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von Varjo    erstellt: 06.11.2009    letztes Update: 02.06.2011    Geschichte, Abenteuer / P18    (fertiggestellt)
Hier mal etwas... nun, ein bisschen Härteres von meiner Wenigkeit. Denjenigen Hartgesottenen oder Neugierigen(oder beides), die sich in dieses wüste Land begeben wollen, das die Psyche dieser Frau ist, wünsche ich viel Vergnügen.

~~~***~~~

Der Atem brannte in ihren Lungen, ihrer Luftröhre, ja schon ihrem Mund, der bei jedem Atemzug ein keuchendes Geräusch ausstieß, die Geräusche ihrer Schritte und ihres wild schlagenden Herzen verursachten ein wildes Durcheinander aus Echos in ihren Ohren- und dennoch konnte sie nicht aufhören, zu rennen. Konnte nicht zum einen, weil das Adrenalin durch ihre Adern pumpte, und zum zweiten, weil sie wusste, dass jeder Kunde, mit dem sie es sich verscherzte, einer zu viel war.
Und gerade dieser war wichtig… weil ein regelmäßiger Kunde.
Wieso hatte sie sich überhaupt in dieses gottverdammte alberne Katz-und-Maus-Spiel eingelassen? Hatte sie es wirklich nötig, diesem Kerl hinterherzujagen wie eine Katze, die ihren eigenen Schwanz jagt? So schnell sie auch lief, der Typ rannte immer ein bisschen schneller, und das nervte sie ohne Ende. Warum erschoss sie ihn nicht einfach? Ihre Waffe presste sich, hart und eisenkalt, gegen ihre Hüfte, behinderte ihren Lauf zwar nur minimal, war aber spürbar da. Kurzer Prozess, ein Schuss, er würde fallen und damit wäre es aus und alle glücklich. Wieso also nicht?
Ganz einfach. Weil sie sich nicht sicher sein konnte, dass es mit einem Schuss erledigt wäre, weil sie es hasste, ihr Ziel zu verfehlen und demzufolge nur schoss, wenn sie sicher sein konnte, zu treffen. Das schummrige, gedämpfte Licht in diesem weniger benutzten Teil eines bereits relativ alten Hauses trug genauso wenig zu ihrer Treffsicherheit bei wie die Bewegung des grün bekleideten Rückens, dem sie hinterher japste.
Sie rief nicht. Was nutzte es, zu schreien, er solle stehen bleiben, er täte es so oder so nicht, denn er hatte die Waffe gesehen und wusste, dass darin der Tod auf ihn wartete. Sie erteilte dem Kerl keine Befehle und bat nicht, benutzte auch nicht die Phrase „das macht es einfacher für uns beide“ oder „es ist sinnlos, ich erwische dich so oder so“. Eine Frau der großen Worte war sie eindeutig nicht, ihren Atem konnte sie ganz gut für Anderes gebrauchen, und sie wusste, dass ihre Maus nicht davonkommen würde. Er wusste es wahrscheinlich auch… aber diejenigen, die sich in die Ecke gedrängt sehen müssen, entwickeln meistens einen seltsamen Adel in Zusammenhang mit der standhaften Weigerung, das einzusehen und dem sicheren Tod den Nacken darzubieten.
Nun gut, sagte sie sich, während sie unerbittlich weiter lief und sich dabei ab und zu unwirsch eine Strähne aus dem Gesicht wischte, im Moment mag er noch schneller laufen- aber wie lange wird er das noch durchhalten? Sie war sich sicher, dass sie die bessere Kondition hatte- schließlich war sie es, die seit ihrem vierzehnten Lebensjahr eine Vielzahl an verschiedenen Sportarten betrieb und auch jetzt kein Auto besaß, da sie das Fahrrad vorzog. Außer Frage stand freilich nicht, dass sie bei besserer Kondition sei- es war schlicht und einfach eine Mutmaßung.
