Geschichte: Fanfiktion / Bücher / Bis(s) / Canon in D
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von theburningblack    erstellt: 10.08.2009    letztes Update: 09.10.2010    Geschichte, Romanze / P18    (fertiggestellt)
Es gibt viele verschiedene Arten, sich zu verlieben: Schnell, holprig, intensiv, kurz, gemächlich, gedankenvoll, stumm, schleichend, leise, widerstrebend und blitzartig.
Aber die beste Art, sich zu verlieben, ist, wenn es einen unerwartet trifft: Das Phänomen der Liebe auf den ersten Blick. Wenn man keine Erwartungen, keine konkreten Vorstellungen hat, kann man sich einfach mitreißen lassen – mit anderen Worten, man steht sich selbst nicht im Weg.

Liebe auf den ersten Blick ist ein Mythos. Es wird von ihr gesprochen, es werden Geschichten über sie erzählt, aber hat sie jemals jemand wirklich selbst erfahren? Man spricht über die «Wucht einer Abrissbirne», mit der diese Verliebtheit einhergeht. Disney hat diese Form der Liebe bis ins Kitschige stilisiert und in den meisten Büchern und Filmen finden wir sie wieder.
Aber kann man wirklich Liebe für einen Menschen empfinden, den man nicht kennt? Von dem man nicht weiß, wie beständig sein Charakter und seine Gesinnung sind, dessen Prinzipien und Launen man nicht kennt? Jemanden, von dem man nicht weiß, welche Musik er hört, welche Partei er wählt, ob er gut mit Geld umgehen kann und was für eine Vergangenheit er hat?
Die Antwort lautet ja und nein, man kann und man kann nicht. Unser Herz interessiert sich nicht dafür, was für ein Mensch es ist, in wen wir uns verlieben, es entscheidet wie ein Kind aus einer Laune heraus, wen es mag und wen nicht.

Der Unterschied ist, das Verlieben und Liebe eben nicht das gleiche sind. Wir können uns theoretisch in jeden Menschen auf der Welt verlieben und für ihn schwärmen – aber wahre Liebe muss wachsen. Wenn Zeit vergangen ist und der erste rosafarbene Schleier fällt, dann richtet sich unser Blick auf all das, was wir vielleicht nicht mit unserem Lebensstil vereinbaren können. Die Unvereinbarkeit des Ideals und der Realität kann hart sein, denn das Verhältnis ändert sich, das Herz bekommt eine leisere Stimme und wird vom Verstand eingeholt, der nicht so unabhängig entscheiden kann wie unsere Gefühle. Wir erkennen, dass nicht perfekt ist, was wir für Perfektion gehalten haben und dass es gerade deshalb frei von Makeln ist. Was das Herz an Weitsicht nicht besitzt, gleicht der Verstand wieder aus und dieses sensible Gleichgewicht ist der Grundstein für eine glückliche Beziehung –  selbst wenn sie aus einem Phänomen entsprang.
Vielleicht braucht dieser Mythos deshalb einen neuen Namen: Verliebtsein auf den ersten Blick.



Canon in D.

3. Kapitel : Auf den ersten Blick



«Die Liebe auf den ersten Blick ist nur dann ungefährlich,

wenn man beim zweiten Mal genauer hinsieht.»


(Warren Beatty)




Samstagmorgen und die erste Nacht in meiner neuen Wohnung lag hinter mir. Entgegen dem Wetterbericht schien die Sonne vom Himmel durch mein Fenster und auf den Schreibtisch, den ich in aktiver Eigenleistung gestern Abend noch selbst aufgebaut hatte. Meinen Mangel an handwerklichen Fähigkeiten machte ich durch meine Kreativität wett – was nicht hieß, ich würde darauf wetten, dass der Tisch stabil war.


Ich fühlte mich richtig gut heute Morgen, auch wenn es keinen konkreten Grund dafür gab. Ausgeruht lag ich mit meiner Matratze auf dem Boden, da mein Bett noch nicht aufgebaut war, und angelte nach der Fernbedienung für meinen CD-Player. Ich drückte auf Play und erwartete eigentlich Pachelbel zu hören, da fiel mir wieder ein, welches Massaker sich mein Vater für meine Lieblings-CD ausgedacht hatte. Bevor sich meine Fröhlichkeit aufgrund dieses Umstandes verflüchtigen konnte, robbte ich zu einer meiner Kisten, stöberte darin herum und fand endlich, was ich gesucht hatte: eine CD mit dem Wedding Bell Blues von 1969.
Ich kroch zurück unter meine Decke und ließ mich von der altmodischen Musik davontragen. Auch wenn ich mich nicht mehr genau dran erinnern konnte, wann ich zum erstem Mal auf das Lied gestoßen war, fühlte es sich an, als hätte es mich durch jedes Hurrikan meines Lebens navigiert. Zuverlässig wie die Atomuhr half es mir dabei, schlechte Gedanken abzuwürgen und gute zu zelebrieren. Sie weckte meinen Kampfgeist. Ich würde mir eben eine neue CD besorgen, wo war das Problem?
Ich hörte lautes Lachen aus dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer und sah zur Uhr. Es war kurz nach neun Uhr, wer besuchte uns um diese Zeit und hatte eine so volltönende Bassstimme? Mir fiel eigentlich nur Emmett ein. Ich suchte mir was zum Anziehen raus und öffnete meine Zimmertür. Die Musik ließ ich dudeln.

Das Wohnzimmer war leer, aber lautes Gelächter drang aus Alice Zimmer zu mir herüber. Offenbar war dieser Morgen nicht nur für mich ein fröhlicher. Auf dem Weg ins Bad kam sie mir entgegen, sie wirkte noch aufgedrehter als sonst.

«Bella, wie kannst du noch schlafen! In zwei Stunden machen wir uns schon auf den Weg!», sagte sie vorwurfsvoll und deutete auf meine offensichtlich nicht zufriedenstellende Erscheinung – Schlafshorts, weites T-Shirt und eine nach oben ins Haar geschobene Schlafbrille.
Dunkel erinnerte ich mich da an etwas. «Ach ja, die Strandparty? War das heute?»
«Genau!», erwiderte Emmett und kam zu uns rüber. Er trug knielange Leinenshorts und erinnerte mich an Werbebilder aus einem Tommy-Hilfinger-Katalog. «Wir haben folgenden Plan: Edward und seine Neue fahren mit ihrem Wagen, Rose nimmt uns drei mit. Der hochnervöse Pisser will sein Auto nicht irgendwo im Sand abstellen. Ansonsten ist alles bereit, uns fehlen nur noch ein paar Decken.»
«Aber es ist erst neun.», protestierte ich schwach.  «Wann seid ihr bloß schon aufgestanden und habt das alles organisiert?»
«Ist ja nicht jeder so ein Langschläfer wie Rosalie und du», neckte mich Alice und packte Handtücher in eine Reisetasche. «Wir Cullens brauchen komischerweise alle nicht viel Schlaf, sechs Stunden sind das absolute Maximum.»
Ich verdrehte die Augen. «Ihr trinkt nur zuviel Kaffee, das ist alles.» Tatsächlich schienen alle aus der Familie mit einer Kaffeesucht belastet zu sein. Edward übertraf – wie in allem – seine Geschwister noch um ein Vielfaches. Ich sah ihn eigentlich nie etwas essen – aber Starbucks schien seinen Umsatz zu einem großen Teil Edward Cullen zu verdanken.
Alice seufzte ungeduldig. Als sei dies Antwort genug, scheuchte sie mich mit einem herrischen «Kusch, kusch» ins Badezimmer.

