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Geschichte: Fanfiktion
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von Caro3
erstellt: 08.10.2009
letztes Update: 09.10.2009
Geschichte, Abenteuer / P16 Slash
(fertiggestellt)
2. Kapitel
Es war früher Morgen, als sich der nächtliche Sturm legte und die Wolken der Sonne Platz machten. Gleißendes Licht fiel durch die Scheibe auf Gabrielles Bett und senkte sich auf die Urne an ihrer Seite. Gabrielle blinzelte, als der helle Strahl direkt in ihr Gesicht fiel. Sie fuhr mit der Hand über die Urne und presste ihre Lippen auf das geschwungene Deckelmuster. Ich habe geschworen, dass ich dich zu Lyceus bringe. Noch heute werde ich aufbrechen.
Ein Klopfen ließ Gabrielle hochfahren. Kurz darauf schob Meg ihren grauen Haarschopf durch die Tür. „Wir dachten uns, dass du bestimmt schon wach bist - falls du überhaupt geschlafen hast.“ Sie sah prüfend in das fahle Gesicht der jüngeren Frau. Isst nicht, trinkt nicht, schläft nicht. Wie sollte das noch werden?
„Möchtest du Frühstück, Gabrielle?“
„Nein danke, ich möchte so früh wie möglich aufbrechen.“
Meg schüttelte den Kopf. „Dachte ich mir. Das wird Virgil nicht gefallen.“
„Ich weiß.“
„Soll ich dir nicht wenigstens etwas Brot einpacken?“
„Wirklich nicht, Meg. Ist lieb gemeint.“
„Ich packe dir etwas Nussbrot ein.“
Gabrielle musste lächeln über Megs entschlossenen Miene, die so sehr an Xenas erinnerte. Inzwischen sah Meg aus wie eine erheblich breitere Version von Xena, aber sie war noch immer mindestens ebenso starrsinnig, wenn es um Gabrielles leibliches Wohl ging. „Danke, Meg. Nussbrot wäre großartig…“
„Das will ich meinen.“ Virgil tauchte unter der Schulterbeuge seiner Mutter auf, in den Armen einen Haufen Pergamentrollen. Etwas verlegen schaute er auf die schöne Frau in seinem Gästebett. „Ich dachte, die könntest du brauchen auf deiner Reise. “Gabrielle sah unschlüssig auf die leeren Schriftrollen. „Ja, vielleicht hast du recht“, sagte sie schließlich und nahm ihm das Papier ab. Mit zitternden Fingern öffnete sie das Band einer Rolle. Sofort drang ein vertrauter, leicht modriger Geruch in ihre Nase und mit ihm eine Flut von längst vergangenen Bildern in ihr Bewusstsein.
„Eine Bardin muss schreiben, um zu überleben, meinst du nicht?“
„Wofür?“ entfuhr es ihr. Sofort bereute sie ihre Bemerkung und sie legte beschwichtigend ihre Hand auf Virgils Arm. „Ich danke dir, Virgil. Wahrscheinlich werde ich sie schneller brauchen als ich denke.“
„Sehr wahrscheinlich“, antwortete er „Und weißt du, was du noch brauchst?“ Er zog ein braun-weißes Kleidungsstück hinter seinem Rücken hervor. „Du brauchst deinen Mantel wieder, sonst wirst du niemals wieder anonym durch Griechenland ziehen können.“
* * *
Kurze Zeit später saß Gabrielle in ihrem Ledermantel auf Virgils Lila und verabschiedete sich von ihren Freunden. Es dauerte nicht lange, da waren Virgils Schafe nur noch so groß wie das kleine Holzspielzeug, das Xena ihr einst geschenkt hatte. Der Gedanke ließ Gabrielle tief durchatmen. Entschlossen presste sie die Stiefel in die Seiten ihrer Stute und beschleunigte ihren Lauf. Sie wollte Amphipolis so schnell wie möglich erreichen.
Gabrielle wählte einen Weg fernab von der Route, die Xena und sie üblicherweise zu nehmen pflegten. Zu groß war ihre Sorge, auf Menschen zu treffen, die sie kannte, und auf deren Fragen keine Antworten geben zu können.
Die Sonne war schon weit in den Westen gewandert, als Gabrielle beschloss, in einem der Dörfer Halt zu machen. Sogleich drang fröhliche Musik an ihr Ohr und sie folgte dem Lautenspiel in eine Seitenstraße. Die kleine Schenke dort war sauber und gut gefüllt. Rechts von der Eingangstür befand sich eine Holzbühne, auf der drei alte Musiker folkloristische Weisen spielten. Gabrielle setzte sich an einen der hinteren Tische und lauschte den vertrauten Melodien. Der Wirt, ein hochgewachsener Mann mit einer tiefen Narbe über dem rechten Auge, hatte alle Hände voll zu tun. So dauerte es eine Weile, bis er ihr das bestellte Glas Wasser auf den Tisch stellte. Er sah etwas abschätzig in ihren Becher, verbeugte sich aber höflich, als sie ihm einen Dinar Trinkgeld auf den Tisch legte.
Im Hintergrund hatten die Musiker aufgehört zu spielen und ein schmächtiger Mann in einem grünen Umhang betrat die Bühne. „Mein Name ist Caduceus. Ich bitte um eine milde Spende für einen armen Barden, der nur für die Kunst lebt.“ Er blickte aufmunternd die Runde. „Ich sehe schon, ihr wollt erst eine Geschichte. Nun gut, hier habt ihr sie. Ich singe von Göttern und Menschen und von dem, was sie trennt und verbindet.“
Gabrielle betrachtete den dürren Mann mit einer Mischung aus Wehmut und Neugierde. Es war lange her, dass sie selbst diejenige gewesen war, die in einer Schenke Geschichten erzählt hatte. Und bei Zeus, sie könnte ein paar Dinare gut gebrauchen. Dennoch verspürte sie keinen Impuls, sich zu dem Mann auf der Bühne zu gesellen. Mit Xena hatte sie auch die Muse verlassen, eine besonders bittere Tatsache, bedachte man, dass es hier um ihren Lebensunterhalt ging.
