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Geschichte: Fanfiktion
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von theburningblack
erstellt: 10.08.2009
letztes Update: 09.10.2010
Geschichte, Romanze / P18
(fertiggestellt)
Dieser gängige Spruch begegnet uns des Öfteren im täglichen Leben. Wo viele Menschen mit verschiedenen Bedürfnissen zusammenleben, sind Konflikte nicht ungewöhnlich. Ein Wort gibt schnell das andere und es kommt zu Spannungen, zu Streit und Zerwürfnissen. Doch die Bande innerhalb einer Familie sind belastbar und stark, sie halten meist mehr aus als andere Beziehungen, die wir haben.
Es gibt natürlich auch Kinder, die in kaputte Familie geboren werden, wo nicht Liebe sondern Süchte den vorherrschenden Raum einnehmen. Dazu zählt nicht nur die Alkohol- und Drogensucht, sondern auch die Selbstsucht. Wer in Zwängen verstrickt ist, in Depressionen oder Schuld, schafft ein Netz aus unerträglicher Angst, Schmerz, Demütigung. In der UN-Menschenrechtscharta steht, dass die Familie die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft ist und einen Anspruch auf Schutz durch diese Gesellschaft hat.
Doch manchmal sind die Vereinigten Nationen oder auch nur aufmerksame Nachbarn weit weg.
Kinder bedürfen einer besonderen Fürsorge, und dafür ist dieses Gesetz da, aber wer schützt sie vor denen, die sie behüten sollen? Wer bewahrt sie vor falscher Erziehung? Vor der Einprägung falscher Werte und Normen, vor der Verbreitung der sozialisierten Verhaltensweisen, die sie vielleicht an ihre eigenen Kinder weitergeben werden?
Niemand behütet sie. Es liegt im Ermessen und in der Verantwortung der Eltern, aus Neigungen Charakter zu formen. Der Schutz ist auch eine Barriere, denn er beschützt die Erziehungsberechtigten gleichermaßen – also auch die, die in einigen Fällen schlagen, missbrauchen und falsch erziehen.
Niemand, der das nicht erlebt hat, kann ermessen, wie tief ein Kind falsche Sozialisation verletzen kann und wie sich das durch alle Lebensjahre und Erfahrungen ziehen kann. Wer nie die Sicherheit liebender Eltern im Rücken hatte, wird sich Zeit seines Lebens einen Kampf aufladen müssen, den man nicht gewinnen kann.
Den Kampf zwischen dem Wunsch nach Liebe und der Unfähigkeit und Angst, sie selbst zuzulassen.
Und doch ist die Familie das Elementarste im Leben eines Menschen. Sie ist das erste Vorbild, das du kennenlernst, sie bringt dir bei, was du wissen musst, um außerhalb der behüteten Seifenblase zu überleben. Sie macht dich stark, gibt dir Rückhalt, im besten Falle lehrt sie dich, dass du hier mit all deinen Fehlern geschätzt wirst. Du kannst dir deine Eltern und Geschwister, deine Onkel und Großmütter nicht aussuchen, das stimmt. Aber kein Partner, kein Freund, kein Bekannter oder Kollege – niemand auf der Welt ist verpflichtet, dich zu lieben – außer deiner eigenen Familie.
Canon in D.
Kapitel 2 : Familienbande
Alle glücklichen Familien ähneln einander;
jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.
(Leo N. Tolstoi)
(Leo N. Tolstoi)
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem ausgewachsenen, munteren Kater. Meine Kopfschmerzen waren höllisch. Ich sah auf die Uhr, es war halb zwölf Uhr mittags. Stöhnend erhob ich mich und legte die Schlafbrille ab. Durch halb geschlossene Lider kämpfte ich mich durch Umzugskisten und Bücherberge zum Fenster hindurch und atmete erstmal tief ein und aus. Kleine Hämmerchen klopfen beständig von innen gegen meine Schädeldecke, wirklich kein angenehmes Gefühl.
Ich zog mir einen Morgenmantel an und ging ins Wohnzimmer. Jessica saß dort und sah fern, sie erwiderte mein gemurmeltes «Guten Morgen» nicht. Leider Gottes konnte ich ihr das nicht mal verübeln, obwohl meine schlechte Laune durch das Kopfweh angeheizt wurde und ich liebend gern irgendwen für meine Situation verantwortlich gemacht hätte. Ich ging in die Küche und holte mir ein Glas Wasser, um den krallenwetzenden, fauchenden Kater zwischen meinen Schläfen zu beruhigen.
Emmett, Alice, Rosalie und ich hatten noch bis weit nach Mitternacht geredet und ich hatte eine Menge erfahren.
Emmett und Edward waren nicht nur Alice Brüder, sondern die beiden teilten sich anscheinend auch noch eine Wohnung. Rosalie, Emmetts Verlobte, wohnte theoretisch in einer WG am Rande des Campus, aber praktisch hielt sie sich vor allem bei den Zwillingen auf. Sie kannten sich schon seit der Highschool, waren seit Jahren miteinander befreundet und das stach auch deutlich aus ihren Gesprächen heraus. Beinahe pausenlos neckten sie sich gegenseitig und zogen ihren anderen Bruder auf, der uns nicht besucht hatte. Offenbar hatte dieser eine Schwäche für Frauen, denn jeder zweite Satz von Alice fing mit «Weißt du noch, als Edward die Blonde/ Brünette/ Rothaarige hatte und er...» an. Darauf folgte dann immer eine amüsante Anekdote.
Emmett und Alice hatte ich irgendwie gleich in mein Herz geschlossen. Sie waren voller Humor und konnten über sich selbst lachten, so was mochte ich. Bei Rosalie war ich mir nicht so sicher. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie sagte nur einen Bruchteil von dem, was ihr eigentlich durch den Kopf ging. Ein paar Weinflaschen hatten wir zusammen geleert, was den Pegel der Unanständigkeit von Alice Anekdoten stetig hatte steigen lassen.
Gott sei Dank war heute Sonntag und ich musste nicht arbeiten. Nach einer langen Dusche ging es wieder etwas besser und ich zog mir was anderes an. Kurz überlegte ich, an Alice Tür zu klopfen und sie zu fragen, ob sie Lust hatte mit zu kommen, aber da fiel mir ein, das ihr Bruder sie bereits um zehn abgeholt hatte.
Inzwischen war es fast halb eins, also gab es längst Mittagessen. Ich ging in die Mensa, die wie immer ziemlich voll war. Eigentlich kochte ich selbst ganz gern, aber der Umzug brachte soviel Arbeit mit sich, dass Mensaessen bedeutend stressfreier war. Ich holte mir einen Teller Kartoffelauflauf und Grapefruitsaft, damit mein Kreislauf wieder in Schwung kam. Ich trank selten Alkohol und vertrug ich wirklich gar nicht gut.
Hungrig setzte ich mich an einen der Tische, die durch Zimmerpalmen und kleine, niedrige Raumteiler voneinander getrennt waren. Ich mochte die Mensa sehr, diese hohen Decken und die gemütliche Atmosphäre hier drin, die großen, altmodischen Fenster. Alles war antik eingerichtet und das Essen ziemlich lecker. Besser hätte ich es auch nicht zubereiten können.
An den holzvertäfelten Wänden hingen Gemälde von berühmten Absolventen der Uni. George Bush Senior hing neben Gerald Ford und Samuel Morse, dem Erfinder des Morse-Alphabets. Direkt über dem Kamin an der Ostwand hing ein Bild von Richard C. Levin, dem Direktor von Yale, wie er Bill Clinton die Hand schüttelt – ebenfalls ein Absolvent dieser Uni.
Der Ruhm vergangener Jahre, durchzog den Raum und ich meinte zu sehen, dass er sich mit der Zeit auch im Stolz der Studenten festsetzen würde. Einigen ging heute Mittag sicher durch den Kopf, dass sie irgendwann ihr eigenes Bild hier hängen sehen wollten.
Ich aß meinen Auflauf und schlug gerade «Jane Eyre» von Charlotte Brontë auf, als mich jemand ansprach.
«Darf ich mich setzen?», fragte Rosalie. Heute trug sie ein knielanges, schlichtes lilafarbenes Kleid, ihre Haare trug sie offen. Sie sah umwerfend aus und ich nahm mir im Stillen vor, mir demnächst mehr Mühe mit meinem Äußeren zu geben, wenn ich mich in Gegenwart meiner neuen Freunde noch wohl fühlen wollte.
«Klar», meinte ich. Rosalie stellte ihr Tablett ab, sie hatte nur einen Salat und eine Flasche Mineralwasser. Sie seufzte, als sie mein Mittagessen sah.
«Ehrlich, Bella. Ich bin neidisch. Wenn ich nicht in drei Monaten heiraten würde, dürfte ich auch mal wieder feste Nahrung zu mir nehmen.»
Ein kleiner Anflug von Gier lag in ihren Blick und ich zog unbewusst meinen Teller näher zu mir ran. Fressneid – eindeutig. «Emmett und du, seid ihr schon lange zusammen?», fragte ich sie. Mit Anfang Zwanzig zu heiraten war eigentlich nicht die Regel.
«Ja, wir waren schon auf der Highschool ein Paar. Ich war zuerst die Freundin von seinem Bruder Edward, da war ich vierzehn glaub ich. Er nahm mich mal mit nach Hause und da lernte ich Emmett kennen, der eine Sportschule im Nachbarort besuchte.» Ihre Augen leuchteten, als sie von ihrem Verlobten sprach. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich neidisch oder froh über meine Unabhängigkeit sein sollte. «Inzwischen hat Edward uns verziehen, aber er war jahrelang echt sauer», fügte sie schmunzelnd hinzu und spießte eine Cocktailtomate auf.
Ich grinste. «Kann ich mir vorstellen.»
Gemeinsam aßen wir, obwohl Rosalie mehr herumstocherte als wirklich etwas davon zu sich zu nehmen. «Warum bist du eigentlich nicht mit den anderen frühstücken gegangen? Ich dachte, das war so ausgemacht?» Ich war so neugierig, die Geschwisterbeziehungen waren für mich etwas ganz Neues. Sie waren alle so liebevoll zueinander und das mochte ich irgendwie.
