■
Geschichte: Fanfiktion
/ Bücher
/ Perry Rhodan
/ Allgemein
/ Ultimate Perry Rhodan
||||
10px|12px|15px|17px|19px
Times|Arial|Helvetica
25%|50%|75%|100%
Linksbündig|Blocksatz
gering|normal|groß|sehr groß
von Ace Kaiser
erstellt: 04.10.2009
letztes Update: 25.01.2012
Geschichte, Abenteuer / P12
(pausiert)
Betretenes Schweigen sowohl der Topsider als auch der Arkoniden folgte. Für den topsidischen Admiral war das ein mittelschwerer Tobsuchtanfall. Und auch wenn er nicht dazu neigte, Boten schlechter Nachrichten umzubringen, so hatte er doch Methoden, um bei mangelnder Leistung solange Druck zu machen, bis sie ihm wieder genügte. "Was hat uns verraten?"
Antim hatte seine beste Garrabo-Miene aufgesetzt. Er war sich ziemlich sicher, dass jemand aus der Crew Thoras seine versteckte Warnung bemerkt hatte. Die Folge war gewesen, dass die Aetron Eins hatte fliehen können, bevor die Stahdu in Reichweite der Traktorstrahlen hatte kommen können. Was freilich noch eine Stunde gedauert hätte. Aber wesentlich früher wäre der Leichtkreuzer in Waffenreichweite gewesen, und das hätte für das Forschungsschiff übel ausgehen können.
"Wir haben die Gespräche innerhalb der Zentrale der Aetron Eins analysiert, Admiral", sagte Arthir Zorrend an. "Demnach unterlag die Stahdu einem uns unbekannten Lauschangriff. Das Mädchen... Die junge Kolonialarkonidin in der Zentrale hat den Piloten der Aetron Eins angewiesen, einen Notstart auszuführen. Sie muss in der Hierarchie sehr hochstehend sein. Eventuell die Tochter eines kolonialen Fürstenhauses."
"Unwichtig, was sie ist. Wichtig ist, wie sie an so adäquate Informationen kommen konnte", knurrte Chrekt-Orn wütend. "Es ist ja wohl jedem klar, was das bedeutet! Die Aetron Eins hat schon einen äußerst unglücklichen Moment ausgewählt, um ausgerechnet auf uns zu treffen. Aber mit diesem Wissen ist die Besatzung eine Gefahr für das ganze topsidische Großreich!"
"Ich spiele Ihnen das entsprechende Segment vor, Admiral", sagte der Essoya.
Nach der Szene lachte der topsidische Admiral leise. "Ah, ich verstehe. Das macht die Sache natürlich unnötig kompliziert. Aber da wir nun davon wissen, können wir uns darauf einstellen."
"Verzeihung, Admiral, aber ich muss ehrlich zugeben, dass Sie mir im Punkt Informationen gerade jetzt überlegen sind", sagte Antim. Und das gefiel ihm überhaupt nicht.
"Die Kolonialarkoniden, die mit Ihrer Thora von Zoltral fliegen, setzen Telepathen ein. So würde die Situation wenigstens einen Sinn ergeben."
"Telepathen? Das ist doch nur eine Legende. Ein Mythos."
"Keinesfalls, mein junger arkonidischer Freund. Eure arkonidischen Vorfahren haben lange gebraucht, um die Fähigkeiten von telepathischen Spezies für ihre Zwecke zu nutzen. Das war natürlich illegal, deshalb haben die Wissenschaftler meist im Geheimen gearbeitet, bei Kolonialvölkern oder unterworfenen Völkern wie uns Topsidern. Sie implantierten uns die Gene dieser Spezies mit natürlicher telepathischer Begabung, wie zum Beispiel jene der Individualverformer, in der Hoffnung, sich telepathisch begabte Vasallen heran zu züchten." Chrekt-Orn lachte leise. Doch übergangslos wurde er wütend. "Zehntausende starben bei diesen Experimenten alleine auf Topsid! Diese gewissenlosen Versuche von euch Herrenwesen führten überhaupt erst zum letzten Aufstand, der von euch mit Blut ersäuft wurde! Nicht ein einziger Topsider entwickelte telepathische Fähigkeiten, so wie es auch im Imperium selbst reiner Zufall war, wenn ein Wesen die Gene der Individualverformer angenommen hat! Irgendwann hat Arkon dann aber die wenigen Telepathen als Gefahr für die eigene Macht angesehen, und sie ebenso gejagt und ausgerottet wie die IV! Das, junger Antim von Zoltral, ist das arkonidische, paranoide Wesen, von dem ich mein Volk ein für allemal zu befreien wünsche! Fort von ihrer Willkür, fort in ihrer das einzelne Leben verachtenden Gleichgültigkeit! Fort von der statischen Technik! Fort von ihrem Gedanken, von ihren Göttern auserkoren zu sein, die Herren der Großen Insel zu werden!"
Chrekt-Orn schlug heftig auf die Lehne seines Sitzes. "Aber wie es scheint, haben die Säuberungen einen Planeten übersehen, auf dem Ihr Arkoniden experimentiert habt. Und diese Thora hat keinerlei Skrupel, diese Wesen für ihre Zwecke zu benutzen. Da zeit sich wieder einmal das heimtückische Wesen von euch Rotaugen!"
Der Admiral sah Antim mit starrem Blick an. "Was genau, mein lieber Zoltral, hat deine Khasurnschwester in diesem Teil der Galaxis mit einem Leichtkreuzer zu tun?"
Der junge Arkonide dachte fieberhaft nach. Was konnte er preisgeben, was durfte er? Logisch war, dass der Leichtkreuzer nur auf sehr beschwerlichem Wege hier draußen alleine operieren konnte, tausend Lichjahre von der nächsten arkonidischen Basis entfernt. Die Existenz der Aetron preis zu geben war also nur logisch. Vor allem weil der Name des Leichtkreuzers auf ein Mutterschiff hinweis. Und dann? Er hatte bereits gelogen und ihre Karriere in der Flotte verschwiegen. Wenn Chrekt-Orn recherchierte und dadurch erriet, dass er, Antim, sie gewarnt hatte, konnte der Tag durchaus mit seiner Exekution enden.
"Admiral, ich habe die Datenbank zu Thora von Zoltral befragt. Sie ist eine Forscherin mit Yachtschein, die im Arkon-System für ihre spektakulären Missionen bekannt ist. Es heißt, sie hat den Rift zwischen Thantur-Lok und der Großen Insel alleine mit einem Lerka-Diskus überwunden."
"So, so. Sie ist also nur mit diesem klapprigen Beiboot von ihrem Heimatsternhaufen durch die Leere in die Galaxis geflogen? Sie ist eine wagemutige Frau, scheint es. Das hätte ich bei den Zoltrals nicht erwartet", merkte Chrekt-Orn amüsiert an.
Nur mit Mühe schaffte es Antim, seine Garrabo-Miene aufrecht zu erhalten. Eigentlich hätte die Neuronik Thoras kompletten Lebenslauf inklusive ihrer Militärkarriere ausspucken müssen. Das wäre gleichbedeutend mit einer schweren Bestrafung durch den Topsider gewesen. Eine manipulierte Biographie bedeutete, dass mindestens einer seiner Leute in einem unbeobachteten Moment die Daten geändert hatte. Zu ihrem Schutz, zu Thoras Schutz. Nun wäre Antim beinahe ein Lächeln entglitten. Er vermied es, seine Leute anzusehen, um herauszufinden wer der geistesgegenwärtige Offizier gewesen war. Stattdessen entschied er sich für ein Spiel, das eventuell irgendwann ein mal Thoras und Crests Leben sichern mochte.
"Und auch diesmal ist der Einsatz hoch. Ich persönlich halte es für Spinnerei, aber sie selbst glaubt daran." Antim seufzte. "Tatsächlich ist sie diesmal auf der Jagd nach der Welt des Ewigen Lebens. Der ganze Khasurn spottet schon über sie, aber sie ist felsenfest davon überzeugt, dort die Unsterblichkeit zu erlangen."
"Unsterblichkeit?" Die Augen des alten Admirals funkelten.
Antims Miene wurde verschlossen, auch um sein triumphierendes Grinsen zu verhindern. "Es ist nur eine dumme Legende, und Thora ist nur ein wenig zu impulsiv. Es gibt keine Welt des Ewigen Lebens."
"Vielleicht hast du da Recht, junger Antim", sagte Chrekt-Orn nach kurzem Zögern. "Aber es wäre doch ein beruhigender Gedanke, wenn es diese Welt tatsächlich irgendwo da draußen geben würde. Vielleicht in diesem Sonnensystem, wenn sich die Arkonfrau ausgerechnet hier aufhält."
Gut, er hatte die alte Echse an der Angel. Im Garrabo setzte man mehrere mögliche Entwicklungen voraus und präparierte sich dafür. Verteidigung, Angriff, eine Mischung aus beidem. Er hatte einen Teil seiner Figuren in Position gebracht, um zu einem späteren Zeitpunkt eventuell das Leben seiner Tante zu retten. Das hätte ihn zufrieden stimmen sollen. Aber da war dieser nagende, bissige Gedanke in seinem Hinterkopf, der seinen phantastischen Zug so bitter machte: Was wenn Thora und Crest Recht hatten, und er den Topsidern gerade die Welt des Ewigen Lebens ausgeliefert hatte?
Der topsidische Admiral erhob sich. "Es würde sich lohnen, den Leichtkreuzer zu entern und Thora von Zoltral unverletzt in die Hand zu bekommen. Davon abgesehen sollten wir uns langsam auf den Weg nach Ferrol machen, und Shakian-Grod unser schönes Schiff präsentieren. Das wird ihm zeigen, wie lange er noch leben darf." Er lachte gehässig. "Kümmern Sie sich darum, Antim von Zoltral. Ich bin in meinem Quartier und diskutiere die Tagespolitik mit dem Rofusischen Rat."
"Jawohl, Admiral." Antim schlug die rechte Faust gegen die linke Brust. Selten war er so froh gewesen, die Raubechse seine Zentrale verlassen zu sehen. "Formationsflug. Wir übernehmen die Spitze. Kurs und Beschleunigung wie besprochen."
Bestätigungen erfüllten die Zentrale. Dann machte sich das mächtige arkonidische Schlachtschiff auf den Weg nach Rofus.
***
"Admiral Farrik!" Hastig trat ein junger Adjutant in den Raum, ohne auch nur ein Anzeichen von Bedauern oder Respekt den Anwesenden gegenüber zu zeigen. Stattdessen eilte er direkt zum Oberkommandierenden der ferronischen Marine, und flüsterte ihm leise ins Ohr.
Shakian.-Grod sah auf. Der neue Thort hatte ausdrücklich Anweisung gegeben, diese Besprechung nur im Notfall zu unterbrechen. Wenn nun ein untergeordneter Offizier nicht nur hier rein platzte, sondern darüber hinaus den alten Raumbären Farrik zuerst ansprach, dann war definitiv etwas nicht in Ordnung.
Shakian-Grod tauschte einen kurzen Blick mit Taheel aus. Doch der war lediglich verwundert und wertete das Verhalten des Offiziers noch nicht als Unterminierung seines Amtes.
Etel Farrik sah den jungen Mann ernst an. "Wie sicher ist das?"
"Viele Loyalisten mussten sterben, um uns diese Nachricht zu überbringen", schloss der Offizier mit ernster Stimme.
Der Admiral nickte ernst. "Mein Thort, Admiral Shakian-Grod, wir haben ein ernstes Problem. Unsere Agenten in den Reihen der Rebellen halten uns nun schon seit ein paar Monaten auf dem Laufenden. Es hieß die ganze Zeit, das ein großes Ereignis bevor stehen würde. Dies ist nun eingetreten. Admiral Chrekt-Orn wird noch heute im Wega-System erwartet."
Leises Raunen ging durch den Saal.
"Gut! Dann muss ich ihn nicht erst lange suchen!", sagte Shakian-Grod zufrieden.
"Das ist noch nicht alles. Es waren nur Gerüchte, aber unsere besten Feldagenten konnten es jetzt verifizieren. Chrekt-Orn ist es gelungen, ein arkonidisches Kampfschiff zu erbeuten, das er gegen uns einsetzen wird."
"Sie setzen arkonidische Supertechnik ein?" Taheel stützte sich schwer auf dem Tisch ab und atmete einmal tief durch. "Admiral Shakian-Grod, würden Sie unter diesen Umständen empfehlen, das wir uns mit einem offiziellen Hilfegesuch an das arkonidische Imperium wenden?"
Der Topsider ließ die Nickhäute mehrfach schnell über die Augen schnappen. "Nein. Die Problematik ist die Gleiche wie zuvor. Noch ist dies ein interner Konflikt von uns Topsidern und euch Ferronen. Wenn wir ihn als solchen aushandeln können, ist es gut für beide Seiten. Für uns Topsider wäre es fatal, Arkon beichten zu müssen, dass ein rebellischer Offizier eines ihrer Schiffe an sich gerissen hat, und das zu einem fatalen Preis. Es könnte eine Strafexpedition auslösen, die nicht in unserem Interesse ist. Für Ferrol jedoch sieht es aus wie folgt: Ein Kontakt mit Arkon ist unausweichlich, seit der Vasall Topsid und die Ferronen voneinander wissen. Aber eine militärische Hilfe durch Arkon würde vor allem eines bedeuten: Ferrol würde in der Schuld Arkons stehen, und die Arkoniden sind gut darin, dies die Ferronen nie vergessen zu lassen. Eine Kontaktaufnahme zu Ihren Konditionen, meine Damen und Herren, ist der weitaus bessere Weg. Einmal ganz davon abgesehen, dass ich eines meiner Schiffe erst einmal in Funkreichweite zum nächsten Stützpunkt schicken müsste, und der Stützpunkt seinerseits erst einmal Schiffe entsenden würde. Das bedeutet nicht Tage, sondern Wochen. Wir reden hier von einer Expedition über eintausend Lichtjahre und mehr."
Shakian-Grod ließ das Gesagte wirken. In vielen Gesichtern zeigte sich der von ihm erhoffte Trotz. Das war gut so, denn was die Strafexpedition anging hatte er weder gelogen noch übertrieben. Und bei einem ersten Angriff würden die Arkoniden nicht fragen, wer zu den Rebellen und wer zu den Loyalen gehörte. Sie würden alles vernichten, was sich in ihrem Weg befand. Dies machte die arkonidische Effizienz und auch ihre Gefährlichkeit aus.
"Darüber hinaus", fuhr der topsidische Admiral fort, "haben wir eine beachtliche Anzahl an Schiffen im System. Arkons Schiffe sind mächtig, aber gewiss nicht übermächtig. Wir reden hier auch nur von einem Schiff. Selbst wenn es sich um ihre stärkste Schiffsklasse handeln sollte, die Imperiumsklasse, bedeutet das nicht, dass Chrekt-Orn fortan unschlagbar ist. Niemand ist unsterblich, oder unverwundbar. Auch ein Imperiumskreuzer kann besiegt werden. Wie unsere Rebellen bewiesen haben, sonst wären sie nicht im Besitz eines arkonidischen Kampfschiffs."
Er sah Admiral Farrik ernst an. "Haben Ihre tapferen Agenten berichtet, welcher Klasse das eroberte Schiff angehört?"
"Nein. Aber wir haben einen Namen. Das Schiff läuft unter dem Eigennamen Stahdu."
Shakian-Grod sah seinen Adjutanten an, der salutierte und sich sofort in eine Ecke zurückzog, um mit der Schiffsneuronik ihres Flaggschiffs zu konferieren.
"Admiral, die Stahdu ist ein Schiff der Imperiums-Klasse", verkündete er kurz darauf.
Shakian-Grod ließ ein leises Schnauben hören. "Es ist nur ein Schiff. Keine ganze Flotte. Und ich verwette meinen Schweif darauf, dass Chrekt-Orn auch noch eine schlecht ausgebildete Mannschaft an Bord hat. Das macht es zu einer leichten Beute."
"Was spricht gegen eine gut ausgebildete Mannschaft? Oder eine arkonidische Mannschaft?", hakte Vize-Admiral Kobel nach.
"Würde Chrekt-Orn schon länger über dieses Kampfschiff verfügen, hätte er es längst eingesetzt", sagte Shakian-Grod. "Und arkonidische Raumfahrer sind keine Option. Jeder Arkonide, der zur Flotte kommt, wird zuerst einmal gebrochen, und danach wieder vollkommen neu aufgebaut. Ein arkonidischer Raumfahrer stirbt eher, als dass er zulässt, dass durch sein Handeln oder seine Untätigkeit Schaden am Imperium entsteht. Die arkonidische Besatzung ist mit Sicherheit tot. Entweder haben sie Selbstmord begangen, oder bis zur eigenen Ermordung gekämpft. Das sind Arkoniden, meine Damen und Herren. Die schlimmsten Feinde, die man in diesem Viertel der Galaxis haben kann."
"Sie schließen arkonidische Raumfahrer an Bord also aus?", hakte Ferrik nach.
"Nun, ich schließe sie nicht vollkommen aus. Chrekt-Orn könnte einen Weg gefunden haben, sie zu zwingen, das Schiff für ihn zu führen. Das ist möglich, auch wenn das für ihn bedeutet, dass er praktisch jede Sekunde vor der Gefahr steht, dass die Arkoniden das Schiff von ihm zurücknehmen werden. Dies würden die Arkoniden auch nur so lange tun, wie Chrekt-Orn das Schiff nicht offensichtlich gegen das Imperium einsetzt."
"Wie passend. Wir Ferronen sind kein Teil des Imperiums", schloss Kobel mit einem trotzigen Amüsement in der Stimme.
"Selbst wenn sich arkonidische Raumfahrer entgegen meiner Erfahrung erpressen lassen würden", sagte Shakian-Grod beschwichtigend, "würden sie immerhin noch passiven Widerstand leisten, wo immer sie können." Nachdenklich strich sich der topsidische Admiral über die Schnauze. "Wenn ich es recht überdenke, wäre es für uns vielleicht sogar besser, wenn er Arkoniden an Bord hätte. Würden wir sie bei einer Rebellion, bei einer Rückeroberung unterstützen, würden sie auf unserer Seite kämpfen. Bei einem Imperiums-Kreuzer ein wünschenswerter Umstand." Er sah Ferrik ernst an. "Ihre Feldagenten sollten in dieser Hinsicht recherchieren. Zumindest jene, die Sie noch unter den Rofusern haben, Admiral."
"Ich werde sehen, was ich in Erfahrung bringen kann", erwiderte der Ferrone.
Shakian-Grod sah kurz ins Rund. Gut, kein Ferrone und kein Topsider zeigte Anzeichen von Angst oder sogar Panik. Das würde auch so bleiben. Wichtig war nicht so sehr, dass die Aufgabe, ein arkonidisches Großkampfschiff zu bekämpfen, bewältigbar war - es mussten auch alle an diesem Tisch daran glauben. Panik wäre ihr schlechtester Ratgeber gewesen.
"Er will also heute noch ins System springen, oder? Es wäre von Vorteil, die Position der Stahdu so schnell wie möglich zu ermitteln, sowie ihren Kurs ins Systeminnere. Es würde mich nicht wundern, wenn er mit diesem Schiff versuchen würde, den Orbit Ferrols zu blockieren."
"Da haben unsere Bodenforts und Kampfsatelliten aber auch noch ein Wörtchen mitzureden", warf Kobel hitzig ein. Als Befehlshaber der Verteidigung Ferrol wusste er, wovon er sprach.
"Allerdings. Dieser kleine Deserteur soll sich nicht einbilden, alles würde für ihn nach Plan verlaufen. Nicht mit uns, Herrschaften, nicht mit uns", sagte der Topsider grimmig.
Die Anwesenden stimmten ihm entschlossen zu.
***
"Verdammter Mist!"
Erstaunt sah Anne Sloane die junge Betty Toufry an. "Junge Dame, sollst du fluchen?"
"Hä? Fällt das bei dir schon unter fluchen? Dann solltest du mal Onkel Bully hören, wenn ihm was auf den Fuß fällt. Ich weiß noch, als er uns beim Einzug geholfen hat, da ist ihm ein Schrank aus der Hand gerutscht und ihm auf den Fuß gefallen. Seitdem kenne ich die menschlich Anatomie viel besser." Die Multimutantin schickte einen weiteren, derberen Fluch hinterher und warf die Hände in die Luft. "Das war's! Ich bin raus! Sollen die Topsider doch die Good Hope vernichten, und ich ruhig im Vakuum erfrieren und ersticken, aber ich kriege diesen dämlichen Raumanzug einfach nicht zu!"
Anne besah sich das Dilemma. Perry Rhodan hatte Anzugpflicht angeordnet, und das bedeutete für jeden an Bord, zumindest die leichten terranischen Raumanzüge nach arkonidischem Prinzip zu tragen. Die sollten eigentlich jedem Menschen passen. Sie gaben ausgehend von der Durchschnittsgröße von einem Meter neunzig zwanzig Zentimeter Spiel in beide Richtungen. Leider war die vierzehnjährigeBetty gerade mal einen Meter achtundfünfzig groß. Niemand hatte daran gedacht, für sie eine Spezialanfertigung herzustellen. Und um einen Anzug zu modifizieren war es reichlich spät. Und das bot etliche Probleme, unter anderem mit den Recyclingeinrichtungen des Anzugs. Auf Dauerbetrieb gestellt, konnte man isoliert im Anzug bis zu vierhundert Stunden überleben. Der eigene Schweiß, die Exkremente und das Urin wurden ebenso aufbereitet wie die Atemluft. Betty war zu klein, um den Anzug auszufüllen. Deshalb verweigerte die Mini-Neuronik die Inbetriebnahme des Anzugs, solange ihre Ausscheidungsorgane nicht auch dort waren, wo sie laut Protokoll hingehörten.