Caduceus räusperte sich und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Gabrielle musste lächeln bei seinem Anblick, sie kannte diesen Augenblick der inneren Sammlung nur zu gut. Inzwischen war es still geworden im Saal und alles sah erwartungsvoll auf die Bühne. Endlich hob der Barde seinen Kopf, ein listiges Leuchten in den Augen. Mit kräftiger Stimme begann er seine Geschichte:
„Es war einmal eine Zeit, vor vielen tausend Jahren, da hatten alle Menschen zwei Köpfe, vier Beine und vier Arme. Alle Menschen waren glücklich. Und wie ihr euch denken könnt, gefiel das Zeus nicht. Kein Mensch sollte glücklicher sein als die Götter. Und so ließ Zeus Blitz und Donner auf die Menschen herabfahren und alle Menschen teilten sich in zwei Hälften. Ein großes Chaos entstand. Und von da ab versuchten die Menschen…“
Der Rest der Erzählung entging Gabrielle. Sie war abrupt aufgestanden, hatte nach ihrer Tasche gegriffen und war aus der Gastwirtschaft gestürmt. Zurück blieben zwanzig verdutzte Tavernenbesucher und ein gekränkter Barde. Draußen schaffte sie es gerade noch, ihre Tasche auf Lilas Sattel zu werfen, bevor sie sich übergab.
„Junge Dinger wie du sollten lieber die Finger vom Alkohol lassen“, kommentierte eine ältere Frau im Vorübergehen.
Ohne zu antworten, nahm Gabrielle die Zügel ihres Pferdes und führte ihren Schimmel ein paar Straßen weiter an einen Wassertrog. Sie befand sich erneut vor einer Schenke, diese jedoch sah weitaus heruntergekommener aus.„Poseidons Küche“ stand in vermoderten Buchstaben über der Eingangstür und Gabrielle hoffte, dass es drinnen nicht buchstäblich so aussah wie auf dem Meeresboden.
Einen kurzen Moment vergrub Gabrielle ihr Gesicht in Lilas Mähne, bevor sie ihr einen zärtlichen Klaps gab und das Gebäude betrat. Drinnen empfing sie ein muffiger Geruch von Alkohol und Schweiß. Männliche Stimmen grölten aus der Ecke hinter dem Tresen. Es war so dunkel, dass man die Gestalten an den Tischen kaum erkennen konnte. Gabrielle hielt unwillkürlich den Atem an, nicht länger als eine kurze Mahlzeit würde sie hier bleiben.Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, setzte sie sich an einen Ecktisch und legte Megs ungeöffnetes Nussbrot vor sich auf den Tisch. Wenn sie es nicht schaffte, endlich etwas zu sich zu nehmen, würde sie die Reise nicht durchstehen. Doch allein der frische Geruch des Brotes ließ ihren Magen rebellieren. Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Aber sag’ mir wie? Komm’ zu mir zurück und ich esse an diesem widerlichen Ort alle Töpfe in der Küche leer.
Wie oft hatte sich Xena über ihren beachtlichen Appetit amüsiert. Und damals, als Xena ihr den Pinch gegen Seekrankheit gezeigt hatte… Gabrielle stützte die Ellenbogen auf den Tisch und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Nein, nicht hier. Nicht an diesem Ort.
Am Nebentisch ließen sich ein paar Bauern nieder und bestellten lautstark ihre Getränke. „Immer mit der Ruhe“, drang die Stimme der betagten Wirtin in Gabrielles Ohr. „Hier habt ihr euer Bier. Seid ihr nicht Bauern aus Amphipolis, der Stadt Xenas?“
Gabrielles Kopf schoss hoch und sie sah den bärtigen Mann am Nebentisch eifrig nicken. „Ja, ganz recht, Amphipolis. Das ist längst keine Geisterstadt mehr. Xena hat die Stadt von Mephistos Fluch befreit. Und inzwischen haben wir das beste Getreide in der ganzen Gegend.“ Der Bauer sah seine Kollegen Beifall heischend an. Die beeilten sich, ihm zuzustimmen. „Er hat recht, und dieses Jahr ist unser Korn besonders gut. Du solltest dir einen neuen Bauern für deine Brote suchen, Mütterchen.“ Der Mann neben dem Bärtigen gab der Wirtin einen deftigen Schlag auf den Po.
Sie schüttelte unbeeindruckt seinen zudringlichen Arm ab. „Nein danke, ich kaufe bestimmt für meine Gäste kein Getreide von einer verfluchten Stadt.“
„Heh, heh, heh“, sagte der Bärtige. „Wenn ich es dir doch sage, unser Dorf blüht und gedeiht. Das könnte deiner kleinen Wirtschaft hier gehörig Auftrieb verleihen.“ Er deutete mit dem Daumen auf die leeren Tische neben dem Eingang.
„Ihr Bauern könnt mir viel erzählen, ihr wollt doch nur eure verkommene Ernte loswerden. Wo soll sie überhaupt sein, eure tollkühne Retterin?“
„Xena?“ Der Bärtige neigte sich vor, ein verschwörerisches Funkeln in den Augen. „Sie ist in einem anderen Land im Osten. Weit, weit weg von hier. So weit, dass du dich schon an der Sonne verbrennst, so nah ist sie dir.“ Er machte eine dramatische Pause. „Dort ist noch eine verfluchte Stadt, die Xena retten muss, genau wie unser Amphipolis. Ich wette, sie ist gerade dabei, sich mit deren Gott anzulegen. Wenn sie Mephisto erledigt hat, dann kann sie es mit den Göttern dort allemal aufnehmen. Ich habe gehört, die Götter sind dort eh kleiner als hier und gelb von der vielen Sonne.“
Die Wirtin lachte und stemmte die Hände in die Hüften. „Ihr Amphipolitaner seid ganz schön verrückt. Warum setzt ihr der Kriegerprinzessin nicht gleich ein Denkmal und betet sie an, wenn ihr sie so toll findet.“
„Das haben wir.“
Alle Blicke richteten sich auf einen dürren Mann, der an der Theke stand. „Ich bin Bildhauer, ich habe selbst mitgewirkt an der Statue.“
„Statuen macht man von Toten, nicht von Lebenden.“ Die Wirtin schüttelte den Kopf und begab sich zurück hinter ihre Theke. Das sichtbare Zittern der blonden Frau am Ecktisch entging ihr. „Macht doch, was ihr wollt. Die Welt ist einfach nicht mehr das, was sie mal war, nachdem Xena die ganzen Götter getötet hat. Sie waren sicherlich nicht die besten Herrscher, aber irgendwie hing ich an ihnen. Woran soll man nun noch glauben?“ Sie verdrehte die Augen. „Jetzt machen die Leute schon Statuen von Lebenden. Das ist nur, weil diese junge Bardin, die mit ihr reist, komische Geschichten über sie verbreitet und sie in den Himmel hebt, als sei sie eine Göttin.“
Die Bauern ignorierten die Wirtin und wandten sich aufgeregt an den Bildhauer. „Du hast wirklich an der Statue mitgearbeitet? Warum habt ihr sie denn noch nicht enthüllt?“
„Wir warten, dass die Kriegerprinzessin nach Amphipolis kommt. In einer großen Zeremonie wollen wir ihr dafür danken, was sie für unsere Stadt getan hat.“
Der Bärtige leerte sein Bier in einem Zug und stellt sich zu dem Bildhauer. „Komm, erzähl schon. Wie sieht die Statue aus? Steht Xena aufrecht oder sitzt sie auf ihrem Pferd? Hat sie ihr Chakram in der Hand? Schneidet sie gerade einem Gauner die Kehle damit durch? Ist die kleine Bardin auch dabei?“
Gabrielles Hand wanderten unwillkürlich zu der scharfen Waffe unter ihrem Mantel. Ihre Finger umschlossen fest das kalte, runde Metall. Erst Minuten später drang der Schmerz in ihrem Handballen in ihr Bewusstsein. Dickes, rotes Blut tropfte in ihren Schoß, als sie ihre Hand von dem eisernen Ring zog. Gabrielle führte ihre Hand an den Mund und schloss die Augen, als tränke sie kostbaren Wein.
