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Geschichte: Freie Arbeiten
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/ Arbeitstitel: Der Lehrer meiner Schwester Teil 2
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von PlueschMoony
erstellt: 10.09.2009
letztes Update: 25.10.2010
Geschichte, Allgemein / P12
(abgebrochen)
Sinikka stieß auf dem Beifahrersitz einen leisen Pfiff aus. „Wow, das ist… beeindruckend. Findet ihr nicht?“
Mico nickte schnaubend. „Ja, bescheiden ist was anderes.“
„Ana, was sagst du?“ Meine Schwester hatte sich halb auf ihrem Sitz umgedreht, um mich ansehen zu können.
„Äh ja, nett, würde ich sagen“, erwiderte ich verlegen und wir alle brachen in Lachen aus. Nett war untertrieben. Vor uns lag ein Schloss mittlerer Größe. Sein Dach wie auch der breite Zufahrtsweg, über den wir langsam heranrollten, war jetzt, Ende Januar, schneebedeckt. Die eigentlich wohl weiße Fassade reflektierte das rosafarbene Licht der schon im Sinken begriffenen Sonne. Zum zweiflügligen Eingangstor führte eine Treppe, deren Fuß halb so breit war wie das gesamte Gebäude. Alles in allem wirkte es mindestens zwei Nummern zu groß für mich.
„Bist du aufgeregt?“, fragte Sinikka vorsichtig.
Ich zuckte die Schultern und lächelte gequält. In Wahrheit war ich ziemlich nervös. Ich hatte schon jetzt das Gefühl, nicht hierher zu gehören. Schloss Ehrengrün war ein Internat für Kinder aus reichen Familien. Hätte ich nicht Ende letzten Jahres, sozusagen als Weihnachtsüberraschung, ein Stipendium angeboten bekommen, wäre ich nie auch nur auf die Idee gekommen, mich an einer solchen Eliteschule anzumelden. Doch meine Noten aus den vergangenen eineinhalb Jahren waren so überragend gewesen, dass eine Stiftung auf mich aufmerksam geworden war. Schloss Ehrengrün vergab jedes Jahr einen einzigen Platz an Stipendiaten. Aufgenommen wurden sowieso erst Schüler ab der neunten Klasse. Zu Beginn des Schuljahres hatte die Stiftung noch nicht durchsetzen können, dass ich einen Platz bekam. Mich hatte auch niemand darüber informiert, dass Anstrengungen in dieser Richtung liefen. Doch kurz vor Weihnachten war ich ins Büro der Direktorin meines alten Internats zitiert worden. Ich hatte mich fast sofort entscheiden müssen und völlig überrumpelt zugesagt. Seither hatte ich mich ständig gefragt, ob ich die richtige Wahl getroffen hatte. Doch solch eine Chance bekam man nur einmal. Außerdem lagen ja nur noch eineinhalb Jahre Schule vor mir.
„Wir sind da“, sagte Mico und warf mir im Rückspiegel einen aufmunternden Blick zu.
Ich schluckte und sah an der Fassade des dreistöckigen Gebäudes empor. An einem der Fenster des Dachgeschosses lehnte ein Junge etwa in meinem Alter und schaute mit mäßigem Interesse zu uns hinunter.
„Und du bist sicher, dass wir nicht noch mit reinkommen sollen?“ Sinikka sah mich prüfend an.
Ich nickte entschlossen. Ich hatte zwar große Lust, gar nicht erst auszusteigen, sondern einfach mit den beiden wieder zurückzufahren, doch mir war klar, dass ich gehen musste und das wollte ich dann doch alleine tun.
„Okay“, sagte Sinikka und öffnete die Beifahrertür. Ich stieg ebenfalls aus und auch Mico folgte ihrem Beispiel. Er holte meine Taschen aus dem Kofferraum und stellte sie vorsichtig auf dem schneebedeckten Boden ab.
„Du rufst an, sobald du die Gelegenheit dazu hast, okay?“
Ich nickte und rang mir ein schmales Lächeln ab. Der Kloß in meinem Hals war plötzlich sehr groß. Aber ich würde nicht weinen, das hatte ich mir fest vorgenommen.
