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von StormXPadme    erstellt: 23.10.2009    letztes Update: 29.01.2010    Geschichte, Abenteuer / P18    (fertiggestellt)
DIESE GESCHICHTE HAT ZWEIMAL DEN FANFICTION GENERAL AWARD 2010 GEWONNEN


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bisherige und Nachfolgeteile dieser Serie:
- Pilot: http://www.fanfiktion.de/s/4943da490000161f069003e8
- Teil 1: http://www.fanfiktion.de/s/4947fa690000161f069003e8
- Teil 2: http://www.fanfiktion.de/s/495680680000161f069003e8
- Teil 3: http://www.fanfiktion.de/s/495bb4ff0000161f069003e8
- Teil 4: http://www.fanfiktion.de/s/49734e760000161f069003e8
- Teil 5: http://www.fanfiktion.de/s/4992100f0000161f069003e8
- Teil 6: http://www.fanfiktion.de/s/49a5a7210000161f069003e8
- Teil 7: http://www.fanfiktion.de/s/49dd016a0000161f069003e8
- Teil 8: http://www.fanfiktion.de/s/4a3e2b620000161f069003e8
- Teil 10: http://www.fanfiktion.de/s/4b757c0b0000161f069003e8

Outtake:
- 'Snow angel (Storm)': http://www.fanfiktion.de/s/4bffe7450000161f069003e8


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Serie: X-Men: Weathered I
Titel: FOR BETTER OR FORW WORSE (#9)
Titelbild: http://i296.photobucket.com/albums/mm194/stormxpadme/art/fta.jpg
Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=oGh7dmgKlhw
Autor: Storm{X}Padmé
Disclaimer: Alle originalen Charaktere und Elemente gehören Marvel, den Rechteinhabern und allen, die dafür bezahlen. Ich geb sie ja wieder zurück, ich leih sie mir doch nur... Ich tu ihnen auch nicht weh… Jedenfalls nicht sehr *G*.
Universum: Realfilme Teil 1 und 2; Teil 3 schließe ich aus meinem persönlichen Canon aus.
Zeitlinie: ein halbes Jahr nach dem Film ‚X2‘
Zensur: Nc 17 (Gewalt, Erotik)
Zusammenfassung: Nach Jeans Angriff auf New York herrschen Ratlosigkeit und Angst in Westchester vor. Die Shi’ar setzen den X-Men ein folgenschweres Ultimatum. Wenn sie versagen, bedeutet das nicht nur einen weiteren grausamen Verlust für ihr Team- sondern das Ende jeglichen Lebens in der Galaxie…
formale Bemerkungen:
- kursive Sätze = Erinnerungen, Träume oder zur Betonung
- Sätze in ‚ ‚-Zeichen = eigene Gedanken, Telepathie oder indirekte Rede
Feedback: Ist nicht nur erwünscht sondern wird auch geknuddelt, abgeschmust, gestreichelt und George genannt :D









X-Men: Weathered I
FOR BETTER OR FOR WORSE
(#9)




1



‘Eine Metropole geht in Flammen auf.‘ Die dunkelhäutige Nachrichtensprecherin verpatzte ihren Einsatz und begann ihre Ansage bereits, als das neongelbe Logo des Nachrichtensenders noch nicht ganz über dem Monitor verschwunden, die letzten Töne des Eingangsjingles noch nicht verhallt waren. Die junge Frau schien ihren Fehler nicht einmal zu bemerken, und niemand im Fernsehstudio machte sie darauf aufmerksam. Sie sprach einfach weiter, zu schnell und zu hektisch, ihre Hände um den weißen Notizblock mit ihren Stichworten verkrampft. Selbst das dicke Make up konnte nicht die roten Flecken der Aufregung auf ihren Wangen verbergen.
‚Um vierzehn Uhr zweiundvierzig Ostküstenzeit brach über der Innenstadt New York ein Inferno aus. Innerhalb von Sekunden fing fast jedes Gebäude in der Stadt Feuer. Die Notrufe berichten von Kurzschlüssen und Explosionen elektrischer Geräte. Ausgelöst wurden diese nach ersten Informationen durch ein Mutantenattentat im Elektrizitätswerk an der Küste. Zum selben Zeitpunkt fand im genannten Werk wie berichtet ein spektakulärer Mutantenkampf statt. Nachrichtenhelikopter haben im Luftraum über dem Werk diese Bilder aufgenommen.‘

Nur wenige Sekunden lang zeigte der Sender ein halb zerstörten Gebäudes am Stadtrand New Yorks, über dem ein erschreckendes Phänomen auftauchte. Es sah aus wie ein riesiger Feuerball, als hätte eine Explosion stattgefunden, oder ein Bombeneinschlag… Doch das Feuer hatte die Form eines Vogels. Und es schien zu leben, es verließ die Atmosphäre über dem Gebäude in Sekunden und verschwand am rauchdurchzogenen Himmel.

‚Die Brände wüten über der Stadt und haben ersten Berichten zufolge bereits zehntausende Opfer gefordert. Wir schalten live zu unserem Kollegen Marvin Dent in unseren News-Helikopter, um ihnen die ersten Bilder der Katastrophe zu präsentieren. Marvin, wie ist die Lage in New York?‘

Der riesige Flachbildmonitor an der holzvertäfelten Wand wechselte seine Darstellung, zeigte nun einen Anblick, den die Zuseher in dem großen, gemütlichen Büro nur Minuten zuvor bereits einmal live erleben hatten müssen. Eine zerstörte Stadt von oben, eingestürzte Hochhäuser, ein Meer aus Blaulichtern auf den Straßen, wütende Flammen über Dächern und Grünflächen. Fliehende Menschen. Verkohlte, reglose Körper, die die Straßen blockierten.

