Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
 
 
von Red Crescent    erstellt: 19.09.2009    letztes Update: 19.09.2009    Geschichte, Abenteuer / P16 Slash    (abgebrochen)
OoOoOoOoOoOoO

Alles ist vorherbestimmt, Anfang wie Ende, durch Kräfte, über die wir keine Gewalt haben. Es ist vorherbestimmt für Insekt nicht anders wie für Stern. Die menschlichen Wesen, Pflanzen oder der Staub, wir alle tanzen nach einer geheimnisvollen Melodie, die ein unsichtbarer Spieler in den Fernen des Weltalls anstimmt.
Albert Einstein

OoOoOoOoOoOoO


Kapitel Eins – Sturz in die Nacht

Der Regen verfing sich in ihren schwarzen Haaren und vereinzelte Strähnen verzierten ihr Gesicht wie feine Tintenstreifen, die wie flüssige Farbe an ihren Wangen hinab glitten. Ihr Körper verkrampfte sich, als sie die lauten Rufe um sich herum hörte, das Knallen mit den harten Stöcken an den Wänden und den Abfalleimern, deren Deckel scheppernd über den Asphalt rollten und in den Gang der Straße hallend vor - und zurückechoten. Sie spürte den Druck an ihrem Rücken verstärken und umklammerte ihr Paket, welches sie umschlungen hielt noch stärker.

Niemand sollte sie finden. Niemand sollte ihrer Familie schaden. Niemand sollte ihr alles, was sie hatte wegnehmen.

Mit angehaltenem Atem machte sie sich so klein sie konnte und dämpfte das Wimmern ihres Schützlings an ihrer Brust, dessen kleine Hände in den Stoff ihres Shirts krallten, voller Angst. Die Rufe wurden lauter, als Kaoru versuchte ihren kleinen Bruder und sich selbst in eine dunklere Ecke der Straße zu verschanzen.

„Komm raus, komm raus, wo immer du auch bist!“, lockte die Stimme scheinheilig, bevor sie von einem unüberhörbaren Speichelhochwürgen unterbrochen wurde. Das klatschende Auftreffen der Spucke auf dem Boden ging Kaoru so unter die Haut, dass sie vor lauter Schreck die Luft anhielt und ihren Bruder noch härter in die Umarmung zwang. Die kleine Nase ihres vier-jährigen Familienmitgliedes war feucht und kalt von leisen Tränen und drückte sich vertrauensvoll in ihren Halsausschnitt, als plötzlich zwei Meter neben ihnen eine silberne Mülltonne mit dem Fuß auf den Boden gekickt wurde. Der Inhalt rollte bis direkt vor ihre Füße, aber durch die Dunkelheit konnte Kaoru die einzelnen Abfälle nicht sehen, sondern nur riechen. Instinktiv duckte sie sich und machte sich in der Finsternis so gut es ging unsichtbar.

„Sie ist nicht hier!“, keifte eine rauchige dunkle Stimme bevor die depremierende Aussage mit einem Schlag auf den Boden verdeutlicht wurde.
„Wo soll sie schon sein?“, fragte der Hochwürgende, bevor er unschön seinen Naseninhalt direkt neben seine vorherigen Körperflüssigkeiten spuckte.
Kaoru wurde schlecht von den verschiedenen Gerüchen, die ihr in die Nase stiegen. Sie strich mit einer Hand liebevoll und beschützend durch den dunkelbraunen Schopf ihres Bruders, damit er keine Anstalten machte und zu Wimmern begann.

„Irgendwo muss sie ja sein!“
„Weiß ich denn, wo die kleine Göre mit ihrem Balg hin abgehauen ist? Es ist so verdammt dunkel in dieser Straße, dass du noch nicht mal deinen Strahl beim Pissen beobachten kannst, verdammt noch mal!“ Das war der Würger.
„Halt’s Maul, du Idiot!“, zischte der andere zurück. „Oder willst du allen von uns erzählen?“
„Nein!“, kam es gedämpft aber nicht minder gereizt. „Ich will nur aus diesem scheiß Regen raus! Wegen dieser beschissenen Suchaktion kann ich meine Eier als Eiswürfel benutzen!“
Der Rauchige knurrte verächtlich und ignorierte letzteren Satz seines Kollegen, bevor er wieder in die Dunkelheit der Straße blickte und mit seinen eisgrauen Augen die Gegend erkundete. Er musste zugeben, dass dieses Mädchen gerissener war, als er dachte.

