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von Tag-traum    erstellt: 22.09.2009    letztes Update: 14.07.2010    Geschichte, Drama / P16 Slash    (abgebrochen)
2. Kaputt


So viel kaputt,
aber so vieles nicht,
Jede der Scherben,
spiegelt das Licht.


„Wir werden heute mal etwas mehr in den Gruppen trainieren. Es ist wichtig, dass die Spieler mit den gleichen Aufgaben auch die gleiche Einstellung dazu haben. Ihr müsst euch aufeinander einstellen, denn nur so funktioniert auch die Verständigung auf dem Platz. Da könnt ihr euch nicht permanent zurufen, wer den Ball nehmen soll, weil es in bestimmten Situationen einfach nicht möglich ist. Da müsst ihr euch auch auf den anderen verlassen können. Ziel ist das Tor, aber es geht nicht, das da jeder mal blind reinballert. Da heißt es einen klaren Kopf bewahren, Kooperation lieber einem Alleingang vorziehen, außer natürlich ihr steht direkt vorm Tor und alle anderen sind noch Meter weit hinter euch. Aber schaut euch auch nicht Stunden danach um. Das ist etwas, was ihr im Gefühl haben müsst, zu wissen, was ihr zu tun habt. Ich weiß, dass ihr das schon gut macht, aber es ist auch etwas, was, wenn es im Ernstfall schief geht, Schuld daran sein kann, wenn es mit dem Tor nicht klappt. Ihr habt alle das gleiche Ziel, aber um es zu erreichen müsst ihr auch nach den gleichen Regeln und der gleichen Philosophie spielen und das werden wir heute trainieren. Und am Ende, werden wir mal ein kleines Experiment wagen, um zu schauen, ob ihr verstanden habt, worum es geht.“
Alle Spieler schauten Jogi ganz erwartungsvoll an. Experiment klang spannend!
„Aber zum Anfang zwei Runden locker einlaufen“, sagte er ernst um seine Schützlinge wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Sie waren hier schließlich nicht zum Vergnügen.
Ein Raunen und Nörgeln war zu hören.
„Zwei Runden...? Gestern mussten wir nur eine und ne halbe.“, sagte Lukas genervt zu Bastian, als sie langsam anliefen.
„Wenn dir zwei Runden zu wenig sind, Poldi, dann darfst du gerne auch noch eine dranhängen!“, ertönte es hinter den beiden.
„Ach nein, zwei reichen denke ich fürs erste. Morgen können wir ja drei machen.“, rief Lukas, der nun schon mit den anderen gute 20 Meter vom Start entfernt war und sein Tempo langsam gefunden hatte.
Jogi lächelte. Humor hatte seine Truppe auf jeden Fall. Eines der vielen Dinge, wegen denen er es liebte, hier zu arbeiten.
„Na los, auf geht’s. Sonst bekommen wir nachher noch vorgeworfen, wir wären faul.“, sagte Jogi zu Hansi und Andi und lief langsam an.  Einlaufen war etwas, was er und sein Trainerstab prinzipiell immer mitmachte. Es hielt fit und außerdem stärkte es den Mannschaftsgeist, wenn sich wirklich alle ins Training einbrachten. Aber heute machte Hansi eher weniger den Eindruck, dass ihm das Erwärmen gut tun würde. Jogi bemerkte seinen gequälten Gesichtsaudruck, aber er war mit der Situation überfordert. Er war sich sicher, Hansi wollte nicht, dass man es ihm ansah, also nahm sich Jogi vor, so zu tun, als würde man das auch nicht. Er und Andi bildeten hinter den Spielern, die sich langsam auch aus dem Haufen, als der sie gestartet waren, lösten, da alle ein anderes Lauftempo bevorzugten, ein zweites Grüppchen. Hansi allerdings lief erst los, als Michael und Torsten schon fast ihre erste Runde absolviert hatten.
