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von StormXPadme    erstellt: 23.10.2009    letztes Update: 29.01.2010    Geschichte, Abenteuer / P18    (fertiggestellt)
2



„Was ist denn dieses Phoenix-Ding? Kann man Miss Grey davon befreien?“ Kitty verschränkte ihre dünnen, kurzen Beine im Schneidersitz und beugte sich aufgeregt etwas nach vorne, an einer hellbraunen Haarsträhne knabbernd.

Auch die Kinder rückten auf dem weichen Teppich näher an den Schreibtisch heran, mit weit aufgesperrten Mündern, an den Lippen ihres geliebten Lehrers hängend. Offensichtlich hielten sie diese Sache für eine dieser spannenden Erzählungen, mit denen Charles auch seinen Englischunterricht interessant gestaltete. Eine gefährliche Situation, die ihre Lehrer aber wie immer mit Bravour lösen würden, und dann würde Jean zu ihnen zurückkommen…

Es tat Charles sichtlich weh, seine Schützlinge so enttäuschen zu müssen. Er drückte Kittys Hand, strich Jubilee kurz über ihren rabenschwarzen Schopf. „Das ist leider nicht so einfach. Phoenix ist nicht irgendein Alien.“

Nach einer kurzen Eingabe an seinem Laptop erschien auf der rechten Hälfte des Monitors, neben der Verbindung nach Washington, eine Videoaufnahme. Ihre gestochene Schärfe und Farben, die weit über das Sichtspektrum von Menschen hinauszugehen schienen, verrieten, dass sie ursprünglich nicht für die primitive Bildtechnik der Erde erschaffen worden war. Die Darstellung zeigte eine verlassen wirkende Galaxie. Nur ein großer Asteroidenschauer und violettfarben leuchtende Nebel zeugten davon, dass es hier einmal Leben gegeben haben mochte. Inmitten der Asteroiden passierte es dann unvermittelt: In Sekundenbruchteilen breitete sich ein orangefarbenes Leuchten dort aus. Es war ein Licht, das die X-Men zuletzt vor ein paar Stunden über dem E-Werk gesehen hatten. Es züngelte über die Felsbrocken hinweg und trotzte jedem terrestrischen Gesetz der Natur, welches Feuer in dieser Form im offenen Weltraum unmöglich hätte machen müssen. Die Hitze der Flammen schmolz das das leblose Gestein und fügte es in einem lebhaften Spiel zu einem symmetrisch runden Ball zusammen, in der Größe eines kleinen Mondes, bevor es das Gebilde in der Mitte wieder auseinander trennte, in zwei genau gleich große Hälften.

„Phoenix ist einzigartig“, fuhr Charles fort, noch während die anderen gebannt auf das Video starrten. „Sie existiert schon seit Jahrtausenden, wobei nicht klar ist, ob sie unsterblich ist oder einfach keine Feinde hat, die ihr gewachsen sind. Ursprünglich besteht sie wie ihr seht aus reinem Feuer. Sie kann sich zwar beliebig formen und ihre Größe ändern, aber sie kann keine humanoide Gestalt annehmen. Sie hat einen Geist, aber keine Gefühlswelt. Dieses Wesen hat unvorstellbar starke telepathische und telekinetische Fähigkeiten. Sie kann nicht nur auch auf große Entfernung im Geist von jeglichen Lebewesen lesen, sie kann auch praktisch jegliche tote und lebende Materie beeinflussen, sie auseinandernehmen und wieder zusammensetzen… Und sie kann sie genauso problemlos zerstören.“

Ein angstvolles Raunen ging durch den Raum. Nun wurde auch den Kindern mit aller Deutlichkeit klar, in welcher Gefahr sich die Erde befand.

‚Sie wollen mir sagen, Sie wissen, dass da oben so ein Ding herumfliegt, und niemand tut etwas dagegen?‘ Der Präsident war noch ein wenig blasser um die Nase geworden. Die Asche seiner Zigarre fiel vergessen und lautlos von der Spitze auf seinen blank polierten Schreibtisch.

Ein fast mitleidiger Zug umspielte für einen Moment Charles‘ Lippen. „Einen Kampf mit diesem Wesen hat noch nie ein Raumschiff überstanden, Mister President. Es bestand auch keine Notwendigkeit, zu handeln. Phoenix war über Jahrtausende unter Kontrolle und hat als kosmische Macht sehr zurückgezogen gelebt, ohne jemandem zu schaden. Sie hat im Gegenteil oft als Beschützerin und Hüterin für viele Lebewesen fungiert. Einen Schwachpunkt hatte sie jedoch immer. Sie sehnt sich seit Beginn ihrer Existenz nach einer empathischen Seele. Irgendwann in den letzten Monaten muss sie angefangen haben, sich Jeans Geists zu bemächtigen, ohne dass jemand das bemerkt hat. Durch diese plötzliche Übermacht an Gefühlen, die sie vorher nicht kannte, muss sie regelrecht ihren Verstand verloren haben. Als wir Jean bei Alkali Lake verloren haben, hat Phoenix ihren Körper regeneriert, um ihr Leben mit Emotionen nicht zu verlieren. Das muss der letzte Auslöser gewesen sein, um ihre Seele völlig ins Ungleichgewicht zu bringen. Sie hat alle Ketten von Rationalität und Mitgefühl gesprengt. So wie wir sie erlebt haben, scheint sie ausschließlich von den dunkelsten Gefühlen in Jeans Seele beherrscht zu sein. Sie ist unaufhaltbar, ohne jede Vernunft und Einsicht.
Jean ist immer noch da, aber sie kann sich weder befreien noch gegen Phoenix‘ Einfluss wehren.“ Charles sah ernst in die Runde, fing vor allem Ororos erschütterten Blick einen Moment länger ein, wollte nach ihrer Hand greifen und zog sie traurig zurück, als Ororo sofort zurückwich, mit zornig vorgeschobenem Kinn. „Ich möchte, dass ihr das wisst. Nichts von dem, was in den letzten Tagen geschehen ist, ist von Jean ausgegangen, wie wir sie kennen. Ich spüre ihre Verzweiflung und ihre Schuldgefühle jedes Mal, wenn ich versuche, mit ihr zu sprechen.“

„Wie konnte das passieren?“ Marie war die erste, die einfach nicht mehr an sich halten konnte, unruhig durch den Raum zu laufen begann. Der Blick zum Himmel hinauf wurde nun auch für die anderen zur traurigen Routine. Die ständige Furcht davor, gleich wieder dieses zerstörerische Feuer dort aufflammen zu sehen, war nun nur noch größer, da sie wussten, womit sie es zu tun hatten. „Ich meine, wie kann so ein Wesen ausgerechnet auf uns Menschen aufmerksam werden, die noch nicht mal den Weltraum bereisen?“

