Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
«
»
von una patiperra    erstellt: 20.09.2009    letztes Update: 18.09.2010    Geschichte, Allgemein / P16 Slash    (abgebrochen)
Das Leben ist eine Chance, nutze sie.

Hola ♥
Willkommen beim zweiten Kapitel … ^^

Ui … *baff und geplättet und total von den Socken bin* …
So viele Reviews und Klicks und Favos …
*fasziniert und erfreut den Kopf schüttel*
Danke!
*knicks*

@ BreakDown: Hola, zurück ^^ Hach, du hier, das freut mich doch jetzt schon sehr … xD … Ui, du magst Andres? *leuchtende Augen krieg* Seine Fans sind ja so dünn gesät … leider. Aber cool, dass du die Story gefunden hast und sie dir auch gefällt … Du magst die Characs bis jetzt? Das find ich doch gut :D … Und inwiefern hier Xavi noch eine Rolle spielen wird, werden wir noch sehen ; ) … Und ja,ja,ja, die Verletzungen hab ich mir ausgedacht. Es musste halt irgendwas wirklich richtig, richtig Schlimmes sein und dabei ist dann eben das rausgekommen “-.- … Nun dann, hier ist das nächste Kapi … Ich hoffe, das gefällt dir auch …

@ gwen speelers: Ach, Gwennie. YOU make MY day!! … Es ist eine Ehre, dich auch hier am Start zu wissen … Hm. Andres hat sich das mit dem seinem Leben ein Ende setzen eigentlich schon sehr gut überlegt. Aber in der Sekunde, als Victor ihn dann rettet begreift er eben erst, wie endgültig das gewesen wäre. Und die Erkenntnis, die er so bis zu dem Punkt einfach noch nicht hatte, haut ihn ein bisschen aus den Socken … belli-mäßig-genial *blush* Danke *hauch* … Hey, ist doch cool, wenn du immer auf mein Profil musst, dann kannste immer Little Xavi bewundern … *auf mein Profilfoto zeig* … Und das mit dem Hausaltar … lass mal lieber … nicht, dass ich noch in der Hölle lande wegen Blasphemie und Götzendienst oder so … :D

@ LadyInRed: Mein refuge, du … Joa, ist wirklich ein wenig dramatisch geworden. Ein wenig ^^ … R.I.P. Stocki. Aber ich glaube daran, dass er jetzt da oben die fetteste Party im Himmel aller Zeiten mit Jesus feiert. Ich glaube ganz fest daran … Ja, das mit dem Opi tut mir nachträglich auch sehr Leid. Aber ich wusste ja nichts von seiner Knuffigkeit … Ja, Victor der Lebensretter. Und was ein Mal gut klappt, kann ja auch ein zweites Mal klappen … Sei dir da mal nicht so sicher … Ach ja. Religion und Homosexualität. Das ist mal ein Thema. Warum sprechen wir eigentlich nicht darüber in Reli?? Ach ja. Weil das ja mal zur Abwechslung ein Thema wär, was interessant wär. Und das geht ja nicht … ^^ … Ob sich Andres Victors Worte merkt? Schaun mer mal …

@ red dreams: Oh! *blush* *dir nachträglich ein Taschentuch anbiet* Tut mir Leid, aber ich hab doch extra vorher davor gewarnt … Wie, das Pairing ist klar? Versteh ich gar nicht ;) … Ja, Victor ist ganz in Ordnung. Zumindest für einen Nicht-NationalmannschaftvonSpanien-Barca-Spieler ^^ … Und dieses Kapitel wird nicht mehr (so) traurig. Promised …

@ miss desi: Ahhhh ... *megafreu* Meine miss desi ist ja auch hier ... Na dann kann ja gar nichts schief gehen ... Aber, warte. Das, dass das Pairing dich überrascht hat war Ironie, ne? *vercheckt sei* Doch, ja, war es ... *Hand vor die Stirn klatsch* ... Jaja, die Geschichte spielt in der Vergangenheit und wird sich dann (vorraussichtlich "-.-) der Realitätszeit annähern ... Äh, ja *hüstel, hüstel* - Ich hab eben was übrig für Characs mit Komplexen. Haste mich erwischt "-.- ... Jaja, Victor ist toll. Bojan auch *nach unten schiel* ... Wie eine Bananenblume riecht? Hm ... Nach Sommer, Glück und Bananen eben ... ^^

@GMF-Berlin: Ui, erst bei 'This night' ein Review und dann auch noch hier ... Vorbildlich, vorbildlich ^^ ... *knicks + blush* Oh weiha, danke für das Lob. Ich geb mir ja auch immer Mühe ... Nun ja, mal schauen, was dem guten Andres (es klingt so, als würdest du ihn nicht wirklich kennen, hab ich Recht? ^^) noch so in seinem Leben passiert ... Ich freu mich auf jeden Fall über den Review ...


Und … *immer noch freu* … ich hab mal, als besonderes Dankeschön quasi, einen Trailer gebastelt.
Wer möchte, kann ja mal reinschauen, dann kriegt man vielleicht auch schon mal einen Überblick davon, was in dieser Story noch so passiert …
----> Hier geht’s lang … :D
http://www.youtube.com/watch?v=qhgvxGxv-ls



Viel Lesevergnügen ….
-------------------------------------------------------------


Das Leben ist eine Chance, nutze sie.


19 … 20 … 21 …
Andres biss die Zähne zusammen.
Er fühlte, wie sein Herz immer heftiger pumpte, wie die Anstrengung mit jeder Bewegung zunahm.
22 … 23 … 24 …
Die Muskeln in seinen Armen fingen langsam an zu protestieren, doch Andres entschloss sich dazu, sie zu ignorieren.
25 … 26 … 27 …
So schwer konnte es ja nun wirklich nicht sein.
Früher hatte er schließlich auch locker über 70 Liegestützen am Stück geschafft. Und jetzt sollte schon bei unter 30 Schluss sein?
28 … 29 … 30 … 31 …

„So! Ich glaube, das reicht für heute …“, unterbrach ihn jedoch die sanfte Stimme seiner behandelnden Physiotherapeutin.
Dr. Sarra warf ihm einen lächelnden Blick zu, bevor sie sich ein paar Notizen in ihren Patientenbogen machte.
Andres atmete tief aus, versuchte gar nicht erst, zu protestieren.
Er hatte ziemlich schnell gelernt, dass man mit Dr. Sarra nicht diskutieren konnte. Wenn sie ihr OK gab, dann war etwas auch okay. Aber wenn sie ‚Nein’ sagte, dann bedeutete das auch ‚Nein’.
Und leider schien die junge Physiotherapeutin ein ausgezeichnetes Gespür dafür zu haben, wann Andres sich selbst zu viel zumuten wollte und griff dann sofort unterbindend ein.
Wäre sie nicht so freundlich und verständnisvoll gewesen, Andres hätte sie bestimmt schon längst gehasst …

„Also, sie machen doch wirklich schon Fortschritte, Herr Iniesta …“, schwungvoll klappte Dr. Sarra die Mappe zu, erhob sich dann von ihrem Stuhl, während Andres langsam von der Matte aufstand und sich streckte.
Die Metallplatten in seinem Fuß spürte er dabei schon fast gar nicht mehr – aber im Gegensatz zu der äußerlichen Schiene, die er schon vor einem Monat endgültig hatte abnehmen dürfen, waren sie trotzdem noch da.
Fast vier Monate war es jetzt her, seit sie ihm eingesetzt worden waren, seit guten drei Monaten machte er nun schon dieses langsame Aufbautraining.
Vom langen Nichtstun hatten einige seiner Muskeln an Stärke verloren, die er sich jetzt wieder zurück aneignen musste.
Und es stimmte, er machte Fortschritte … aber nur langsam.
Viel zu langsam.
Wenn er in diesem Tempo weitermachte, würde er seine physische Verfassung, die er vor der Verletzung gehabt hatte, erst erreichen, wenn er vierzig war. Oder fünfzig.
Ärgerlich verzog Andres das Gesicht.
„Aber, aber … wer wird denn gleich so eine Flunsch ziehen?“, Dr. Sarra baute sich kopfschüttelnd vor ihm auf.
Andres zuckte nur lustlos mit den Schultern.
Er mochte seine Physiotherapeutin, wenn er ehrlich war, sogar sehr. Sie war einfach aufgeschlossen und nett, und vor allem eine der wenigen Personen, die ihn nicht behandelte, wie ein rohes Ei oder ein dreijähriges Kleinkind.
Aber trotzdem – Andres zweifelte sie daran, dass sie seine Lage wirklich nachvollziehen konnte …
„Herr Iniesta, es gibt wirklich keinen Grund für sie, so verdrießlich zu sein. … Ich sage Ihnen was, sie haben bis jetzt schon Fortschritte gemacht, über die 60 % Ihrer behandelnden Ärzte gesagt haben, dass sie nie mehr dazu würden fähig sein können. Aber sie haben es geschafft! Also, geben sie sich noch ein bisschen Zeit und sie werden sehen, sie werden wieder Fußballspielen können … Ganz bestimmt!“
Wieder konnte Andres nur mit den Schultern zucken.
Er wünschte sich nur, er könnte den Optimismus der jungen Frau teilen.