«Ach die drei sind so selten unter sich. War mal wieder Zeit dafür.»
«Hm.», machte ich nur.
«Hast du auch noch Geschwister?», fragte sie.
«Nein.», sagte ich. «Leider, wenn ich mir Alice und Emmett so angucke…» Solange ich denken konnte, hatte ich eine Schwester gewollte, aber meine Eltern schienen nach mit genug von Kindern zu haben.
«Dann musst du sie mal mit Edward erleben. Es ist unmöglich, mit beiden in einem Raum zu sein, ohne das man neidisch wird. Der eine beendet die Sätze des Anderen. Ich kenne die zwei schon ewig, aber ich werde mich nie an diese Familie gewöhnen. Sie halten zusammen wie«, sie zog die Augenbrauen kraus und überlegte, «wie Ernie und Bert aus der Sesamstraße, wenn du so willst.» Wir lachten über ihren Vergleich. «Ernsthaft, es gibt’s nichts, dass sie trennen kann. So etwas gab es nicht in meinem Elternhaus.», sagte Rosalie.
«In meinem auch nicht», sagte ich leise und legte die Gabel weg. Der Appetit war mir vergangen.
Nachdenklich trank ich meinen Saft. Es beruhigte mich, dass sie offenbar diesen Neid auch empfand, der in mir war. Ich schämte mich dafür, Emmett und Alice waren so nett. Aber irgendwie fühlte ich mich noch weniger besonders als sonst schon, wenn ich an diese Familie dachte.
Nachdenklich trank ich meinen Saft. Es beruhigte mich, dass sie offenbar diesen Neid auch empfand, der in mir war. Ich schämte mich dafür, Emmett und Alice waren so nett. Aber irgendwie fühlte ich mich noch weniger besonders als sonst schon, wenn ich an diese Familie dachte.
«Wann hast du deine Einführungsveranstaltung heute?», fragte sie mich.
«Um zwei, muss also bald los. Was hast du heut?» Rosalie studierte Medienkommunikation.
«Ich habe erst morgen wieder Kurse, heute ist noch mal Ruhe angesagt, schließlich ist Sonntag. Ich werde mich mit Emmett treffen und den Anfang des Semesters gebührend feiern!» Sie lächelte verschmitzt. Ich bekam eine Ahnung, was sie sich darunter vorstellte.
Ich grinste. «Dann lass uns mal losgehen.» Wir räumten unsere Tabletts ab und verließen die Mensa. Sie ging zu ihrem Freund zurück um zu feiern und ich kehrte in unsere Wohnung zurück.
Alice war wieder da, ich hörte sie schon lachen, als ich die Tür aufmachte.
«Hey!», rief ich ihr zu und warf den Schlüssel in die Holzschale auf der Kommode neben der Tür. «Wie war euer Frühstück?»
«Bella!», rief sie zurück und fiel mir um den Hals. Ihre schwungvolle Art überrumpelte mich. «Stell dir vor, Edward hat drei mögliche Wohnungen für uns. Er kommt gleich her und dann schauen wir sie uns an. Hast du jetzt Zeit?»
Ich sah auf die Uhr. Es war genau ein Uhr. «In einer Stunde hab ich die Einführungsveranstaltung. Schaffen wir das bis dahin?»
«Klar, wir beeilen uns einfach!»
Schlurfend und noch immer ein bisschen angekratzt vom vielen Alkohol ging ich in mein Zimmer und packte alles in meine Tasche, das ich für heute brauchte. Alice war aufgeregt und schnatterte die ganze Zeit über ihre Vorstellungen von einer perfekten Wohnung, aber im Gegensatz zu Jessica nervte es mich nicht, es amüsierte mich eher. Wir warteten im Wohnzimmer auf ihren Bruder, während ich mich darüber wunderte, wie er über Nacht geschafft haben soll, uns mehrere freie Wohnungen zu besorgen. Dieser Edward musste entweder ein total Organisationsgenie sein, oder sonst welche hochgradigen Talente besitzen, die mir abgingen.
«Ist Jessica schon weg?», fragte ich.
«Ja, sie ist vor zehn Minuten losgegangen. Ich muss sagen, jetzt wo sie schweigt ist sie zu ertragen.»
Ich lachte. «Ja, bis sie uns morgens den Kaffee vergiftet.» Alice grinste und es klingelte an der Tür. Nichtsahnend schnappte ich mir meine Strickjacke und meine Tasche und sie machte die Tür auf.
Mich traf der Schlag, als ich ihren Bruder sah.
Es regnete wohl draußen, denn seine Haare und sein T-Shirt waren nass geworden. Ein paar Strähnen hingen ihm ins Gesicht und er schob sie sich lässig aus der Stirn. Seine hellgrünen Augen musterten mich kurz, ehe er sich an Alice wandte. Er sagte etwas zu ihr, aber ich hörte nicht zu.
Er war der Mann aus der Buchhandlung, nur das er mir heute noch schöner vorkam. Das Kribbeln von gestern Abend kehrte zurück, ebenso meine Phantasien davon, wie er mich küsste. Mühsam löste ich mich von dem Anblick seiner Augen.
Seine Lippen waren gerötet, ein paar Wassertropfen glänzten auf seiner blassen Haut. Ich wartete darauf, dass er mich als die Frau erkannte, die ihm gestern an der Hosentasche herumgefummelt hatte, aber er schien mich nicht wieder zu erkennen. Das war ganz und gar nicht schmeichelhaft, aber ich war auch nicht gerade Gisele Bündchen.
Der Sauerstoff in meinen Atemwegen schien knapper zu werden und ohne, dass ich es wollte, holte ich hektischer Luft als es normal war. Der Mann von gestern war Alice Bruder Edward! Ich konnte es kaum glauben. Ich wollte etwas sagen, aber wieder brachte ich keinen Ton heraus. Ich würgte immerhin ein Husten hervor und Alice drehte sich zu mir um und schob mich aus der Wohnung.
«Wenn du deine Beine nicht benutzt, schaffen wir es ganz sicher nicht zu deiner Veranstaltung», sie klang sehr amüsiert.
«Hä?», machte ich. Wovon redete diese Frau? Ich konnte ihr nicht folgen, zu groß war meine Freude und Überraschung darüber, diesen geheimnisvollen Cullen wieder zusehen. Er lachte, höchstwahrscheinlich über mich, was ich ihm nicht mal verübeln konnte. Sein Lachen war so umwerfend, das ich auch automatisch mitlächeln musste.
Schlagartig wurde mir bewusst, wie dämlich ich mich benahm und versuchte, meinem Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck zu geben.
«Wir wollten uns doch Wohnungen ansehen», erinnerte mich Alice.
«Ach ja, richtig», sagte ich lahm. Obwohl ich es nicht mal wollte, musste ich zwanghaft von ihr zu ihrem Bruder gucken. Jetzt lächelte er mich nur leicht an und legte den Kopf schief. Mit einer Hand fuhr er sich durch die Haare über der Stirn und zog die Hand bis an den Hinterkopf durch die bronzene, verwuschelte Frisur. Einzelne, widerspenstige Strähnen blieben einfach senkrecht nach oben stehen, andere legten sich sofort zurück in das Chaos, da er aber an den Seiten etwas kürzere Haare hatte, sah gerade diese Mischung aus gewollt und ungewollter Zerzaustheit grandios aus.
Wow. Solange hatte ich noch nie über eine Frisur nachgedacht.
«Edward, würdest du das bitte lassen», sagte Alice gereizt. Er grinste und wandte den Blick von mir ab. Ich wusste nicht, womit er seine Schwester auf die Palme gebracht hatte, aber es ging mich ja auch nichts an.
«Tut mir Leid, aber es ist so unglaublich witzig», lachte er. Was so lustig sein sollte, kapierte ich auch nicht, doch ich wurde das Gefühl nicht los, das es was mit mir und meiner Fangirl-Reaktion zu tun hatte, so als wäre ich erst zwölf und nicht zwanzig Jahre alt. Wir gingen zusammen den Flur entlang und ich hielt einen angemessenen Abstand zwischen Mr Unwiderstehlich und mir ein.
«Ist er immer so… ähm… keine Ahnung ob es das richtige Wort ist, aber … betörend?», flüsterte ich so leise, dass nur Alice es hören konnte.
Sie kicherte. «Mach dir nichts draus, das geht den meisten Mädchen so.»
«Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist», gestand ich. Mein Herz schlug immer noch viel zu schnell und wollte sich gar nicht mehr beruhigen.
«Du hast wohl einen Schock», sagte Edward und drehte sich zu mir um. Es schien, als habe er großen Spaß daran, mich so lächerlich zu finden, wie es nur ging. Vermutlich war es das, was mich in die harte Realität zurückholte.
«Sehr witzig», murmelte ich.
«Danke für das Kompliment. Und ich glaube, betörend war das richtige Wort.»
«Daran war gar nichts als Kompliment gedacht», stellte ich richtig.
«Als ob dein Ton daran Zweifel ließ…»
«Ist er immer so ein Arschloch?», sagte ich halblaut in Richtung Alice, so dass er es auch klar und deutlich verstehen konnte.
«Bist du immer so zickig?», fragte er zurück.
«Ich hab mit deiner Schwester geredet», ätzte ich.
«Weißt du nicht wie unhöflich es ist, über jemanden zu lästern, wenn er danebensteht?»
Wir liefen an einem Hörsaal vorbei, aus dem gerade einige Studenten herauskamen und er wich einem Mädchen aus, das direkt auf ihn zugestolpert kam.
«Ich habe nicht gelästert», protestierte ich und wandte keine Sekunde lang den Blick von seinem schönen Gesicht. «Du solltest froh sein, dass-»
Ich knallte plötzlich mit jemandem zusammen, verlor das Gleichgewicht und wurde zu Boden gerissen.