‚Es ist grauenvoll, Trish.‘ Auch die Stimme des als mutig und skrupellos bekannten Live-Reporters hatte an diesem Tag ihre Selbstsicherheit verloren. Man hätte es für einen geschickten Effekt des Senders halten können, um die schockierte Stimmung in der Bevölkerung noch mehr anzuheizen. Aber solche Verschwörungstheorien vergaß man rasch angesichts der Aufnahmen, welche die Kameras aus dem Helikopter nach einen kurzen Schwenk auf den rothaarigen jungen Mannes zeigten. Es gab niemanden, der angesichts solcher schrecklichen Ereignisse nicht betroffen gewesen wäre. ‚Die Stadt steht unter Quarantäne, wir können nicht landen. Aber man sieht auch von hier oben genug. Alle verfügbaren Einsatzkräfte sind mit Rettungsarbeiten beschäftigt. Die Evakuierung erfolgt mit Helikoptern und Schiffen. Die Regierung hat die Bewohner ersucht, Ruhe zu bewahren und sich zu den Sammelstellen zu begeben, aber die Massenpanik hat schon unzählige Tote gefordert. Die Leute rennen sich gegenseitig über den Haufen. Vor allem viele alte Leute und Kinder gehen verloren und werden in den Mobs zerquetscht. Es ist… schlimm. Sehr schlimm. Da sind Mutanten über der Stadt, man sieht sie von hier, die versuchen, das Feuer einzudämmen, aber die kämpfen gegen Windmühlen.‘ Ein weiteres Schwanken war im Marvins Tonfall zu hören, als direkt unter dem Helikopter die Spitze eines weiteren einst beeindruckenden Hochhauses in einer unheilvollen Wolke aus Flammen und Rauch aufging, große Trümmer davon auf die Straßen stürzte, Autos und Menschen unter sich begruben.
Er hielt kurz inne, auf etwas hörend, was ihm der Pilot zurief. ‚Wir werden aufgefordert, das Gebiet zu verlassen, Trish. Es wird ungemütlich hier.‘

‚Aus New York Marvin Dent.‘ Auffallend schnell wechselte das Bild zurück ins Studio. Die Nachrichtensprecherin bemühte sich redlich, die letzten Worte zu übergehen, als hätte sich nicht jeder aufmerksamer Zuseher denken können, dass der Einsatz eines Nachrichtenhelikopters ausgerechnet in einem Krisengebiet illegal erfolgt war. ‚Die Regierung hat die Bevölkerung dringend ersucht, sich der Stadt nicht zu nähern, bevor die Brände unter Kontrolle sind. Die genaue Ursache für die Katastrophe bleibt vorerst ungeklärt. Nur Stunden zuvor war die bekannte Mutantenterroristenorganisation der Bruderschaft mit ihrem Aufmarsch auf das Elektrizitätswerk bereits für hunderte Todesopfer verantwortlich. Wir berichteten. Ob die Bruderschaft auch das ausgelöst hat, was als Großes Inferno in die Katastrophenchronik der Vereinigten Staaten eingehen wird, ist bisher nicht bekannt.
Viele Großstädte wie Washington, Chicago, San Francisco und Philadelphia berichten von Aufständen auf den Straßen. Mutantengegner versammeln sich und rufen zu Protestmärschen im ganzen Land auf. Aus Washington.‘

Ein weiteres Mal wechselte das Bild und zeigte nunmehr eine große Menschentraube, die sich vor dem Weißen Haus gebildet hatte. Die Demonstranten stellten aggressive Mienen zur Schau, wedelten mit Schildern, die man nicht zum ersten Mal auf den Straßen vor allem der Staaten sah. Die Schriftzüge forderten die Gefangennahme oder gar die Ausrottung der Mutanten- bevor die Menschheit von ihnen ausgerottet werden konnte.

‚Präsident McKenna hat in einer Pressekonferenz zur Bewahrung von Menschlichkeit aufgerufen‘, fuhr Trish fort, nachdem die vergleichsweise sehr kurz im Bild gewesenen Unruhen wieder dem wellenförmig geschwungenen Sprecherpult Platz gemacht hatten. ‚Informationen aus Washington zufolge ist es tatsächlich dem Einsatz einiger Mutanten zu verdanken, dass sich das Feuer nicht über New York hinaus ausbreitet und ein weiteres Attentat der Bruderschaft auf die Stadt verhindert werden konnte. Eine Entscheidung über die weitere Vorgehensweise gibt es jedoch noch nicht…‘

Damit war gesagt, was gesagt hatte werden müssen, und Charles schnitt der jungen Frau mit einem zu festen Druck auf die Fernbedienung das Wort ab.

Statt des Nachrichtenkanals erschien auf seinem Com-Bildschirm das kalkweiße Gesicht des jungen Präsidenten der Vereinigten Staaten. ‚Das ist alles, was ich für Sie tun konnte, Charles.’ Seine Fingerspitzen strichen die dunklen Schatten unter seinen Augen nach, Spuren, die in dem lichtdurchfluteten Oval Office nur noch deutlicher zutage traten. Es war schon das zweite Krisengespräch, dass McKenna mit Westchester innerhalb von ein paar Stunden führen musste, und diesmal war die Ausgangssituation noch weit gefährlicher als beim letzten Mal. ‚Europa und Asien haben sich bereits eingeschaltet. Mir flattern regelrechte Drohungen ins Haus. Die Leute haben schreckliche Angst, und ich kann sie gut verstehen.‘

„Wir auch, Mister President.“ Hank schaltete sich ein, bevor jemand anders das Wort erheben konnte. Nach diesen letzten Ereignissen, in die ausgerechnet eine aus ihrem Team verwickelt gewesen war, waren die Nerven aller zum Zerreißen gespannt. Eine Rückkehr dieses genauso mächtigen wie geistesgestörten Wesens, zu dem Jean geworden war, war ebenso jede Sekunde möglich wie unüberlegte Aktionen von militanten Mutantengegnern oder sogar der Regierung selbst. Da reichte schon ein vorwurfsvoller Unterton in McKennas Stimme, um eine unhöfliche Antwort zu provozieren. Einmal mehr konnten die anderen froh sein, eine leidgeprüfte Seele wie Hank unter ihnen zu haben, den nun mal nichts so schnell aus der Ruhe brachte- zumindest nicht äußerlich. „Sie haben allen Grund, Angst zu haben. Wieder einmal wird die ganze Mutantenwelt darunter leiden, was ein paar verfehlte Charaktere angezettelt haben.“

‚Ich hoffe nicht.‘ McKennas Blick wanderte immer wieder zur Tür. Seine Hand ruhte auf den Tasten seines Laptops, die das Gespräch bei der kleinsten Störung unterbrechen würden. Auch diesmal sollte die Videokonferenz geheim bleiben. ‚Dass Sie den Rettungskräften zur Hand gehen, wird Ihre Position in der Öffentlichkeit hoffentlich stärken. Aber mir liegen bereits Meldungen von Versammlungen einzelner Mutantengruppen weltweit vor. Und auch die Protestmärsche werden nicht weniger. Es reicht der kleinste Funke, Charles, und… Ich will mir ehrlich gesagt nicht einmal vorstellen, was dann passiert. Wenn es…‘ Ein kaum merkliches Zögern, ein kurzes Augenschließen verriet nur, wie schwer es dem jungen Mann fiel, die nächsten Worte auszusprechen. Wie sehr er dieses Szenario fürchtete. ‚…zum Krieg kommt, dann bleibt nichts mehr stehen.‘