„Tja, dann mach’s mal gut, Ana. Du wirst es diesen reichen Schnöselkindern schon zeigen, nicht wahr?“
„Klar“, murmelte ich und umarmte meine Schwester kurz. Auch Mico schloss mich kurz in seine Arme. Ich fühlte mich auch nach über eineinhalb Jahren noch etwas unbehaglich in seiner Nähe. Ich konnte einfach nicht vergessen, dass er mich damals nur knapp davor bewahrt hatte, vom Dach meiner alten Schule zu springen. In seiner Gegenwart ließ mich die Vergangenheit nie ganz los.
„Alles Gute, Ana“, sagte er und ich nickte leicht. Dann hob ich meine beiden Taschen vom Boden auf und stieg langsam die breiten, lächerlich flachen Stufen zum Eingang hinauf. Am Portal drehte ich mich noch einmal um. Sinikka und Mico standen zu beiden Seiten des Wagens und winkten mir. Ich lächelte unbestimmt und stemmte dann mit einiger Anstrengung einen der Türflügel auf.
Kühle, leicht abgestandene Luft schlug mir entgegen. Ich fühlte mich an eine Bibliothek erinnert. Meine Schritte hallten von den Wänden wider, als ich ein Stück in die Eingangshalle hineinging. Links und rechts vor mir führten zwei ausladende Treppen in weiten Bögen in den ersten Stock hinauf. Auf beiden Seiten lagen außerdem Gänge.
Ich hatte keine Ahnung, wohin ich mich wenden musste, ging jedoch nach kurzer, ergebnisloser Überlegung nach links.
Ich hatte den Gang noch nicht ganz erreicht, als ich aus der anderen Richtung Schritte und eine herrische Stimme vernahm. „Entschuldigung.“ Ich drehte mich um. „Sind Sie das Fräulein Schäfer?“
Ich nickte und musterte so unauffällig wie möglich die Frau, die mit energischen Schritten auf mich zukam. Der Begriff Dame traf es wohl eher. Sie war groß und schlank und trug ein dunkles Wollkostüm. Ich sah auf den ersten Blick, dass ihre schwarzen Haare, die sie natürlich zu einem Knoten hochgesteckt hatte, gefärbt waren.
„Entschuldigung, ich habe Ihre Antwort nicht verstanden“, sagte sie spitz, als sie mich erreicht hatte.
„Oh, äh ja, ich bin Ana Schäfer“, beeilte ich mich zu sagen.
Sie nickte, ohne eine Miene zu verziehen. Ich sah genau, dass sie mich von oben bis unten musterte. Sie versuchte nicht einmal, es zu verbergen.
Mein Unterkiefer verhärtete sich unwillkürlich. Ich fragte mich, ob Sinikka und Mico noch draußen standen.
„Folgen Sie mir bitte“, sagte die Frau schließlich, drehte sich um und schritt, ohne eine Reaktion von mir abzuwarten, den Weg zurück, auf dem sie gekommen war, bis sie ein großzügiges Büro auf der linken Seite betrat.
„Setzen Sie sich“, sagte sie, kaum dass ich über die Schwelle getreten war. Ich schloss die Tür hinter mir und ließ mich auf der äußersten Kante eines mit schwarzem Leder bezogenen Stuhls nieder.
„Nun, willkommen auf Schloss Ehrengrün. Ich bin Frau Doktor Ehrengrün, wie Sie sich vielleicht schon gedacht haben“, sagte sie mit einem kurzen, freudlosen Lächeln, das eher einem zweckmäßigen Verziehen ihrer Mundwinkel glich. „Ich nehme an, man hat Sie in Ihrer alten Schule über die Arbeitsweise dieses Internats informiert?“
Ich nickte, erinnerte mich dann jedoch daran, dass dies bei ihr nicht als Antwort zu gelten schien. „Ja, das hat man.“
„Gut, dann können wir diesen Teil ja überspringen. Von der bevorstehenden Schulfahrt wissen Sie auch schon? Ja?“
„Ja.“ Schon in zwei Tagen würde die gesamte Schule - jeder Jahrgang bestand nur aus acht Schülern, sodaß ideale Lernbedingungen garantiert wurden - für fünf Tage zum Skifahren in die Alpen fahren. Ich war noch nie Ski gefahren, doch meine alte Direktorin hatte mir versichert, dass das kein Problem sei. Ich hielt es für das beste, dies meiner neuen Direktorin gegenüber gar nicht erst zu erwähnen.