Ein Typ, den ich vom Sehen her schon kannte, presste mich auf die Erde und starrte mich an.
«Da hab ich ja mal richtig Glück.», flüsterte er und grinste.
Ein Typ, den ich vom Sehen her schon kannte, presste mich auf die Erde und starrte mich an.
«Da hab ich ja mal richtig Glück.», flüsterte er und grinste.
«Würdest du vielleicht aufstehen?», fragte ich genervt. Ich wollte lieber gar nicht wissen, was Edward und Alice wohl dachten. Es war mir unendlich peinlich. Warum musste so was immer mir passieren?
«Eigentlich gefällt es mir hier ganz gut. Ich bin Mike» Mutwillig oder nicht, in jedem Fall presste er sich regelrecht an mich. Er hatte braune, glatte Haare, ein breites Gesicht und seinem Gewicht auf meinem Körper nach zu urteilen, musste er die gleiche Anzahl Kilos auf den Rippen haben wie ein Rhinozeros.
«Das ist schön für dich», ächzte ich. «Trotzdem bist du schwer und wir liegen mitten im Flur, würdest du also die Güte haben, aufzustehen?»
«Du willst doch gar nicht, das ich aufstehe, hab ich Recht?», flüsterte er anzüglich.
«Dort, und zwar sofort, wenn es nicht zuviel verlangt ist.», sagte ich kalt. So einem schmierigen Typ gegenüber fiel es mir leicht selbstbewusst zu sein. Außerdem widerte seine aufdringliche Art mich ziemlich an. Fiel das nicht schon unter sexuelle Belästigung?
Er erhob sich widerwillig und reichte mir seine Hand um aufzustehen. Ich ignorierte sie und ließ mir lieber von Alice helfen, die ein Kichern kaum unterdrücken konnte.
«Also, wer bist du?», fragte er mich.
«Julia Capulet.», antwortete ich bissig und klopfte mir den imaginären Staub von der Hose, um nicht zu unseren Zuschauern blicken zu müssen, die ich beide lachen hörte. Toll, das war sicher ein geeigneter Auftritt von mir, um Alice Bruder zu beeindrucken. Mike beachtete die beiden gar nicht, er hatte offensichtlich lediglich Augen für mich.
«Freut mich, Julia. Vielleicht darf ich dich mal wiedersehen?» Ich starrte fassungslos in sein dümmlich grinsendes Gesicht. Begriff er denn gar nichts?
«Tut mir leid, aber ich habe vor mit meinem Verlobten durchzubrennen.» Ich rieb mir den schmerzenden Ellenbogen. Offenbar hatte es da jemand nicht so mit Klassikern wie Romeo & Julia. «Ich muss gehen, Mike, tut mir wirklich Leid.», sagte ich sarkastisch und lief einfach an ihm vorbei.
«Du bist verlobt?», rief er mir verzweifelt hinterher. Edward und Alice kriegten kaum noch Luft vor Lachen.
«Hast du dir was getan?» erkundigte sie sich mit einem breiten Grinsen, als wir ein paar Schritte gegangen waren und sie ihren Lachanfall überstanden hatte.
«Du meinst außer der Tatsache, dass ich jetzt eine Woche lang duschen will?», meinte ich. «Nein. Mir geht’s gut.»
«Aber du hast ihm ne tolle Abfuhr verpasst.», bemerkte Edward anerkennend.
«Danke.», nuschelte ich und vermied jeden Blick auf ihn. So eine Blöße wie vorhin wollte ich mir nicht noch mal geben. Das musste ja passieren, dass ich mit jemandem zusammenstieß nur weil meine Augen an seinem Gesicht klebten wie eine Fliege an einem Honig-Fliegenfänger.
«Er ist ein Idiot, ich kannte den Kerl. Das war Mike Newton, er ging bis vor zwei Wochen mit einer Freundin von mir aus. Der ist letztes Semester durch fast alle seiner Kurse gefallen. Strohdumm, aber seine Eltern haben mehr Geld, als ihm und seinem ungesunden Selbstbewusstsein gut tun», erzürnte er sich.
«…Und mir vorwerfen, ich würde lästern», raunte ich in meinen nicht vorhandenen Bart.
*
Wir stiegen ein paar Treppen hinauf und liefen dann wieder über einen Flur.
«Die erste Wohnung befindet sich in einem Anbau.», erklärte uns Edward. «Soweit ich weiß, liegt sie im dritten Stock.»
Wir hielten vor einer weißen Tür. Edward zog einen Schlüssel aus seiner Jeanstasche hervor und ich bedauerte es sehr, dass er mich nicht wieder um Hilfe gebeten hatte. Ihm noch einmal so nah zu sein – nur ein einziges Mal, das war im Moment von all meinen Wünschen der innigste.
Alice und ich folgten ihm ins Innere der Wohnung. Sie war etwas größer als unsere jetzige und hatte ein tolles Bad. Allerdings sah die Küche aus, als wäre sie ein Importmodell aus dem Vietnam.
Ich schaute zu Alice. Sie rümpfte die Nase und ich tat es ihr gleich.
Ich schaute zu Alice. Sie rümpfte die Nase und ich tat es ihr gleich.
«Ich find sie auch nicht berauschend.», meinte Edward, der unsere Reaktionen offenbar abgewartet hatte, bis er selbst was dazu sagte. «Aber die anderen beiden werden hoffentlich besser sein.»
Wir liefen wieder ein Stück zurück und die Treppen hinunter.
«Sag mal, wie hast du es nun eigentlich geschafft, über Nacht drei Wohnungsschlüssel zu kriegen?», fragte Alice ihren Bruder. «Jetzt, wo Emmett nicht mehr dabei ist und dich auslachen wird, kannst du es mir doch sagen, oder?»
«Ich habe einen Briefkasten und gute Kontakte, das ist alles», erwiderte er.
Seine Schwester zog die linke Augenbraue hoch. Edward sah es und rollte mit den Augen.
«Okay, wie du willst, ich hab einfach ein paar Leute angerufen und ein bisschen herumgefragt und dann alle gebeten, die Schlüssel in meinen Briefkasten zu werfen.»
«Leute?»
«Frauen, okay? Ja, es waren Frauen.» Er klang definitiv genervt.
«Ich hoffe, du musstest niemandem dafür flachlegen», sagte sie ironisch. Zumindest hoffte ich, dass sie das ironisch gemeint hatte.
«Leider nicht», murmelte er. Ich verkniff mir ein Lachen, als ich es daraufhin im Gesicht seiner Schwester vor Empörung eifrig brodeln sehen konnte.
«Was willst du eigentlich von mir hören?», fragte er halb trotzig, halb wütend. Offenbar waren Frauen zwischen den beiden ein heikles Thema. Ich versuchte, mich so klein und dünn zu machen, wie es nur ging, um ihnen nicht das Gefühl zu geben, dass ich lauschen würde,
«Dass du aufhörst, mit jeder zu vögeln, die das Pech hatte, dir über den Weg zu laufen», gab Alice zurück.
Er lachte, aber es klang nicht, als würde er es lustig finden. «Was geht dich mein Sexleben an? Misch ich mich in deines ein?»
«Nein, aber ich benehme mich ja auch nicht wie eine… eine…»
«Schlampe?», half er ihr aus. Seine Stimme klang kalt wie Eis.
Alice Wangen zierten daraufhin rote Flecken. «Nein, das nicht. Aber… du gibt’s dich für etwas her, das unter deiner Würde ist! Du bist der beste Bruder, der beste Freund den ich habe! Aber alles, was andere von dir zu sehen kriegen ist Arroganz und deinen… deinen…» Sie machte eine undeutliche Bewegung in die Luft.
«Nackten Hintern?», schlug ich vor und versuchte gleichzeitig, ihn mir nicht nackt vorzustellen. Vergeblich.
«Schwanz?», lautete Edwards lässig vorgeschlagene Ergänzung. Ich musste ihn wohl leicht schockiert angesehen haben, denn er lächelte.
«Was ist?», fragte er mich.
«Hast du das Tourette-Syndrom oder so?» Wir schmunzelten beide, was ein vertrautes Gefühl hervorrief: Tanzende Schmetterlinge hinter meinem Bauchnabel. Uh, das war gar nicht gut. Nicht bei einem Kerl wie ihm, dessen glühende Schönheit jede Frau wie ein Streichholz entflammte, die seinen Weg kreuzte.
«Nein. Alice fürchtet sich im Gegensatz zu mir vor Ausdrücken dieser Art», grinste er.
«Na und!», reagierte sie hitzig. «Mit jeder Frau zu schlafen, die nicht wie ein Yeti aussieht, wird dich am Ende nicht glücklich machen, Edward. So gut kenne ich dich!»
Ungewollt spitzte ich die Ohren. Er schlief mit jeder Frau, die nicht wie ein Yeti aussah? Unauffällig versuchte ich, meine Spiegelung in den Fenstern zu betrachten, an denen wir vorbeigingen.
In dem Moment, als mir bewusst wurde, worüber ich da nachdachte, schoss mir das Blut in die Wangen. Peinlich… uh. Echt peinlich. Gott sei Dank konnte keiner der beiden Gedanken lesen.
«Ich weiß, du machst dir nur Sorgen, aber mir geht’s gut, okay? Ich weiß schon, was ich tue», sagte er lediglich und beendete damit den Streit.
Die nächste Wohnung befand sich in einem anderen Haus. Sie lag im Erdgeschoss. Edward hielt uns die schwere Haustür auf. Der Geruch hier drin war angenehm, es roch nach Holz. Wir liefen einen kurzen Flur entlang und auf der linken Seite schloss er die nächste Wohnung für uns auf.
Sie gefiel mir auf Anhieb. Von der Tür aus kam man in ein großes Wohnzimmer, das ein großes Fenster hatte, vor dem ein paar Tannen standen. Rechts ging es in eins der Schlafzimmer, dahinter lag die Küche. Gegenüber war das zweite Schlafzimmer und zwischen ihm und der Küche lag das Bad.