Eigentlich war alles geplant. Alles. Es war so einfach den Vater zu töten. Ein perfekter Schuss in den Kopf. Keine Spuren, keine Zeugen. Die Company vollständig zu übernehmen wäre ein leichtes gewesen, bis die Neuigkeit von den Kindern kam und die Pläne seines Bosses durchkreuzte.
Die Tochter bekam alles vererbt. Aber sie war erst sechzehn und konnte daher die Firma noch nicht leiten. Allerdings in zwei Jahren.
Man musste sie nur ausschalten und alles wäre gelöst.
Sie war ein einsames Mädchen, das nichts hatte außer ihrem kleinen Gör. Es hätte so einfach sein könne, aber sie musste sich unerwartet querstellen.

Alles funktionierte wunderbar. Bis dieses Miststück mit Feuer in den Augen auf ihn losgestürmt kam und mit einem Besenstil attackierte, den sie mit voller Wucht und geübter Präzision erst ihm in den Bauch rammte und dann seinem Kollegen ins Gesicht. Beide waren davon so irritiert, dass das Mädchen ihren heulenden Bruder aufgabelte und schnurstracks aus dem Haus rannte, in dem sie sie überrascht hatten. Und jetzt befanden sie sich in strömenden Regen und ekelhaften Kältegraden in einer stinkenden, dunklen Straße und spielten Katz und Maus mit zwei Kindern!

„Wir müssen warten bis sie nach Hause kommt.“, schlug der Würger vor. „Sie wird irgendwann zurückkommen, wenn sie Hunger hat. Oder wenn der kleine Scheißer neue Windeln braucht.“ Ein dunkles Kichern folgte.
Der Rauchige brummte nur als Antwort. Er glaubte nicht, dass sie so bescheuert war und zurückkehrte. Aber im Moment fiel im keine bessere Idee ein, also beließ er es dabei. Ihm war kalt und er musste seinem Kumpel recht geben. Sein Schwanz fühlte sich an wie ein Eiszapfen.

Beide nahmen ihre Schläger und warfen sie sich über die Schulter, als sie langsam die dunkle Straße zurücktrotteten. Bis sie plötzlich ein kleines, dünnes Geräusch aus der Ecke wahrnahmen, aus der sie gerade kamen. Ohne ein Wort sahen sie sich an, drehten sich um und sprinteten zurück. Die Falle schnappte zu.

Kaoru fluchte innerlich auf, als sie mit ihrer Fußspitze an einer Dose hängen blieb und diese dann ein feines Blechern von sie gab. Sie wusste, die Männer hatten sie gehört. Sie war in der Klemme. Sie hatte keine große Chance zu entkommen, aber ihr war klar: Sie musste rennen. So oder so, ein Ausweg war ein Ding der Unmöglichkeit, aber sie musste es versuchen. Lieber wollte sie im Kampf verlieren, als kampflos aufzugeben.

Mit einer Hand auf dem Kopf ihres Bruders und der anderen im stählernen Griff um seinen zitternden Körper huschte sie kurzzeitig aus der sicheren Dunkelheit ihres Versteckes, machte sich für die Verfolger sichtbar und rannte mit aller Kraft die Straße entlang. Sie sagte sich immer nur eines: „Nicht umdrehen! Nicht umdrehen!“
Mit suchenden Augen bahnte sie sich den besten Weg durch die stummen Schneisen der Stadt. Sie hatte keine Ahnung wie lange sie rannte. Ihr Atem ging gehetzt und durch die fünfundzwanzig Kilo mehr, die sie am Körper trug wurden ihre Beine bei jedem weiteren Schritt immer schwerer. Und die Tritte hinter ihr lauter.
Tränen der Verzweiflung stiegen in ihr hoch, als sie die unausweichliche Niederlage im Nacken spürte.

Und dann, wie aus dem Nichts griff eine Hand in ihr Haar, zog mit voller Wucht daran und zwang damit ihren Kopf ruckartig nach hinten. Der plötzliche Schock dieser Bewegung war so groß, dass Kaoru den Griff ihrer Arme völlig vergaß und ihren Bruder losließ, der mit angstgeweiteten Augen aus ihrer Umarmung flog und unsanft auf dem Boden landete.