„Dann muss es unser Bestreben sein, das zu verhindern.“ Es waren ohne Zweifel die richtigen Worte, beruhigende, trotzdem klang es ein wenig, als würde Charles einen auswendig gelernten Text herunterleiern, versöhnlich vorgetragene Antworten, die er schon in früheren Gesprächen dieser Art parat gehabt hatte- während seine Gedanken meilenweit von der Unterhaltung entfernt waren. An diesem Nachmittag, wo er bewusst darauf achtete, entging Scott nicht, wie Charles immer wieder zur Seite, zum Fenster hinaus schaute anstatt auf den Monitor. Den Himmel absuchend. Er wusste etwas über die letzten Geschehnisse, was den anderen noch verborgen war, das war allen längst klar, aber bis jetzt warteten sie vergeblich auf Antworten. „Doch das ist nicht unsere größte Priorität im Moment. Unsere Welt schwebt in großer Gefahr, und darum habe ich Sie gerufen. Weil wir unsere Kräfte vereinen müssen, um weitere Katastrophen zu verhindern. Weil ich inständig hoffe, dass Sie zumindest für die Dauer dieser Krise die weitere Bedrohung eines Bürgerkriegs abwenden können. Was haben Sie jetzt vor, Mister President?“

McKenna zögerte mit einer Antwort, noch unsicher, wieviel er jemanden anvertrauen konnte, mit dem er nicht einmal öffentlich zu kommunizieren wagte. Doch Charles‘ furchteinflößende Ankündigung überzeugte ihn wohl, dass für den üblichen Argwohn einer anderen Spezies gegenüber keine Zeit war. ‚Die Bekanntgabe sollte erst kurzfristig erfolgen, aber länger als zwei Stunden gebe ich unseren undichten Stellen sowieso nicht, bevor die Presse Wind bekommt. Eine NATO-Konferenz wurde einberufen. Übermorgen wird in einer Abstimmung über die Zukunft der Mutanten entschieden. Die Registrierung und Überwachung eines jeden Mutanten auf diesem Planeten wird verlangt werden, wenn das Ergebnis negativ ausfällt.‘ McKenna nickte ernst, als sich die X-Men beunruhigt ansahen. Was sie alle lange befürchtet hatten, dass die Regierungen Maßnahmen beschließen würden, die sich nicht nur die Bruderschaft nicht gefallen lassen würde, stand nun tatsächlich im Raum. ‚Viele werden gegen Sie sprechen. Und ich werde einige Dinge erklären müssen. Man wird fragen, wo heute Vormittag das Militär und die Spezialeinheiten waren. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, was ich antworten soll. Die Menschen werden nach Ihnen verlangen.‘

Scott musste sich bemühen, nicht allzu sarkastisch zu klingen. Die leitenden Kräfte der Weltmächte hätten eine Gruppe wie seine sicher mit stehenden Ovationen in einer solchen Konferenz begrüßt. Das Bild formte sich in seinen Gedanken, wie Logan schon unter den ersten Metalldetektoren vor dem Gebäude ein paar Kugeln abbekam, rein als Vorsichtsmaßnahme, und wie sich jedes Mal ein paar Pistolenläufe auf seinen eigenen Kopf richteten, sobald er nur seine Brille zurechtrückte. An einem anderen Tag hätte er darüber gegrinst. „Und wie sollen wir vor diesen Menschen auftreten? Als Militärschule? Als Soldaten? Als Ihre ganz private Kampfeinheit? Wir sind hauptsächlich Lehrer, Mister President. Für offizielle Auftritte eignen sich Leute wie die Avengers. Wir sind nur stille Helfer in dieser Stadt.“

McKenna musterte ihn nur mit einem undefinierbaren Blick und wandte sich dann erneut an Charles. ‚Sie können sich nicht ewig verstecken. Gerade in diesen Zeiten schüren geheime Organisationen das Misstrauen der Zweifler. Es wäre besser, wenn Sie mit Ihrer Schule denselben Weg wie Emma Frost einschlagen.‘

„Dieses Institut ist aber nicht wie Frost Limited.” Hanks unaufhörliches Trommeln seiner Krallenspitzen auf den gläsernen Sofatisch verriet seine Ungeduld. Eigentlich hätte es gerade ganz andere Dinge zu besprechen gegeben. „Uns würde man da draußen nicht so offen aufnehmen wie eine attraktive renommierte Industriekauffrau mit offiziell reiner Weste, deren Schüler aus den besten Häusern kommen.“ Er nickte bitter an seiner massigen Raubtiergestalt hinunter, hob eine fellüberzogene Hand. „Wir sind… anders.“

‚Anders… So könnte man das auch ausdrücken.‘ McKenna setzte sich seine Lesebrille auf. Ein ähnliches Modell wie das, das Hank trug, wie Scott erneut mit Belustigung feststellte. Der schwarze Humor verging ihm augenblicklich, als der Präsident nach einem Stapel Akten griff, die bis jetzt außerhalb der Reichweite der Webcam-Linse gelegen hatten. Gleich auf dem ersten der Umschläge in unappetitlich brauner Farbe war ein undeutliches Zeitungsfoto von Katja geheftet. ‚Ich hatte mich schon gefragt, wann Sie einmal die Güte haben würden, das anzusprechen. Ich bin da über ein paar sehr interessante Fakten über Ihre Teammitglieder gestoßen, McCoy.
Katja Amelia Ninaus, seit über einem Jahr wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung in Deutschland per internationalem Haftbefehl gesucht.
Firestar, wahre Identität unbekannt, als Unruhestifter in der Stadt berüchtigt. Keine Kooperation mit der Polizei, dafür regelmäßige Behinderung von Einsätzen und Widerstand gegen die Staatsgewalt.‘

„Mister President, bei allem Respekt…“ Scott erhob sich bereits halb aus dem gemütlichen breiten Sessel, auf dem Katja und er früher bei solchen Besprechungen so gern eng aneinander geschmiegt gesessen waren. Ihm dämmerte, dass sich die X-Men unbedacht Ärger eingehandelt hatten, als sie sozusagen unter McKennas Schirmherrschaft ihren letzten Einsatz ausgeführt hatten. Er war froh, dass Katja und Angelica noch in der Stadt unterwegs waren.