«Nicht schlecht.», sprach Alice aus, was ich dachte. Auf dem Fußboden war Parkett verlegt, das sicher schon einige Jahre hinter sich hatte. Dennoch war alles in einem guten Zustand.
«Nicht schlecht.», sprach Alice aus, was ich dachte. Auf dem Fußboden war Parkett verlegt, das sicher schon einige Jahre hinter sich hatte. Dennoch war alles in einem guten Zustand.
«Die Wohnung ist nicht möbliert, aber das ist dir ohnehin lieber, oder?», fragte er seine Schwester. Sie nickte bloß und begutachtete fachmännisch die Kacheln im Bad. Ich drehte mich halb zu ihm um, weil ich ihn gähnen hörte. Anmutig, wie kein zweiter dazu fähig sein könnte, streckte er die Hände hinter seinem Kopf nach oben. Die Muskeln an seinem Arm traten deutlich hervor, vorn an seiner Brust spannte sein T-Shirt.
«Auf jeden Fall nehmen wir die. Was sagst du dazu, Bella?»
Ich reagierte nicht, ich war zu beschäftigt damit, ihren Bruder anzustarren.
«Bella?», fragte Alice energischer.
Ich zuckte bei ihrer lauten Stimme zusammen und sah sie an. In ihrem Gesicht las ich, das ich schon wieder dabei war, mich komplett lächerlich zu machen. Großartig. Wirklich toll.
«Uh, bin heut wohl etwas unkonzentriert. Tut mir ehrlich leid», entschuldigte ich mich bei ihr. «Ich mag die Wohnung, schlicht und hübsch», fügte ich rasch hinzu.
«Schlicht und hübsch, das mag ich auch», kommentierte ihr Bruder und er grinste uns zwei so unverschämt an, dass ich versucht war, ausnahmsweise mal mit ihm zu lachen, denn dieses eine Mal lachte er nicht über mich.
*
Um zwei Uhr verabschiedete ich mich und machte mich auf den Weg zu meiner Veranstaltung.
Ich fragte mich bis zum Hörsaal durch und als ich endlich drin war, stellte ich fest, dass alle Plätze belegt waren. Es war ein schöner Raum. Er hatte eine hohe Decke wie jeder große Raum hier in Yale und eine meterhohe Holzvertäfelung an den Wänden. Darüber waren Decke und Wände weiß. Der Tisch des Dozenten war drei Meter lang und einige Geräte standen darauf herum. Die Sitze bestanden aus Holz mit blauen Polstern und es gab mindestens 50 Reihen hier. Es war keinen einzigen Platz mehr frei, deshalb stellte ich mich ganz nach hinten neben ein Mädchen, das ein bisschen verloren aussah. Sie sah mich schüchtern an.
Ich lehnte mich an die Wand und ließ meine Gedanken schweifen, solange der Dozent die Veranstaltung noch nicht begann.
Ich hatte mir Alice Bruder anders vorgestellt. Das heißt, genauer gesagt hatte ich gar keine konkrete Vorstellung von ihm gehabt, doch dass er der Typ aus dem Buchladen war, kam völlig überraschend. So schnell hatte ich auch nicht damit gerechnet, ihn wiederzusehen.
Ich erinnerte mich an das Gespräch von gestern, in dem Rosalie und Emmett Alice von Edwards neuer Freundin erzählt hatten. Ihren Name hatte ich vergessen, aber das war auch nicht wichtig. Irgendwer hatte erzählt, Edward wäre im dritten Semester. Dass er Wirtschaft studiert, hatte ich mir ja bereits beim Abarbeiten seiner Bücherliste gedacht. Was wusste ich noch über ihn? Nun, ich kannte seine Eltern, die wirklich unglaublich nett waren, und ich wohnte mit seiner Schwester zusammen. Bei dem Gedanken, Edward dadurch öfter zu sehen, wurde mir ganz flau im Magen. Ob aus Angst oder Vorfreude, konnte ich beim besten Willen nicht sagen.
Das Mädchen neben mir sah wieder zu mir rüber. Vielleicht wollte sie mich ansprechen, traute sich aber nicht.
«Hallo. Ist heut auch dein erster Tag?», fragte ich sie.
«Ja.»erwiderte das Mädchen und schien froh darüber zu sein, dass ich den ersten Schritt gemacht hatte. «Ich bin Angela.» Sie hatte lange, braune Haare und trug eine modische Brille. Ihre Figur war toll, besser als meine. Ihre Beine steckten in einem besonders schönen Paar Pumps.
«Tolle Schuhe.», bemerkte ich. Sie strahlte. «Ich bin übrigens Bella Swan.»
«Wow, das ist ein hübscher Name.» Sie drehte sich wieder nach vorn, um zuzuhören, aber unser Schweigen war nicht unangenehm.
Der Dozent begann seinen zweistündigen Monolog. Er erklärte uns, dass wir hart arbeiten müssten hier in Yale, härter als woanders. Ich meinte ihn halblaut «härter als in Massachusetts» murmeln zu hören, aber ich war mir nicht sicher. Harvard und Yale führten einen jahrhundertealten Konkurrenzkampf, sei es in sportlichen oder bildungstechnischen Wettbewerben. Bis in die Gegenwart zog sich diese Abneigung und ich merkte am Gelächter der Studenten, dass es auch schon in ihren Köpfen steckte.
Um halb fünf war ich wieder in der Wohnung und machte mir als erstes einen Kaffee. Ich legte eine CD von einer Rockband ein und genoss meine Portion Koffein. Es war noch angenehm warm draußen, trotzdem wickelte ich mich in eine Decke und döste ein bisschen vor mich hin, dachte über meine erste Woche hier nach, und wie viel sich schon verändert hatte.
Als der Rest Kaffee in meiner Tasse längst kalt war, stürmte Alice herein.
«Hallo Prinzessin», begrüßte sie mich munter und warf ihre Tasche auf den Boden. Sie vernahm die Musik, stutzte kurz. «Three Days Grace?», fragte sie.
Ich nickte. «Du kennst dich aus, hm?» Müde kuschelte ich mich tiefer in meine Decke.
«Mit einem Bruder wie meinem, passiert das zwangsläufig. Unterhalt dich mit Edward niemals über Shakespeare oder Musik. Das sind die beiden Themen, bei denen er nicht mehr aufhört zu reden.» Sie sah mein entsetztes Gesicht und grinste. «Übrigens scheint er ja einen ziemlich Eindruck auf dich gemacht zu haben.»
Die Hitze schoss mir ins Gesicht. «Ja? Meinst du?»
Alice lachte. «Mach dir deshalb bloß keine Gedanken. Mein Bruder hat das schon tausendmal erlebt, er macht sich mehr einen Spaß daraus.» Sie warf einen Blick auf meine Tasse. «Ist noch was da?»
«In der Thermoskanne auf dem Küchentisch», antwortete ich. Sie verschwand kurz und ich rief ihr «Hat jemals eine Frau so auf ihn gewirkt?» hinterher.
«Ja, aber nur ein einziges Mal.», sagte Alice und kam gleich darauf mit einer Tasse zurück. Sie lehnte sich an einen Sessel. Leider sprach sie nicht weiter und ich wollte nicht zu neugierig sein und noch mal nachhaken.
Was hielt ihr Bruder wohl von mir? Ich war nicht so vermessen zu denken, dass er über mich nachgrübelte, aber in welche Schublade steckte er mich wohl? Frauen, die er näher kennen lernen wollte? Frauen, die immer nur die Mitbewohnerinnen seiner Schwester bleiben werden? Frauen, an denen er gar kein Interesse hatte?
«Mir ist das sehr unangenehm, was muss er von mir denken», platzte ich heraus. «So wie ich ihn angestarrt habe.»
«Du bist noch ziemlich gefasst geblieben.», meinte sie und wackelte mit dem Fuß zum Rhythmus der Musik. «Es gab Mädchen auf der Highschool, die fingen an zu kreischen, wenn sie ihn sahen. Rosalie sind bei ihrem ersten Kuss die Beine weggeknickt, hat sie mal erzählt.»
Ich hätte gern über diese Absurdität gelacht, aber leider war es mir nicht möglich. Ich konnte mir tatsächlich vorstellen, dass Frauen so auf ihn reagierten. Was musste er für ein Leben führen, wie mochte es sich wohl anfühlen, wie ein Star angesehen und behandelt zu werden? Und war es da verwunderlich, dass er ein bisschen verdorben war, wenn er von jedermann bewundert wurde?
«Ich wünschte, ich könnte das Gegenteil behaupten, aber ich kann’s mir vorstellen», sagte ich.
«Ja, und trotzdem hat die Liebe seines Lebens ihn für unseren Bruder verlassen. Er hat ihnen nie einen Vorwurf ausgesprochen, dafür ist er zu stolz, aber es nagt sicherlich nach wie vor an ihm.»
«Kaum möglich, wenn man ihn sieht. Er wirkt so … distanziert. Nervt ihn das nicht, das ihm alle so zueigen sind?», fragte ich.
«Ich denke nicht.» Alice zuckte mit den Schultern. «Seine Art lenkt die Leute davon ab, etwas ganz anderes zu sehen. Er ist ein perfekter Schauspieler, seine Masken sind so echt, dass man sie nicht vom wirklichen Edward unterscheiden kann. Man weiß nicht, was tatsächlich in ihm vorgeht und er offenbart sich niemandem. Er spielt mit den Vorstellungen der Leute», erzählte sie seufzend.
Das verstand ich. «Es ist seine Sicherheit, sein Schutz.»
Sie nickte. «Aber er hat seine Momente. Vielleicht hast du das Glück, ihn mal beim Klavierspielen zu sehen.»
«Warum?», fragte ich neugierig. Das er Klavier spielte, überraschte mich so gar nicht. Es passte zu ihm.
Sie lächelte geheimnisvoll. «Das wirst du dann sehen.»
«Warum?», fragte ich neugierig. Das er Klavier spielte, überraschte mich so gar nicht. Es passte zu ihm.
Sie lächelte geheimnisvoll. «Das wirst du dann sehen.»