Jetzt ist alles aus…, dachte Kaoru mit tränengefüllten Augen, als sie ihren kleinen Bruder beobachtete, der schreiend auf dem Rücken lag, die kleinen Hände zu Fäusten geballt und seine Augen damit bedeckend, aus denen literweise Tränen kullerten.
„Hab ich dich, du kleines Miststück!“, hauchte der Rauchige dunkel aus seiner Kehle in ihr Ohr, bevor er ein weiters Mal an ihren Haaren zog. Kaoru beachtete ihn gar nicht, sondern schrie mit trockenem Rachen: „Lauf, Yahiko! Lauf weg!“, als sie beobachtete, wie der Würger mit langsamen Schritten auf den Schreihals stiefelte, seine grinsende Visage zu ihr gedreht.
„Rühr ihn ja nicht an, oder…oder!“, schrie sie ihm wütend entgegen bevor sie mit Zorn gefüllten Augen seine Handlungen beobachtete.
„Du solltest hier nicht zu laute Töne brüllen, Schätzchen!“, zischte der Rauchige wieder in ihr Ohr. „Pass lieber auf, dass dir nichts passiert.“, fügte er grinsend hinzu bevor er mit seiner Zunge die delikate Ausbuchtung ihrer Ohrmuschel nachfuhr.

Kaoru zuckte nicht einen Moment, als sie den hechelnden Atem und die Nässe spürte. Ihre Konzentration war voll und ganz auf den Würger geheftete, der mit einer groben Bewegung Yahiko am Bein packte und ihn kopfüber hochhob. Das Gebrüll, das er dafür erntete war ohrenbetäubend.
„Kannst du den Kleinen nicht abstellen?“, rief der Rauchige seinem Kollegen zu, der als Antwort nur zustimmend brummte und ein Klappmesser aus der Hosentasche zog.

Kaoru gefror das Blut zu Eis bei dieser Szene. Ohne weiter darüber nachzudenken holte sie mit ihrem Ellenbogen aus und rammte diesen in den Magen ihres Jägers, der sie daraufhin losließ. „Nicht schon wieder, du kleine Mistkröte!“, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus, als er sich die schmerzende Stelle, die sie wieder mittig perfekt traf, mit den Händen hielt.
Kaoru stürmte mit voller Wucht auf den Würger zu und warf sich mit ihrem ganzen Körper auf ihn, sodass alle drei auf dem Boden landeten. Dabei rief sie immer und immer wieder: „Lauf Yahiko! Du musst weglaufen! Sofort!“ In der Hoffnung, dass er auf sie hören würde. Und tatsächlich. Mit geschockten Augen rappelte sich der Kleine langsam auf, schluchzte ein verschlucktes „Ka-chan!“ und rannte mit kleinen Schritten in die Dunkelheit.

„Verdammt, der Junge!“ rief der Rauchige, als er sich stolpernd in Bewegung setzte.
Kaoru, die den Würger immer noch auf dem Boden hielt schwang ihr Bein in einer geschmeidigen Bewegung in einem Halbkreis und brachte den Rauchigen damit völlig aus dem Gleichgewicht, als dieser von ihrem Beinschwung auf den Boden gerissen wurde.
„Du gibst wohl nie auf, was?“, fragte der Würger bevor er ausholte und mit seiner Faust in ihr Gesicht zielte.

Der Schmerz, der sich auf ihrer linken Seite ausbreitet war betäubend, aber sie schaffte es mit letzter Kraft nicht ohnmächtig zu werden. Mit blutender und pochender Lippe landete sie stöhnend auf dem Rücken, als sie plötzlich ein Gewicht auf ihren Hüften spürte. Ihre Hände wurden links und rechts neben ihr auf den Asphalt genagelt, die abgekauten Fingernägel ihres Verfolgers bohrten sich in die Porzellanhaut ihrer Handgelenke.
„Das war’s für dich!“, hörte sie noch bevor etwas stechendes brennend ihren Halsausschnitt nach oben wanderte und ihr ein Rundes Etwas in ihren Mund gestopft wurde.

Dann wurde ihre Welt schwarz.

***


„Komm schon, Kenshin!“, forderte Sano seinen besten Freund auf, noch einen Drink mit ihm zu kippen. Die Bar, in der sich die beiden befanden lag etwas außerhalb der eigentlichen Gegenden, in denen sie sich abends amüsierten und waren ganz und gar nicht nach dem Geschmack des jungen Geschäftmannes. Um nicht zu sagen, er war regelrecht angewidert von dem billigen Etablissement, vor dem sich in Scharen Prostituierte den wartenden Männern anboten, die mit gierigen Blicken die wenigen Kleidungsfetzen von den Brüsten der Frauen zogen. In ihren minderbemittelten Kreisen wollte sich Kenshin definitiv keine Freunde machen.