„Hey Hansi! Aber nicht das wir nachher zusammen ankommen und du behauptest du hättest auch schon zwei Runden. Wir haben deinen Trick durchschaut.“, rief Michael ihm zu und lachte mit Torsten darüber. Hansi winkte nur ab. Die Kraft, die er fürs Sprechen benötigt hätte, musste er sich aufheben. Alles tat ihm weh. Seine Beine waren schwer und bei jedem Schritt hatte er Angst wegzuknicken. Sein Brustkorb schmerzte bei jedem Atemzug und auch sein Kopf hämmerte unerbittlich. Am allerschlimmsten waren jedoch die Erinnerungen und die Bilder der letzten Nacht, die ihn fast in die Knie zwangen. Er versuchte an etwas anderes zu denken, fixierte seinen Blick auf Andys Turnschuhe ein paar Meter vor ihm, aber es nützte alles nichts. Es war, als würden Fotos vor ihm projiziert werden, durch die er einfach durchrennen musste, um sie hinter sich zu lassen, doch es tauchten immer neue vor ihm auf. Er stellte sich kurz vor, die anderen könnten diese Fotos auch sehen und eine Gänsehaut sowie fast unausstehliches Schamgefühl überkam ihn, bis ihm wieder einfiel, dass es nur sein Bewusstsein war, das ihn vor diese schreckliche Zerreißprobe stellte.
Jogis Blick flog über den Platz, auf der Suche nach Hansi. Mittlerweile weit hinter ihm entdeckte er ihn, wie er sich abkämpfte. Er war doch sonst so immer so flink. Was hatte er denn nur?
„Ist irgendwas?“, fragte Andi, der Jogis skeptische Blicke nach hinten bemerkte.
„Hansi.“, sagte er nur kleinlaut, aber es reichte, um sein Herz bis zum Hals klopfen zu lassen. Jetzt drehte sich auch der Torwarttrainer nach ihm um.
„Ach herrje, das sieht ja gar nicht gut aus.“, stellte dieser fest.
„Ich würd mal nach ihm sehen. Er macht keinen gesunden Eindruck.“, sagte Torsten, der gerade an den beiden Trainern vorbeizog. Andi konnte gar nicht so schnell kucken, wie Jogi daraufhin kehrt machte und zu Hansi rannte. Etwas irritiert sah er ihm nach. Hier war vielleicht was los!
Hansi zwang sich noch immer seine Runden zu laufen, aber das Gefühl über seine eigenen Beine zu stolpern, wurde immer stärker. Alles, was um ihn passierte nahm er kaum war und auch dass Jogi ihm entgegen kam, sah er nur verschwommen. War es die Müdigkeit oder etwa schon wieder Tränen? Erst als er seinen  Namen hörte wurden die Bilder wieder schärfer und als er seine Umwelt wieder voll und ganz wahrnahm, stand Jogi vor ihm. Er bremste direkt vor ihm ab und stand so nah vor ihm, dass sie sich tief in die Augen blickten. Auch wenn Hansi kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, so stellte er doch fest, dass ihm noch nie aufgefallen war, was Jogi für eine wunderschön geheimnisvolle Augenfarbe hatte. War es grün? War es braun? War es blau? Wieder begann alles vor ihm zu verschwimmen.
„Hansi! Was ist mit dir?“, fragte Jogi ihn besorgt, doch er konnte sich nur noch mit letzter Kraft am roten Shirt des Bundestrainers festhalten und fiel ihm geradezu in die Arme.
„Verdammt Hansi. HANSI!“, rief Jogi nun in völliger Verzweiflung so laut, dass alle auf dem Platz in ihren Lauf stoppten. Ein großes Gerede begann. Was war denn da hinten los? War das echt der Co, der am Boden lag? Holt mal jemand den Doc? Was er wohl hat?
Michael lief los, um den Mannschaftsarzt in den Katakomben aufzusuchen.
Jogi hatte Hansi so gestützt, dass er ganz sanft auf den Rasen gesunken war. Nun kniete er neben ihm und tätschelte vorsichtig seine Wange.