Langsam, aber sicher, holte sie ja auch auf…
Und das Keuchen, das dem Verfolgten bei jedem Schritt entfleuchte, wurde immerzu lauter. Musik in ihren Ohren…
Er schien ein Ziel zu haben- ein ganz bestimmtes Ziel, denn obwohl er erschöpft schien und auf der Flucht war, sah er sich kein einziges Mal nach einer Abzweigung um, in der er seine Verfolgerin abschütteln könnte. Er müsste einen Weg kennen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, was sie weniger beunruhigte als schlicht neugierig machte. Sie war schon lang genug in ihrem Business, um zu wissen, dass es einige Künstler da draußen gab, die es fast immer schafften, sich aus brenzligen Situationen mit einem Quäntchen Geschick wieder herauszuwinden.
Ob dem hier das gelingen würde… tja. Diejenige, die ihm auf den Fersen war, war unbestreitbar gut in ihrem Job, das wusste sie und wollte nicht zulassen, dass ihr günstiger und effektiver Ruf Kratzer hinnehmen müsste.
Eine Treppe… Seine Schritte waren unregelmäßig, als er sie nahm, oft übersprang er mit einem Schritt drei Stufen, manchmal nur eine, und einmal wäre er fast gestolpert und längelang hingeschlagen, als ein Stück morsches Geländer abgebrochen war, was die Katze hinter ihm schon als Gelegenheit gesehen hatte, die Maus am Schwanz zu packen und ihr den Todesstoß zu versetzen. Glücklicherweise- für ihn, freilich- konnte er das Holzstück, das abgebrochen war, hinter sich und der Katze vor die Brust werfen und weiterflüchten, schnell und leise auf seinen Mausefüßchen.
Lauf nur, dachte die Verfolgerin, und obwohl sie sich fühlte, als würde sie unter sengender Sonne einen Marathon zurücklegen, statt in einem muffigen alten Haus jemanden zu verfolgen, erschien ein Grinsen auf ihrem Gesicht. Sie waren inzwischen unter dem Dach, am Dachboden, angelangt, wo die Luft selbst förmlich brannte- sie fühlte es jetzt nicht nur in ihrem Rachenbereich und in ihrer Lunge, sondern auch auf der Haut.
Dennoch hatte dies hier sein Gutes. Ihre Maus saß in der Falle.
Nur sollte sich diese Maus noch als Ratte entpuppen.
Auf diesem Dachboden, direkt gegenüber der Treppe, befand sich eine mannshohe Glastür, auf die der Typ zusprintete. Seine Verfolgerin blieb oberhalb der Treppe stehen, ihr Busen bebend von ihrer heftigen Atmung, schweißüberströmt und puterrot im Gesicht, aber eine Geste ausführend, die puren Hochmut und absolute Überlegenheit ausdrückte.
Sie zog ihre Waffe- einen Mateba-Revolver, der im grellen Sonnenlicht matt glänzte.
„Endstation“, sagte sie schadenfroh.
Nicht ganz, dachte der Kerl. Ein Ass hatte er da noch im Ärmel…
„Sieh dich um“, sagte er, noch während sie die Waffe entsicherte, und sie legte die Stirn in fragende Falten, „Schau nur, was da über deinem Kopf auf dich lauert“. Raufschauen? Nicht ohne Rückversicherung. „Wenn du nur einen Schritt machst“, drohte sie und kniff ihre Augen zusammen, schwenkte drohend die Waffe, „Wenn ich nur einen Piep aus deiner Richtung höre, bist du in drei Sekunden durchlöchert wie ein Schweizer Käse“. Sie gab ihm keine Zeit, zu antworten, sondern richtete endlich ihren Blick auf den Dachstuhl.
Der war durchzogen von verschiedenfarbigen Kabeln- oder waren es Lunten?- und roten Stangen, die aussahen wie…
„Dynamit“, ergriff ihr Ziel das Wort, überraschend ruhig, und ihr Kopf schnellte wieder nach unten, um ihr Gegenüber wieder fixieren zu können. Ihre Hände krampften sich um den Revolver, sie schlich mit gebleckten Zähnen, Schritt für Schritt, näher an ihr Opfer. In seiner Hand befand sich nun ein rechteckiges Stück was-auch-immer, aus ihrem Sichtwinkel und ihrer Entfernung schwer zu definieren. Sie musste sich etwas einfallen lassen, und das möglichst schnell.