Anne war es schon etwas peinlich, zusammen mit den anderen Frauen halbnackt in die Einsatzanzüge zu schlüpfen und auf die Funktionsunterwäsche zu vertrauen. Und nun kam auch noch dieses ernste Problem dazu. Es bedeutete, das Betty nicht einmal den minimalen Schutz hatte, über den die anderen verfügten.
"Wo ist denn das Problem?", klang Thoras Stimme hinter ihnen auf. Die Arkonidin drückte sich an Ishi Matsu und Eryn King vorbei und trat neben Anne und Betty.
Anne sah die Arkonidin erstaunt an. Sie trug keine Funktionsunterwäsche, und bot den Frauen einen ungehinderten Ausblick auf ihre beachtliche Oberweite.
"Was ist, Miss Sloane? Haben Sie vielleicht erwartet, dass ich drei Brüste habe? Oder dass arkonidische Frauen die Brust auf dem Rücken haben?"
"Wäre doch praktisch beim Tanzen", murmelte Betty und kletterte ärgerlich aus dem Anzug.
"Nein, Ma'am. Ich wundere mich nur, dass Sie als einzige die Funktionsunterwäsche nicht tragen." Eigentlich wollte sie sagen: Warum sind Sie nackt? Aber die Arkonidin war die offizielle Kommandantin des Schiffs, und da überlegte man sich solche Fragen zweimal.
"Die Funktionsunterwäsche? Das Recycling läuft wesentlich besser, wenn man auf dieses - wie nennen Sie das doch gleich? - Feigenblättchen verzichtet. Sprich, wenn ich darauf verzichte. Aber ich bin auch eine altgediente Soldatin. Das, was Sie Scham nennen, Miss Sloane, wurde mir im arkonidischen Drill ordentlich abtrainiert. Dafür erlernte ich eine Menge Effizienz."
"Altgedient?" Mit Unbehagen musterte Anne die glatte, nahtlos gebräunte Haut der Arkonidin, und den wohlgeformten, stehenden Busen. Beinahe automatisch ging Annes Blick zur schmalen Taille und von dort zum femininen Becken. "Sie sehen aus wie Anfang zwanzig, Thora."
Die Arkonidin lachte daraufhin schallend. "Gute Gene, Anne, alles nur gute Gene. Nach Ihrer Zeitrechnung bin ich knapp unter der vierzig, und davon habe ich alleine zwanzig in der Flotte verbracht. Außerdem haben gerade Sie keinerlei Grund, sich zu beschweren, oder, Anne? Sie sind eine so wunderschöne Frau mit so einem atemberaubenden Körper, da können Sie sich neidische Blicke auf alte Frauen ersparen."
"Alte Frauen?", klang Bettys Stimme auf, während sie ihrem Einsatzanzug einen derben Tritt verpasste. "Ich sehe hier keine alte Frauen."
Wieder lachte Thora. Sie tätschelte der Multimutantin den Kopf. "Na, da will wohl ein kleiner Kadett befördert werden. Was ist denn dein Problem, Terra?"
Missmutig sah Betty die große schlanke Frau an. "Erstmal das hier!", rief sie ärgerlich und zog an der viel zu locker sitzenden Funktionsunterwäsche. "Die ist vier Nummern zu groß, mindestens. Und dann blockiert die Neuronik, weil ich mit meinem Hintern nicht auf dem Eimer sitze!"
"Betty, bitte!", raunte Anne. "Nicht so vulgär."
"Wir reden hier über Pisse und Scheiße, oder? Dann können wir die Dinge auch beim Namen nennen", erwiderte Betty trotzig.
"Ich werde das John erzählen! Es gehört sich überhaupt nicht für eine junge Dame wie dich, derart ausfallend und vulgär zu werden! Wie war das doch gleich mit "Hoffnung der Zukunft der GCC"? Willst du internationale Staatsgäste mit einem derben Fluch begrüßen?"
"Du übertreibst. Wir sind doch unter uns, oder? Und unter Frauen darf man ruhig mal ein wenig ehrlicher sein, sobald keine Männer mehr im Raum sind, vor denen wir die Sanften und Zarten spielen müssen."
Erneut lachte die Arkonidin glockenhell auf. "Ich glaube, du hättest dem Arbtran, der für meine erste Ausbildung zuständig gewesen war, auf Anhieb gefallen. Er hatte nur einen Haufen zarter Khasurn-Pflanzen wie mich, die er trainieren sollte. Und bei denen war ein angebrochener Fingernagel schon eine Katastrophe." Sie lächelte verschwörerisch. "Dabei kommt es doch nur darauf an, wie lang man sie feilt, um sie einerseits funktionell und andererseits bruchfest zu halten."
Betty grinste zurück. "Du gefällst mir, Tante Thora."
"Du willst wohl wirklich befördert werden, kleiner Kadett." Sie lächelte die kleine Terranerin liebevoll an. "Also, mein kleiner terranischer Raumsoldat, wir haben ein Problem mit deinem Anzug. Was können wir tun?"
"Kürzen?" "Das können wir mit den Bordmitteln tatsächlich tun. Aber es dauert ein paar Stunden. Also sparen wir uns das auf, bis wir mit der Good Hope in Sicherheit sind. Wo ist dein Kernproblem?"
Nachdenklich legte Betty den Kopf schräg. "Ich bin zu klein."
"Also, was haben wir für Möglichkeiten, um das zu beheben?"
Angestrengt rieb sich Betty die Nase. Dann hatte sie die Erkenntnis. "Wir stopfen die Füße aus, bis ich die richtige Höhe habe! Aber dann kann ich nicht richtig gehen, und richtig stehen kann ich auch nicht."
"Dummerchen", tadelte Thora schmunzelnd. "Du bist Telekinetin. Gehen zu können ist doch dein kleinstes Problem."
"Aber Onkel John hat gesagt, das ich meine Fähigkeiten nur einsetzen soll, wenn ich muss. Und er hat auch gesagt, wenn ich mich per Telekinese leichter mache, oder beim Sport damit betrüge, dann versohlt er mir den Hintern."
"Eine merkwürdige sexuelle Vorliebe hat da unser Chef vom Mutantenkorps", bemerkte Thora amüsiert. Sie wandte sich halb um. "Ishi, ist das eine sexuelle Vorliebe von John?"
Die Japanerin wurde puterrot im Gesicht. "N-natürlich nicht!"
Anne sah die Kollegin verblüfft an. "Du kennst dich mit den sexuellen Vorlieben vom Chef aus?"
Nun wurde sie erst richtig rot. Thoras helles Lachen enthob sie aber einer Antwort. "Natürlich, Anne. Oder haben Sie als einziger Mensch noch nicht bemerkt, das die Beiden seit Jahren eine Beziehung haben? Es wäre eine Schande, wenn die rein platonisch gewesen wäre.
Also, mein kleiner Raumkadett, ich bin mir ziemlich sicher, dass dein Onkel John tatsächlich eine Strafe im Sinn hatte, als er das angedroht hat. Aber ich bin auch sehr sicher, dass er dich nicht dafür bestrafen wird, weil du in einem Notfall praktisch reagiert hast. Er wird den Einsatz deiner telekinetischen Kräfte nachträglich absegnen, wenn er deine Gründe erfährt."
"Probieren können wir es ja mal", erwiderte die Multimutantin.
"Soweit, so gut. Meine Damen, wir brauchen Füllmaterial, damit unser Raumkadett in seinen Anzug passt. Wir brauchen Handtücher und Papier zum Stopfen."
Eifrig begannen die Frauen die verlangten Materialien zusammen zu suchen. Schließlich war es nach Thoras Meinung ausreichend, und die junge Toufry stieg erneut in den Anzug. Diesmal hatte die Neuronik keine Einwände und löste die Blockierung vom Verschluss.
"Laufen kann ich damit aber nicht", murrte sie.
"Du bist fürs Gedankenlesen und für die Telekinese an Bord. Niemand verlangt von dir einen Marathon-Lauf", sagte Anne Sloane ärgerlich. "Also höre auf dich zu zieren. Freue dich lieber, das du jetzt einen Meter siebzig groß bist. Die Herren werden ganz schön Augen machen, wenn sie sehen wie sehr du gewachsen bist."
"Oh, genau. Das ist bestimmt für den einen oder anderen Schock gut." Betty grinste hämisch.
Thora, die derweil in ihren eigenen Anzug schlüpfte, hob mahnend einen Zeigefinger. "Disziplin, junger Raumkadett. Sobald dein Anzug geschlossen ist, bist du einsatzbereit. Dann darf nichts deinen Fokus ruinieren. Dann dienst du dem Schiff mit deiner ganzen Kraft." Sie schloss den Brustbereich und ließ den gefalteten Helm zur Probe zufahren. "Das heißt, wenn du etwas zu tun bekommst. Die Chance besteht, dass du heute eine rein beobachtende Funktion hast. Mit etwas Glück musst du gar nichts tun, mein kleiner Raumkadett. Und glaube einer erfahrenen Soldatin, das kommt viel zu selten vor und ist die angenehmste Tätigkeit, der ein Soldat nachgehen kann. Denn wenn du etwas zu tun bekommt, Betty, dann bedeutet das, dass wir anderen alle entweder im Kampf stehen, oder bereits tot sind."
"Thora, so sollten Sie Betty gegenüber nicht sprechen", murrte Anne.
"Was denn? Sie ist bereits auf einem Einsatz mit uns unterwegs, der eine unerwartete Wendung genommen hat, seit wir einem arkonidischen Schlachtschiff über den Weg gelaufen sind. Es kann jederzeit in jede mögliche Richtung gehen, besser oder schlimmer werden. Warum sie jetzt noch anlügen oder die Situation schön reden? Außerdem ist sie Teil des Mutantenkorps und wurde auf diesen Einsatz gut vorbereitet."
"Geht so", murrte Betty. "Einsatzpsychologie musste ich büffeln. Meine geistige Belastbarkeit nachweisen. Alte Kriegsaufnahmen ansehen und erzählen wie ich sie verarbeitet habe. Nur daran, das man einen Anzug in meiner Größe mitnehmen sollte, hat keiner gedacht. Geschweige denn das ich mal in einem hätte trainieren können." Ihr Blick ging zur Telekinetin. "Keine Sorge, Anne. Ich bin nicht dumm genug, um nicht zu wissen, was mich schlimmstenfalls erwartet. Ich bin trotzdem mitgekommen, weil mich das Argument überzeugt hat."
"Welches Argument? Die Erde zu retten?", fragte Eryn King interessiert.
"Nein, das Argument, die erste Vierzehnjährige von Terra zu sein, die ins Wega-System fliegt. Ich stehe auf Rekorde, und den kann mir niemand mehr nehmen. Egal was wir im Wega-System tun, wohin wir fliegen, ich bin die Jüngste und werde besonders erwähnt werden."
Als sie den irritierten Blick der IIC-Agentin sah, lachte sie prustend. "Natürlich meine ich die Rettung der Erde, Eryn. Wir sind doch ein Haufen Enthusiasten und Altruisten in der GCC, oder nicht?"
"Da hast du vollkommen Recht, mein kleiner Raumkadett. Ihr seid Enthusiasten und Altruisten."
"Dich eingeschlossen, Tante Thora", merkte Betty an.
"Ja, da hast du wohl auch Recht. Irgendwie." Die große Arkonidin klatschte in die Hände. "Also, meine Damen, zurück auf Station. Wir haben unsere Vernichtung vorzubereiten."
Als die vier Frauen den Umkleideraum verließen, war die Runde an den Männern, um die auf Langzeitbetrieb umgestellten Raumanzüge anzuziehen. Zumindest jener, die nicht direkt in den Bordbetrieb eingebunden waren, oder ihn kurzfristig verlassen konnten. Es geschah zwar gerade nicht sehr viel auf ihrem Flug nach Rofus, aber das konnte sich jederzeit ändern. Das Schiff musste funktionieren.
"Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich hätte da drin gerne Mäuschen gespielt", sagte Li Tschai-Tung zu seinem Kollegen Peter Kosnow, als die Frauen den Gang bereits verlassen hatten.
Der stämmige Russe klopfte dem asiatischen Agenten kräftig auf die Schulter. "Das willst du nicht wirklich, glaub mir, mein Freund. Frauen unter sich sind... Gewöhnungsbedürftig. Du würdest nur rote Ohren kriegen, Kleiner."
"Na, danke für diesen netten Titel", murrte Li und ging mit den anderen den Umkleideraum.
***
Thora betrat die Zentrale der Good Hope mit einem Lächeln. Ihre Situation war verfahren, aber keinesfalls ernst. Noch nicht. Und wenn die Kontaktaufnahme mit dem Kommandanten der Rofus-Anlage ebenso klappte wie das waghalsige Manöver, mit dem sie ihre eigene Vernichtung vorgeben wollten, waren zwei ihrer dringlichsten Probleme gelöst. Ein wenig anders sah es bei Rhodans Idee aus, McClears und Deringhouse nach Ferrol zu entsenden, auch wenn sie einsah, dass ein anderes Verhalten mehr als merkwürdig erscheinen würde, nachdem die Good Hope die Jäger einmal ausgesetzt hatte. Es würde die Rebellen und die Topsider zusätzlich beschäftigen, aber gewiss nicht alle Probleme lösen.
Sie trat leise hinter Perry Rhodan, der an seinem Arbeitsplatz als Chefpilot Berechnungen für den Kurs im Orbit von Rofus erstellte. Auf den ersten Blick wirkten sämtliche Bewegungen, Kurse und Beschleunigungsraten waghalsig bis unmöglich, zumindest aus ballistischer Sicht. Thora hatte Wochen darauf verwandt, Perry sein ballistisches Denken auszutreiben, das aus Wissen über Avionik und Treibstoffgebundener Raumfahrt stammte. Auch wenn die Stardust bereits von Brennstoff nahezu unabhängig gewesen war, fünfzehn Jahre Ausbildung steckten in Rhodans Knochen, in denen ihm eingebläut worden war, dass ein Raumschiff eine Beschleunigungsphase hatte und eine gleichlange Bremsphase brauchte. Mit den modernen Kraftwerken und Triebwerken der ehemaligen Aetron Eins war das hinfällig geworden. Sie konnten jederzeit abbremsen, beschleunigen, den Kurs ändern - im Rahmen der physikalischen Möglichkeiten - und mussten nicht mit jedem Pfund Treibstoff rechnen oder gar wuchern. Den aktuellen Kurs, den Perry gerade erarbeitete, sah auch ein Gewaltbremsmanöver vor, das er quasi in allerletzter Sekunde ausführte, um einerseits noch in den Orbit von Rofus einschwenken zu können, andererseits den sie verfolgenden Leichtkreuzern so wenig Zeit wie möglich zu geben, um sie passieren und damit beschießen zu können. Thora sah, dass Perry, so sehr er auch rechnete, ein Beschussfenster in Maximalreichweite für sieben Sekunden nicht wegrechnen konnte. Dazu kam auch noch, dass sich die Rebellenkeilschiffe im Orbit um den Planeten mittlerweile auf sie einstellten und sie erwarten würden.
Der Expeditionskommandant seufzte auf und warf frustriert den Lichtstift auf den Arbeitstisch, mit dem er das Hologramm manipuliert hatte.
"Sieben Sekunden, also?", fragte Thora laut.
"Sieben Sekunden. Sieben verdammte Sekunden, in denen die Topsider auf maximale Distanz auf uns feuern können." Er drehte sich zu Thora um. "Vielleicht hätten wir doch in der Atmosphäre des Gasriesen Verstecken spielen sollen, bis Gras über die Sache gewachsen ist."
"Ein hoffnungsloses Unterfangen, Perry, wenn man die Zahl der Leka-Disken und Leichtkreuzer bedenkt, die der Kreuzer auffahren kann. Die Topsider haben schneller reagiert als erwartet, deshalb hätte das Verstecken nichts genützt. Und Schleichfahrt, mit den Leichtkreuzern im Nacken, vollkommen unmöglich. Der Plan, unsere Vernichtung vorzutäuschen ist der Beste, den wir haben. Wenn das nicht klappt, können wir immer noch bei den Ferronen unterschlüpfen."
"Und geraten womöglich noch in Gefangenschaft", murrte Rhodan. "Oder geben unsere Selbstständigkeit auf. Oder die Position der Erde. Oder alles zusammen."
"Hör mal zu, Perry", sagte Thora, legte dem Terraner beide Hände auf die Schultern und beugte sich zu ihm herunter. "Es ist nicht verkehrt, einen oder zwei Ausweichpläne zu machen und für den Notfall parat zu haben. Ich weiß, dass du in deinem kleinen terranischen Köpfchen jetzt gerade ein halbes Dutzend schmiedest und fünf weitere bereits verworfen hast. Aber das ist nicht deine große Stärke, nicht deine wahre Stärke." Sie sah ihn aus ihren Goldroten Augen freundlich an. Ihre Lippen zierte beinahe schon ein Lächeln, in dem ihre Sympathie für den Terraner ansatzweise zu erkennen war. "Perry, du bist am Besten, wenn du improvisieren musst. Wenn du in Sekundenbruchteilen entscheidest, wie es weiter gehen soll. Ich vertraue dir und deinem Instinkt. Man nennt dich nicht umsonst den Sofortumschalter, der jede Situation in den Griff kriegt, der jede Niederlage noch wenden kann. Mit dir zu arbeiten macht mich sehr stolz und froh. Ich habe die letzten vier Jahre nicht bereut, und ich werde auch die nächsten vier genießen. Weil es mir Spaß macht, dir bei der Erfüllung deiner Visionen zu helfen. Wir ergänzen uns einfach zu gut. Zum Beispiel jetzt, du als Expeditionsleiter, ich als Kommandantin der Good Hope. Also, Perry Rhodan, Groß-Administrator der GCC, vertrau auf deine Fähigkeit des Sofortumschaltens, vertrau auf deine Schiffskommandantin, vertrau auf deine Kameraden, und lass doch erst mal überhaupt etwas passieren, worauf wir reagieren müssen. Sieben Sekunden innerhalb eines Beschussfensters zu sein heißt noch nicht, dass es auch zu einem Beschuss, geschweige denn zu Treffern kommen wird."
Rhodan schnaubte lachend. "Ja, Thora, du hast wahrscheinlich Recht. Ach, was rede ich da? Natürlich hast du Recht. Aber da sind sechs Milliarden Gründe, die mich belasten. Ich kann und darf hier draußen nicht versagen. Ich..." Er sah Thora in die Augen. "Wir dürfen hier draußen nicht versagen. Es ist zu wichtig, hier zu sein, von der Erde abzulenken. Und falls es tatsächlich Spuren gibt, die auf die Welt des Ewigen Lebens hinweisen, müssen wir sie entweder vernichten oder vor den Topsidern entdecken. Verlange ich zuviel? Werde ich gierig oder größenwahnsinnig?"
Thora beugte sich noch ein wenig mehr vor und küsste Rhodan auf die Stirn. "Solange du dir diese Frage noch stellen kannst und dabei zögerst, nein zu sagen, bist du immer noch der gleiche Realist." Sie lächelte und richtete sich wieder etwas auf. "Und das ist gut so."
"Wofür war der?", fragte Rhodan erstaunt.
"Ein Vorschuss auf gute Arbeit, Herr Expeditionsleiter. Also, was tut man, wenn man weiß, dass das eigene Schiff sieben Sekunden lang beschossen werden kann?"
"Man erstellt ein Energiemanagement für die Schirmfelder und bereitet ihre Verstärkung vor, sowie ihr Rotationsverhalten, um die Belastung gleichmäßig zu verteilen."
Thora richtete sich wieder auf. "Das ist genau das, was wir jetzt tun können, Perry. Geh und zieh deinen Raumanzug an. Ich übernehme derweil die Good Hope."
Rhodan erhob sich und nickte der Arkonidin dankbar zu. "Thora, du bist die Beste."
"Zwanzig Jahre Erfahrung in der arkonidischen Raumflotte, Herr Terraner."
"Gehört das Küsschen verteilen an Untergebene auch zur arkonidischen Ausbildung?", scherzte Rhodan.
"Du bist kein Untergebener, Perry Rhodan", erwiderte sie lächelnd.
"Und was sind wir dann, Thora? Partner auf Augenhöhe?"
Die Arkonidin nahm im Kommandantensitz Platz und schaltete den Pilotenarbeitsplatz auf ihre Terminals. "Ich übernehme die Good Hope."
"Übernahme bestätigt", klang die Kunststimme der Neuronik auf.
"Das, mein lieber Perry, wirst du selbst herausfinden müssen."
Thora hätte bei dem irritierten Blick, den Rhodan ihr zuwarf, beinahe aufgelacht. Und als er die Zentrale verließ, fragte sie sich ob es gut und richtig war, ihn derart zu necken. Andererseits war Perry auf eine andere Art nicht zu beeindrucken, nicht zu erreichen. Und sie benötigte ihren Chefpiloten mit allen Sinnen bei der Sache, und nicht in irgendwelchen paradoxen Problemen verfangen, die er ohnehin nicht lösen konnte. Und auf den Expeditionsleiter konnte sie erst Recht nicht verzichten.
