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von Gadzi
erstellt: 25.09.2009
letztes Update: 25.09.2009
Geschichte, Romanze / P12
(fertiggestellt)
Es war nicht früher Morgen. Es war später Morgen. Die Sonne stand bereits an ihrem höchsten Punkt und beleuchtete die Insel. Mit ihrem Baby auf dem Arm schlenderte Claire gedankenversunken am Strand entlang. Aaron schlief. Sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen aus Sorge um ihr Kind. Die einzige Seele, die ihr übrig geblieben war. Alles, was ihr nun noch am Herzen lag. Und beinahe hätte sie es verloren.
Charlie. Wieso nur hatte er ihnen das angetan?
Die Drogen. Es musste das Heroin sein. Claire hasste ihn dafür. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass man von so etwas nicht loskommen konnte. Für alles gibt es eine Lösung, dachte sie. Für alles!
„Willst du dich setzen, Blondie?“
Eine Stimme hatte sie aus ihren Gedanken gerissen. Als sie das Gesicht zur Seite wand, sah sie in das attraktive Gesicht von Sawyer. Da saß er, als wäre gestern Nacht nichts passiert. Mit seiner Brille, ein Buch in der Hand. Wie sie ihn schon oft gesehen hatte. Sie legte den Kopf leicht schief, versuchte, verwundert auszusehen. „Warum sollte ich das tun wollen?“
Sawyer zuckte mit den Schultern. „Och, keine Ahnung... möglicherweise weil du die Nacht vor Panik kein Auge zugetan hast... dachte mir bloß, du würdest dich vielleicht setzen wollen, damit ich deinen kleinen Wonneproppen ne Weile unterhalten kann...“
Schweigend sah sie ihn an. Seit wann kümmert sich Sawyer um andere?, dachte sie.
Er grinste sie an. „Na ja, es sei denn du hast Angst ich könnte versuchen, den Kleinen ins Wasser zu schmeißen...“
Nun wurde Claire wütend. Sie funkelte ihn erzürnt an. Er und sein verdammte Sarkasmus! „Versuchst du gerade, witzig zu sein?!“
Sawyer seufzte. „Tut mir leid. Das hätte ich nicht sagen dürfen, ich seh’s ja ein. Setz dich.“
Claire verdrehte die Augen, setzte sich jedoch trotzdem mit dem Baby neben ihn. Sie wusste selbst nicht, warum. Die einzige Erklärung, die ihr einleuchtend war, war die Tatsache, dass sie keine Lust hatte, wütend davon zu stürmen und Groll auf ihn zu hegen. Sie hatte beschlossen, sich ihren Groll für Charlie aufzuheben.
Sawyer sah von seinem Buch weg, zu ihr. „So, so... dein Freund ist gestern Nacht also endgültig durchgedreht...“
„Charlie ist nicht mein Freund!“, fauchte sie ihn an. „Wir waren... normale Freunde... dachte ich zumindest...“
Sawyer gab sich Mühe, nicht erneut zu grinsen. Das machte sie bloß wütend. Und er wusste am besten, dass wütende Frauen unerträglich waren. Und die mit Babys ganz besonders! „Sorry, wusste ich nicht. Was hast du jetzt vor?“
Sie seufzte. „John hat mir vorgeschlagen, dass er ein Zelt neben mich ziehen könnte... und ich finde den Vorschlag gar nicht mal so schlecht...“
Sawyer lachte auf. „John mal wieder! Ehrlich, dieser Meister Propper kann’s echt nicht lassen! Er und Kate sind genau gleich! Müssen alles wissen, müssen alles machen! Das Wort ‚Ruhe’ existiert in ihrem Vokabular nicht...“
Claire zuckte mit den Schultern. „Sie machen’s doch genau richtig. Wenn ich das Baby nicht hätte, würde ich es ganz genauso machen. Ich bin die Einzige, die den ganzen Tag auf ihrem Arsch hockt und nichts tut – wegen Aaron.“
Sie lächelte plötzlich, wog ihn in ihren Armen hin und her. „Aber eigentlich genieße ich es. Und mit John direkt neben mir kann eigentlich nichts mehr schief gehen.“
Sawyer grinste sie breit an. „Ach, der... was der kann können andere hier auch. Sayid ist genauso geübt wie er... und glaube mir, ich könnte dich genauso gut beschützen, Mamacita.“
Claire verdrehte die Augen. „Und da ist der Unterschied. Sayid und John sind netter als du. Und längst nicht so überheblich und eingebildet!“
Sawyer lehnte sich grinsend zurück. „Ich darf eingebildet sein, Süße. Merk dir das einfach.“
Er sah sie wieder an, nahm die Brille ab. „Na los, gib mir den Kleinen. Der mag es doch, wenn ich ihm vorlese.“
Claire drückte ihr Baby an sich. Nicht, weil sie ihm nicht traute, sondern eher, weil sie Sawyers Art nicht mochte. Im Moment mochte sie ihn gar nicht.
„Und wieso bist du dir so sicher, dass ich ihn dir einfach gebe?“
„Ganz einfach“, begann er, ließ das unwiderstehlichste Grinsen sehen, das er aufbringen konnte. „Du stehst auf mich.“
Claire fiel aus allen Wolken. Wie konnte dieser selbstgefällige, eingebildete Gauner es nur wagen, so etwas zu sagen?! Ihre Wangen färbten sich tiefrot, sie stand auf.