Warum sein Kumpel diesen Ort aussuchte verstand er überhaupt nicht. Und dass ihn alle anstarrten gefiel ihm noch weniger. Mit violett strahlenden Augen durchkämmte er die Bar und erwischte jedes Augenpaar, das unter seinem Blick schüchtern zurückwich. Einfallspinsel., dachte er grimmig, bevor er sich wieder zu Sano drehte, der seinen sechsten Whisky in einem Zug nach unten leerte. Er wusste, dass sein Freund kein besonders guter Trinker war und sah deshalb mit durchdringenden Augen den Barkeeper an, als Sano einen weiteren Whisky mit schwerer Zunge bestellte.
„Ach komm schon!“, kam es beleidigt von dem Betrunkenen. „Nur noch einen! Jetzt sei doch nicht so eingeschnappt!“
Ohne ein weiteres Wort knallte Kenshin das Geld auf den Tresen, packte Sano am Arm und half ihm auf, als dieser bei seinen ersten Schritten das Gleichgewicht verlor, nach links kippte und dabei wie blöd grinste.
Ohne eine Miene zu verziehen zog Kenshin seinen betrunkenen Freund hinter sich her, aus der Bar hinaus und hievte ihn langsam zum Auto. Sano grüßte dabei jede Prostituierte, die mit zu viel Makeup einen einladenden Augenaufschlag versuchte.
„Na ihr Süßen? Alles klar? Wie wär’s mit n’biss….ein bisssschi….Mann, seit wann ist das Wort so schwer?“ Mit zusammengekniffenen Augenbrauen versuchte er sein drittes Glück: „N’ bisschen Spaß?“ Er grinste schief und erntete von den Frauen ein Kichern. „Geht doch!“

Kenshin musste sich ein Augenrollen verkneifen, als er mit einem Ruck seinen Kumpel auf den Beifahrersitz setzte und die Türe schloss. Dann umging er seinen schwarzen Sportwagen ohne jemanden eines Blickes zu würdigen und stieg ein. Ein Wunder, dass sein teures Auto überhaupt noch stand, dachte er sich missbilligend, drehte den Zündschlüssel um und fuhr los. Sein Freund neben ihm fummelte wie wild an dem Sicherheitsgurt und ließ ihn jedes Mal wieder zurückschnalzen. Kenshin ignorierte ihn so gut es ging.
„Mann…blödes Teil!“ Der Sicherheitsgurt knallte zurück.
„Jetzt komm schon!“ Ein schnallendes Geräusch.
„Jetzt hilf mir doch mal!“, kam dann endlich die Alkohol verschwommene Frage von rechts, bevor Kenshin genervt die Luft ausatmete und Sano dabei half den vermaledeiten Gurt einzurasten.
Er schwor sich, dass sein bester Freund morgen mehr als nur einen Kater haben würde.

Als er sich wieder ans Steuer setzte, sah er im Lichtpegel seines Scheinwerfers eine eigenartige Bewegung. Es war zu groß für ein Tier und mitten in der Stadt ein Tier zu sehen war ebenso unsinnig. Mit zusammengekniffenen Augen durchkämmte er die Gegend und entdeckte die Bewegung wieder an der gleichen Stelle. Er wollte seinem Freund bescheid sagen, dass er kurz nachsehen werde, als er ein tiefes und leises Schnarchen wahrnahm und ohne weiter darüber nachzudenken ausstieg und sich mit langsamen Schritten der Stelle näherte.

Heute war irgendwie nicht sein Tag.

Ein leises Wimmern ließ ihn die Augenbrauen zusammenziehen und seine violetten Augen analysierten in der Dunkelheit den Grund dafür, als er beim Näher gehen das Schluchzen zuordnen konnte. Vor ihm saß ein durchnässter kleiner Junge, der zusammengekauert als Kugel auf dem Boden saß und weinte. Mit drei Schritten war er bei ihm und legte ihm ohne Überlegung beruhigend die Hand auf den klitschnassen Kopf. Der Junge sah ihn mit dreck- sowie tränen- und rotzverschmiertem Gesicht an, bevor er schniefend sagte: „Ka-chan.“
„Was?“, fragte Kenshin verwirrt.
„Ka-chan. Ka-chan!“, rief der Junge jetzt weiter bevor er sein Gesicht wieder hinter seinen Händen versteckte und von Neuem zu weinen begann. Kenshin sog scharf die Luft ein. Etwas stimmt nicht hier. Ka-chan?
War das vielleicht die Person, die für ihn sorgen sollte? Aber wo war sie?