Zwanzig Minuten später kam ich rechtzeitig genug um mitzuerleben, wie Alice gerade ihre Tasche zu schließen versuchte. Resignierend ließ sie den Reißverschluss offen, weil der Umfang der Tasche mit dem ganzen Krempel, den sie offensichtlich für eine Strandparty lebenswichtig hielt, fast aus den Nähten platzte. Sie selbst trug schon einen blauen Bikini, der auf ihrer leicht bräunlichen Haut einen großartigen Kontrast ergab. Warum war mir nicht eine solche Figur vergönnt?

Weil ich so süchtig nach Süßem war, wie die Cullens nach ihrem Kaffee. Innerlich stöhnte ich über diese Ungerechtigkeit, denn Kaffee machte nicht dick, Zucker schon.
Als ich näherkam fiel mir auf, dass sie eine ziemlich dunkle Wunde auf der rechten Seite hatte. Im ersten Augenblick sah es aus wie eine tiefe Schürfwunde.
«Was hast du dir denn da getan?», wollte ich wissen und verzog schmerzhaft das Gesicht. Sie folgte meinem Blick und sah mich dann stolz an. «Das ist mein Tattoo, hab ich am Donnerstag mit Edward machen lassen.»
Ich trat heran und erkannte jetzt das Motiv. Es war ein schwarzer Notenschlüssel, der von pinken Blumen umrankt war. Die Wunde war noch blutrot.
«Davon hast du mir gar nichts erzählt!», sagte ich überrascht. «Ich hab auch eins, warte mal.» Ich zog mein T-Shirt weit nach oben. Auf dem rechten Schulterblatt prangte eine einzelne, schwarze Lilie. 
«Wow, das sieht toll aus», meinte Alice. «Warum eine Lilie?»
Ich zog mich wieder richtig an. «Ich hatte eine Cousine, die erst ein Jahr und wenige Wochen alt war, als sie erblindete. Sie verstarb mit zweieinhalb Jahren an einer Stoffwechselkrankheit. Ihr Name war Lily, darum die Lilie. Sie war der einzige Mensch meiner Familie, vielleicht abgesehen von meinen Großeltern, den ich wirklich gern hatte. Ich hab mir immer eine Schwester gewünscht und sie war wie eine Schwester für mich. Ist sie eigentlich immer noch.»

Meine Mitbewohnerin wirkte bestürzt. «Tut mir Leid, ich hätte nicht so neugierig sein sollen.»
Ich zuckte mit den Schultern. «Ist nicht schlimm, du konntest es ja nicht wissen.» 
Alices nachdenklicher Blick machte mich stutzig. Diesen abwesenden, zögernden Gesichtsausdruck hatte ich zuvor noch nie bei ihr entdeckt. «Ich hätte auch fast eine Schwester gehabt», sagte sie leise. «Meine Mutter hat zweimal während einer Schwangerschaft ein Mädchen verloren. Die ganze Familie wäre fast daran zerbrochen, aber mein Dad war großartig. Er war für uns alle da, auch wenn es ihm selbst schlecht ging. Danach probierten sie es nicht mehr. Inzwischen hat meine Mom das überwunden, aber es war für uns alle hart. Ich… konnte damit gar nicht umgehen, wie verzweifelt sie war.»
Ich nahm sie ungefragt in die Arme. «Tut mir Leid, das ihr so was durchmachen musstet.» Ich konnte mir kaum vorstellen, wie die zierliche Esme gelitten haben musste.
«Naja.», sagte Alice und lächelte schwach. «Immerhin hat sie ja uns drei Quälgeister, wir halten sie schon auf Trab. Besonders Edward mit seinen… ähm… merkwürdigen Gewohnheiten. Ich glaube, sollte er irgendwann wirklich heiraten, nicht das ich das glaube, aber-», sie sah mir in die Augen, «Dann wird das der schönste Tag ihres Lebens sein.»
«Sie haben ein gutes Verhältnis zueinander, oder?», fragte ich.


Alice nickte. «Er ist ihr Sorgenkind, so war das schon immer. Mom beklagt sich ständig darüber, dass sie nichts mehr von ihm weiß, seit er vor zwei Jahren ausgezogen ist. Du weißt ja, wie Eltern sind.»
Nein, das wusste ich nicht, aber ich sagte nichts dazu. Mein Blick fiel auf das Familienphoto über unserer Couch. «Er hat viel von ihr, das sieht man.» Mir schwebte noch eine Frage vor, aber ich wusste nicht, ob ich sie wirklich stellen sollte. Es wäre mir unangenehm, zuviel preiszugeben. Schließlich entschied ich mich doch dafür, aber meiner Stimme hörte man den betont gleichmütigen Ausdruck an. Es war wie ein großer Leuchtpfeil, der direkt auf mein ungebührliches Interesse für ihren Bruder gerichtet war Großartig, wirklich…
«Wenn du mit Edward beim Tätowierer warst, hat er sich auch was stechen lassen?»
Sie schmunzelte, durchschaute mich ohne zu Zögern. «Interessierst du dich für ihn?»
«Kein Stück», log ich sofort. Sie zog die Augenbrauen hoch und grinste noch breiter. «Sei ehrlich!»
«Na schön», seufzte ich. «Er ist… nun ja… ganz interessant. Mehr ist da nicht.» Das war die Wahrheit.
«Wenn ich dir einen guten Rat geben darf: Lass nicht zu, dass es mehr wird. Edward ist der tollste Bruder, den ich mir wünschen kann, aber er ist manchmal einfach ein Arsch. Er hat in seinem Leben mehr Herzen gebrochen als Brad Pitt und George Clooney zusammen.»
Nicht überraschend. «Er ist ja auch schöner, als Brad Pitt und George Clooney zusammen», murmelte ich und Alice lachte wieder. Ich wurde rot.

Immerhin nahm sie es mit Humor!

*


Gegen Mittag trafen wir uns mit den anderen. Das Ziel unserer Reise war Milford, das bekannt für seine Strände war und südlich von New Haven lag. Ich saß mit Emmett auf der Rückbank, denn Alice hasste es, beim Autofahren hinten zu sitzen. Etwas überrascht war ich davon, dass Rosalie fuhr. Sie besaß ein rotes BMW Cabrio, und, wie Emmett mich aufklärte, schraubte auch durchaus mal daran herum. Sie nannte es ihr Faible, er ihren speziellen Fetisch, wofür sie ihm einen deftigen Fußtritt verpasste.
Er sagte, dass seine Verlobte total verrückt nach Autos war. Als ich bemerkte, wie sehr seine Augen dabei funkelten, wurde mir sofort klar, wie scharf er das fand. Die beiden gaben ein tolles Paar ab. Ihre Ungezwungenheit im Umgang miteinander war bemerkenswert und machte mich neidisch. Das war auch meine Vorstellung von einer glücklichen Beziehung. Nicht diese spießige, extreme Rücksichtnahme aufeinander, sondern ein lockerer, neckender Umgang.