Sawyer sah lässig zu ihr hoch. „Was ist denn? Bist du schüchtern?“
Claires Augen verengten sich zu Schlitzen, sie funkelte ihn wütend an. Sawyer war sich ziemlich sicher, dass sie ihm jeden Moment entweder ins Gesicht spucken oder zwischen die Beine treten würde.
„Bist du bescheuert?!“
Sawyer lachte leise. Doch es war noch ein freundliches Lachen. „Tu nicht so als wüsstest du nicht, wovon ich rede, Blondie. Ich sehe doch, wie du immer heimlich zu mir rüberguckst. Und ich weiß auch, wie süß du es findest, dass Aaron ausgerechnet auf meine Stimme so erfreut reagiert. Wenn du Zeit brauchst, es zuzugeben, sollst du die kriegen. Ich bin ein sehr geduldiger Mensch.“
Das alles sagte er mit einer unvergleichlich selbstsicheren Ruhe, die Claire wahnsinnig machte. Sie konnte sich nicht helfen, aber augenblicklich fiel ihr der Spruch „Typisch Mann!“ ein.
„Du bist nicht anders als Charlie!“, fuhr sie ihn an. „Du denkst genau wie er, dass ich dich brauche oder dich liebe oder was auch immer! Warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?!“
Sie musste innehalten, denn Aaron war aufgewacht, er wurde unruhig. Sie seufzte, versuchte, ihr Baby wieder zu beruhigen, es zum einschlafen zu bringen. „Siehst du, was du angerichtet hast?? Ich hab ewig gebraucht, bis er endlich eingeschlafen ist!“
Sawyer sagte nichts. Er setzte bloß seine Brille auf, rückte sie zurecht und nahm sein Buch zur Hand. Claire konnte nicht genau erkennen, was für ein Buch es war, drehte sich genervt von ihm weg. Und ganz plötzlich begann er, daraus vorzulesen:
„Ich trage dein Herz. Ich trage es in meinem Herzen. Nie bin ich ohne es.“
Claire hatte eigentlich vorgehabt, zu gehen, doch sie blieb. Sawyer war der Letzte auf der Insel, aus dessen Mund sie jemals solche Worte erwartet hatte. Aaron lachte vergnügt auf, bewegte seine kleinen Füßchen und Fäuste fröhlich umher. Claire jedoch blieb ruhig. Sie lauschte Sawyers Worten.
„Wohin ich auch gehe, gehst du, meine Teure.
Und was auch nur von mir allein gemacht wird, ist dein Werk, mein Schatz.“
Claire musste schlucken. Sie konnte nicht leugnen, dass es ihr gefiel. Und Aaron gefiel es auch. Ein freudiges Gurgeln kam aus seinem Mund.
„Ich fürchte kein Schicksal, weil du mein Schicksal bist, mein Liebling.
Ich will keine Welt, weil du, meine Schöne, meine Welt bist, meine Liebste.“
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie fühlte die Röte, die ihre Wangen erfüllte, und die plötzliche angenehme Wärme, die in ihr aufstieg. Obwohl sie mit dem Rücken zu ihm stand und ihn nicht sehen konnte, sah sie Sawyers Gestalt direkt vor sich.
„Hier ist das tiefste Geheimnis, um das keiner weiß.
Hier ist die Wurzel der Wurzel,
Und die Knospe der Knospe.
Und der Himmel des Himmels, eines Baumes namens Leben.
Der höher wächst als unsere Seele hoffe, unser Geist verstecken kann.
Das ist das Wunder, dass den Himmel zusammenhält.“
Claires Augen begannen zu leuchten. Sie war sich ganz sicher, dass sie noch niemals in ihrem jungen Leben solch wundervolle Worte gehört hatte. Aaron rührte sich kaum noch. Sie spürte, wie er langsam und friedlich in ihren Armen einschlief, in seine Decke eingekuschelt. Sie wog ihn sanft hin und her – während sie Sawyers Worten lauschte.
„Ich trage dein Herz. Ich trage es in meinem Herzen.“
Claire hörte, wie er langsam und leise das Buch zuklappte. Sie drehte sich zu ihm um, und nun sahen sie sich beide in die Augen. Himmelblau traf auf graugrün. Er nahm seine Brille ab, legte das Buch zur Seite, blinzelte.
„Ich hoffe, dass der Kleine jetzt wieder für eine Weile ruhig ist. Damit hab ich meinen Fehler also wieder gutgemacht.“, sagte er.
Claire war immer noch sprachlos. Doch sie kam wieder zur Besinnung, blinzelte ihn an. „Was... was war das eben? Was du vorgelesen hast?“, fragte sie. Sawyer hielt das Buch in die Höhe. „Das ist’n Buch voll mit ner Reihe von Gedichten.“
Er stand auf, sah auf sie runter, direkt in ihre faszinierenden Augen, die die Farbe des Wassers und des Himmels hatten. „Das von vorhin mag ich am liebsten. Weiß auch nicht, wieso. Hier, kannst ruhig mal reinlesen. Hab’s in einem der Koffer gefunden.“
Er legte das Buch wieder hin, zeigte darauf, damit sie wusste, wo sie es finden konnte. Er sah sie durchdringend an. „Ich hoffe, dem Kleinen hat’s gefallen.“
Mit diesen Worten ließ er sie allein, ging den Strand entlang. Claire schluckte. Sie wusste nicht, warum, aber urplötzlich hatte sie das Gefühl, dass das Gedicht nicht für Aaron bestimmt gewesen war.
Sie sah ihm nach. Sie dachte über all seine Worte nach. Und verdammt, er hat recht!, dachte sie, errötete ungewollt. Sie war es wirklich.
Sie war verliebt in ihn.
~*Ende*~
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