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von Fhloston Paradise    erstellt: 11.10.2009    letztes Update: 14.05.2010    Geschichte, Romanze / P18 Slash    (fertiggestellt)
Auch wenn ich diesmal ziemlich lange mit mir gerungen habe, die Geschichte zu posten – da sie mal wieder noch nicht ganz zu Ende geschrieben ist – bin ich doch wieder am Start.

Diesmal gibt es eine kleine Änderung im Vergleich zu meinen bisherigen Erzählungen…ich wollte unbedingt mal eine Story aus Toms Sicht schreiben und…ich hab’s hiermit getan oder versucht.

Ach ja, vielleicht sollte ich den ein oder anderen noch vorwarnen... die Kapitel sind durch die Bank weg etwas länger, als ihr es von meinen bisherigen FF gewohnt seid. Für wen also eine Kapitellänge von durchschnittlich 4.600 Worten (eher mehr) zu langatmig ist, der sollte lieber die Finger davon lassen. Allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Lesen.



Disclaimer: Es gilt …sämtliche Charaktere, deren Handlungen und Beziehungen sind von mir frei erfunden und gehören damit mir, lediglich ihr Aussehen und ihre Namen sind ausgeborgt, sozusagen als Inspiration. Mehr nicht. Alles andere entspringt meiner Fantasie.


Kapitel 1

„Nein, nein, nein…das kann nicht wahr sein…nicht heute“, kann ich mich kaum beherrschen und könnte vor Wut das erstbeste was mir zwischen die Finger kommt  kurz und klein schlagen. Bloß weil mein Kackauto mal wieder nicht anspringt. Ich geb’s zu, ich bin von Zeit zu Zeit etwas unbeherrscht. Nicht gerade jähzornig oder gewalttätig, das nicht, aber ich raste gern mal aus und krieg mich nur schwer wieder ein.

So wie jetzt, gerade. Ich könnte mir vor Wut meine Cornrows raufen, wenn die mir nicht absolut heilig wären und ich von daher lieber meine Finger davon lasse.

„Scheiße, Scheiße, Scheiße…“, lasse ich meine Wut zwischen den einzelnen Startversuchen verbal und an meinem Lenkrad aus. Es ist ein Glück, dass ich allein in meinem Auto sitze. Jedes andere menschliche Wesen hätte vermutlich die volle Breitseite meines Frustes darüber, dass ich ausgerechnet heute, wo ich auf keinen Fall zu spät zur Arbeit erscheinen sollte, wenn mir mein Praktikumsplatz und meine Abschlussprüfung lieb ist, abbekommen.

Da wäre es mir auch egal, ob derjenige was fürs Verrecken meines Wagens kann oder nicht.  Aber, dass mein Auto mal wieder - wohlgemerkt schon zum zweiten Mal in diesem Monat - den Geist aufgibt, ist für einen Montagmorgen echt zu viel.

Ich geb’s ja zu. Es ist halt nicht einfach nur ein Auto, sondern ein echt schon reichlich betagter VW Käfer - also noch so ein Urmodell in hellblau, wie die halt damals vor über dreißig Jahren waren, nicht so’n neues Schickimickiteil von heute – wobei man sein Alter allein schon an dem ’H’ im Nummernschild erkennen kann, als Hinweis, dass es sich hierbei um einen historischen Wagen, also älter als dreißig Jahre, handelt. Also wesentlich älter als ich mit meinen 22 Jahren.

Und eigentlich liebe und hänge ich an meinem Auto. Immerhin hab ich das zum bestandenen Führerschein von meinem Vater geschenkt oder eher überlassen bekommen - da war das Teil auch schon 27 Jahre alt - das allein ist schon ein Grund den Wagen mit einer besonderen Zuneigung zu behandeln. Auch wenn sie – ja mein Auto ist eindeutig weiblich und trägt den in meinen Augen passenden Namen ’Tiffany’ – sich gerade mehr als undankbar erweist.

Nur heute fällt es mir echt schwer so mit der Zuneigung, da das blöde Teil mal wieder störrisch wie ein Esel und launisch wie ’ne Diva ist. Sozusagen die Naomi Campbell unter den Autos. Fehlt nur noch, dass das Vehikel mit irgendwelchen Teilen um sich wirft, wenn es nicht das bekommt was es will. Aber heute habe ich echt keine Zeit für solche Mätzchen. Ich. Muss. Zur. Arbeit. Dringend. Sofort. Pronto. Da führt kein Weg vorbei.