Katja wäre anders als er nicht etwa aufgebracht gewesen, dass McKenna jetzt mit solchen Vorwürfen ankam, nachdem die X-Men einmal mehr ihr Leben für die Menschen riskiert hatten. So wie er sie kannte, hätte die alte Erwähnung dieser Geschichte sie zurück in dieses gefährliche Rad aus Schuld und Sühne gestoßen, das er so lange schon versuchte zu zerbrechen. Das war bei ihrem Zustand gerade das allerletzte, das sie brauchte. Es war schwierig genug, ihr begreiflich zu machen, dass niemand außer ihr selbst ihr Vorwürfe wegen gewissen Dingen machte. Ob es nun die schlichte Tatsache war, dass ihr Körper nach stundenlanger Folter nicht mehr mitgemacht hatte und sie beide etwas verloren hatten, das ein Lichtblick in der ganzen Dunkelheit seit Alkali Lake hätte sein können… Oder eben ein Unfall mit ihren noch so neuen Fähigkeiten damals, wie er schon bei genug anderen Mutanten vorgekommen war. Katja hätte solch eine Bemerkung, wie sie nur aus der ignoranten Menschenwelt kommen konnte, nicht mit einer Kaltschnäuzigkeit wie Angelica vermutlich hinunterschlucken können. Es hätte alles noch schlimmer gemacht.

„Scott. Nicht jetzt.“ Charles strahlte trotz der verwirrenden Vorfälle um seine Person der letzten Tage immer noch genug Strenge und Respekt aus, wenn es sein musste, damit Scott sich zähneknirschend wieder setzte. So ungern er es zugab, eine Diskussion hätte jetzt nur noch mehr Verzögerungen gebracht.
Es würde ohnehin an Charles und nicht an ihm sein, einzugreifen, sollte McKenna Druck auf sie alle ausüben wollen. Dann war es durchaus möglich, dass New York in Zukunft ohne seine kleine Nachwuchselite auskommen müssen würde. Die Regierungen gewisser europäischer Länder zum Beispiel hätten tatkräftige Unterstützung in gewissen Situationen sicher begrüßt anstatt Akten über diese freiwilligen Helfer anzulegen. „Anonymität sichert unseren Einsatz für unser gemeinsames Ziel, Mister President. Die beiden genannten Damen sind übrigens gerade in New York unterwegs, um ein Inferno zu löschen. Und falls sie als nächstes nach einer Straßendiebin namens Ororo Munroe fragen wollten, diese junge Dame steht hinter mir am Fenster und sorgt dafür, dass der Regen über der Stadt nicht aufhört. Wir haben gerade wirklich größere Sorgen, glauben Sie mir.“

‚Das hatten Sie erwähnt. Und ich bezweifle nicht, dass Sie ihren Job gut machen.‘ McKenna hatte seine nervöse Beobachtung der Tür vorerst aufgegeben und sich näher zur Kamera hin gebeugt, seine schmalen, wachen Augen direkt auf Charles’ müdes, abwesend wirkendes Gesicht gerichtet. ‚Aber mein Job ist es, Fragen zu stellen, vor allem, wenn ich mit der Überlegung spiele, eine Feuerwehr für Notfälle, wie Sie sie offensichtlich jeden Moment wieder erwarten, in der Hinterhand zu haben. Letztes Mal habe ich nicht nachgefragt. Diesmal bin ich dazu verpflichtet. Und je mehr ich herausfinde, umso weniger davon gefällt mir. Das liegt nicht nur an Ihnen. Ich komme nicht umhin, mich zu fragen, ob es grundsätzlich das ist, was aus Leuten wird, die aufgrund ihrer Gene aus der Gesellschaft ausgestoßen werden. Und ob es nicht höchste Zeit ist, etwas dagegen zu tun.
Aber Sie machen es mir mit Ihrer Geheimniskrämerei nicht gerade leicht. Ich habe hier Namen in den Aufzeichnungen über Ihre Schule stehen, die ich meinen Stabsmitgliedern unmöglich nennen kann, wenn gefragt wird, wen ich statt unseren besten Spezialeinheiten angeheuert habe, um diese Stadt vor Magneto zu beschützen.
Gibt es irgendjemanden in Ihrem Team – abgesehen von einem Wissenschaftler, der für zweifelhafte Genexperimente berüchtigt ist – mit dessen Akte ich nicht mein Büro tapezieren kann?‘ Gereizt wedelte er mit einem neuen Umschlag. Auf dem Foto vorne war ein Teenager mit verspiegelter Sonnenbrille zu erkennen. ‚Selbst wenn es unser beider Arbeit um einiges erleichtern würde, ich könnte Ihr Team gar nicht offiziell als Spezialeinheit etablieren. Nicht mit einem Anführer, von dem ich hier allein eine ganze Liste mit unangenehmen Eintragungen vorliegen habe, von Sachbeschädigung in Millionenhöhe bis hin zu Jugendstraftaten, inklusive einiger Drogendelikte.
Bleiben Sie also besser sitzen, Summers, falls Sie gerade für Ihre Partnerin aufstehen wollten, sonst könnte es sein, dass Sie sich selbst bald in einem Gerichtssaal wiederfinden.‘

„Drohen Sie uns, McKenna?“ Scott hasste es mit jeder Minute mehr, wie er sich zu verhalten begann, mit diesem unterschwellig aggressiven Tonfall, der eher zu jemandem wie Logan passen wollte, ständiger Vorsicht, Aufmerksamkeit auf jede noch so kleine Geste seines potentiellen Gegners, um im Notfall schneller als er reagieren zu können. McKenna hatte keine paar Minuten gebraucht, um eine Mentalität in ihm zu wecken, die tief geschlummert hatte, seit Charles ihn bei sich aufgenommen hatte. Er hatte lange nicht mehr nach den Gesetzen der Straße leben müssen, doch gewisse Dinge vergaß man nicht. Und wenn es nötig war, würde er darauf zurückgreifen. Er hatte nicht jahrelange Arbeit in den Aufbau dieses Teams investiert, um sich jetzt von offizieller Seite ins Handwerk pfuschen zu lassen.