Warum bist du nicht hier?
„Ich darf es euch nicht verraten“, drang die Stimme des Bildhauers an ihr Ohr. „Aber ich kann euch versprechen, dass wir sie ziemlich gut getroffen haben, unsere Kriegerprinzessin.“
„Woher willst du wissen, wie sie aussieht?“, fragte der Bärtige. „Hast du sie gesehen? Ich denke, sie weiß noch gar nichts von der Skulptur.“
„Ihre Tochter hat uns geholfen. Sie ist in Amphipolis und baut dort einen Tempel für irgendeinen Heiligen auf. Sie wird mit uns feiern, wenn Xena in die Stadt kommt.“
Gabrielle ließ ihre blutende Hand auf den Tisch fallen und starrte auf den Bildhauer. Eve? Eve war in Amphipolis?
Die Wirtin nickte nur kurz, als Gabrielle mit ihrer unversehrten Hand ein paar Dinare auf den Tisch warf. „Dank für Speis und Trank“, murmelte sie im Vorbeigehen und atmete erst wieder ein, als sie im Freien vor der Schenke stand.
Eve.
Eve würde nicht so zurückhaltend wie Virgil reagieren. Sie würde wissen wollen, was passiert war. Sie würde nicht eher ruhen, als bis Gabrielle ihr alles erzählt hatte. Gabrielles Beine zitterten, als sie sich auf Virgils Stute schwang und die Richtung nach Amphipolis einschlug. Verlass’ mich jetzt nicht, bitte verlass’ mich jetzt nicht. Ich stehe das sonst nicht durch.
* * *
Die Bauern hatten nicht gelogen, Amphipolis hatte sich in der Tat wieder in eine blühende Stadt verwandelt. Xena wäre so froh gewesen, hätte sie dies alles gesehen. Die neuen Häuser, die Marktstände, die Tempel, die neuen Straßen. Die Stadt sah aus, als wolle sie persönlich dem Gott trotzen, der der Welt zwei Jahre zuvor buchstäblich die Hölle auf Erden beschert hatte.
Gabrielle war froh, dass sie auf dem Rücken eines Pferdes saß, als sie die Stadt durchquerte. Ihre Füße hätten sie nicht getragen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie an dem alten Haus von Cyrene vorbei ritt, auf der Suche nach dem Tempel Elis, von dem der Bildhauer gesprochen hatte. Sie fand ihn, ein wenig außerhalb der Stadt, gleich neben Amphipolis’ Tempel für Aphrodite. Gabrielle stieg von ihrem Pferd und griff nach der Tasche, in dem sich die Urne befand. Die verbundene Hand an die Stute gelehnt, kämpfte sie gegen die aufsteigende Übelkeit. Nur allmählich hörten die Wände des Tempels vor ihr auf, sich zu drehen. Schließlich streckte sie ihren Rücken und holte tief Luft. Dann betrat sie die kühlen Räume von Elis Tempel.
Drinnen dauerte es eine Weile, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Männer und Frauen saßen an verschiedenen Stellen auf dem Boden. Einige beteten, andere arbeiteten an Gegenständen, die offenbar für den Tempel bestimmt waren: Bilder Elis, ein aus Holz gefertigter Fisch und noch einige andere Symbole, die Gabrielle nicht kannte. Sie blieb stehen, als ein junger Mann mit einem langen, an den Spitzen gedrehten Bart auf sie zueilte.
„Gabrielle!“
„Yannis!“
Der Mann schloss Gabrielle in eine herzliche Umarmung, ungeachtet des unförmigen Gepäcks, das sie mit sich trug. „Wo ist Xena? Ist sie nicht hier?“
Gabrielle ignorierte seine Frage. „Ich suche Eve.“
Der Prediger strahlte und hakte ihren Arm unter. Er führte sie durch den Tempel und gab Erläuterungen zu jeder einzelnen Säule, nicht gewahr, dass die Frau neben ihm mit ihren Gedanken nicht bei seinen Ausführungen war. Vor einem grünen Vorhang stoppte er schließlich und verschwand dahinter. Kurz darauf trat Eve heraus.
„Gabrielle! Oh, Gabrielle!“ Eve zog sie fest an sich. „Wie geht es dir? Seid ihr aus Japan zurück? Wo ist Xena?“
Als Gabrielle nicht antwortete, löste Eve ihre Umarmung. Sie ging einen Schritt zurück und sah beunruhigt zwischen ihr und Yannis hin und her. „Ist etwas passiert?“
„Können wir…. können wir irgendwo reden?“
Eves vorher besorgter Gesichtsausdruck verriet jetzt aufkeimende Panik. Sie gab Yannis ein paar Anweisungen und führte Gabrielle aus dem Tempel heraus. „Was ist los?“
Gabrielle schüttelte stumm den Kopf und schloss die Augen. Sie forschte nach etwas in sich, das ihr die Kraft gab, die nächsten Momente durchzustehen. Eve musste es erfahren, sie hatte ein Recht darauf.
Kraftlos sank Gabrielle auf eine der dicken Säulen, die bald den Vorbau des Tempels zieren würden. Als sie sich setzte, gab ihr Mantel den Blick auf das Chakram an ihrer Hüfte frei. Das plötzliche Flackern in Eves Augen brach Gabrielle das Herz. Als wäre es nicht schon tausendmal gebrochen in diesen letzten Wochen.