Dr. Sarra begleitete ihn bis zur Tür ihrer kleinen Praxis, zwinkerte ihm dann aufmunternd zu.
„Sie werden sehen, in ein paar Jahren sind sie ein ganz Großer im Kader von Barcelona und der furia roja … Das hab ich im Gefühl …!“
Andres lächelte nur zaghaft.
„Bis Freitag, Señora Sarra …“
Andres drehte sich um und wollte sich gerade in Richtung Treppe wenden, als …
„Herr Iniesta? Sie wollten doch sicherlich gerade den Aufzug nehmen, nicht wahr? Sie wissen doch, dass sie es nicht übertreiben sollen. Und die Treppen vom fünften Stock bis ins Erdgeschoss sind doch wirklich noch ein bisschen zu viele …“
Andres drehte sich wieder um, machte eine lächelnde Fratze und wandte sich dann an den Aufzug.
Ja, so war das eben mit Dr. Sarra. Sie war unnachgiebig wie Stein.
Dr. Sarra wartete, bis Andres eingestiegen war, dann winkte sie ihm freundlich zum Abschied.
„Wir sehen uns Freitag, Herr  Iniesta …“







Andres wartete, bis die Straßenbahn zum Stehen kam, dann trat er schnell auf die Straße, froh, der stickigen Luft in dem Fortbewegungsmittel endlich entkommen zu sein.
Zu viele Menschen auf zu engem Raum mit zu wenig Sauerstoff waren einfach nicht sein Fall.
Unter normalen Umständen hätte es ihm nichts ausgemacht, schließlich war er eigentlich alt genug für ein eigenes Auto.
Doch sollten seine Eltern ihm wirklich ein eigenes Auto schenken, dann würde Andres drei Kreuze machen.
Das Geld war dabei nicht wirklich das Problem. Eher die Tatsache, dass seine Eltern ihm wahrscheinlich nicht glauben würden, wenn er ihnen erklären würde, dass er mit einem Auto einfach viel flexibler wäre. Sie würden sowieso davon ausgehen, Andres würde das Auto nur haben wollen, um damit über die nächstgelegene Klippe zu fahren …

Trotz der sommerlichen Temperaturen schlug Andres den Kragen seiner Jacke fröstelnd ein bisschen höher.
Vier Monate war das jetzt schon her …
Er hatte nicht wirklich versucht, es zu verdrängen, er versuchte einfach nur, abseits der Praxis von Dr. Karadras nicht mehr so viel darüber nachzudenken. Geschweige denn, zu reden.  
Darüber, was er vor vier Monaten getan hatte – oder vielmehr versucht hatte, zu tun.
Andres verarbeitete es langsam, er bekam ja auch Hilfe.
Doch seine Eltern hätten diese Hilfe wahrscheinlich noch viel dringender nötig gehabt.
Zumindest, wenn man ihr Verhalten seitdem betrachtete …
Alles in allem hatte Andres es nicht sonderlich eilig, nach Hause zu kommen.
Wenn Andres ehrlich war, konnte er seinen Eltern ihr Verhalten aber auch nicht wirklich übel nehmen.
Sie waren sehr unsicher im Umgang mit ihm geworden, machten sich viel mehr Sorgen als früher … aber wie!

‚Wie war die Schule, Andres? Irgendetwas Interessantes passiert? Hast du etwas besonders schönes erlebt heute? Was war das Highlight des Tages? Wie war dein Tag überhaupt, Andres? Wie ist es bei deiner Physiotherapeutin gelaufen? Irgendetwas Neues? Willst du uns nicht von deinen Fortschritten erzählen? Wann ist eigentlich die nächste Sitzung bei Dr. Karadras? Worüber habt ihr das letzte Mal gesprochen? Willst du nicht mal wieder ein paar Freunde einladen, du hast in letzter Zeit ja kaum noch Besuch? Und von den Mädchen in deiner Klasse, ist da denn wirklich keine Einzige dabei, die dir gefällt?  Ist wirklich alles in Ordnung, Andres, du bist so still …’

Andres wusste einfach nicht, was er tun sollte.
Ja, er erledigte seine Schulangelegenheiten geflissentlich.
Ja, er machte die Übungen von Dr. Sarra genauso, wie er sie auszuführen hatte.
Nein, er überanstrengte sich nicht dabei (Hätten seine Eltern ihm jemals wirklich zugehört, dann hätten sie wohl auch mitbekommen, dass das bei Dr. Sarra gar nicht möglich war!).
Ja, er traf sich so oft es ging mit seinen Freunden.
Ja, mit denen konnte er auch über persönliche Dinge reden (Zumindest mit Victor. Aus mehr Personen bestand sein engerer Freundeskreis im Moment eben nicht …).
Nein, er konnte den Tod seines Großvaters nicht vergessen, aber er verarbeitete ihn langsam.
Ja, er nahm die Termine bei seinem Therapeuten, Dr. Karadras, regelmäßig war.
Und nein, er hatte nicht mehr daran gedacht, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Was zur Hölle sollte er denn noch alles tun, um seinen Eltern zu beweisen, dass er es ernst meinte?
Dass er wieder leben wollte?!





Andres hatte kaum die Haustür hinter sich geschlossen, als auch schon seine Mutter vor ihm stand.
„Andres! Hola, mi niño. Da bist du ja endlich! … Du bist heute aber spät dran …“
Aus ihrer Stimme sprach ein stummer Vorwurf. Sie hatte es nicht ausgesprochen, doch Andres kannte diese Stimmlage. Er hatte diesen Satz in letzter Zeit einfach zu oft gehört.
Ich hab mir Sorgen gemacht …
Der Satz verfolgte ihn, schwebte unausgesprochen über so gut wie jedem Gespräch, das er führte.
Ganz egal ob seine Eltern, seine Freunde, seine Lehrer, seine Mitschüler …
Wir haben uns Sorgen gemacht …
Der Satz war überall.
„… Entschuldige bitte … die Straßenbahn war so voll, da hat es eben ein wenig länger gedauert …“, nuschelt der junge Katalane, hängte seine Jacke auf einen Kleiderbügel.
Seine Mutter nickte schnell.
„Ist ja nicht so schlimm …“, sagte sie, sodass er deutlich hören konnte, dass es schlimm war.
Du plötzlich hatte Andres wieder dieses typische Gefühl, das ihn in der Gegenwart seiner Eltern so oft überkam.
Er fühlte sich so … eingeengt …
„Dein Vater und ich haben gerade im Wohnzimmer ein wenig geredet … Möchtest du dich nicht dazu setzen?“
Andres verspürte den inneren Drang, sich zu schütteln.
„Ich … also eigentlich … ich wollte …“
Doch die feste Stimme seines Vaters unterbrach ihn.
„Das ist wirklich schön, Andres, setzt dich doch zu uns. Ich musste heute Morgen so früh aus dem Haus, wir haben uns doch noch gar nicht richtig gesehen …“
Andres verspürte den inneren Drang, zu schreien.
Stattdessen warf er seiner Mutter, die ihn schüchtern anlächelte, nur einen gezwungen fröhlichen Blick zu und betrat dann das Wohnzimmer.
Wieder wollte er sich am liebsten schütteln.
Wie sehr dieser Raum sich verändert hatte …
„Klare Strukturen sind für Andres jetzt besonders wichtig …“, hatte Dr. Karadras zu Andres Eltern gesagt, und diese hatten den Ratschlag natürlich sofort befolgt.
Und so war aus ihrem gemütlichen, frei stehendem, typisch spanischem Einfamilienhaus ein steriler, sauberer Wohnbau geworden.
Offensichtlich waren bunte Farben und runde Formen für seine Eltern alles andere als klare Strukturen. Denn jetzt war alles weiß, beige oder grau und eckig.
Im Trend, vielleicht. Aber garantiert nicht mehr das, was sich Andres unter einem Zuhause vorstellte…
Er war froh, dass er wenigstens sein Zimmer gegen diese ‚Klare Strukturen’ hatte verteidigen können.
Ein Raum im ganzen Haus, der dunkelblau-rot war, in dem kein Möbelstück zum anderen passte und in dem es nichts ausmachte, dass das Bett eine runde Form hatte.
Erst durch die ganze Umräumaktion hatte Andres den Wert eines eigenen, selbstbestimmten Zimmers zu schätzen gelernt.