Es klopfte zaghaft an der Tür. „Herein“, rief Frau Doktor Ehrengrün mit derselben herrischen Stimme, mit der sie mich vorhin gerufen hatte. Ein zierliches, rothaariges Mädchen streckte den Kopf zur Tür herein. „Ah, Fräulein Hohenschneider, sehr gut. Kommen Sie herein. Fräulein Schäfer, dies ist Estelle Hohenschneider, eine Ihrer zukünftigen Klassenkameradinnen. Ich habe sie gebeten, Sie ein wenig über das Gelände zu führen, Sie mit den Gepflogenheiten unserer Schule bekannt zu machen und so weiter. Sie wissen schon.“
Ich nickte unbestimmt und tauschte ein zögerliches Lächeln mit dem anderen Mädchen.
„Gut, Sie dürfen dann gehen“, sagte die Direktorin kurz angebunden und wandte sich bereits irgendwelchen Unterlagen auf ihrem Schreibtisch zu.
Estelle neben mir zögerte jedoch. Ich merkte, dass sie noch etwas sagen wollte.
„Ist noch etwas, Fräulein Hohenschneider? Wie Sie sich sicher vorstellen können, habe ich zu tun.“
„Nun, wo wird sie denn nun wohnen?“, fragte Estelle und ich spürte deutlich, wie unbehaglich sie sich fühlte.
„Ach ja, richtig, die Wohnsituation. Ich wusste doch, dass da noch etwas war. Wissen Sie, was? Bringen Sie Fräulein Schäfer einfach wieder hierher, nachdem Sie Ihren Rundgang beendet haben.“
„Ja, Frau Doktor Ehrengrün“, erwiderte Estelle und gab mir mit dem Kopf ein unauffälliges Zeichen, hinauszugehen. Ich deutete fragend auf meine Taschen. Ich wollte sie eigentlich nicht die ganze Zeit mit mir herumschleppen.
Sie schloss für einen Moment die Augen und wandte sich dann wieder an die Direktorin. „Frau Doktor Ehrengrün, kann sie ihre Taschen hier lassen?“
„Was? Ja ja, von mir aus“, erwiderte diese unwirsch und ohne aufzusehen.
Estelle zog eine Grimasse und verließ mir voran das Büro. Als ich die Tür hinter mir zugezogen hatte, atmete sie hörbar aus, grinste mich dann jedoch an. „Willkommen auf Schloss Ehrengrün“, sagte sie trocken.
Ich lachte unsicher. Nur zu gern hätte ich nachgeschaut, ob Sinikka und Mico noch da waren.
„Lass dich vom ersten Eindruck nicht abschrecken, okay? Es ist nicht so schlimm, wie es den Anschein hat. Die Ehrengrün ist eigentlich der einzige unbefriedigte, alte Besen hier.“
Ich lachte laut auf.
„Nein, im Ernst, die anderen Lehrer sind ganz okay und bei den Schülern musst du eben auswählen, mit wem du dich abgibst. Ach, übrigens, um mich noch mal offiziell vorzustellen: Ich bin Estelle Hohenschneider. Die meisten nennen mich Telli.“
„Ana Schäfer“, erwiderte ich.
„Du bist durch ein Stipendium hierher gekommen, oder?“
Ich nickte zögerlich. Eigentlich war dies zweifellos etwas, worauf ich stolz sein konnte. Doch ich fragte mich, ob an dieser Schule ein Platz, den die Eltern sich erkauft hatten, nicht mehr zählte als ein Platz, den man sich durch Leistung verdient hatte.
„Das ist echt ungewöhnlich, weißt du? Normalerweise werden Stipendiumsplätze nur an Neuntklässler vergeben. Du musst wirklich gut sein.“
Ich zuckte verlegen lächelnd die Schultern.
„Was machen deine Eltern?“
„Oh, meine Mutter ist Lektorin. Meinen Vater habe ich nie kennen gelernt.“
Estelle sagte nichts dazu. Wir waren in der Eingangshalle stehen geblieben. Sie schien zu überlegen. „Tja, ich hab keine Ahnung, was ich dir zeigen soll. Hier unten sind eigentlich nur die Büros der Lehrer und die Verwaltung. Im ersten und zweiten Stock befinden sich die Klassenräume und ganz oben wohnen die Neuner und Zehner. Ach, im ersten Stock ist noch der Speisesaal, aber wir essen da ja nur mittags.“
„Wo essen wir sonst?“, fragte ich verwundert.
