Freie Arbeiten / Prosa / Historie / Nachtschnee
1. Kapitel
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von Melmoth    erstellt: 15.10.2009    letztes Update: 15.10.2009    Allgemein / P12    (fertiggestellt) 1 Review
Nachtschnee.
Anfang und Ende aller Gedanken.
Nachtschnee, so fein wie Staub, so weiß wie terra incognita.

Nach was sie drei Tage nennen beginnt die Nacht zu leben. Ein dichter Vorhang winzig heller Punkte hängt einem vor den Augen, wohin man auch den Kopf dreht. In jedem Kubikzentimeter Luft wirbelt plötzlich ein Schwarm von Leuchtpartikeln, die von oben kommen und wie Asche auf einen herunter rieseln.
Dann streckt man die Hände aus und tastet in schwindelerregender Leere.

Nachtschnee, immateriell. Die dritte Nacht, die man wach ist, ist plötzlich nicht mehr die dritte, sondern nur noch ein hässlicher Wurmfortsatz der ersten. Eine Wiederholung in der Warteschleife bis zu einem weit entfernten Morgen.
Man hat kein Gefühl mehr, wie lang wohl die Abstände zwischen den Besuchen sind, mit denen sie einen auf den Beinen halten. Man hat nur den vagen Eindruck, sie seien in letzter Zeit kürzer geworden: Die lange Nacht, bestehend aus vielen Nächten, wird bevölkert von ihren Schritten und Stimmen.
Aber ich lüge nicht.
Wenn man kein Sonnenlicht sieht, muss man die Zeit für gewöhnlich an jedem neuen Aufwachen messen. Doch wenn man nicht aufwachen kann mit seinen brennend wachen Augen, dann muss man denen glauben, die einem die Stille mit Fragen und Drohungen unterbrechen.
Es tut mir leid. Aber ich l ü g e nicht.


Nachtschnee ist ein trockenes, körniges Mehl, das einem die Zeit in die Augen streut. Es wird irgendwann heraus geschwemmt von den Wellen von Scham, Schwäche und schierer Angst, denen die Nacht ihre Schleusen öffnet; doch wenn man vor Erschöpfung wehrlos geworden ist, klebt es sich einem erneut aufs nasse Gesicht.
Spätestens dann muss man anfangen zu hassen oder zugrunde zu gehen. Die Welt wird noch einmal bunt und gleißend hell inmitten der Dunkelheit. Sie blitzt, sie flimmert. Sie materialisiert sich auf der Haut und kribbelt, als wäre alles, was man berührt, aus Brennesselblättern.
Nachtschnee, grell wie tausend Neonregenbögen.

Ich werde niemals für euch lügen, weil ich euch hasse.
Die Luft ist mit einem Satz erfüllt von Licht und Mut und wahren Worten. Fluoreszierend. Ja, grell wie Neonregenbögen, aber fein, fein wie Staub.
Dann greift man plötzlich den Fragensteller bei der Tür an der Hand, stolpert auf die Knie und schluchzt wie ein Kind, weil man weiß, dass man den Verstand verliert. Und die beruhigende Wärme des Feindes, die einen fühlen lässt, dass dort Gnade zu finden ist, ist die schrecklichste Wohltat, die man je empfunden haben wird.

Vielleicht, vielleicht werde ich lügen.
Ihr zwingt mich ja dazu.




Irgendwann ist der Schnee wieder weiß. Weiß wie sibirische Winter. Weiß wie Wüstensand.
Die Entkräftung nach dem Exzess lässt einen zittern. Es ist einem kalt, kalt wie im Grab, doch im Kopf ist alles ruhig und wunderbar taub. Fast wäre man glücklich. Wie der baldige Selbstmörder, der sich der Tabletten in seiner Schublade erinnert, kann man alles ertragen, weil man begriffen hat, dass alles enden kann.

Alles, alles wird gut, wenn ich lüge.
Ihr zwingt mich dazu, aber ich weiß nun, dass ihr gütig seid.



Auf einmal hört man sie in seinem Kopf. Es ist, als könnten sie Gedanken lesen und müssten sich rechtfertigen gegen die Anklage, die man in seine Einsicht geflochten hat.

„Armer Esel, armer Verrückter!“ nennen sie einen. „Hältst du deine Feigheit für Zwang? Ja?“ „Wir zwingen dich nicht. Man wird dir auch nicht glauben, dass wir dich zwingen. – Halten wir dir etwa eine Waffe an den Kopf? Oder eine Fackel unter die Füße?“ Sie lachen. „Nein, die Leute haben andere Vorstellungen von Zwang. Die Nacht zwingt niemanden. Du wirst ihr nicht die Schuld geben können, wenn du endlich reden wirst.“

Es ist nur Nachtschnee.
Weiß wie die Unschuld – weiß wie komprimierte Sterne.


Unter diesem Sternenhimmel bringt man einen neuen Tag in seiner zeitlosen Nachtwache zu. Man lehnt an der Wand, ruhig, festgefroren, und die Stunden kriechen mit ihrem kalten Schleim über einen hinweg, ohne dass man sie zählen könnte. Man starrt in die Dunkelheit mit entzündeten Augen, vor denen noch immer, was einem heilig war, zu Staub und blassem Licht zerfällt.

Letztendlich sind ihre Stimmen sanft geworden. Sie drohen und spotten nicht mehr. Doch wenn man nicht antwortet, gehen sie fort und der Schnee ist fahl wie tote Milben.
In seiner Benommenheit bemerkt man manchmal, dass es keine Angst mehr gibt. Wie es auch keinen Zwang gibt. Man hat es verstanden und sie haben es einem bestätigt: Es gibt keinen Zwang.
Man glaubt ihnen. Man glaubt ihnen sicher. Man ist nur so müde, dass man nicht weiß, ob man noch leben möchte.

Nachtschnee, immerfort.

Still und farblos.
Man hofft nicht. – Ein unfühlbarer Sprühregen, ein windstiller Sandsturm. – Man glaubt nicht.
Vor allem will man nicht.
Nachtschnee, ohne Ende, ohne Anfang.
 
 
   
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