Sein Gegenüber ließ seine Akte zusammen mit den anderen in einer Schublade seines riesigen Ebenholzschreibtisches verschwinden. ‚Darum geht es nicht. Was immer Sie hinter Ihren caritativen Idealen vielleicht von uns Menschen halten mögen, Summers, nicht alle von uns haben vergessen, was ein friedliches und gegenseitig lohnendes Miteinander ausmacht. Ich versuche Sie wachzurütteln, weil Sie in nächster Zeit mit ein paar unangenehmen Begegnungen zu rechnen haben werden. Ich kann nicht immer für Sie da sein. Hören Sie auf, in Ihrer Traumwelt zu leben, und vor allem: Seien sie verdammt noch mal ehrlich zu mir. Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe, und ich reagiere von Berufs wegen sehr allergisch auf Halbwahrheiten. Das letzte, was ich erwartet hätte, war bei der Entrümpelung von Strykers Büro auf ein paar halb zerstörten Datenträgern Bilder von jemandem zu finden, der mir nur ein paar Tage vorher in diesem Raum hier gegenübergestanden ist.‘

Logan hatte bis jetzt auffällig still neben Ororo am Fenster darauf gewartet, dass die anderen ihre Rangordnungskämpfe mit McKenna fertig austragen würden. Erst bei der Erwähnung von Strykers Namen fuhr er zusammen, seine rauen Gesichtszüge verhärteten sich unwillkürlich. Aber er schwieg weiter, wo man normalerweise eine noch heftigere Reaktion auf die unterschwellige Beschuldigung als von Scott eben erwartet hätte. Logan hatte sein schroffes Verhalten in den letzten Stunden vollständig verloren. Auf gewisse Weise war das bedrückender, als wenn er seiner Wut Luft gemacht hätte. Es unterstützte nur den Eindruck von Resignation angesichts der letzten Ereignisse.

‚Ich habe bis jetzt nichts gesagt‘, fuhr McKenna angespannt fort, nachdem er sekundenlag vergeblich auf eine Reaktion gewartet hatte. ‚Zum einen, weil es bis vor kurzem keinen Grund zur Annahme gab, wir würden noch einmal in so einer Krisensituation aufeinandertreffen. Sie wollten Diskretion für Ihre Leute, Charles, die habe ich Ihnen gegeben. Jetzt wo ich uns diesen Luxus nicht mehr zugestehen kann, bin ich unwillkürlich wieder über dieses eine Gesicht in Ihren Reihen gestoßen, das mir aus diesen zerhackten Datenresten bekannt vorkam. Nur dass in meiner Akte James Howlett steht, geboren achtzehnfünfundsiebzig in Kanada. Deserteur und Kriegsverbrecher.“

1875

Für einen Moment verlor sogar Ororo die Konzentration auf ihre jahrelang trainierten Fähigkeiten, sodass der Regen am Himmel nachließ, und wandte sich fassungslos in Logans Richtung.

Marie drückte Remy ihr Babykätzchen in die Hand, duckte sich unter seinem tröstenden Arm um ihre Schultern hinweg und stellte sich sprachlos neben Logan hin, ihre Hände in die Hüfte gestemmt. „Wie war das?“ Angesichts dieser surrealen neuen Information wollte man kurzzeitig fast vergessen, dass Logan natürlich der letzte war, der sich zu diesen Behauptungen von McKenna irgendwie äußern konnte.

Logan bedachte seinen Schützling mit mildem Amüsement, wo er bei jedem anderen eine unfreundliche Bemerkung losgeworden wäre. Es gab wohl nichts, mit dem Marie ihn je hätte wütend machen können. Erstaunlicherweise schien er selbst gerade nicht vollkommen überrumpelt von dem, was da in irgendwelchen Regierungsakten über ihn stand. Ganz neu schien ihm diese wie nebenbei eingestreute Information, dass er weit über hundert Jahre alt sein sollte, nicht zu sein. Und woher auch immer er es erfahren hatte, er schien nicht bereit, es mit irgendjemandem zu teilen.
Obwohl sein Blick sehnsüchtig zu diesem dünnen Folder auf McKennas Schreibtisch wanderte, in dem er vielleicht mehr über sich herausfinden konnte als bei seiner ganzen Jagd in den letzten 15 Jahren, entschied er sich für ein Schulterzucken. Nicht einmal diese Sache konnte ihn im Augenblick berühren, schien es… Nur noch ein weiteres Indiz dafür, dass nichts in seinem kurzen erinnerlichen Leben ihn so aus der Bahn geworfen hatte wie Jeans grausame Verwandlung. „Davon weiß ich nichts.“

McKenna nickte wieder auf diese abgehackte Art, freudlos lächelnd. ‚Das hätte mich auch gewundert, nach allem, was ich noch über Styrkers Machenschaften herausfinden konnte, nachdem seine Leute das meiste seiner Daten vernichtet hatten. Ich denke, ich kann Ihnen zumindest ein wenig weiterhelfen, aber das wird warten müssen. Und vielleicht wollen Sie es gar nicht wissen.
Ich weiß zumindest, dass mir nicht gefällt, was ich zu lesen bekomme, wenn ich mich mehr mit Ihnen allen beschäftige. Und ich nehme an, ich muss mich nicht erst groß fragen, wie diese Leute die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten haben, Charles.‘

„Das ist ja alles recht interessant, mes amis, mon capitaine…“ Dafür, dass Remy wieder einmal beobachten musste, dass Marie mehr Logans Nähe als seine suchte, war sein Grinsen auffällig breit. Anscheinend fand er es unterhaltsam, dass er nicht der einzige mit einer nicht lupenreinen Weste im Team war. „Aber sollten wir nicht…?“

‚Mit Ihnen will ich gar nicht erst anfangen, LeBeau‘, war der trockene Kommentar aus Washington, bevor der junge Mann allzu frech werden konnte.

„Bin schon still.“ Remy schob schmollend seine Unterlippe nach vorne und gab sich betont beschäftigt damit, Freundschaft mit dem sich windenden und kratzenden kleinen Biest auf seinem Schoß zu schließen.

Das hielt von Dankbarkeit gegenüber seinem Retter allerdings nicht viel, maunzte herzzerreißend und beruhigte sich erst, als Marie es wieder auf den Arm genommen hatte.

