammerte das Mordinstrument mit einer Hand und zog es hernach mit einer Leichtigkeit, die Gabriels vorausgegangene Attacke der Lächerlichkeit preisgab, aus seiner Brust!

„Ist das Dein silberner Pfahl?“ Fragte der Graf und brachte das Corpus Delicti mit einer beiläufigen Geste aus der Reichweite des Jägers, indem er es von sich warf. Mit einem lauten Scheppern, das Gabriels Ohren marterte, landete der Pflock auf dem steinernen Boden – und geriet prompt in Vergessenheit. Denn zunächst wusste Gabriel nicht, was ihm die Sprache verschlug: War es die anklagende Dramatik in der Stimme seines Gegenübers oder diese geradezu hochmütige Überlegenheit, die seinem gescheiterten Attentat folgte? Doch Geistesgegenwart war bei seiner Arbeit überlebenswichtig, und einen besseren Feldagenten als Gabriel Van Helsing gab es nicht. Dementsprechend schnell fand er zur gewohnten Schlagfertigkeit zurück.

„Wem soll er denn sonst gehören? Sehen Sie hier noch irgendjemanden außer uns Beiden?“ Knurrte er gepresst, aber trat sicherheitshalber einen Schritt zurück. So mutig der Jäger auch sein mochte, war eins gewiss: Einen Gegner wie den Grafen provozierte man nicht ungestraft. Doch zu Gabriels Erstaunen überhörte der schwarzhaarige Schlossbesitzer die sarkastische Bemerkung und stellte ihm eine weitere Frage.

„Wie lange ist es her, vielleicht drei... vierhundert Jahre?“ Nach diesen Worten hielt der Vampir kurz inne, um den Kragenknopf seines schwarzen Mantels zu öffnen.

„Du kannst Dich nicht mehr erinnern, oder?“ Fuhr der Dämon in Menschengestalt fort und ließ das edle Kleidungsstück mit einer beiläufigen Geste zu Boden fallen. Dies änderte jedoch kaum etwas am Erscheinungsbild des Grafen: Die eng anliegende Kleidung, die Gabriels Blick bislang verborgen geblieben war, hatte die gleiche nachtschwarze Farbe und war ebenso elegant wie der abgelegte Mantel.

„Woran genau sollte ich mich denn erinnern?“ Entgegnete Gabriel argwöhnisch. Tatsächlich hatte er nicht die leiseste Ahnung, worauf der Vampir anspielte und war der felsenfesten Überzeugung, seinem Widersacher zum ersten Male gegenüber zu stehen. Somit ließ das Verhalten des Grafen nur einen Rückschluss zu: Dracula wollte ihm irgendeine Falle stellen.

~*~


Indes fühlte sich Graf Vladislaus Draculea plötzlich um einiges lebendiger, als ihm lieb war.

‚Er weiß es nicht mehr!’, Zum ersten Male seit undenklicher Zeit erbebte Vlads Brust unmerklich unter einem schmerzhaften Stich. ‚Er weiß nichts mehr von dem, was uns einst verband... ’

Diese Erkenntnis und die daraus resultierenden Empfindungen waren zu unangenehm, um sich noch länger damit zu beschäftigen. Deshalb zog der Vampir eine verbale Parade vor, geführt mit einer seiner schärfsten Waffen.

„Du bist der große Van Helsing!“, Vlads dunkle Stimme triefte vor Zynismus. Tatsächlich konnte er nicht verleugnen, bei diesem Gespött einen Hauch überlegene Genugtuung zu verspüren. „Ausgebildet von Mönchen und Mullahs von Tibet bis Istanbul!“

Das Grollen des Gewitters veranlasste den Aristokraten, einen Augenblick zu pausieren.

„Beschützt von Rom Höchstselbst!“ Ergänzte der Graf mit bitterer Ironie, zog sich beiläufig die schwarzen Handschuhe aus und versuchte zugleich, den Abstand zwischen ihm und Gabriel zu verringern.