Und was war mit dem Mann Perry Rhodan? Es erstaunte sie ein wenig, dass sie sich diese Frage selbst stellte. Eine hochgeborene Arkonidin, Adlige Erster Klasse, aus einem der ältesten Adelshäuser des Imperiums, ein zartes Pflänzchen bester Arkonidenzucht sollte sich eigentlich keine Gedanken über einen Mann machen, der kein adliger Arkonide eines verbündeten Khasurns war; der nicht einmal Essoya oder zumindest Kolonialarkonide war. Der einem Volk angehörte, das angeblich die Vorfahren der Arkoniden stellte - nach seinen eigenen, arroganten Worten. Allerdings war sie schon lange kein zartes Pflänzchen ihres Khasurns mehr. Sie war durch die harte Schule der Flotte gegangen. Sie hatte gelernt, Gelegenheiten zu erkennen und gnadenlos zu nutzen. War Perry Rhodan eine solche Gelegenheit? Nun, immerhin dachte sie über ihn nach, und das war eine Honorierung, die nur sehr wenige Männer zuvor erfahren hatten. Alle waren von hoher Geburt gewesen, aber das war eben nicht alles. Bei weitem nicht alles, wie Thora selbst erfahren hatte. Vielleicht interessierte sie auch einfach nur die Vitalität, die Lebendigkeit und die Nonchalanche, mit der Perry Rhodan die GCC führte, mit der er Probleme anging. Mit der er ihrem eigenen Vater glich, der Probleme löste, anstatt Symptome zu bekämpfen. Eventuell ging es Crest genauso, und er verglich den willensstarken Perry mit Tharsan, seinem jüngeren Bruder, der wohl in diesem Moment das Tagesgeschäft der Zoltrals in Händen hielt. Vielleicht interessierte sie sich auch einfach nur für ihn. Dass er sie nicht unberührt ließ, stand schon lange außer Frage, sonst hätte sie Crest schon lange dazu gedrängt, die Suche nach der Welt des Ewigen Lebens fortzusetzen. Da war aber immer noch das wie. Und angenommen, sie würde sich eines Tages in Perry verlieben - ein Umstand, der ihr auf Arkon mit den arrangierten Ehen und dem komplexen Adelsgeflecht sicher nie widerfahren wäre - würde sie Frau genug sein, das zu erkennen? Würde sie Frau genug sein es zu akzeptieren? Nein, wahrscheinlich nicht. Dafür war sie dann doch wieder zu sehr adlige Arkonidin. Sie seufzte leise. Wie immer war sie sich in privaten Dingen selbst im Weg. Deshalb liebte sie es, wenn sie eine fordernde Arbeit hatte, eine die nicht zuließ, dass sie ein Privatleben entwickelte.
Privatleben war... so anstrengend. Lieben war... so anstrengend. Sich entscheiden zu müssen war... noch anstrengender. Deshalb hatte sie die Flotte auch so geliebt. Und außerdem, wenn sie sich zu einem Privatleben entschied, stand sie vor einem weiteren Problem. Es gab nicht nur Perry Rhodan auf Terra, sondern eine ganze Reihe interessanter Männer, die zudem ungebunden und an ihr interessiert waren. Selbst wenn sie die Liebesbriefe ignorierte, die täglich an ihre offizielle Mail-Adresse gingen und die Zehntausendermarke überschritten, gab es immer noch Männer wie Reginald, John, Michael, den viele den "kleinen Rhodan" nannten, den niedlichen Deringhouse, ernstzunehmende Männer wie Eric, die mit beiden Beinen im Leben standen und über einen beachtlichen Intellekt verfügten. Doch welcher dieser Männer würde mit ihr mithalten können? Welcher würde ihr standhalten können?
Und genau deshalb hasste sie Privatleben. Die Zeit, die sie mit diesen unnötigen Gedanken verbracht hatte, hätte sie genauso gut mit einer Überprüfung von Perrys Anflugplan verbringen können. Sie seufzte erneut, und rief die Daten von Perrys Arbeitsplatz auf, um sie gegenzuprüfen. Vielleicht lenkten sie die Pflichten einer Schiffskommandantin etwas von diesen unfruchtbaren Gedanken ab.
"Zufrieden mit meiner Berechnung?", fragte Rhodan, als er wieder eintrat.
Thora lächelte sanft. "Du hast keine Fehler gemacht. Bei jemanden, der die Datenimplikationsschulung von sieben Themen auf einen Haps überstanden hat, erwarte ich allerdings nichts anderes."
"Das ist so typisch für dich, Thora. Kaum zeigt jemand Leistung, verlangst du gleich mehr", tadelte Rhodan gespielt und nahm im Pilotensessel Platz.
"So ist das arkonidische Reich groß geworden. Und ich meine richtig groß." Sie beugte sich leicht vor, während sich der Raum wieder mit den männlichen Besatzungsmitgliedern füllte. "Was tust du da, Herr Expeditionsleiter?"
"Ich wollte die Daten in die Neuronik eingeben und ihr den Anflug auf Rofus überlassen."
"Warum solltest du etwas so dummes tun?", tadelte die Kapitänin.
"Dumm?" Rhodan zog die Stirn kraus. "Die Neuronik ist tausendmal schneller als ich, und wird auf jede Gegebenheit, jede neue Information mit Lichtgeschwindigkeit reagieren. Es ist logisch, den Anflug der Neuronik zu überlassen."
"Und warum", fragte Thora gedehnt, "bildet das arkonidische Imperium immer noch Piloten aus, anstatt die Schiffsführung vollends in die Hand der Neuroniken zu geben?"
"Wegen eurer Vorsicht gegenüber zu selbstständigen Neuroniken? Oder sollte ich Angst sagen?"
"Du hast es immer noch nicht verstanden, Perry. Du bist nicht länger an Bord eines Raumschiffs, das mit jedem Pfund Treibstoff wuchern muss, das auf Nimmerwiedersehen im Weltall verloren geht, wenn du einen Berechnungsfehler machst. Perry, dieses Schiff hat die Kraft, durch einen Kursfehler das System zu verlassen und wieder hierher zurück zu kehren. Und das an einem Tag. Es hat die Kraft, binnen weniger Minuten zum totalen Stillstand zu kommen, und wieder nach Rofus zu fliegen. Und dieser Leichtkreuzer ist nur ein Beiboot. Jetzt stell dir die Terra vor, oder die Stahdu."
"Was gewinnen die Arkoniden dadurch, wenn sie die Logik der Neuroniken zugunsten arkonidischer Piloten ablehnen?", fragte Rhodan zweifelnd.
"Intuition. Reflexe. Den sechsten Sinn. Nenne es wie du willst. Es ist eine besondere Sache, die nur Arkoniden, oder meinetwegen auch Menschen haben. Sie können aus einem Gefühl heraus agieren.
Mein alter Ausbilder, die She'Huan mögen ihn dort wo er hingegangen ist, willkommen geheißen haben, war ein Orbton alter Schule. Wenn er einen Leichtkreuzer, einen Leka-Diskus oder einen Kreuzer flog, dann pflegte er zu sagen, er würde das mit dem Arsch tun. Jedes Geräusch, jede Vibration informierte ihn über den Zustand des Schiffs. Jede Information, die ihm von den Instrumenten zugetragen wurde, floss unbewusst in seine Entscheidungen ein, in die Art wie er flog." Thora bemerkte Rhodans skeptischen Blick. "Okay, gehen wir die Sache militärischer an. Stellen wir die Terra gegen die Solar System. Keine Geschwindigkeitsvorteile, keine Positionsnachteile. Beide Schiffe bekämpfen einander. Wer gewinnt?"
Rhodan schnaubte amüsiert. "Gewinnen würde ich das nicht nennen. Die Schiffe würden sich gegenseitig zu Wracks schießen. Da gibt es keinen Sieger."
"Aber du hast einen guten Punkt schon erkannt, nicht wahr? Hätte ich gesagt, die Terra wäre schneller unterwegs, oder die Solar System feuert aus der Deckung eines Asteroiden heraus..."
"Dann wäre das Ergebnis ein Wrack und ein halbes. Neuroniken lassen sich nicht verarschen."
Thora lächelte erneut. "Doch, das tun sie. Und zwar häufiger als du denkst. Die Neuroniken berechnen jede Schlacht auf zehntausend Varianten voraus, und dann folgen sie der Variante, die sich verwirklicht. Aber was passiert, wenn der Gegner härter abdreht als berechnet? Auf eine Waffe verzichtet oder zwei mehr abfeuert? Beschleunigt, mehr als die Parameter des Planspiels vorgeben?"
"Die Neuronik bekommt neue Informationen, die sie verarbeiten muss. Da sie aber lichtschnell ist, denke ich..."
"Da sie nur lichtschnell ist, haben wir in genau diesem Fall Chancengleichheit zwischen Neuroniken und menschlichen Piloten. Mehr noch, der Mensch ist im Vorteil, denn er kann in das rationale Schema zurückkehren und die Neuronik mit noch mehr Möglichkeiten überfüttern. Nenne es Intuition, nenne es das zweite Gesicht. Viele Piloten Arkons sind Neuroniken nicht überlegen. Aber noch viel mehr sind es eben." Sie schürzte amüsiert die Lippen. "Also, Perry Rhodan, wirst du den Anflug auf Rofus der Neuronik überlassen, oder wirst du selbst steuern?"
Nun musste Rhodan grinsen. "Ich steuere den Leichtkreuzer selbst."
"Das wollte ich hören, Perry." Zufrieden lehnte sich Thora wieder im Sitz zurück. Sie sah auf den Hauptchronometer ihr gegenüber an der Wand. "Es wird Zeit, den Kommandanten zu kontaktieren und ihn Präparationen treffen zu lassen, Ms. King."
"Aye, Ma'am."
Rhodan zögerte kurz, bevor er die Steuerungselemente des Leichtkreuzers mit beiden Händen umfasste. Die Piloten der GCC hatten den Multifunktionspanels den gängigen Namen "Sticks" gegeben, weil sie äußerlich an den klassischen, Kraft übertragenden Steuerknüppel der alten Propellermaschinen der Erde erinnerten. Doch das wurde ihnen kaum gerecht. Mit ihnen hatte der Pilot nicht nur die Möglichkeit, im dreidimensionalen Raum zu agieren und die Geschwindigkeit zu regulieren. Die Sticks verfügten auch über diverse Features zur Steuerung der Hologrammtechnik, die dem Piloten für die Navigation zur Verfügung standen. Natürlich hätte Rhodan das Schiff auch rein akustisch steuern können, ebenso die Hologramme, aber wie alle guten Piloten verließ er sich auf millimetergenaue manuelle Steuerung in Sekundenbruchteilen. Das änderte aber nichts daran, dass er für einen kurzen Augenblick größten Respekt vor den alten Arkoniden empfand. Sicher, er hatte die Good Hope, die Terra und die Solar System mehr als einmal gesteuert. Aber er hatte dabei noch nie im Gefecht gestanden. Dass sich die Arkoniden zutrauten, in dieser Situation selbst zu steuern, anstatt auf die Neuronik zu vertrauen war ihm vor wenigen Minuten noch als Wahnwitz erschienen.
Aber Thora hatte so eine Art, so eine überzeugende, eindringliche Art, dass der Terraner sein Selbstvertrauen steigen fühlte. Ja, er würde dieses Manöver ausführen. Ja, er würde bestehen. Ja, er würde der erste terranische Pilot werden, der dieses vollkommen wahnwitzige Manöver ausführen würde. Er, Perry Rhodan. Stimmte das alte Sprichwort etwa, nachdem man, wenn etwas gut gemacht haben wollte, es am besten selbst machen sollte? Oder war das Arroganz? Und tat ihm diese Arroganz gut? Wenn er Thora betrachtete, die in freudiger Erwartung zu ihm herüber grinste, war es vielleicht nicht wirklich schlecht, sich ein wenig auf seine Fähigkeiten einzubilden. Er umschloss die Sticks fester. "Ich habe die Kontrollen."
"Sie haben die Kontrollen, Groß-Administrator Perry Rhodan", bestätigte die Neuronik.
Rhodan warf einen flüchtigen Blick auf den Chronographen, den er in das vordere Hologramm eingefügt hatte. Sobald er in den Orbit um Rofus eintrat, würde die Good Hope sieben lange Sekunden von den nachfolgenden Leichtkreuzern beschossen werden können. Da er selbst steuerte, vielleicht acht oder sogar zehn Sekunden. Auf maximale Reichweite zwar, aber ein Treffer war ein Treffer. "Deringhouse, McClears, näher an die Good Hope heran ziehen", befahl er. Damit glitten beide Jets unter den schützenden Schild des Leichtkreuzers. Das würde die Gefahr für sie erheblich reduzieren. Beinahe meinte er zu fühlen, wie Thora hinter ihm zufrieden nickte. Ein ungewöhnlich gutes Gefühl.
Das Hologramm markierte ihm den Kurs, den er geplant hatte, sowie den Korridor, die Verzögerungs- und Kurswerte, die er nehmen musste. Eine grafische Aufbereitung zeigte ihm, wie lange er für einen sauberen Kurswechsel Zeit hatte. Es erschien ihm mehr als machbar.
"Kapitän!", klang die Stimme von Miss King auf. "Der Kommandant hat geantwortet. Er bereitet alles für unsere Landung vor. Im Moment entsendet er mehrere Lastenschweber mit Metallschrott an unsere vermeintlichen Absturzkoordinaten, damit die Topsider auch was finden werden."
"Wären sie nicht so gefährlich", klang Thoras Stimme auf, irgendwo gefangen zwischen zufrieden und rau, "würde ich mir eine selbstdenkende Neuronik wünschen. Wir sind dann soweit, Perry."
Rhodan nickte. "Hier spricht der Pilot. Jeder hat einen festen Platz! Das Manöver beginnt in dreißig Sekunden!"
Er stellte sich vor, wie die letzten Raummatrosen nun zu ihren fest verankerten Sesseln hetzten, sich mit den Sechspunktgurten anschnallten, die Helme schlossen, und sich auf den schlimmstmöglichen Fall vorbereiteten, immer in der Hoffnung, das er nicht eintreten möge.
Rhodan lächelte dünn. Er würde sein Bestes geben, damit er tatsächlich nicht eintrat. Noch acht Sekunden bis zum Korridor, bis zum... Bis zum... Rhodan zögerte, und das war für einen Mann wie ihn, den man im Krieg gegen die Asiatische Föderation den Sofortumschalter genannt hatte, ein echtes Novum. Die acht Sekunden verstrichen, dann die Zeitspanne, die er für den sauberen Anflug in den Korridor gebraucht hätte. Endlich, nach elf Sekunden, mit erheblich größerem Zeitfenster für den Beschuss durch die nachfolgenden Leichtkreuzer, trat Rhodan in den Orbit um Rofus ein, zwang die Good Hope mit auf Volllast arbeitenden Triebwerken aus den alten Kurs, reduzierte die Geschwindigkeit mit brachialer Gewalt. Ohne die Andruckabsorber würde es in diesen Momenten kein Leben mehr an Bord geben, nur noch ein paar unappetitliche Pfützen organischer Masse in zerquetschten Raumanzügen. Ein ironischer Gedanke, der ihm da durch den Kopf ging, zusammen mit dem Gefühl unterschwelliger Bedrohung.
Dann begann die Schiffszelle zu schwingen, als wäre sie eine einzige, große, schwer geschlagene Glocke, und Rhodan war beinahe zufrieden, weil tatsächlich etwas geschah. Als das Licht flackerte, die Hologramme teilweise erloschen, und ein eilig aufflammender Bildschirm ihn darüber informierte, dass er die Hälfte seiner Steuermöglichkeiten eingebüßt hatte, blieb von dieser Erleichterung nicht mehr als die Erkenntnis, dass sie alle immer noch am Leben waren. Was immer gerade geschehen war, es hatte sie nicht getötet. Noch nicht. Und die schnell größer werdende Weltenkugel der rotbraunen Wüstenwelt Rofus, machte sehr deutlich, dass es noch nicht vorbei war.
"Schadensbericht aus allen Sektionen!", bellte Thora hinter ihm ins Interkom.
Rhodan reagierte als Erster. "Zirka fünfzig Prozent der Steuerungsmöglichkeiten sind ausgefallen."
"Schaffen wir es trotzdem in einem Stück nach Rofus runter?", hakte sie nach.
Rhodan schnaubte leise. "Natürlich, Thora. Vergiss nicht mit wem du redest."
"Selten hat mir deine Arroganz so gut gefallen wie in diesem Moment, Perry. Reginald, was ist passiert?"
Der stämmige Rotschopf meldete sich aus dem Maschinenraum. "Irgend etwas hat uns ein Drittel der Backbordflanke weg gerissen. Ohne die Notfallsicherheitsschirme hätten wir im ganzen Schiff explosive Dekompression." Bull atmete hörbar laut aus. "Thora, wir hatten Verluste."
Die Arkonidin zögerte für einen Moment. "Tun Sie Ihre Pflicht, Captain Bull."
"Die Maschine hält die Leistung, bis wir auf Rofus gelandet sind, versprochen", erwiderte der Vize-Direktor der GCC verbissen.
"Perry, die...", begann Thora. "Ich weiß!", fuhr er ihr ins Wort. Er flog einen schwer beschädigten Leichtkreuzer unter Beschuss auf eine Blockade zu, bei verminderter Steuerbarkeit und unsicherer Triebwerksleistung. Er konnte nun am Allerletzten den Gedanken daran brauchen, was noch in diesem Drittel der Backbordflanke gewesen war, das nun nicht mehr existierte. Die Krankenstation. Vier Männer und Frauen. Und Eric Manoli.
***
Auf der Erde, im Trichterbau der General Cosmic Company, saßen dreißig Männer und Frauen beisammen. Sie sahen gemeinsam auf eine Uhr, auf der die Sekunden gnadenlos verstrichen. Als die letzte Ziffer wechselte und eine neue Stunde anzeigte, seufzte Michael Freyt leise auf. "Damit ist die neunstündige Frist verstrichen. Die Mission der Good Hope steckt also in Schwierigkeiten. Schwierigkeiten, in der Perry nicht bereit ist, die Erde zu kontaktieren." Er sah in die Runde. "Suggestionen?"
Mercant nickte schwer. "Alarm für die Terra, die Solar System, die Ganymed, die Mosquito-Geschwader, Verstärkung der Patrouillen am Systemrand, weltweite Vormobilisierung. Es besteht die Gefahr, dass das, was die Good Hope-Expedition davon abhält, uns anzufunken, nach Terra unterwegs ist. Und wir wissen spätestens seit den Fantans, dass uns längst nicht alle Außerirdischen freundlich gesinnt sind."
Die anderen Teilnehmer der Besprechung nickten nacheinander.
"Also gut." Freyt rieb sich nachdenklich die Nasenwurzel. "December Night für die GCC und alle Verbündeten. Die Erde ist in Gefahr."
***
Zugegeben, die Diskussion über die Struktur einer gemeinsamen Verteidigung gegen ein Schlachtschiff der Imperiums-Klasse waren ermüdend und fordernd. Ein Prinzip zu finden, das wechselnde, aber offene Flugkorridor für den interplanetaren Handel mit den loyalen Kolonien bestimmte, war lebenswichtig. Außerdem bot der Handel die Möglichkeit, den bis zu zwölf Leichtkreuzern an Bord der Stahdu Fallen zu stellen, dem Giganten die ausführenden Hände zu nehmen, nach und nach. Die Beiboote waren einzeln und im Rudel gefährlich. Sie erhöhten den Aktionsradius der Stahdu beachtlich. Aber ein Rylteep, das von der Herde getrennt wurde, konnte von einem ganzen Rudel Lerks angefallen und zu Boden gebracht werden. Und so würde es auch den Leichtkreuzern gehen, wenn die Fallen gut geplant waren. Letztendlich war er, Shakian-Grod, der Mann mit dem größeren taktischen Geschick, mit mehr Erfahrung, mit dem größeren Können und der größeren Flexibilität. Das wusste Chrekt-Orn. Und deshalb musste das Schlachtschiff auf ihn wirken wie eine gigantische Beruhigungstablette. Er würde seine simplen militärischen Taktiken um die Stahdu und die Leichtkreuzer aufbauen, weil er Einfachheit und Überschaubarkeit schätzte. Und das würde ihm zum Verhängnis werden. Denn letztendlich waren die Arbeitstiere einer Streitmacht auch jene, die nicht nur den meisten Schaden austeilten, sondern auch einsteckten. Ein paar kombinierte Aktionen von Ferronen und Topsidern, ein paar vernichtete oder geenterte Leichtkreuzer, und sie würden sehen, wie Chrekt-Orn reagierte. Druck war schon immer von Vorteil gewesen, um diesen aufgeblasenen Schwadronierer zu Fehlern zu verleiten. Es würde auch diesmal funktionieren. Und falls doch nicht, er war immerhin Shakian-Grod. Es konnte nicht schaden, ein paar Notfallpläne parat zu haben.
Wieder öffnete sich die Tür, und der junge Offizier von eben betrat den Saal. Erneut trat er zuerst an Farrik heran. Leise tuschelte er mit dem Mann, bevor der Admiral ihn wieder raus schickte.
Farrik erhob sich schwerfällig und sah ins Rund. "Herrschaften, wir haben ein Problem. Die Stahdu ist ins Schwerkraftfeld von Gol gesprungen und befindet sich in diesem Moment auf dem Weg nach Rofus. Die Leichtkreuzer wurden in offener Formation vorweg geschickt und befinden sich in diesem Moment noch zwanzig Flugzentitonta vor der Verteidigerphalanx der Rebellen um Rofus." Er sah entschuldigend in die Runde. "Wir haben mit einem Sprung zur Rückseite von Gol nicht gerechnet und dementsprechend die Schiffe sehr spät entdeckt. Ich entschuldige mich für diesen gravierenden Fehler. Vor allem, da uns nun die Chance genommen wurde, auf die Leichtkreuzer zu reagieren. Aber vielleicht gibt es eine andere Option."
Der Admiral gab einem der anderen Offiziere ein Zeichen, und das Hologramm über dem Tisch wechselte. Hatte es zuvor den Orbit von Ferrol und die verschiedenen Blockade- und Gegenblockade-Formationen gezeigt, so war nun eine verkleinerte Darstellung von Rofus zu sehen. Elf gleißende Punkte strebten auf die Welt zu. Ihre Kurse zeigten aber an dem Planeten vorbei und würden von dort durch das halbe Sonnensystem, und danach in den Leerraum führen.
