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von Varjo    erstellt: 06.11.2009    letztes Update: 02.06.2011    Geschichte, Abenteuer / P18    (fertiggestellt)
Wer sich tatsächlich hierfür interessiert und den Cliffhanger im ersten Kapitel überlebt hat, dem präsentiere ich hier nun den nächsten Abschnitt meiner jüngsten Schandtat.
Watch out.

~~~***~~~

Danach geschah alles sehr schnell. Der Verfolgte betätigte den Auslöser und wirbelte herum- in demselben Moment erklangen hinter ihm zwei Mündungsknalle, rasend schnell nacheinander. Die Jägerin, die im Prozess ihrer Reifung ihre Reflexe ebenso trainiert hatte wie ihre Muskeln, war nicht bereit, zu sterben, ohne entsprechende Gegenwehr geleistet zu haben, und so waren die Schüsse das Mindeste. Noch während er die Glastür aufriss, während erste Sprengladungen explodierten und Stücke des Daches zu Boden rieselten, bohrten sich beide Kugeln in seine Rückansicht- eine harmlos ins Schulterblatt, eine andere in seinen Hinterkopf, aus dem sich in demselben Moment eine unsauber spritzende Blutfontäne ergoss.
Seine Mörderin nahm sich keine Zeit mehr, mitanzusehen, wie er stürzte und seinen Verletzungen erlag, während sich ein Blutsee um ihn herum ausbreitete, sondern verstaute mit einem raschen Handgriff ihre Pistole und wirbelte auf der Stelle herum, um möglichst heil von diesem Dachboden wieder herunter zu kommen. Inzwischen stürzten größere Stücke des Dachstuhles zu Boden, entlang der verschlungenen Speichen des Spinnennetzes aus Kabellunten, einige davon verletzten sie im Laufen, doch es waren kaum mehr als ein paar mindere Kratzer, der Dachboden bebte, die Tür war von einem riesigen Scheit des Fallholzes blockiert, den die Killerin zur Seite schieben musste, wollte sie entfliehen und nicht ein Grab unter Holzscheiten, deren Splittern und Staub finden.
Hektisch kickte sie das blockierende Holzstück zur Seite, während die Knalle der Explosionen über ihr lauter und häufiger wurden. Immer mehr Löcher, durch die die Sonne hineinstrahlte, taten sich auf, und die verbliebenen Stützpfeiler ächzten unter der Last der Stücke des Daches, die ihre schon zerstörten Gegenstücke getragen hatten.
Glücklicherweise- die Tür ließ sich öffnen, und die Killerin setzte zu einem atemlosen Sprint die Stufen hinab an. Sie spürte das Beben in den Knochen, von ihrem Fuß bis in die Schädeldecke, fühlte es durch ihren ganzen Körper laufen, sie musste weg, weg, weg… nichts anderes zählte mehr. Weg, und das so schnell wie nur irgend möglich. Über ihr krachte und bebte es, als die letzten Stücke des Daches zu Boden rieselten und knallten, das Beben nahm ihr das Gleichgewicht, sie stolperte, konnte sich aber aufrecht halten. „Weiter“, zischte sie sich zu, unwirsch.
Das ging auch gut- sie konnte das schwächer werdende Beben hinter sich lassen, wurde wieder sicherer auf den Füßen. So lange zumindest, bis sie sich in ihrer Schrittlänge im Verhältnis zu dem Abstand und der Höhe der Stufen irrte. Ihre Ferse landete auf der Kante einer Stufe, und sie verlor erneut das Gleichgewicht. Mit den Armen rudernd wie mit Windmühlenflügeln, um das Gleichgewicht oder zumindest einen Halt zu finden, blieb sie stehen, doch es half ihr nichts mehr. Sie kippte in Richtung ihres sicher stehenden linken Fußes, kippte gegen die Wand und musste mit dem Ohr irgendwo hängen geblieben sein, dem Schmerz nach zu urteilen.
Rückblickend betrachtet, musste es wohl der Nagel sein, der in der Wand stecken geblieben war, als das Stück Holz ihrem Mann unter der Hand weggebrochen war- aber für solche Überlegungen hatte sie nun weder Zeit noch Nerven. Das Beben war zwar bereits schwächer geworden, sei es durch die Entfernung oder weil bereits alle Sprengsätze detoniert waren, aber wer sagte, dass das so bleiben musste? Vielleicht hatte dieser gerissene Geier noch irgendwo Sprengsätze angebracht, zu denen sich nun die Impulse langsam vorarbeiteten…
Dieser Gedanke machte ihr Beine, und sie richtete sich wieder auf- um im nächsten Moment einen heulenden Schrei auszustoßen.