Der Strandabschnitt, an dem die Party geplant war, schien schon öfter für denselben Zweck genutzt worden zu sein. Es gab eine kleine betonierte Tanzfläche. Überall hingen Laternen und es war sogar eine Bar vorhanden. Sehr hübsch hier.

Ein paar Studenten bereiteten alles für ein Lagerfeuer vor und die Bar wurde gerade eingeräumt. Wir hielten auf einem Parkplatz und liefen in Richtung Grillstelle. Ich entfernte mich ein Stück von den anderen und ging hinunter ans Wasser, das hier dunkelblau schimmerte und mich unweigerlich anzog. Es roch herrlich nach Salz und die Luft war soviel erfrischender als in der Stadt. Ich ließ mich einfach in den Sand fallen. Für Wasser hatte ich eine Schwäche, für diese Grenzenlosigkeit und Weite. Wenn ich eines nicht mochte, dann waren es Beschränkungen jeder Art. Ich war kein Hippie oder so, wie mein Vater es mir öfter vorwarf, ich legte nur sehr viel Wert auf meine persönliche und räumliche Freiheit.
Zufrieden schob ich mir die Sonnenbrille aus der Tasche auf die Nase, als ein anderer Duft von Freiheit sich zu mir gesellte: Edward Cullen höchstpersönlich, in seiner grenzenlosen Perfektion. Ich war überrascht, was wollte er hier? Wollte er mich persönlich begrüßen? Für einen kurzen Moment setzte mein Herz bei der Vorstellung aus.
«Hey Isabella», sagte er weich. Wie mein Name von seiner Zunge rollte, war verflucht sexy. Automatisch presste ich die Schenkel aneinander und ich hatte das Gefühl, er wusste es. Etwas in diesem Blick und Lächeln vermittelte einem pausenlos das Gefühl, gescannt zu werden. Leider Gottes auf eine erotische Art.
«Bella», korrigierte ich bissig. Immer, wenn ich ihn sah, fiel ich in einen Zickenmodus, warum, war mir selbst nicht ganz klar.

«Wenn du Lust hast zu helfen, jemand sollte noch die Toiletten saubermachen.» Selbstgefällig grinste er auf mich herab.
«Vergiss es, such dir eine andere Dumme dafür.» Ich wusste nicht, ob er es wahrnahm, aber meine Enttäuschung war deutlich hörbar. Nur deshalb war er hier. Nicht, weil er hallo sagen wollte, sondern damit ich etwas für ihn tat.
Er setzte sich neben mich und nahm eine Handvoll Sand in die Hände, die er dann langsam durch seine Finger rieseln ließ. Er trug ebenfalls eine Sonnenbrille und dazu ein einfaches T-Shirt und kaputte Jeans. «Ich finde aber niemanden, der das macht.»
«Und wie kommst du auf die Idee, bei mir hättest du Glück?», fragte ich schneidend.
Er nahm seine Brille ab und sah mich an. «Männliche Intuition oder so, keine Ahnung.»
Ich lächelte süß. «Frag doch deine Freundin, die tut sicher alles für dich. Und wenn sie keinen Bock hat, traue ich dir zu, Mittel und Wege zu finden, um sie zu überzeugen.»
«Ich hätte auch Mittel und Wege, dich zu überzeugen», beschwor er und kam mir näher. Für einen Moment hörte ich auf zu atmen – nämlich exakt für sie Zeit, die mein Verstand brauchte, eine großartige Phantasie zu zerschmettern. Ich wollte ihn küssen, berühren, schmecken, aber wusste doch gleichzeitig, dass jemand wie er für mich nie dasselbe empfinden könnte. Wer sich jeden Designer leisten konnte, ging nicht zu Target, in ein Billigkaufhaus.
«Nein», erwiderte ich träge und unterdrückte die Spur Trauer, die mich immer dann heimzusuchen schien, wenn mir bewusst war, wie unerträglich erreichbar Edward für mich war. Vielleicht war es kindisch, aber dass das einzige, was er von mir wollte, war, dass ich die Toiletten saubermachte, kränkte mich zutiefst.

Ich sah in den Schäfchen-Wolken-Himmel und erkannte aus den Augenwinkeln, dass er sich neben mich legte. Er erschuf damit ein seltsames Gefühl von Intimität, obwohl wir zwei völlig Fremde füreinander waren.
«Wo sind die Zeiten hin, wo wir Amerikaner noch Sklaven halten durften», murmelte er.
«Das meinst du noch nicht ernst?», fragte ich, aber sicher war ich mir nicht.
«So abwegig ist der Gedanke nicht. Wir verlagern unsere Produktionsbetriebe ins Ausland, zum Beispiel nach Mexiko, und beschäftigen sie da zu einem Hungerlohn und zu katastrophalen arbeitsrechtlichen Bedingungen. Das ist die moderne Sklaverei», sagte er.
«Aber sie haben die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Sie können streiken und protestieren, sie können die Arbeit niederlegen und werden dafür nicht bestraft oder hingerichtet. Sie haben die Wahl, das ist der Unterschied», widersprach ich völlig überzeugt.
«Bella, warst du je in Mexico?», fragte er mich.
«Nein.»
«Aber ich schon.» Er kramte in seiner Hosentasche und zündete sich eine Zigarette an. Entspannt pustete er den Rauch in die Luft. «Ich möchte deine Ideale nicht zerstören, aber die Realität sieht ganz anders aus. Hohe Arbeitslosigkeit. Wenig Jobs. Steigende Kinderarbeit. Alle wissen es und jeder schweigt darüber. Wer keine Arbeit hat, muss neu planen. Prostitution, Drogenhandel, Armut und Kriminalität, ich hab es alles gesehen. Mexico muss bluten, damit wir Amerikaner reicher und reicher werden.» Seine Stimme wurde immer leiser und er zog intensiv an seiner Marlboro.

«Du hast nicht für Bush gestimmt, kann das sein?», fragte ich trocken.
Er lachte, leise und hinreißend. «Nein. Aber ich hab einen Teil meines Vermögens in mexikanische Immobilien investiert. Mir gehören zwei Strandhäuser und eine Villa aus den Achtzigern in Playa Del Carmen.»
«Damit bereicherst du dich doch auch», warf ich ein. Er drehte sein Gesicht zu mir und lächelte mich an.
«Nicht ganz. Die Villa ist eine Einrichtung für Kinder sozialschwacher Familien, eine Art Kindergarten mit ärztlicher Betreuung in einem, wenn du so willst. Das zu unterhalten kostet weniger als man denkt, ich decke das mit den Miteinnahmen des einen Strandhauses ab. Das andere steht so gut wie leer, ich will es nutzen, wenn ich mal keinen Bock mehr auf das Wetter in New York oder Connecticut habe.» Er sprach darüber, als wäre es gar nichts außer seiner Pflicht, das zu tun. Ich wusste nicht, wie reich Edward war, aber ich wusste, dass es mich beeindruckte. Und ohne es zu wollen, fing ich an, ihn zu mögen, über seine Schönheit und seinen Sexappeal hinaus. Er war mehr als, wie Alice es neulich so treffend gesagt hatte, mehr als jemand, der gerne Sex hatte und gut aussah. Er hatte eine Seele, und ich bekam das Gefühl, dass sie für mich gefährlicher werden konnte als seine verlockende Schönheit
«Also, putzt du jetzt die Toiletten für mich?» Er grinste mich an.
Und einfach so fand ich ihn wieder nur arrogant.