Kenshin strich dem Jungen beruhigend über den Kopf bis dieser sich in seinen Anzug krallte und sein gutes Hemd ebenfalls mit seinen Tränen und noch anderem nässte. Als er ihn auf seinen Arm nahm versuchte er gleichzeitig eine zweite Person ausfindig zu machen, die zu dem Kleinen gehören könnte. Aber alles was er sehen oder hören konnte war die dreckige Dunkelheit der finsteren Straße vor ihm, die durch den abgenommenen Regen in dem Dämmerlicht der wenigen Straßenlaternen dampfte.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen und dem zitternden Jungen auf dem Arm machte er auf dem Absatz kehrt und drehte sich zu seinem Auto um, bevor er sich mit sicheren Schritten zu seinem laufenden Wagen aufmachte. Ohne Plan und ohne Idee. Was sollte er mit dem Jungen jetzt anfangen?

Besagter Junge fing plötzlich an zu Strampeln und zog über Kenshins Schulter in die Richtung, aus der er gekommen war, immer mit einem einzigen Wort, das von Schniefen und Schluchzern unterbrochen wurde: „Ka…Ka-chan!“ Ein lautes Schlucken, gefolgt von einem gedämpften Hickser. „Kaour-onee-chan!“
Dann machte er sich von Kenshin frei und lief mit kurzen dumpfen Schritten zurück in die Dunkelheit aus der er aufgetaucht war.

Kenshin sah im völlig perplex hinterher und rann, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden dem Kleinen hinterher. Es dauerte nicht lange, da hatte er ihn fast eingeholt, aber seine Aufmerksamkeit glitt in Bruchteilen einer Sekunde zu der Szene eine Ecke weiter.
Und was er dort fand, ließ ihn erstarren.

Ein junges Mädchen, das nicht älter als sechzehn sein konnte, lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken. Rotes Blut floss aus ihrer Kehle und erwärmte den nassen Asphalt in einer kleinen rinnenden Lache. Einige Flecken waren in ihrer Kleidung schon eingetrocknet, ihr schwarzes Haar verlief fächerartig um ihren Kopf und umrahmte ihr bleiches Gesicht, auf dessen linken Hälfte sich eine unschöne Patzwunde breitmachte und lila färbte.
Der kleine Junge rüttelte mit seinen kleinen Händen an ihrem leblosen Körper.
„Ka-chan! Kaoru-onee-chan! Steh auf!“
Als sie sich nicht auf seine Forderung hin rührte, rüttelte er noch mehr.
„Steh auf, Ka-chan!“

Mit verengten Augen und langsamen Schritten, die von den Wänden widerhallten näherte Kenshin sich dem Mädchen und prüfte ihren Puls. Er dachte zwar nicht, dass sie noch am Leben war, wollte aber doch ganz sicher gehen. Ihre Hand war noch erstaunlich warm, aber an ihrem Handgelenk ließ sich absolut kein Pulsschlag ausmachen. Er beobachtete wieder den Jungen, der jetzt seinen Kopf auf ihre Brust gelegt hatte. Kenshin wunderte sich. Warum war der Junge plötzlich so ruhig?

Als Yahiko bemerkte, was Kenshin vorhatte hob er seinen Kopf an und sah mit geröteten Augen zu, wie der fremde Mann ein Ohr auf Kaours Brust legte und die Augen schloss.

Keine zwei Sekunden später riss Kenshin seine Augen wieder auf und betrachtete in absoluter Verwunderung das Gesicht des Mädchens, dessen Herzschlag ruhig und schwach in seinem Ohr dröhnte. Sie war am Leben. Schwach aber am Leben.

So schnell er konnte hob er sich hoch,  trug sie zu seinem Wagen und fuhr sie ins Krankenhaus. Der Kleine lief ihm treu ergeben nach, eine Hand hielt den Finger seiner Schwester fest umschlossen, deren Arme kraftlos an ihrem Körper herabhingen.

Nein, dachte sich Kenshin, als er auf dem Weg immer wieder auf seine beiden Findlinge sah und das leise Schnarchen Sanos neben sich hörte.

Heute war absolut nicht sein Tag.

Damit drückte er das Gas durch und fuhr zu Megumi ins Krankenhaus.
 
 
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.3-6311