„Aber wie ich...-“ Das schwarze Leder, dass Vlads Finger soeben noch verhüllt hatte, fiel achtlos neben ihm zu Boden. „... gejagt von allen Anderen.“

~*~


Dafür hatte Gabriel einige Mühe, sich ein boshaftes Lachen zu verkneifen. Erwartete diese gottlose Kreatur etwa Mitgefühl dafür, dass Andere versuchten, ihrer Schreckensherrschaft ein Ende zu machen? Nein, die Anteilnahme des Feldagenten hätte nicht geringer sein können.

„Die Ritter des Heiligen Ordens wissen alles über Sie.“, In der Antwort des Lockenkopfs schwang unterkühlte Skepsis mit. „Kein Wunder, dass Sie auch etwas über mich wissen!“

„Oh ja!“ Meinte der Graf daraufhin und trat einen schnellen Schritt auf Gabriel zu, woraufhin der Jäger kurz nach Luft schnappte und rasch auswich. „Aber es ist noch viel mehr als das!“
Nach diesem Satz erklang ein dunkles Lachen, das dem Feldagenten einen Schauer über den Rücken jagte. Doch zu seinem leisen Erstaunen war es keine Abscheu, die ihn unmerklich erzittern ließ.

„Wir haben solch eine Vergangenheit – Du und ich, Gabriel...“ Raunte der Vampir. In der gesenkten Stimme des Unsterblichen lag eine Nuance, die Gabriel nicht einordnen konnte, denn sie klang bedrohlich und verführerisch zugleich. Und wie das Funkeln in Draculas Augen erinnerte sie an das tückische Spiel einer Raubkatze mit ihrer Beute.

~*~


Dem Grafen fiel es nicht leicht, sich vom Anblick seines Gegners zu lösen. Wie er aus eigener Erfahrung wusste, drehte man einem Mann wie Gabriel Van Helsing nicht ungestraft den Rücken zu, aber er wandte sich dennoch ab. Aus gutem Grund: Die Erinnerungen, die dem Jäger fehlten, quälten ihn umso mehr. Alles in Vladislaus wehrte sich gegen die längst erloschen geglaubten Empfindungen, die das unverhoffte Erscheinen des Feldagenten aus ihrem jahrhundertelangen Todesschlummer erweckte. Er war der ungekrönte Herrscher der Nacht, gebot dank seiner übernatürlichen Kräfte über Witterung, Mensch und Tier. Doch seine Macht über die eigenen Gefühle schien umso begrenzter.

„Hast Du Dich schon jemals gefragt, warum Du so schreckliche Alpträume hast?“, Fragte er mit bebender Stimme und entfernte sich langsamen Schritts von seinem Gegenüber. „Grässliche Bilder von Schlachten vergangener Epochen?“

Daraufhin hielt der Vampir inne und kehrte gedanklich in die Vergangenheit zurück.

‚Ich weiß es, Gabriel. Im Gegensatz zu Dir erinnere ich mich daran, als ob es gestern gewesen wäre. Wir kämpften Seite an Seite, Du und ich, und am Ende jedes Gefechts gehörte der Sieg uns. Mehr als einmal bewahrte mich ein Hieb Deines Schwerts vor dem Tod durch feindliche Hand, und ebenso oft verhinderte meine Klinge Dein Ende auf dem Schlachtfeld. Dass wir uns begegneten, war kein Zufall, sondern Schicksal. Zunächst waren wir Waffenbrüder, bald schon eng befreundet. Und dann... –’

„Woher kennen Sie mich?“ Gabriels Frage setzte dem Augenblick bittersüßer Erinnerung ein Ende. So neutral die Worte klangen, nahmen die geschärften Ohren des Vampirs doch den Hauch Neugier wahr, der in ihnen lag. Bislang hatte der Jäger die Gastfreundschaft des Hauses nicht zu würdigen gewusst und Vlad war sich alles andere als sicher, ob sich das so rasch geändert haben mochte. Dennoch sah er sich außerstande, diese verlockende Chance ungenutzt verstreichen zu lassen.