Leise, stockend, manchmal unzusammenhängend, berichtete Gabrielle von Japan. Sie erzählte von Yodoshi, dem „Herrn der Finsternis“, der in der Lage war, die Seelen von Gestorbenen in seine Gewalt zu bringen. Und von Akemi, der schönen Japanerin, die Xena einst geliebt hatte. Sie erzählte, wie ein japanischer Mönch Xena und sie in Griechenland aufgesucht hatte, geschickt von Akemi, damit Xena das Dorf Higushi vor Yodoshi rettete. Wie sie gemeinsam nach Japan gesegelt waren und dort erfahren hatten, dass Xena durch einen Unfall vor vielen Jahren dazu beigetragen hatte, dass die Stadt Higushi bis zu den Grundmauern abgebrannt war und 40.000 Menschen dabei gestorben waren. Gabrielle erzählte von Xenas tiefem Schmerz darüber und wie sehr sie unter ihrer Schuldgefühlen gelitten hatte.
Als Gabrielle an dem Punkt angelangt war, an dem Xena ihren eigenen Tod beschlossen hatte, um Yodoshi in der Geisterwelt besiegen zu können, versagte ihre Stimme. Eine Weile starrte sie stumm vor sich auf den Waldboden, Eves bangen Blick auf sich gerichtet. Schließlich hob sie einen Stock vom Boden auf und begann, Buchstaben in den staubigen Boden zu malen.
So erfuhr Eve, dass Xena Gabrielle nicht in ihre Entscheidung einbezogen hatte, aus Angst, diese würde sie nicht gehen lassen und in der Schlacht gegen Yodishis Armee mit ihr sterben. Sie erfuhr, dass Gabrielle zu spät Xenas Plan durchschaut hatte und sie Xena erst wiedersah, als die schon ins Geisterreich Yodoshis übergetreten war. Und dass Gabrielle alles versucht hatte, um rechtzeitig den Berg Fuji zu erreichen. Um dort noch vor Sonnenuntergang Xenas Asche in die heilige Quelle zu streuen und damit Xena wieder in das Leben zurückholen zu können.
Eve erfuhr, dass Gabrielle wie eine Löwin um Xenas Leben gekämpft hatte. Doch letztlich war es die Kriegerprinzessin selbst gewesen, die, nachdem sie Yodoshi besiegt hatte, Gabrielle daran gehindert hatte, sie ins Leben zurückzuholen. Sie bestand darauf, dass die Seelen der 40.000 Menschen von Higushi durch ihr Opfer gerächt und erlöst würden.
Weiter schrieb Gabrielle nicht. Die letzten Momente, die sie mit Xena verbracht hatte, würde sie niemals jemandem erzählen, auch nicht Eve. Die gehörten ihnen beiden ganz allein.
Eve war inzwischen aufgestanden und lief unruhig neben der Säule hin und her. Die überwältigende Trauer, die sie im ersten Moment ergriffen hatte, war verzweifelte Wut gewichen. „Das ist nicht richtig, Gabrielle! Das ist nicht richtig! Das akzeptiere ich nicht! Das ist gegen alles, wofür ihr gekämpft und gelebt habt!“ Gabrielle sah nur aus dem Augenwinkel, wie Eves Oberschenkelmuskulatur sich plötzlich anspannte. Da flog der Körper neben ihr auch schon durch die Luft, begleitet von einem markerschütternden Schrei. Nach einem doppelten Salto landete Eve wieder sicher auf dem Waldboden, den Blick auf Xenas Chakram gerichtet.
„Eve…“
„Wo ist dieses verdammte Land?“
„Eve…“
„Akemi! Die Frau kann froh sein, dass sie schon tot ist, sonst…“
„Eve!“
Mit einem Ruck wandte sich die dunkelhaarige Frau an Gabrielle. Sie griff nach Gabrielles Stock und vollführte damit blitzschnelle Bewegungen in der Luft. „Das akzeptieren wir nicht, Gabrielle!“
„Eve.“
„Worauf wartest du, Gabrielle? Was ist in dich gefahren?“
Gabrielle schüttelte den Kopf. „Was würde Eli sagen, wenn er dich so sähe?“
Eve hielt mitten in der Bewegung inne und sah entsetzt zu Gabrielle. Endlich ließ sie den Stock sinken und ließ sich seufzend neben sie fallen. „Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber was passiert ist, ist nicht richtig, und das weißt du auch. „Warum hast du aufgehört zu kämpfen? Warum gibst du dich damit ab?“
„Weil ich es nicht noch einmal verkrafte.“ Gabrielle verbarg ihren Kopf in den Händen.
„Was verkraftest? Xenas Rückkehr?“
„Nein, zu hoffen. Um sie zu kämpfen, und am Ende ist alles umsonst. Ich schaffe das nicht noch einmal. Verstehst du? Ich kann nicht mehr.“
„Aber sie war doch schon einmal tot und du hast sie wieder zurückgeholt!“
„Das war etwas anderes. Da wollte Xena zurück.“
Eve sah Gabrielle ungläubig an. „Und du meinst, dass sie dieses Mal nicht will? Sie will doch nur nicht, weil Yodoshi ihr keine Wahl gelassen hat. Das kann doch nicht das letzte Wort sein!“ Eve fasste Gabrielles Schultern mit beiden Händen und drehte sie energisch zu sich. „Was ist damals passiert? Sag’s mir! War es nicht genauso, dass Xena gedacht hatte, es sei richtig zu sterben? Warum ist sie zurückgekommen? Warum?“
Gabrielle löste sich aus Eves Griff. „Das verstehst du nicht, Eve.“
„Dann erklär’s mir. Warum?“
„Sie… hat mich gehört.“
„Was meinst du?“
„Du weißt doch, dass die Toten die Gedanken der Lebenden hören können. So hat Xena mitbekommen, was nach ihrem Tod geschehen ist. Ich hatte Iolaus gesagt, wie sehr ich sie liebe, und dass sie nicht einfach von mir gehen kann. Und dass…“ Gabrielles hielt inne. Eve sah den Schauder, der durch ihren Körper wanderte und legte ihre Hand auf Gabrielles Arm. Sie wusste, dass das Band zwischen Gabrielle und Xena in all den Jahren noch um so vieles fester geworden war, der Verlust um so vieles unerträglicher.