Ich arbeite als Fotograf, das heißt, noch bin ich in meinem Abschlusspraktikum, und kann es mir nicht leisten so wichtige Termine wie den heute einfach sausen zu lassen. Also muss eine Lösung her, wie ich hier weg komme.

Mit letzter Kraft möchte ich fast sagen, zwinge ich mich zur Ruhe, greife neben mir auf dem Beifahrersitz nach meiner Tasche mit der Fotoausrüstung, steige aus dem Wagen, immer darauf bedacht, meiner kleinen Diva nicht zu zeigen, wie weit sie mich heute am frühen Morgen schon zur Weißglut getrieben hat mit ihrer Weigerung zu funktionieren, wie es eigentlich ihre Aufgabe ist. Aber ich fürchte, meine hellblaue Diva weiß ganz genau, wie kurz vorm Ausflippen ich eigentlich stehe, immerhin habe ich ein Mordstheater bis eben noch veranstaltet. Und als ich jetzt die Autotür zuschlage - in meinen Ohren ganz normal, nicht energischer als an einem normalen Tag - kann ich trotzdem das schnippische 'Pff!’ von diesem echt hochgradig selbstgefälligen Auto hören.

Also ich bin nicht schizophren oder neige sonst wie dazu womöglich fremde Stimmen zu hören, oder nicht existente Personen zu sehen. Ich bin geistig ganz normal. Nur mein Auto nicht. Davon bin ich echt überzeugt. Egal.

Jetzt muss ich mich jedenfalls echt sputen, dass ich hier wegkomme. Genug über die Launen und ganz eigenen Wesensarten meines Autos philosophiert.

Da ich keine echte Alternative habe, kein Fahrrad, kein Moped oder sonst was Fahrbares, bleibt mir nur der öffentliche Nahverkehr übrig. Das heißt, auf zur Bushaltestelle. Ich kann nur hoffen, dass der auch bald kommt. Schließlich muss ich in einer halben Stunde in Berlin-Mitte, genauer gesagt am Hackeschen Markt, sein. Und ich befinde mich bis jetzt noch etliche Kilometer davon entfernt. Ich mag gar nicht daran denken wie weit genau.

Im Laufschritt hechte ich also die etwa hundert Meter zur Haltestelle, was mit meiner ansonsten heißgeliebten weiten Baggy auch so’n Kunststück für sich ist,  und habe das erste Mal heute Glück. Der Bus steht da und der Fahrer ist sogar so nett und wartet auf mich, während ich noch einen Zahn zulege, um mit hängender Zunge gerade noch rechtzeitig einzusteigen.

Okay, kein Fahrer, sondern eine Busfahrerin. Die mich amüsiert über meine mangelnde Kondition anlächelt, als ich mit meinem zwanzig Euroschein wedelnd, da ich nicht in der Lage bin einen zusammenhängenden Satz zu formulieren, vor ihr zum Stehen komme.

„Verschlafen?“, fragt sie mich, während sie mir anstandslos mein Wechselgeld rausgibt, was ja mal auch nicht so selbstverständlich ist, da es auch ganz andere Kandidaten unter den Busfahrern gibt, die da jedes Mal einen Riesenaufstand machen, wenn man das Fahrgeld nicht bis auf den Cent genau in den schwitzigen Händchen hält. Hab ja leider so meine Erfahrungen. Dank meiner divenhaften Tiffany.

Ich schüttle nur den Kopf, „Auto platt“, japse ich und sie lacht leise.

„Das ist böse. Aber nun sind sie ja hier. Dann ruhen sie sich mal aus von ihrem Spurt“, zwinkert sie mir zu und schickt mir noch ein Lächeln hinterher.

„Danke“, gebe ich mit schon etwas mehr Atem zurück, nehme mein Wechselgeld, meine Fahrkarte und steige die Treppe zum Oberdeck des Busses empor.