*


Später am Nachmittag saß ich mit Alice an der Bar. Sie trug ein rotes Minikleid und eine hübsche Muschelkette um den Hals. Ich hatte einen Bikini an und darüber eine weiße, weite Leinenhose und ein dunkelblaues, dünnes T-Shirt. Wir fanden es passend, denn es war recht warm draußen und ein leichter Wind zerzauste unsere Haare.

Wer letztendlich die Toiletten geputzt hatte, wusste ich nicht, aber Edward selbst hatte es nicht getan. Die ganze Zeit beobachtete ich ihn, kein Schulterzucken, keine noch so kleine Geste entging mir. Ich war wie ein paranoider Bewährungshelfer.
Alice saß  links von mir und streifte ihre Flip Flops ab. Sie zog eine Schnute. «Weißt du, wer Edwards neue Freundin ist?»
«Nein», sagte ich. Wollte ich das wissen?
«Jessica.»
Ich hatte gerade einen Schluck von einem wirklich feurigen Cocktail getrunken und verschluckte mich heftig. Ich hustete und versuchte meine entflammte Speiseröhre zu ignorieren, als ich fragte: «Was? Das…das ist nicht dein Ernst!»
Sie seufzte. «Doch, und sie fährt total auf ihn ab. Er ist so zurückhaltend wie immer, tut so, als wäre das nichts, aber Emmett flippt völlig aus, er kann sie nicht leiden.»
«Was findet Edward bloß an der?», fragte ich gequält. «Ich meine, sie ist hübsch und so, aber sobald sie den Mund aufmacht kommt doch nichts bei raus.»


«Ich habe keine Ahnung, warum er so einen schlechten Geschmack hat was Frauen angeht. Und was ich noch weniger verstehe, ihm verfallen auch Frauen die wirklich intelligent und liebenswert sind. Warum machen sie nicht mal ihre Augen auf?», beschwerte sich Alice.
«Das ist doch ganz einfach», erklärte ich ihr und nahm noch einen Schluck. «Er ist eine unglaublich gute Partie. Jeder kennt ihn, er sieht umwerfend aus, ist intelligent – jedenfalls wenn man dir glauben darf», ich machte eine huldvolle Geste in ihre Richtung, «Und an Geld mangelt es ihm auch nicht. Es ist doch völlig unrealistisch, das ein einziger Mann all diese Attribute in sich vereint, und doch gibt es ihn – und da machst du den Frauen einen Vorwurf?», erklärte ich.
Alice schien nachzudenken. «Aber er ist mein Bruder – wie soll er so jemals glücklich werden?»
«Vielleicht ist er das. Vielleicht reicht ihm das.», antwortete ich. Vielleicht wollte ich einfach auch nicht darüber nachdenken, ob ich ihn nicht glücklicher machen könnte als andere. Und schon begannen in meinem Kopf Bilder abzulaufen, die ganz und gar nicht gesund waren für mich oder mein Herz. Es war eine Krux mit der Fantasie, sie stürzte sich auf jedes Bild, dass Edward in meinem Kopf erzeugte und malte es in schönen, bunten, aufregenden Farben aus. Das half mir wirklich nicht dabei, einen klaren Kopf zu behalten.
Ich musste mich unbedingt davon abhalten, mehr in Edward zu sehen als einen schönen Mann. Ich war absolut in Gefahr, mich völlig in ihn zu verlieben und ich war nicht flatterhaft, was Gefühle angingen. Meine Beständigkeit konnte richtig schmerzhaft sein, wenn man unglücklich verliebt war. Ich musste ihn vergessen, Chancen hatte ich ohnehin keine. 

Wir hatten bereits den zweiten Martini auf leeren Magen intus gehabt, bevor wir auf Cocktails umgestiegen waren und tranken nun wieder Wodka-Martini. In Fragen des Stils ähnelten Alice und ich uns sehr. Wie beide liebten Filme wie My Fair Lady, Breakfast At Tiffany’s und sämtliche BBC-Produktionen alter Klassiker. Vermutlich war unser sehr ausgeprägter Sinn für Romantik daran schuld, aber ob die Filme oder unsere altmodischen Vorstellungen Ursache des Ganzen waren, ließ sich im Nachhinein wohl nicht mehr ausmachen. In jedem Fall war es schön, noch jemanden zu kennen, der den klassischen Stil zu schätzen wusste.
«Weißt du, Bella», sagte Alice auf einmal, nicht mehr völlig nüchtern, «Ich wette, ’ose lädt dich auch auf ihre Hochzeit ein. Dann kommst du mit zu uns nach Hause und wir alle feiern eine großartige Party!» Sie sprach das letzte Wort voller Jubel aus und ich musste darüber lachen, wie sie den Anfangsbuchstaben ihrer zukünftigen Schwägerin verschluckte. Ich wusste nicht so ganz, ob «’ose» wirklich eine adäquate Abkürzung für «Rosalie» war, oder ob die fehlenden Buchstaben mehr dem Alkohol zuzuschreiben waren.
Ich wollte ihre Begeisterung wegen der Hochzeit gerade mit ihr teilen, als Emmett angerauscht kam. «Vier Uhr nachmittags und ihr sitzt schon an der Bar? Ihr legt aber vor, Mädels, die Party geht noch zwölf Stunden.»
«Was machst du hier, Emmett», fragte ich. «Wolltest du nicht Edward mit dem Grillfleisch helfen?» Ich entwickelte mich noch zu einem Stalker, so wie meine Blicke an seinem Bruder klebten.
«Ach», wehrte er missmutig ab. «Der kommt auch gut allein klar, er und diese Jess
«Ich hasse sie», sagte Alice leidenschaftlich und spießte wütend die Olive auf. 
«Und ich hasse diesen Song, wisst ihr», meinte ich grimmig und drehte mich nach Edward um. Er spielte allen Ernstes Justin Timberlake auf seiner Party? War der Junge noch zu retten?