„Das kann ich auch nicht beantworten.“ Mit einem hilflosen Kopfschütteln starrte Charles auf ein Bild seiner ersten Schützlinge an der Wand, aus besseren Tagen. Nach allem, was sie erfahren hatten, war keiner im Team mehr überrascht, einen großen Sprung im Glas über der Stelle zu sehen, wo eine sehr junge, schüchtern lächelnde Jean zu sehen war. „Die Shi’ar bewachen Phoenix‘ Tun seit Jahrhunderten. Vielleicht hat umgekehrt auch Phoenix einmal den Weg eins ihrer Schiffe in die Milchstraße verfolgt. Sie war immer schon sehr neugierig. Wenn Jean dann einmal die Kontrolle über ihre Fähigkeiten verloren hat, im Schlaf vielleicht oder…“

„…in der Kanalisation“, ergänzte Scott tonlos. „Als Magneto sie mit seiner Umkehrwaffe beschossen hat. Danach hat es angefangen. Ab diesem Zeitpunkt hat sie sich verändert.“ Er spürte, dass genau dieselbe wütende Grimasse sein Gesicht verzerrte, die auch Ororo zur Schau stellte. Wenn sie das alles früher gewusst hätten… Dann würden sie vielleicht jetzt nicht hier sitzen müssen. Ihm war immer weniger danach, sich irgendwelche Geschichten von Charles anzuhören, die vor Monaten schon hätten erzählt werden müssen. Alles in ihm schrie danach, sich sofort auf die Suche nach Jean zu machen, ihr zu helfen… Aber genau dafür brauchte er leider erst noch mehr Informationen.

„Natürlich, das muss es gewesen sein!“ Charles ließ seine Hand auf die Armstütze seines Rollstuhls niedersausen, wie jemand, der eine Lösung eines banalen Kreuzworträtsels entdeckt hatte. „Jean ist zwar telepathisch nicht so stark wie Emma und ich, aber telekinetisch hatte sie immer schon die Anlagen dafür, die mächtigste Mutantin unserer Zeit zu werden. Für Phoenix ist sie der perfekte Wirth, sie verstärkt ihre Fähigkeiten auch noch. Ich muss sie finden, so schnell wie möglich.“ Charles schien kurzzeitig vergessen zu haben, dass er Zuhörer hatte. Er beugte sich über seinen Laptop und tippte in Windeseile ein paar Befehle ein. „Kaiserin Lilandra, die Anführerin der Shi’ar hat mich vorhin kontaktiert. Sie war mit ihrem Schiff die ganze Zeit in der Nähe. Lilandra weiß, dass sie handeln muss. Phoenix wird nicht nur auf der Erde Zerstörung verbreiten wollen. Die Shi’ar werden versuchen, Phoenix zu töten, um das Universum vor ihr zu schützen. Lilandra würde dafür ihre ganze Flotte opfern, aber nicht einmal das wird vermutlich etwas nützen. Aber vielleicht gibt es einen anderen Weg. Wenn ich länger mit Jean sprechen kann… Wenn ich Phoenix irgendwie von ihrem Körper trennen kann… Das würde dieses Wesen vernichten.”

Bevor Charles die Verbindung herstellen konnte, zu demjenigen, den er da zu kontaktieren versuchte, legte sich eine schmale Hand um seinen Arm, um ihn in seinem Tun aufzuhalten. Um zu verhindern, dass er schon wieder handeln würde, bevor die anderen auch nur die ganze Wahrheit kannten. Scheppernd fiel Ororos Datapad auf Charles‘ Schreibtisch, ein paar erste Worte waren in weißlich leuchtenden, schlichten Blockbuchstaben darauf geschrieben.

Scott übernahm es, die kurze, klare Anweisung auszuführen, die am Beginn der Nachricht prangte, ebenfalls wissend, dass der nächste Teil des Gesprächs war nicht für junge Ohren bestimmt war. „Jubilee, Kitty, geht mit den Kindern nach draußen in den Garten. Piotr, behalte die Nachrichten im Auge. Falls es gefährliche Zwischenfälle mit Mutantengegnern gibt, müssen wir darüber Bescheid wissen.“

„Hey, wieso müssen wir jetzt rausgehen?“, beschwerte sich Artie. Die Empörung verstärkte das Lispeln seiner entstellenden Reptilienzunge, sodass man ihn kaum noch verstand.

„Immer wenn es spannend wird!“, stimmte die schmächtige rotblonde Siryn missmutig zu. „Wir wollen Miss Grey doch auch helfen! Dürfen wir mit euch mitkommen?“

„Dafür sind wir da. Ihr helft uns am meisten, wenn ihr mit den Großen mitgeht und uns arbeiten lasst.“ Charles’ freundliche, ermunternde Worte vermochten an diesem Tag keinem von den erschütterten Kindern Trost zu spenden. Vielleicht hatten sie auch die Anspannung gespürt, die zwischen ihm und den X-Men vorherrschte, jedenfalls folgten sie der erneuten Aufforderung auffallend widerspruchslos.

Scott wartete, bis sich die Tür hinter der kleinen Gruppe geschlossen hatte, dann las er den Rest von Ororos Nachricht vor. Seine Miene verfinsterte sich mit jedem Wort. „‚Haben Sie das alles gewusst, Charles? Es hat vor kurzem ein Treffen mit Lilandra gegeben, Sie müssen davon gewusst haben.‘“

Charles beeilte sich, den Kopf zu schütteln, in Scotts Richtung gewandt, wohl wissend, dass er den vernichtenden Blick aus Ororos Augen in diesem Augenblick nicht ertragen hätte. „Lilandra hatte nur einen vagen Verdacht, dass etwas mit Phoenix nicht stimmt. Wir konnten nicht ahnen, dass das etwas mit Jean zu tun hatte.“

„Sie lügen.“ Logan und auch Hank vervollständigten den etwas vor McKenna abgeschirmten Kreis um Charles‘ Schreibtisch. Stundenlang hatten die X-Men auf all diese Informationen gewartet. Nun, wo sie wussten, dass sie mit ihrer ersten Ahnung richtig gelegen hatten, dass Charles seit langem nicht mehr ehrlich zu ihnen gewesen war, war keiner von ihnen so einfach bereit, sich weiter auf seine Führung zu verlassen. „Sie wollten es nur nicht akzeptieren.“

„Welche Wahrheit auch immer dir besser gefällt, Wolverine, so wie es immer war.“ Charles schenkte Logan kaum mehr als einen feindseligen Seitenblick. Die beiden Männer würden in diesem Leben keine Freunde mehr werden, dafür hatten sie einfach viel zu unterschiedliche Ansichten.
Die Aufmerksamkeit des Professors war auf seine Schüler gerichtet, auf die Leute, die er aufgezogen hatte, mit denen er jahrelang zusammengearbeitet hatte. Auffordernd sah er einen nach dem anderen von ihnen in die Augen, aufrecht in seinem Stuhl sitzend, in Erwartung der nächsten verbalen Attacken. „Es ist viel falsch gelaufen in den letzten Monaten, das habe ich euch bereits gesagt. Es wird nicht besser, wenn wir jetzt stundenlang darüber diskutieren.“