Wenn ich schon verdammt bin mit dem Bus zu fahren - mal wieder - dann will ich auch was sehen. Immerhin fährt mich der Bus mit der netten Fahrerin übern ganzen Kudamm, da gibt es immer was zum Gucken. Und den besten Ausblick hat man nun mal ganz vorne, wo man praktisch direkt hinter der Frontscheibe sitzt und sich wie ’The King of the road’ persönlich fühlt, so einen Weitblick über die Straße und alle Menschen hat man.

Um noch mehr, vor allem von den Geschäften und den Leuten unten, sehen zu können, setze ich mich also auf die rechte Seite ans Fenster. Und da mir heute sowieso schon alle Regeln egal sind, so angepisst bin ich momentan, stelle ich meine Füße auf die Ablage vor mir, was ja eigentlich nicht gestattet ist. Interessiert mich nicht. Soll bloß einer kommen und mich blöde anmachen. Der kann sein blaues Wunder erleben. Ich darf das. Jedenfalls heute. Bin schon genug für einen Tag geärgert worden befinde ich, da darf ich auch mal ein bisschen bockig sein und mich daneben benehmen.

Als ich endlich gemütlich sitze, suche ich als erstes mein Handy und rufe meinen besten Freund - und den besten Freund meiner kleinen Diva Tiffany, sprich meines Autos - an.

Georg. Seines Zeichens Kfz-Meister, Besitzer einer Autowerkstatt, die er von seinem Vater übernommen hat, und mit Herz und Seele Oldtimerbastler.

Für ihn gibt es nichts, oder fast nichts, Schöneres, als wenn mein Wagen mal wieder krepiert. Das ist für ihn wie Geburtstag haben. Aber vor allem kann ich mir bei ihm wenigstens ganz sicher sein, dass er erstens meine Tiffany mit genügend Respekt behandelt, weil Georg weiß, was sie mir bedeutet, tief in meinem Herzen, und zweitens, dass er immer nur das repariert was auch wirklich notwendig ist. Keine ominösen Teile, die jetzt unbedingt ausgetauscht werden müssten, so wie man das von üblichen Vertragswerkstätten her kennt, was man ja so als Laie echt nicht nachvollziehen kann. Das könnte ich mir auf die Dauer gar nicht leisten. Ich kann prächtige Fotos machen, wirklich, aber von Autos versteh ich echt nicht viel. Übers Fahren und Tanken bin ich nicht hinaus gekommen. Für alles andere habe ich Georg. Zum Glück.

Georg hat bisher meine Tiffany jedes Mal wieder zum Laufen bekommen. Dass das dann immer nicht lange anhält liegt nicht an ihm, sondern einfach am Alter des Wagens.

Wie auch immer. Versuchen wird er es auch diesmal wieder. Bis zum nächsten Mal fürchte ich.

Mit dem Tuten im Ohr warte ich darauf, dass Georg endlich ans Telefon geht und lasse solange meinen Blick aus dem Seitenfenster über die kleine Menschenmenge, die sich hier jetzt gerade an der Haltestelle geduldig, oder einfach nur noch im Halbschlaf, aufgestellt hat, um gleich mir, an ihr Ziel, wo auch immer, gebracht zu werden.

Es tutet immer noch und ich bin kurz davor erneut aus der Haut zu fahren, weiß ich doch, dass Georg eigentlich zu dieser Zeit, immerhin ist es bereits kurz vor halb zehn Uhr morgens, in seiner Werkstatt sein müsste. Aber genauso weiß ich auch, dass Georg ein notorischer Zuspätkommer und Verschläfer ist, weswegen ich es jetzt ein weiteres Mal versuche, aber diesmal auf seinem privaten Handy.

Mein Blick nach unten zur Haltestelle zeigt mir, dass alle Wartenden inzwischen eingestiegen sind, die Türen schließen sich, was sich an dem Zischen bemerkbar macht, der Bus setzt an, um sich nach links wieder in den fließenden Verehr einzufädeln, da sehe ich in etwas zwanzig Metern Entfernung noch so eine arme Gestalt wie mich in einem Affenzahn auf den Bus zurennen.

Eine Hand umklammert krampfhaft die große schwarze Tasche, die langen Beine in den schwarzen Jeans scheinen den Boden kaum zu berühren, die ebenfalls schwarzen Haare wehen nur so bei dem Laufschritt und kurz vorm Bus fliegt eine Hand hoch um zu winken und oh Wunder, der Bus hält wirklich noch einmal in seinem Einfädelversuch an, um den abgehetzten Fahrgast einzulassen.