"Wie Sie erkennen können, sind die Leichtkreuzer mit Höchstfahrt unterwegs. Der vordere hat zudem einen beträchtlichen Abstand zu seinen Kameraden. Auch wenn der Kurs wenig Sinn macht, so halte ich die Gelegenheit doch für günstig, um eines unserer neueren Geheimnisse auszuprobieren."
"Das ist Unsinn", ließ sich Zirf-Alef vernehmen, Kommandant des Flottenflaggschiffs Shagian-Grods. Der Admiral hatte den wichtigen Helfer für diese Besprechung hinzu gezogen, auch wenn dies bedeutete, der Lunta ihren fähigen Kommandanten zu nehmen, wenn auch nur temporär.
"Gewöhnen Sie sich endlich an höhere Technologie. Diese arkonidischen Schiffe brauchen keine ballistischen Bahnen, keine Beschleunigungsphase und keinen Bremskorridor." Er überschlug Kurse und Geschwindigkeiten im Kopf. "Sie haben noch zwölf Zentitontas Zeit, bevor sie den direkten Anflugkorridor zu Rofus verpassen. Und selbst danach sollten Bremsmanöver und Rückkehr zum Planeten eine Sache von Tontas sein, nicht von Tagen."
"Interessant, Kapitän", sagte Farrik, und legte die Fingerspitzen aufeinander. "Was meinen Sie als erfahrener Raumfahrer. Können wir davon ausgehen, dass Rofus das Ziel der Flottille ist?"
"Mit ziemlicher Sicherheit. Ich gehe davon aus, dass Admiral Chrekt-Orn seine Leichtkreuzer mit hoher Marschgeschwindigkeit voraus geschickt hat, um uns keine Möglichkeit der Intervention zu geben. Damit will er die Abwehrfront der rofusischen Rebellen verstärken. Als zusätzliche Sicherheit, bis er mit der Stahdu und der restlichen Flotte eintrifft." Der Topsider lachte krächzend. "Vielleicht ein Zeichen dafür, dass er Nerven zeigt. Vielleicht ein Zeichen dafür, das etwas tatsächlich nicht besonders gut für ihn läuft."
Farrik grinste breit genug, um ihn zum Ehrentopsider ernennen zu können. "Wenn diese Schiffe tatsächlich in den Orbit um Rofus einschwenken werden, dann haben wir endlich ein lohnendes Ziel für den Schwarm."
Taheel sah überrascht auf. "Der Schwarm wurde bereits platziert?"
"Er ist seit acht Tontas in Position, mein Thort. Wir haben nur noch auf ein lohnendes Ziel gewartet." Farrik wandte sich den Topsidern zu. "Beim Schwarm handelt es sich um Raumminen."
"Raumminen?" Für einen Augenblick sah Zirf-Alef aus, als wolle er gehässig auflachen. "Raumminen sind keine sehr konstruktive Raumkampfwaffe, wenn man die unglaublichen Entfernungen alleine in einem Sonnensystem bedenkt."
"Da haben Sie natürlich Recht, Kapitän. Außer, man setzt sie gezielt an markanten, eng begrenzten Punkten ein, zum Beispiel einem beliebten Anflugkorridor, oder dem niedrigen Orbit", erklärte Farrik.
"So. Bleibt immer noch ein unendlicher Raum zwischen den Minen. Und die Gefahr, dass sie geortet werden", erwiderte der Topsider skeptisch.
"Genau deshalb haben wir den Schwarm entwickelt. Es handelt sich um Kleinstfusionszellen, die sich relativ einfach bauen lassen. Mit einem Minimalantrieb und Niederfunkwellenkommunikation versehen sind sie sogar steuerbar. In einem gewissen Rahmen. Sie sind nicht größer als eine ferronische Faust, und damit im Weltall kaum aufzuspüren. Dazu kommt die natürliche Arroganz aller raumfahrenden Völker, die mit Schutzschirmen fliegen. Die relativ kleinen Brocken werden von ihnen nicht als Bedrohung aufgefasst."
"Jetzt wird es interessant", murmelte Shakian-Grod.
"Sie operieren in Schwärmen von acht Minen, die zusammen ein Vernichtungspotenital von vierzig Megatonnen Explosionskraft entfalten können. Flüchtig nur, für die Dauer einer Militonta. Aber diese Energie sollte ausreichen, um einen Leichtkreuzer zu beschädigen, vielleicht sogar zu vernichten."
Zirf-Alef rechnete ein paar Daten im Kopf nach. "Wenn sie direkt ins Zentrum dieser Explosion fliegen, hat ein Leichtkreuzer hinterher zumindest keine Schirmaggregate mehr. Touchiert er nur drei oder vier Explosionen, dürften die Auswirkungen weniger gravierend sein."
"Und, mein lieber Admiral Farrik, wie viele Minen des Schwarms haben Sie also in den Anflugkorridor Rofus eingebracht?", fragte Shakian-Grod.
"Der Schwarm besteht aus einem Verbund von achthundert Clustern, wie wir die Pulks nennen. Sie halten selbstständig Abstände zwischen den Clustern ein, um zu verhindern, dass weitere Minenpulks gezündet werden, ohne wirklich Schaden anzurichten. Wir decken damit, die Explosionskraft und -weite der Minen des Schwarms eingerechnet, ein Feld von eintausend mal eintausend Kilometern mit einer Tiefe von achtzig Kilometern ab. Das sind zwar immer noch recht bescheidene Maße, gemessen an interplanetaren Entfernungen. Aber in den alten Seekriegen auf Ferrol hat man schließlich auch die Häfen der Gegner und die engen Kanalpassagen vermint, und nicht das weite Meer, um auf einen Glückstreffer zu hoffen."
"Na, dann zeigen Sie mal, was Ihr Schwarm so leisten kann", sagte der topsidische Admiral zufrieden. "Ich denke, das wird eine unliebsame Überraschung für Chrekt-Orn. Fangen wir mit dem Leichtkreuzer an, der vorneweg fliegt."
Taheel nickte. "Ich denke, dies ist die beste Gelegenheit, um den Schwarm zu testen. Zeigen wir den Rebellen, dass wir nicht nur fett, faul und despotisch, sondern auch noch erfinderisch sind."
Die Anwesenden grinsten, als der neue Herrscher Ferrols die Schlagworte der Rebellen sarkastisch gegen sie verwendete.
Shakian-Grod hätte beinahe zufrieden gelacht. Zuerst hatte er auf die Ferrol-Ferronen gesetzt, weil sie "übrig" geblieben waren. Aber mittlerweile war er von der fruchtbaren Partnerschaft selbst am meisten überrascht. Und das lag nicht nur an der geheimnisvollen Transmittertechnologie, die Ferrol für sie bereit hielt.
Er stutzte und beugte sich ein wenig vor. "Kann bitte jemand den vorweg fliegenden Leichtkreuzer heraus zoomen? Er hat Begleiter, wie es scheint."
"In der Tat, Admiral. Es scheint sich um Jäger zu handeln. Wobei ich die Gefechtsdoktrin für Jagdmaschinen im Weltall für sehr eng begrenzt halte."
"Die Arkoniden aber nicht, Admiral Farrik. Und die Erfolge geben ihnen Recht. Hm, ich frage mich, warum nur der vordere Leichtkreuzer Jagdmaschinenbegleitung hat."
"Mein Thort, der Schwarm ist jetzt scharf gestellt. Erste Hochrechnungen ergeben, das mindestens fünf der Leichtkreuzer schwer getroffen oder gar vernichtet werden. Um das zu erreichen, lassen wir den ersten das Feld nahezu durchqueren, bevor wir zuschlagen."
"Das klingt nach einer sinnvollen Strategie, Admiral Farrik. Können unsere Ortungsfachleute feststellen, ob die anderen Leichtkreuzer auch Jägerunterstützung haben? Der Gedanke, von vielen kleinen zornigen Biestern traktiert zu werden, behagt mir nicht besonders."
"Nach unseren Ortungsergebnissen operieren nur die beiden Jäger."
Zirf-Alef meldete sich zu Wort. "Sie entsprechen arkonidischen Typs, aber sie lassen sich keiner speziellen Kennnummer zuordnen. So als wären sie modifiziert worden."
"Der vordere Leichtkreuzer taucht bald in das Feld ein. Zündung in zehn Militontas."
Arkonidisches Prinzip... Aber nicht explizit. Dazu kam der Abstand zu den übrigen Leichtkreuzern, die hohe Fahrt, der Kurs... Shakian-Grod fühlte, wie sich seine Nackenschuppen aufstellten. "NICHT ZÜNDEN!", brüllte er.
"Zu spät!" Admiral Farrik sah irritiert zum Topsider. "Drei... vier... fünf... Insgesamt wurden acht Leichtkreuzer beschädigt, drei von ihnen schwer. Das ist ein großer Erfolg."
Gedämpfter Jubel klang auf.
Shakian-Grod starrte auf das Hologramm. "Der vordere Leichtkreuzer mit der Jägerbegleitung, was ist mit ihm?"
"Gehört zu den schwer beschädigten Einheiten, Admiral", sagte Farrik. "Ist das wichtig?"
"Wenn ich Recht habe, ist das sogar sehr wichtig. Chrekt-Orn hat die Leichtkreuzer nicht so schnell vorab geschickt, um Rofus zu verteidigen, sondern um den vorderen Leichtkreuzer einzuholen oder zu vernichten! Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir gerade ein Schiff von Kolonialarkoniden schwer beschädigt, das zufällig in diesen Konflikt hinein geraten ist! Was ist mit den Jägern?"
"Die Signale sind noch da. Was angesichts der Explosionsgewalten ein Wunder ist." Farrik runzelte die Stirn. "Wenn Sie Recht haben, Admiral, dann negiert das unsere erfolgreiche Aktion doch ein wenig."
"Es könnte zudem den Zorn Arkons erregen! Lassen Sie den vorderen Leichtkreuzer nicht aus den Augen, vor allem nicht seine Begleiter! Nehmen Sie Kontakt zu ihm auf! Können wir ihm helfen?"
"Er befand sich am Anfang seiner Bremsphase, und trudelt nun in Richtung Rofus", meldete Zirf-Alef. "Nach unseren Berechnungen wird er irgendwo auf dem Planeten notlanden oder zerschellen."
"Ich hoffe, ich irre mich. Oh, ich hoffe wirklich, ich irre mich", sagte Shakian-Grod Zähneknirschend. "Andererseits sind sieben beschädigte Leichtkreuzer ein großer Erfolg. Ich gratuliere, Admiral Farrik. Der Schwarm hat sich bewährt."
"Wenn Sie Recht behalten, Admiral Shakian-Grod, wird das meinen Jubel etwas dämpfen", erwiderte der Ferrone trocken.
Taheel machte eine herrische Handbewegung. "Über vergossenes Badewasser zu lamentieren nützt niemandem etwas. Machen wir das Beste aus dieser Situation!"
Dem war nichts mehr hinzu zu fügen. Hektische Betriebsamkeit übernahm.
***
Erst war es nur ein fernes Wispern. Ein Geräusch, als würde eine Frau mit vielen Echos in der Stimme sprechen. Ein Hallen, so wie sich Conrad Deringhouse die Stimme einer Sirene vorstellte. Also jener aus den griechischen Sagen, die unvorsichtige Seefahrer auf die Riffe lockte. Erst nach und nach realisierte er, dass es sich um die hysterische Stimme von Captain McClears handelte, der nicht wie sonst mit seinem wohlklingenden Bariton sprach, sondern aus vollem Halse schrie. "Conrad, bist du noch da? Conrad!"
Deringhouse griff sich mit der Linken an den Helm. Und beinahe erschrak es ihn, dass er tatsächlich das leichte tapsende Geräusch hörte, das entstand, als der Handschuh gegen den Helm schlug. Zugleich fühlte er die Bewegung im Arm, und das war nun irgendwie beruhigend für ihn. Langsam, wie unter Schmerzen, öffnete der die Augen. Sein erster Blick galt der Anzeige mit dem Zustandsbericht. Der Großteil seiner Maschine war rot oder gelb markiert. Die linke Flanke hatte zudem viele schwarze Stellen für Totalverlust. Er erschrak. "Ich bin hier", erwiderte er mit einer Stimme, die nicht die seine sein konnte. Himmel, er klang ja, als hätte er eine Woche ohne Wasser in der Wüste verbracht.
"Verdammt, Conrad, bist du in Ordnung? Kannst du deine Maschine steuern?"
"Was ist passiert?"
"Wir sind auf so etwas wie eine Mine aufgelaufen! Hat der Good Hope ein Riesenloch in den Rumpf gestanzt. Du wurdest mit durchgeschüttelt. Hör mir jetzt gut zu, Conrad: Wir stehen unter dem Beschuss der nachfolgenden Leichtkreuzer, die beständig zu uns aufholen, aber ebenfalls durch Minen dezimiert wurden. Wir haben keine Zeit um anzuhalten und dich raus zu fischen. Sag mir, ob du deine Jet nach Rofus bringen kannst. Wenn nicht, steig aus oder versuche zumindest die Kanzel zu öffnen, damit Kakuta oder Tschubai dich dort abholen können."
"Wie geht es der Good Hope?"
"Sie wird es schaffen. Aber ohne eine Werft wird eine Heimkehr schwierig." Nach kurzem Zögern fügte McClears hinzu: "Perry lebt."
Erleichtert atmete Deringhouse auf. Dann überwand er die bleierne Schwere in seinem Körper und machte eine Bestandsaufnahme seiner Situation. Sein Vogel war kastriert. Das Hecktriebwerk arbeitete nicht mehr, und die Steuerelemente für den Atmosphärenflug waren backbord vernichtet worden. Er hatte damit nur noch die Düsen auf Steuerbord für die Navigation zur Verfügung. Wahrscheinlich wäre es vernünftiger, tatsächlich auszusteigen und sich von den Teleportern abholen zu lassen. Andererseits würde dies ein Manöver bei enormen Geschwindigkeiten bedeuten, ein Risiko für die Mutanten. Für zwei Menschen, die jetzt, wo die Good Hope schwer beschädigt war, zweifellos noch wichtiger waren. Wichtiger jedenfalls als ein kleiner Major und Ausbilder wie Deringhouse. Andererseits war er kein suizidaler Narr. "Meine Steuermöglichkeiten sind stark eingeschränkt. Aber die Pilotenzelle ist noch intakt. Nach dem Eintritt in die Atmosphäre kann ich mich absprengen und selbstständig landen. Dann wäre es natürlich nett, wenn mich Mr. Tschubai abholen könnte."
"Okay. Okay, ich richte es aus. Weißt du, ich kommuniziere mit dir über Direktkabelverbindung. Von der Good Hope konnte man dich nicht erreichen. Man dachte schon, du... Aber lassen wir das. Du wirst keinen Kontakt zur Good Hope haben, bis Ihr gelandet seid. Du bist auf deinen Rettungspeilsender angewiesen, um dich finden zu lassen. Das kann durchaus einen Tag oder zwei dauern. Fühlst du dich fit genug, Conrad?"
Was für eine Frage. Selbst wenn ihm jeder Knochen zweimal gebrochen worden wäre, er hätte nichts anderes getan als auf diese Frage mit ja zu antworten. Dennoch zog er die Anzugdiagnostik heran und ließ sich bestätigen, dass er leicht traumatisiert war, aber nichts gebrochen hatte. Die Explosion musste ihn kräftig durchgeprügelt haben. Aber sie hatte ihn nicht getötet. "Notfalls schwimme ich durch den Goshun-See", erwiderte er mit gespielter Fröhlichkeit in der Stimme. "Ich nehme an, du wirst dann wohl jetzt alleine nach Ferrol fliegen, John."
"Ich habe mir eben die richtige Seite der Good Hope ausgesucht", erwiderte er in scherzhaftem Tonfall. "Ich höre gerade, Miss Matsu hält dich unter telepathischer Beobachtung. Du bist also nicht vollkommen allein, auch ohne den Funk. Sieh zu, dass du klar kommst. Ich muss mein Fenster erwischen, wenn ich mit meiner Reaktionsmasse noch bis Ferrol kommen und sicher landen will."
Deringhouse schluckte trocken. Als die Gefahr ihn auch betroffen hatte, war sie ihm nicht so schlimm erschienen. Aber nun, wo allein McClears gefangen genommen, gefoltert, seziert oder gar ausgestopft werden konnte, empfand er ehrliche Angst um seinen Kameraden. "Pass bloß auf, alter Junge."
"Keine Sorge", erwiderte McClears fröhlich, "ich war immer ein guter Diplomat."
"Streiche Diplomat und setze Spötter ein", erwiderte Deringhouse sarkastisch.
"Sag ich doch. Ich war immer ein guter Diplomat", rief McClears lachend.
"Nun flieg schon ab, und versuche Terra nicht zu viel Schande zu machen!", erwiderte Deringhouse amüsiert.
"Will sehen, was ich tun kann", erwiderte der andere Pilot. "Ich stöpsele mich jetzt aus. Viel Glück, Conrad." Dann, mit einem Schlag, war Stille. Stille, das Wrack der Good Hope, das relativ neben ihm im Weltall zu treiben schien, und die stetig größer werdende Scheibe von Rofus vor ihm.
Viele Möglichkeiten blieben ihm nicht. Großartig abbremsen konnte er mit dem beschädigten Triebwerk auch nicht. Er rief seine Restgeschwindigkeit auf, rechnete mit der übrig gebliebenen Manövrierfähigkeit seiner Mosquito gegen, und kam zu dem Schluss, dass er einen Großteil seiner Restfahrt mit einer Umkreisung Rofus' aufzehren konnte. Zumindest weit genug, um tatsächlich die Kanzel abzusprengen und landen zu können. Doch die Good Hope hatte kein Interesse an einer Umkreisung. Das bedeutete, dass Conrad Deringhouse, wenn er viel Pech hatte, und falls er überhaupt lebend und einigermaßen unverletzt auf der Oberfläche ankommen würde, im schlimmsten Fall einen kompletten planetaren Durchmesser von der Good Hope entfernt sein würde. Einer Good Hope, die schwer beschädigt war, die womöglich Verluste hatte. Vielleicht war es wirklich die bessere Idee, sich von einem der Teleporter abholen zu lassen. Aber sicher nicht die praktikabelste. Sie riskierte immer noch zwei Männer zum Preis der Rettung eines einzelnen. Den Preis wollte Conrad Deringhouse nicht bezahlen. Den wollte er nicht bezahlen. Er sortierte seine Gedanken, bündelte sich, und dachte intensiv an seinen Plan, damit Ishi Matsu seine Gedanken lesen konnte. Es blieb ihm keine andere Wahl, und er hoffte, dass auch Perry Rhodan einsehen würde, dass Conrad zwar zusätzliche Risiken für sich auf sich nahm, aber dafür die Risiken für die Expedition reduzierte.
Schließlich sackte er mit einem Seufzer in sich zusammen. Er tastete mit der Zunge nach dem Trinkröhrchen seines Raumanzuges, nahm einen kräftigen Schluck mit Elektrolyten angereicherten Wassers, und richtete sich wieder auf. Die nächsten drei Stunden würden anstrengend werden. Und das nicht nur, weil ihm jeder Muskel und jeder Knochen weh tat. Letztendlich aber sollte die Mission nicht wegen ihm scheitern, niemals wegen ihm.
***
"Ma'am, wir haben hier einen Kontaktversuch von Ferrol", meldete Eryn King. "Ein Admiral Shakian-Grod, der im Namen des Thort spricht."
Thora zählte in Gedanken bis zwei. Sie kam nicht einmal bis zur eins, da hatte sich Rhodan ihr bereits zugewandt. "Klingt nach einem Topsider."
Thora nickte beiläufig. "Wir werden es später zu nutzen wissen. Miss King, wir haben kein Interesse daran, unsere Karten jetzt schon auf den Tisch zu legen, wie Ihr Terraner immer so blumig sagt. Senden Sie abgehackten Kauderwelsch zurück und simulieren Sie damit schwere Schäden an Bord. Unsere Verfolger werden das hoffentlich glauben."
"Aye, Ma'am", erwiderte die IIC-Agentin.
"Eine kluge Entscheidung. Eventuell", sagte Rhodan, dann widmete er sich wieder dem Anflug.
"Bring uns nur in einem Stück runter, Perry", erwiderte Thora. "Dann werden wir weiter sehen."
"Aye, Ma'am."
Die Arkonidin erlaubte sich ein spitzbübisches Lächeln. "Ich liebe es, mit Soldaten zu tun zu haben. Sie können kochen, sie können nähen... Und sie können gehorchen."
"Das klingt so als hätte Bully dir diese Weisheit vermittelt", spottete Rhodan.
"Oh, das ist eine universelle Weisheit, die es bei allen Völkern gibt, die den Beruf eines Soldaten kennen", erwiderte Thora. "Das macht sie ja für uns Frauen zu so interessanten Lebenspartnern."
Rhodan fuhr merklich zusammen. "Notiert. Für die Zukunft, Kapitän."
Ein stilles Lächeln umspielte Thoras Lippen, das sie aber sofort wieder abstellte als sie es bemerkte. Zugleich schalt sie sich für ihr Verhalten. Es war weder die Zeit noch der Ort für eine Eskalation ihrer Gefühle. Sie räusperte sich vernehmlich, und rief Rhodans Navigationsdaten auf ihrem Holo auf. Dann versuchte sie den Gedanken so weit wie möglich von sich zu schieben.