Ihre eigene Kraft und die Wucht, mit der sie sich auf die Beine gehoben hatte, machten ihr ein Zurückzucken unmöglich- und so steigerte sich der Schmerz in ihrem linken Ohrläppchen, das vorher ein leise schwelendes Glutnest gewesen war, zu einem weiß glühenden Aufschrei und wieder zurück. In diesem Moment war sie sich absolut sicher, sich da etwas abgerissen zu haben, eine Theorie, die sicher unterstützt wurde von der warmen, dicken Schliere, die ihre Wange hinunter kroch.
Keine Zeit, sich Sorgen zu machen- keine Zeit, überhaupt nachzudenken. Sie presste ihre linke Hand über das Ohr und bahnte sich weiter ihren Weg durch das Landhaus, in dem sich ihr Opfer zurückgezogen hatte.
Wenigstens, dachte sie sarkastisch, wenigstens muss ich mir keine Sorgen machen, dass dieser hier in nächster Zukunft entdeckt wird.
Sie hatte ein Schweineglück gehabt und das wusste sie- oh ja, das wusste sie ganz genau. Genauso wie ihr Freund nun da oben unter einer Lage Holz vermoderte, hätte sie erschlagen enden können und ihm Gesellschaft leisten. Aber Dankbarkeit war nicht gerade ihre Stärke. Ihren Blick nach vorne gerichtet, keinen Gedanken an göttliche Fügungen und Schutzengel verschwendend, verließ die Killerin diesen Ort.
Er würde ihr nicht im Gedächtnis bleiben. Ihr Leben war nicht die sicherste aller Sachen- sie riskierte es nahezu jeden Tag. Das war ein Risiko, mit dem sie sich automatisch beladen und einverstanden erklärt hatte, als sie begonnen hatte, diesen Job ihr Eigen zu nennen, und all die Gefahren, in die sie sich tagtäglich begab, interessierten sie inzwischen nicht mehr. All die Narben, die sie trug, wussten von ihrem bewegten Dasein zu berichten, aber im Gegensatz zu diesen sichtbaren Markierungen verblasste die Erinnerung zusehends.
Kaum war sie wieder draußen, an der frischen Luft, hielt sie ihre Hand vor ihre Augen, um ein leises „Na Mahlzeit“ hervorzustoßen. Nicht nur ihre Hand war blutüberströmt, von der Spitze des Mittelfingers bis zum Handgelenk mit warmer Röte überzogen, sie spürte die Schliere auch schon auf ihrem Schlüsselbein nach Halt tasten. Es war nur ein schmaler Streifen Blut, aber er war da, und allein das war schon ärgerlich genug- „Na Mahlzeit“ definierte nicht im Geringsten, welche Probleme diese Verletzung mit sich bringen könnte.
Und wahrscheinlich noch würde.
Sich auf dem Absatz umdrehend, musterte sie das Haus mit dem zusammengestürzten Dachgiebel mit beinahe greifbarem Misstrauen. Dort hinein wollte sie kein zweites Mal… Aber hatte sie denn eine Wahl? Sie musste die Blutung stoppen, bevor sie zurück in die Stadt konnte, musste die Wunde reinigen, damit sie sich nicht entzündete, und hier gab es sicherlich ein Badezimmer.
Zähneknirschend setzte sie sich also in Bewegung und machte sich auf die Suche nach einem Waschraum, ständig obszöne Flüche zwischen den Zähnen hervorstoßend, aber sich voll und ganz bewusst, dass es keine andere Möglichkeit gab. Möglichkeiten waren begrenzt und das immer und überall- die wahre Kunst war nur, die Augen aufzuschließen und das auch zu begreifen.
Was sie hatte, als sie im Bad angekommen war, traute sie sich nur teilweise, Glück zu nennen. Das Bad sah aus, als wäre es seit Äonen und Anäonen nicht mehr benutzt worden, so obszön sauber war es- aber es war kein glänzendes „sauber“, das darauf hindeuten würde, dass der Raum vor kurzem geputzt worden wäre, sondern ein neutrales und steriles, aber gleichzeitig irgendwie mattes „sauber“, das auszudrücken wusste, dass es keinen Grund gab, hier aufzuwischen, da keine Menschenseele diesen Raum seit Ewigkeiten gesehen hatte.
Der Wasserhahn funktionierte tadellos- also bezahlte hier wenigstens jemand seine Wasserrechnung. Es gab zwar Handtücher, aber der Medizinschrank war leer, was der Killerin, die auf richtiges Verbandszeug oder zumindest ein Schmerzmittel gehofft hatte, ein missmutiges Grunzen entlockte. Aber man musste sich anpassen, das bedeutete in diesem Fall, sich einfach das Blut abzuwaschen und mit einem dunklen Handtuch einen behelfsmäßigen Verband anzulegen. Sie verstand nicht genug von Medizin, um eine solche Wunde selbst zu versorgen, aber genug von ihrem Job, um nicht zu einem Arzt zu gehen.