Ein Hoch auf die nette Busfahrerin denke ich nur.

Als der Bus keine zehn Sekunden später schließlich anfährt meldet sich auch endlich Georg in meinem Ohr.

„Joah Tom, was gibt’s denn?“, kommt es ungewohnt munter von ihm.

„Man Alter, wo bist du denn gewesen? Ich versuch seit einer geschlagenen viertel Stunde dich zu erreichen…“, was ja mal nur ein bisschen übertrieben ist, aber egal, ich kann ja wenigstens versuchen Georg ein kleines schlechtes Gewissen einzureden. Funktioniert bloß nicht, wie ich feststelle. Hätte ich mir aber auch gleich denken können.

„War beschäftigt“, kommt es lapidar von ihm.

Na ich kann mir schon vorstellen, wie seine Beschäftigung aussah. Ich tippe mal auf seine momentane ’Sekretärin’, die im Büro der Werkstatt arbeitet.

„War deine ’Beschäftigung’ etwa rein zufällig rothaarig, mit langen Locken, grünen Augen und ellenlangen Beinen?“, bringe ich es auf den Punkt, während mich ein leises Kichern von links zur Seite blicken lässt.

Da sitzt doch tatsächlich dieses eben noch dem Bus hinterher gehechtete Wesen auf demselben Platz wie ich, nur halt auf der linken Seite, und grinst sich einen ab, während die schlanken Finger mit den schwarzlackierten Nägeln flink auf dem Handy rumtippen. Den Blick konzentriert auf das Display und trotzdem beschleicht mich das Gefühl, dass das Kichern mir galt und nicht der Information auf dem Handydisplay. Aber Georgs Stimme hindert mich an weiteren Überlegungen und bringt mich wieder zurück zu dem eigentlichen Grund meines Anrufes bei ihm.

„Woher weißt du das nur immer so genau…“, gibt er kein bisschen verlegen, sondern eher amüsiert, von sich. Na wenigstens ihm scheint es gut zu gehen, wie ich seinem zufriedenem Tonfall entnehme.

„Na woher wohl….“, bleibt mir nichts anderes übrig als jetzt auch zu lachen. "Ich kenn dich besser als du dich selber, schon vergessen mein Lieber?“

„Ja hast ja schon Recht. Aber deswegen rufst du doch bestimmt nicht zu dieser Zeit an, oder? Lass mich raten…dein Schnuckelchen hat dich mal wieder im Stich gelassen, oder?“, bringt er es mal direkt auf den Punkt und sofort fällt meine kurzzeitig gute Laune wieder in sich zusammen.

„Und wie…volles Pfund. Die totale Zicke. Nix rührt sich mehr. Tote Hose. Kann du vorbei kommen und sie abschleppen und dich um sie kümmern?“, bitte ich ihn und kann von links inzwischen ein leises Zischen, was sich ganz ähnlich meinem Gekeife vorhin über mein geliebtes Auto anhört. Oh oh, da hat wohl noch jemand einen schlechten Start in die Woche, so wie ich. Irgendwie tröstet mich das für einen kurzen Moment, auch wenn das eigentlich gemein ist, denn eigentlich wünscht man keinem so einen stressigen Morgen.

„Armer Tommi“, höre ich wieder Georg, “klar komm ich und hol deinen Wagen. Aber ich kann frühestens heute Mittag vorbeikommen und ihn abschleppen, vorher schaff ich das nicht.“

„Ja, schon klar. Kein Problem, darauf kommt’s jetzt auch nicht mehr an. Hauptsache du biegst das wieder hin. Ich meld mich heute Abend, wenn ich Feierabend habe bei dir, vielleicht kannste mir dann schon ungefähr sagen, wie viel sie mich diesmal kosten wird und wann sie wieder einsatzbereit ist“, bin ich ja schon froh, dass er es immer wieder so einrichten kann, dass er sich nebenbei, sozusagen als Freundschaftsdienst, um meine kleine Diva kümmert und mich das bisher immer nur die Materialkosten gekostet hat. Die Arbeitsstunden sind jedes Mal ein Geschenk von Georg an mich , was mich zwar immer wieder etwas verlegen macht, aber andernfalls könnte ich mir das Mistauto echt schon lange nicht mehr leisten. Ich versuche mich dann immer damit zu beruhigen, das er seinen Spaß daran hat, an so einem Oldtimer rumzuschrauben.