Doch offenbar erzürnte sich auch Edward, denn der Typ hinter der Musikanlage bekam gerade einen ziemlichen Anschiss von ihm. Bald darauf hörten wir etwas Rockigeres und mir ging’s wieder großartig.
«Ich liebe deinen Bruder für seinen Musikgeschmack», murmelte ich und fing mir einen bösen Blick von Alice ein. «Nur für die Musik, du weißt schon, sonst nicht.»
«Du bist ihm genauso verfallen wie jede andere hier», mutmaßte sie und sah ganz und gar nicht glücklich aus. Rosalie kam dazu und lehnte sich an Emmett. Sie trug ein weißes, enges Top über dem Bikini und dazu einen kurzen Wickelrock. Ihre langen blonden Haare wehten im Wind.
«Ach, Rosalie», schniefte Alice. «Du bist so hübsch.»
«Wie viele hatte sie schon?», fragte Rosalie mit unterdrückter Lautstärke ihren Freund und deutete auf unsere Drinks.
«Erst zwei.», erwiderte ich. «Ach ne… warte mal… drei», korrigierte ich anstelle von Emmett und orderte gleich noch mal nach. Edward stand auf diese blöde Jessica und nicht auf mich – ich brauchte dringend Trost.
«Wir sollten ein bisschen auf die beiden achten», flüsterte sie leise zu Emmett, doch ich hörte es trotzdem.
«Und zwei große Mineralwasser», rief ich dem Barkeeper daraufhin zu. 
Rose lächelte mich an.
Immerhin entband mich mein alkoholumnebeltes Hirn nicht von jeglichem Verantwortungsbewusstsein.


Als der Abend anbrach, waren Alice und ich wieder einigermaßen nüchtern. Der halbe Campus tummelte sich hier und ich erwartete schon, Angela wiederzusehen, das nette Mädchen von der Einführungsveranstaltung. Da ich sie nicht entdecken konnte und sonst niemanden außer den Cullens und Rosalie kannte, blieb ich bei Alice. Edward und Jessica waren auch ab und zu mal vorbeigekommen, nachdem ihm aber aufgefallen war, dass wir seine neue Freundin alle böse anstarrten, zog er es vor, uns fernzubleiben. Allerdings hatte ich Jessica schon seit Längerem nicht mehr gesehen, vielleicht waren sie ja schon wieder getrennt. Ihm war das durchaus zuzutrauen.
Ich sah mich nach ihm um, er stand nicht weit entfernt und unterhielt sich auf der anderen Seite der Bar mit einem Typen, den ich nicht kannte. Edward zog sich in diesem Moment sein Shirt über den Kopf, vermutlich hatte er es schmutzig gemacht. Vielleicht wollte er aber auch nur angeben, obwohl er dafür etwas zu sehr am Rand der Party stand.
Sein Rücken war muskulös, aber nicht zu breit. Auf einem Schulterblatt hatte er eine Tätowierung, einen Vogel, soweit ich das von hier aus erkennen konnte. Sein Lachen drang bis zu mir und er griff nach einem neuen T-Shirt und warf es sich über. Ich versuchte vergeblich wegzugucken. Musste ich mir anfangen, Sorgen zu machen? War ich nicht seit ich fünfzehn war immer herumgelaufen und hatte jedem erzählt, dass mir Charakter viel wichtiger war als das Aussehen eines Menschen?

Nun, offenbar hatte ich mich geirrt. Vielleicht war ich im Grunde meines Herzens doch eine oberflächliche Kuh, genau wie die Frauen, die ich dafür verachtete. Ich sollte wieder mit dem Trinken weitermachen, denn ich fing an, Trübsal zu blasen. Seit unserem kurzem Gespräch vorhin am Strand, hatte er mich nicht mal auch nur angesehen.

Es mochte daran liegen, dass er sehr beschäftigt war. Ich zählte mit, wie viele Frauen versuchten, bei ihm zu landen. Manchmal waren ihre Absichten nicht so recht durchschaubar, aber wenn ich alle zusammenzählte waren es zehn. Zehn! An einem Abend!

Ich beobachtete zudem, dass Alice völlig Recht hatte. Es waren nicht nur Barbies, die ihn anbaggerten, sondern durchaus auch ganz normale Frauen. Mir fiel schnell auf, wie Edward sie alle wieder loswurde. Mit ein paar von ihnen tanzte er für ein- oder zwei Songs, aber hielt einen Abstand ein. Mit den anderen Frauen setzte er sich irgendwo hin und redete, nur mit wenigen nahm er dann noch einen Drink. Keiner Frau schenkte er mehr als zwanzig Minuten Aufmerksamkeit.
Was steckte dahinter? Gefiel ihm keine so gut, dass er sie sich warmhalten wollte, wenn Jessica wieder abgeschrieben war? Sie flippte den ganzen Abend über mehrmals aus, was ich verstehen konnte. Man hatte Edward Cullen nicht für sich allein, und wer wollte seinen Freund schon teilen? Man musste vielleicht damit rechnen, aber das bedeutete ja nicht, dass es deshalb okay war.

Wenig später machten Alice und ich die Runde. Wir tranken beide mehr, als uns gut tat, vor allem wahrscheinlich aus Langeweile. Wir konnten uns nicht mal richtig unterhalten, weil die Musik zu laut war. Sie begrüßte einige Leute, die ich alle nicht mal vom Sehen her kannte, und ich stand dumm neben ihr.  Schließlich landeten wir beide am Rand der Tanzfläche und sahen den feiernden Studenten zu. Wir hatten beide keine Lust und auch keine Tanzpartner, irgendwie machten wir das mit den Studentenparties wohl falsch. So versanken wir in Gedanken, als plötzlich jemand hinter uns laut hustete.
Wir zuckten erschrocken zusammen und drehten uns um. Edward grinste.
«Ist meine Party so langweilig, dass ihr hier so verträumt herumstehen müsst, anstatt euch zu amüsieren?» Alice stieß ihm unsanft in die Rippen und drehte sich wieder zur Tanzfläche. Plötzlich versteifte sie sich. Verwundert suchte ich nach dem Grund. Sie hatte tatsächlich die Luft angehalten.
«Atmen, Alice!» Ich rempelte sie an, damit sie aus ihrer Starre erwachte. Ihr Blick war auf ein tanzendes Paar gerichtet und ich verstand, warum. Der Mann, der sich dort elegant zu Aerosmith bewegte, sah aus wie ein Filmstar. Er war groß, so schlank wie Edward und hatte blonde, wuschlige Locken. Seine Augenfarbe konnte ich nicht erkennen, aber sie wirkte hell. Sein Mund hatte sich zu einem süßen Lächeln verzogen.

Am Beeindruckendsten aber war sein Profil. Da er keinen Bart trug, stachen seine Kieferlinien hervor, sie leicht spitz aufeinander zu liefen, seine Nase war schmal und seine Augen groß. Er trug so einen wissenden Ausdruck im Gesicht, als könne er mit einem Blick in der Seele lesen, falls seine aufgebrezelte Tanzpartnerin eine hatte.
Er trug ein weißes Bandshirt und darüber eine dunkelblaue, leichte Jacke, die ihm verdammt gut stand. Seine schwarze Jeans lag relativ eng an und ich verstand, warum Alice das Atmen vergaß. Warum waren die Typen in Yale bloß so heiß? Wie sollte man sich da aufs Lernen konzentrieren?