„Sie wollte dich nicht allein lassen?“
„Nein, das war es nicht. Sie sagt, die Kraft meiner Liebe hätte sie zurückgeholt, sie sei ihre Verbindung zum Leben gewesen.“
„Und warum geht das jetzt nicht? Liebst du sie nicht mehr?“
Ein bitteres Lachen war die Antwort. Gabrielle griff nach ihrer Tasche und holte das schwarze Gefäß hervor, das sie die letzten Wochen nicht aus den Augen gelassen hatte. „Liebe allein vermag das nicht, Eve. Wir hatten Xenas Körper und wir hatten Ambrosia. Und wir hatten Glück, die Götter waren auf unserer Seite.“
Eve blickte entsetzt auf die Urne in Gabrielles Schoß. „Vielleicht ist sie schon längst in einem anderen Körper wiedergeboren?“
„Nein, sie ist bei uns. Ich kann sie spüren.“
„Was? Du spürst sie? Warum spüre ich sie nicht? Ich bin ihre Tochter!“
Gabrielle musste lächeln. „Weil wir Seelengefährtinnen sind, Eve.“
„Das ergibt für mich alles keinen Sinn. “ Eve schüttelte den Kopf. „Wenn ihr Seelengefährtinnen seid, warum seid ihr dann getrennt?“
„Ich weiß es nicht.“
„Und wenn es nur eine Prüfung ist?“
„Welche Prüfung sollte das wohl sein?“
„Keine Ahnung. Wenn du es wüsstest, wäre es vielleicht keine.“
Gabrielle legte die Urne zurück in ihre Tasche. „Wer oder was sollte uns prüfen, Eve? Xena hat alle Götter getötet, die uns prüfen könnten. Und weder Aphrodite noch Ares würde sich so etwas ausdenken.“
„Was ist mit dem Schicksal selbst?“
„Du meinst die Schicksalsgöttinnen?“
Eve zuckte mit den Achseln. „Könnte doch sein, oder nicht? Es ist mir völlig egal, wer oder was es letztlich ist, aber irgendwas ist hier faul, Gabrielle. Siehst du das nicht?“
„Sie kann nicht, meine Liebe.“
Die helle Stimme ließ die beiden Frauen herumfahren. „Aphrodite!“ Gabrielle sprang auf und eilte der Liebesgöttin entgegen. „Aphrodite! Was machst du hier?“
Die Göttin öffnete ihre Arme und ließ ihre sterbliche Freundin hinein. „Es ist mein Tempel dort drüben, falls du das vergessen hast.“
Gabrielle sank in Aphrodites Arme, und als die Göttin ihren Körper fest an sich drückte, da geschah es. Die Wände fielen, die Schleusen öffneten sich, und ihr Körper wurde geschüttelt von Schluchzern, die nicht mehr aufzuhören schienen. Gabrielle schrie und wimmerte, fluchte und weinte.
Glücklicherweise machte die Göttin keine Anstalten, ihre Umarmung zu lösen. Lange standen sie so, bis Aphrodite schließlich vorsichtig ihren Arm hob und Gabrielle ein wenig von sich weg schob. „Es tut mir so leid, meine Kleine. “Eve, weniger überwältigt als Gabrielle, war immer noch wütend und entschlossen, die Gunst des Augenblicks zu nutzen. „Aphrodite“, sagte sie bestimmt. „Du kannst uns sicher sagen, was hier eigentlich los ist.“
Die Göttin machte eine kreisende Bewegung mit dem Handgelenk und fischte ein weißes Stück Stoff aus der Luft. Sie wischte Gabrielle die Tränen von den Wangen und führte sie zu der Säule zurück. „Nein, das kann ich leider nicht“, sagte sie bedauernd. „Aber vielleicht weiß ich doch ein wenig mehr als ihr.“
Eve sah sie misstrauisch an. „Gabrielle, woher willst du wissen, dass diese Frau tatsächlich auf unserer Seite ist. Schließlich hat Xena all ihre Verwandten getötet und wenn es mich nicht gäbe, wären noch alle Götter am Leben!“
Aphrodite hob abwehrend die Hände. „Ach, die Schwächlinge. Um die tut es mir nicht leid. Die haben doch alle immer nur an sich gedacht und die Menschen waren ihnen egal.“
Bevor Eve etwas erwidern konnte, fuhr Aphrodite fort „Ich weiß, was du jetzt denkst, ich bin auch nicht anders gewesen. Aber die Zeit als Sterbliche hat mich verändert. Ich weiß jetzt wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein. Ich habe gelernt, welchen Mut die Liebe kostet, wenn man ein Mensch ist. Und ich habe gelernt, dass Ares und ich stärker zusammenarbeiten müssen, anstatt uns ständig die Menschen zu neiden, die uns nachfolgen. Xena hat was gut bei mir, weil sie mir meine Göttlichkeit zurückgegeben hat.“Noch immer misstrauisch sah Eve zwischen Aphrodite und Gabrielle hin und her. Gabrielle war ganz offensichtlich nicht in der Lage, die richtigen Fragen zu stellen, also musste sie die Sache in die Hand nehmen. „Nun gut.“ Sie setzte eine versöhnlichere Miene auf. „Was also hast du gemeint, als du vorhin gesagt hast, Gabrielle könne nicht. Was kann sie nicht?“
Aphrodite strich Gabrielle durch das zerzauste Haar, eine Geste, deren Zärtlichkeit Eve überraschte. „Ich meinte damit nur, dass Gabrielle handlungsunfähig ist, solange sie sich nicht mit ihrer Verletzung auseinandersetzt.“ Sie hob Gabrielles Kinn und sah ihr direkt in die Augen. „Hast du Xena einmal gesagt, wie eifersüchtig du auf Akemi warst? Hast du ihr einmal gesagt, wie es dich verletzt hat, dass sie dich allein hat stehen lassen am Berg Fuji, nachdem du alles gegeben hast, um sie zurückzuholen? Hast du ihr einmal gesagt, wie wütend es dich gemacht hat, dass sie sich von Yodoshis Anführer enthaupten ließ, ohne dir etwas von ihrem Plan zu sagen?“
Aphrodite erwartete keine Antwort, der Ausdruck in den Augen ihrer Freundin war ihr genug. „Das ist es, was ich meine. Als Göttin der Liebe verstehe ich etwas von Eifersucht und Ärger, von Verletzung und Versöhnung. Keine Liebe funktioniert ohne Arbeit. Solange du mit dir nicht im Reinen bist, Gabrielle, kannst du nicht sehen, was richtig und was falsch ist.“ Aphrodite tätschelte Gabrielles Arm. „Na, komm’ schon, Gabby. Lass es raus.“
Gabrielle öffnete den Mund, aber ihr Hals war wie zugeschnürt. „Mir ist schlecht“, presste sie hervor.