Aber so ist er nun einmal. Eben ein wahrer Freund und seinen Freunden gegenüber total uneigennützig. Man kann sich keinen besseren wünschen.

So verabschieden wir uns voneinander und ein Blick auf die Straße zeigt mir, dass ich auch schon an der übernächsten Haltestelle, Bahnhof Zoo, aussteigen muss, um in die S-Bahn umzusteigen, die mich an mein eigentliches Ziel bringen wird.

Mein Handy in der Fototasche verstauend, höre ich immer noch gedämpftes aber eindeutig aufgebrachtes Schimpfen von links.

„Dicker“, wütet es neben mir, dass es mich fast wundert noch keine kleinen Rauchwölkchen zu sehen, “wie konntest du nur…ich fass es nicht….ich weiß, dass du heute deinen freien Morgen hast und ich dich geweckt habe…ist mir egal, du hast es verdient… Und so was nennt sich nun bester Freund. Ich dachte immer, dass du mich, wohlgemerkt deinen besten Freund noch aus Kindergartentagen, besser kennst…ich fass es nicht.“

Erst da wird mir bewusst, dass es sich bei meinem Sitznachbarn um einen jungen Mann, schätzungsweise in meinem Alter, handelt. Immerhin versteht man ja landläufig unter dem Begriff ’bester Freund aus Kindergartentagen’ ein männliches Wesen, oder?

Etwas genauer sehe ich ihn mir an, während er stumm, aber mit schmal zusammengekniffenen Lippen, anscheinend besagtem ’Dicken’ zuhört. Kein gutes Zeichen, für seinen Freund am anderen Ende, finde ich.

„Ja, ich weiß, dass du es gut meinst …trotzdem…du weißt aber auch, dass ich so’ne Typen nicht abkann und dass das heute früh mit dem Kerl in meinen Augen bloß verschwendete Lebenszeit war, da kann die Wohnung noch so toll sein…“, kommt es immer noch schnippisch von ihm.

„Ja, na toll…und nur wegen dir und deinem gut gemeinten Was-auch-immer-Versuch, komme ich jetzt zu spät zur Arbeit…und hast du eine Ahnung wie ich meinem Chef klar machen soll, dass ich wegen eines strunzdummen, schwanzgesteuerten, Kerls mal wieder zu spät komme…der bringt mich um…also mein Chef bringt mich um…der hat mich doch sowieso auf’m Kieker und ich brauch doch die Arbeit….“, wirkt er jetzt  echt überfordert und verzweifelt, worum es auch immer geht. Fast bekomme ich Mitleid mit ihm, wie er da so wild mit der freien Hand in der Luft rumwedelt, um seiner Verzweiflung noch mehr Ausdruck zu verleihen und doch so verloren wirkt.

„Na, erzähl mir doch nichts…wenn du von so ’nem Kerl, dem man  auf den ersten Blick ansieht wie schwul der ist…“, verstummt er plötzlich, was aber seiner aufgebrachten Miene keinen Abbruch tut

„Okay, okay…er sieht echt toll aus, aber das war’s auch schon.  Der hat das  Hirn eines Toastbrotes und ist so gefühlsarm wie ein Küchenstuhl. Und erzähl mir doch nichts,… wenn du gleich am frühen Morgen, bei einer harmlosen Wohnungsbesichtigung wohlgemerkt,  gefragt wirst, ob du lieber oben oder unten liegst…wärst du auch durch’n Wind…“, überschlägt sich fast seine Stimme.

Ah! Beziehunsgprobleme oder eher ’ne saudämliche Anmache tipp ich mal. War ja nicht schwer. Auf jeden Fall liebt es da aber einer theatralisch. Aber unterhaltsam, denke ich spontan und kann mir jetzt meinerseits ein leises Kichern nicht verkneifen. Ich weiß, ich bin gemein. Aber nur ein kleines bisschen. Das ist halt meine kleine Rache für sein Kichern vorhin. Und trotzdem schüttle ich über mich selber den Kopf. Solche Gedanken hab ich mir ja auch noch nie über mir wildfremde Personen gemacht.