„Damit dreht sich unser Kräfteverhältnis ein bisschen, nicht wahr?“, meinte er süffisant, und seine Verfolgerin bleckte zornig die Zähne, „Ich denke, wir beide wissen, was das hier bedeutet- was ich hier in der Hand halte. Einen Schritt näher, und all das hier fliegt in die Luft. Versuch nur, den Zeigefinger um den Abzug zu legen, und- bumm. Mehr muss nicht gesagt werden.
Weißt du, Mädchen, ich musste solche Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Nichts gegen dich, glaub mir das. Ich hab mir schon gedacht, dass dieses wortbrüchige Arschloch früher oder später jemanden auf mich ansetzen würde- das war nicht allzu schwer auszudenken, wenn man bedenkt, wie sehr der Typ an seiner Kohle hängt und wie ungern er sich seine Pratzen blutig macht. Tu nicht so überrascht, du weißt, von wem ich rede“.
Freilich wusste sie das. Sie war ja nicht hier, weil sie selbst ein Hühnchen mit dem Kerl zu rupfen hätte.
„Also“, sagte sie verkrampft, sich zusammenduckend hinter der Waffe, die sie unverändert auf ihr Opfer gerichtet hielt, „Wenn ich das richtig verstanden habe, wird hier alles bei Knopfdruck zusammenstürzen…“. „Alles?“, unterbrach der Typ und zog die Brauen zusammen, „Blödsinn. Wo denkst du hin? Ich bin doch nicht Feind meiner eigenen Geldtasche, Hübsches. Das Dach wird dir auf den Kopf fallen, das ist alles. Es wird fallen und zersplittern und dich töten. Ich werde entkommen, und wenn die Versicherung hier herumstöbert und dich findet, wirst du unbewaffnet sein und eine Einbrecherin, der der morsche Dachstuhl einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Dies hier ist ein altes Haus, zerfressen von Termiten und Holzwürmern und was weiß ich nicht noch für Zeug sich so von dem Holz ernährt. Klingt doch herrlich, oder?
Wie gesagt, ich habe nichts gegen dich- aber ich hänge an meinem Leben, und ich sehe es nicht so gern, wenn jemand versucht, es mir zu stehlen, nur weil so ein gieriger Oberbastard unfähig ist, seine Schulden zu bezahlen“.
Was er sagte, war durchaus durchführbar. Er würde tatsächlich fliehen können. Das Haus war nicht allzu hoch, den Sprung aus dem Dachfenster konnte man überleben, wenn man sich geschickt abrollte, sogar unverletzt.
Dummerweise konnte sie das nicht zulassen. Aber sie war unentschlossen… auch sie hing nämlich an ihrem Leben, und sie wollte es nicht unbedingt im Einsatz verlieren und schon gar nicht so früh. Ihn zu erschießen, wäre womöglich das einfachste- aber es war auch wagemutig. Wer wusste, ob das Geschoss ihn erreichen und töten könnte, bevor sein Finger den Weg auf den Auslöser gefunden und damit ihr Leben beendet hätte?
„Wenn ich vor mir ganz ehrlich bin“, sinnierte der Kerl weiter, in einem sorglosen Ton, der nicht in die Situation passte, „Verdienst du den Tod schon allein dafür, was du tust. Nicht, dass ich mir anmaßen wollte, Richter zu spielen, aber…“. „Steck’s dir“, fauchte sie, und der Andere zog eine spöttisch beleidigte Grimasse, „Komm mir nicht mit Moralpredigten. Hier kommt niemand lebend hinaus, du nicht und auch sonst niemand“.
„Ach?“, sagte er und zog beide Brauen hoch, „Ich hatte eigentlich schon vor, das zu tun. Was dich angeht, Mädchen… ich habe genug von dir. Gute Reise…“.

~~~***~~~
Ow... ich glaub's ja nicht. Ich stell hier tatsächlich einen Cliffhanger hinein, obwohl ich die selbst abgrundtief hasse. Der geneigte Leser mag mir verzeihen.
 
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