«Atmen, Mädels!», kicherte Edward uns ins Ohr. «Ach ihr glaubt nicht, wie schön das zur Abwechslung mal ist, wenn ich einmal nicht das Herzenbrechende Arschloch bin.» Er hatte schon einige Drinks mehr gehabt als wir, und weder Alice noch ich waren nüchtern. Kurz überlegte ich, mich einfach ein paar Zentimeter nach hinten zu lehnen, dann hätte ich ihn berühren können. Aber ich verkniff es mir.
«Weißt du, wer das ist?», fragte Alice atemlos und ohne den Blick von dem ihrem Objekt der Begierde und seiner – zugegeben etwas gewöhnlich neben ihm aussehenden – Tanzpartnerin abzuwenden.
«Das ist Jasper Hale. Er studiert Medizin im ersten Semester, ist 20 Jahre alt und kommt aus New York. Sein Vater ist Schauspieler und seiner Mutter gehört eine PR-Firma. Mom war schon mal mit uns auf ihrer Anti-Krebs-Gala, weißt du noch? Das muss zwei Jahre oder so her sein, aber ich traf ihn vorgestern bei Starbucks und hab ihn deshalb eingeladen.»
«Jasper», sagte Alice verträumt. «Die mit der er tanzt, das ist sicher seine Schwester, oder?», fragte sie hoffnungsvoll. Ihr großen Augen blickten ihren Bruder an, dem die undankbare Aufgabe zuviel, ihr die wahrscheinliche Wahrheit zu sagen.
Edward zögerte, gab sich aber schnell ihren Blicken geschlagen. «Das ist Maria, ich glaub sie studiert Mathematik. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er nur einen Bruder und keine Schwestern hat.»
Ich gab ihm Recht, denn Jaspers Hand lag an der Taille des Mädchens und streichelte sanft über ihre Kurven. Was für ein heißer Typ. Er hatte deutlich weiblichere Gesichtszüge als zum Beispiel Edward mit seinem Dreitagebart oder Emmett mit seinem kantigen Kinn, aber das verlieh ihm eine sehr intensive Ausstrahlung.
«Ich glaube, ich bin verliebt», sagte Alice verzückt.
«Du kennst ihn erst seit einer Minute» Ich fühlte mich in der Pflicht, sie darauf hinzuweisen.
«Bella, du verstehst das nicht, Mein Herz, spürst du wie es rast?» Sie nahm meine Hand und legte sie in ihren Ausschnitt. Edward hustete. «Alice, ich spüre gar nichts außer Edwards pfeifenden Atem in meinem Nacken», murmelte ich. 
«Tut mir leid», nuschelte er.

«Ich will ihn kennenlernen. Jetzt.» Sie klang so entschlossen, das ich mich gezwungen  fühlte, sie auf den Boden zurückzuholen. «Sofort?» Verdammt, mehr fiel mir nicht ein? Aber die Anwesenheit ihres lieben Bruders wirkte sich kontraproduktiv auf meine Gehirnaktivität aus.
«Oh ja, sofort. Edward? Du kennst ihn doch, oder? Du musst mir helfen!»
«Ich kenne ihn, aber ich weiß wirklich nicht, ob das so eine gute Idee ist», wiegelte er ab. Scheinbar scheute er sich davor, jemandem seine Schwester vorzustellen, während derjenige eng mit seiner Freundin tanzte.
Sie funkelte ihn an. «Ich brauch jetzt deine Hilfe, verstehst du? Du tanzt mit mir, und dann rempele ich ihn versehentlich an. Du lenkst sofort seine Freundin ab und ich schnapp mir Jasper.»
Alice wollte ich wirklich nicht zum Feind haben.
«Hör zu, ich mag ihn. Ich kann mich doch nicht an seine Freundin ranmachen», erklärte er ihr. Wow, er hatte tatsächlich Moralvorstellungen. Offen gestanden überraschte es mich.
«Du brauchst dich nicht an sie ranzumachen. Sieh ihr nur tief in die Augen, das reicht schon», beschwichtigte sie ihn rasch.
«Alice, das geht nicht. Sieh doch mal, er ist -»
«Mir egal!», unterbrach sie ihren Bruder. «Du bist heute mit Jessica hier, zweifellos schuldest du mir was!»

Edward nahm einen Schluck aus seinem Glas und fuhr sich dann durch die Haare. Es war ihm anzusehen, dass er sich in die Enge getrieben fühlte und ich beschloss, ihm zu Hilfe zu kommen.
«Wisst ihr was?», warf ich ein. «Ich hab da ne andere Idee. Gibt’s du mir deinen Drink?», fragte ich Edward. Er reichte ihn mir und sah skeptisch aus.
«Was planst du?», fragte Alice, begeistert von meiner Initiative.
«Ich geh jetzt hin und locke diese Maria von ihm weg. Wenn er da alleine rumsteht, schnapp ihn dir.» Und schon schlug ich einen leichten Bogen auf dem Weg zur Tanzfläche. Ich bewegte mich pseudo-tänzelnd in Richtung Jasper und Maria. Als sie sich gerade in meine Richtung drehte, stolperte ich absichtlich und der Drink landete auf ihrem Kleid. Ich zog die Luft scharf ein und sah sie sofort entschuldigend an.
«Oh mein Gott, das tut mir Leid, ich bin so ungeschickt.»

Pikiert sah sie mich an. «Das ist von Dior. Was war in deinem Drink?», fragte sie entsetzt.
«Wodka-Martini. Es tut mir sehr leid, wir sollten das sofort raus waschen und ich bezahle dir natürlich auch die Reinigung.» Ich schob sie rigoros in Richtung Damentoilette.
«Ich komme gleich wieder.», sagte Maria zu ihrem Freund und dann zogen wir los. Na das hatte ja super geklappt. Jetzt musste Alice nur noch ihre Chance nutzen.
Ich entschuldigte mich noch ungefähr 20mal. «Das ist ein wirklich tolles Kleid, wie konnte ich nur so ungeschickt sein?»
«Ist schon gut, war ja nicht mit Absicht. Ich hoffe nur ihn stört es nicht, dass ich solange weg bin, wir sind noch nicht solange zusammen.» Ich horchte auf. 
«Ach nein? Ihr wirkt aber sehr verliebt.» Hoffentlich konnte ich unauffällig noch ein paar Details aus ihr rausquetschen. Alice hatte viel für mich getan die letzten Tage, ich schuldete ihr zweifellos etwas.
«Ja?», fragte Maria begeistert nach. «Meinst du?»
«Sicher.» Sie wandte sich zum Gehen und ich folgte ihr. Draußen vor der Tür stand Edward und wartete. Sie sah ihn und stolperte, weil sie einfach weitergelaufen war, ohne den Blick von ihm zu wenden und auf die Stufen zu achten.
«Das», erklärte ich und hielt sie am Arm fest, «ist Edward.»