Rhodan war ein wenig verwundert. Die Logik hätte geboten, den Anflug - oder besser gesagt, den Absturz - der Neuronik zu überlassen, die sehr viel schneller auf jede neue Situation reagieren konnte als ein Mensch. Dennoch steuerte er selbst. Thoras Argumente hatten ihn überzeugt. Und ehrlich gesagt glaubte er in genau diesem Moment tatsächlich daran, dass er das Schiff sicherer zu Boden bringen würde als die Neuronik. Im Moment flog er die schwer angeschlagene Good Hope tatsächlich mit dem Arsch, wie Thora es formuliert hatte. Er fühlte die Vibrationen, die das Schiff durchliefen, sah anhand der Zahlen, wie die sechzig Meter durchmessende Kugel auf seine vorsichtigen Manipulationen reagierte. Es war wie ein Steuerknüppel, der in seiner Hand zurückschlug, wenn er übersteuerte, nur halt in Form von Zahlen. Mehr und mehr verbannte Rhodan das bewusste Verstehen dieser Zahlen ins Unterbewusstsein, holte mehr und mehr die Intuition in den Vordergrund. Die bisherigen Ergebnisse gaben ihm Recht, überzeugten ihn mehr und mehr davon, dass er keine Fehler machte. Noch nicht. Und der schwerste Teil, der Eintritt in die Atmosphäre von Rofus, stand ihm noch bevor. Dennoch zögerte er nicht. Erlaubte sich kein Zögern. Nicht er. Nicht hier. Nicht in dieser prekären Stunde. Beinahe fühlte er sich wieder wie im Training, an seine ersten Flugversuche mit der guten alten Skyhawk. An jeden Windstoß, an jede Turbulenz, an jede Reaktion des Leitwerks auf seine Manipulationen. Er hatte die Situation voll im Griff. Das war auch nötig bei seinem ersten Absturz mit einem Schiff arkonidischer Fertigung.
Am Rande seines Bewusstseins registrierte er die Daten zu den beiden Mosquito-Jets. Der Jet von John McClears hatte sich bereits erheblich von der Good Hope abgesetzt und hielt unverkennbar einen Kurs, der ihn nach Ferrol bringen würde. Die Maschine von Conrad Deringhouse hielt sich an der Seite der Good Hope. Rhodan, der genügend Erfahrung auf der Mosquito gesammelt hatte, fragte sich für einen bangen Sekundenbruchteil, wie lange Conrad dort würde bleiben können. Aber es waren alle Entscheidungen getroffen worden. Nun galt es, durch die nächsten Stunden zu kommen.
"Rofusische Schiffe auf Abfangkurs!", meldete King mit ernster Stimme. "Sechs ihrer Keilschiffe. Schildstärke und Bewaffnung unbekannt. Sie beginnen im Fokus unseres Kurses zu kreuzen, zehntausend Kilometer voraus."
"Mr. Marshall", klang Thoras ruhige Stimme auf, "Schießen Sie auf die Blockadeschiffe. Es reicht, wenn Sie diese primitiven Vehikel kastrieren. Desintegratoren auf die Antriebsbereiche dürften reichen."
"Verstanden, Ma'am", erwiderte der Telepath. Kurz darauf begann das arkonidische Beiboot das erste Mal, seit es in das Wega-System gesprungen war, seine Offensivbewaffnung zu nutzen. Die beiden schweren Desintegratorgeschütze nahmen ihre Arbeit auf, schleuderten ihre Molekularverbindungen zersetzende Strahlung über die zehntausend Kilometer auf die willig wie Zielscheiben kreuzenden Ziele. Der puren Wucht der Energie hielten die schwachen Schilde nicht stand. Als diese durchbrochen waren, schlugen die Waffenstrahlen in die Antriebssektionen zweier Keilschiffe ein und durchschlugen sie. Marshall wartete geduldig, bis die Minimalaufladung der Spulen vollendet war, dann feuerte er auf die nächsten beiden Keilschiffe, während die ersten beiden Wracks bereits unkontrolliert zu taumeln begannen. Als auch Nummer drei und vier mit nur einem einzigen Schuss außer Gefecht genommen worden waren, brachen die anderen beiden Keilschiffe die Blockade ab und versuchten sich zurück zu ziehen. Marshall ließ das nicht zu. Er zerschoss auch den letzten beiden Rofusern die Antriebssektionen.
"Sehr gut gemacht, Mr. Marshall", klang Thoras wohlwollende Stimme auf. "Sollten wir aus den Wracks beschossen werden, erwidern Sie das Feuer."
Diese Möglichkeit bestand, und sie konnte für die Good Hope potentiell gefährlich werden. "Verstanden, Ma'am", sagte der Telepath ruhig.
Gut, von dieser Seite entstanden ihnen voraussichtlich keine neuen Probleme. Und die Zahl der sie verfolgenden Leichtkreuzer hatte sich auf vier reduziert; die anderen hatten beigedreht oder waren havariert. Die Situation war kläglich für das terranische Expeditionsteam, aber sie war so gut wie sie sein konnte.
Als sie die zerschossenen rofusischen Schiffe passierten, schlug ihnen kein Feuer aus den Wracks entgegen. Entweder waren die Ferronen dazu nicht mehr in der Lage, oder sie fürchteten die Antwort des arkonidischen Schiffs. Kurz darauf erreichte die Good Hope die obersten Ausläufer der Atmosphäre des Planeten. Die Exosphäre endete im messbaren Bereich in sechshundertdreißig Kilometern Höhe über der Oberfläche.
Rhodan ließ die Good Hope rotieren, brachte den beschädigten Teil der Schiffshülle damit gegen die Flugrichtung, und begann massiv die Geschwindigkeit zu reduzieren. Der Plan sah vor, bis zur Stratosphäre durchzustoßen, und dort in elf Kilometern Höhe mit höchster Belastung zu ihren Zielgebirge zu fliegen. Dort sollte dann der Absturz simuliert werden. Je tiefer sie flogen, desto wahrscheinlicher würde den Topsidern an Bord der Stahdu ein Piloten- oder Navigationsfehler sein, beziehungsweise ein Unglück aufgrund der erheblichen Beschädigungen im Minenfeld. Rhodan fühlte seine Stirn feucht werden, als er daran dachte, dass nicht besonders viel daran fehlte, damit die Good Hope tatsächlich aufgrund eines Navigationsfehlers oder der beträchtlichen Schäden abstürzte. Andererseits, es war sein Plan, und er würde ihn auch zu Ende bringen.
Die Good Hope raste tiefer, während sich der Mosquito von Deringhouse auf einem planetaren Orbit einrichtete. Das bedeutete mindestens eine Umkreisung für den jungen Piloten.
Rhodan schob den Gedanken beiseite. Er konnte sich nicht darum kümmern, nicht jetzt. Und Thora war erfahren genug, um mit der Situation fertig zu werden.
***
Als Conrad Deringhouse in seinen Orbit eintrat, der ihm nach einer Umkreisung ein Eindringen in die Atmosphäre mit annehmbarer Geschwindigkeit gestatten würde, sah er die Good Hope tiefer gehen. Schnell verlor er das Kugelschiff aus den Augen und musste sich auf den Bildschirm der Tasterortung verlassen. Zufrieden registrierte er, dass augenscheinlich alles nach Plan verlief. Die einzigen Feindeinheiten in bemerkenswerter Reichweite waren die sechs wrackgeschossenen Keilschiffe der rofusischen Rebellen. Die ihnen nachfolgenden Leichtkreuzer der Stahdu hatten weit früher mit dem Verzögerungsmanöver begonnen als die Good Hope, und dementsprechend die Tuchfühlung mit dem Beiboot aufgeben müssen. Allerdings konnten sie Conrad gefährlich werden, wenn er wieder um den Planeten herum kam. Einerseits wollte er versuchen, so nahe wie möglich in jenem Bereich zu landen, in dem sich der Kommandant und das Depot befanden. Andererseits musste er das Risiko gering halten, von den Rebellen oder den Topsidern aufgegriffen zu werden. Und dann stand immer noch die Frage im Raum, ob ihm die Notlandung auf Rofus überhaupt gelingen würde. Er riskierte bereits erhebliches, weil er seine hohe Eigenfahrt von der Gravitation des Planeten aufzehren ließ. Er verschwendete dafür Zeit. Zeit, die ihm später fehlen würde, wenn er versuchte, die Expedition zu erreichen.
Da! Der heftige Ausschlag auf dem Ortungsschirm musste die fingierte Havarie der Good Hope sein. Gleichzeitig registrierte die Ortung einen sprunghaften Anstieg der Radioaktivität im Zielgebiet. Deringhouse versuchte etwas zu erkennen, suchte das Gebirge, in dem der Absturz fingiert wurde, und sah selbst aus seinem Orbit in sechshundert Kilometern Höhe eine gewaltige Wolke über dem Gebirge aufsteigen. Blieb nur noch zu hoffen, dass der Plan funktioniert hatte, und er nicht Zeuge des wirklichen Absturzes der Good Hope gewesen war.
Dann verschwand das Gebirge aus seiner Ortung. Nun musste er sich erst einmal um das eigene Überleben kümmern. Auf einem Planeten, dessen Bewohner mit den topsidischen Hasadeuren kooperierten. Er allein gegen einen ganzen Planeten. Ein Traum wurde wahr. Allerdings ein Albtraum.
***
Als der ferronische Offizier erneut eintrat, rechnete Shakian-Grod mit dem Eintreten einer mittleren Katastrophe. Der junge Mann wirkte auf ihn sehr betreten, beinahe niedergeschlagen, als er zu Admiral Farrak ging, um ihm die neueste Entwicklung mitzuteilen. Der alte Admiral nickte schwer, dann ließ er sich dazu hinreißen, dem Offizier beruhigend auf die Schulter zu klopfen, bevor er ihn wieder aus den Saal schickte.
Er räusperte sich vernehmlich. "Mein Thort, Admiral, meine Damen und Herren, der vorderste Leichtkreuzer, von dem Sie, Admiral, angenommen haben, er sei ein Boot von Kolonialarkoniden, die zufällig in diesen Konflikt hinein geraten sind, ist soeben in der Kunder-Bergen abgestürzt. Die dabei entstandene Explosion entsprach einem Gegenwert von fünf Megatonnen, also einer schweren Raumkampfrakete."
Betretenes Schweigen antwortete dem Admiral.
Der Thort beendete die Stille. "Wenigstens wissen wir jetzt, warum sie nicht antworten konnten."
"Aber es hat anscheinend dazu gereicht, um sechs Rebellenschiffe flügellahm zu schießen", merkte Zirf-Alef trocken an. "Was ist mit den beiden Begleitschiffen?"
"Ein Raumjäger ist auf dem Weg hierher. Mit Ihrer Erlaubnis, Admiral, würde ich ihm gerne topsidische Einheiten entgegen schicken, um seinen weiteren Anflug zu decken."
Shakian-Grod nickte zustimmend. "Einverstanden. Der Pilot hat eventuell wertvolle Informationen für uns. Auf jeden Fall aber ist er ein lebender Zeuge vor Arkon für uns."
Farrak fuhr unmerklich zusammen, als er daran erinnert wurde, dass die Geschichte mit dem Minenfeld eventuell ein Nachspiel mit den Arkoniden selbst nach sich ziehen würde.
"Der zweite Jäger", fuhr er mit Betonung fort, "ist in einen niedrigen Orbit eingetreten und verschwand schließlich auf der uns abgewandten Seite von Rofus. Er ist nicht wieder auf unseren Ortungen aufgetaucht."
"Das kann vieles bedeuten. Die Maschine kann abgestürzt sein. Sie kann gelandet sein. Auf jeden Fall besteht eine Chance, dass der Pilot noch lebt." Der topsidische Admiral lachte abgehackt. "Und ich bin mir noch nicht so sicher, ob es nicht mehr Überlebende als die beiden Jägerpiloten gibt. Admiral Farrak, ich hoffe, Sie haben immer noch ein paar Agenten, Contra-Rebellen oder wenigstens Sympathisanten auf Rofus."
"Es gäbe da die eine oder andere Gruppe, ja."
"Wenn Sie einige davon in Reichweite des zweiten Jägers haben, wäre jetzt die Gelegenheit, sie zu mobilisieren und den Piloten suchen zu lassen. Besser er ist in unserer Hand als in seiner. Sie haben doch noch ein paar nicht entdeckte Transmitterverbindungen nach Rofus, über die wir den Piloten evakuieren könnten, oder?"
Farrak sah seinen Thort fragend an. Taheel nickte zustimmend.
"Wir haben einige Personentransmitterverbindungen für den absoluten Notfall. Sie wurden vor der Rebellion aufgebaut, um als theoretische Fluchtmöglichkeit für die Regierung dienen zu können. Es ist pure Ironie, dass wir uns für Rofus als Exil entschieden haben. So im Nachhinein."
"Admiral, ich möchte, dass Sie eine oder zwei dieser Verbindungen nutzen. Bringen Sie weitere Leute da hoch. Spezialisten", sagte der Thort bestimmt. "Sie sollen sich um die Absturzstelle des Leichtkreuzers kümmern, und nach eventuellen Überlebenden Ausschau halten, die sie so schnell wie möglich nach Ferrol evakuieren. Das Gleiche gilt für den Piloten des zweiten Jägers."
"Ja, mein Thort." Der alte Admiral nickte bestätigend.
"Also gut, schauen wir uns näher an, was der Schwarm mit dem neuen Spielzeug von Chrekt-Orn gemacht hat." Taheel beugte sich vor und aktivierte das Hologramm mit den Fernaufnahmen der havarierten Beiboote der Stahdu.
6.
Auf Höhe der Planetenbahn von Rofus
Wega-System
An Bord der Stahdu
17.05.2034
"Das war es", sagte Antim von Zoltral tonlos, als auf dem Hologramm vor ihm eine heftige nukleare Detonation an der Stelle angezeigt wurde, an der die Aetron Eins abgestürzt war. Erschüttert erhob er sich, transferierte das Hologramm zum Kartentisch und begann die wenigen Daten, über die sie zur Zeit verfügten, eingehend zu analysieren.
Tarak-Gets nutzte die Gelegenheit und trat an seinen Admiral heran. "Herr, ich habe hier eine interessante Berechnung."
Chrekt-Orn sah aus seiner Nachdenklichkeit auf. "Interessant?"
"Wir haben den Austrittspunkt der Aetron Eins analysiert und ein paar Systeme in der Nachbarschaft identifiziert, aus denen der Leichtkreuzer herüber gesprungen sein kann. Es kommen elf Sonnen dafür in Frage. Die weiteste ist gut dreißig Lichtjahre entfernt und liegt fast an der Grenze der Sprungfähigkeit eines Leichtkreuzers."
"Und Sie vermuten das Mutterschiff in einem der Systeme?", fragte der Admiral amüsiert.
"Das Mutterschiff, eine arkonidische Kolonie, ein Basiscamp, etwas in der Art. Ich bitte um Erlaubnis, die Systeme absuchen zu lassen."
Chrekt-Orn zögerte mit einer Antwort. Er warf einen Seitenblick auf den zur Zeit leeren Sessel von Antim. "Schicken Sie ein Geschwader aus. Offiziell zu Erkundungszwecken. Ich will nicht, dass die Arkoniden mitkriegen, was wir suchen. Wenn wir sie unnötig in die Enge treiben, könnten sie auf die dumme Idee kommen, einen Aufstand zu riskieren. Und noch brauchen wir sie."
"Ich habe verstanden, Admiral. Irgendwelche besonderen Anweisungen für den Fall, dass wir fündig werden?"
Der alte Topsider verzog sein Gesicht zu einem selbstgefälligen Lächeln. "Geiseln nützen uns nichts. Da sind Arkoniden auf eine erfrischende Art sehr topsidisch. Andererseits bin ich auch kein Freund sinnloser Blutbäder. Wir können jedwelche arkonidische Hochtechnologie gebrauchen. Diese ist um jeden Preis zu erobern. Widerstand ist unerwünscht und muss bestraft werden."
"Ich werde entsprechende Anweisungen geben. Kulan-Tats und sein Geschwader bieten sich an. Sein Geschwader ist mit zweiundzwanzig Einheiten nicht vollständig, und das macht zwei Kreuzer pro System. In fünf Pragos können wir die elf Zielsysteme abgesucht haben."
"Falls das Absprungsystem nicht nur für den Transit benutzt wurde", gab der Admiral zu bedenken. "Geben Sie Kulan-Tats zehn weitere Pragos, um die umliegenden Systeme im Zielvektor ebenfalls zu untersuchen."
"Jawohl, Admiral." Der Offizier salutierte auf topsidische Art. "Ich erstelle einen Einsatzplan für das Geschwader."
"Tun Sie das, mein Junge."
Der Admiral erhob sich. Bedächtig ging er zum Hologrammtisch in der Mitte der Zentrale, auf der die von den Leichtkreuzern ermittelten Daten visuell umgesetzt wurden. "Es tut mir ehrlich Leid um Ihre Khasurn-Schwester, Antim", begann Chrekt-Orn. "Es ist nicht richtig, dass Zivilisten in die Angelegenheiten von Kriegern gezogen werden und daran sterben müssen."
Antim sah auf. "Thora war sehr nahe mit meinem Familienzweig verwandt."
"Umso schlimmer. Aber bedenken Sie eines, Vere'ator: Die Mine, die der Aetron Eins zum Verhängnis wurde, haben die Ferronen gelegt."
"Diese Mine, jene die vier weiteren unserer Leichtkreuzer zum Verhängnis wurden, und alle weiteren, die dort ausgelegt wurden und auf Opfer warten. Ich gehe von einem groß angelegten Minenfeld im Anflugvektor und im Orbit um Rofus aus. Sonst wäre die Chance, gleich fünf Leichtkreuzer zu beschädigen, unendlich gering gewesen."
"Was schlagen Sie vor?"
Antim straffte sich. "Das Minenfeld ist nicht nur eine Gefahr für unsere eigenen Schiffe, sondern auch für die rofusischen Verbündeten. Wir sollten es so gut wie möglich räumen. Ein paar Torpedos mit Nukleargefechtsköpfen ins Zielgebiet sollten den Großteil vernichten. Danach eine intensive Suche mit den einsatzbereiten Leichtkreuzern, um zumindest den Anflugkorridor wieder sicher zu machen."
"Ich nehme Ihre Anregungen auf, Antim", versprach Chrekt-Orn. "Und ich verspreche Ihnen, dass ich Shakian-Grod und das Regime des Thorts für den unnötigen Tod dieser arkonidischen Zivilisten zur Rechenschaft ziehen werde."
"So? Werden Sie das?", fragte Antim mit spöttisch hoch gezogenen Augenbrauen.
"Natürlich. Ich dulde kein Verschwendung."
"Dann bin ich gespannt, wie sich die nächsten Tage entwickeln werden, Admiral. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden? Ich habe das dringende Bedürfnis, bei den She'Huan Fürbitte für Thora zu halten."
"Das verstehe ich, Antim. Sie können gehen."
Der Arkonide deutete eine Verbeugung an, dann verließ er die Zentrale.
Eine interessante Entwicklung, fand Chrekt-Orn. Zwar hatten vier seiner Leichtkreuzer teils immense Schäden erlitten, aber eventuell konnte er diese Verluste dort ausgleichen, wo Thora von Zoltral her gekommen war. Das würde auch für Shakian-Grod zur Überraschung werden.
"Admiral, wir haben erste Fernaufnahmen aus dem Absturzgebiet. Das Suchflugzeug, das die Fotos gemacht hat, kam wegen der harten Strahlung aber nur auf weite Distanz heran, bevor es umkehren musste. Ich werde einen Leka-Diskus ausschicken. Ihre Schilde werden die Besatzung besser schützen."
"Gut, Tarak-Gets. Was können wir aus den Aufnahmen schließen?"
Der topsidische Offizier deutete auf einen dreidimensionalen Film, der nun im Holotisch lief. "Totalverlust. Bis auf einen Riesenkrater und deformierten Schrott aus Arkonstahl ist nicht viel übrig geblieben. Zudem werden radioaktiv verstrahlte Trümmer in weitem Umkreis gemeldet."
"Suchen Sie die Flugstrecke ab. Wenn es Überlebende gibt, wenn Arkoniden aussteigen konnten, will ich sie finden. Und es wäre interessant, wenn diese Thora dabei wäre. Antim hat sich als erpressbar erwiesen."
"Ich verstehe, Admiral. Wenn sie noch lebt, werden wir sie finden."
"Sehr gut, mein Junge. Wir nehmen Kurs auf unsere havarierten Leichtkreuzer und beginnen mit der Bergung. Senden Sie Leka-Beiboote aus, die mit der Suche und der Analyse der Absturzstelle beginnen."
Der Topsider salutierte."Jawohl, Admiral."
Es war mehr als genügend Zeit gewesen, um einigen arkonidischen Rettungskapseln die Flucht zu ermöglichen, bevor sich die Aetron Eins regelrecht in den Planeten gebohrt hatte. Und da war immer noch der Pilot des halb zerstörten Jägers. So oder so, es schien als würde der alte topsidische Admiral von Sekunde zu Sekunde mehr Vorteile in der Hand halten.
"Warte du nur, Shakian-Grod. Wir werden sehr bald sehen, wer der bessere Offizier ist, und wer Topsid seinen Stil für die nächsten hundert Jahre aufprägen wird." Chrekt-Orn grinste selbstgefällig. Er hatte keinerlei Zweifel daran, wer diesen Wettstreit gewinnen würde.
***
Die Überlebenden der Good Hope hatten in einem zweireihigen U Aufstellung bezogen. Inmitten dieses U lag eine Metallkiste, die symbolisch für die vier Toten stand. Perry Rhodan stand mit Crest und Thora an der offenen Seite des U's und rang für lange Sekunden um Worte.