Nur zögerlich nahm er auf einem der weißen Sofas Platz, seinem Vater, der gerade offensichtlich Zeitung gelesen hatte und diese nun in seinen Händen hielt, gegenüber.  
„Andres … Du bist spät dran …“, begrüßte sein Vater ihn mit einem besorgten Blick.
„Die Straßenbahn … der Verkehr um diese Zeit ist einfach zu furchtbar, nicht wahr, Andres?“, nahm seine Mutter ihm jedoch die Möglichkeit, selbst zu antworten und seine Ausrede von eben zu wiederholen.
Stattdessen nickte er nur zustimmend.
Andres Vater sagte nichts, warf seiner Frau nur einen stummen Blick zu.
„Ja … Andres, bevor ich es vergesse. Ich gehe heute Nachmittag noch einkaufen. Soll ich dir irgendetwas mitbringen? Brauchst du etwas?“
Andres schüttelte rasch den Kopf.
„Nein danke, Mama, aber ich brauche nichts …“
Andres Vater runzelte nur vielsagend die Stirn, woraufhin Andres Mutter Andres wie aufs Stichwort einen besorgten Blick zuwarf.
„Wirklich nicht? Ich meine, ich könnte dir heute Abend dein Lieblingsessen kochen, wenn du das willst. Früher mochtest du doch immer so gerne Fisch mit der Spezialsoße von deiner Großmutter, oder? Du musst nur etwas sagen, dann kaufe ich die nötigen Zutaten ein …“
Doch Andres schüttelte wieder den Kopf, ballte für seine Eltern unsichtbar seine Finger zu Fäusten.
Ja, er hatte dieses Essen immer gemocht. Früher. Bevor sein abuelito gestorben war. Früher – als noch nicht jede noch so kleine Erinnerung, und sei sie auch nur an ein gemeinsames Essen mit seinen Großeltern, so verdammt wehtat …
Doch wie üblich schienen seine Eltern nicht zu bemerken, was in Andres vorging, denn seine Mutter zuckte nur ratlos mit den Schulten und verabschiedete sich dann zum Einkaufen. Andres Vater musterte seinen Sohn die ganze Zeit über, bis die Haustür hinter seiner Frau ins Schloss fiel. Dann legte er die Zeitung zur Seite.
„Dann erzähl mal, mein Sohn, wie war die Schule heute? Ist etwas Besonderes passiert?“
„Nein. … Eigentlich war alles so wie immer …“
„Aha. Und deine Physiotherapiestunde? Gab es irgendwelche neuen Erkenntnisse?“
Wieder schüttelte Andres den Kopf. Zählte innerlich ganz langsam bis zwanzig.
15 … 16 … er wusste ganz genau, was als nächstes kommen würde … gleich … 19 … 20 …
„Aber jetzt sag doch mal, in deiner Klasse … Gibt es denn da kein Mädchen, was dich vielleicht interessiert? Du hast doch früher immer diesem Mädchen Nachhilfe in Mathe gegeben, Carlotta, richtig? Wäre die nicht … Andres?!“
Doch Andres war bereits aufgestanden, befand sich schon wieder im schmalen Hausflur.
„Ich muss noch mal los, hab noch was zu erledigen … Wartet heute Abend nicht auf mich, ich bin bei Vic, es könnte also ein bisschen später werden …“
„Aber Andres, warte mal, du hast doch morgen …“
Doch Andres achtete gar nicht mehr darauf, was sein Vater sagte.
Er hielt das heute wirklich nicht aus, immer diese selbe, festgefahrene Leier.
Er musste raus.
Am besten raus aus der Stadt …
Eigentlich hatte er seinem Vater nur als Ausrede erzählt, er wolle zu Victor.
Doch jetzt, als er genauer darüber nachdachte, während er die breite Straße hinunterging, kam ihm diese Idee gar nicht mal so schlecht vor …







Als Andres die Trainingsplätze des FC Barcelona in den Ausläufen der Stadt erreichte, herrschte dort reger Betrieb.
Kein Wunder, es war mitten am Tag, und um diese Zeit hatte eigentlich jede Mannschaft, von den U-10-Bambinis bis hin zum A-Kader, Training.
Andres schlenderte zuerst langsam an einem von Gitter umzäumten Feld entlang.
Um zu dem Platz seiner Mannschaft zu gelangen, musste er fasst das gesamte Gelände einmal überqueren, doch es machte ihm nichts aus. Das Laufen fiel ihm nicht mehr so schwer wie am Anfang, eigentlich fiel ihm das langsame Gehen gar nicht mehr schwer.
Und zweitens war es eine willkommene Abwechslung, den anderen Jungen beim Spielen zuzusehen.
Vielleicht liebte Andres den Fußball momentan deswegen fast noch mehr als vorher. Weil es dort keine ‚Klaren Strukturen’, keine festgefahrenen, heuchlerischen Verhaltensmuster gab. Jedes Spiel war anders, neu, überraschend.
Andres vermisste es, zu spielen … er vermisste es so unglaublich, dass es beinahe schon körperlich schmerzte.



Auf den gitterumzäunten Kleinfeldplätzen des Geländes trainierten zu diesem Zeitpunkt die jüngsten Talente des FC Barcelona.
Obwohl es den kleinen Jungen, die alle erst um die zehn Jahre alt waren, wahrscheinlich gar nicht bewusst war, waren sie schon jetzt die Juwelen ihres Jahrgangs, die Besten der Besten, denn anderenfalls wären sie wohl niemals hier gewesen.
Doch das interessierte die Kleinen noch herzlich wenig, für sie zählte es nur, dass sie Fußballspielen konnten, an einem Ort, wo es sich wirklich lohnte, teure Schuhe zu tragen, ohne dass die Stollen schon nach wenigen Wochen abgelaufen und das Leder durch den vielen Straßenstaub allzu schnell abgenutzt war.
So auch für Bojan.
Ja, es war schon sein Traum, ein richtiger Fußballspieler zu werden, so wie sein Vater.
Doch er konnte sich auch genauso gut vorstellen, Pilot zu werden und die Welt zu sehen.
Oder Polizist.
Oder Feuerwehrmann.
Oder eben doch ein Fußballspieler …
Bojan war so in seine Gedanken vertieft, dass er gar nicht bemerkte, wie Gerards Flanke sich vor seinen Augen absenkte. Im letzten Moment schaffte Bojan es zwar noch durch einen ansehnlichen Hechtsprung, die Flanke irgendwie zu verarbeiten, jedoch mit dem Vollspan und nicht, wie es eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, mit der Innenseite seines Fußes. Und so spielte er den Ball nicht etwa zu Gerard zurück, sondern hämmerte ihn mit vollem Karacho gegen den Gitterzaun.  
Mist …
„Bojan! Guter Schuss, aber nicht präzise genug. Hör mal auf zu träumen, das kannst du nämlich wirklich viel besser …“, wies sein Trainer ihn auch gleich milde zurecht.
Bojan nickte mit dem Kopf, dann rannte er schnell seinem Ball hinterher auf den Zaun zu.
Er hob den Ball gerade vom Boden auf, als ihm, genau auf der anderen Seite des Zauns, ein etwas älterer Junge auffiel. Bestimmt war das einer von den Profis …
Bojan ärgerte sich über sich selbst. Musste er denn ausgerechnet dann so einen dämlichen Fehler machen, wenn einer von den Profis ihm zusah?
„Ganz schön reaktionsschnell …“, lächelte der Junge auf der anderen Seite des Zauns Bojan jedoch freundlich zu.
Verlegen schaute Bojan auf den Boden.
„Ja, schon … aber der Ball hätte eigentlich auch wo ganz anders hin gesollt …“
Der Junge lachte.
„Und wenn schon, mach dir nichts draus, das ist doch nicht so schlimm … Im richtigen Spiel passiert das doch auch ab und zu mal … Einfach Kopf hoch und weiter spielen …“
Bojan schaute auf, denn der Tonfall des Jungen hatte sich verändert.
‚Er lächelt gar nicht mehr. Und er sieht auf einmal traurig aus …’, dachte Bojan.
Doch dann schüttelte der Junge den Kopf und lächelte Bojan wieder an – es wirkte nur nicht mehr ganz so fröhlich wie vorher.
„Also, wenn dein Trainingspartner der Große dahinten ist … dann solltest du so langsam mal wieder zu ihm gehen … Er sieht irgendwie ungeduldig aus …“
Bojan drehte sich um und tatsächlich, Gerard winkte ihn ungeduldig zurück.
Bojan wollte sich umdrehen und dem Jungen auf der anderen Seite des Zauns Auf Wiedersehen sagen, doch dieser war schon weitergegangen und schlug jetzt den Weg in Richtung der Trainingsplätze der Großen ein.
‚Das war bestimmt ein Profi …’, überlegte Bojan, während er zu Gerard zurück lief. ‚Aber warum hatte der Junge mit einem Mal so traurig gewirkt? Und hatte er Bojan überhaupt seinen Namen verraten?’