Ein kurzer Blick von links zu mir, aufgrund meines Kicherns, lässt mich schnell wieder verstummen und nach vorne gucken, wodurch  er wiederum realisiert, dass er doch nicht ganz allein hier ist.  „Okay, okay, wir reden heute Abend, wenn ich Schichtende habe noch mal drüber. Ja schon klar…ich weiß, du bist der beste Freund den ich haben kann,…weiß ich doch…und du weißt es auch…Ciao Dicker“, beendet er mit einem tiefen Seufzen das Gespräch und bleib noch ganz in Gedanken versunken, wie es mir scheint, mit dem Handy in der Hand sitzen. Bis er fast panisch ein „Shit“, ausruft, sein Tasche greift und mich damit ebenfalls aus meinen abdriftenden Gedanken, in erster Linie um Beziehungen oder was auch immer und deren mögliche Folgen, reißt.

Während mein Kopf erschrocken nach links ruckt, sehe ich den jungen Mann gerade noch aufstehen, den Bus nach hinten durchgehen und die Treppe runter zum Aussteigen verschwinden, bis mir bewusst wird, dass ich es ihm lieber nachtun sollte, will ich nicht noch bis zur Endhaltestelle mitfahren.

Mit mir selber gar nicht zugetrauter Geschwindigkeit an diesem Morgen, stehe ich auch schon unten vor der Tür des Busses auf dem Bürgersteig und mache mich mit zügigen Schritten auf, um über den Bahnhofsplatz zur S-Bahn zu kommen. Immerhin muss ich ja noch eine gute viertel Stunde mit der Bahn fahren und kann nur hoffen, dass ich jetzt nicht noch ewig warten muss. Ansonsten komme ich doch zu spät in die Agentur, bei der ich zurzeit mein halbes Jahr Praktikum mache. Das heißt  jetzt sind es nur noch etwa vier Wochen.

Meine Schritte führen mich über die Straße in die Bahnhofshalle, die Treppe hoch und dort erstarre ich erstmal bei der Menschenmenge die sich mir auf dem Bahnsteig bietet.

Auch das noch. Die digitale Anzeige, informiert uns, die in diesem Falle leidtragenden Fahrgäste, dass die S-Bahn aufgrund eines technischen Defektes und von daher notwendigen Reparaturarbeiten nur eingeschränkt, heißt, in einem Zwanzig- Minuten- Takt, fährt.

Das erklärt die Menschentraube hier auf dem Bahnhof. Und wenn ich ehrlich bin, macht mich das alles andere als froh, bin ich doch in der Beziehung …wie soll ich sagen… ängstlich?... furchtsam?…panisch?…kindisch?

Ich hasse solche Menschenansammlungen, solch ein Gedränge. Wo man zwischen lauter fremden Leuten eingequetscht steht und nicht vor und zurück kann. Wo man das Gefühl hat, man bekommt keine Luft und es fehlt nicht viel und man kippt um. Nur die um einen rum ebenfalls genervten Mitfahrenden halten einen davon ab lang hinzuschlagen. Das Herz rast, der Puls überschlägt sich, in den Ohren rauscht es, man spürt den kalten Schweiß, Angstschweiß, den Rücken runterlaufen, man weiß, du kommst hier nicht raus, erst wenn der Zug im nächsten Bahnhof anhält und die anderen so gnädig sind und dich rauslassen…ich weiß, das sind schlichtweg Panikattacken, die mich zum Glück nicht oft oder nur in solchen Situationen, wo sowieso alles mehr als stressig und irgendwie aus dem Ruder läuft in meinem Leben, überfallen.

Aber dann mit voller Wucht. Und allein das Wissen, dass es mich höchstwahrscheinlich, wenn ich erstmal in der jetzt gerade einfahrende Bahn eingequetscht stehe, eiskalt erwischen wird, lässt mein Herz sich überschlagen und ich kann schon spüren, wie sich meine Atmung beschleunigt und würde am liebsten umdrehen, nach Hause zurückgehen, am liebsten zu Fuß um wieder genügend Luft in meine Lungen zu bekommen, und mich für den Rest des Tages in meinem Bett verkriechen.