Aber mit diesem beschwichtigenden Argument erreichte er in diesem Moment niemanden. „Wie konnten Sie einfach die Augen davor verschließen?“ Scott versuchte vergeblich in der abweisende Miene seines Mentors zu lesen, irgendeine Erklärung zu finden. Gerade von jemandem wie Charles hätte er so etwas nie erwartet. Der Professor setzte seine Fähigkeiten sonst eher auf nicht ganz erlaubte Weise ein, nur um alles zu wissen, was rund um sein Anwesen vorging und seine schützende Hand darüber zu halten. Was war diesmal passiert, dass er sich so sehr gegen so wichtige Einsichten gewehrt hatte? „Dieses Ding hätte die Erde zerstören können!“

„Das kann es immer noch, und es bekommt immer mehr Zeit dafür, je länger wir hier untätig herumstehen.“ Jetzt war es Aggression in Charles‘ angespannter Haltung, eine primitive aber sehr menschliche Reaktion, vor allem als Logan noch einen weiteren Schritt in seine Richtung machte, mit hart geballten Fäusten und sich zu den Regenwolken draußen am Himmel das Leuchten und Grollen eines Unwetters gesellte.

Erst als er seinen Rollstuhl ein kleines Stück zurückfuhr, in einer warnenden Geste seine Augen halb schloss, zuckten plötzlich alle gleichzeitig zusammen und wichen unwillkürlich zurück. Auch wenn sie im Recht sein mochten, so etwas durfte nicht passieren. Sie hatten alle verschiedene Gründe, sich für diese Szene gerade zu schämen. Logan, weil er sich darauf besann, dass sich Jean mit jeder Sekunde mehr von ihnen allen entfernte, bei Ororo und Scott war der Schrecken darüber, dass sie auf einmal überhaupt keine Kontrolle mehr über sich hatten. Und bei Hank die simple Erkenntnis, dass sie gerade dabei waren, dem Präsidenten nur noch mehr Grund für Misstrauen zu geben.

Charles teilte vor allem diesen unbehaglichen Gedanken und wandte sich mit einem traurigen Kopfschütteln an einen sichtlich konsternierten McKenna. „Ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich hatte die Hoffnung, dass ich dem allen ein Ende setzen könnte, bevor die Welt und meine Schüler die Folgen ertragen müssen. Aber ich habe meine Macht überschätzt. Wenn, dann kann ich nur mit Unterstützung gegen Phoenix angehen, und selbst das ist fraglich. Trotzdem werde ich es versuchen. Ich habe aus Sorge um Jean nicht mit ihr darüber gesprochen, was sie alles tun kann und sie damit Phoenix‘ Einfluss vermutlich auch noch unvorbereitet ausgesetzt. Es ist meine Pflicht, jetzt wenigstens zu versuchen, ihr zu helfen, um das Universum zu beschützen.“ Jetzt schonte Charles niemanden mehr, am wenigsten sich selbst, er sprach offen und mit Schmerz, Wut auf seine Person in seiner Stimme, ohne irgendetwas zu beschönigen, von dem die anderen bisher nur hatten ahnen können.

Damit nahm er es seinen Schülern ab, ihm dieselben Vorwürfe zu machen, wo es gerade viel wichtiger war, diese Fehler wieder gutzumachen. „Charles, Lilandra wird das nicht zulassen.“ Hank zwang sich, sich trotz der sichtlichen Rastlosigkeit in seinem Körper und Geist wieder aufs Sofa fallen zu lassen, das bedenklich unter seinem Gewicht knarrte. „Ich hatte immer nur über U.G.E.R. Kontakt zu den Shi’ar, aber das hat mir schon gereicht, um zu wissen, was die meisten von ihnen von uns halten. Sie werden keine Einmischung einer primitiven Rasse wie unserer dulden.
Nicht persönlich nehmen, Mister President.“

McKenna hatte angesichts von allem, was er in den letzten Minuten erfahren hatte, vorerst seine Fähigkeit verloren, ganze Sätze zu formulieren und begnügte sich mit einem schwachen, eher noch zustimmenden Lächeln.

„Ich muss sie zumindest fragen.“ Jetzt wo sie ihre internen Unstimmigkeiten mühsam beiseite geschoben hatten, war Charles voll und ganz auf sein Vorhaben konzentriert. „Lilandra und ich hatten immer eine gute Beziehung zueinander. Wenn sie eine Zusammenarbeit ablehnt, muss ich mich ohne sie auf die Suche nach Phoenix machen.“

„Wollen Sie schon wieder alles im Alleingang schaffen, Professor?“ Diesmal war es Scott, der Charles in seinen Bemühungen unterbrach, sich halb auf seine Schreibtischkante setzte und seinen Bildschirm kurzerhand zur Seite drehte, um ihn einsehen zu können. Ohne Überraschung entdeckte er darauf das schwarzweiße Bild einer stilisierten Erdkugel, von einem Blitz durchbrochen. Das Logo einer Partnergruppe der X-Men blinkte in unregelmäßigen Abständen, als der Computer eine Verbindung zu diesen herzustellen versuchte. „Ich dachte, wir hätten gerade festgestellt, dass das nur zu Problemen führt. Wir kommen natürlich mit Ihnen.
Oder?“ Ohne wirkliche Erwartung, dass ihm irgendjemand widersprechen würde, sah er kurz in die Runde und stieß nur auf grimmige Zustimmung in allen Gesichtern.

Remy wirkte wie immer besonders abenteuerlustig. Die Vorstellung einer Reise in den Weltraum ließ ihn aufgeregt auf seinem Stuhl herumrutschen. „Also fangen wir dieses Biest ab, bevor es noch einmal herkommt, hat Remy das richtig verstanden, mon capitaine?“

„Moment mal.“ Einer von den anderen meldete sich nun doch mit Zweifeln zu Wort, und irgendwie war es beruhigend, dass es zur Abwechslung tatsächlich einmal die Jüngste im Team war. Marie hätte Scott ernsthafte Sorgen bereitet, wenn sie nicht irgendwann endlich einmal von etwas überfordert gewesen wäre. „Wie sollen wir denn so ein Wesen bekämpfen? Sie hat doch schon bewiesen, dass sie tausendmal stärker als wir alle ist!“

Ein elektronisches Piepsen verriet, dass Ororo erneut eine Nachricht auf ihr Datapad tippte. So langsam schien sie sich daran zu gewöhnen. Nur wie oft sie ihre Eingabe korrigieren musste zeigte, wie sehr ihre Hände zitterten. ‚Das ist sie aber nicht immer. Durch ihr Schutzschild über dem E-Werk ist Katjas Kugel problemlos durchgekommen. Sie hatte mit unseren Blitzen sehr zu kämpfen, und Magneto ist ihr mit seinem Angriff auch gefährlich nahe gekommen.‘