Kurz ging sein Blick durch die weite, gut ausgeleuchtete Halle, die der Rofus-Kommandant des Nachschubcenters kurzfristig für sie geräumt hatte. Diese Anlage glich ihrem Pendant auf dem Mars bis auf die letzte Strebe. Die Terraner hatten keine Probleme gehabt, sich in ihr zu orientieren. Der Kommandant erkannte Perry Rhodan als Oberbefehlshaber an und unterstützte sie vorbehaltlos. Sogar auf Rhodans gewagten Vorstoß, die Anlage vor ihrer Entdeckung eventuell sprengen zu müssen - Worte, die er nie so deutlich gesagt hätte, wenn nicht ausgerechnet einer seiner ältesten Freunde wenige Stunden zuvor getötet worden wäre - hatte der Kommandant mit dem Hinweis auf volle Kooperation beantwortet.
Nun stand er hier, in dieser Halle, vor einer Kiste, die ein Sargersatz sein sollte, und doch nie gefüllt werden konnte. Nach dem Minentreffer wäre es Wunschdenken gewesen, von den vier Toten auch nur verwertbare DNS-Spuren bergen zu können.
Rhodan räusperte sich. Sein Blick ging zu Betty Toufry. Wie schwer musste die Situation für sie sein? Himmel, sie war doch noch ein Kind, und er hatte sie mitgenommen, diesem wahnsinnigen Risiko ausgesetzt! Sie hätte jetzt ebenso tot sein können! Und Perry hatte damit gerechnet, in Kampfhandlungen verwickelt zu werden. Nur diesmal hatte seine Fähigkeit als Sofortumschalter eben nicht die richtigen Schlüsse gezogen, die Fakten richtig bewertet. Denn danach hätte er Betty Zuhause lassen müssen. Was wäre geschehen, wenn sie getötet worden wäre? Was hätte er ihren Eltern gesagt? Hätte er ihnen überhaupt je wieder unter die Augen treten können? Rhodan stieß die aufgestaute Luft mit einem Zischen aus. Er zwang sich, die zu Fäusten verkrampften Fäuste wieder zu öffnen, seinen Blick wieder auf die Kiste zu lenken. Sie hatten nicht einmal eine Fahne, konnten nicht einmal dieses militärische Feigenblatt ausbreiten. Rein gesetzlich waren sie nicht einmal eine richtige Armee oder Flotte, nur eine bewaffnete private Streitmacht. Es gab keine Möglichkeit, keine Grundlage, um die Toten angemessen zeremoniell zu ehren. Keine Salutschüsse, keine Jets mit Missing Man-Manöver, keine posthumen Orden. Wie sehr ihm diese Zeremonien und Vorschriften doch nun fehlten, es war beinahe lächerlich zu nennen. Aber nicht nur im Krieg gegen die Asiatische Föderation hatten ihm diese lächerlichen Gesten die Kraft wiedergegeben, um weiter zu machen, weiter zu kämpfen. Dabei zu bleiben.
Innerlich gab sich Rhodan einen Ruck, und fällte eine Entscheidung. Die Zeit und die Generalvollversammlung der UNO würde entscheiden, ob sie gut und schlecht war.
"Wir haben uns hier versammelt, um unsere vier gefallenen Kameraden zu ehren, die wir verloren haben, als die Good Hope auf eine Mine aufgelaufen ist", sagte Rhodan, ein wenig erschrocken über die plötzliche Kraft in seiner Stimme. Seit dem vorgetäuschten Absturz, seit dem Einflug in die Anlage, seit der ersten oberflächlichen Inspektion hatte Rhodan das Gefühl gehabt, seine Kraft fließe aus ihn hinaus, ins Nirgendwo. Nun aber schien sie zurückzukehren, und das nur, weil er eine eigentlich banale Entscheidung getroffen hatte. "Wir trauern um Doktor Eric Manoli, Doktor Elina Koslowski, Sanitäter Harold Willingby und Sanitäter Charles Ping. Die Explosionswucht, welche die Schilde der Good Hope zerrissen, waren auf Höhe der Krankenstation am stärksten; alle vier waren in dieser Situation dort wo sie sein mussten: Auf ihren Posten. Das Schiff wurde an dieser Stelle aufgerissen, zerstört, amputiert. Nur weil die Notsysteme sofort griffen und die vernichteten Sektionen abgeschottet haben, haben wir keine weiteren Toten und Verletzten zu beklagen. Dies, und dem Umstand, dass die zweite Reihe Schotts der brachialen Gewalt der Explosion stand gehalten hat, verdanken wir unser Überleben."
Rhodan schüttelte den Kopf. "Auf einem Leichtkreuzer wie der Good Hope gibt es nicht sehr viel Platz. Wir hatten nie die Chance, alle lebenswichtigen Funktionen und Abteilungen im relativ sicheren Kern des Schiffs unterzubringen. Dies ist selbst bei den Schweren Kreuzern, die wir erbaut haben, schwierig. Und auf der Good Hope, die bis an die Grenze der Kapazität vollgestopft ist, gab es keine andere Lösung. Zumindest keine, die mir hätte einfallen wollen."
Rhodan stockte, dachte kurz daran was er hatte sagen wollen, und was er wirklich gesagt hatte. War das schon der Versuch der Rechtfertigung, vor dem er sich gefürchtet hatte? Das Hasenloch, dem er eigentlich ausweichen wollte?
"Sie mussten nicht leiden. Ich möchte sogar bezweifeln, dass sie ihren eigenen Tod überhaupt mitbekommen haben. Die Explosion kam zu schnell über sie. Und wir Überlebenden können von Glück sagen, dass sich die pure Gewalt des entfesselten atomaren Feuers letztendlich tot lief und nicht mehr die Kraft hatte, das ganze Schiff zu vernichten.
Eric war mein Freund. Ich kannte ihn seit sechzehn langen Jahren. Er war mir immer ein guter Ratgeber, eine Stütze in allen Lebenslagen. Ohne zu zögern hat er geholfen, Crest vom Mars zu schmuggeln, ohne zu zögern hat er geholfen, die GCC aufzubauen, ohne zu zögern hat er sich freiwillig gemeldet, als diese Mission anstand. Er war immer ein integerer Charakter, ein freundlicher Mensch, ehrlich und aufrichtig und gut. Mit ihm hat die GCC, hat die Erde einen ihrer Besten verloren."
Rhodan zögerte einen kurzen Moment. Nicht mal eine Fahne für diese dämliche Metallkiste. Nicht mal eine Fahne.
"Doktor Elina Koslowski war zwar erst seit einem Jahr bei der GCC, aber sie hat sich schnell als fähige Wissenschaftlerin herausgestellt, die ursprünglich auf die Forschung von Weltraumstrahlung auf die Körper von Astronauten spezialisiert war, Erics Fachgebiet. Mit ihm zusammen hat sie die neue Wissenschaft begründet, die Auswirkungen von langen Weltraumaufenthalten unter Berücksichtigung arkonidischer Technologie und Schirmtechnik auf die Raumfahrer zu beobachten und zu archivieren. Ich hatte nie viel mit ihr zu tun, aber als Eric sie als zweiten Arzt für die Mission empfahl, habe ich ohne zu zögern zugestimmt."
Rhodan atmete aus und holte anschließend laut Luft. "Willingby und Ping waren beide aufstrebende junge Talente in der GCC und ihrem militärischen Arm. Beide waren neben ihrer Ausbildung als Feldsanitäter Menschen mit vielen Fähigkeiten. Willingby qualifizierte sich durch einen Studiengang für Ingenieurstechnologie für diese Mission, Ping schaffte dies durch seine Arbeit über arkonidische Robotertechnologie und die terranischen Verbesserungen. Beide hatten ihre Ausbildung als Sanitäter als großes Glück bezeichnet, weil sie dadurch in die engere Wahl für die Mission kamen und schließlich auch ausgewählt wurden. Sie haben sich durchgesetzt, gegen über eintausend Bewerbern."
Rhodan schnaubte leise. "Ich will ehrlich mit Ihnen allen sein. Die Good Hope ist schwer beschädigt. Ob wir überhaupt jemals wieder springen können müssen wir erst feststellen. Und ob sich die Good Hope je wieder von Rofus erheben wird, ist fraglich. Und auch taktisch unklug, solange Topsider und Ferronen-Rebellen glauben, dass der Leichtkreuzer vernichtet wurde. Ob wir überhaupt fliehen sollten ist schon fraglich. Bereits jetzt wissen die Topsider, dass da draußen etwas existiert, was eine Suche lohnt. Ihnen dieser Arbeit abzunehmen und sie direkt ans Ziel zu führen erscheint mir sehr dumm zu sein. Jede Stunde, welche der Erde bleibt, wird sie sich besser rüsten, besser vorbereiten auf alles, was die Topsider zu schicken vermögen. Uns bleibt nur, hier auf Rofus zu bleiben, und unsere Mission so gut es geht zu erfüllen. Diese Mission lautet noch immer, Schaden von der Erde abzuwenden, und wenn es geht das Wissen über ihre Existenz zu unterdrücken. Zu diesem Zweck ist Captain McClears auf dem Weg nach Ferrol, um dort nach Verbündeten zu suchen. Oder zumindest nach Intelligenzen, die in die gleiche Richtung schießen werden wie wir.
Ich will ein zweites Mal ehrlich mit Ihnen sein. Es kann passieren, dass wir das Wega-System nie wieder verlassen werden. Oder - davor möge die Vorsehung uns bewahren - als Gefangene der rebellischen Topsider. Aber ich verspreche Ihnen, Ihnen allen, im Angesicht der ersten Toten des militärischen Arms der General Cosmic Company, im Angesicht unserer toten Freunde, dass die Sicherheit der Erde meine erste Priorität ist - und die Sicherheit meiner Leute die zweite! Wenn es möglich ist, werden wir alle zur Erde zurückkehren. Wenn es keine Möglichkeit gibt, werde ich eine erschaffen! Wenn ich keine erschaffen kann, werde ich eine klauen! Darauf haben Sie mein Wort als Groß-Administrator der GCC!"
Spontan applaudierten die Raumfahrer. Selbst Thora ließ sich zu einem spöttischen Lächeln hinreißen, während sie in ruhigem Takt applaudierte. Crest indes hatte ein zufriedenes Lächeln aufgelegt.
"Mir liegt noch eine Sache auf dem Herzen. Eigentlich ist es eine Bagatelle. Aber ich kann sie nicht beiseite schieben, nicht ohne mir selbst untreu zu werden. Vor uns steht eine Kiste. Eine kleine Metallkiste, stellvertretend für vier Särge, die niemals gefüllt werden können. Die Toten, für die sie steht, waren Angestellte der GCC, Angestellte der militärischen Sektion. Aber nie werden sie die Ehrung erfahren, die Soldaten widerfährt, die im Dienst für ihr Vaterland starben. Und diese vier starben für die Erde in ihrer Gesamtheit, für ein einzelnes ihrer Vaterländer. Halten Sie mich für geltungssüchtig, für unvernünftig, für naiv, aber ich will das nicht. Ein Soldat ist jemand, der nicht unbedingt selbstlos, aber doch entschlossen seine Heimat verteidigt. Diese vier Männer und Frauen haben die ganze Erde verteidigt, und ich sehe nicht ein, warum man ihnen militärische Ehren verweigern sollte, nur weil sie Angestellte eines Konzerns waren, nicht eines Staates. Deshalb erkläre ich hier und jetzt, dass der militärische Zweig der General Cosmic Company in jenem Moment, in dem er im Wega-System Feindberührung hatte, eine richtige Armee geworden ist, deren oberstes Ziel der Schutz der Erde ist. Diese Einheit, die Terranische Flotte, ist eine militärische Streitmacht, die militärische Streitmacht der United Nations, der ganzen Erde, des Solaren Systems. Und als diese fordere ich für jeden von uns, der sein Leben riskiert und womöglich auch verliert, die Ehren und Anerkennungen, die jeder Soldat der Erde erhält, der für sein Vaterland fällt. So wie diese vier es taten."
Wieder klang Applaus auf, nur länger, ausführlicher. Rhodan nahm ihn hin, lächelte beinahe ein wenig. "Bis zum Ende dieser Krise wird der Kommandant aus Sicherheitsgründen keinen Kontakt mit der Erde aufnehmen. Das heißt aber nicht, dass wir ohne Beschäftigung sind. Da draußen wartet ein ganzes Sonnensystem mit unendlichen Möglichkeiten darauf, von uns analysiert, klassifiziert und gegen unsere Feinde gerichtet zu werden. Ja, Feinde, denn wer ohne Vorwarnung auf uns schießt, muss schon eine sehr gute Entschuldigung präsentieren. Und solange wir diese nicht hören, bleiben wir bei der einfachen Erklärung. Also los, General Cosmic Company, oder besser gesagt: Terranische Flotte! Mischen wir sie ordentlich auf!"
Nun antwortete Rhodan lauter Jubel. Die Männer und Frauen reckten die Arme hoch, Reginald Bull ließ sich sogar zu einem Freudengeheul hinreißen.
"Weggetreten!", rief Rhodan über den Lärm hinweg, und die Spezialisten der GCC, jetzt Terranische Flotte, verstreuten sich im Laufschritt.
"Wir werden eine offizielle Flagge designen müssen", sagte Bully, der noch immer in der Halle war und nun langsam auf Perry und die beiden Arkoniden zuging. "Eine richtige Flagge, die wir auf diese kümmerliche Entschuldigung für einen Sarg legen können. Jetzt, wo wir eine Armee sind."
"Das werden wir, Bully, das werden wir. Aber erst wollen wir erfassen, was das Depot für uns bereit hält, und dann denken wir darüber nach, wie wir diese Sachen in Terras Sinne einsetzen können." Rhodan seufzte leise. "Eventuell wird McClears uns Verbündete bescheren, und dann sind die Karten neu gemischt."
"Ganz abgesehen von der Möglichkeit, uns eine neue Zukunft zu klauen", warf Thora ein. Sie grinste breit. "Aber die Stahdu zu klauen wird schwieriger werden als du dir jetzt gerade vorstellst, Perry."
"Wie? Die Stahdu? Ich hatte nicht vor, die Stahdu..."
"Nicht? Als du "klauen" sagtest, nahm ich an, dass du bereits eine Idee ausgeheckt hast, wie du das Schiff aus topsidischen Händen nehmen kannst. Oder willst du dieses mächtige Kampfschiff wirklich in der Hand eines rebellischen Topsiders lassen?", hakte Thora nach.
"Es dürfte etwas schwierig werden...", wandte Rhodan ein.
"Es ist in diesem System, und auf dem Weg nach Rofus. Dir wird schon etwas einfallen, Perry", sagte Crest fröhlich. "Dir fällt doch immer etwas ein."
Perry Rhodan sah die beiden Arkoniden erschüttert an. "Aber... Natürlich, es gibt dreihundert arkonidische Raumfahrer an Bord, die das Schiff nur zu gerne zurückerobern würden. Und wir haben die Unterstützung der Mutanten. Und dann ist da noch..."
"Da bahnt sich eine Idee an", kommentierte Bully grinsend.
"In der Tat", bestätigte Thora. "Perry arbeitet an einem unmöglichen Plan. Also eigentlich wie immer."
"Es gibt Möglichkeiten", räumte Rhodan ein. "Aber dafür müssten wir..."
"Perry, hast du Zeit, in die Zentrale zu kommen?", klang Clark Flippers Stimme über die Lautsprecher auf. "Hier gibt es etwas, was du unbedingt sehen musst. Bring bitte Thora, Crest und Reginald mit."
"Na, das ging ja relativ fix", murmelte Rhodan und setzte sich in Bewegung. Die erste Überraschung stand an, wie es schien.
***
Der terrassenförmige Aufbau der Hauptzentrale, mit der, wie Rhodan wusste, der Unterlichtflugverkehr eines ganzen Sonnensystems gesteuert werden konnte, unterschied sich von der Mars-Anlage nur durch die Farbe des verwendeten Plastit-Betons. Jener auf dem Mars hatte eine rötliche Farbe, wegen dem hohen Anteil an Eisenoxid. Der Rofus-Plastit war blaugrau. Ansonsten glichen sich beide Anlagen wie eineiige Zwillinge. Verschiedene Arbeitsplätze an Pulten, Gemeinschaftsarbeitstische auf den Terrassen selbst, die erhöhten Posten für Superviser, die weite Arbeitsebene auf der untersten Terrasse, der zentrale, kreisförmige Arbeitsplatz mit dem Hologrammprojektor, es war alles wie auf dem Mars.
Es arbeiteten nicht viele GCC-Leute in der Zentrale. Gerade genügend, um eine oberflächlich Inbetriebnahme zu gewährleisten. Über das hinaus, was die Stützpunktneuronik selbstständig zu leisten vermochte. Im Prinzip konnte der Stützpunkt ohne Menschen autark arbeiten. Die künstliche Intelligenz war dazu mehr als in der Lage. Andererseits hatte schon ihr Hilferuf nach Terra bewiesen, dass auch eine von Thora so gefürchtete selbsttätig denkende Neuronik an ihre Grenzen stieß, was abstrakte Entscheidungen betraf. Also arbeiteten Terraner an den Pulten, um anhand der erfassten Ortungdaten diese abstrakte Entscheidungen zu treffen. Sie entschieden nun, wann ein rofusisches Bodenfahrzeug so nahe an die Anlage kam, sodass eine Entdeckung des Stützpunkts zu befürchten war.
Die Arkoniden hatten es umgekehrt gemacht, den Neuroniken die meisten ihrer Möglichkeiten genommen, ihnen aber mehr und mehr Entscheidungen aufgebürdet. Mittelfristig musste dieses Verhalten in einem Fiasko enden. Einer der Gründe, warum Crest und Thora nach dem ewigen Leben suchten, war der, um die Generation die zu selbstständigen Entscheidungen noch fähig war und sich nicht alles von den modernen Sklaven, den Neuroniken, abnehmen ließen, dem Imperium und damit allen Völkern unter arkonidischer Fittiche länger zu erhalten. Rhodan war klar, das ein Großreich wie das arkonidische nicht ohne unendliches Leid, Krieg, Schmerz, Blut und Tränen auseinander brechen würde. Eine Alternative wäre eine vorsichtige Dezentralisierung gewesen, mit gleichzeitiger Schaffung lokaler Zentren, die anschließend Keimzellen selbstständiger Sternenreiche werden würden. Aber das waren Dinge, um die sich ein Perry Rhodan niemals würde kümmern müssen. Gedankenspiele, mit denen er sich von den Dimensionen der Halle ablenkte, vom Tod eines Freundes und dreier Untergebener.
"Was gibt es denn, Flip?", fragte Rhodan, als er an der Spitze der kleinen Prozession den Konferenztisch erreichte, an dem der Wissenschaftler hantierte.
Clark G. Flipper zog beide Augenbrauen hoch und legte die Stirn in Falten. "Das glaubst du nur, wenn du es selbst siehst. Ich glaube es ja selbst nicht, und ich habe es bereits dreimal gesehen."
"Klingt interessant", murmelte Rhodan und sah kurz auf einen der großen aktivierten Monitore. Dort wechselten die Bilder von acht mobilen Kameras, die den vermeintlichen Absturzort der Good Hope überwachten. Mittlerweile hatten sich einige gepanzerte Fahrzeuge so weit an das Gebiet heran getraut, wie es die Strahlung der atomaren Detonation einer Technologie ohne Prallschilde zugestand. "Besteht Entdeckungsgefahr?"
"Die rofusischen Einheiten, die eindeutig der Regierungspartei und damit den Rebellen zugerechnet werden können", klang die sonore Stimme der Neuronik auf, "befinden sich in einer Entfernung von über einhundert terranischen Kilometern. Die Anlage ist gut gesichert. Eine Entdeckung auf diese Distanz steht nicht zu befürchten. Alle Infrarotspuren wurden in Folge der atomaren Explosion überdeckt. Scouteinheiten, Fluggeräte und dergleichen, die gezielt nach etwas oder jemandem suchen, befinden sich nicht in erkennbarer Nähe. Als das Depot angelegt wurde, haben die Ingenieure Wert darauf gelegt, dass die Position abgeschieden und schwer zu erreichen ist."
"Danke für die Erklärung, Kommandant", sagte Rhodan, halb beruhigt. Er wusste, dass seine Leute sicherheitshalber alle Daten, die der Kommandant erstellte, durchforsteten und damit eine zusätzliche Sicherung bildeten. "Was ist also so interessant, Flip?"
"Kommandant, spiele bitte die Datei Mascaren eins ab."
"Sehr wohl, Erhabener."
"Erhabener?", fragte Rhodan irritiert. "Der Kommandant hat dich als arkonidischen Adligen eingestuft, Flip?"
"Ich mache mir keine Sorgen, solange er dir nicht den Ehrentitel Begam verleiht, der dem arkonidischen Imperator vorbehalten ist", erwiderte Flipper.
Er deutete auf den Holoprojektor, über dem sich bereits gut erkennbar das Gerüst des Hologramms etablierte. Schnell schälten sich erkennbare Konturen heraus, und schließlich schwebte über dem Tisch, mehr als drei Meter groß, in eine blaugraue Kampfrüstung gekleidet, mit einem purpurnen Umhang geschürzt und den reich verzierten Kampfhelm in der linken Armbeuge, ein hochgewachsener, kräftiger Arkonide. Sein weißblondes Haar reichte ihm bis über die Schulter, sein Gesicht war jung, doch der Blick in seinen Augen zeugte von vielfältigen Erfahrungen.