Gedankenverloren strich Andres mit seinen Fingern an dem grünen Gitterzaun entlang, ein kleines Restlächeln im Gesicht.
Der kleine Junge beschäftigte ihn.
Beim Anblick des offensichtlich geknickten Kleinen hatte Andres gar nicht anders gekonnt, als ihn ein wenig aufzumuntern.
Kopf hoch und weiterspielen, hatte er dem kleinen Knirps, sein Trainer hatte den Jungen ‚Bojan’ genannt, geraten.
Wie seltsam.
Warum fiel es ihm so leicht, diesen Ratschlag an jemand anderen weiterzugeben, aber selbst danach zu leben fiel ihm so schwer?
Kopf hoch und weiterspielen … Andres Blick fiel auf seinen linken Fuß, ohne Schiene … Kopf hoch und weiterleben … Andres warf einen Blick über seine Schulter zurück und sah in einiger Entfernung den kleinen Jungen wieder mit seiner Mannschaft kicken … weiterleben
Wer zum Teufel nannte sein Kind eigentlich ‚Bojan’??


„Andres?! Nein, sag an, was machst du denn hier?“
Ein begeisterter Aufschrei ließ Andres aus seinen Überlegungen hochschrecken, und noch eher er sich einigermaßen sortieren konnte, umarmte ihn jemand auch schon ziemlich stark, aber dennoch vorsichtig, von hinten.
„Hallo Vic …“, nuschelte der junge Katalane, fühlte sich direkt wohl – so, wie er sich zusammen mit Victor eigentlich immer wohl fühlte. „Ich dachte … ich schau mal vorbei … ob ihr auch anständig trainiert …“
Victor seufzte.
„Stress zuhause?“, flüsterte er dann in Andres Ohr.
Der nickte nur.
„Willst du drüber reden, ich meine, später? Ich fahr heute Abend über das Wochenende nach Hause und meine Mama macht ihre Superpaella, da können wir einen weiteren fleißigen Mitesser ziemlich gut gebrauchen!“
Andres nickte wieder nur.
„Okay …“, jetzt erst ließ Victor ihn los, sodass Andres sich umdrehen konnte.
Sein bester Freund warf ihm einen kritisch von oben bis unten musternden Blick zu.
„Du hast wieder Muskeln aufgebaut, oder?“, fragte er dann, während die Beiden ihren Weg gemeinsam fortsetzten.
„Hm, schon … Dr. Sarra macht ihren Job wirklich gut … würde sie – wenn sie mir einfach ein bisschen mehr zutrauen würde …“
Victor runzelte die Stirn.
„Meinst du denn, du würdest noch mehr schaffen? Jetzt rein gesundheitstechnisch …?“
Andres grummelte nur, funkelte seinen Freund dann wütend an.
„Manchmal glaube ich echt, ihr habt euch alle gegen mich verschworen und ihr wollt gar nicht, dass ich wieder zu spielen anfange. Wie soll ich denn je wieder in den normalen Rhythmus kommen, wenn ich keine Belastung mehr haben darf?“
Victor lächelte nur leicht.
„Ach Andres, das ist Quatsch, und das weißt du auch … werd doch erstmal wieder vollständig gesund. Und dann kannst du bestimmt wieder anfangen zu trainieren – langsam! Ganz langsam. Aber das wird schon wieder und … oh, schau mal, da kommt die Erste …!“
Andres schaute auf – und wünschte sich noch im selben Moment, er hätte es nicht getan.
Denn Victor hatte Recht – die erste Mannschaft kam ihnen schnurstracks entgegen gelaufen, lärmend und scherzend – offensichtlich für heute fertig mit ihrem Training.
Und ziemlich am Schluss, sich angeregt mit Guardiola unterhaltend … Xavi.
Und sosehr Andres sich auch zwingen wollte, wegzuschauen, es ging einfach nicht. Sein Blick war wie festgefahren. Oder festgeklebt.
Victor an seiner Seite blieb ebenfalls stehen und schwieg, denn irgendwie war es für jeden jungen Spieler etwas besonderes, die Erste zu sehen. Sein Ziel deutlich vor Augen geführt zu bekommen. Da, wo all diese Männer, die jetzt an den beiden vorbeiliefen waren, wollten sie alle einmal hin. Nach ganz, ganz oben.
Andres wagte kaum zu atmen, als die Männer an ihnen vorbei gingen, ohne auch nur die winzigste Notiz von ihnen zu nehmen. Doch so war das eben mit der ersten Mannschaft. Die hatten da oben ihre eigene Welt.
Andres Herz schlug schneller und schneller, als schließlich Xavi an ihm vorbeiging.
Der Katalane schüttelte über etwas, was Guardiola zu ihm gesagt hatte den Kopf – wobei sein Blick zufällig genau auf Andres fiel.  
Und für einen winzigen Moment bildete sich Andres ein, dass der Blick des Mittelfeldspielers an ihm hängen blieb.
Andres bildete sich ein, ein Aufblitzen von Überraschung, Verwunderung und Erleichterung, alles gleichzeitig, in den Augen des Älteren zu sehen.
Und dann nickte Xavi ihm zu und … lächelte.



„Möchtest du lieber Orangen- oder Zitroneneis zum Nachtisch? …  Andres?  …  Andres? … Vic, komm mal, dein Freund hier benimmt sich irgendwie komisch …“, Alvaro Valdes, einer von Victors älteren Brüdern, schnipste energisch vor Andres Nase herum.
„Was erwartest du …“, zuckte Richard, Victors zweiter Bruder, mit den Schultern. „Victor hat sich eben Freunde ausgesucht, die ihm ähnlich sind … Die haben also alle einen gewaltigen Dachschaden …“
„Witzig, witzig, ich hätte sogar fast gelacht … und jetzt verzieht euch, ich hab euch schon tausendmal gesagt, dass ihr in meinem Zimmer nichts zu suchen habt …“, verdrehte Victor die Augen, deutete dann mit ausgestrecktem Arm auf seine Tür.
Alvaro zuckte mit den Schultern.
„Fein … da will man einmal nett und gastfreundlich sein und seinen kleinen Bruder und dessen besten Freund mit Nachtisch bedienen, und was kriegt man als Lohn dafür? Man wird aus dem Zimmer geworfen …“
„… Schrecklich, dieser Sittenverfall der jungen Generation …“, vollendete Richard den Satz seines Bruders.
„Raus!“, unterbrach Victor ihn.
„Und dann auch noch immer dieser raue Tonfall …“, lamentierte Richard.
„… Sei froh, dass er nicht schon wieder diese neue Grammatik benutzt: Subjekt plus Prädikat plus Beleidigung plus Alter! …“, nickte Alvaro nachdenklich mit dem Kopf.
„Freunde …“, Victors Stimme näherte sich mehr und mehr dem Knurren eines wütenden Tiers.
„Schon okay, wir gehen ja schon …“, kicherte Alvaro.
Und Richard ergänzte: „… echt mal. Und dann können Andres und du auch wieder schön die ganzen Dinge miteinander tun, über die ich wahrscheinlich gar nicht so genau Bescheid wissen will und …“
MAMA!“, brüllte Victor, woraufhin Andres, der bis jetzt nur vollkommen in Gedanken versunken und mehr oder weniger teilnahmslos auf Victors breitem Bett gelegen hatte, erschrocken zusammenzuckte. „Sag Alvaro und Richard, sie sollen endlich aus meinem Zimmer verschwinden!“
„Alvaro … Richard … Bitte …“, kam es von unten in engelsgleichem Tonfall.
Victors Mutter war ausnahmslos immer die Ruhe selbst. Musste sie, bei diesen drei Söhnen, aber auch wirklich sein. Und trotzdem hatte sie kein Stück von ihrer Lebensfreude eingebüßt, sie sprühte geradezu vor Energie und Leben. Andres hatte sich schon mehr als einmal bei dem Gedanken ertappt, dass er viel lieber Victors Mutter als seine eigene Mutter zur Mutter gehabt hätte. Vielleicht wäre dann auch alles anders gelaufen …