„In unseren Häusern“, antwortete sie wie selbstverständlich. „Oh, ich dachte, das wüsstest du. Ab der elften Klasse haben wir unsere eigenen Häuser. Die vier Mädchen und die vier Jungs eines Jahrgangs wohnen jeweils zusammen. Damit sollen wir eigenverantwortliches Handeln oder so lernen.“
Das war mir wirklich neu. „Das heißt, ich werde bei euch wohnen?“ Der Gedanke daran, in eine wahrscheinlich bereits verschworene Gemeinschaft einzudringen, gefiel mir gar nicht.
„Tja, das ist die Frage“, erwiderte Estelle. „Das hängt davon ab, ob Fiona zurückkommt.“
„Fiona?“, fragte ich, als sie nicht weitersprach.
„Ja, sie ist auch eine Stipendiatin. Aber sie ist schon seit der Neunten bei uns. Dummerweise hat sie ihre letzte Stipendiumsprüfung nicht bestanden. Jetzt hängt es davon ab, ob ihre Eltern sich das Schulgeld leisten können.“
„Und wenn sie zurückkommt?“, fragte ich mit einem mulmigen Gefühl.
„Tja, keine Ahnung. Die Ehrengrün hat gesagt, dass du dann wahrscheinlich erst mal ins Lehrerhaus ziehen wirst.“
Ich verschluckte mich fast. „Ins Lehrerhaus?!“
„Ja, keine Sorge, das steht im Moment sowieso leer. Wäre doch spitze, ein ganzes Haus für dich allein!“
Ich murmelte etwas Unverständliches.
„Na ja, erst mal müssen wir sehen, ob Fiona wiederkommt. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ihre Eltern das Geld auftreiben können. Sie arbeiten bei irgendwelchen mittelständischen Unternehmen, weißt du? Aber wenn du willst, können wir mal rüber zu unserem Haus gehen. Vielleicht weiß da schon jemand was Neues. Dann lernst du auch gleich die anderen mal kennen. Tori und Vero sind auch schon aus den Ferien wieder da.“
Ich nickte zustimmend und so machten wir uns auf den Weg. „Hattet ihr so lange Weihnachtsferien?“, fragte ich, als wir um das Schloss herum auf eine Ansammlung von Lichtern zugingen.
„Was? Oh nein“, antwortete Estelle lachend. „Unsere Weihnachtsferien sind nicht besonders lang. Wir haben Anfang Januar wieder angefangen, hatten zwei Wochen Schule, haben dann unsere Zeugnisse bekommen und jetzt hatten wir noch mal eineinhalb Wochen Ferien.“
„Okay.“ Anscheinend galten für Schloss Ehrengrün andere Regeln.
„Wir sind da“, sagte Estelle, als wir an einem kleinen, zweistöckigen Haus ankamen. Sie öffnete die Tür, die unverschlossen war, und sofort drang uns laute Rockmusik entgegen. „Macht mal den Scheiß leiser“, rief sie, nachdem sie ein paar Schritte in den Wohnraum hineingegangen war. Nichts tat sich. Über eine Sofalehne ragte ein langes, in enge Jeans gekleidetes Bein hinaus. Aus der angrenzenden Küche vernahm ich leise das Geklapper von Geschirr.
Plötzlich schien ein Schatten Estelle von hinten anzufallen. Sie schrie auf und schlug um sich. „Georg, du Arsch, lass mich los!“
Die Gestalt auf dem Sofa erhob sich - es war ein großes, dünnes Mädchen mit langen, dunklen Haaren und einem Telefonhörer am Ohr -, warf Estelle und ihrem Angreifer einen bösen Blick zu und lief ins obere Stockwerk, wo man schließlich eine Tür knallen hörte.