„Na, das ist doch schon mal ein Anfang“, sagte die Göttin aufmunternd und zwinkerte Eve zu. Die lief ungeduldig vor der Säule hin und her. Ihr dauerte das hier alles zu lange. Wer wusste denn, wie viel Zeit ihnen noch blieb?
Aphrodite fing den drängenden Blick der jungen Frau unbeeindruckt auf und wandte sich wieder an Gabrielle. „Meine kleine Amazonenkönigin“, sagte sie sanft und drückte sie an ihre volle Brust. „Wir wissen alle, wie sehr du Xena liebst und dass ihr Glück und Seelenheil dir wichtiger ist als dein eigenes. Das war ja auch der Grund, dass du sie hast gehen lassen. Aber, meine Liebe, ist es nicht so, dass du Akemi verfluchst für das, was sie Xena angetan hat?“
Ein stummes Nicken.
„Und ist es nicht so, dass du dir auf einmal unsicher bist, ob du Xena jemals mehr bedeutet hast als Akemi? Und bist du nicht vielleicht wütend, dass Xena dir nie von Akemi erzählt hat?“
Oh, Xena, ich wäre dir so gern eine loyale Freundin, aber ich kann nicht. Auch wenn sie dir das Herz gebrochen hat, war ich es nicht wert, dass ich davon wusste?
„Und ist es nicht so, dass du enttäuscht bist, dass Xena dich nicht in ihre Entscheidung mit eingezogen hat? Nach all den Jahren eurer Partnerschaft?“
Wieder ein Nicken.
Aphrodite fasste Gabrielle an den Schultern. „Und ist es nicht so, dass Xena mal wieder nur ihrem übergroßen Schuldkomplex in den Mittelpunkt gestellt hat und dich und eure Beziehung hintan gestellt hat?“
„Das ist so unglaublich ungerecht!“ schrie Gabrielle. „Wo bleibe ich bei der ganzen Sache? Wo? Mir wurde alles genommen!“ Sie schlug ihre Hände vors Gesicht. „Sie ist alles, was ich brauche, alles was ich will. Xena ist mein Leben!“
Eve wollte auf Gabrielle zugehen, aber Aphrodites warnender Blick hielt sie zurück. „Und ist es nicht so, dass du sowieso in eurer Beziehung immer auf etwas gewartet hast, was du nie bekommen hast?“
Gabrielle nahm ihre Hände vom Gesicht, das blanke Entsetzen in den Augen. Doch Aphrodite ließ sich nicht beirren. „Fühlst du dich gar nicht betrogen, Gabrielle? Du bist diejenige, die auf alles verzichtet hat. Ihr zuliebe. Und jetzt lässt sie dich zurück.“
Gabrielle stöhnte leise. „Hör’ auf Aphrodite… Bitte…“
Eve starrte von der Göttin zu Gabrielle und wieder zu Aphrodite. „Ich warne dich, Aphrodite. Lass’ Gabrielle in Ruhe! Du hast kein Recht, sie derart zu quälen.“
Die Liebesgöttin lächelte. „Manchmal muss man euch dummen Sterblichen ein wenig auf die Sprünge helfen.“ Helle Funken sprühten durch die Luft und die Göttin war verschwunden.
„Götter sind so unsensibel“, fluchte Eve. „Es tut mir so leid, Gabrielle.“
„Sie hat ja recht, Eve.“ Gabrielle Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Sie hat ja recht.“
* * *
Es war bereits Nachmittag, als Eve und Gabrielle von ihrer Wanderung durch den Wald zurückkehrten. Dreimal waren sie nun schon den schmalen Pfad rund um Amphipolis entlang gewandert. Die Bewegung schien Gabrielle gut zu tun, und Eve wartete geduldig, bis die Partnerin ihrer Mutter bereit sein würde, ihre Fragen zu beantworten.
In der Tat ließ Gabrielle sich Zeit. Es hatte den Anschein, als lägen zentnerschwere Lasten auf ihren Schultern, und Eve war es zunehmend unangenehm, von Gabrielle die Wahrheit zu verlangen. Würde es nicht um das Leben ihrer Mutter gehen, so hätte sie Gabrielle längst mit ihren Gedanken allein gelassen. Das Mindeste, was sie nun tun konnte, war Gabrielle die Zeit zu geben, die sie brauchte.
„Vielleicht geht es mich ja nichts an“, startete sie einen neuen Versuch. „Aber ich habe nicht viel verstanden von dem, was Aphrodite vorhin zu dir gesagt hat.“
Gabrielle runzelte die Stirn, als sie Eves fragendem Blick begegnete. Ihr war nur zu bewusst, dass sie im Moment nicht in der Lage war, die Dinge klar zu sehen. Eves Perspektive konnte in der Tat hilfreich sein.
Eve wischte sich ein imaginäres Insekt von ihrem Kleid. „Ich meine, normalerweise würde ich dich das nicht fragen“, sagte sie entschuldigend. „Aber Aphrodite hat sich verhalten, als wäre es wichtig, und es könnte uns einen Schritt weiterbringen.“
„Einen Schritt weiter“, wiederholte Gabrielle leise. Noch vor wenigen Stunden hatte sie nicht mehr an irgendwelche Schritte geglaubt, egal, in welche Richtung. Vielleicht hatte sie sich von Xenas Entschlossenheit wirklich blenden lassen.