Charles ließ sich Zeit mit einer Antwort, wog seine Worte genau ab. Seine telepathischen Fähigkeiten machten seinen Schülern seit jeher den Beginn ihres neuen Lebens leichter. Wenn man dieser einfachsten Integrierung in die Gesellschaft nun einen Riegel vorschob, bedeutete das große Probleme für die Schule. „Niemand von uns ist unschuldig, Mister President. Ich habe Sie gerufen, weil wir in einer Krise stecken, welche sowohl die Menschen als auch die Mutantenwelt zerstören könnte und wir es mit Ihrer Hilfe einfacher haben werden, sie zu lösen. Aber wenn Sie uns nach Ihren Nachforschungen nicht mehr vertrauen können, beenden wir das Ganze besser hier und jetzt, und Sie lassen uns wieder das tun, was unsere Aufgabe ist.“

‚Nein, niemand ist unschuldig‘, wiederholte der Präsident, für einen Moment auf die aufgeschlagene Akte starrend, bevor er auch diese in seinem Schreibtisch einschloss und den Schlüssel in seiner Hemdtasche verschwinden ließ.
‚Auch ich nicht. Ich habe viele kritische Entscheidungen in meiner Amtszeit getroffen. So habe ich zuerst Stryker und dann Ihnen unüberlegt Macht gegeben. In Stryker habe ich mich getäuscht, und viele Lebewesen sind daraufhin gestorben. Sie hingegen haben heute vielen Menschen das Leben gerettet, und trotzdem könnte es mich meinen Job kosten, wenn bekannt wird, dass Sie auf meinen Befehl hin gehandelt haben. Ich bekomme so langsam eine Ahnung davon, wie schwierig Ihr Leben ist, und ich werde auch weiterhin versuchen, etwas daran zu ändern. Aber ich bin nicht jeder. Und wenn es um Bürokratie geht, können sowohl die Bürger unseres Landes als auch die NATO sehr genau werden. Daran ist nichts Falsches. Anarchie oder Diktatur, das wäre wohl eher nach den Vorstellungen von Magneto. Trotzdem macht es unsere nächsten Schritte schwierig. Deswegen müssen wir darüber reden, jetzt. Ich kann Sie nicht bei allem decken, Charles. Und ich möchte ungern verantworten, dass Sie alle das nächste Mal von Abfangjägern vom Himmel geholt werden anstatt die Welt zu retten, wenn Sie in Ihren Jet steigen.‘

„Es wäre nicht das erste Mal“, erwiderte Charles ungewöhnlich zynisch. „Sagen Sie den Leuten, soviel Sie können, aber lassen Sie unsere Namen aus dem Spiel. Wir für unseren Teil werden versuchen, uns offiziell nicht zu erkennen zu geben, so wie wir es auch bisher getan haben. Tun Sie, was Sie können, wir tun dasselbe. Aber wenn die Leute uns irgendwann vertrauen sollen, müssen wir zuerst verhindern, dass es bald ein zweites New York geben wird.“

‚Dem stimme ich Ihnen vorbehaltlos zu. So kritisch ich heute auch sein muss, ich muss Ihnen auch danken. Nach allem, was ich von Ihnen und auch aus den ersten Ermittlungen darüber weiß, was Magneto da im E-Werk tun wollte, könnte New York jetzt eine tote Stadt anstatt nur eine zerstörte sein. Opfer hat es dennoch genug gegeben. Und wenn ich Sie richtig verstehe, war das erst der Anfang.‘ Es war eine Nachfrage, keine Frage.

„Vermutlich ja.“ Jetzt wo keine übertrieben energische, diplomatische Haltung mehr nötig war, ließ Charles müde seinen Kopf hängen, wirkte plötzlich ein ganzes Stück kleiner in seinem edlen silbernen Rollstuhl. Das durch die dichten Regenwolken am Himmel schnell schwindende Tageslicht verstärkte den kränklichen Eindruck tiefer Linien auf seinem Gesicht. Unbewusst berührte er die Hämatome, die sich in Form einer einzelnen tödlichen, schmalen Hand über seinen Hals ausbreiteten, in dunklen Farben schillernd. „Etwas ist passiert, das wir nicht erwartet haben. Es hat uns alle hart getroffen, in mehr als einer Weise. Und es wird noch schlimmer werden, viel schlimmer.“

‚Ich befürchtete es bereits, soviel Blut wie Sie über sämtliche Stockwerke des E-Werks verteilt haben. Wie geht es Ihren Leuten überhaupt?‘ McKenna wirkte ernstlich besorgt, eine Geste, die die Befremdung wegen seiner vorherigen Übervorsichtigkeit ein wenig zu mildern vermochte.

Charles sah kurz zu Hank hin- das war eine Frage, die er selbst nicht beantworten konnte. Marie und er, die praktisch als einzige ohne größere Blessuren heimgekehrt waren, hatten nach der Ankunft genug damit zu tun gehabt, die völlig verängstigten Kinder zu beruhigen. Remy und Piotr hatten zum Glück geistesgegenwärtig reagiert, als die ersten TV-Berichte gesendet worden waren und die Satellitenschüssel auf dem Dach kurzerhand außer Betrieb gesetzt.

„Wir erholen uns.“ Hanks Blick ruhte auf Ororo, seine Augen zogen sich in einer Geste der Trauer ein Stück hinter verdächtig gerötete Nickhäute zurück. Nicht bei ihnen allen hatten sich die Schäden in Grenzen gehalten. Um seine eigenen Brüche hatten sich seine verstärkten Heilkräfte gekümmert, Logan war wie immer noch schneller wieder intakt gewesen. Und Scott war es gewöhnt, sich wenn nötig auch mit einem halben Dutzend Vikodin-Tabletten täglich über Prellungen und Zerrungen am ganzen Körper hinwegzuhelfen, wenn er keine Zeit hatte, sich auskurieren. Die anderen waren noch in der Stadt zum Helfen unterwegs, was hieß, dass es ihnen nicht wirklich schlecht gehen konnte.
Die einzige, die nach dem ersten schweren Kampf gegen einen ihrer eigenen Leute bleibend gezeichnet war, war ausgerechnet die, auf die Jean ursprünglich eigentlich am wenigsten wütend gewesen war. „Aber einige Verletzungen werden nicht mehr heilen.“

Ororo gab sich weiterhin betont beschäftigt damit, ihre Kräfte auf den Himmel zu konzentrieren, dabei hätte Scott gewettet, dass sie nicht einmal die Augen offen hatte. Seit sie aus der Stadt nach Westchester zurückgekehrt war, kapselte sie sich ab wie nur in der ersten Zeit nach der Sache mit Sabretooth damals. Ihr erster Weg hatte sie zu Hank auf die Krankenstation geführt, aber dort hatte sie nichts erfahren, was sie sich nicht schon hatte denken können. Jean hatte mit ihrem telekinetischen Griff um Ororos Hals ihre Stimmbänder völlig unbrauchbar gemacht. Sie würde nie wieder sprechen können. Nach allem, was sie im letzten Jahr schon hatte über sich ergehen lassen müssen, hatte es wieder sie so hart treffen müssen. Im Moment wusste keiner, wie es jetzt weitergehen sollte, mit der Schule, mit dem Unterricht… mit ihr. Ororo war niemand, der selbst in einer so verzweifelten Lage Trost gesucht hätte. Solche menschlichen Schwächen hatte ihre letzte Beziehung ihr zur Genüge ausgetrieben. Sie hatte es mit erschreckender Fassung aufgenommen… Schlimmer… Sie schien es nach dem ersten Schock resigniert akzeptiert zu haben. Als Scott ihr nach der ernüchternden Diagnose erschüttert einen Arm um die Schultern gelegt hatte, hatte sie ihn einfach dort liegen lassen. Sekunden später war sie aufgestanden und in ihr Zimmer gegangen, um sich um den dringend benötigten Regen in der Stadt zu kümmern. Die Tür hatte sie abgeschlossen.
Bei der Lagebesprechung jetzt hatte sie trotzdem dabei sein wollen, und Hank hatte ihr ein elektronisches Datapad gegeben, mit dem sie sich verständigen konnte, aber das war bis jetzt noch nicht einmal in Gebrauch gewesen.