Ein anderes Mädchen kam aus der Küche. Es war ebenfalls groß und dunkelhaarig, jedoch etwas fülliger. In seinen Händen, die voller Schaum waren, hielt es einen Teller, der ebenfalls vollkommen in Schaum gehüllt war. „Scheiße, Mann, Telli. Das nächste Mal müssen wir wirklich vor den Ferien spülen. Ich krieg diesen Dreck hier kaum ab“, sagte es mit einer angenehmen Stimme, die mir sofort auffiel. Dann fiel sein Blick auf mich. „Oh, du musst die Neue sein.“
Ich nickte.
„Ich bin Vero, Verena von Tammen eigentlich. Aber so nennt mich niemand.“
„Ana Schäfer“, antwortete ich.
„Hast du was von Fiona gehört?“, fragte Estelle, während der Junge, Georg, an der Schnalle an der Rückseite ihres Mantels herumfummelte. Ich fragte mich, ob sie zusammen waren.
Vero schüttelte den Kopf. Sie schien nicht zu bemerken, dass kontinuierlich Schaum auf den Boden tropfte. Aber vielleicht kümmerte es sie auch einfach nicht. „Nö, sollte ich?“
Estelle zuckte die Schultern. „Hätte ja sein können. Anscheinend ist nämlich noch nicht raus, wo Ana wohnen wird.“
„Sie kann erst mal hier bleiben, oder? Fiona fährt eh nicht mit auf Schulfahrt, also wird sie frühestens nächstes Wochenende zurückkommen. Wenn überhaupt. Sie kann so lange in ihrem Zimmer wohnen.“
Eine unbestimmte Panik erfasste mich bei diesen Worten. Ich wollte hier nicht wohnen! Diese Mädchen waren genau die Art von Leuten, deren Umgang ich bisher erfolgreich gemieden hatte.
Georg hatte nun Estelles Hüften umschlungen und schaukelte sie leicht hin und her.
„Nimm jetzt deine Scheißhände weg!“, fuhr sie ihn an und versuchte, sich zu befreien.
„Willst du mich nicht mal vorstellen?“, fragte der Junge grinsend.
„Nein, will ich nicht“, erwiderte Estelle gereizt. „Deine Visage sollte sie sich ganz bestimmt nicht merken, wenn hier etwas aus ihr werden soll.“
Das Grinsen das Jungen wurde noch breiter. Er hielt mir eine Hand hin. Den anderen Arm hatte er immer noch um Estelles Hüfte gelegt. „Ich bin Georg.“
„Ana“, sagte ich und ergriff zögerlich seine dargebotene Hand.
In diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen und ein weiteres Mädchen kam herein, wobei der Begriff Mädchen es nicht ganz traf. Sie war ganz offensichtlich älter als wir alle, stark, aber nicht aufdringlich geschminkt, groß, blond und trug eine Hochmut zur Schau, die bei ihr ganz natürlich wirkte. „Hier bist du also“, sagte sie mit dunkler, schleppender, fast gelangweilter Stimme zu Georg, der Estelle losgelassen hatte. „Ich hab dich gesucht. Kommst du?“ Weder Estelle noch Vero noch mich würdigte sie eines Blickes.
Georg nickte und trat zu ihr. An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Wir geben heute Abend in unserem Haus eine Party. Komm doch vorbei“, sagte er zu mir, bevor er zusammen mit dem Mädchen verschwand.
„Ich hab dich gesucht. Kommst du?“, äffte Estelle sie nach, kaum dass die Tür hinter ihr geschlossen war. Vero grinste. „Ich hasse diese Fotze“, ereiferte Estelle sich.
„Ich weiß“, sagte Vero immer nur grinsend.
Estelle warf ihr einen bösen Blick zu, bevor sie mich wieder ansah. „Ich bringe dich jetzt ins Schloss zurück, okay?“
Ich nickte. Ich hatte absolut nichts dagegen, aus diesem Haus herauszukommen.
„Du musst einen völlig falschen Eindruck von uns bekommen haben“, sagte sie, als wir den Weg, auf dem wir vorhin gekommen waren, zurückgingen.
Ich schwieg. Ich hatte so meine Zweifel, ob der Eindruck wirklich so falsch war.
„Es ist hier nicht immer so“, fuhr Estelle fort. „Die spielen nur alle verrückt, weil sie gerade aus den Ferien zurückgekommen sind.“
Ich schwieg weiterhin und so sagten wir beide nichts mehr, bis wir am Büro der Direktorin ankamen. Estelle klopfte und nachdem wir die gerufene Erlaubnis erhalten hatten, traten wir ein.