„Ich weiß noch, wie wir in der Wüste mal in einen verheerenden Sandsturm geraten sind. Ich fragte Xena, wohin wir denn bloß gehen sollen, wir könnten ja nicht einmal erkennen, in welche Richtung wir gehen. Xena hat nur geantwortet, dass wir doch nie wüssten, wohin wir gehen, und ist einfach in irgendeine Richtung vorwärts gestürmt. Nicht stehen bleiben, das war das Wichtigste.“ Gabrielle schüttelte den Kopf bei der Erinnerung. „Ich bin wirklich froh, dass du da bist, Eve.“
„Wir drei haben uns wiedergefunden, Gabrielle. In einer Zeit, als ich nicht wusste, wer ich war, noch, wo ich hingehörte. Ihr hattet die Stärke und das Vertrauen, zu mir zu stehen und das Beste in mir zu sehen. Ihr habt nicht aufgegeben, und jetzt weiß ich, wo ich hingehöre. Ich werde euch das nie vergessen. Du bist wie eine Mutter zu mir gewesen, obwohl du allen Grund gehabt hättest, es nicht zu sein.“ Eve ergriff Gabrielles Hand. „Du bist jetzt nicht allein. Gib’ nicht auf. Du wirst sehen, es gibt immer einen Weg.“
Gabrielle musste lachen, das erste Mal seit Wochen. „Das hat Xena auch immer gesagt.“
„Wie die Tochter so die Mutter.“ Eve stimmte in ihr Lachen ein. „Also, Gabrielle, lass’ uns versuchen, eine Richtung zu finden. Was hat Aphrodite gemeint?“
Gabrielle schaute seufzend nach oben in die Wipfel des Waldes. Der Wind pfiff so laut durch die Jahrhunderte alten Bäume, als wolle er sie herausfordern, mit fester Stimme die Wahrheit herauszuschreien. Sie wagte nicht, Eve anszusehen, als sie fortfuhr. „Ich glaube, Aphrodite meint, dass ich mit mir selbst und mit Xena ins Reine kommen muss, um die Richtung erkennen zu können. Und dass ich mir selbst im Wege stehe.“
„Also, das habe ich verstanden.“„Ja, das dachte ich mir.“ Gabrielle sah Eve scheu von der Seite an. Mit keiner Regung verriet das junge Gesicht seine Ungeduld. Sicher das Ergebnis jahrelangen, harten Trainings. Sie selbst hatte das nie gekonnt. Für Xena waren ihre Züge immer ein offenes Buch gewesen, sehr zu ihrem eigenen Unwillen.
„Warum hat Aphrodite so betont, dass du auf etwas gewartet hast in eurer Beziehung, und dass du das jetzt nicht mehr bekommen wirst?“
„Ich glaube, Aphrodite hat alle Punkte aufgezählt, wo sie meine Energie blockiert fand. Ich glaube, sie wollte meine Energie freisetzen, damit ich um Xena kämpfen kann.“
„Aber was meinte sie damit?“
Gabrielle warf Eve einen verzweifelten Blick zu. „Weißt du… unsere Beziehung war anders als sie nach außen schien“, sagte sie vorsichtig. „Wir… unsere Beziehung… wir waren nicht…. “
„Was wart ihr nicht?“
„Nicht… wir waren nicht… körperlich zusammen.“
„Was?!“ Eve zog abrupt ihre Hand weg. „Was meinst du damit? Nicht zusammen? Wie… warum nicht? Ich meine… ich denke… Ihr seid doch Seelengefährtinnen, oder nicht?“
Gabrielle stöhnte leise. Sie kam sich selten dämlich vor, dieses Thema ausgerechnet mit Xenas Tochter zu besprechen. „Es ist nicht so wie du denkst…“
„Was gibt es da zu denken?“ fragte Eve verwirrt.„Weißt du, für deine Mutter war es nie einfach. Sie kommt noch so oft an alte Gefühle heran aus ihrer Zeit als Kriegsherrin. Die Lust an der Macht, die Lust am Kämpfen, am Töten. All das schlummert in ihr und es ist ihr täglicher Kampf, dies zu beherrschen. Es ist dieselbe Energie, die sie zur Heldin macht, aber es war immer schwer für sie, ihre bösen und guten Kräfte in Balance zu halten.“
„Tss, erzähl’ mir das “ kommentierte Eve mit unverhohlener Bitterkeit.
„Ja, ich weiß.“ Gabrielle griff wieder nach ihrer Hand.
„Du meinst, sie hatte Angst, dich zu verletzen?“
„Ja, das auch, aber das war es nicht in erster Linie. Xena hat ihren Körper immer nur als Waffe benutzt, sie kennt ihren Körper nur als Instrument der Macht, sie kennt Sexualität nur im Zusammenhang mit Beherrschung und Ausbeutung. Und sie hat es nie erlebt, dass jemand sie geliebt hat, einfach so. Ohne dass die körperliche Begegnung mehr war als ein Handel, ein Werkzeug, um an anderen Ziele zu gelangen. Es war wichtig für sie, dass ich sie geliebt habe, ohne ihren Körper zu benutzen. Und dass sie mich lieben konnte, ohne die Angst… mich körperlich zu benutzen… oder zu beherrschen. “
„Das ist krank.“ Eve schüttelte heftig den Kopf. „Das ist total verdreht in meinen Augen.“
Gabrielle lachte. „Es klingt nur so verdreht, wenn ich versuche, es dir zu erklären…“
„Hast du denn nie versucht, dich über diese schwachsinnige Idee hinwegzusetzen?“
„Nur einmal. Damals, kurz nachdem sie aus dem Land der Toten wieder ins Leben zurückgekehrt ist…“
Gabrielles Gedanken wanderten zurück in das seltsame Traumland, in dem sie sich befunden hatte, als Autolycus Xena seinen Körper geliehen hatte. ’Warum hast du mich verlassen? Ich wollte dir noch so vieles sagen!’, hatte sie Xena vorgeworfen. ’Gabrielle, du brauchst mir gar nichts zu sagen’, hatte Xena geantwortet und dann hatte sie sich zu ihr herabgebeugt und sie geküsst.
In diesem Moment war Gabrielle bewusst geworden, dass ihre Liebe zu Xena mehr war als eine spirituelle Liebe, mehr als eine freundschaftliche Liebe. Sie war mehr als alles andere auf der Welt. Und ihr war im selben Moment klar geworden, dass Xena dasselbe fühlte.
Es hatte Wochen gedauert, bis sie darüber gesprochen hatten. Beide hatten sich beeilt, ihren normalen Alltag wieder aufzunehmen. Zu schmerzlich brannte die Erfahrung in ihnen, dass der Tod alles, was sie hatten, abrupt beendet hatte und dies jederzeit wieder geschehen könnte. Ihnen war nicht nur bewusst geworden, wie viel sie einander bedeuteten, ihnen war auch bewusst geworden, wie schnell sie einander verlieren konnten. Beide hatten sie Angst vor der Macht ihrer Gefühle, die plötzlich so offensichtlich zutage traten und die in jedem Blick, in jedem Wort, in jeder Geste für sie spürbar waren.
Erst als sich der Alltag wieder eingespielt hatte und das Leben sich wieder halbwegs normal anfühlte, so normal wie es sich für Nomaden wie sie eben anfühlen konnte, da war Gabrielle eines Nachts zu Xena gekommen.