„Hey, wach auf. Sag doch was. Was machst du denn für Sachen?“, sagte Jogi und fühlte sich dabei so machtlos. Hansi war bewusstlos, einfach so. Nein, ganz sicher nicht einfach so, aber er wusste nicht warum. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er Schuld war, denn er wusste, dass ihm gestern etwas passiert war, was ihm die Kraft geraubt hatte und dass er auch heute noch alles andere als in Topform war, aber trotzdem hatte er ihm nicht angeboten, heute mal aufs Einlaufen zu verzichten. Sicher hätte er trotzdem darauf bestanden und versichert, dass es ihm blendend ging, aber Jogi fühlte sich so schlecht, es nicht wenigstens versucht zu haben.
„Wo bin ich?“, hörte er Hansi leise sagen. Ein Stein viel ihm vom Herzen.
„Beim Training. Du bist umgefallen. Tut dir was weh? Ist dir schwindelig? Oder schlecht? Hast du zu wenig gegessen? Oder...“
„Es geht schon. Danke.“, unterbrach er Jogi in seiner fürsorglichen Befragung und stand langsam wieder auf. Jogi half ihm hoch.
„Bist du sicher, dass du nicht noch sitzen bleiben solltest?“, fragte dieser.
„Ja, ich bin sicher.“, kam etwas grantig zurück und Jogi schaute sehr geknickt. In einem solchen Ton hatte er ihm noch nie geantwortet. Hansi bemerkte den gekränkten Blick und entschuldigte sich gleich.
„Tut mir leid.“, sagte er leise. Währenddessen kam Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, von allen respektvoll der Doc genannt, der Mannschaftsarzt, zu ihnen über den Platz gerannt.
„Was ist denn passiert?“, fragte er gleich und Jogi schilderte die Situation noch einmal, während Hansi versuchte, das Passierte klein zu reden. Es sei schon nicht so schlimm.
Der Doc ging mit ihm in die Kabine, während Jogi versuchte, seine Gedanken wieder in Richtung Training zu lenken. Ganz bei der Sache war er allerdings nicht und einen Großteil musste Andi erklären. Auch das Experiment am Ende, bei dem die Spieler in zwei Mannschaften geteilt wurden.
„Und jetzt spielen wir gegeneinander wie immer oder was?“, fragte Philipp. Er hatte mehr erwartet und schnappte sich den Ball.
„Na na na, den Ball lässt du mal schön hier.“, sagte Andy und nahm den Fußball an sich. Die Spieler schauten sich verdutzt an. Was sollten sie denn ohne Ball machen? Ballett?
„Um eure Verständigung zu überprüfen, spielen wir mit diesem Ball.“, erklärte Andy und hielt den Jungs die leere Hand entgegen.
„Hääää?“, kam von Seiten Marios. „kapier ich nicht.“
„Na los Miro. Mach du den Anstoß.“, sagte Andy und warf ihm den unsichtbaren Ball zu. Miro bewegte sich keinen Zentimeter. Christoph begann zu verstehen, ging zu ihm und bückte sich. Er tat als würde er etwas aufheben. Den unsichtbaren Ball.
„Ich glaub, ich werd langsam bekloppt.“, sagte Bastian und schlug sich dreimal mit der flachen Hand gegen die eigene Stirn.
„Ich denke der Sinn ist, dass wir lernen uns blind zu verstehen und zu vertrauen. Wir müssen uns aufeinander einstimmen, mit vollster Konzentration...“
„Mit högschder...“, berichtigte Jogi kurz. Das konnte er sich einfach nicht verkneifen.
„Mit högschder Konzentration.“, fuhr Christoph fort und grinste.
„Wir sollen uns also alle vorstellen, hier wäre ein Ball?“, fragte Per
„Genau.“, sagten Andi und Jogi einstimmig.
„Aber woher weiß ich denn, ob er im Tor ist oder nicht?“, fragte Jens.