Alvaro streckte Victor nur die Zunge raus, während Richard sich ein gehustetes „Muttersöhnchen“ nicht verkneifen konnte, doch dann verließen die Beiden endlich Victors Zimmer.
Der Torhüter seufzte erleichtert auf, wandte sich dann an Andres.
„Genau das sind schon mal zwei gute Gründe, warum ich so gerne im Barca-Internat wohne …“, seufzte er, ließ sich dann neben Andres auf das Bett fallen.
Der Jüngere lachte nur.
„Ach was, das sagst du nur so … Aber in Wahrheit kannst du doch gar nicht ohne diese kleinen Kabbeleien, oder?“
Victor verdrehte nur die Augen.
„Willst du schon wieder philosophisch werden, Andres Iniesta? Denn falls ja, da ist die Tür …!“
Doch Andres schüttelte nur schnell den Kopf, auch wenn er wusste, dass Victor ihn niemals herausgeschmissen hätte, ganz egal, ob Andres vor sich hin philosophierte oder nicht.
Bei seinen anderen ‚Freunden’ wäre er sich nicht so sicher gewesen, wenn er denen auf die Nerven gegangen war, hatten sie ihm das schon immer ziemlich deutlich gemacht.
Aber nicht Victor. Er wusste einfach zu gut, wie sehr Andres die Stunden genoss, die er mit seinem besten Freund verbringen konnte. Wo er sich einfach wohl fühlte, wo er ehrlich sein konnte, weil ihm wirklich jemand zuhörte, ohne ihn analysieren zu wollen.
Auf Victor konnte man sich verlassen, mit ihm konnte Andres über alles reden. Nun ja … über fast alles …

„… Und dann kam eine riesige Kohlrabi aus dem Gebüsch gehüpft und hat mir den Kopf abgebissen … Andres, du hörst mir wirklich nicht zu, oder?“
Erst Victors energisches in die Hände klatschen holte Andres, zum wiederholten Male an diesem Tag, aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück.
„Entschuldige bitte, was hast du gesagt?“, blinzelte Andres entschuldigend zu Victor hinüber.
Dieser runzelte nur die Stirn, setzte sich dann auf und musterte Andres ziemlich aufmerksam.
„Andres … willst du mir vielleicht irgendetwas sagen?“
Verwirrt schüttelte Andres den Kopf.
„Nein … ich glaube nicht …“, schüttelte der Katalane dann den Kopf. „Warum fragst du?“
„Nun ja … du wirkst irgendwie die ganze Zeit so weggetreten, hörst mir nicht zu, bist offensichtlich geistig nicht anwesend …“, zählte Victor auf, worauf Andres’ Wangen einen rötlichen Ton annahmen, „… Und deine Augen funkeln, so wie … na ja … so wie … vorher …“
Andres schluckte, schaute dann auf den Boden. Er hatte sich sowieso schon gefragt, wie lange er es noch vor seinem besten Freund geheim halten konnte. Schließlich war Victor nicht dumm – und er kannte Andres einfach zu gut …
„Na ja … Dr. Karadras leistet eben gute Aufbauarbeit …“, versuchte sich der Jüngere an einer scheinheiligen Erklärung.
„Hm … und das ist alles?“, Victor runzelte misstrauisch die Stirn. „Also, ich will ja nichts sagen, aber das glaube ich dir nicht. … Wenn ich mal raten dürfte, dann würde ich sagen, du bist verliebt …“
Volltreffer. Nervös kaute sich Andres auf seiner Unterlippe herum.
Ja, Victor war sein bester Freund. Aber immerhin war er auch mit Leib und Seele Fußballer.
Und Andres hatte keine Ahnung, wie Victor reagieren würde, wenn Andres ihm jetzt erzählen würde, dass er schwul war.
Zwar konnte er sich nicht vorstellen, dass Victor wirklich ein Problem damit haben würde. Aber er war sich eben nicht zu einhundert Prozent sicher. Und diese wenigen Prozent an Unsicherheit reichten für ihn aus, um es Victor nicht zu erzählen. Er hatte einfach zu große Angst davor, Victor als Freund zu verlieren.
Das Risiko wollte er um nichts in der Welt eingehen …
„Ich … also, Victor …ich … “
Doch Victor unterbrach ihn.
„Nein, nein, nein. Ist okay. Ich freue mich ja, dass es dir besser geht – ganz egal woran das liegt. Und wenn du es eben nicht sagen willst, du wirst ja schon deine Gründe haben, dann ist das auch okay … Ehrlich!“
Andres warf Victor einen zerknirschten Blick zu, doch der Torhüter schien es wirklich ernst zu meinen.
„Du bist wirklich ein bester Freund aus dem Bilderbuch …“, seufzte Andres, schenkte Victor dann ein strahlendes Lächeln.
„Ich tue mein Bestes …“, wich Victor jedoch geschickt aus, wechselte dann ebenso geschickt das Thema. „Aber sag mal, du meintest vorhin, du hättest wieder irgendwie Stress zuhause …?“
Andres stöhnte genervt auf, ließ sich dann einfach bäuchlings auf das Bett fallen, sodass er seinen Kopf in der Bettdecke vergraben konnte.
Er hatte es gerade so schön ausgeblendet gehabt …
„Lass mich raten. Deine Eltern benehmen sich immer noch absolut unnormal, deine Mum ist überbesorgt und dein Dad versucht die ganze Zeit, dich zum Reden zu zwingen …?“, versuchte sich Victor an einem Tipp.
„Volle Punktzahl …“, kommentierte Andres trocken in die Bettdecke.
Victor seufzte, stupste dann mit seinem Kopf aufmunternd gegen Andres Rücken.
„Ach Andres … gib ihnen doch einfach noch ein bisschen Zeit, dann wird das auch schon wieder. Aber es ist bestimmt echt nicht leicht für sie. Klar machen sie Fehler, aber eigentlich wollen sie doch nur dein Bestes, versuch es doch mal so zu sehen. Und hab ein bisschen mehr Geduld mit ihnen  …“
Andres grummelte wieder genervt in die Bettdecke unter ihm.
„Wirst du jetzt etwa wieder philosophisch, Victor Valdes? Wenn ja, da ist die Tür …“