Sie hatte sich zu ihr gelegt, ganz leise, wortlos. Sie hatte Xenas Gesicht in ihre Hände genommen und ihre Lippen hatten sich berührt, erst sanft und fragend, dann mutiger. Stille Tränen liefen über ihre Gesichter während sie sich gegenseitig auszogen, sich erforschten, liebkosten, sich einander zeigten. Die zärtlichen Worte, die Xena in ihr Ohr flüsterte, ließen Gabrielle den Atem anhalten und sie wagte es, die weichen Brüste unter sich zu berühren. Xena wand sich unter ihren Fingern und stöhnte auf, als sie eine Brust zwischen ihre Lippen nahm. Beide waren sie überwältigt von dem, was in ihnen aufbrach. Gabrielle glaubte, auf der Stelle sterben zu müssen, so laut klopfte ihr Herz. Bis Xena plötzlich zurückwich und Gabrielle anflehte, wieder an ihren Platz zurückzukehren.
Sie war so verletzt gewesen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, hatte sie ihr Gewand wieder übergezogen und hatte sich zurück an ihren Schlafplatz begeben. Sie hatte sich unter die Decke gelegt und in die dunkle Nacht gestarrt, bis endlich die erlösende Dämmerung einsetzte.
Doch der nächste Morgen war schlimmer gewesen als die vorangegangene Nacht. Sie wichen einander aus, wo immer es ging, und das war nicht einfach bei der Art ihres Zusammenlebens. Erst an diesem Tag war Gabrielle aufgefallen, wie selbstverständlich die kleinen Berührungen für sie geworden waren, die vielsagenden, wortlosen Blicke, die manchmal belanglosen Unterhaltungen, die kleinen Neckereien. Gabrielles Körper hatte sich angefühlt, als stände er inmitten von Flammen. Sie sehnte sich nach Xenas Nähe, doch sie schien entfernt wie nie zuvor. Aber das Schlimmste war das Schweigen.
Erst am übernächsten Abend hatte Xena Gabrielle auf die Nacht angesprochen. Sie hatte ihr erklärt, wie tief ihre Furcht vor ihren eigenen Dämonen war und sie hatte Gabrielle gebeten, ihre Beziehung auf einer freundschaftlichen Ebene zu halten, bis ihr ihre Vergangenheit weniger im Weg stünde. Sie hatte Gabrielle das Versprechen abgerungen, sie den ersten Schritt machen zu lassen. Und Gabrielle hatte zugestimmt. Mehr noch als der eigene Verlust schmerzte sie die Pein der Gefährtin. Natürlich würde sie warten.
Und sie hatte gewartet. Mehrere Jahre lang hatte sie gewartet. Mit der Zeit gelang es ihnen, wieder zu ihrer ursprünglichen Nähe zurückkehren. Mehr noch, Xena konnte es schließlich zulassen, dass sie unter derselben Decke schliefen, Haut an Haut, in manchen Nächten eng umschlungen. Und an den Tagen dann und wann, hier und da ein flüchtiger Kuss, so als täten sie etwas Verbotenes. Es gab Momente, da ging mehr, und Momente, da ging weniger. Aber es war nie mehr so gewesen wie in jener Nacht.
Manchmal war es Gabrielle unendlich schwer gefallen, die Grenzen, die Xena setzte, zu akzeptieren. Wie oft hatte sie sich zurückgewiesen gefühlt in ihrem Begehren, auch wenn sie Xena verstehen konnte und wusste, dass diese ihren Kampf nicht mit ihr, sondern mit sich selbst führte. Es tat nur so weh zu wissen, dass Xena dasselbe fühlte, dasselbe wollte wie sie, und es doch nicht möglich schien, die unsichtbaren Mauern zu durchdringen.
Aber Gabrielle hatte die Hoffnung nie aufgegeben. In tausend kleinen Gesten signalisierte ihr Xena immer wieder ihre Liebe und ihre Entschlossenheit, sich ihren inneren Dämonen zu stellen. Und Gabrielle hatte Recht behalten. Im letzten Jahr war Xena aufgeschlossener geworden, zärtlicher. In ihren Augen hatte manchmal ein Begehren gelegen, wie Gabrielle es nie zuvor an ihr gesehen hatte. Und an ihrem letzten Geburtstag, zweieinhalb Monde war dies nun her, als Xena ihr das Gedicht von Sappho zum Geburtstag geschenkt hatte, da wusste Gabrielle, dass dies Xenas Art war, ihr zu zeigen, dass sie bereit war.
Mit zittriger Stimme hatte sie die Zeilen gelesen, während sie Xenas Blick auf sich ruhen fühlte. Sie beide wussten, was dieser Moment bedeutete. Es war das schönste Geburtstagsgeschenk gewesen, das sie je bekommen hatte. Ihr war so leicht ums Herz gewesen an diesem Tag, und sie war voll froher Erwartung gewesen auf das, was die Zukunft für sie bereithielt.
Sie hatte Angst gehabt, dass es wieder etwas geben könnte, was ihnen im Weg stehen würde, als sie Xena ein paar Tage später mit einem romantischen Abend am See überraschte. Xena war so gerührt gewesen von der Mühe, die Gabrielle sich gemacht hatte und hatte davon gesprochen, mit ihr weit weg gehen zu wollen, in das Land der Pharaonen. Dies war der Abend gewesen, an dem der japanische Mönch zu ihnen gekommen war.
„Gabrielle?“
„Hm?“
„Hörst du mir zu?“
Gabrielle wandte sich an ihre Begleiterin. „Entschuldige, ich… Was hast du gesagt?“
„Ich habe dich gefragt, warum du dich damit so einfach abfindest. Meinst du nicht, dass es für Xena eine wichtige Erfahrung wäre, sich von dir wirklich lieben zu lassen, ohne dass die eine die andere benutzt? Und meinst du nicht, dass ihr dieses Thema noch hier in diesem Leben lösen müsst? Dass das eure Pflicht ist, als Seelengefährtinnen?“
Gabrielle sah Eve erstaunt an. Vielleicht hatte Eve recht, vielleicht war es das, was Aphrodite ihr zeigen wollte.
Eve kickte einen Stein ins Gebüsch. Ihre Entscheidung war gefallen. „Dieses Thema ist noch nicht zu Ende“, sagte sie. „Mutter wird leben. Die Frage jetzt ist: Was wird unser nächster Schritt sein?“
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