„So ist es.“ Charles drückte kurz, anerkennend ihren Arm, und diesmal ließ sie es zu. „Phoenix‘ größte Schwäche ist ihr Stolz, und jetzt kommt ihre ungewohnte Emotionalität dazu. Sie lässt sich sehr leicht ablenken. Dann tendiert sie dazu, Dinge zu vergessen oder sie zu unterschätzen. Sie kann überwältigt werden. Wenn wir es schaffen, dass Jean nicht nur bewusstlos wird, sondern dass sie in ein Koma fällt, sodass da kein Geist mehr da ist, an dem sich Phoenix festhalten kann, können wir sie ruhigstellen. Sie braucht nicht nur einen atmenden sondern vor allem einen denkenden Wirth, um zu agieren. Vielleicht verlässt sie Jeans Körper sogar freiwillig, wenn sie nichts mehr damit anfangen kann. Wenn nicht, kann ich versuchen, die beiden zu trennen.“ Er schwieg kurz, dieselbe Sorge wie vorhin dämpfte diese Hoffnung. „Ob ich das wirklich schaffe, kann ich allerdings nicht sagen.“

„Es ist die einzige Möglichkeit, die wir haben“, stellte Scott nüchtern fest. „Aber ich werde niemanden mitnehmen, der sich nicht vollkommen sicher ist, dass er das will. Bei dieser Geschichte gibt es für meinen Geschmack ein paar Vielleichts zuviel.“ Das konnte wohl niemand abstreiten, doch auf diese versteckte Frage reagierte trotz der berechtigten Zweifel niemand von den anderen. „Marie?“

„Was soll ich groß sagen?“ Die junge Frau lehnte müde ihren Kopf gegen die Sofalehne und drückte ihr Haustierchen fest an ihre Brust. „Ich hab mich schon länger damit abgefunden, dass die mich irgendwann einbuddeln, ohne dass ich je richtig geküsst worden bin oder mich mit einem Kerl auf einer Matratze rumgerollt habe. Dann kann ich wohl auch damit leben, dass ich draufgehe, ohne dass ich je auf einem Kamel geritten bin oder Europa gesehen habe. Bin dabei.“

Ihr Tonfall ließ trotz ihrer schmerzhaft realistischen Worte keinen Spielraum mehr für Zweifel, sodass sich Scott nach einem kurzen, düsteren Nicken an Logan wandte. „Es wird an dir sein, Jean abzulenken. Wenn irgendjemand ihr so nahesteht, dass er sie lange genug beeinflussen kann, dann bist das du.“

„Zweifelhaft.“ Eine Mischung aus heiserem Lachen und Knurren kam über Logans Lippen, für einen Augenblick fletschten sich deutlich seine Zähne in Scotts Richtung. Die erste Begegnung mit Jean im E-Werk war noch nicht vergessen. „Ich war nicht ihr einziges Interesse, als sie gestorben ist.“

Diesmal dauerte das monotone Piepsen des Datapads länger an, und Scott hatte ebenfalls noch ein paar Worte hinzufügen, als er Ororos Erwiderung vorlas. „‚Sie hat dich geliebt, Logan. Sie hat es nur eine Zeitlang vergessen gehabt, und da war sie schon nicht mehr sie selbst. Sie war verletzt und allein, und genau so ist sie gestorben. Mach ihr klar, wieviel sie dir bedeutet, dann gibt es ihr vielleicht Kraft, sich gegen dieses Wesen zu wehren.‘
Und vergiss vor allem alles, was sie getan hat, seit sie zurückgekommen ist. Danach kannst du nicht gehen. Sie hat ihren Verstand verloren, das weißt du. Du hast gesehen, was sie uns allen angetan hat, und ich bin sicher, da hat es noch das eine oder andere mehr gegeben.“ Bei diesen letzten Worten sah Scott nicht mehr Logan sondern Charles an, eine stumme Frage auf seinen leicht geöffneten Lippen, seine Schultern gebeugt unter einer grausamen Erinnerung, die sich für immer in sein Gedächtnis eingeprägt hatte.

Charles nickte bekümmert. „Dieser Link zwischen Flashwind und dir… Das war das erste Mal, dass ich eine vage Ahnung hatte, dass etwas nicht stimmt. Aber diese Verbindung wurde nur geschaffen, um euch an diesem Tag noch mehr zu quälen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Jean so etwas je getan hätte. Ich habe gehofft, und diese Hoffnung hat mich verfolgt, bis sie über mir zusammengebrochen ist.“ Wo vorhin noch ein letzter Rest Trotz vorgeherrscht hatten, ließ Charles nun endgültig sämtliche Masken fallen. Tief nach vorn gebeugt hatte er sein Gesicht auf seine Hände gestützt, seine Fingerspitzen vor seiner Stirn verschränkt und rieb immer wieder heftig darüber, wie jemand, der entgegen besseren Wissens gegen starke Kopfschmerzen ankämpfen wollte. Oder gegen unsinnige Gedanken und Gefühle. „Vielleicht hätten wir sie gemeinsam noch aufhalten können. Sie ist erst über die Monate hinweg immer stärker geworden.“

Keiner der anderen machte einen Versuch, ihn zu trösten, zu enttäuscht waren sie alle von seinem Verhalten, aber wenigstens versuchte nicht einmal mehr Logan jetzt Streit anzufangen. Charles war vorläufig gestraft genug mit der Einsicht seiner eigenen Fehler. „Wir sprechen darüber, wenn das hier vorbei ist“, erklärte Scott so neutral wie möglich. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen noch so vertrauen kann wie früher, aber um uns geht es jetzt nicht.“

‚Ihre Leute sind weiser als Sie, Charles‘, mischte sich McKenna leise von der Seite ein. ‚Sie sollten stolz auf sie sein.‘

„Das bin ich“, nickte Charles, seinen Blick immer noch starr zwischen seinen verschränkten Fingerspitzen hindurch gerichtet. „Und genau deshalb kann ich sie nicht mit auf diese Mission nehmen…“ Er gab sich einen Ruck, zwang sich, aufzusehen, sich den anderen wieder voll zuzuwenden. „…ohne noch einmal zu betonen, dass es nicht viel Aussicht auf Erfolg gibt. Die Chancen stehen nüchtern gesehen gleich null, für uns genauso wie für die Shi‘ar. Um genau zu sein, ist es um einiges wahrscheinlicher…“ Wieder stockte er, und diesmal war es Trauer wegen etwas, das noch nicht einmal geschehen war, die seiner Stimme für einen Augenblick jegliche Kraft nahm. „…dass einige von uns nicht zurückkommen werden und dass wir trotzdem scheitern. Phoenix in ihrer jetzigen Form verkörpert das abgrundtief Böse, dem wir nicht mehr als ein paar primitive Kräfte entgegenzusetzen haben, und die Liebe zu jemandem, der diese nicht mehr empfangen kann. Phoenix ist Macht ohne Beherrschung… Wissen ohne Weisheit… Alter ohne Reife… Und Leidenschaft ohne Liebe. Um euer selbst willen, habt keine Hoffnung. Es wäre vernünftiger, wenn ihr hier bleibt.“