"Mein Name ist Mascaren da Gonozal, Kristallprinz und Erbe von Upoc da Gonozal, der als Gonozal der Siebte das Tai'Ark Tussan regiert. Derzeit bin ich Kommandant des 132. Imperiums-Einsatzgeschwaders." Das Hologramm sah von seiner erhabenen Position auf sie hinab, und irritiert registrierte Rhodan, dass Thora einen Schritt zurückwich. Nicht, dass er auf einen Toten eifersüchtig werden würde, aber ihre Reaktion hatte für ihn so etwas wie eine kalte Dusche.
"Mein Rufname ist Atlan, frei nach dem legendären arkonidischen Helden Tran-Atlan. Ich sage das alles, weil diese Nachricht nur abgespielt wird, wenn ich lange genug vermisst werde, um die Lebensspanne eines normallebigen Arkoniden zu überschreiten - und nur, wenn Besuch von Larsaf III in dieser Station eintrifft." Atlan machte eine weit ausholende Bewegung. "Dies alles hier, Bewohner von Larsaf III, gehört euch. Ebenso wie die Depots auf Larsaf IV, Mirthona VIII und Letarnis II. Wenn Ihr es bis nach Rofus geschafft habt, werdet Ihr auch dorthin finden.."
Atlan schwieg für einen langen Moment, und Rhodan meinte, der große Arkonide würde nur ihn ansehen. "Ja, es ist wahr. Ich nehme diese Nachricht für den Fall auf, dass ich tot bin. Wenn dem so ist, sind die vier Depots alles, was ich der Zukunft an Unterstützung leisten kann. Und da die Nachricht abgespielt wird, bedeutet dies, dass, wenn schon nicht die Verteidigung der Atlantis-Kolonie gelungen ist, so doch wieder intelligente Wesen auf Larsaf III leben, und den Sprung bis ins Wega-System geschafft haben. Das bedeutet auf eine unbestimmte Zeit des Friedens und der Ruhe in diesem Sternensektor. Vielleicht sogar das Ende der Methan-Kriege. Auf jeden Fall aber dürfte es keine Angriffe aus dem roten Universum mehr gegeben haben." Der ins Riesenhafte vergrößerte Arkonide hob abwehrend eine Hand. "Keine Fragen, bitte. Ich habe genügend Dossiers und Filme hinterlassen, um so viel wie möglich vom Wissen der 132. Flotte weitergeben zu können. Seid froh, wenn das rote Universum keine Bedrohung für euch war, und hoffentlich nie sein wird. Aber seid vorbereitet, wenn es doch über euch kommt. Dafür sollten die Depots dienen, und ich habe das Gefühl, dass sie den Verteidigern von Larsaf III gute Dienste leisten werden. Ich übergebe all das hier, alle vier Depots in eure Hände, Larsafianer." Atlan lächelte gewinnend, aber auch ein wenig wehmütig, so als hätte er bei der Aufzeichnung dieser Nachricht gewusst, dass sie tatsächlich einmal abgespielt werden würde. In ferner Zukunft.
"Und nun kommen wir zum wichtigsten Punkt eurer Expedition: Den Spuren jener Wesen, die älter als die Sonne sind. Ich habe es nie geschafft, mich mit diesen Spuren zu beschäftigen. Die Verteidigung des Raumsektors und der Erhalt der Kolonie auf Atlantis hat mich immer zu sehr eingenommen. Dennoch war es immer mein Wunsch, die Unsterblichkeit zu finden, und Arkon zur Verfügung zu stellen. Viele meiner Soldaten und Wissenschaftler sind den Spuren nachgegangen, und keiner ist zurückgekehrt. Deshalb warne ich euch: Belasst die Dinge, wie sie gerade sind, gebt euch mit den Depots zufrieden und bereitet euch auf den Schlag des roten Universums vor. Die Suche nach der Unsterblichkeit birgt unsägliche Gefahren, der Pfad ist lang und gewunden, und er führt, so unglaublich das auch klingen mag, nicht nur durch den Raum, sondern auch durch die Zeit. Die Wesen, die älter als die Sonne sind, haben ihre Spuren hinterlegt, weil sie gefunden werden wollen. Aber sie haben die Hürden so hoch angelegt, dass nur wenige zu ihnen finden können. Wenn Ihr den Weg gehen wollt, wenn Ihr das Galaktische Rätsel lösen wollt, dann macht euch bewusst, dass Ihr in Raum und Zeit veroren gehen könnt, so wie einige meiner besten Offiziere und Wissenschaftler.
Doch wenn euch das nicht abschreckt, dann sucht den Raum, den es nicht gibt, in der Residenz des Thort in Thorta auf Ferrol. Dies ist alles, was ich euch zu diesem Thema sagen kann. Mehr habe ich nie heraus gefunden. Dennoch weiß ich, dass es die Wesen gibt, die länger als die Sonne leben. Dennoch weiß ich, dass es die Unsterblichkeit gibt." Atlan stockt, und Rhodan fühlte, das er vergessen hatte zu atmen.
"Ich habe dies aufgezeichnet, weil ich daran glaube, weil ich weiß, dass es Wesen da draußen unter dem Licht der Öden Insel gibt, die würdig sind, die Unsterblichkeit anzunehmen, und die kräftig genug sind, um sie zu ertragen. Eines Tages wird diese Aufzeichnung abgespielt werden, jemand wird die Herausforderung annehmen, er wird am Galaktischen Rätsel nicht scheitern, und er wird die Unsterblichkeit erringen. Vielleicht wäre es klüger, alle Spuren zu vernichten, um die Leben jener Gierigen, Verrückten und Unfähigen zu retten, denen das Rätsel die erbärmlichen Leben kostet. Vielleicht wäre es gnädiger. Aber wenn die Wesen, die länger als die Sonne leben, die Unsterblichkeit ertragen, dann denke ich, können das andere auch. Wesen wie ich. Wesen wie Ihr. Nehmt von dem was ich gesagt habe alles was Ihr braucht, Larsafianer, und macht das Beste draus."
Das Hologramm flackerte, zauberte noch einmal dieses eigenwillige Lächeln auf Atlans Lippen, und erlosch schließlich.
Rhodan sah irritiert zu Crest herüber. "Spuren der Unsterblichkeit? Hier? Ich meine, hier?"
Er sah Crest in die entgeisterten Augen und schnippte mit der Rechten vor seinem Gesicht. "Hallo, Crest, alles in Ordnung? Bist du noch bei uns?" Ein Schmunzeln legte sich auf Rhodans Züge. "Oder hat dich die Aussicht auf die Unsterblichkeit so aus der Bahn geworfen?"
"Es ist weniger die Aussicht auf die Unsterblichkeit", meldete sich Thora zu Wort, "als dieser Mann, der von den Spuren gesprochen hat."
Ihre Stimme klang schwach, fast brüchig. Und irgendwie begann Rhodan diesen Atlan immer weniger zu mögen, wenngleich er nicht ganz begriff, wieso. "Ein faszinierender Mann, in der Tat. Ein vitaler Arkonide zur Blütezeit eures Imperiums." Rhodans Stimme klang dabei schroffer, als er eigentlich gewollt hatte.
"Das ist hier nicht das Problem, Perry", sagte Thora. "Oh, ich verstehe. Du hast zwar die arkonidische Schulung erhalten, aber ich vergesse immer, dass du kein fotografisches Gedächtnis hast. Perry, kam dir Mascaren Atlan da Gonozal nicht bekannt vor?"
Rhodan kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. Flip grinste ihn so merkwürdig an, und hinter ihm sagte Bully: "Jetzt, wo du es sagst, Thora..."
"Himmel, Perry, es ist Doktor Peterson! Doktor Olaf Peterson, der Mann, der den Antrieb der Stardust entwickelt hat!", rief Thora aufgebracht. "Irrtum ausgeschlossen!"
"Was?", entfuhr es Rhodan. Er setzte nach: "Was?"
"Doktor Olaf Peterson, der geniale Physiker, Ingenieur und Metallurge", bestätigte Crest mit krächzender Stimme. "Der Mann, der seit dem Raketenangriff auf die GCC vermisst wird."
"Ich frage das jetzt nur ein einziges Mal: Wie sicher seid Ihr zwei euch?", hakte Rhodan nach.
"Einhundert Prozent, Perry", sagte Thora entschlossen, und Crest nickte bestätigend. "Keine Zweifel möglich. Perry, wir zwei haben den arkonidischen Extrasinn der Arc Summia."
"Dann", sagte Rhodan, und musste schlucken, weil sich seine Kehle plötzlich so eng und trocken anfühlte, "ist Doktor Peterson der seit zehntausend terranischen Jahren totgeglaubte Mascaren da Gonozal. Er ist unsterblich!"
"Also, ich weiß nicht wie es euch geht", murmelte Bully nachdenklich, "aber angesichts dieser erdrückenden Beweislast habe ich plötzlich Lust bekommen, die Unsterblichkeit zu suchen. Es scheint sie ja zu geben, oder?"
In Rhodans Gesicht rumorte es. Nervös rieb er sich die Nasenwurzel, bevor er schließlich eine wegwerfende Handbewegung machte. "Später. Wir haben keinerlei Möglichkeit, unerkannt nach Ferrol zu kommen, wo die Suche beginnen soll. Kümmern wir uns um naheliegende Probleme. Zum Beispiel wie wir wieder nach Hause kommen, ohne einen Rattenschwanz Topsider hinter uns her zu schleppen."
"Es gibt eine Möglichkeit, um unerkannt nach Ferrol zu kommen", klang die Stimme der Neuronik auf.
"Was?"
"Ich sagte, es gibt eine Möglichkeit, um unerkannt nach Ferrol zu kommen. Einen Käfigtransmitter. Oder um es exakter zu sagen, eine maschinelle überlichtschnelle Verbindung zwischen dem Depot und dem Palast des Thorts auf Ferrol. Wobei ich hinzu fügen möchte, dass es sich um eine funktionierende Technik handelt, die im Wega-System seit mehreren hundert Jahren genutzt wird."
"Und, Perry, wie liegen die Prioritäten jetzt?", fragte Thora mit leisem Spott in der Stimme.
"Also, ehrlich gesagt interessiere ich mich gerade mehr für diese maschinelle überlichtschnelle Verbindung, als für die Unsterblichkeit. Kommandant, wo finden wir diesen Käfig-Transmitter?"
Das Hologramm entstand erneut und bildete einen Lageplan der Basis ab. "Sektor D4, Raum neun. Ein ehemaliger Abstellraum, der zum Transmitterraum umgebaut wurde."
"Zum Transmitterraum umgebaut von wem? Mascaren?", fragte Rhodan.
"Es war nicht Mascaren."
"Wer war es dann?"
"Unbekannt."
Rhodan runzelte die Stirn. "Die entsprechenden Daten wurden gelöscht, nehme ich an."
"Es gibt keinen Hinweis auf gelöschte Daten", sagte die Neuronik.
Bully verzog die Miene in Unglauben. "Du meinst, dieses Käfig-Dings war plötzlich da, so wie die Jungfrau zum Kinde kommt?"
"Korrekt. Die Anlage war plötzlich da. Sie erschien vor sieben terranischen Minuten."
"Sieben terranischen Minuten?" Crest sah ungläubig die anderen vier an. "Der Transmitterraum wurde gerade erst eingerichtet, als wir fünf das Hologramm angesehen haben?"
"Korrekt."
"Und du hast nicht mal den Hauch einer Ahnung, wer oder was...", fragte Thora hilflos.
"Absolut keinen."
Bully lachte laut. "Sehen wir es ein, Herrschaften, irgendjemand ist wirklich scharf darauf, das wir nach Ferrol kommen. Ich denke, wir sollten seinem Wunsch nachkommen. Wenn er noch mehr von diesen Wundern in Petto hat, müssen wir ihn unbedingt kennen lernen."
"Ich bin sicher, wir werden das bereuen", murmelte Rhodan. "Suchen wir diesen Transmitterraum auf."
***
Nervöse Stille lag über dem Konferenzraum. Der Hauptschirm zeigte die Szene des selbstständig landenden Kampfjets arkonidischer Fertigung auf dem nahen Thort Epomul-Raumhafen. Er wurde dabei von vier ferronischen Kampfschiffen flankiert, um mögliche Angriffe von Extremisten bereits im Ansatz zu unterbinden. Die Jet setzte sanft wie eine Feder auf, während die ferronischen Kriegsschiffe mit erheblichem Gegenschub abbremsen mussten.
"Ihre Technologie ist der topsidischen überlegen", murmelte Shakian-Grod. "Das sind wirklich gute Antigrav-Generatoren, die dieses Schiff an Bord hat."
"Und damit sind sie den ferronischen noch weit überlegener", sagte der Thort ernst. "Was für ein Unglück, dass der Leichtkreuzer auf unsere Minen laufen musste."
"Wir konnten zu dem Zeitpunkt nicht wissen, dass wir es mit dem ersten Leichtkreuzer nicht mit einem topsidischen von der Stahdu zu tun haben. Niemand kann den Ferronen einen Vorwurf machen."
"Sicher, Admiral. So siehst du das. Aber wie ist es mit diesem Burschen? Und wie werden es die Arkoniden sehen?", erwiderte der Thort trocken.
"Anders. Differenziert." Shakian-Grod stellte in einer Geste der Nachdenklichkeit ein paar Halsschuppen auf. "Arkoniden sind grausam, erbarmungslos, aber auch sehr korrekt. Sie sind ebenso hart zu sich selbst wie zu allen anderen. Und sie sind beinahe überirdisch gerecht. Sonst hätte ein Reich wie ihres auch nicht zehntausend Jahre lang mit Härte regiert werden können. Ich wage zu prophezeien, dass uns der Pilot der Jet überraschen wird." Der Topsider wandte sich erneut jenem Bild zu, das sie bei der ersten Kontaktaufnahme mit dem Kampfjet erhalten hatten. Es war deutlich zu sehen, dass sie es mit einem Humanoiden zu tun hatten. Seine recht helle Haut sprach für einen Arkoniden, oder einen ihrer Abkömmlinge. Arkoniden wurden gerne als albinotisch bezeichnet, wegen dem Schönheitsideal der blassen Haut, den weißblonden Haaren und der roten Iris, das in den Khasurns existierte. Aber Arkoniden kümmerten sich nur um solche Details, wenn sie die Zeit dafür hatten, einige also nie. Shakian-Grod ordnete diesen da sofort in die zweite Kategorie ein. Der dachte nicht ans Äußere, aber an seine Aufgaben, und das mit Hingabe.
"Wir fahren den Kampfjet nun über den Bodenfahrstuhl in den Wartungsbereich", klang die Stimme des Hafenmeisters auf. "Danach bringen wir den arkonidischen Piloten mit schwerem Begleitschutz zur Residenz."
"Verfahren Sie so", sagte Taheel. "Falls Sie ihn aus seinem Flugzeug kriegen."
Der topsidische Admiral lachte keckernd. Er selbst hatte nicht daran gedacht, dass der Arkonide vor der Situation Angst bekommen könnte. Oder aus taktischen Gründen entschied, in der Maschine zu bleiben. Oder beides.
"Keine Probleme. Der Pilot, der sich als Captain Maklias bezeichnet, stieg selbstständig aus, übergab uns Pilotenhelm und Handschuhe und verlangte, sofort zum Thort gebracht zu werden."
Die versammelten Offiziere und Regierungsmitglieder tauschten überraschte Blicke aus. "Eine interessante Entwicklung. Der Mann scheint Chuzpe zu haben", bemerkte Shakian-Grod, nachdem er die erste Überraschung überwunden hatte.
"Oder er weiß was er will. Fahren Sie fort, Hafenmeister Lorgas."
"Jawohl, mein Thort."
"Ich bin sehr gespannt auf diesen Arkoniden", gestand Taheel.
"Nicht nur du, mein Junge, nicht nur du", murmelte der alte Admiral kaum hörbar.
Zwanzig Minuten später öffnete sich die Tür, und alle Blicke gingen sofort in die Richtung. Doch statt des Arkoniden kam einer der schwer bewaffneten Sikha-Wachen des Thort herein. Genauer gesagt flog er herein, nicht sehr elegant, und auch nicht sehr weit. Aber er rappelte sich sofort wieder auf, um mit lautem Brüllen nach draußen zu stürmen. "Kenzap!", bellte Tahell scharf auf.
Der Angerufene erstarrte mitten im Laufen. "Aber... Aber mein Thort, ich..."
Taheel löste sich von seinem Beobachtungsplatz am Holotisch und ging auf die Tür zu. Er öffnete sie und trat auf den Gang hinaus. Dort wurde er Zeuge einer handfesten Prügelei, die drei Personen umfasste, mit Kenzap vier. Im Mittelpunkt war der Arkonide, der sich mit einigen wohldosierten Griffen, Würfen und Schlagkombinationen wehrte, während der eine Wächter, Anogres, es mit ferronischem Aitam-Kampf probierte, und der andere, Delah, einfach nur versuchte, wild drauf los zu prügeln. Fast zwei Dutzend Sikha.Wachen umstanden das Geschehen und kommentierten es mit steigendem Interesse mit fachkundigen Bemerkungen."Was ist hier los?", brüllte Taheel, und die Sikha erstarrten mitten in den Bewegungen.
Der Arkonide, Delah unter dem Arm im Schwitzkasten haltend, nutzte die Chance, um dem gefangenen Sikha noch einen schmerzhaften Schwinger gegen die Stirn zu versetzen, bevor er den Kämpfer frei ließ. Er räusperte sich und sagte auf Ferronisch mit seinem harten Akzent: "Verzeihung, Majestät, aber es war mein Fehler."
"Das ist so nicht ganz richtig", räumte Anogres ein. "Es hat wohl ein Wort das andere gegeben, und dann ist diese kleine Geschichte passiert." Heimlich trat der Sikha dem Arkoniden von hinten in die Kniekehlen. Der Jetpilot wich jedoch weit genug aus, sodass der Tritt statt der empfindlichen Sehnen nur Muskelfleisch traf.
"Wer hat hier angefangen?", verlangte Taheel zu wissen. Sein wütender Blick ging in die Runde, fixierte die Sikha einen nach dem anderen. Wenn er auch keine Antworten bekam, so demonstrierte er jedoch eindrucksvoll, dass diese Männer auf ihn hörten.
"Ich fürchte, das war ich, Majestät", gestand der Arkonide.
"Es heißt "mein Thort", Rotauge", versetzte Delah, und versuchte den Arkoniden mit seinen Blicken umzubringen.
"Oh, ich weiß, was hier geschehen ist. Ich weiß sehr gut, was hier geschehen ist. Und Ihr habt zu dritt versucht, ihn niederzukämpfen, nachdem eure Provokationen fruchteten? Ich gebe zu, das ist beeindruckend. Sie müssen ein großer Meister sein, Captain Maklias."
"Es heißt McClears, aber sagen Sie John zu mir, Majes... Ich meine, mein Thort."
"McClears", sagte der Thort im Versuch, die fremde Aussprache zu adaptieren.
"Ich habe nur die Offiziersausbildung genossen, und dazu ein private Judo-Stunden. Es ist nichts Besonderes", fügte McClears an.
Shakian-Grod lachte meckernd. "Ich glaube, die Leibwächter des Thorts wären froh, wenn sie gegen einen großen Meister des waffenlosen Kampfes verloren hätten, und nicht gegen jemand, der seine Kunst als nichts besonderes bezeichnet."
"Was? Aber ich bin nicht einmal einer der Besten. In meiner Trainingsgruppe rangiere ich im Mittelfeld."
"Dann muss es in Ihrem Kader viele große Meister geben", sagte der topsidische Admiral, und hoffte, der Arkonide würde über diese goldene Brücke gehen.
"Gut, das kann mal wohl sagen", erwiderte McClears.
Innerlich atmete Shakian-Grod auf. Er hatte genügend damit zu tun, sich mit den Karriere-Echsen unter seinen Offizieren herum zu schlagen. Verletzter Stolz bei der Garde des Thorts war etwas, was er nicht noch zusätzlich gebrauchen konnte. Und der Thort erst Recht nicht.
"Ich nehme an, damit ist diese Sache aus der Welt?", fragte Taheel und sah ernst in die Runde. Nacheinander nickten die Sikha-Wachen. "Gut. Dann bitte hier herein, Captain McClears."
Er ließ den Offizier vor, und folgte ihm anschließend mit Shakian-Grod.
"Diese verdammten verspielten Kinder", murmelte Taheel vor sich hin. "Riskieren gedankenlos eine Krise, und das nur um was zu tun?"
"Besser zu werden?", half Shakian-Grod aus.
"Eventuell."
Sie boten McClears einen Sitzplatz an, eine Ordonnanz servierte ein Erfrischungsgetränk, das für Arkoniden verträglich war. Taheel und derAdmiral setzten sich dem Captain gegenüber.
Sie musterten sich einige Zeit, dann sagte der Thort: "Captain, es tut mir außerordentlich leid um Ihre Leute und um den Leichtkreuzer. Da Minenfeld, auf das Ihr Schiff aufgelaufen ist, gehörte uns und sollte die Leichtkreuzer der Stahdu beschädigen. Nun sind wir Schuld an Ihrem großen Verlust."
McClears' Augen verengten sich zu Schlitzen. "Was ist mit meinem Kameraden im zweiten Jet?"
"Er stürzte über Rofus ab. Er konnte abspringen. Mein letzter Stand des Wissens ist, dass loyale Kräfte auf Rofus versuchen, ihn in Sicherheit zu bringen, bevor die Rebellen ihn ergreifen können. Bis jetzt weiß ich nicht, ob es funktioniert hat. Aber ich halte Sie auf dem Laufenden."
"Na, immerhin etwas." Aufmerksam ließ der Arkonide den Blick durch den Raum schweifen. "Wie sicher ist diese Anlage? Wie sehr vertrauen Sie den Anwesenden?"
