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Tortuga
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von manu    erstellt: 08.08.2009    letztes Update: 08.08.2009    Actionabenteuer / P12     5 Reviews
1. Tortuga


„Wir brauchen ein Schiff und eine Crew!“, warf Gibbs, ein stämmiger älterer Mann mit einem verwegenen, aber doch freundlichen Aussehen, ein, als er sich langsam an Barbossas Anblick gewöhnt hatte. Eigentlich war er fest davon ausgegangen, dass dieser verfluchte Meuterer tot war und seine Enttäuschung war groß, diesen Kerl wieder lebendig wie eh und je vor sich stehen zu sehen. Selbst Pintel und Ragetti, das unzertrennliche Piratenpaar, welches sich in geistigen Dingen so hervorragend ergänzte, schienen sich in ihrer Haut nicht mehr wohl zu fühlen. Und das sagte eine ganze Menge über die neu entstandene Situation aus.

„Ein Schiff zu finden wird nicht schwer werden und um eine Crew anzuheuern, gibt es nur einen Ort, an dem ihr suchen müsst!“, half Tia Dalma der kleinen Gruppe auf die Sprünge.

Wills Augen blitzten auf, als er antwortete: „Tortuga!“

„Tortuga“, bestätigte sie ihm.

Murmelnd ging sie nach hinten in eine Art Hinterzimmer und fing an zu suchen. Dort war das Licht noch schlechter, als in dem Zimmer, in dem sie sich befanden. Fragend blickten sich alle im Raum verbliebenen an. Pintel und Ragetti zuckten mit den Schultern, Barbossa verdrehte genervt die Augen und Gibbs wusste nicht so recht, was er nun erwarten sollte. Elizabeth sah zu Will und er konnte ihre Tränen sehen. War es so um ihr Herz bestellt? Zu weiteren Überlegungen hatte er jedoch keine Zeit, denn so rasch, wie Tia Dalma verschwunden war, kehrte sie auch wieder zurück. Ein wissendes Lächeln zierte ihr Gesicht.

„Euch, Will Turner, gebe ich noch etwas Besonderes auf die Reise mit. Nehmt dieses Medaillon, es wird Euch noch von Nutzen sein. Gebt es weiter, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.“

„Erklärt es mir. Warum sollte es von Nutzen sein und wobei? Hattet Ihr das nicht auch von dem Glas gesagt, welches Ihr Jack gegeben habt? Wir wissen alle, wie es ausgegangen ist“, gab Will misstrauisch zurück.

„Auf dieser Reise werdet ihr jemanden treffen, William Turner. Jemanden, der Euer weiteres Schicksal leiten wird. Es ist wichtig, dass er dieses Medaillon bekommt, sonst könnt Ihr eure Reise nicht fortsetzen und ihr werdet scheitern.“

„Und weiß dieser jemand, was er damit tun muss?“, hakte er nach.

„Er weiß es, seid unbesorgt. Hütet es gut und übergebt es seinem rechtmäßigen Besitzer. Der Rest wird sich dann weisen.“

„Wie werde ich erkennen, wem ich es geben soll?“

„Ihr werdet es wissen. Vertraut mir. Vertraut Eurem Instinkt.“

Will zog die Stirn kraus, nahm das Medaillon zögernd aus Tia Dalmas Hand und legte es sich um. Es zeigte eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Münze mit einem Loch in der Mitte, durch welches ein Lederband gezogen war. Zusätzlich zu der Münze hing noch ein Stein an diesem Band. Will betrachtete das Geschenk kritisch und schob dann seine Gedanken darüber beiseite. Bei Tia Dalma wusste man ohnehin immer erst hinterher, wozu ihre Mitgaben dienten. So wie bei Jacks Glas voller Dreck – das ihm am Ende trotzdem nichts genützt hatte.

„An einem bestimmten Punkt Eurer Reise werden wir uns wieder sehen“, Tia Dalma machte eine kurze Pause, „ doch bis dahin seid Ihr auf Euch alleine gestellt“, verkündete die Woodoo-Frau abschließend und blickte sie der Reihe nach aufmerksam an.

Entschlossen sah Will zu Elizabeth und noch immer konnte er vor seinem geistigen Auge das Bild vor sich sehen, wie sie Jack geküsst und ihn anschließend auf der Pearl zurück gelassen hatte. Will verstand ihr Handeln einfach nicht und wenn er ehrlich war, dann wollte er es auch nicht verstehen. Sie hatte ihn verletzt. Schlimmer, als er es sich je hätte vorstellen können und dabei hatten sie doch schon fast vor dem Altar gestanden. Aber dieses Vorhaben war nun in sehr weite Ferne gerückt und durch ein anderes ersetzt worden.

Er sah ihre Tränen und ihre Verzweiflung und er wusste, dass er verloren hatte. Sie hatte sein Herz gebrochen und er konnte nicht sagen, ob und wann er ihr das jemals verzeihen konnte. Aber eines wusste er mit Sicherheit. Er liebte sie noch genug, um sie nicht leiden sehen zu können.

„Wir holen ihn zurück“, versprach er Elizabeth und sie nickte traurig. Es tat ihr leid, was sie Jack angetan hatte, denn sie hatte diesen Piraten lieb gewonnen und so sehr sie es auch wollte, sie konnte es nicht ungeschehen machen. Es war eben die einzige Möglichkeit gewesen, sie alle zu retten.