„Und darauf warten, dass sie zurückkommt und die Erde zerstört?“, fragte Scott nach einigen Sekunden verzagten Schweigens. Es war keine rhetorische Frage. Die Selbstsicherheit von eben musste hinter dieser ehrlichen Warnung seines Mentors zurückstehen. Es war eine Sache, sich für die Sicherheit einer Welt einzusetzen, die trotz aller Probleme immer noch ihre guten Seiten hatte, aber eine andere, sich auf eine anscheinend von vornherein verlorene Mission zu begeben. Niemand von ihnen hätte gezögert, sich für Jean in Lebensgefahr zu begeben. Aber war eine nicht vorhandene Hoffnung es wert, dafür zu sterben?

„Gibt es denn die Möglichkeit, dass sie weiterziehen wird?“, fragte Hank, ebenfalls zögernd. „Dass wir Zeit gewinnen können? Du könntest die Shi’ar vielleicht begleiten, Charles, Phoenix folgen…”

Doch sein alter Freund erstickte auch diese schwache Hoffnung mit einem energischen Kopfschütteln. „Phoenix ist nach wie vor in der Nähe unseres Systems, das spüre ich. Sie wäre weiter geflohen, wenn sie nicht mehr an der Erde interessiert wäre. Sie wartet nur, bis sich Jeans Körper regeneriert hat.“

„Dann gibt es nichts zu diskutieren.“ Die Schwere seiner eigenen Entscheidung ließ nun auch Scott erschöpft zurück auf seinen Stuhl sinken. Seine Brille baumelte nachlässig an einer Fingerspitze mit der anderen Hand rieb er sich immer wieder fest über seine zusammengekniffenen Augen. Seine Laserstrahlen-Mutation kommentierte die veränderte Situation mit den üblichen Schmerzen hinter seiner Stirn. „Was immer in diesem Kampf passiert… Wenn wir Erfolg haben sollten, werden wir dort oben hoffentlich weniger Schaden als hier unten anrichten.“

Wieder sekundenlang das Piepsen des Datapads, so schnell diesmal, dass Scott nicht rasch genug daran dachte, seine Brille wieder aufzusetzen. Stattdessen war es diesmal Marie, die Ororos Nachricht weitergab, sie mit bebender Stimme vorlas. Nicht einmal ihr kleiner Gismo, der mit seiner kleinen Pfote nach dem leuchten Display zu schlagen versuchte, konnte ihr ein Lächeln entlocken. „‚Es ist mir egal, wie groß die Chancen sind. Irgendwo in diesem Ding lebt immer noch Jeans wahre Seele. Wir haben sie schon einmal sterben lassen. Wenn es auch nur die kleinste Möglichkeit gibt, dass wir ihr helfen können, müssen wir es versuchen.‘“
Marie wechselte einen kurzen, angsterfüllten Blick mit Logan, der sich auf etwas beziehen musste, in das die anderen nicht eingeweiht waren. Schlimm genug musste es jedenfalls sein, denn Logan konnte diesem flehenden Blick nicht lange standhalten, wandte sich stattdessen wieder der Beobachtung des Himmels zu. In dieser Sache konnte er seinem Schützling nicht helfen. Sie musste selbst wissen, was sie tun wollte. Marie nickte fast unmerklich, strich sich immer wieder fahrig diese eine lästige weiße Haarsträhne aus der Stirn, die nie hinter ihrem Ohr bleiben wollte, zuckte verunsichert mit den Schultern. „Ich weiß nicht, wieviel ich beitragen kann, aber ich lasse euch auch nicht im Stich.“

„Remy kommt natürlich auch mit“, schaltete sich sofort eine immer noch nervtötend muntere Stimme von der Seite ein. Nervtötend… und trotzdem irgendwie beruhigend. Remys Unbekümmertheit mochte in der nächsten Zeit das einzige sein, was die depressive Stimmung im Team aufhellen mochte. „Wir werden doch sicher alle gebraucht, oder? Und mein chere hier lasse ich nicht allein zu den großen bösen Aliens fliegen.“
Nur für einen Augenblick machte sein Dauergrinsen einem weit nüchternen Gesichtsausdruck Platz. „Und ganz ehrlich, ob ich jetzt hier oder da oben draufgehe…“

„Ich muss unserem Cajun zur Abwechslung mal zustimmen“, murmelte Logan, seinen Kopf müde gegen den Fensterrahmen gelehnt. „Wenn wir sowieso sterben, tue ich das lieber im Kampf.“

„Dann ist es entschieden“, nickte auch Hank, eine schwere Pranke auf Scotts Schulter gelegt. „Noch ist nicht alles verloren. Wir müssen jetzt nur zusammenhalten.“

‚Und mir bleibt einmal mehr nur, Ihnen meinen Dank auszusprechen’, stellte McKenna fest. ‚Ich weiß ihren Einsatz zu schätzen. Ich wünschte, ich könnte mehr für Sie tun. Aber dieses Phoenix-Wesen sieht mir nicht aus, als könnte man ihm mit Raketen und Atom-Bomben beikommen.‘

„Nein, Mister President, wohl kaum.“ Charles schluckte eine weit unfreundlichere Antwort hinunter. Auch wenn sie es mit einem sehr intelligenten, mitfühlenden Präsidenten zu tun hatten, die Mentalität eines US-Amerikaners, lieber einen Planeten zu zerstören als ihn einem Feind zu überlassen, konnte man einem Cowboy eben doch nicht ganz austreiben. „Die Shi’ar-Technologie ist unserer ohnehin weit überlegen. Wenn sie Phoenix nicht töten können, kann es keiner. Ihre Hilfe brauchen wir, um unser Vorhaben ausführen zu können, ohne jemanden darauf aufmerksam zu machen. Oder haben Sie vor, die Leute zu informieren, was vielleicht auf sie zukommt?“

McKenna warf seine Zigarre in ungefähre Richtung eines dekorativen Behälters in Form der Fackel der Freiheitsstatue und ging ein paar ziellose Schritte durch sein Büro, strich sich fahrig durch seine kurzen dunklen Haare. ‚Nach allem, was Sie mir gerade vorgesetzt haben, verlangen Sie jetzt auch noch von mir, zu entscheiden, ob ich der Menschheit ihren drohenden Untergang vorenthalten soll?‘