„Wenn du dich auf den Schützen einstellst, siehst, wie er schießt, dann wirst du auch wissen, ob du ihn halten kannst oder nicht.“
Die Spieler waren zwar noch skeptisch aber nach den ersten Spielminuten, die noch etwas orientierungslos aussahen, begann das System aufzugehen. Es entwickelte sich ein, wenn auch nicht gerade schnelles Spiel mit Flanken, Zweikämpfen, Pässen, Kopfbällen und sogar Toren. Jens und Robert merkten wirklich selbst, ob sie diesen Ball, wäre er denn zu sehen gewesen, noch bekommen hätten, ebenso, wie die anderen Spieler und nach einer halben Stunde nahm sogar das Tempo zu und alles beruhte auf Erfahrung, Selbsteinschätzung und Konzentration. Das wichtigste war aber der Blickkontakt, das Absprechen mit den Augen.
Die beiden Trainer beobachteten alles vom Spielfeldrand aus und waren überrascht, dass das Experiment so gut fruchtete. Jogis Konzentration war allerdings auf dem Tiefstpunkt und immer wieder schaute er in Richtung Katakomben, ob der Doc vielleicht mit einer Diagnose zurückkam.
„Er wird schon wieder werden.“, beruhigte ihn Andi, der die ungeduldigen Blicke des Bundestrainers bemerkte. Erschrocken fuhr dieser zusammen.
„Was?“, fragte er, als wäre nie was gewesen.
„Hansi. Er wird schon wieder werden.“, wiederholte er noch einmal.
„Ja...klar.“, kam leise zurück, denn wirklich beruhigter war er jetzt auch nicht.
Nach Trainingsschluss waren es nicht wie gewohnt Lukas und Bastian, die zuerst in der Kabine ankamen, weil sie sich immer ein Wettrennen lieferten, sondern Jogi, der, unten angekommen, gleich zum Doc und Hansi stürmte. Als er sie gefunden hatte, stellte er allerdings fest, dass es sehr komisch ausgesehen haben musste, wie er da ganz außer Atem ins Zimmer gerannt kam.
„Nanu? Habt ihr da oben eine plötzliche Sturmwarnung bekommen oder warum hast du es so eilig?“, fragte der Doc und brachte Jogi damit ziemlich in Verlegenheit.
„Nein... also...“, stotterte er. Hansi saß etwas verkrampft auf einem schwarzen Stuhl, hielt ein Glas Wasser in den Händen und blickte seinen Chef mit großen Augen an. War oben etwas passiert?
„Hansi...“, brachte er schließlich heraus, aber seine Knie wurden weich wie Pudding.
„Wie geht es dir?“, fragte er und schaute seinen Assistenten verlegen an.
Wegen ihm? Er war wegen ihm so schnell hier runter gerannt.
„Besser, danke.“, sagte er schließlich und zum ersten Mal an diesem Tag erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht. Es war jemandem wichtig, wie es ihm ging? Das fühlte sich toll an. Aber kurz darauf verschwand das Lächeln auch schon wieder. Es war ja gar nicht gut, dass Jogi sich solche Sorgen um ihn machte. Er durfte niemals erfahren, was wirklich los war. Niemand durfte das.
„Er hatte einen Schwächeanfall. Ziemlich wenig Schlaf hatte er auch gehabt, wie er sagte. Da kann Sport auch schon mal das Gegenteil vom eigentlichen Zweck bewirken. Ich verschreibe viel Ruhe und Traubenzucker für Zwischendurch.“, erklärte er.
Jogi war beruhigt, denn in seinen Ohren klang diese Diagnose optimistisch. Wenn Hansi sich heute ausruhen würde, vielleicht würde er morgen beim Training schon wieder mit ihm zusammen agieren können. Ohne ihn war es einfach nicht das Selbe.
Zu dritt gingen sie zum Rest der Mannschaft, erklärten noch, was mit Hansi los war, dann ging das ganze Team zurück ins Hotel.
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