Auch Charles betrachtete sein größtes Sorgenkind sekundenlang mit tiefer Betroffenheit, bevor er sich betont konzentriert wieder an McKenna wandte. Nicht einmal für diese so schreckliche Sache blieb jetzt Zeit. „Mister President… zur Sache. Sie werden jetzt Dinge von mir erfahren, die hundertprozentig geheim bleiben müssen.
Und nicht nur Sie. Normalerweise bemühen wir uns, soviel von den Vorgängen rund um unser Team wie möglich von unseren Kindern fernzuhalten, um sie zu schonen, aber diesmal haben sie bereits viel zuviel gesehen. Diese Sache betrifft uns alle. Sie wird nicht in Westchester bleiben.” Mit einem melodischen Glockensignal, das im ganzen Haus zu hören war, rief Charles die Schüler zu sich ins Büro.

So schnell wie sich die drei Dutzend jungen Leute im Raum versammelten, war anzunehmen, dass sie ohnehin schon wie auf Kohlen draußen auf dem Gang gewartet hatten. Jubilee, Kitty und Piotr, die während der Abwesenheit ihrer Lehrer gemeinsam mit Remy auf die Kleinen geachtet hatten, gingen voran. Die kampfbereiten Teenager waren am meisten belastet von der Situation, ihre sonstige Fröhlichkeit war ihnen vollkommen abhanden gekommen. Sie setzten sich inmitten der aufgeregt tuschelnden Kinder auf den Boden und sahen den Professor auffordernd an. Auch wenn sie vielleicht zu jung dafür sein mochten, was sie gleich erfahren würden, sie wollten endlich genau wissen, was los war.

Charles wiederholte in zwei Sätzen den Kleinen gegenüber, dass sie über das zu schweigen hatten, was sie gleich erfahren würden, wie es mit so vielen Dingen sein musste, die ihr Leben hier bestimmten. Darüber brauchte man sich bei den Schülern zum Glück keine großen Gedanken zu machen. Ihr Leben als Angehörige einer gefürchteten, ausgestoßenen Rasse hatte sie früh gelehrt, wie wichtig Geheimhaltung für diese Schule war.

Bei jemandem, der die Kontrolle über eine ganze Nation hatte, sah die Sache da schon etwas anders aus, und Scott hatte im Vorfeld diese Eröffnung heiß mit Charles diskutiert. Doch sie kamen immer wieder zum selben Schluss. Diese Sache war längst über den Wirkungsbereich der X-Men, über die Angelegenheiten der Erde hinausgegangen. Wenn sie eingreifen wollten, würden sie Unterstützung von oben brauchen.
„Sie haben uns vertraut, jetzt müssen wir Ihnen vertrauen“, begann Charles, nachdem er sich selbst noch einmal regelrechte Starthilfe gegeben, tief und langsam eingeatmet, seine Hände verkrampft ruhig in seinem Schoß gebettet hatte. „Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn wir jetzt nicht gemeinsam die richtigen Entscheidungen treffen. Ein Unheil ist nicht über die Erde hereingebrochen, das vielleicht…“ Er hielt inne, schüttelte dann bedrückt den Kopf. „…das vermutlich nicht aufgehalten werden kann. Wir können es nur versuchen.“

‚Von mir erfährt niemand etwas, solange ich das verantworten kann‘, versicherte McKenna. ‚Aber bitte… Sagen Sie mir, was heute eine unserer Hauptstädte niedergebrannt hat. Wer war das?‘

„Ihr Name ist Doktor Jean Grey, und sie hat ursprünglich zu meinen Leuten gehört.“ Es wurde nicht einfacher, je öfter diese Tatsache ausgesprochen wurde. Mit jedem Mal, wo sich diese Sache mehr ins Bewusstsein prägte, das Wissen, dass Jean nicht mehr zu den X-Men gehörte… Dass, was immer sie jetzt war, weit entfernt von ihren ursprünglichen Idealen lag… Es brannte sich wie ein schmerzhaftes Mal in das Denken der Teammitglieder ein, eine rotglühende Sonne aus Wut und Schmerz, um die sich der eigene Geist immer wieder drehte.

McKennas Augenbraue wanderte verdächtig in die Höhe. ‚Ich wusste, dass mir dieses Gesicht, das im Moment in Zeitlupe durch die weltweiten Medien geht, bekannt vorkommt. Diese unbedeutende kleine Tatsache hätten Sie mir eventuell mitteilen sollen, bevor ich Sie unwissentlich auf eine Rachefehde geschickt habe.‘

„Das war es nicht“, stellte sich Scott sofort richtig, nicht ganz so überzeugend wie er hätte klingen können bei der nunmehrigen Gewissheit, dass auch die offiziellen Stellen Jean von ihrer früheren Öffentlichkeitsarbeit erkannt hatten und ihre Rolle in diesem Desaster damit der Welt preisgegeben war. Wie auch immer diese Sache ausgehen würde… Sie würde sich für ihre Taten früher oder später zu verantworten haben. „Unsere Probleme mit Magneto drehen sich seit Monaten um diese Vorrichtung, mit der er beinahe New York dem Tode geweiht hätte. Wir haben heute Morgen nicht ahnen können, dass in Wahrheit Jean unser Problem sein würde.“ Das entsprach nicht hundertprozentig der Wahrheit, nicht nach dem, was Jean mit Logan bei Alkali Lake gemacht hatte, aber wenn die Exekutive schon Spuren von Magnetos Maschine gefunden hatte, würde die kleine Notlüge hoffentlich McKennas berechtigte Kritik abschwächen.