Aber das Wissen, dass ich mir das nicht leisten kann, immerhin ist heute der erste wichtige Termin für unsere Abschlussarbeit, eine Art Wettbewerb unter den Studenten meines Jahrganges, lässt mich nicht sofort wieder umdrehen.

Ich hole noch so lange tief Luft wie ich kann und zwinge mich wirklich in die Bahn einzusteigen. Ich bleibe direkt an der rettenden Tür stehen, woanders ist allerdings auch kein Platz mehr, halte mich mit verkrampfter Hand an der Haltestange fest und schließe ergeben, und ich muss gestehen vor Angst, meine Augen.

Spüre, wie sich die Tür hinter mir schließt, fühle mich augenblicklich eingesperrt und verloren. Fühle das Ruckeln der Bahn durch meinen ganzen Körper, als sie sich in Bewegung setzt und konzentriere mich nur auf meinen eigenen Atem. Ein, aus, ein, aus…immer weiter, nicht aufhören…ganz ruhig, nicht panisch werden. Am liebsten würde ich jetzt quer durch den Waggon rennen, solch einen Bewegungsdrang habe ich und habe gleichzeitig das Gefühl mein Herz kollabiert, Todesangst, meine Beine sind aus Pudding und geben nach…dabei ist das alles nur Einbildung…weiß ich ja …nutzt bloß nichts. Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass es ja bloß fünf Stationen sind.

’Du schaffst das’ sage ich mir immer wieder auf. ’Stell dich nicht so an’ rufe ich mir innerlich selber zu. ’Denk an was schönes’, was ja mal gar nicht so einfach ist, wenn man es unbedingt will. Mir will partout nichts einfallen und als die Bahn auch noch mitten auf der Strecke langsamer wird, hilft alles nichts mehr. Ich reiße panisch meine Augen auf, um hektisch wie ein gehetztes Tier durch den Waggon zu blicken, auf der Suche nach einem Fluchtweg.

Den ich in einem paar brauner Augen finde, die sich nur etwa zwei Meter von mir entfernt befinden und mich jetzt mit so einer Ruhe ansehen, direkt ansehen, nicht nur oberflächlich, sondern mir direkt in mein gerade schwer kämpfendes Herz, was sich sträubt sich dieser immer noch lauernden Panik zu ergeben und wild um sich schlägt, blickt.

Selbst in meinem Angstzustand erkenne ich diese Augen wieder, schwarz geschminkt und mit solch einem ganz speziellen Glanz, und damit den jungen Mann von vorhin aus dem Bus. Ein zaghaftes Lächeln von ihm, lässt mich endlich wieder etwas ruhiger ausatmen.

Dass die Bahn inzwischen schon wieder weitergefahren ist, bemerke ich nur nebenbei und komme erst wieder zu mir, als sich hinter mir die Tür öffnet und mir damit signalisiert, dass wir in den nächsten Bahnhof eingefahren sind.

Um die Fahrgäste, die hier aussteigen wollen, rauslassen zu können und nicht unnötig im Weg zu stehen, muss ich gezwungenermaßen ebenfalls erst einmal aussteigen, um wenig später notgedrungen wieder einzusteigen. Mein Platz an der Tür ist mir zum Glück auch weiterhin sicher und ich bemerke zu meiner insgeheimen Erleichterung, dass der junge Mann mit den so auf mich beruhigenden Augen nicht mit ausgestiegen ist, sondern ebenfalls noch weiterfährt.

Noch drei Stationen. Und ich suche haltsuchend nach meinem Rettungsanker, den braunen Augen, die urplötzlich ziemlich nah bei mir auftauchen, nämlich genau vor mir. Diesmal nur wenige Zentimeter vor mir. Kein ganzer Meter Abstand mehr.

Ein erleichtertes Durchatmen, weil ich mir nicht mehr ganz so hilflos und verloren vorkomme, solange ich in diese braunen Augen schauen kann, verrät mich.

„Nicht soviel denken, lass deine Gedanken einfach los….“, höre ich ihn sagen und ich kann nicht anders, als ganz fasziniert seinen Worten zu lauschen. Wie macht er das?

„Na, das sagst du so…“, rutscht es mir gequält raus, bevor ich mir bewusst mache, dass ich damit meine Schwäche preisgegeben habe.