Frau Doktor Ehrengrün war am Telefonieren, deutete jedoch mit einer ungeduldigen Geste auf die beiden Sessel vor ihrem Schreibtisch. Nachdem sie aufgelegt hatte, sah sie von Estelle zu mir. „Nun, haben Sie einen ersten Einblick in unsere Schule erhalten?“
Ich nickte mit unbewegter Miene. „Ich denke schon.“
„Gut, dann können wir uns ja jetzt über die Wohnsituation unterhalten. Fräulein Hohenschneider hat wahrscheinlich schon angedeutet, dass es da ein kleines Problem gibt. Momentan haben wir offen gestanden überhaupt keinen Platz für Sie.“
Ich wollte ihr am liebsten ins Wort fallen und sagen, dass sie sich auch nicht die Umstände machen müsste, einen für mich zu schaffen. Ich würde einfach in mein altes Internat zurückkehren und alles würde gut werden. Doch natürlich schwieg ich.
„Es ist noch nicht ganz geklärt, ob eine Ihrer Mitschülerinnen an diese Schule zurückkehren wird. Falls nicht, können Sie ihr altes Zimmer beziehen. Falls aber doch… Nun, dann müssen wir eine andere Lösung finden. Ich würde vorschlagen, dass Sie vorerst ins Lehrerhaus ziehen. Keine Sorge, es ist im Moment unbewohnt. Morgen wird zwar aller Voraussicht nach ein junger Referendar ankommen, der hier wohnen wird, aber übermorgen fahren Sie alle ja schon auf Schulfahrt und ich bin sicher, dass sich die Situation innerhalb dieser Zeit klären wird. Wäre das in Ordnung für Sie, Fräulein Schäfer?“
Ich wollte nicken, doch Estelle ergriff das Wort. „Frau Doktor Ehrengrün, sie kann doch auch erst mal in Fionas Zimmer ziehen. Fiona wird doch, wenn überhaupt, nicht vor Ende nächster Woche zurückkommen.“
Die Direktorin überlegte einen Moment. „Ja, in der Tat, das wäre auch eine Möglichkeit“, sagte sie dann. „Fräulein Schäfer, die Entscheidung liegt bei Ihnen.“
Ich schluckte und versuchte, mir meine Hilflosigkeit nicht anmerken zu lassen. „Ich, ähm…“ Mir war klar, dass ausgerechnet ein Lehrerhaus nicht der idealste Ort für mich war. In meinem alten Internat hatte ich mich so weit wie möglich von allen männlichen Wesen, die mehr als drei, vier Jahre älter waren als ich, ferngehalten. Ich hatte eigentlich nicht vorgehabt, daran etwas zu ändern.
Andererseits wohnte im Moment niemand darin und ich baute darauf, dass selbst wenn diese Fiona zurückkam, eine andere Lösung gefunden werden würde. Die Situation würde kam so belassen werden, dass eine Schülerin mit einem Lehrer zusammenwohnte, selbst wenn es nur ein Referendar war. „Ich denke, ich werde ins Lehrerhaus ziehen“, sagte ich.
„In Ordnung. Dann ist hier der Schlüssel.“ Die Direktorin nahm einen der Schlüssel vom Brett, das links neben ihr an der Wand hing und reichte ihn mir. „Falls Sie heute Abend noch etwas zu essen wünschen, kommen Sie zwischen halb sieben und halb acht in den Speisesaal im ersten Stock. Dort neben die Neunt- und Zehntklässler ihr Essen ein. Frühstück gibt es zwischen sieben und viertel vor acht. Der Unterricht beginnt um acht Uhr. Ach, hier ist übrigens Ihr Stundenplan. Haben Sie noch Fragen?“
Ich schüttelte den Kopf. Tatsächlich lagen mir mindestens ein halbes Dutzend Fragen auf der Zunge, doch keine davon wollte ich der Direktorin stellen. Es würde sich schon alles irgendwie ergeben.
„Gut, dann wünsche ich Ihnen eine angenehme erste Nacht hier auf Schloss Ehrengrün. Fräulein Hohenschneider, wenn Sie Fräulein Schäfer bitte den Weg zeigen würden.“
Estelle nickte. „Natürlich. Guten Abend, Frau Doktor Ehrengrün.“
„Guten Abend“, erwiderte diese.