«Du… du bist der Gastgeber, oder?», fragte sie ihn und er nickte.
«Hi», erwiderte er.
«Tolle Party», brachte Maria mühevoll hervor und ihre Augen fielen fast aus den Höhlen. Ich musterte sie amüsiert. Gut, das ich mich inzwischen so an seinen Anblick gewöhnt hatte, dass ich nicht genauso mehr reagierte. Man sah so selten wirklich natürlich schöne Männer, dass niemand uns wegen dem Starren ernsthaft einen Vorwurf machen konnte.
«Danke. Amüsier dich gut», wünschte er ihr und zog mich dann am Ellenbogen zur Seite. Maria ging wieder in Richtung Tanzfläche, drehte sich aber noch ein paar Mal zu Edward um. Seine Hand blieb auf meinem Unterarm liegen. «Wir müssen das Ganze stoppen», sagte er und war mir sehr nahe, damit ich ihn auch verstand, denn die Musik war laut. Sein warmer Atem strich über mein Gesicht und brachte meine Haut zum Prickeln.
«Was stoppen?» Meine Stimme zitterte und innerlich verfluchte ich es.
«Meine Schwester und Jasper. Ich wollte es vorhin nicht ausplaudern, aber ich habe gehört, dass er Maria schon ewig geliebt hat, bevor sie jetzt vor Kurzem ein Paar wurden. Alice verrennt sich da in was und ich will nicht, dass ihr wehgetan wird.»
«Ich will auch nicht, dass man ihr wehtut. Aber was sollen wir denn machen? Du hast doch ihren Blick gesehen, sie wird ihn wahrscheinlich nicht so leicht vergessen», gab ich zu Bedenken.
«Du hast ja Recht. Aber wir müssen was machen, er wird ihr das Herz brechen und dann fürchte ich, muss ich ihm weh tun, dabei kann ich ihn verdammt gut leiden.» Bei diesen Worten brachen die Schmetterlinge wieder hervor und breiteten sich in meinem Magen aus. Wie er seine Schwester liebte, es war überdeutlich.
«Warten wir doch erstmal ab.», riet ich ihm und atmete tief durch, als er seine Hand wegzog, als sei ihm jetzt erst aufgefallen, dass er mich noch berührt hatte. «Alice ist das bezauberndste Mädchen an der Ostküste, vielleicht verliebt er sich auch in sie? Oder vielleicht ist sie doch nicht so interessiert, wie es im ersten Moment scheint. Wir sollten sie zunächst mal suchen.» Er nickte, wirkte aber nicht unbedingt überzeugt, sondern sehr besorgt.

Es dauerte nicht lange und wir fanden sie.

Alice stand etwas hilflos abseits und nippte an einem neuen Martini. Als sie uns sah, lief sie sofort auf uns zu.
«Wir haben uns wirklich nett unterhalten, Jasper und ich. Danke!» Ihre Umarmung war heftig, so dass ich mit ihr gegen Edwards Brust prallte, der uns beide festhielt.
«Nicht so hastig, meine Hübschen», seine dunkle Stimme bebte, weil er leise lachte. Dieses Geräusch, ich liebte es. Ich fühlte seinen Körper an meinem Rücken und jede Zelle entbrannte in Leidenschaft. Er drückte mich an sich, enger als ich es unter Umständen erwartet hatte. Meine Kehle trocknete aus und ich bemerkte, dass mein Bauch sich zu einem Magneten von allem entwickelt hatte, war zarte Flüge hatte. Edward hielt mich eisern fest und Alice ließ mich auch nicht los und so stand ich nun da, versuchte meine Hormone in Schach zu halten und wollte doch nichts weiter als mich umdrehen und ihn küssen.

Und es wurde mir noch schwerer gemacht. Aus den Boxen rum rund um die Tanzfläche erklang «After dark», einem Song aus dem Film From Dusk Till Dawn.
http://www.youtube.com/watch?v=0z-_4zYFF_o
Der Song war intensiv und dicht, erschuf eine intime, fast sexuelle Atmosphäre. Edward hatte schon ziemlich viel getrunken, Jessica spielte irgendwo die beleidigte Leberwurst und ich sah meine Chance, ihm so nahe zu bleiben, wie es gerade war.

Natürlich hatte ich nicht vergessen, dass er ja eigentlich so was wie vergeben war. Doch wieso sollte ich Respekt haben vor der Beziehung zweier Menschen, die auf nichts fußte als auf sexuelle Anziehungskraft und in ein paar Tagen vorbei wäre? Ich konnte zwar nicht in ihn hinein sehen noch kannte ich ihn gut genug, um das zu wissen, aber ich war mir sicher, dass er für Jessica nichts Tiefes empfand.  
Und selbst wenn… ich war so voller Sehnsucht, dass es mir vermutlich auch egal gewesen wäre. Moral war nichts, das ich im Allgemeinen sehr schätzte, weil sie Menschen aus unvernünftigen Gründen einschränkte. Ich hatte meine eigenen Prinzipien, meine eigene Vorstellung von Anstand, die ich mir von anderen nicht gerne diktieren ließ. Ich schob Alice ein Stück von mir und drehte mich halb zu ihm um, völlig verzückt von der Tatsache, dass er immer noch nicht losgelassen hatte.

«Edward, tanzt du mit uns?», fragte ich ohne groß über die Konsequenzen nachzudenken. Es gab nichts, das ich in Bezug auf ihn zu verlieren hatte, denn nicht mal seine Blicke gehörten mir. Es gab keinerlei Möglichkeit, dass er mich anziehend fand – jenseits von dem, worauf er spontan Lust und Laune hatte.

Er lächelte mich an, auf diese eine, ganz besondere Weise. Seine Mundwinkel verzogen sich nach oben, und Sekunden später sah man seine geraden, weißen Zähne. Mein Herz blieb stehen. Wie konnte jemand so lächeln? 
Dann zog er Alice und mich auf die Tanzfläche und nahm meine Hand. Ich bewegte mich zu der Musik und überließ dem Alkohol in mir volle Entscheidungsbefugnis. Edward drehte mich, zog mich wieder zu sich ran und ich schmiegte meinen ganzen Körper an ihn. Wie er roch, das war unglaublich anziehend. Alice tanzte neben uns, und ab und zu drehten wir uns zu ihr, aber sie schien in ihrer eigenen Welt zu schweben.

Edward legte seinen Kopf an meine Halsbeuge, und das obwohl ich sicher 20 cm kleiner war als er. Ich griff in seine vollen, weichen Haare. Es war wunderbar, so ausgelassen zu sein, es war phantastisch, ihm so nah zu sein, es war unbeschreiblich, wie sich seine Berührungen anfühlten. Seine Hände glitten an meinen Seiten sanft auf und ab und ich war so scharf auf ihn, wie noch nie auf jemanden zuvor. Ich platzierte einen Kuss auf seinen Hals, dann auf sein Kinn. Gern wäre ich noch weiter gegangen, aber ich traute mich nicht. Er begann nun seinerseits, mit seinen Lippen, die lautlos den Songtext mitflüsterten, an meiner Haut entlang zu streichen. Ein Prickeln durchzog meinen ganzen Körper. Ich wusste zwar selbst in meinem Zustand, dass Edward mich nicht anrühren würde, dass das hier nichts zu bedeuten hatte, nur ein alberner Tanz war. Doch ich war hier mit ihm zusammen und ich fühlte ihn, wir hörten diesen Song und ich hatte den Alkohol als Ausrede – mir ging es so gut wie nie zuvor.