-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-




Einen Monat später …

„Ich weiß überhaupt nicht, warum du so nervös bist …“
Victor schnipste in aller Seelenruhe einen Kekskrümel von seiner Trainingshose, schaute dann Andres dabei zu, wie dieser sich die Schnürsenkel band.
„Ich bin nicht nervös …“, knurrte der Jüngere von Beiden, doch seine Stimme verriet ihn.
Aber wie sollte er auch nicht nervös sein?
Es war jetzt gute fünf Monate her, dass er zum letzen Mal auf einem Spielfeld gestanden hatte, damals war dieses verheerende Foul geschehen, und seitdem hatte er nicht mehr mit der Mannschaft zusammen trainiert.
Und jetzt saß er endlich wieder hier und würde gleich, erst nur zur Probe, ein Training mit den anderen absolvieren.
Andres schüttelte sich. Er war nervös wie Hölle …
Was war, wenn er jetzt quasi wieder von vorne anfangen musste? Wenn er sein Gespür für den Fußball, sein Ballgefühl oder seine Präzision verloren hatte?
Seit seinem sechsten Lebensjahr hatte er nie mehr als eine Woche am Stück ohne Ball am Fuß ausgehalten, aber jetzt hatte er für fünf volle Monate aussetzen müssen! Andres konnte sich nicht vorstellen, dass das einfach spurlos an seinen Fertigkeiten vorbeigegangen war…
„Und du kannst jetzt einfach spielen, obwohl diese Metalldinger in deinem Fuß sind …?“, neugierig, aber trotzdem noch mit respektvollem Abstand schielte Tiago auf Andres Fuß.
Innerlich seufzte der junge Katalane.
Es hatte sich eindeutig etwas in dieser Mannschaft verändert. Zumindest ihm gegenüber.
Sei es nun, dass zum Beispiel alle Gespräche verstummt waren, als er gemeinsam mit Victor die Kabine betreten hatte und dass seitdem alle Blicke auf ihm zu kleben schienen, oder eben dieser ‚Sicherheitsabstand’ den alle seine Mitspieler zu ihm hielten. Ob sie es absichtlich machten oder nicht, Andres’ frühere Freunde ließen ihn ziemlich deutlich spüren, dass etwas mit ihm, zumindest nach ihrer Ansicht, nicht stimmte.
Am liebsten wäre Andres aufgestanden und hätte so etwas wie ‚Hey, entspannt euch, nur weil ich versucht habe, mich umzubringen, heißt das ja nicht, dass ich euch auch umbringen will. Und das ist auch nicht ansteckend. Außerdem, hey, ich lebe doch noch, also lasst uns doch einfach so tun, als wäre nichts passiert’ gesagt.
Doch dazu fehlte ihm der Mut und das nötige Selbstbewusstsein.
Tiago war noch einer der wenigen, der sich wenigstens einigermaßen mit ihm unterhielt – wenn auch mit diesem unüberhörbaren ‚Ich habe mir Sorgen um dich gemacht’ in der Stimme. Aber wenigstens etwas …
„… Ich musste ja auch die ganze Reha mit den Dingern in meinem Fuß machen, also ja, damit zu trainieren dürfte eigentlich kein Problem sein …“, versuchte Andres Tiago so freundlich wie möglich zu antworten.
Tiago nickte verstehend, warf Andres dann ein scheues Lächeln zu.
„Na dann … kommst du … schon mal mit raus? Ich meine, so viel hat sich ja auch nicht verändert, zwei Tore, ein Ball, zweiundzwanzig Mann, Sechzehner, Mittelkreis … kennst du doch noch alles, oder?“
Andres lächelte unsicher zurück.
„Müsste eigentlich …“
Tiago zögerte einen Moment, dann streckte er Andres eine Hand aus, um ihn daran hochzuziehen.
Dankbar schlug Andres ein, lächelte Tiago dann vorsichtig zu.
Tiago räusperte sich, dann klopfte er, nach einem weiteren kurzen Zögern,  Andres aufmunternd auf den Rücken.
„Und Victor hat Recht, was die Sache mit der Nervosität betrifft. Das hast gerade du nun wirklich nicht nötig. … Du warst schon immer der Beste von uns. Und so was verliert man auch nicht von heute auf Morgen …“

Und Tiago sollte Recht behalten.
Andres konnte es gar nicht fassen, dass es wirklich so gut lief für ihn.
In den ersten Minuten war er noch sehr vorsichtig und unsicher gewesen, hatte sich lieber zu wenig als zu viel zugetraut. Doch nachdem er auch nach dem vollständigen Aufwärmen und Dehnen, weder Erschöpfungsanzeichen, noch Schmerzen fühlte, begann er, sich sicherer zu bewegen.
Während den ersten Übungen mit dem Ball, Andres musste beinahe einen Freudenschrei unterdrücken, als er realisierte, dass er endlich wieder mit einem Ball trainieren konnte, warf er zwischendurch immer mal wieder Blicke zu Dr. Sarra hinüber.
Sie schien Andres und sein Schicksal wirklich ins Herz geschlossen zu haben, denn sie hatte es sich nicht nehmen lassen, Andres höchstpersönlich zu diesem ersten Belastungstest zu begleiten. Höchstwahrscheinlich, um eingreifen zu können, wenn Andres sich mal wieder zu viel zumuten wollte.
Doch bis jetzt erwiderte sie jeden seiner Blicke noch immer mit einem strahlenden Lächeln, nickte ihrem Schützling aufmunternd zu und unterhielt sich angeregt mit Andres’ Trainer.

Nach etwa einer guten Stunde spürte Andres jedoch, wie die Belastung langsam in seinem Fuß anzuschlagen anfing.
Für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken, einfach weiterzuspielen, doch dann meldete sich sein inneres Gewissen vehement.
Wenn er wirklich wieder spielen wollte, dann musste er auch wieder lernen, auf die Zeichen seines Körpers zu hören.
Und wenn er nun an seine Grenzen stieß, dann war das eben so.
Andres gab seinen Mitspielern ein Zeichen, dann entfernte er sich von seiner Position – sie hatten gerade fünf gegen drei in einem kleinen, abgesteckten Bereich gespielt.
Tiago warf ihm einen besorgten Blick zu und auch Victor, der in einem anderen Feld eingeteilt war, schaute besorgt zu Andres hinüber.
„Alles okay …“, winkte dieser jedoch schnell beschwichtigend ab.
Seine beiden Mitspieler nickten, Tiago erleichtert, Victor etwas nachdenklicher.
Dann ging Andres langsam zu Dr. Sarra und seinem Coach zur Bande hinüber.

„Und? Belastungslimit erreicht …?“, wollte sein Trainer mit einem verschlossenem Blick von ihm wissen.
Andres nickte, wünschte sich, sein Trainer würde ein bisschen offensichtlicher sein.
War es jetzt schlimm, dass er nicht das ganze Training über durchgehalten hatte?
War es womöglich doch noch zu früh?
Musste er wirklich noch länger vom Training fernbleiben und stattdessen andere Übungen machen?
Unsicher kaute Andres auf seiner Unterlippe herum.
„Dann wird deine Physiotherapeutin kurz einen Schnelltest mit dir machen …“, sagte sein Trainer jedoch ebenso ausdruckslos, bevor er eine dunkelblaue Mappe aufschlug und begann, sich Notizen zu machen.
Dr. Sarra zwinkerte Andres beschwingt zu, während sie ihm einen Pulsmesser anlegte.
„Na also, wer sagt’s denn … Ich hab doch gesagt, du schaffst das …“
Andres zuckte unsicher mit den Schultern, schielte nervös zu seinem Trainer herüber.
„Noch habe ich es ja nicht geschafft. Und außerdem habe ich ja auch nicht das ganze Training durchgehalten. Das ist doch eher kein gutes Zeichen, oder …?“
Dr. Sarra schluckte, dann schaute sie auffällig lange auf den Boden.
Sie checkte den Pulsmesser, teilte Andres’ Trainer dann die Zahl mit und löste das Messgerät wieder von Andres Arm. Und das alles, ohne ihren Schützling einmal anzusehen.
„Dr. Sarra …?“, irritiert schaute Andres die junge Therapeutin an. „Alles in Ordnung?“
Jetzt erschien ein kleines Lächeln auf dem Gesicht der Frau.
„Nun ja, um ehrlich zu sein … Wir haben dich getestet, Andres. Dein Trainer und ich. … Es war eigentlich von Anfang an klar, dass du das gesamte Training nicht schaffen würdest. Dafür hast du einfach noch nicht wieder die nötige Ausdauer und das hält dein Fuß auch noch nicht aus …“
„Was?“, entgeistert starrte Andres Dr. Sarra an. „Aber … aber, wenn von Anfang an klar war, dass ich versage, warum musste ich denn dann überhaupt heute kommen? Wofür habe ich mir denn dann die Hoffnung gemacht …?“
Wütend ballte der junge Katalane seine Hände zu Fäusten. Doch Dr. Sarra fasste ihm beruhigend an die Schulter.
„Andres … du hast nicht versagt, ganz im Gegenteil! Du hast bestanden, und zwar beide Tests! Zum einen hast du gezeigt, dass du über weite Teile schon wieder im Stande bist, zu trainieren. Und zum anderen, und dieser Punkt ist mir persönlich eigentlich sogar noch wichtiger, hast du bewiesen, dass du deine eigenen Grenzen kennst. Du hast von dir aus das Training abgebrochen, weil du gemerkt hast, dass mehr nicht gut für dich gewesen wäre. Und genau das wollten wir heute auch von dir sehen – dass du deine eigenen Grenzen akzeptierst!“
Sie warf Andres ein zufriedenes Lächeln zu.
„Und … was genau bedeutet das jetzt? Ich meine, heißt das …?“, fragend schaute Andres seine Physiotherapeutin an.
„Das heißt …“, meldete sich jedoch unvermittelt sein Trainer zu Wort, woraufhin Andres herumwirbelte. „… dass ich ziemlich zufrieden mit dir bin. Deine Technik ist nach wie vor Weltklasse, dein Ballgefühl in übernatürlichem Maße vorhanden. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, Andres, aber du bist, wenn man jetzt mal von der nicht ausreichenden Kondition und Belastbarkeit absieht, noch auf fast genau demselben Stand, auf dem du auch früher warst. Noch ein, zwei Monate spezielles Training hier an der Schule für dich, und dann dürftest du auch wieder bereit für den Platz sein … vorausgesetzt, natürlich, du willst …“