~*~


Ein schauerlicher Schrei erklang im oberen Teil des Schlosses, marterte die Ohren eines jeden, der ihn vernahm. Selbst Gabriel Van Helsing wandte sich einen Moment lang in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Doch ihm blieb keine Zeit, die Ursache dieses unüberhörbaren Grauens zu ergründen.

„Nun?“ Die Stimme des Grafen erklang hinter dem Jäger, woraufhin er sich prompt umdrehte. Es war höchst unklug, einem so gefährlichen Widersacher den Rücken zuzudrehen, aber Gabriel fand keine Gelegenheit, seinen Mangel an Vorsicht zu bereuen.

„Möchtest Du, dass ich Dein Gedächtnis ein wenig auffrische, hm?“ Mit diesen Worten schritt der Vampir langsam auf ihn zu.

Es war ein schier unwiderstehliches Angebot: Offenbar besaß das Ungeheuer in Menschengestalt jenes Wissen, nach dem Gabriel schon so lange verzweifelt suchte. Der Jäger mit den schulterlangen, kastanienbraunen Locken konnte sich nicht mehr an das Leben entsinnen, das er vor der Zeit im Dienste Roms geführt hatte. All seine Erinnerungen lagen in Schatten, deren undurchdringliche Finsternis nur vage Blicke auf frühere Ereignisse gestattete. Nur wenn Gabriel in mancher Nacht aus beängstigenden Träumen erwachte, überkam ihn eine heftige Sehnsucht, unweigerlich gefolgt von einem seltsamen Herzweh, das er sich nicht erklären konnte.

Die Intensität dieser merkwürdigen Empfindungen ließ nur einen Rückschluss zu: Es musste einmal eine Zeit gegeben haben, in der Gabriel nicht so allein gewesen war wie jetzt; womöglich hatte er sein Herz verloren und diese Liebe erwidert gefunden. Zu seinem Leidwesen hatte er die geringste Ahnung, wer im Mittelpunkt jener merkwürdigen Träume stand, denn die Lösung dieses Rätsels schien im Nebel einer mysteriösen Vergangenheit versunken. Dennoch erahnte der Feldagent in diesen dunklen Stunden den Grund für die sonderbare Wehmut, die sein Erwachen mit sich brachte: Seine und die Wege jener Person, die ihm dereinst so viel bedeutet hatte, waren auf grausame Weise getrennt worden...

Doch Gabriel blieb keine Zeit, noch länger darüber nachzudenken. Just in diesem Moment bekräftigte der Graf sein zweifelsohne berechnendes Angebot.

„Ein paar Details... “, Dracula hob die Hand und unterstrich das Gesagte mit einer vieldeutigen Geste „... aus Deiner schäbigen Vergangenheit?“

Mit diesem Satz zerriss der seidene Faden von Gabriels begrenzter Geduld. Scheinbar wollte sein tückischer Widersacher nur Zeit gewinnen, doch der Feldagent ließ sich nicht länger täuschen.

‚Zeit, dem Schrecken ein Ende zu machen!’, Beschloss er voller Ingrimm. ‚Und zwar ein für allemal!’

Vom Gedanken bis zur Tat verging nur ein Sekundenbruchteil: Mit einer blitzschnellen Bewegung zog der Jäger ein metallenes Kreuz unter seinem Umhang hervor. In den Schmieden der Heiligen Stadt gefertigt und vom Papst gesegnet würde es mit Sicherheit dafür sorgen, dass ihm der Vampir nicht zu nahe kam und ihm somit wertvolle Zeit verschaffen. Zeit, in der Gabriel überlegen konnte, wie er dieser Ausgeburt der Hölle den Garaus machen würde.

Doch er sah sich auf fatale Weise getäuscht.
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