Scott hatte Mitleid mit dem Mann, aber in diesem Fall konnten ihn wirklich weder Charles noch er unterstützen. Sie hatten ihre Katastrophe zu bewältigen, McKenna seine. Und beide Seiten hatten alle Hände voll damit zu tun, ohne auch noch beim anderen einzugreifen. „Sie werden nicht umhin kommen, Fragen zu beantworten, das haben Sie vorhin selbst gesagt. Sagen Sie den Leuten, soviel Sie verantworten können, ohne Massenpanik auszulösen.“

Charles nickte zustimmend, Scott ein anerkennendes Lächeln schenkend, das seinen Schüler nie weniger hatte berühren können. „Es sind heute Morgen in solchen Mobs schon genug Leute gestorben. Wahren Sie die Geheimnisse, die Ihnen anvertraut wurden und überlegen Sie, welche Entscheidung die beste ist. Behalten Sie dabei nur im Kopf, Mister President, dass es keinen Ort gibt, an den irgendjemand in diesem Universum fliehen kann.“

‚Unsere Verteidigung wird bereitstehen, falls Sie keinen Erfolg haben, soviel kann ich Ihnen versprechen.‘ McKenna wechselte einen respektvollen Blick mit Logan und Remy. ‚Wir denken nicht in allen Dingen völlig verschieden.
Sagen Sie mir, was Sie brauchen, Charles, und dann gehen wir am besten an die Arbeit. Es liegt nicht in meiner Natur, dem Untergang meiner Spezies tatenlos zuzusehen.‘

„Dann haben wir tatsächlich etwas gemeinsam.“ Charles rang sich ein weiteres Lächeln ab.
„Es geht darum, dass uns keiner bemerkt, wenn wir den Planeten verlassen. Normalerweise regeln die wenigen menschlichen Weltraumreisenden solche Geheimhaltung selbst, aber das bedarf monatelanger Vorbereitung, wie Sie sich vorstellen können, wenn man nicht auf offiziellen Satellitenbildern und Radarschirmen auftauchen will. Wenn wir erst die Atmosphäre verlassen haben, werden die Shi’ar mit einem Störsignal dafür sorgen, dass die Satelliten der Erde nichts von den Vorgängen in der unmittelbaren Umgebung aufnehmen können.“

‚Danke für die Vorwarnung.‘ Gewissen Sarkasmus konnte sich jetzt auch McKenna nicht mehr verkneifen. ‚Ich kann mir so langsam so einiges vorstellen, fürchte ich. Sie sagen mir Bescheid, wenn es soweit ist, Charles, und ich sehe, was ich für Sie tun kann. Wieder einmal.‘
Der zylinderförmige Schlüssel von vorhin kam wieder zum Einsatz, diesmal an einer anderen Schublade. McKenna war in Gedanken sichtlich schon dabei, eine Liste von Leuten zusammenzustellen, die er gleich anrufen musste, seinem hektischen Blättern in einem kleinen schwarzen Buch nach zu urteilen.
Einen Augenblick nahm er sich trotzdem noch, bevor er die Verbindung zu seinen neuen Verbündeten beendete, um den blassen und sorgenvollen Gesichtern der X-Men mit einem warmen Grinsen zu begegnen. ‚Ich glaube, die Jungs von der NASA sagen in so einer Situation: Viel Glück, Westchester.‘

„Mir persönlich gefällt ein ‚Wir sehen uns wieder, Washington‘ besser.“ Charles lächelte zurück und wandte sich mit einem erleichterten Seufzen vom Monitor ab, als dieser schwarz wurde. Wenigstens eine Sorge weniger.

Über eine andere Sache jedoch hatten sie bis jetzt noch überhaupt nicht gesprochen. Und genau wie vorhin, als kurzzeitig wieder die Probleme zwischen Jean und Logan damals wie eine ständig schwelende Glut Thema gewesen waren, konnte Scott auch jetzt nicht abstreiten, dass sich sofort wieder ein altbekanntes Aggressionsgefühl in ihm melden wollte, als ausgerechnet Logan es ansprach. „Was ist mit Cat? Ist sie belastbar genug für diese Sache?“

„Wieso nicht? Unser kleiner Pitbull dreht doch schon den ganzen Tag Runden über New York, während wir hier unsere Wunden lecken.“ Marie fand zumindest einen schwachen Hauch ihres sonstigen Humors wieder.

‚Darum geht es nicht. Es geht um Jean. Sie fördert ihren Hass nur noch’, schrieb Ororo mit flinken Fingern auf ihr Datapad. ‚Als wir mit ihr geredet haben, hatte ich das Gefühl, Jean hat mich wahrgenommen, bis Cat ins Spiel gekommen ist. Zwischen den beiden gibt es viel zuviel Wut. Cat wäre mehr gefährdet als wir anderen.‘ Bis hierhin hatte ihre Fassung gereicht, aber bei der Erinnerung an diese spezielle Begegnung mit Jean im E-Werk verließ ihre mühsame Distanz zu ihren eigenen Gefühlen sie endgültig. Sie schaffte es noch, das letzte Wort einzugeben, bevor ihr das Datapad aus der Hand fiel und sie zitternd ihr Gesicht in ihren Händen verbarg. Ihre Schultern bebten heftig, sie schnappte immer wieder heftig nach Luft, aber weiterhin kam kein Laut über ihre Lippen.

Es war erschreckend mit anzusehen, aber Scott hatte in diesem Augenblick einfach keine Kraft übrig, um sie auch nur in den Arm zu nehmen. Viel zu klar, viel zu grausam formte sich eine Gewissheit in seinen Gedanken, die weder für Katja noch für ihn leicht werden würde… Und plötzlich wurde ihm dieser Raum unerträglich.

Das hieß, dass er das, was eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, einmal mehr Logans etwas rauer, unbeholfener Hilfestellung überlassen musste. Und diese unterstützte Ororo immerhin soweit, dass sie sich schnell wieder im Griff hatte und nur noch still auf den kleinen, glitzernden See ihrer Tränen am Boden starrte. Sie hielt Logans Hand so fest, dass sie sie vermutlich halb zerquetschte und schien es nicht einmal zu merken. Wie und wann das genau passiert war, wusste Scott nicht, aber Logan hatte sich anscheinend zu dem einzigen Kerl auf diesem Planeten entwickelt, dem Ororo nicht die Pest an den Hals wünschte.