Andres nickte mit dem Kopf. Dann schüttelte er ihn. Dann nickte er wieder.
Wusste einfach nicht, wie im geschah.
Bedeutete das etwa …
… er bekam tatsächlich wieder eine Chance?
„Ich … klar, also … natürlich …!“
Dr. Sarra schien etwas schneller zu schalten als ihr Schützling, denn sie quietschte erfreut auf, und ehe Andres sich versah, hatte seine Physiotherapeutin ihn auch schon in eine feste Umarmung gezogen.
Andres war immer noch zu perplex, um irgendwie zu reagieren, deswegen klopfte er der jungen Frau nur abwesend auf den Rücken.
„Oh, ist das toll … Siehst du, Andres, ich hab doch von Anfang an gesagt, dass das wieder wird! Jetzt wirst du also echt einer von den Großen …!“
„Also, ich will ja wirklich den Moment nicht zerstören, aber gibt es hier etwas zu feiern?“,  räusperte sich in diesem Moment Victor, woraufhin Dr. Sarra Andres losließ.
Andres genügte nur ein Blick in das feixende Gesicht seines besten Freundes, und er wusste sofort, dass dieser die Umarmung missinterpretiert hatte …
„In der Tat …“, wandte sich Andres’ Trainer an seinen Keeper, pfiff dann die ganze Mannschaft zusammen. „Alle mal herhören, es gibt frohe Nachrichten: Ab sofort, und mit sofort meine ich auch sofort, ist Andres wieder im Team!“
Andres konnte nicht verhindern, dass seine Wangen einen rötlichen Ton annahmen, doch das fiel im nächsten Moment schon nicht mehr auf. Denn da hatte sich Victor schon auf ihn gestürzt und wirbelte ihn durch die Luft.
„Vorsichtig, Vic …“, lachte Andres, etwas besorgt um seinen Fuß.
„Als ob ich dich jetzt loslassen würde …“, schüttelte Victor lächelnd den Kopf.
Dann setzte er Andres wieder auf dem Boden ab, wo auch die anderen Spieler, allen voran Tiago, zuerst zögerlich, aber dann immer herzlicher, anfingen, Andres zu gratulieren und ihn wieder herzlich willkommen zu heißen.




Mit beschwingten Schritten überbrückte Andres den kurzen Weg von der Straße bis zu seiner Haustür, Dr. Sarra war so freundlich gewesen, ihn nach Hause zu fahren, was von Victor nur mit einem mokanten Zwinkern kommentiert worden war, und winkte der Physiotherapeutin noch einmal zum Abschied, bevor diese ihren Wagen die breite Straße hinunterlenkte und dann um die nächste Ecke bog.
Eigentlich störte sich Andres gar nicht daran, dass sein bester Freund ihm und der jungen Frau wahrscheinlich eine heimliche Affäre andichtete. So war er wenigstens von der, für Andres deutlich unangenehmeren, Wahrheit abgelenkt …
Leise vor sich hin pfeifend drehte Andres den Schlüssel im Türschloss, betrat dann das Haus.
„Ich bin wieder da … und ich muss euch was erzählen …!“, rief er in den Flur herein, während er sich seine Schuhe auszog und seine Jacke ordentlich auf den davor vorgesehenen Haken aufhängte.
Heute hatten seine Eltern noch nicht mal einen Anlass gehabt, sich Sorgen zu machen, denn er war sogar noch früher zuhause, als er es eigentlich angekündigt hatte.
„Hola, Andres …“, die Stimme seines Vaters aus dem Wohnzimmer klang überrascht. „Wolltest du nicht eigentlich erst in einer Stunde wieder zurück sein?“
Andres verdrehte innerlich die Augen. Wie man es machte, so machte man es falsch …
„Ja schon …“, antwortete er aber möglichst gelassen und machte sich dabei auf den Weg ins Wohnzimmer. „Aber dann hat mir Dr. Sarra angeboten, mich nach Hause zu fahren, also …“
Der letzte Teil seines Satzes blieb Andres im Hals stecken, als er das Wohnzimmer betrat.
Um den niedrigen, eckigen Wohnzimmertisch saßen seine Mutter und sein Vater auf der einen Couch. Und auf der anderen Couch saß …
„Hrchm … Hallo, Andres …“
Wie immer war die Stimme seines Therapeuten für Andres einen Tick zu glatt, zu weich. So als wäre Dr. Karadras besorgt darum, dass er seinen sowieso schon angeschlagenen Patienten durch eine zu harsche Stimmlage noch mehr Schaden zufügen könnte.
Schlagartig war Andres gute Laune verflogen.
„Hallo, Dr. Karadras …“, antwortete er jedoch betont höflich.
Andres Mutter räusperte sich verhalten.
„Ja, weißt du, Andres,  ich war gerade eben noch schnell einkaufen, und jetzt rate mal, wen ich da getroffen habe …“, lachte sie nervös. „Und da konnte ich einfach nicht anders, als Dr. Karadras zu uns einzuladen …“
„Wie schön …“, gab Andres falsch zurück.
Am liebsten hätte er sich einfach schnurstracks umgedreht und wäre auf sein Zimmer geflüchtet. Oder zu Victor.
„Ja, nicht? Nach allem was der Doktor für dich getan hat, ist das ja wohl das mindeste, was wir tun können … Aber, setzt dich doch, mein Junge. Wolltest du uns nicht sowieso etwas erzählen?“
Der Blick seines Vaters machte Andres deutlich, dass Widerspruch zwecklos und wohl auch nicht geduldet war.
Also zwang sich der Katalane dazu, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und setzte sich, notgedrungen, neben Dr. Karadras auf das Sofa.
„Ja, also …“, er räusperte sich leise, hatte plötzlich gar keine Lust mehr, von dem Probetraining zu erzählen.
Vorher hatte er seinen Eltern nichts davon gesagt, aus Angst zu versagen. Hinterher wären seine Eltern nur von ihm enttäuscht gewesen …
„Ähm … also, ich war heute bei den Trainingsgeländen und …“
„Schon wieder?“, schnitt sein Vater ihm das Wort ab. „Musstest du nicht noch etwas für die Schule tun?“
„Hatte ich davor schon alles erledigt …“, log Andres schnell. „Auf jeden Fall war ich da … und habe ein Probetraining zusammen mit meiner alten Mannschaft gemacht …“
„Du hast was? Aber Andres, das geht doch nicht. Das ist doch noch bestimmt noch viel zu früh! Du hättest auf alle Fälle vorher Dr. Sarra nach ihrer Meinung fragen müssen!“, jetzt war es seine Mutter, die ihn unterbrach.
„Dr. Sarra war auch mit dabei …“, erklärte Andres, um Ruhe bemüht. Innerlich bebte er. Warum konnten seine Eltern ihn eigentlich nie ausreden lassen??
„Sehen Sie, so geht das die ganze Zeit …“, wandte sich Andres’ Vater ungerührt an Dr. Karadras. „Er verheimlicht uns noch so viel und redet einfach nicht mit uns über das, was ihn beschäftig …“
Andres unterdrückte ein Schnaube, schaute stattdessen zu Dr. Karadras hinüber, bereit, sich zu verteidigen.
Doch der ältere Mann nickte nur langsam mit dem Kopf.
„Das merke ich … Aber rede bitte weiter, Andres, ich glaube, du warst noch nicht fertig …?“
Andres nickte langsam, schaute dann zu seinen Eltern hinüber.
„Also, ich habe also mit den anderen trainiert und … mein Trainer sagt, ich bin soweit. Und Dr. Sarra hat das auch bestätigt. Ab sofort darf ich wieder mit der Mannschaft trainieren …“
„Was? Ich glaube, ich höre nicht richtig …“, schüttelte Andres’ Vater den Kopf.
„… und er hat mir nahe gelegt, ins Barcelona-Internat für die Nachwuchsspieler zu ziehen!“, beendete Andres seinen Satz unberührt.
Für einen Moment schauten sich Andres Eltern nur stumm an, offensichtlich sprachlos.
Doch dann …
„Ausgeschlossen! Andres, denk doch bitte an deine Gesundheit! Du träumst doch wohl nicht wirklich immer noch davon, Fußballspieler zu werden?? Ich bitte dich, bei deinem Körper … du hast überhaupt Glück gehabt, dass du wieder vernünftig laufen kannst, und jetzt willst du das alles wieder leichtfertig aufs Spiel setzen? Denk an deine Zukunft, mein Junge! Ich habe dir schon so oft einen Ausbildungsplatz bei uns in der Bank angeboten, das ist wenigstens ein Job mit Zukunftsperspektive! Mal ehrlich, es gibt tausende von Jungen wie dir in ganz Spanien, glaubst du wirklich, du hättest die Chance, dich gegen all die durchzusetzen und ein richtiger Profi zu werden? Ich bitte dich …“, Andres Vater schüttelte tadelnd den Kopf.
„Und außerdem …“, fügte Andres Mutter hektisch hinzu. „Du sollst auf dieses Internat ziehen? Weg von uns? Andres, mein Schatz, ich weiß wirklich nicht, ob das so eine gute Idee ist! Ich meine, du redest doch jetzt schon so wenig mit uns, wenn du wirklich von uns wegziehst …“, seine Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, das geht nun wirklich nicht. Wir haben dich schon einmal fast verloren, Andres, und das wird uns nicht ein zweites Mal passieren, hörst du?“
„Aber Mum, Dad …“, wollte Andres aufbegehren, doch sein Vater schnitt ihm das Wort ab.
„Da gibt es nichts zu diskutieren. Wir haben Nein gesagt, und es bleibt dabei. … Dr. Karadras, was sagen sie denn dazu? Das wäre doch wirklich keine gute Idee, oder …?“
Andres biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen, die sich in seinen Augen ansammelten, zu unterdrücken.
Am liebsten hätte er laut geschrieen. Das durfte einfach nicht wahr sein. Das konnten seine Eltern doch nicht ernst meinen …
Doch dann fühlte Andres eine starke Hand, die beruhigend seine Schulter umfasste.
Verwundert schaute Andres zur Seite und blickte in Dr. Karadras’ dunkel funkelnden Augen.
„Was sagt denn deine Physiotherapeutin dazu?“, wollte er in ruhigem Ton von Andres wissen.
Der junge Katalane schluckte ein paar Tränen hinunter.
„Sie sagt, sie sieht keine Gefahr für mich …“, stotterte er dann.
Dr. Karadras nickte langsam, dann ließ er Andres Schulter wieder los und wandte sich an die Eltern seines Patienten.
„Also, wenn sie mich fragen, dann wäre es ein  fataler Fehler …“
Andres’ Hoffnung sank. Bedrückt ließ er den Kopf hängen.
„… ein fataler Fehler, ihren Sohn jetzt nicht gehen zu lassen. Ich bin sehr froh, dass ich heute Abend bei diesem Gespräch dabei sein konnte, denn ich habe heute ziemlich viel von dem begriffen, was Andres mir früher erzählt hat … Herr und Frau Iniesta, ich kann ihre Besorgnis verstehen, wirklich. Doch ich kenne Dr. Sarra zufällig persönlich und ich kann ihnen versichern, dass sie eine Koryphäe auf ihrem Gebiet ist, trotz ihres jungen Alters. Und wenn sie keine Gefahr mehr für Andres Gesundheit sieht, dann denke ich, hat sie damit Recht. Des Weiteren halte ich die Idee, Andres auf dieses Internat ziehen zu lassen ebenfalls für durchaus angebracht. Ich denke, viel Kontakt zu anderen Jugendlichen, die seine Interessen teilen, wird Andres sehr gut tun. … Und noch etwas: Ich wage es nicht, mich als Experten zu bezeichnen, aber ich maße mir an zu behaupten, dass ich etwas vom Fußball verstehe. Und ich habe ihren Sohn spielen sehen, alte Videoaufnahmen. Und ich kann ihnen versichern, dass Andres sehr wohl eine Chance hat, sich gegen die tausend anderen Jungen seines Jahrgangs durchzusetzen und ein Profi zu werden. Eine relativ große Chance, sogar. … Also, wenn sie meinen Rat wissen wollen, dann lassen sie Andres gehen. … Und ich bitte sie tunlichst, diesen Rat zu befolgen!“
Andres Kopf ruckte in die Höhe.
Ungläubig schüttelte er den Kopf, starrte seinen Therapeuten an, der seinen Blick jedoch freundlich erwiderte.
Die ganze Zeit über hatte Andres Dr. Karadras nie wirklich gemocht. Es hing nicht mit dem Menschen an sich zusammen, im Gegenteil, Andres konnte sich D. Karadras sogar als einen ziemlich netten Menschen vorstellen, doch die Tatsache, all die unangenehmen Erinnerungen aus seiner Vergangenheit in die kleinsten Bestandteile auseinander nehmen zu müssen, hatte dazu geführt, dass Andres eine Antipathie gegen den Therapeuten entwickelt hatte.
Aber jetzt, wenn er sich die resignierten Gesichter seiner Eltern anschaute, dann hatte er wohl seinem Therapeuten ziemlich unrecht getan …