Als der Song war zu Ende, fiel Alice in meine Arme. Der Alkohol schien sie müde gemacht zu haben und wir setzten uns ans Lagerfeuer. Sie lehnte sich an Edwards Schulter und ich saß vor den beiden im Sand, mein Kopf lag auf seinen Knien. Ich lauschte der Musik und fühlte mich glücklich ich, glücklich wegen Alice an meiner Seite und wegen Edward, diesem wunderschönen Mann, der mich nun endlich zaghaft bemerkt zu haben schien.
«Ich hab viel Spaß mit euch, wisst ihr das?», gestand er plötzlich. «Soviel Spaß hatte ich schon ewig nicht mehr…» Es klang fast traurig, aber ich war zu angetrunken, um dem gedanklich nachgehen zu können.
«Martinis, die Damen?», fragte Rose und kam auf uns zu. Sie drückte Alice und mir ein Glas in die Hand. Ich trank einen Schluck und gab meinen Drink dann an Edward weiter. «Ich schulde dir noch einen Martini, hab dir ja deinen vorhin entführt.»

«Kein Problem», sagte er und griff nach dem Glas. 
In mir breitete sich wieder ein warmes Gefühl der Geborgenheit aus, was mir völlig fremd war und sich so gut anfühlte. Ich kuschelte mich an seine Beine und sah ins Feuer. Irgendjemand auf der Tanzfläche forderte lautstark ein Liebeslied, und er bekam es auch.
Alice murmelte immer wieder Jaspers Namen und ich drehte den Kopf zu ihr. Edward strich ihr sanft über die Wange und flüsterte ihr etwas zu, dass ich nicht verstehen konnte, sie aber lächeln ließ. Wie konnte er sich anderen Frauen gegenüber so beschissen verhalten, zu seiner Schwester aber liebevoller sein als ich es je in einer anderen Familie gesehen hatte?

Rosalie setzte sich zu mir und wir unterhielten uns leise über unsere Kurse, als wir unterbrochen worden.
«Hey, Edward!», rief eine melodische Stimmt hinter uns. Wir drehten uns vom Feuer weg und da stand Jasper. Reflexartig legte Edward seine Hand auf Alice Mund, damit sie sich nicht verriet.

«Hey», grüßte er freundlich.
«Man, ich beneide dich wirklich, weißt du das? Du bist umringt von drei wunderschönen Frauen und meine ist mir grade abhanden gekommen», meinte er lachend. «Hier sind so viele Leute, keine Ahnung wohin sie verschwunden ist.»
Alice fing an zu zappeln und Edward drückte seine Hand fester auf ihren Mund. Jasper fiel nichts auf.
«Das ist Jasper?», flüsterte Rosalie kaum hörbar in meine Richtung. «Alices Jasper?»
«Wohl eher Marias Jasper», murmelte ich. Sie seufzte.
«Er ist umwerfend», sagte sie leise. Ich gab ihr Recht.
«Vielleicht steht sie für die Toiletten an, ich hab gesehen, dass da ne ziemlich lange Schlange war», sagte sie zu Jasper. Er stutzte, als er sie sah und unverhohlene Bewunderung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Alice schluchzte leise auf, es war ihr nicht entgangen.
«Und du bist…?», fragte er.
«Ich bin Rosalie, die verlobte von Edwards Bruder Emmett.»

«Oh, ich gratuliere zur Verlobung», sagte er und gab ihr seine Hand.
«Vielen Danke.», meinte Rosalie und warf Alice einen entschuldigenden Blick zu.
«Dann geh ich sie mal dort suchen, vielen Dank und viel Spaß euch noch!»,  wünschte er uns und ging mit einem letzten Gruß davon, ohne Alice einen einzigen Blick zu schenken.
Edward ließ seine Schwester los und sie sank in seinen Schoß und fing an zu weinen. «Ach Alice», sagte er leise. «Nicht weinen. Niemand ist es wert, dass du seinetwegen so traurig bist.» Er strich ihr durch die Haare und ich streichelte ihr über den Rücken. 
«Vielleicht solltest du die Songlist beeinflussen gehen und ich muntere Alice auf.», schlug ich ihm vor. «Die schnulzige Musik ist nichts für sie.»
«Eine gute Idee», honorierte er und legte vorsichtig ihren Kopf ab, als er aufstand.


Ich wischte Alice die Tränen aus dem Gesicht und zog sie auf die Tanzfläche. Die meiste Zeit hielt ich sie fest, aber die Musik schien ihr genauso gut zu tun. Edward kam wieder zu uns und Alice klammerte sich an ihm fest. Rosalie hatte Recht, die beiden hatten eindeutig ein besonderes Verhältnis zueinander, das auf Vertrauen und gegensichter Fürsorge zu fußen schien.
Ich tanzte mit Rosalie und auch mal mit Emmett. Edward kam ich an diesem Abend nicht mehr nahe, was ich mehr als schade fand.
Als es hell wurde und die meisten Partygäste verschwunden waren, fuhr Emmett uns nach Hause, der einzige, der nüchtern geblieben war. Edward fuhr bei uns mit, es war offensichtlich, dass es mit Jessica vorbei war. Rosalie schlief auf dem Beifahrersitz und Alice lehnte sich an ihren Bruder, der in der Mitte der Rückbank saß und beide Arme um uns legte. Eigentlich war der Platz nicht für drei Mitfahrer ausgelegt, so dass wir ziemlich eng nebeneinander saßen. Ich konnte nicht schlafen und achtete die ganze Zeit mehr auf die Umgebung und seinen Unterarm in meinem Nacken. Emmett hatte eine von Rosalies CDs eingelegt und so lauschten wir alle den Klängen einer traditionellen, spanischen Band. Mir hätte im Moment was Anderes besser gefallen, denn es war traurige, romantische Musik. Mit dem Alkohol war auch mein Optimismus Edward betreffend verflogen. Ich sehnte mich einfach nach Ruhe und die bekam ich nicht in seiner Nähe. Ich dachte an den Tanz, an den Zauber des Augenblicks und fragte mich, wann zur Hölle es passiert war, dass ich für ihn zu schwärmen begann.

«Warum so verkrampft?», fragte er mich und zog mich näher zu sich heran. «Vorhin warst du ziemlich locker.» Ein anzügliches Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. Offenbar hatte er auch gerade an den Tanz gedacht.
«Es lag am Song», erklärte ich leise, um Alice und Rosalie nicht zu wecken.
«Am Song…verstehe», grinste er. «Komm schon her, ich kann das gar nicht mit ansehen, wie angespannt du bist.» Er war angetrunken, und obwohl ich mir wünschte, er hätte das auch im nüchternen Zustand gesagt, wusste ich, dass es nur dem Alkohol zu verdanken war. Schon morgen wäre ich nur noch Luft für ihn.
Ich schloss die Augen, und sagte mir immer wieder, dass er das nicht ernst meinte, erinnerte mich daran, dass er nichts für mich empfand. Ich wollte mich nicht zu sehr verlieren in meinen Träumen, aber er machte es mir verteufelt schwer.

Ich lehnte mich gegen seine Brust und Edward legte seinen Kopf auf meinem ab. Er seufzte.
Es war der Himmel, es war die Hölle.
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