Sie stand auf und kramte in meiner Kiste mit den CDs herum. Wir brauchten dringend ein eigenes Regal dafür. «Hast du was von Dashboard Confessional?», rief Alice zu mir herüber. Ich verdrehte die Augen.
«Natürlich, alle Alben. Ich glaube, die liegen unten rechts.»
Sie legte mein Lieblingsalbum von der Band ein, «A Mark, A Mission, A Brand, A Scar», und hockte sich wieder auf den Sessel.
«Wie war eigentlich die letzte Wohnung?», wollte ich wissen.
«Gut, aber nicht so gut wie die zweite. Weiter weg.», erklärte sie. «Wir fragen meine Mom, ob sie uns die Wohnung einrichtet. Du wirst sehen, das wird super!»
«Aber Alice, deine Mom hat bestimmt viel zu tun», bemerkte ich. Es war mir unangenehm, dass ihre Eltern für uns beide die Gemeinschaftsräume der Wohnung einrichten wollten, ohne dass ich einen Beitrag dazu leistete.
«Mach dir keinen Kopf, Bella. Es wird ihr total Spaß machen.»
Ich holte gerade Luft, um weiterhin zu protestieren, da klopfte es an der Tür. Mit fiel wieder ein, dass Edward uns zum Essen abholen wollte. HALT! Nein, nicht uns, sondern seine Schwester. Mit mir hatte das nichts zu tun.
«Komm rein Edward, Tür ist offen!», rief Alice. Mir sank das Herz in die Hose. Er betrat leise unser Wohnzimmer, nicht mal seine Schritte auf dem Parkett waren zu hören. «Dashboard?» Er zog eine dunkle Augenbraue hoch.
«Klar.», sagte sie.
«Macht es euch was aus, wenn ich mich kurz setze?», fragte er und ließ sich in meinen Lieblingssessel fallen, ohne unsere Antwort abzuwarten. Er schloss die Augen. Ich sah nur kurz zu ihm und als mir bewusst wurde, was es in mir anrichtete, sah ich schnell wieder weg.
Eine unerklärliche und peinliche Sehnsucht befiel mich, wenn ich ihn betrachtete. Ich wusste nichts über ihn, ja, konnte ihn objektiv betrachtet vielleicht nicht mal sonderlich leiden und dennoch begehrte ich ihn. Seine Haare wirkten so weich, ich wollte sie mit meinen Fingern ertasten und hindurch streichen. Unbewusst stellte ich Vermutungen darüber an, wie sich ein Kuss von ihm anfühlen musste, ob er forsch küsste oder zurückhaltend, liebkosend oder beherrschend. Mir wär alles recht gewesen.
«Steht der Termin noch am Donnerstag?», fragte Alice.
«Sicher, um vierzehn Uhr. Immer noch mutig?» Er warf seiner Schwester ein keckes Lächeln zu.
«Natürlich.»
Ich wusste nicht, worum es ging und wollte nicht zu neugierig sein. Ich konzentrierte mich auf den Song «I Am Missing» und dachte darüber nach, was meine quirlige Mitbewohnerin über Edward gesagt hatte. War seine Distanz also ein Schutzmechanismus? Aber wovor wollte er sich schützen? Vor jemandem, der ihm zu nahe kam? Ich fragte mich, wie er wohl war, wenn er nichts vortäuschte. Ob ich das jemals erleben würde?
Ich wusste nicht, worum es ging und wollte nicht zu neugierig sein. Ich konzentrierte mich auf den Song «I Am Missing» und dachte darüber nach, was meine quirlige Mitbewohnerin über Edward gesagt hatte. War seine Distanz also ein Schutzmechanismus? Aber wovor wollte er sich schützen? Vor jemandem, der ihm zu nahe kam? Ich fragte mich, wie er wohl war, wenn er nichts vortäuschte. Ob ich das jemals erleben würde?
Ich riskierte einen weiteren Blick in seine Richtung. Er hatte die Beine angezogen und die Augen geschlossen. Ein Kribbeln fuhr an meiner Wirbelsäule entlang, als ich ihn beobachtete. Kurz dachte ich darüber nach, was meine heftigen Reaktionen zu bedeuten hatten. War ich verliebt? Ich forschte nach irgendwelchen Schmetterlingen in meinem Bauch, fand aber im Moment keine. War es dann eher eine körperliche Reaktion? Wollte ich Sex? In dem Moment stellte ich mir vor, wie es wäre, mit ihm Sex zu haben. Noch bevor meine Phantasie konkrete Formen annahm, entflammte ein Feuer und die Röte schoss mir ins Gesicht.
Aha, dachte ich. Es war also was Körperliches. Immerhin war ich so nicht in Gefahr, ein gebrochenes Herz zu bekommen. Allerdings würde das wohl eine ungestillte Sehnsucht bleiben, er sah mich ja nicht mal richtig an.
«Dashboard ist ne verdammt gute Band.», sagte er nach einer Weile einhelliger Stille zu seiner Schwester. «Perfekt für einen Sommerabend. Rosalies Cabrio, kaltes Bier, Wind, Sonnenuntergänge, das Meer, ein Lagerfeuer… einfach ein Abend zusammen mit Freunden...»
«Das wäre perfekt.», seufzte Alice sehnsüchtig. «Wir haben September, bald wird es zu kalt sein für Cabrios und Sonnenuntergänge.»
«Wir sollten nächstes Wochenende rausfahren.», schlug er plötzlich vor. Seine Augen strahlten vor Begeisterung. «Raus an den Strand, wie machen ein Feuer, grillen Mais und genießen die letzten Sonnenstrahlen dieses Sommers.»
«Klingt großartig!», quietschte Alice leidenschaftlich. «Du bist doch dabei, oder?», fragte sie mich.
Unwillkürlich sah zu ich zu Edward, der seine Smaragdaugen auf mich gerichtet hatte und mich ohne diese Scheu betrachtete, die ich ihm gegenüber immer aufwand. Ich konnte gar nicht anders. «Natürlich.»
Unwillkürlich sah zu ich zu Edward, der seine Smaragdaugen auf mich gerichtet hatte und mich ohne diese Scheu betrachtete, die ich ihm gegenüber immer aufwand. Ich konnte gar nicht anders. «Natürlich.»
*
Der Freitag kam rasch, der Tag des Umzugs. Alice hatte schon gestern ihre Kartons in die leere Wohnung gebracht, denn seit gestern waren wir offiziell Mieter einer Erdgeschoss-Wohnung im Siliman-Haus. Es war mir in Rätsel wie Alice es so schnell fertiggebracht hat, die alte Wohnung zu kündigen und diese hier zu bekommen. Als Studenten waren wir zwar nicht fest an Verträge gebunden, aber ein bürokratischer Aufwand war dennoch nötig. Ich nahm mir vor, sie niemals zu unterschätzen.
Esme und Carlisle, Alice Eltern, waren gestern den ganzen Tag über hier gewesen. Muskelbepackte Möbelträger schafften eine Couch, einen sehr großen Kühlschrank, bequeme Sessel und zahlreiche andere Dinge ins Haus. Ihr Vater räumte die Schränke ein und ich half Esme, ihrer Mutter, der Wohnung durch Pflanzen und Kleinkram den letzten Schliff zu geben. Ich hatte getan, was ich konnte, denn mehr dazu beizutragen konnte ich mir nicht leisten. Unterstützt wurde ich zwar auch durch ein Stipendium, aber das belief sich nur auf einhundert Dollar im Semester. Die Wohnung bezahlte ich von dem Geld, dass meine Eltern mir monatlich zum Leben überwiesen, was mit dreihundert Dollar gerade so für die laufenden Kosten reichte. Aber dadurch, dass ich arbeiten ging und selbst auf dem Sparkonto ein wenig beiseite geschafft hatte, müsste ich gut durchs Studium kommen, wenn ich keine großen Ausgaben tätigte.
Esme und Carlisle, Alice Eltern, waren gestern den ganzen Tag über hier gewesen. Muskelbepackte Möbelträger schafften eine Couch, einen sehr großen Kühlschrank, bequeme Sessel und zahlreiche andere Dinge ins Haus. Ihr Vater räumte die Schränke ein und ich half Esme, ihrer Mutter, der Wohnung durch Pflanzen und Kleinkram den letzten Schliff zu geben. Ich hatte getan, was ich konnte, denn mehr dazu beizutragen konnte ich mir nicht leisten. Unterstützt wurde ich zwar auch durch ein Stipendium, aber das belief sich nur auf einhundert Dollar im Semester. Die Wohnung bezahlte ich von dem Geld, dass meine Eltern mir monatlich zum Leben überwiesen, was mit dreihundert Dollar gerade so für die laufenden Kosten reichte. Aber dadurch, dass ich arbeiten ging und selbst auf dem Sparkonto ein wenig beiseite geschafft hatte, müsste ich gut durchs Studium kommen, wenn ich keine großen Ausgaben tätigte.
Alice hatte diese Sorgen gewiss nicht. Ihr Kleiderschrank war voll mit Designerklamotten, ihre Möbel exquisit, dass Make-up, das sie benutzte von Chanel. Eigentlich passte sie von den äußerlichen Gesichtspunkten gut nach Yale. Allerdings war sie keine Spur hochnäsig oder snobistisch, sondern hatte eine ansteckende Fröhlichkeit. Noch nie hatte ich einen Menschen getroffen, der soviel lachte wie sie.
Sie hatte einen schwarzen, recht kurzen Haarschnitt, war klein und zierlich, aber trug immer sehr hohe Schuhe, so dass ihre eigentliche Größe nicht auffiel. Ihre Worte konnte man quer durch die volle Mensa dröhnen hören, weil sie eine sehr hohe, von Natur aus schon laute Stimme hatte.
Jeder andere Mensch wäre vielleicht von der Aufmerksamkeit, die sie zwangsläufig erweckte, peinlich berührt gewesen, aber ihr Selbstbewusstsein war stark und ausgeprägt. Alice war nicht arrogant wie ihr Bruder Edward, aber er fiel noch mehr auf als sie.