‚Wie auch immer.‘ McKennas gereiztes Kopfschütteln ließ Scott wissen, dass das Thema noch nicht ganz erledigt war.
‚Also, womit haben wir es zu tun? Diese Frau ist doch keine normale Mutantin mehr, oder?‘

„Mister President, inwieweit sind sie über extraterrestrische Angelegenheiten informiert?“
Charles bedeutete den Kindern, die aufgeregt zu kichern begannen, ruhig zu sein. Diese Art von Geschichten war in der Mutant High immer ein beliebtes Thema. Nur die wenigsten Neuankömmlinge wurden gleich in solche großen Geheimnisse eingeweiht, aber die Erzählungen von Reisen zu fremden Welten und betörend schönen Außerirdischen gehörten auf alle Fälle zu den Lieblings-Gutenachtgeschichten, die die X-Men ihren Schülern oft erzählten.

‚Weniger als Sie, wenn ich Ihre Andeutung richtig interpretiere.‘ Ärger, nicht unbedingt in Richtung der X-Men gerichtet, klang durch diese Worte. McKenna nahm seinen Blick vom Monitor, um in seinem Schreibtisch nach etwas zu suchen, dass sich als Zigarrenpackung herausstellte, was die Kinder zu erneutem erstauntem Kichern verleitete.

„Der Präsident raucht!“, stellte Artie entrüstet fest.

‚Tun wir einfach ein paar Minuten lang so, als wäre ich nicht der Präsident der Vereinigten Staaten‘, gab McKenna mit einem schwachen Lächeln zurück. ‚Ich habe mich noch nie weniger so gefühlt, um ehrlich zu sein.
Sie haben ein Talent dafür, Finger auf wunde Punkte zu legen, Charles. Nein, mir liegen keine bestätigten Beweise über außerirdische Aktivitäten vor. Das muss aber nichts heißen, wie ich schon vor längerem festgestellt habe. Vieles geschieht in unserem Land im Verborgenen, und nicht immer sind die daran beteiligt, die eigentlich mit der Leitung und dem Schutz der Bevölkerung beauftragt sind. Wir versuchen das zu unterbinden, schwarze Schafe zu finden, aber mit jedem Regierungswechsel verschwinden gewisse Unterlagen und Mitarbeiter auf mysteriöse Weise. Es gibt Gerüchte, natürlich, aber keine Beweise. Wenn ich wild spekulieren sollte, würde ich sagen, dass an jedem Mythos über irgendwelche Aliens und UFOs in den letzten Jahrhunderten irgendetwas Wahres dran sein könnte. Aber die Leute, die wirklich darüber Bescheid wissen, mischen sich nicht in die Politik ein. Ich bin hier nur ein Drahtzieher, und ich fühle mich öfter blind, als mir lieb ist.‘

„In dieser Beziehung ist es auch besser, wenn die Menschheit blind ist“, erwiderte Charles freundlich, aber sehr bestimmt. „Dass wir nicht allein in diesem großen Universum sind, dürfte wohl trotzdem jedem klar sein, der über die Grenzen von humanoider Arroganz hinaussehen kann. Die wenigen Kontakte, die es zu einigen von diesen Entitäten gibt, wie zur Spezies der Shi’ar, beschränken sich auf sorgfältig ausgewählte Personen und Handelsbeziehungen, und jeder Schritt wird strengstens überwacht. Alles was darüber hinausgeht, würde diesen Planeten zum jetzigen Zeitpunkt überfordern, wo die Menschheit nicht einmal mit sich selbst klarkommt. Würden Sie mir da zustimmen?“

‚Wenn ich mir die kopflosen Mobs ansehe, die bei jedem Anlass die Vernichtung entweder Ihrer oder meiner Rasse fordern?‘ McKenna zog lange und tief an seiner Zigarre, geübt genug um zu erkennen, dass das saubere Nichtraucherimage hauptsächlich für die Kameras herhalten musste. ‚Bedingungslos.’ Mit einem bitteren Lachen stieß er den Rauch aus. ‚Wollen Sie mir erzählen, dieses Ding über dem E-Werk gestern… war ein Alien? Soviel zu harmlos.‘

„Ich sagte nicht, dass alles da draußen harmlos ist. Machen Sie nicht den Fehler, das zu denken, sollten Sie doch irgendwann Ihrer Neugier nachgehen und diese Informationen verwenden wollen“, warnte Charles leise, ernst. „Gerade von den Machenschaften des Imperiums der Shi’ar müssen wir uns deutlich distanzieren. So nützlich die Beziehungen zu dieser Spezies oft für uns sind, ihre Politik, andere Planeten in ihr Imperium zu integrieren, wenn nötig auch mit Gewalt, lässt uns gut daran tun, uns aus ihren Belangen herauszuhalten.“

„Reden Sie endlich, Xavier.“ Jetzt wo immer klarer wurde, in welche erschreckende Richtung sich dieses Gespräch wenden würde, fand Logan seine Sprache wieder. Er stützte sich mit beiden Händen schwer am Fensterbrett ab und wurde mit jeder neuen Enthüllung einen Ton blasser im Gesicht. „Wer war das vorhin? Lebt Jean oder nicht?“

„Ihr Geist war immer am Leben“, erklärte Charles gefasst, nüchtern, als wäre es die normalste Sache der Welt… und nur natürlich, dass er als einziger davon Bescheid gewusst hatte. „Ihr Körper wurde in den Wassermassen von Alkali Lake zerschmettert. Aber er wurde geheilt, mit der Hilfe von grenzenlos starker Telekinese, und, wenn ich mich nicht täusche, indem ihr Stoffwechsel um ein Vielfaches beschleunigt wurde. Und dasselbe macht Phoenix jetzt wieder. Darum ist sie verschwunden, um sich zu regenerieren. Sie braucht den Körper, um die Seele nicht zu verlieren.“

Phoenix?” Es waren drei oder vier Stimmen gleichzeitig, die fragten, auch Arties und Jubilees waren darunter, eine andere kam aus Washington. Die X-Men waren zu erschüttert davon, wie weit Charles‘ Schweigen in den letzten Monaten wirklich gegangen war, um auch nur diese einfache Nachfrage hervorzubringen.

„Phoenix ist das, was Jeans Körper und Geist befallen hat.“ Charles lehnte sich mit einem tiefen Seufzen in seinem Stuhl zurück, ließ seine Fingerknöchel in einer angestrengten Geste über seine Stirn wandern, nach Worten suchend. „Teilweise jedenfalls, und das ist unser schlimmstes Problem. Es ist immer noch Jean, sowohl körperlich als auch mental. Aber Phoenix hat vollkommene Kontrolle über sie. Jean ist nicht länger ein Mensch.“
 
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