„Du willst nicht bei uns wohnen, oder?“, fragte Estelle, als wir uns wieder auf dem Weg nach draußen befanden.
Ich zuckte die Schultern. Natürlich hatte sie völlig recht, aber ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen und mich nicht schon vor dem ersten Schultag unbeliebt machen. „Ich denke, dass es so am einfachsten ist. An Fionas Stelle wollte ich nicht, dass jemand Fremdes in meinem Zimmer wohnt.“
„Mhm“, machte Estelle wenig überzeugt. „Ist schon okay, weißt du? Fiona fühlt sich bei uns auch nicht richtig wohl. Sie ist ständig nur am Lernen, damit sie gute Noten schreibt. Aber bei uns ist halt immer was los. Mir geht das manchmal selbst auf die Nerven, aber Fiona hasst es.“
Ich sagte nichts. Ich hoffte inständig, dass Fiona zurückkommen würde, ansonsten sah ich mich hier auf ziemlich verlorenem Posten.
„Da wären wir“, sagte Estelle kurze Zeit später. Das Lehrerhaus stand etwas abseits von den Häusern der Schüler und am nächsten zum Schloss. Es schien etwas größer als die anderen Häuser und hatte außerdem Balkone im oberen Stockwerk.
„Kann ich dich dann jetzt alleine lassen?“
Ich nickte.
„Falls du nachher zur Party kommen willst, das Haus der 13er-Jungen ist das letzte vorm Wald. Aber du kannst auch einfach dem Lärm folgen.“
Ich nickte. Ich hatte nicht vor, dorthin zu gehen. „Gibt es hier irgendwo ein Telefon, das ich benutzen kann? Ich würde gerne meine Schwester anrufen“, sagte ich stattdessen.
„Ja, natürlich. Telefone gibt es in jedem Haus. Wir können so viel telefonieren, wie wir wollen, aber ab 20 Euro müssen wir die Rechnung selbst tragen. Aber ich schätze, das gilt für dich nicht. Du hast ja ein Stipendium.“
Ich nickte langsam und fragte mich, ob es nicht doch Gründe zum Neid der selbstzahlenden Schüler gab.
„Jeder hat außerdem einen eigenen Laptop mit Internetzugang“, fuhr Estelle fort. „Ich hab keine Ahnung, aber ich denke, das ist bei den Lehrern auch so. Zumindest bei denen, die hier wohnen.“
„Okay.“
„Gut, ich geh dann mal“, sagte sie nach einem Moment der Stille. „Bis morgen, schätze ich.“
Ich nickte. Es war nicht besonders schwer, mich zu durchschauen. „Ja, bis morgen. Und danke.“
Estelle nickte nur und wandte sich um.
Zögerlich ging ich auf das dunkle Haus zu, gespannt, was mich drinnen erwartete. Ich hatte noch nie alleine in einem fremden Haus geschlafen. Es war nicht direkt Angst, was ich verspürte, aber doch eine gewisse Nervosität. So hatte ich mir meinen ersten Abend auf der neuen Schule ganz bestimmt nicht vorgestellt. Die Alternative jedoch war ein Haus voller aufgedrehter Jugendlicher.
Ich seufzte und schloss die Tür auf. Das erste, was mir auffiel, war die Kälte. Es war hier drin nicht viel wärmer als draußen. Natürlich, das Haus war für wer weiß wie lange nicht bewohnt gewesen.
Ich tastete nach dem Lichtschalter und schrak mit einem leisen Schrei zurück. An der Wand zwischen Tür und Fenster, schrecklich nah am Lichtschalter, saß eine große, schwarze Hausspinne. Ich konnte Spinnen nicht ausstehen. So weit wie möglich von ihr entfernt und mit gespannten Nerven ging ich vorsichtig weiter ins Haus hinein, während mein Blick die Wände absuchte. Ich konnte keinen weiteren ungebetenen Besucher entdecken.
Bevor ich meine Taschen fallen ließ, suchte ich dennoch den Boden in der Umgebung ab. Aber da war nichts.
Seufzend stieß ich die Luft aus meinen Lungen. Ich war angekommen. Vermutlich noch nicht in meinem endgültigen neuen Zuhause, aber zumindest schon mal an der Schule.