Wo er hinging, folgten ihm Blicke. Wir hatten diese Woche an zwei Abenden zusammen mit den anderen gegessen und mein Mut, er würde mich je beachten, sank. So wie es aussah, standen ihm alle Möglichkeiten offen.
Er sprach kaum mal ein Wort mit mir und wenn, antwortete ich meistens bissig. Ich wusste, dass er mich für eine Zicke hielt, aber ich konnte nicht anders. Ich wollte mich nicht zu den Frauen einreihen, die für ihn mit ihren Wimpern klimperten und anzügliche Bemerkungen machten.
Er kam kaum zum Essen, weil ihn andauernd jemand begrüßte und mit ihm erzählen wollte, er schien die halbe Uni zu kennen. Manchmal warf einer seiner Kumpels auch einen Blick auf mich, aber da ich neben Alice und gegenüber von Rosalie saß, die beide unvergleichlich hübscher waren, zog ich diese Blicke nie lange an. Ich hatte schon Beziehungen gehabt, als ich in der Highschool war, aber noch nichts Ernstes. Dafür hatte ich eine Erklärung, denn es kam mir so vor, als würde meine Art die meisten Jungs oder Männer abstoßen. Ich sah recht unauffällig aus, was im krassen Gegensatz zu meiner Vorliebe für Exzentrisches stand. Leider hatte ich zudem noch wenig Vertrauen in die Gefühle anderer. Meiner Erfahrung wurden die Gefühle der anderen schon nach wenigen Wochen schwächer – während meine mit der Zeit eher immer stärker zu werden schienen.
Wenn ich es unauffällig tun konnte, beobachtete ich ihn. Am meisten mochte ich sein versonnenes, kleines Lächeln, wenn er anderen zuhörte. Er schien das gern zu tun, mir fiel auf, dass er viel weniger redete als seine Freunde. Er warf hin und wieder einen Kommentar ein, aber er drängte sich nicht auf, eher im Gegenteil. Genauso mochte ich es, wenn er lachte. Es klang schön, eher leise, aber es brachte mich immer dazu, selbst lächeln zu wollen.
Manchmal schien er zu spüren, dass meine Augen auf ihm ruhten und dann drehte er sich plötzlich zu mir um. Ein, zwei schreckensstarre Sekunden schauten wir uns an, dann taten wir, als sei nichts gewesen. Sein Blick war immer herausfordernd, so als erwarte er förmlich, dass ich auf ihn losgehen würde. Doch jedes Mal, egal welcher Intention es entsprang, fühlte ich mich mehr und mehr zu ihm hingezogen, wenn wir uns ansehen.
Heute hatte ich ihn noch gar nicht gesehen. Seit dem frühen Morgen war ich damit beschäftigt, mein gerade begonnenes Studentenleben in Kisten zu verstauen. Alice und ich konnten es kaum abwarten, dass unsere Kurse endlich begannen, aber vorher wollten wir die neue Wohnung schon bezogen haben.
Edwards, Rosalies und Emmetts Kurse begannen eine Woche früher als unsere und hatten daher wenig Zeit gehabt, uns zu helfen. Alice Vater war Arzt, er konnte problemlos für einen Tag seine Praxis schließen, um seiner Tochter zu helfen, zumindest sagte er das. Da sein Handy aber alle dreißig Minuten klingelte und die Vorzimmerdame seiner Praxis dran war, beschlich mich eher die Vermutung, dass er sein Kind der Arbeit vorgezogen hatte. Daran durfte ich nicht denken, mein Vater hätte das niemals für mich getan, nicht mal wenn ich im Krankenhaus gelegen hätte. Ich interessierte ihn einfach nicht, wir waren wie zwei Fremde füreinander. Alles, was er konnte, war mich anzumaulen für jeden Scheiß, der ihn irgendwie nervte. Seiner Meinung nach war ich für alles verantwortlich, was in unserer Familie schief lief, und da gab es eine Menge.
Deshalb fühlte ich mich irgendwie erleichtert, als Alice Eltern wieder weg waren. Ich mochte sie, aber ich konnte nicht mit ansehen, wie sehr sie ihre Kinder liebten. Es tat mir weh, jeder Blick, jedes liebe Wort, das ich nie erfahre hatte. Das Beste, was meine Eltern je für mich getan hatten, war mir Yale zu finanzieren. Dafür schuldete ich ihnen Dank und ich gab mein Bestes, aber ein College ersetzt einem die Eltern-Kind-Beziehung nicht.
Rosalie und Alice waren seit neun Uhr unterwegs, um Dekoration für unsere Wohnung zu kaufen. Was genau den beiden vorschwebte, wusste ich nicht, aber ich hielt mich da raus. Eine Vetomöglichkeit hatte ich ohnehin nicht, also ließ ich sie einfach machen. Die beiden waren die bestimmendsten Personen, die ich je kennengelernt hatte.
Ich war mit Jessica allein in der Wohnung und sie beobachtete mich mit Argusaugen, während ich Kiste für Kiste füllte. Sie sagte kein Wort zu mir, was mich eigentlich nicht störte. Ich fand nur ihr Starren nervig. Was dachte sie, was ich hier tat? Irgendetwas klauen? Dämliche Kuh, echt.
Es klingelte an der Tür und Jessica ging, um sie zu öffnen. Meine Tür stand offen, deshalb konnte ich problemlos das Gespräch zwischen ihr und unserem Besucher verfolgen.
«Hi», sagte eine Stimme, die so einzigartig war, dass ich sie sofort wiedererkannte. Edward! Ich lugte um die Ecke. Er trug eine blaue, verwaschene Jeans und einen weißen, eng anliegenden, dünnen Sweater, der am Ausschnitt ein paar Knöpfe hatte. Zwei davon standen offen.
Jessica starrte ihn nur an und rührte sich nicht, genau wie ich. Belustigt kam er ihr näher, streckte die Hand aus, als wolle er über ihre Wange streichen und sofort lehnte sie sich in seine Bewegung. Edward berührte sie. Mit dem Handrücken streichelte er ihre Wange, glitt unter ihr Kinn, hob ihren Kopf ein Millimeter an und strich dann mit seinem Zeigefinger über ihre Lippen.
In meinem Bauch explodierte eine irrationale Eifersucht, so stark, wie ich sie selten zuvor empfunden hatte. Mir wurde richtig schlecht davon.
«Hallo meine Schöne», lächelte er. Die Übelkeit verschlimmerte sich.
«Ähm … Hallo», murmelte Jessica atemlos. Noch immer hatte er sie nicht losgelassen. «Wer bist du?», fragte sie.
Edward lachte samtig und nun wurden auch meine Knie weich. Verfluchte Hormone!
«Finde es raus», hauchte er zart. «Wie heißt du, meine Schöne?»
«Jess», sagte sie und sah ihm ins Gesicht, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln.
«Schön dich kennen zu lernen. Ich bin Edward», sagte er.
Ich konnte mir vorstellen, was in dem Moment in ihr vorging, obwohl er zu mir nicht so nett war. War ich ihm nicht gut genug? Ich musste zugeben, so schlank wie sie war ich nicht und manchmal schminkte ich mich nicht mal, obwohl ich es eigentlich nötig hatte. Ich war keine dieser Frauen, die auch nicht zurechtgemacht, umwerfend aussahen. Ich musste mir schon ein bisschen Mühe geben.
Er ließ Jessica los, zwinkerte ihr zu und lief dann in meine Richtung. Ich versuchte so auszusehen, als hätte ich die Szene eben nicht beobachtet und fragte mich gleichzeitig, was er von mir wollte.
Er ließ Jessica los, zwinkerte ihr zu und lief dann in meine Richtung. Ich versuchte so auszusehen, als hätte ich die Szene eben nicht beobachtet und fragte mich gleichzeitig, was er von mir wollte.
Nicht das, was du willst, schoss mir durch den Kopf.
«Hi», sagte er und schob sich an mir vorbei in mein Zimmer. Er sah mich nicht mal dabei an, geschweige denn lächelte er mich so an wie sie.
«Hi», erwiderte ich nur.
«Alice meinte, ich solle dir mit den Kisten helfen. Hast du schon welche fertig, die rüber können?»
«Ja, diese sechs da.» Ich zeigte auf die großen Umzugskartons. «Danke, dass du mir dabei hilfst.»
«Ja, diese sechs da.» Ich zeigte auf die großen Umzugskartons. «Danke, dass du mir dabei hilfst.»
«Kein Problem.», erwiderte er und trug eine davon weg. Als er die Wohnung verlassen hatte – mit Jess im Schlepptau – setzte ich mich erstmal auf meine Bettkante. Ich wusste nicht warum, aber es machte mich traurig, dass er mich nicht einmal richtig bemerkte. Wollte ich am Ende doch mehr von ihm? Aber es fühlte sich gar nicht so an.
Heute hatte ich extra was Hübsches angezogen, eine dunkelblaue Jeans und ein blaues Satinshirt, weil ich damit gerechnet hatte, ihm während des Umzugs mal über den Weg zu laufen. Ich war leicht geschminkt und meine Haare gelockt, aber offenbar nahm er mich dennoch nicht wahr. Es war albern, warum wollte ich überhaupt seine Aufmerksamkeit? Ich spielte in der Kreisliga, er gehörte in die Champions League.
Ich wandte mich ab und packte weiter meinen Kram zusammen. Noch eine Kiste und dann war ich soweit. Edward kam zurück, ohne Jessica, aber dafür mit Emmett.
Ich sah ihn kurz an. Champions League? War ich noch zu retten? Edward und ich spielten nicht mal dieselbe Sportart.
«Hey Bella!», rief Emmett enthusiastisch und hob mich hoch. Ich wollte protestieren – ich war sicher zu schwer – aber er hatte keine Mühe mich ein Stück hochzuheben und kurz an seine muskulöse Brust zu drücken. Ich lachte auf und er ließ mich wieder runter. «Du siehst phantastisch aus», meinte er anerkennend und schmunzelte.