Aber kein blöder Spruch oder gut gemeinter Ratschlag, wie ich es sonst schon von anderen gehört habe, kommt darauf von ihm. „Ja ich weiß. Ist einfacher gesagt als getan, aber versuchs einfach. Sieh mich an…“, kommt er mir noch ein Stückchen näher, was mich bei jedem anderen hier in dieser Situation in Schreikrämpfe hätte ausbrechen lassen, weil mir solche eine Nähe einfach unerträglich wäre, aber seine Präsenz und seine immer leiser werdenden Worte an mich, fast ein Flüstern, nur für mich bestimmt, lassen mich immer ruhiger werden. Zwingen mich indirekt dazu, ihm gebannt zuzuhören, gefesselt in seinem mich so hypnotisierenden Blick, vergesse ich alles um mich herum und höre nur noch seine Worte, wie eine Beschwörungsformel.

„Sieh mich einfach an, es ist kein anderer da, wir sind ganz allein hier, du brauchst dir keine Gedanken zu machen, entspann dich einfach einen Moment, keine Zwänge, keine Enge, keine Grenzen, alles ist möglich, alles ist frei, du bist frei…“, ich merke erst, dass ich ihn mit offenen stehenden Mund förmlich anstarre, als er mich plötzlich mit einem scheuen Lächeln fragt, „bis wohin fährst du denn?“, und ich perplex ohne nachzudenken antworte, „Hackescher Markt“, antworte.

„Ich auch“, gibt er ganz locker zurück und ich schließe fast etwas beschämt darüber, dass ein mir Wildfremder mich soweit gebracht hat ihn in aller Öffentlichkeit anzustarren, meinen Mund und nicke nur stumm. Wahrscheinlich weil ich total überfordert bin, und ich befürchte, mich hier endgültig zum Horst zu machen.

Aber ihn scheint das nicht im Mindesten irgendwie zu beunruhigen, dass ich ihn wie ein Naturwunder angaffe und mich auf der anderen Seite wie ein Kind fürchte, was mir im Moment allerdings völlig abgeht. Ich meine, nix Panik mehr, keine Atemnot, kein drohender Herzinfarkt, keine Todesangst mehr. Nur noch die jetzt an mich gerichteten Worte von ihm höre ich, während sich die Tür hinter mir erneut öffnet und er mich mit den Worten, „Ich muss hier raus und ich denke du auch“, am Arm packt.

Und schon zieht er mich aus dem Waggon, sodass ich jetzt vor ihm auf dem Bahnhof stehe und wirklich rot werde, bei meiner Verpeiltheit. Habe ich doch überhaupt nicht bemerkt, wie die weitere Fahrt und die anderen Stationen an mir vorbeigerauscht sind. Und nun steh ich hier auf meinem Zielbahnhof und vor mir…wie soll ich sagen, ein menschliches Wunder, oder ein übernatürliches Wesen?...wie auch immer, aber auf jeden Fall ist dieses Wesen mit einer ganz besonderen Gabe, einer ganz besonderen Art gesegnet. Er hat ein ganz spezielles Charisma, dem man sich, wenn er einen so direkt gegenüber steht, nur schwer entziehen kann. Ich habe keine Ahnung was es ist, es ist einfach da.

„Okay. Alle klar bei dir?“, lässt er meinen Arm los und ich nicke zur Bestätigung, bringe aber kein Wort raus. „Gut. Dann wünsche ich dir noch einen schönen Tag, ich muss denn auch mal, sonst komm ich doch noch zu spät und eigenartigerweise fehlt meinem Chef da immer so jegliches Verständnis für. Ciao und mach’s gut“, schenkt er mir noch ein ganz ungezwungenes Lächeln, dreht sich um und verschwindet in der Menge, während ich wie der Obertrottel vom Dienst hier stehe und ihm hinterher sehe.


Das war denn mal der Einstieg…ein Anfang würde ich sagen. Wenn ihr hier angekommen seid, und somit durchgehalten habt, kann ich nur ehrlich und erleichtert sagen, Danke…. Vielleicht sehen wir uns ja am kommenden Mittwoch (wie gehabt, für alle die mich schon kennen, also keine Umgewöhnung *grins*) wieder. Bis dahin…LG Fhlosti
 
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