Es beruhigte sein Gewissen nicht vollständig, aber für heute Abend würde es reichen müssen. Er wurde jetzt woanders gebraucht, und für diese Sache würde ihm unter Umständen nicht mehr lange Zeit bleiben. „Ich rede mit Katja. Es ist besser, wenn sie hier bleibt.“

Charles nickte erleichtert in seine Richtung. „Sie könnte die Kraft aufbringen, um mit uns zu kommen, das bezweifle ich nicht, aber es ist ein Risiko für uns alle, das ich nicht eingehen möchte, wenn es nicht unbedingt sein muss. Außerdem ist mir wohler dabei, wenn jemand von uns auf die Schule aufpasst. Ich werde Emma bitten, ein Auge darauf zu haben, aber das ist nicht dasselbe.“

„Wohl kaum“, schnaubte Logan, wenig begeistert von der Aussicht, ausgerechnet einer so zweifelhaften Person das Anwesen anzuvertrauen. Emma hatte schon ein paar Mal bewiesen, dass sie im Moment auf der Seite der X-Men stand, aber ihre Methoden dazu waren nicht immer die saubersten. Und das machte die Entscheidung der anderen, ob eine von ihnen nicht mit auf diese Selbstmordmission kommen sollte, gleich um einiges leichter.
„Wie kommen wir überhaupt da hoch, erfahren wir das auch mal? Und wie sollen wir dieses Phoenix-Weib finden, wenn die Shi’ar es für keine so brillante Idee halten, mit uns zusammenzuarbeiten?“

„Nicht nur Magneto hat Verbündete.“ Charles hatte schon wieder genug Stärke gesammelt, um seine Schützlinge mit einem Lächeln zu bedenken. „Ich versuche bereits, die Defenders Of The Earth zu kontaktieren. Sie befinden sich in der Nähe unseres Sonnensystems, wenn meine Informationen richtig sind, und können uns hier abholen.

„Diese Gruppe von Freaks, die sich für die Weltraumpolizei halten? Wunderbar.“ Logan versuchte mit seiner üblichen Herzlichkeit Fremden gegenüber zu überspielen, dass er gerade eine ganze Spur weißer um seinen verwilderten Bart geworden war, und in diesem Fall konnte Scott es ihm nicht einmal verübeln. Jemand, der sowieso schon notorisch unter Flugangst litt, riss sich verständlicherweise nicht darum, ausgerechnet bei jemandem ins Raumschiff zu steigen, der in der Mutantenwelt als bester – und wildester – Pilot der Menschheit bekannt war.

„Warum haben wir eigentlich kein Raumschiff?“, erkundigte sich Remy neugierig. „Wir kriegen doch sonst alles Mögliche von diesen Alien-Typen, oder?“

„Shi’ar-Anweisung“, gab Charles kurz angebunden zurück. „Sie vertrauen uns nicht. Sie vertrauen mir nicht.“

Unter dem anhaltenden weißen Leuchten ihrer Fähigkeiten waren Ororos Pupillen blutrot, aber die Spuren ihres kleinen Ausbruchs hatte sie in den überlangen Ärmeln ihrer weißen Bluse ertränkt. Mit zusammengepressten Lippen reichte sie Charles eine erneute Nachricht auf ihrem Datapad. ‚Dazu haben sie auch keinen Grund, wie wir jetzt wissen.‘ Nur weil Scott und sie sich für vorläufiges Schweigen entschieden hatten, was die Vorwürfe in Charles‘ Richtung angingen, hieß es nicht, das sie vergessen gewesen wären. Gerade jetzt, wo es für die X-Men in ein völlig neues Gebiet gehen würde, machte Ororo sehr deutlich, dass sie wachsam beobachten würde, was ihr Mentor vorhatte.

„Offensichtlich.“ Ein schmerzliches Zucken umspielte Charles‘ Augenwinkel bei diesem neuerlichen Seitenhieb, aber er ließ sich nicht auf eine weitere Diskussion ein.
Stattdessen wandte er sich seinem Monitor zu und atmete erleichtert auf, als seinem hartnäckigen Rufsignal zu einer Gruppe alter Freunde endlich geantwortet wurde. „Wir könnten auch die Shi’ar bitten, uns abzuholen, aber ich fühle mich sicherer mit Flash Gordon und seinen Leuten an unserer Seite. Sie haben sich der Erde und damit uns verpflichtet. Bei Lilandra kann man nie sicher sein, ob sie die Interessen ihrer Spezies im Zweifelsfall nicht über unsere stellt. Durch die Defenders können wir zudem einen konstanten Kontakt zur Mutant High sichern.“ Charles war einmal mehr ins Erzählen gekommen, und die Erinnerungen an Begegnungen mit den Defenders schienen zumindest etwas schöner als seine Darstellung von Phoenix zu sein.
Jedenfalls umspielte ein erwartungsvolles Lächeln seine Lippen, als das blinkende Logo auf dem Bildschirm gegen das Gesicht eines blonden jungen Mannes in roter Uniform ohne erkennbare militärische Abzeichen eingetauscht wurde. „Schön, Sie wiederzusehen, Captain.“

Die Begrüßung am anderen Ende der ruckelnden Leitung fiel nicht halb so herzlich aus. ‚Da lässt man die Erde für ein paar Monate aus den Augen, und wenn wir wiederkommen, brennt die Ostküste. Was sagt mir das wohl darüber, warum Sie mich gerade rufen, Charles?‘

„Sie haben wirklich reizende Bekanntschaften, mon capitaine“, ließ sich Remy trocken vernehmen. „Gibt es irgendjemanden da draußen, der im Moment nicht angepisst auf uns ist?“

‚Wenn mir in den umliegenden Millionen Lichtjahren jemand über den Weg läuft, lasse ich es Sie wissen, LeBeau.‘ Ein amüsiertes Zucken umspielte die Augenwinkel des Fremden und verlieh seinen strengen Äußeren eine lockerere Note. Das schwache Licht seiner Umgebung ließ seine Haut blasser wirken als sie war. Neben dem Blick auf den Monitor, der zur Kommunikation diente, hatte der berühmte Pilot auch ständig ein Auge auf die Kontrollen in dem kleinen Cockpit. Die einfache Kamera ließ nur einen verschwommenen Blick auf die schmalen Fenster zu, die Dunkelheit des Alls. Sterne waren keine zu sehen.

„Wieso kennt hier eigentlich jeder meinen Namen?“ Remy schien zu einem längeren gekränkten Monolog ausholen zu wollen, hielt aber mit einem empörten Aufschrei inne, als Marie ihm kräftig auf den Fuß trat. „Hey!“

„Halt mal fünf Minuten die Klappe, ich will das hören.“

„Danke“, raunte Hank ihr grinsend zu. Es war wie ein Virus, der sich in Sekundenschnelle im Raum ausbreitete. An den Tatsachen hatte sich nichts geändert, sie mussten alle irgendwie damit fertig werden, dass sie innerhalb kürzester Zeit vielleicht sterben würden… Und vielleicht versuchten sie sich gerade deswegen gerade verzweifelt den letzten Rest Humor zu erhalten, den man an solchen Tagen noch aufbringen konnte.