Ich machte einen Knicks. «Danke.» Edward schnaubte und nahm wortlos eine zweite Kiste.
«Hast du ein Problem?», fragte ich ihn. Sein Bruder sagte, ich sehe gut aus und ihm fiel nichts Besseres ein, als seinen Unglauben darüber auszudrücken? Gut, ich war lange nicht perfekt, aber ich war auch nicht hässlich.
«Geht dich das was an?», blaffte er mich an.
«Es ist nett, dass du mit hilfst, aber wenn du keinen Bock hast, kannst du es ruhig sagen.»
«Seh ich so lustlos aus, oder was?»
Er schien wirklich sehr mies drauf zu sein. Komisch, bei Jessica war er nicht so. Vermutlich konnte er mich einfach nicht leiden. «Ja, allerdings. Ich hab deine Schwester nicht gebeten, dass du mir behilflich bist. Es steht dir also frei, abzuhauen wenn du möchtest! Ich schaffe das auch prima alleine.» Wütend funkelte ich ihn an. Lieber hätte ich auch von ihm so berührt werden wollen wie Jessica, aber ich wusste, das würde sowieso nicht passieren.
«Ich tu das ja auch nicht für dich, sondern für sie!», sagte er bissig und presste seine Lippen hart aufeinander, so dass sie nur eine schmale Linie ergaben.
Tapfer schluckte ich alles hinunter, was in diesem Moment tief in mir brodelte und an die Oberfläche steigen wollte. Er drehte sich auf dem Absatz um und brachte den Karton weg.
Ich setzte mich auf eine Kiste und holte tief Luft.
«Mach dir nichts draus, Edward hat schlechte Laune», verriet mir Emmett. «Er hat heute mit seiner Freundin Schluss gemacht und wär jetzt lieber allein, denke ich, es war ein ziemliches Drama, mitten in der Mensa zwischen dreihundert gaffenden Studenten.»
«Dann soll er doch gehen, wir schaffen das doch alleine, oder?» Ich mochte ihn einfach, er schien unkompliziert, humorvoll und ehrlich zu sein. Ganz anders als sein Bruder. «Und vielleicht tuts ihm ja mal ganz gut, alleine zu schlafen und er kriegt sich wieder ein», fügte ich bitter hinzu. Emmett lachte wieder.
«Bis heut Abend hat Edward längst eine neue Freundin.»
*
Es dauerte den ganzen Abend, unsere Sachen einzuräumen. Edward war irgendwann zu einer Vorlesung verschwunden, dafür waren Alice und Rosalie wieder da. Zusammen hatten wir unser Wohnzimmer wunderschön eingerichtet.
Eine große Zimmerpalme stand links in der Ecke, daneben ein Fernseher. Gegenüber stand jetzt eine dunkelbraune Ledercouch, auf der hellbraune Decken lagen. Die Wände waren in einem hellblau gestrichen worden, mit einigen brauen Streifen abgesetzt. Ein offenes Bücherregal flankierte auf der anderen Seite den Fernseher. Unser Couchtisch war aus dunklem Holz und stand auf einem hellblauen Teppich. Alles war perfekt aufeinander abgestimmt, allein hätte ich das niemals hinbekommen. Ich wusste, dass Alice Mutter nicht arbeitete, aber hin und wieder für Freunde Wohnungen in der ganzen Welt einrichtete. Jetzt wusste ich auch warum, sie hatte ein Auge für Harmonie.
Mein Zimmer hatten Emmett und ich in einem hellen Gelb gestrichen. Es gefiel mir recht gut, auch wenn ansonsten hier das Chaos herrschte. Heute Abend würde mein Vater meine Zimmereinrichtung von zu Hause mitbringen, wozu ich ihn Gott sei dank überreden konnte.
Ich zog die Kisten mit der Musik zu mir ran und wollte sie eben auspacken, um sie in den CD-Ständer einzusortieren, da rief Alice nach mir. Erschöpft von dem anstrengenden Tag ging ins Wohnzimmer. Sie nahm mich bei der Hand und zog mir vor den Couchtisch.
«Guck mal, was Mom und Dad mir mitgebracht haben», kicherte sie.
An der Wand über der Couch hing ein großes, eingerahmtes Photo. Hinter mir hörte ich Emmett und Edward diskutierend ins Zimmer kommen, aber ich wandte den Blick nicht ab.
Das Bild hatte einen dunkelgrauen Hintergrund, auf ihm abgebildet war die Familie Cullen. Carlisle und Esme strahlten stolz und glücklich in die Kamera. Vor ihr stand Alice mit einem niedlichen Lächeln, sie sah so aus wie heute, also musste das Bild zeitnah aufgenommen worden sein. An Carlisles Seite stand Emmett, er grinste. Mir fiel auf, dass er nicht die feinen Gesichtszüge seiner Eltern geerbt hatte. Er sah ebenfalls sehr gut aus, aber sein Gesicht war gröber.
Auf der Seite seiner Mutter stand Edward, auch er lächelte. Das Lächeln war hauchzart, fast schüchtern, und selbst auf dem Bild war sein Blick so intensiv, das ich schlucken musste.
Das Beste und gleichzeitig Schlimmste an dem Photo war allerdings unsichtbar. Man fühlte beim Betrachten die Liebe, die zwischen diesen Menschen herrschte. Sie füllte jeden Zentimeter aus, sie quoll aus dem Bild und schlug mir entgegen.
So hatte ich mir eine Familie immer vorgestellt. Es tat weh, an meine eigene Familie zu denken, an meine Mutter, deren Job ihr wichtiger war als ich, an meinen Vater, der seit Jahren kein ein nettes Wort für mich übrig gehabt hatte.
Nur mit größter Mühe konnte ich ein Schluchzen unterdrücken. Ich wollte nicht weinen, nicht vor allen hier. Aber die Enttäuschung schlug so hohe Wellen in mir, dass ich auch nicht hier bleiben konnte, ohne mich zu verraten. Ich drehte mich nicht zu den anderen um, sondern floh schnellstens in mein Zimmer und schlug die Tür hinter mir zu. Nun traten mir doch Tränen in die Augen. Ich war fast zwanzig Jahre alt und weinte, weil meine Eltern mich nicht liebten. Ging es noch erbärmlicher?
Es klopfte sofort an die Tür. «Alice, gib mir kurz ne Minute, bitte.», rief ich von drinnen. Keine Antwort, aber es klopfte auch nicht mehr. Mit hängenden Schultern schlich ich zu meiner Musikanlage, die auf dem Boden stand. Ich legte Pachelbels Canon in D ein und drehte die Musik auf.
Langsam beruhigte ich mich wieder, sah wieder klarer. Bisher hatte ich eigentlich gedacht, ich hatte die Sache gut ihm Griff, aber offenbar war das gar nicht der Fall. Mir war bewusst, dass ich mich eben ziemlich blöd aufgeführt hatte, wie sollte ich den anderen meine Reaktion erklären, wenn sie fragten?
Aber es war so schwer, vorgelebt zu bekommen, wonach ich ein Leben lang sehnte: Nach Menschen, die mich liebten, um meiner selbst willen.
Zehn Minuten später klopfte es wieder. Meine Tränen waren versiegt und ich sammelte mich kurz. Schwerfällig hievte mich auf die Füße und machte die Tür auf. Zu meiner Überraschung stand Edward davor. Verlegen sah ich auf meine Füße. Großer Gott, ich schaffte es wirklich, innerhalb einer Woche den schlimmstmöglichen Eindruck bei ihm zu hinterlassen. Er musste mich für zickig, unansehnlich, schwach und eine ganze Reihe anderer nicht schmeichelhafter Dinge halten.
«Dein Vater ist da wegen deinen Möbeln.», sagte er nur. Ich trat an ihm vorbei, und da stand er mit einem Gesichtsausdruck, der mir Angst machte. Das gab Ärger. Die anderen waren weg, aber ich wusste nicht, wohin sie verschwunden waren.
«Nicht nur, dass du mich von wirklich wichtigeren Dingen abhältst, nun lässt du mich auch noch warten?», fragte er mich böse. Sein Unterton war schneidend, ich kannte das schon. Mein Innerstes war voller Narben, die genau daher rührten.
«Es tut mir leid, Dad», sagte ich mit fester Stimme. «Mein Zimmer ist hier, es ist lieb von dir, dass du-»
«Ja, ja», erwiderte er, ohne mich ausreden zu lassen. Ich schluckte.
«Ja, ja», erwiderte er, ohne mich ausreden zu lassen. Ich schluckte.
Als ich vor knapp zwei Wochen in die andere Wohnung gezogen bin, hatte er mir nicht geholfen. Ich war noch nicht einundzwanzig und konnte noch keinen Wagen mieten, das hatte mein Großvater für mich erledigt. Aber er war schon etwas betagt und konnte mir nicht tragen helfen, also hatte ich die großen Kartons selbst bis nach Yale geschafft und hier ausgeladen.
Ich war selbstständig, sicher. Aber nicht, weil ich gewollt hatte, sondern weil es keine andere Wahl gab.
«Kann ich helfen?», fragte Edward.
Misstrauisch sah mein Vater erst ihn an, dann mich. «Dein Freund? Wow, das hätte ich dir nicht zugetraut, Isabella.» Er sprach mich immer mit meinem Geburtsnamen an, auch wenn ich den auf den Tod nicht ausstehen konnte. Ich hatte diesen Namen sooft aus dem Mund meiner Eltern kommen hören, und immer voller Gleichgültigkeit oder Ärger. Deshalb stellte ich mich stets und überall als Bella vor.
Dad wandte er sich an Edward und verzog die Mundwinkel nach unten. «Ich weiß nicht, wer sie sind, aber wenn es ihnen ums Geld geht, soviel haben wir nicht, dass sie sich drum bemühen müssten.»
Ich würde gerne sagen, dass er heute gemeiner was als sonst, aber das stimmte nicht. Die einzigen Gründe für meinen Vater, sich an andere Menschen zu binden, waren finanzieller oder bequemlicher Natur. Er glaubte nicht an Liebe, zumindest jetzt nicht mehr. Vielleicht war es früher anders gewesen.