"Das sind zwei gute Fragen." Taheel schnarrte, ohne den Blickkontakt mit McClears zu unterbrechen: "Alles unter Admiral und Ratsherr verlässt sofort den Saal!"
Dutzende Ferronen erhoben sich und eilten hinaus. Zurück blieben vielleicht zwanzig Ferronen und Topsider. "Diesen Anwesenden vertraue ich absolut", sagte Taheel lächelnd.
"Gut, denn meine nächste Information ist nur wertvoll, solange die Rebellen sie nicht erhalten." Er räusperte sich. "Was, wenn der Leichtkreuzer zwar angeschlagen, aber nicht zerstört wäre? Was, wenn unser Einsatzteam noch immer vollständig und Kampfbereit wäre? Was, wenn wir sauer genug wären, um uns auf Ihre Seite und gegen die Rebellen zu stellen, mein Thort, Admiral Shakian-Grod?"
"Dann würde ich antworten, dass wir einen angemessenen Preis für jede mögliche Hilfe zahlen würden."
"Auch wenn dieser Preis die Stahdu wäre?"
"Was ist mit Ihrem Kampfjet. Kriegen wir den als Wechselgeld?", fragte Taheel ironisch.
"Betrachten Sie ihn als Ihr Eigentum, mein Thort. Ohne Sprungschiff kann ich damit das System ohnehin nicht verlassen."
"Wie viel müssten wir opfern, um Ihnen diese Beute zu ermöglichen?", fragte Shakian-Grod misstrauisch.
"Opfern? Nichts, außer ein wenig Kooperation. Gewinnen? Vielleicht den ganzen Krieg."
"Sie sind nicht nur ein guter Kämpfer, Sie sind auch ein guter Redner", sagte Taheel erstaunt. "Sind Sie auch da nicht unter den Meistern zu finden, sondern nur im oberen Drittel?"
"Mein Thort, ich bin Soldat und stolz darauf. Es gibt noch viel bessere als mich. Zum Beispiel jene, die mich gebrieft haben. Ich würde Ihnen diese Leute eines nicht sehr fernen Tages gerne vorstellen."
"Und ich würde mich freuen, sie meinerseits kennen zu lernen. Glaube ich." Taheel lächelte dünn, während Shakian-Grod schnatternd lachte.
"Also gut. Reden wir über unsere Kooperation und das, was wir für Sie tun können." McClears lächelte gewinnend.
***
Conrad fühlte, wie die Schwerkraft nach ihm griff, ihn durchschüttelte, als die Andruckabsorber ausfielen. Er fühlte das Reißen und Zerren der ultradichten Atmosphäre, hörte den scharfen Knall, mit dem der Prallfeldschirmgenerator seinen Geist aufgab. Er fühlte, wie die Luft zur Kompaktheit einer Mauer komprimiert wurde, fühlte halb zerstörte Aufbauten abreißen. Die Mosquito-Jet knarrte und ächzte. Conrad wusste, dass die Maschine niemals wieder würde landen können. Seine einzige Möglichkeit, den Absturz der schwer lädierten Jet zu überleben war der Ausstieg. Als der Höhenmesser, eines der wenigen noch funktionierenden Instrumente, eine Höhe von achtzehn Kilometern anzeigte, griff er nach der Lasche, die ihn samt Sitz aus dem Cockpit schießen würde. Die arkonidische Variante hatte diese Sicherheitsvorkehrung nicht gehabt; Arkoniden hatten nie viel Sinn darin gesehen, mitten in einer Raumschlacht in einem Pilotensessel sitzend in einem leichten Raumanzug zu treiben. Aber terranische Tradition hatte sich durchgesetzt und den arkonidischen Fatalismus überstimmt. Conrad war dankbar dafür, aber seine tastenden Hände fanden die Lasche nicht. Sie...
Etwas Warmes ergriff seine Hände, umschloss sie und zog sie langsam herunter. Aber er musste die Lasche ergreifen, musste die Jet verlassen, musste...
"Es ist gut, Con", klang eine sanfte Frauenstimme auf. "Du hast es geschafft. Du bist ausgestiegen und hast überlebt."
Übergangslos hörte das Gefühl auf, von der Gravitation in den Sessel geprügelt zu werden, verstummten die knarrenden Geräusche der sich langsam zerlegenden Jet. Ebenso ohne Übergang verschwand das Bild des Cockpits zur Gänze. Conrad begriff: Er träumte. Aber gehörte die Frauenstimme auch zum Traum? Hatte er die Minenexplosion etwa auch nur geträumt? Zögerlich schlug er die Augen auf. Er starrte an eine weiße Decke. Etwas am Rande seines Sichtfeldes bemerkte er ein hübsches, schwarzblaues Gesicht mit dominanten braunen Augen. Das Gesicht einer jungen Frau, einer Fjerolin. Oder sollte er jetzt Ferronin sagen?
"Es ist gut, Con", wiederholte sie, und Conrad wusste, dass sie seine Hände hielt.
"Wo bin ich?", fragte er mit rauer Stimme.
"Ist er wach?", klang eine harte Frauenstimme auf. Eine weitere Ferronin betrat den Raum. Ihr Gesicht hatte nichts von der Weichheit des Mädchens, das seine Hände hielt. Spontan erinnerte sie Conrad an The Rod. Er war sich sicher, beide Frauen hätten sich auf Anhieb sehr gut verstanden.
"Ja, Iedala. Seit kurzem. Aber er ist noch sehr erschöpft."
Die ältere Frau zog die wulstige Stirn kraus. "Sieh zu, dass er nicht schreit und nicht zu laut im Schlaf spricht. Es war schon ein erhebliches Risiko, ihn in die Stadt zu schmuggeln. Ich möchte nicht, dass er gefunden wird, weil ein übereifriger Nachbar eine Chance sieht, dem Sikha-Abschaum eins auszuwischen."
"Natürlich nicht, Iedala. Was macht die Suche?"
"Noch keine Ergebnisse. Aber wir arbeiten daran." Sie wandte sich wieder um und wechselte in eine andere Sprache, die Conrad kaum verstand. Als Antwort nickte das Mädchen bestätigend. Erst jetzt wurde dem Piloten bewusst, dass die beiden Ferroninnen eine Abart des ferronischen Dialekts gesprochen hatten, den alle Mitglieder der Expedition vor dem Abflug per Datenimplikation hatten erlernen müssen. Deshalb verstand er trotz des fremden Akzents beinahe jedes Wort.
"Was hat sie gesagt? War das der Dialekt der Sikha?"
Die junge Frau lächelte. "Du bist ja schon wieder gut beisammen, Con. Sie hat wirklich im Stammesdialekt mit mir gesprochen. Wir benutzen ihn eigentlich nicht mehr, weil es den Rofusern eine weitere Möglichkeit gibt, um uns zu diskriminieren. Aber das ist eine lange Geschichte, Con."
Deringhouse versuchte sich aufzurichten, doch die sanften Hände der jungen Frau und ein aufkommender Schwindel hielten ihn davon ab. Matt ließ er sich wieder zurückfallen. "Sieht so aus als hätte ich gerade Zeit für lange Geschichten", murmelte er matt. Er sah zur Seite. "Wie ist dein Name?"
"Ich bin Sitha. Sitha Andale Ievor not Iedala. Im korrekten Ferronisch wird es auf Sitha Aini gekürzt. Die anderen Stämme mögen es nicht, wenn wir Sikha mit unseren Ahnenreihen protzen."
"Scheint so als hättet Ihr Sikha es schwer, oder?"
"Wie man es nimmt. Vor der Rebellion galten wir alle als Verwandte des Thorts, was uns einige Dinge im Leben leichter gemacht hat, Behördengänge zum Beispiel. Aber seit sich die Ifani erhoben haben und Rofus in diesen Bürgerkrieg stürzen mussten, sind wir wegen dieser Verwandtschaft die neuen Zielscheiben für die anderen Stämme. Für Denunzianten, Besserwisser, Neider und dergleichen. Ich könnte sie verstehen, wenn wir Sikha zuvor in der Regierung oder im Gouvernat besonders engagiert gewesen wären, aber eigentlich halten wir uns aus der Politik raus, wenn wir es können."
"Es scheint, dass das jenen, die euch diskriminieren, reichlich egal ist", sagte Deringhouse.
"Es wäre etwas zu einfach, wenn ich dazu nicken würde. Wir waren gut im Militär engagiert, vor allem in der Miliz. Kämpfen steckt unseren Männern und Frauen einfach im Blut. Das führt dazu, dass ein Großteil der Offiziere und Soldaten der Rebellen Sikhas sind. Die Besten von ihnen, natürlich. Um sie bei der Stange zu halten, macht man uns das Leben schwer, und teilt unseren Brüdern und Schwestern subtil mit, dass man ihren Familien das Leben noch schwerer machen kann. Bisher hat es funktioniert."
"Da heißt, ich bin gerade wo? In einem Konterrebellenhaushalt?"
Sitha verzog die Lippen zu einem Schmunzeln. "Du bist wirklich schnell im Begreifen, Con Deri. Auch wir Sikha können nur eine gewisse Menge von Schmähungen und Unterdrückung ertragen. Wir neigen dazu, uns dann zu organisieren und auf den Tag vorzubereiten, an dem wir zurückschlagen werden. Als du abgestürzt bist, hat das ferronische Oberkommando uns alarmiert. Und wir haben uns bemüht, vor den anderen bei dir zu sein. Dass du ausgestiegen bist, war dabei sehr hilfreich. Als die Rofuser noch das Wrack durchsuchten, hatten wir dich schon eingesammelt und in Sicherheit gebracht. Hier in Lithana, der planetaren Hauptstadt, werden sie dich als letztes vermuten." Sie zog die Augenbrauen hoch. "Zumindest hoffen wir das."
"Danke. Ihr geht ein großes Risiko ein für einen Fremden."
Sitha machte eine wegwerfende Handbewegung, allerdings die ferronische Abart, die Conrad oft bei den Fjerolen in Atlan City beobachtet hatte. "Im Moment empfinden wir alles als nützlich, was den Rebellen schadet. Wir sind noch nicht soweit, dass wir uns erheben können, nicht mit diesem topsidischen Admiral mit dem gestohlenen Arkonschiff im Orbit. Aber wenn wir dich vor ihrem Zugriff retten können, verhindert das, dass der Topsider noch mehr Wissen, noch mehr Macht erhält."
"Ich verstehe. Das bedeutet aber auch, dass die Überreste meines Jägers nun in der Hand der Rebellen ist."
"Ja, und viele Teile sind noch verwertbar. Chrekt-Orn hat bereits gesagt, dass er Techniker schicken will, die sich die einzelnen Komponenten ansehen wollen. Wir sprechen hier von hochwertiger arkonidischer Technologie, auf die die Rebellen ihre Hände legen konnten. Es tut mir leid, dass der Jäger beim Absturz nicht vollkommen vernichtet wurde, so wie der Leichtkreuzer im Yobban-Gebirge." Sie stockte kurz in ihrem Wortfluss. "Entschuldige. Ich hätte dir das nicht so beiläufig sagen sollen. Wir... Ich fühle mit dir und trauere um deine Gefährten. Gibt es einen bestimmten arkonidischen Ritus, den du vollziehen willst, um ihrer zu gedenken?"
Conrad überschlug diese Nachrichten in Gedanken. Die Sikha auf Rofus hielten ihn also für einen Arkoniden. Ebenso wie Chrekt-Orn. Außerdem schien Perrys Plan aufgegangen zu sein. Zumindest bis zu dem Punkt mit der Explosion. Er überlegte, ob es nicht besser wäre, jetzt den Trauernden zu spielen, um die Information vom Depot und dem Überleben der Good Hope zu verschleiern. Er entschied sich dagegen. Er würde früh genug wissen, ob und wer überlebt hatte, sobald die Telepathen der Expedition seine Spur gefunden hatten. "Nein, das halte ich für zu früh", erwiderte er orakelhaft. "Was ist mit meinem Partner, der nach Ferrol geflogen ist? Hat er es geschafft?"
"Er ist vor einigen Stunden angekommen. Wir wissen noch nichts Genaues, aber er wurde mit offenen Armen empfangen. Mach dir um ihn keine Sorgen. Außerdem gibt es eine geheime Transmitterverbindung nach Ferrol, über die wir dich auch zur Hauptwelt schmuggeln können. In ein paar Tagen, wenn unser Kommando und die Agenten des Thorts einen Zeitplan aufgestellt haben."
"Transmitterverbindung?", fragte Deringhouse verständnislos.
"Transmitterverbindung. Du weißt schon, du steigst hier in einen Käfig, wählst deinen Zieltransmitter an, aktivierst das Gerät, und steigst nach einem beinahe zeitlosen Transfer aus dem Zieltransmitter. So wie üblich."
"Nein, weiß ich nicht. Wir Terr... In meiner Heimat kennen wir so ein Transportmittel nicht. Wir würden es vielmehr für unmöglich halten." Andererseits, ging es Conrad durch den Kopf, wäre es noch vor fünf Jahren jeden Menschen unmöglich erschienen, in einer angemessenen Zeitspanne das Wega-System zu erreichen.
"Ich habe schon davon gehört, dass Ihr Arkoniden die Transmittertechnologie nicht kennt", sagte Sitha mit einem verschmitzten Lächeln. "Deshalb interessiert sich ja der topsidische Despot so für uns. Und deshalb ist dieser Rebell Chrekt-Orn gekommen und hat Rofus aufgewiegelt." Sie seufzte. "Eigentlich sollte die Technologie unser großer Trumpf sein. Aber diese Karte hat zwei Seiten. Leider."
"Klingt nach einer interessanten Technologie", sagte Conrad. Er konnte eine gewisse Assoziation an einige Fernsehserien aus seiner Jugend nicht verleugnen, die damals als Wiederholungen auf den großen Sendern liefen, in denen ständig Menschen in Nullzeit von A nach B transportiert worden waren. Und wenn die Information korrekt war, dann würde auch die General Cosmic Company an ihr sehr interessiert sein. Doch wenn er bereits von ihr gehört hatte, dann sicher auch McClears, und natürlich der Groß-Administrator. Der dafür natürlich noch leben musste, und zumindest daran zweifelte Deringhouse nicht eine Sekunde. Tschubai und Kakuta dürften es ja wohl geschafft haben, wenigstens einen einzigen Mann von der Good Hope zu retten, falls das Schlimmste doch geschehen war. Er hakte diese Information unter "interessant" und "später" ab.
"Wie lange muss ich noch hier liegen, Sitha?"
"Du wurdest ordentlich durch geschüttelt und so. Der Arzt, den wir haben heimlich kommen lassen, sagt, du hättest eine Gehirnerschütterung erlitten. Er sei sich bei Arkoniden aber nicht so sicher. Außerdem hast du stumpfe Traumata erlebt, vorwiegend auf der linken Körperhälfte. Also viele, viele blaue Flecken und Quetschungen. Du musst ordentlich durchgeschüttelt worden sein. Aber da er deine inneren Organe ertasten konnte, geht er davon aus, dass deine inneren Organe unverletzt sind. Du hattest auch nur kurz in der Nach Fieber, das aber schnell wieder zurück gegangen ist, deshalb können wir wohl darauf verzichten, dich in eine besser ausgestattete Praxis zu bringen, was die Gefahr erhöhen würde, dass du entdeckt wirst. Was schlecht für uns alle wäre."
"Das sind gute Nachrichten. Habt Ihr meinen Raumanzug noch?"
"Wir haben ihn zurückgelassen, weil es uns nicht gelang, den Peilsender zu deaktivieren, der sich nach deiner Landung angeschaltet hat. Es war eine Entscheidung in Hektik. Wir wussten nicht, wo in deiner Kleidung ein zweiter, ein dritter oder sogar vierter Sender stecken konnte. Aber wir haben deine Notfallausrüstung mitgebracht. Die konnten wir relativ schnell durchsuchen und für sicher erklären."
Deringhouse atmete auf. Zumindest ein wenig Ausrüstung stand ihm zur Verfügung. Dazu gehörte ein handlicher Desintegrator mit einhundert Schuss, ein Überlebens-Set, ein Vibromesser, Notfallmedikation und ein Armbandkommunikator. Ohne Satellitennetz, mit dem der Kommunikator interagieren konnte, vielleicht ein wenig nutzlos. Aber die vielen anderen Funktionen des Armbandkomms würden das ausgleichen. Ganz abgesehen davon, dass seine Technologie der ferronischen weit überlegen war.
Blieb als dringendstes Problem für ihm also die halb zerstörte Mosquito-Jet in der Hand der Rebellen. "Gib sie mir, bitte. Sie enthält eine Notfallapotheke, die mir helfen wird, die Folgen der Gehirnerschütterung erheblich abzukürzen."
"Sicher, Con." Sie beugte sich zur Seite und hob eine mittelgroße schwarze Tasche hoch.
"Es ist eine weiße Box mit einem roten Kreuz darauf", sagte Deringhouse.
Sie öffnete die Tasche und förderte den Erste Hilfe-Kasten zutage. Der Pilot griff danach, öffnete sie mit zittrigen Fingern und nahm die arkondische Diagnosebox zur Hand. Er presste sie sich an den Hals; nach kurzer Zeit summte sie leise auf, und er konnte das Ergebnis am Display ablesen. Demnach hatte der Ferrone Recht gehabt mit der Gehirnerschütterung. Darüber hinaus diagnostizierte die kleine Box leichte Dehydrierung und Erschöpfung, zweifellos Folgen der Minenexplosion. Die Box, auf terranische Physiologie eingestellt, empfahl ein Schmerzmittel, eine höhere Flüssigkeitsaufnahme und mindestens achtzehn Stunden weitere Ruhe. Conrad entnahm dem Notfallpack ein oranges Injektionspflaster, das er sich in den Nacken klebte.
Sitha grinste ihn an. "Also doch ein Diagnosegerät. Sieht so aus als hätte ich eine Wette gewonnen. Ihr Arkoniden seid sehr fortschrittlich. Unsere Diagnosekammern sind immer noch zwei Meter hoch."
Conrad schluckte. Vor der Ankunft der Arkoniden hatte Terra so etwas wie Diagnosegeräte und -kammern bestenfalls aus der Science Fiction oder den feuchten Träumen von Ärzten mit Visionen von einhundertprozentiger medizinischer Versorgung aller Menschen gehört. "Immerhin. Ich kenne Planeten, in denen es nur Diagnosen von Medizinern gibt. Ohne technische Hilfen. Primitiv, nicht?"
"Das kommt ganz darauf an, welcher Methode man mehr vertraut. Unser Sikha-Arzt hat doch eine gute Diagnose abgeliefert, oder?", konterte sie.
"Ja, das hat er." Conrad lächelte. "Ich soll noch ausruhen und mehr trinken."
"Wir haben Wasser abgekocht. Wir haben ja keine Ahnung, ob unsere Teesorte nicht etwa Gift für dich sind, Con Deri."
"Danke, das hilft mir. Aber sag mir eines, warum nennst du mich Con Deri?"
Sie schnaubte amüsiert. "Gleiches Recht für alle. Wenn ich meine Ahnenreihe schon abkürzen muss, dann musst du das auch, Ma Jor Con Rad Deri Ing House."
"Oh. Ja, das leuchtet ein. Und woher hast du meinen Namen?"
"Du hast ihn im Fieber ausgesprochen. Zusammen mit einer langen Zahlenkette."
Deringhouse dachte darüber kurz nach. Er hatte im Fieber also Name, Dienstrang und seine Personalnummer genannt. Was, zum Henker, hatte er da eigentlich geträumt? Oder war es eine Folge der Gehirnerschütterung? Er schob diese unfruchtbaren Gedanken beiseite. "Egal. Kannst du mir etwas Wasser geben, Sitha? Danach werde ich versuchen, noch etwas zu schlafen."
"Natürlich, Con." Sie hielt ihm einen Schlauch an die Lippen und gab ihm vorsichtig zu trinken.
"Danke." Er musterte sie erneut. "Wirst du wieder da sein, wenn ich aufwache?"
"Ich werde meinen Platz nicht verlassen, Con", versprach sie. "Rate mal, wer dich durch das Fieber geleitet hat, wer dir Wasser gegeben hat."
"Wasser gegeben? Ich bin erstaunt."
"Es gibt immer Mittel und Wege, um Bewusstlosen Wasser einzuflößen, ohne sie zu ersticken", erwiderte sie grinsend und schürzte die Lippen.
"Ich glaube", murmelte Deringhouse, "ich schulde dir was."
"Nicht so viel wie du glaubst, aber mehr als du ahnst, Con." Sie lächelte ihn hinreißend an. "Und jetzt schlaf, Con. Je eher du wieder gesund bist, desto besser können wir fliehen, falls wir Ärger bekommen. Es ist leichter, wenn du selbst dafür sorgen kannst, dass deine weiße Haut nicht wie ein Leuchtsignal auffällt."
"Ich entschuldige mich dafür, dass ich nicht so ein gesundes blauschwarz mein Eigen nenne wir Ihr Sikhas", sagte Deringhouse mit leisem Spott in der Stimme.
"Es sei dir verziehen. Wir können nicht alle perfekt sein", sagte sie gönnerhaft.
"Ach. Ich beginne, die Rofuser zu verstehen."
Sie lachte leise. "Das tust du anscheinend wirklich. Und jetzt schlaf, Con Deri. Schlaf, und werde gesund und fit."
Conrad schloss die Augen. Auch wenn er Ruhe brauchte, er fürchtete, dass sie nicht so schnell kommen würde. Zu viele Eindrücke, zu viele Informationen. Zu viele... Sanft schlief er wieder ein, als die Erschöpfung ihren Tribut forderte.
***
||||
10px|12px|15px|17px|19px
Times|Arial|Helvetica
25%|50%|75%|100%
Linksbündig|Blocksatz
gering|normal|groß|sehr groß