Scott hatte so den Verdacht, dass es genau das gewesen war, was Flash Gordon hatte erreichen wollen. Vermutlich hatte Lilandra ihn längst über die Situation informiert. Als Anführer einer Vereinigung, die regelmäßig gefährlichsten Szenarien gegenüberstand, wusste er vermutlich am besten, wie wichtig auch der kleinste Hoffnungsstern am nebelverhangenen Horizont war. „Könnt ihr uns helfen, Flash?“

‚Ihr braucht wieder mal Rückendeckung, was, Summers?‘ Lebenslustig funkelnde helle Augen richteten sich auf ihn, eines aufmerksamen Beobachters, der schon viele Krisen wie diese erlebt hatte. Und nicht immer waren die X-Men und er dabei einer Meinung gewesen. Trotzdem setzten sie sich für dieselbe Sache ein.

„Haben wir Sie denn?“, fragte Charles ernst nach.

‚Meine Loyalität gilt der Erde, soviel kann ich euch versprechen.‘ Gordon wurde auf der Stelle ernst, jetzt ging es ums Geschäftliche, und da war mit einem erfahrenen Anführer nicht zu spaßen. ‚Aber das muss nicht unbedingt in eurem Sinne sein, wenn es um Phoenix geht. Ich garantiere Ihren Leuten sicheres Geleit auf allen Wegen, aber ich werde mich keinerlei Aktion anschließen, die aus persönlichen Motiven entsteht. Und wenn es nötig wird, werde ich auch Sie davon abzuhalten wissen. Ich kann nicht zulassen, dass sich dieses Ding noch einmal der Erde nähert, Charles.‘

„Dann haben wir dasselbe Ziel.“ Nur ein kaum wahrnehmbarer Moment der Stille verging vor Charles‘ zustimmender Antwort, den ein unaufmerksamer Zuhörer vielleicht gar nicht bemerkt hätte.

Aber Scott hörte von Natur aus gut zu. Und ahnte bereits, dass auf diesem Trip nicht nur Diskussionen mit Lilandra an der Tagesordnung sein würden. Inzwischen war er an einem Punkt angelangt, wo ihm so etwas solange egal war, bis es soweit sein würde. Sämtliche Versuche der Planung der letzten Monate waren sowieso fehlgeschlagen. Und in dieser Angelegenheit war sein Team mehr denn je auf das Glück des Zufalls angewiesen. Die letzten Formalitäten konnte er guten Gewissens Charles überlassen, der sich da sowieso besser auskannte.
Er wartete noch ab, bevor auch dieses zweite Gespräch nach außen beendet war und erhob sich dann, schwerfälliger als sonst, nicht nur, weil sich die Verletzungen von heute Morgen zu Wort meldeten. Er musste kurz ernsthaft überlegen, wie er die Person finden würde, die er heute als einziges noch sehen wollte. Sein Geist fühlte sich leer an, als hätte das Adrenalin der letzten Stunden die Fähigkeit zu denken aus seinem Kopf gepumpt. „Wann geht es los?“ Er hatte zwar routinemäßig bei dem Gespräch eben an den Daten am unteren Bildschirmrand geprüft, wo ungefähr sich Flash Gordons Schiff gerade befand, aber sein Verstand wäre gerade als allerletztes zur Umrechnung von Lichtjahren fähig gewesen. Wenn er nicht einmal mehr zu Mathematik aufgelegt war, war der absolute Tiefpunkt erreicht.

„Sie werden heute Nacht ankommen.“ Charles schien seine Sehnsucht nach Ruhe zu spüren, dafür brauchte man auch keine Telepathie. Er bedeutete ihm und auch den anderen, dass sie entlassen waren. „Ruht euch aus. Wir haben noch Zeit. Phoenix muss sich erholen, das dauert ein paar Tage. Ich kann erst beginnen, sie mental zu suchen, wenn wir in der Nähe sind. Hank wird euch morgen früh weltraumtauglich machen, dann starten wir.“

„Ich kann es kaum erwarten.“ Scott wusste in der Theorie nur zu gut, wie solche Crashkurse abliefen und bekämpfte mühsam den Anflug von Übelkeit, mit dem sein Magen allein der Vorstellung begegnen wollte.
„Ororo, warte kurz.“ Ein weiterer Blick, aus einer Routine heraus, die man ihm selbst in diesem erschlagenen Zustand nicht austreiben konnte, hatte Scott verraten, dass Marie sich von Remy aufmuntern ließ und dass Hank irgendetwas von gutem Fusel in Logans Richtung murmelte und die beiden in Richtung Krankenstation verschwanden. Charles würde die Nacht sicher wieder in seinem Zimmer verbringen und vermutlich darüber nachdenken, was in dieser Zeit schief gelaufen war. Dabei würde sich Scott hüten zu stören, und er musste zugeben, dass er es seinem Mentor auch ein wenig gönnte.
Ihm als Anführer blieb damit nur noch, sich um die einzige Person zu kümmern, die wieder einmal alleine sein würde, ohne dass das eigentlich jemand wollte. Nur sie wollte es, Scott wusste es im gleichen Augenblick, als sie sich mit diesem immer mehr zur Gewohnheit werdenden distanzierten Ausdruck zu ihm umdrehte, sich mit verschränkten Armen gegen die Wand lehnte, ihr Datapad deaktiviert unter ihre Achsel geklemmt. Ihr war nicht nach einer Unterhaltung. Wenn ihm etwas an ihr lag, wenn das Verhältnis zwischen ihnen nicht noch schlechter werden sollte als Avery das ohnehin schon geschafft hatte, musste er ihr diese Freiheit zugestehen. Wenn es nur nicht so wehgetan hätte, sie einmal mehr der Einsamkeit zu überlassen. „Willst du nicht mitkommen?“

Ororo musste lächeln, und es wirkte ehrlich. Jetzt griff sie doch noch einmal nach diesem Gerät, das nach so kurzer Zeit schon zu ihrem besten Freund geworden war. ‚Bring sie zum Lachen, wenn du kannst. Ich denke an euch.‘

Scott hielt ihre Hand auf, bevor sie das Pad wieder deaktivieren konnte. „Und wer bringt dich zum Lachen?“

‚Für mich gibt es keinen Grund mehr dazu.‘ Damit machte sie sich von ihm los, stellte sich kurz auf die Zehenspitzen, um die Arme um seine Schultern zu legen. Da war immer noch der Geruch von Blut und Staub in ihren Haaren, ihre Haut war trocken und aufgequollen von den vorhin vergossenen Tränen. Aber jetzt weinte sie nicht mehr. Der kurze Moment, als sie ihre eigenen Gefühle hatte zeigen können, war wieder ihrer Sorge um andere gewichen. Scott hätte die ganze Nacht an ihrer Seite bleiben können, und sie hätte sich nicht helfen lassen.

Dann blieb ihm nur noch eine Frage. „Glaubst du, du könntest einen alten Freund für mich kontaktieren? Ich hab da heute Nacht noch was zu erledigen.“ Scott spürte, wie er rot anlief und ärgerte sich selbst darüber.

Aber zumindest Ororo konnte er damit wenn schon nicht zum Lachen, wenigstens zum Grinsen bringen. ‚Das wurde aber auch langsam mal Zeit.‘
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