Der ausdruckslose Blick meines Vaters traf mich und ich versteckte mich halb hinter Edwards Rücken. Das war zuviel, viel zu viel. Mein Vater wie er leibte und lebte und ausgerechnet der Mann, den ich irgendwie toll fand, musste Zeuge meiner Demütigung sein.
«Sie sind sehr unhöflich, Sir.», sagte Edward kalt. «Und das nicht nur mir gegenüber.» Er ging auf meinen Vater zu und reichte ihm die Hand. «Ich bin Edward Cullen, der Bruder von Bellas Mitbewohnerin.»
Mein Vater gab ihm die Hand. Edwards Autorität war im ganzen Raum spürbar, aber mein Vater schien davon nicht beeindruckt zu sein.
«Ich hoffe nur, es lohnt sich für Sie», erwiderte er hämisch. Ich verkrampfte mich. Daran würde ich mich niemals gewöhnen, an die Tatsache, dass mein eigener Dad mich nicht leiden konnte.
«Ich hole die anderen Sachen aus dem Auto», murmelte ich nur und ging an ihnen vorbei. Ein paar Meter weiter gab es einen Parkplatz und da stand der Transporter. Ich hob ein paar Bretter an, die wohl zu meinem Bett gehörten. Ich schaffte sie gerade so anzuheben, aber ich war stur und zäh genug, ihm zu beweisen, dass ich auf eigenen Beinen stand. Mühsam schleppte ich sie zu meinem Zimmer, wo mein Vater gerade meine Kisten zur Seite schob, um Platz zu machen. Er war nicht sehr umsichtig dabei und ich zuckte zusammen, als es in meiner CD-Kiste knackte. Edward half mir mit den Brettern und sah mich aus unergründlichen Augen an.
«Was ist das hier!», rief mein Dad. «Was hörst du da eigentlich für kitschige, alberne Musik, Isabella?», fragte mein Vater. Noch ehe ich etwas tun konnte, drückte er auf den «Stopp»-Knopf, aber es tat sich nichts. Mein CD-Player war alt und kaputt, man musste erst auf «Pause» drücken und dann den Stecker ziehen, damit sich das Gerät ausschaltete. Ich wollte es ihm gerade erklären, da trat mein Dad unwirsch gegen den Player. Die Musik erstarb augenblicklich und mein Herz zog sich zusammen. Das konnte nicht gut für meine Lieblings-CD gewesen sein, aber ich traute mich nicht, etwas zu sagen. So gemein wie er heute drauf war, wollte ich ihm keine Möglichkeiten bieten, mich vor Edward weiterhin zu erniedrigen.
«Das ist nicht kitschig und albern, das ist Pachelbels Canon in D», schnauzte Edward ihn wütend an. Mir tat das alles so Leid, am liebsten wäre ich einfach im Boden versunken. «Vermutlich eines der schönsten Stücke des Barock überhaupt!» Er drehte meinem ignoranten Erzeuger den Rücken zu. «Ist der immer so?», zischte er mit unterdrücktem Zorn in meine Richtung.
«Hm.», machte ich nur und ging wieder zum Auto. Ich war erst ein paar Schritte gegangen, da rief er hinter mir her. «Bella, warte mal!»
Ich wandte mich um und blieb stehen, bis Edward mit mir auf einer Höhe war, bevor wir uns wieder auf dem Weg zum Auto machten.
«Was ist?», fragte ich schwach.
«Tut mir leid, dass ich vorhin so eine Zicke war. Ich war schlecht drauf», entschuldigte er sich.
«Schon gut, kein Problem», beschwichtigte ich ihn verwirrt. Damit hätte ich nie gerechnet. Sagte er das nur, damit er sich nicht mit meinem grässlichen Vater auf eine Stufe stellen musste? Zusammen trugen wir die restlichen, auseinander gebauten Möbel in mein Zimmer und ich haderte mit mir, ihn danach zu fragen, aber traute mich nicht so richtig. Ich hatte Angst, seine Antwort würde das schöne Gefühl zerstören, das wir auf einer Seite stehen, gemeinsam.
Als alles in meinem Zimmer war, kamen auch Alice und die anderen wieder. Sie hatten tütenweise Essen dabei und lärmten herum. Alle waren müde und ausgelaugt und freuten sich daher umso mehr auf das Wochenende.
«Hallo ihr!», rief Alice und tänzelte ins Zimmer. Sie sah meinen Dad freundlich an, der gerade meinen Bücherschrank zusammenschraubte und alle zehn Sekunden fluchte. «Das ist wirklich nett von ihnen, dass sie nach der Arbeit noch kommen, um Bellas Möbel vorbeizubringen. Ich bin übrigens Alice, ihre Mitbewohnerin.»
Mein Dad sah sie an. Er sah nicht glücklich aus. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. «Nimmst du Drogen, Mädchen?», fragte er. Was zur Hölle?
Sie sah ihn erstaunt an. «Nein, wieso?»
«Warum wackelst du dann beim Laufen und bist so überdreht? Ich bin Polizist, hat Isabella das nicht erzählt? Ich sollte mit dir einen Drogentest machen.» Emmett verkniff sich offensichtlich im Hintergrund das Lächeln. «Und mit so einem Junkie ziehst du zusammen», schüttelte er enttäuscht mit dem Kopf in meine Richtung.
Meine Haut prickelte vor Scham.
«Nein, Dad.», protestierte ich schnell und trat auf ihn zu. «Alice ist in Ordnung, sie hat einfach eine freundliche, überschwängliche Art. Du brauchst dir wirklich keine Gedanken zu machen, hier ist alles wie es sein soll.»
Er schob mich weg, nicht heftig, aber sehr bestimmend.
«Es war schön, dass du hier warst, Dad.», log ich, um ihn so schnell es ging loszuwerden. «Aber jetzt haben wir ja alles geklärt und du kannst wieder nach Hause fahren. Vielen Dank für alles, wirklich.»
Er sah erst mich an, dann in die Runde. Bei Rosalie und Edward blieb sein Blick länger haften. «Ich weiß nicht, was das hier für eine Hippiekommune sein soll, aber es wäre wirklich hilfreich, wenn du ab jetzt alleine klarkommst. Deine Mutter und ich bezahlen nicht für Yale, damit du uns bei jeder kleinen Schwierigkeit anrufst und uns anbettelst, dir zu helfen. Also lass das in Zukunft, du bist schließlich erwachsen.»
Bis auf Edward klappte allen anderen der Mund auf.
Er sah erst mich an, dann in die Runde. Bei Rosalie und Edward blieb sein Blick länger haften. «Ich weiß nicht, was das hier für eine Hippiekommune sein soll, aber es wäre wirklich hilfreich, wenn du ab jetzt alleine klarkommst. Deine Mutter und ich bezahlen nicht für Yale, damit du uns bei jeder kleinen Schwierigkeit anrufst und uns anbettelst, dir zu helfen. Also lass das in Zukunft, du bist schließlich erwachsen.»
Bis auf Edward klappte allen anderen der Mund auf.
«Geh einfach, Dad!», forderte ich.
Es herrschte betretenes Schweigen, nachdem mein Vater endlich weg war. Ich sah stur auf meine Füße. Noch nie hatte ich mich so blamiert gefühlt. Edward bewegte sich als erster, er kniete sich auf den Boden und machte die Musik wieder an. Pachelbel war wie eine Erlösung, alle schienen erstmal tief Luft zu holen.
«Das … tu-tut mir a-alles so … so … so leid», stotterte ich und sah dann zu Alice, die mich mitfühlend betrachtete.
«Ist nicht schlimm. Das macht doch nichts.» Rosalie und Emmett nickten mit aufmunternd zu und verließen dann mit Alice den Raum, um mich in Ruhe zu lassen.
«Ist nicht schlimm. Das macht doch nichts.» Rosalie und Emmett nickten mit aufmunternd zu und verließen dann mit Alice den Raum, um mich in Ruhe zu lassen.
Ich wusste, es gab noch eine Person, der ich eine Entschuldigung schuldig war.
«Edward, ich ... muss mich bei dir entschuldigen. Dass du das mit ansehen musstest und dass er dich beleidigt hat, tut mir Leid. Er ist manchmal einfach … gereizt.»
Er zuckte mit den Schultern. «Ich hoffe nur, dass deine Eltern dich nicht öfter besuchen.»
«Du wirst sie garantiert nie wieder sehen», murmelte ich.
Er ging nach draußen und ich überlegte ernsthaft, nun als ich allein war, ob ich die Bretter zu meinen Füßen nicht dazu nutzen sollte, mich hier einzumauern, damit ich nie wieder einen von ihnen unter die Augen treten muss. Mein Leben sah selbst neben normalen Leuten nicht perfekt aus, was mussten erst die Cullens denken? Es war mir so peinlich, ich schämte mich in Grund und Boden.
Zu allem Überfluss hackte nun auch die CD. Ich sah nach, durch den Fußtritt meines Vaters hatte das Album einen Sprung. Das war der perfekte Moment, zusammenzubrechen. Wenn nicht…
Alice kniete sich plötzlich neben mich und strich mir die Haare aus dem Gesicht. «Es ist gut, Bella. Keine Familie ist perfekt, auch unsere nicht. Kein Grund, sich zu schämen.»
Ich nickte unbeholfen. Ich kannte sie vielleicht erst wenige Tage, aber sie war mir bereits jetzt mehr Familie als meine eigenen Eltern. «Dankeschön», flüsterte ich. Sie lächelte und strich mir über den Rücken. Zusammen gingen wir ins Wohnzimmer und ich überlegte, wie ich das alles nur je bei Alice wieder gutmachen konnte.
Erst als wir alle auf dem neuen Sofa saßen und das chinesische Essen verputzten, das sie besorgt hatten, fiel mir etwas auf.
Edward hatte meinem Vater gegenüber nicht abgestritten, mein Freund zu sein.
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