Neugierig sah ich mich etwas genauer um, dabei immer wieder einen raschen Blick zur Tür werfend, um zu kontrollieren, ob die Spinne noch dasaß. Die gesamte untere Etage schien aus einem einzigen Raum zu bestehen. Links von der Tür befand sich ein großer Esstisch, an der hinteren Wand eine Küchenzeile. Rechter Hand umstanden ein dunkles Ledersofa und zwei Sessel einen flachen Couchtisch. Auf einem Schrank in der Ecke stand ein urzeitliches Fernsehgerät.
Der Einganstür gegenüber führte eine Wendeltreppe nach oben. Nach einem weiteren prüfenden Blick auf die Spinne stieg ich ins erste Stockwerk. Vier Zimmer zweigten vom schmalen Flur ab. Hinter der ersten Tür befand sich ein Bad, die anderen drei waren Schlafzimmer. Drei Leute hatten hier drin also Platz.
Ich ging wieder hinunter und setzte mich an den Esstisch. Plötzlich musste ich lachen. Wo war ich hier nur gelandet? Allein als Schülerin in einem leeren Lehrerhaus? Wollte mir da oben irgendjemand was sagen?
Ich fragte mich, was geschehen würde, wenn Fiona zurückkam. Die Direktorin hatte davon gesprochen, dass morgen ein junger Referendar ankommen würde.
Und wenn Fiona nicht zurückkam? Wie sollte ich überhaupt die Schulfahrt überstehen?
Plötzlich mischten sich Tränen in meinen erstickten Lachanfall. Scheiße, warum hatte ich dieses Stipendium nur so überstürzt angenommen? Ich konnte hier doch niemals glücklich werden.
In diesem Moment vermisste ich Sinikka schrecklich und war kurz versucht, sie anzurufen. Aber ich wollte nicht, dass sie mich in diesem Zustand erlebte. Stattdessen zwang ich mich, tief einzuatmen und mich zu beruhigen. Ich wusste doch noch gar nicht, ob es so schlimm werden würde.
Unwillkürlich wanderten meine Gedanken zu meinem alten Klassenlehrer, Frank Saalbach, wie immer, wenn ich mich am Boden wähnte und nicht mehr weiter wusste. Daran hatte sich nichts geändert. Während der vergangenen eineinhalb Jahre hatte ich mich so oft gefragt, wo er wohl gerade war, was er machte, ob er noch manchmal an mich dachte. Auch wenn ich ihn seit unserem letzten Treffen in den Sommerferien vor eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen und auch sonst nichts von ihm gehört hatte, war er immer noch der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich hatte seine Telefonnummer immer noch im Kopf. Doch was sollte ich ihm schon sagen? Ich wusste nicht einmal, ob er noch in derselben Wohnung wohnte. Vielleicht war er längst mit seiner Frau und seiner Tochter in ein Reihenhaus am Stadtrand gezogen. Nein, Frank konnte mir nicht helfen. Das hier musste ich alleine schaffen.
Seufzend wischte ich die Tränen fort und ging nach oben, um mir ein Bad einzulassen. Während das Wasser einlief, trug ich meine Taschen nach oben und stellte sie in eines der Schlafzimmer. Es war mir völlig egal, in welches. Ich würde ja eh nicht lange hier bleiben.
Sorgfältig zog ich die Vorgänge zu, zog mich aus und hüllte mich in ein Handtuch. Die Wanne war inzwischen schon gut gefüllt. Ich drehte den Hahn zu, steckte prüfend einen Finger ins Wasser und stieß im selben Moment ein ungläubiges Stöhnen aus. Das Wasser war eiskalt. Offensichtlich war die Warmwasserversorgung abgestellt worden, solange niemand im Haus wohnte.
Erneut schossen mir Tränen in die Augen, doch ich drängte sie zurück und beschwor mich, dass alles halb so wild war. Dann würde ich heute Abend eben nicht baden können. Genauso wenig duschen oder mir mit warmem Wasser die Zähne putzen.
Frustriert ging ich in mein Zimmer zurück und warf mich aufs Bett. Das Bettzeug war klamm, aber das war mir jetzt egal. Ich hüllte mich fest in mein Handtuch und schlief schließlich ein.
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