Da musste wohl einer von Fox’ Hinterhoffreunden helfen.
Die Tätowierung auf dem Rücken der Killerin- das Bild einer springenden Löwin mit aufgerissenem Rachen, auf dessen Kopf eine Sonnenscheibe thronte- schien zu glühen, als sie das Gebäude ein zweites Mal verließ und still, nur für sich selbst, ein Gebet an die altägyptische Kriegsgöttin Sachmet und den ebenso von dort stammenden Totengott Anubis murmelte. Beide Gebete hatte sie aus Büchern, die sich mit Übersetzungen der Hieroglyphenschrift in den Tempeln verschiedener Gottheiten beschäftigten, sie hatte sie auswendig gelernt und sagte sie immer leise, für sich selbst, auf, wenn der Akt des Tötens vorbei war und sie den Tatort und den Gefallenen verließ. Es war weniger Spiritualität als tiefste Ehrfurcht vor dem Tod und den Toten… woher die kam, konnte sie beim besten Willen nicht erklären.
Sachmet hingegen hatte sie schon fasziniert, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, das noch keine Ahnung hatte, wie es auf der Welt zuging. Die löwenköpfige Göttin schien bei ihr zu sein, auf sie herabzulächeln und mütterlich schützend die Hand über sie zu halten… und so beendete die Killerin ihr Gebet mit einem Lächeln auf den Lippen.
Mit dem „Verband“ konnte sie beruhigter durch die Stadt gehen- natürlich war sie nicht gefeit vor dem Mitleid mancher Lackaffen, die sie beim Anblick der Blutstropfen, die doch aus ihrem Verband quollen, fragten, ob sie sie ins Spital fahren könnte, worauf sie meistens so tat, als könne sie sie nicht hören, aber im Großen und Ganzen konnte sie ihren Weg nach Hause unbehelligt beenden. Als sie dort, vorsichtig, aber extrem genervt, den Verband abnahm und die Wunde erneut mit Wasser reinigte, bemerkte sie, dass die Blutung schon wesentlich eingedämmt, fast schon zum Stillstand gekommen war, und so klebte sie einfach ein breites Pflaster über das nun halb fehlende Ohrläppchen und drapierte ihre blonde Haarmähne darüber. Wahrscheinlich würde sie den Arzt sausen lassen.
Schließlich hatte sie noch Pflichten zu erledigen.
„Zu Hause“ war in diesem Fall ein Waffenladen etwas abseits vom wabernden Kern der Stadt New York City, Stadtteil Manhattan, ein Geschäft, das sich viel heimeliger anfühlte als das wirkliche Zuhause dieser Frau. Sie fühlte sich wohl zwischen dem glänzenden Metall, und außerdem war dies hier die Basis, auf der sich alles konzentrierte, was sie war.
Kaum verarztet, setzte sie sich an den Tisch im Hinterzimmer des Ladens, in dem stattfand, was Fox die „Koordination des ganzen Schlamassels“ genannt hatte. Hier gingen Aufträge ein, hier wurden Gespräche geführt, gehandelt und gefeilscht, hier wurde abgerechnet und Buch geführt. Diesmal allerdings brauchte sie bloß den Laptop, um jemanden zu informieren, sein Auftrag sei zu seiner Zufriedenheit ausgeführt worden.
Seufzend fuhr sie den Laptop hoch, schaltete die Webcam ein und setzte ihr Skype-Headset auf- in dieser Branche war Skype außerordentlich nützlich, wie alle anderen unverbindlichen Kommunikationsmöglichkeiten. Aber bevor sie ihren Auftraggeber anrief, wollte sie noch ihre E-Mails überprüfen- und eine Mail in ihrem Posteingang bei gmx kam ihr spanisch vor.

Ich komme dich heute Abend besuchen, Max- ich weiß, wo du arbeitest. Wo du vorgibst, zu arbeiten. Aber irr dich nicht, das bedeutet nicht, dass ich gutheiße, was du tust, und dass unsere Differenzen beigelegt wären. Ich brauche deine Hilfe, und das ist alles.
Warte dort auf mich. Ich werde spät kommen.


Sie zog erstaunt die Brauen zusammen und lehnte sich zurück. Wer, um Gottes und Teufels Willen, war Max? Und wer war dieser Typ, der da etwas von ihm wollte?
Okay… mal angenommen, mit Max war Fox gemeint. Die Annahme war nicht allzu weit hergeholt, da Fox bis vor kurzem noch der Einzige gewesen war, den man unter dieser E-Mail-Adresse erreichen hatte können. Die Adresse des Typen war in Fox’ Adressbuch eingespeichert, was der Beziehung dieser beiden einen legalen und untadeligen Anschein gab- wäre es anders, würde sie keine Spuren von diesem anderen Kerl finden.
Was, zum Teufel, wollte er?
Nun, es gäbe wohl nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.
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