-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-






„Man, das ist einfach nur sauschwer, sogar für mich als Torwart. Ich will ja nichts sagen, aber was hast du in diese verdammte Kiste reingepackt? Steine?“
Victor stöhnte, stellte die Kiste vollkommen außer Puste einfach mitten ins Zimmer ab und ließ sich dann auf ein Bett plumpsen.
Andres Bett.
Andres und Victors Zimmer.
Andres hätte schwören können, dass er schwebte.
Er hatte sich schon eine ganze Weile nicht mehr so glücklich gefühlt, wie jetzt gerade in diesem Moment.
Er war wirklich hier. Er konnte wirklich wieder spielen. Und er würde wirklich hier wohnen, im BARCA INTERNAT, zusammen mit seinen ganzen Mannschaftskollegen.
Allein schon dieser Moment machte alles, die ganzen Schmerzen, Rückschläge, Zweifel der letzten Monate wieder wett.
Der Moment, indem er sich neben Victor auf das Bett fallen lassen und das  große Barcelona-Wappen an der gegenüberliegenden Wand betrachten konnte.
„In der Kiste waren Bücher … Kennst du vielleicht, dass sind die Dinger aus Papier mit zwei Buchdeckeln, da stehen Wörter und sogar ganze Sätze drin. Das sind die Dinger, an die du dich nicht mal in einem Radius von dreißig Metern rantraust …“, antwortete er auf Victors Frage, wich im nächsten Moment grinsend einem Kissen aus, das Victor nach ihm schlug.
„Also wirklich, und so was nennt sich dann bester Freund … Du bist eindeutig zu frech für dein Alter. …“, seufzte Victor, doch dann wurde seine Stimmer ernster.
„Andres? Ich bin wirklich froh, dass du hier bist. Ich meine, hier und nicht …“
Der junge Torhüter ließ den Satz unbeantwortet. Aber Andres verstand ihn auch so.
„… Ja …“, sagte er nach kurzem Zögern. „Ja, das bin ich auch … Ich meine, das ist meine Chance. Wenn ich mich jetzt einfach nur anstrenge, dann pack ich das … hoffe ich …“

Victor setzte sich auf, dann schaute er Andres zuversichtlich an.
„Wir. Wir packen das … Wäre doch gelacht, wenn wir die paar Monate Trainingsrückstand nicht im Nu wieder aufgeholt hätten …!“
Andres nickte Victor dankbar zu.  
Ja. Das war seine Chance. Seine zweite Chance, im gewissen Sinne. Und er würde diese Chance garantiert nicht verstreichen lassen. Dieses Mal meinte er es wirklich ernst.
„Also, Vic … ich will deine Illusionen ja nicht zerstören, aber … das da sind noch nicht alle Kisten da auf dem Boden … Zwei sind noch unten am Eingang …“




--------------------------------------------------------------------------------

… Haha … armes Vic … ♥

… Ha! Das Kapitel war nicht traurig! Strike! ^^

Pairingspekulationen nehme ich gerne entgegen.
Genau wie Kekse, Interpretationsversuche, Gummibärchen und Heiratsanträge. Und Rocher (endlich wieder da … ♥) . ^__^
Kurz gesagt: Um Reviews wird ausdrücklich gebeten … ;)

Word Count: 8.365 … Respekt, wenn ihr also tatsächlich alles am Stück gelesen habt … :D

Also, Bananenblumige Grüße an euch alle da draußen …
Belli
«
»
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.9-7097