Als alle ihr Haus verließen und sich bereit für den Aufbruch machten, nahm Tia Dalma sich Barbossa noch schnell an ihre Seite und teilte ihm leise eine Nachricht mit. Eine, die er an einem bestimmten Ziel der Reise an jemanden aus der Crew weiter geben sollte. Würde er dies nicht tun, würde alles scheitern, denn sie waren, ob sie es wollten oder nicht, auf die Hilfe einer anderen Person angewiesen. Sie nannte ihm einen Namen und Barbossa, für den diese Person keine Unbekannte war, schrak zurück. Aber er konnte bereits erahnen, warum sie ausgerechnet diese Person auf ihre Seite ziehen mussten. Auch der Unbekannte hatte ebenfalls schon Anweisungen erhalten, wo und wann er warten sollte. Für die nachfolgenden Ereignisse trugen sie alle selbst die Verantwortung. Zumindest so lange, bis Tia Dalma wieder zu ihnen stoßen würde.

Und dann brachen sie nach Tortuga auf: Barbossa, Will, Elizabeth, Gibbs, Ragetti und Pintel… mit einem Ziel: eine Crew zu finden und Jack zu befreien.

**~**


In Tortuga, einer kleinen lausigen, dafür umso lauteren Stadt, die ausschließlich von Piraten und Frauenzimmern bewohnt wurde, hatte sich die Nachricht von Jacks Tod bereits herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Die einen trugen es mit Fassung, die anderen trauerten um ihn. Jeder tat es auf seine Art und Weise und doch gab es in dieser Stadt nur einen wirklich guten Weg: man betrank sich!

Eine Person in dieser Stadt tat dies allerdings nicht. Sie brauchte einen klaren Kopf bei dem, was sie vor hatte, denn es war der einzige Weg, wie sie ihn jemals wieder sehen konnte. Jack Sparrow! Weiberheld, Pirat und Lügner zugleich, aber doch jemand, der im Leben dieser Person eine Rolle spielte. Allerdings gab es außer Jack nur drei andere Menschen, die davon wussten. Die Person selbst, Barbossa und noch eine Frau, die aber das Versprechen abgelegt hatte, dieses Wissen zu hüten wie einen Schatz, der nie gefunden werden durfte.

Die Person, vollkommen in Schwarz gekleidet, bahnte sich einen Weg durch eine der vielen Kneipen und schob sich an betrunkenen Männern, singenden Frauen und schmutzigen Tischen vorbei in Richtung Ausschank. Als der Wirt erkannte, wen er da vor sich hatte, hielt er erschrocken den Atem an. Heute schien wirklich nicht sein bester Tag zu sein.

„Was kann ich für euch tun?“, fragte er entsetzt. Mit dieser Person wollte er sich lieber nicht anlegen, denn er kannte die Geschichten, die über eben jene in den letzten Jahren erzählt worden waren. Und allesamt waren sie nicht erfreulich.

„Bringt mir was zum Trinken“, tönte ihm entgegen, worauf der Wirt diensteifrig und hastig einen Krug Bier hinstellte.

Die Frau, die das Geheimnis dieser Person hütete, hatte ihr vor wenigen Tagen aufgetragen nach Tortuga zu gehen und dort zu warten, bis ein paar Männer mit einer Frau in ihrer Begleitung kamen und eine Crew sowie ein Schiff suchten. Sie hatte nicht gesagt, wer genau diese Männer waren, auch nicht, warum es so wichtig war, sich ihnen anzuschließen. Sie hatte nur verlauten lassen, dass es von großer Bedeutung war, Teil dieser Crew zu werden, denn nur so würde eine Begegnung mit Jack Sparrow in den Bereich des Möglichen gelangen. Und nur auf diesem Wege würde es endlich möglich werden mit Jack ihre längst überfällige Rechnung zu begleichen.
So blieb im Moment nichts anderes zu tun als darauf zu warten, dass diese Männer auftauchten und eine Crew anheuerten für ein Schiff, das sie ihres Wissens bisher noch nicht einmal besaßen.

**~**


Barbossa, Will, Elizabeth, Gibbs, Pinten und Ragetti betraten die durchdringend nach abgestandenem Bier und Wein riechende Kneipe und suchten sich einen freien Platz. Wenn sie Männer finden wollten, die bereit waren, auf einem Piratenschiff anzuheuern, dann hier! Wenigstens in diesem Punkt waren Barbossa und Gibbs ausnahmsweise mal einer Meinung. Überall tummelten sich skurrile Gestalten, einer besoffener als der andere, aber trotzdem wahnsinnig genug, um in die unbekannten Weiten hinaus zu fahren. Und genau solche Leute suchten und brauchten sie.

„Endlich wieder im Getümmel“, meinte Barbossa zufrieden, bevor er sich setzte und belustigt die Gäste beobachtete.

„Dann wollen wir mal ein paar Männer anheuern, oder zumindest versuchen, ein paar zu finden, die dumm genug sind, mit ihm hier auf See zu fahren“, brummte Gibbs in seinen verstubbelten Bart, dem es noch immer nicht behagte, dass er nun unter Barbossas Kommando stand.

Barbossa lehnte lässig in seinem Stuhl, zog einen weiteren heran und bot Elizabeth den Platz an. „Miss Turner? Oder ist es noch Miss Swann?“

„Miss Swann!“, antworteten Elizabeth und Will gleichzeitig, was Barbossa ein süffisantes und wissendes Lächeln entlockte. Er hatte damals, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen, schon das Gefühl gehabt, dass sich bei den beiden noch einiges tun würde. Allerdings hatte er zu einem kleinen Teil damit gerechnet, dass die Gouverneurstochter und der Schmied inzwischen wüssten, was sie wollten, aber dem war wohl nicht so. Das konnte also noch interessant und unterhaltsam werden.

Die kleine Gruppe nahm Platz und wartete, bis sich die ersten Verrückten blicken ließen.
Will sah von der Seite auf Elizabeth, deren Stimmung sich seit Jacks Tod nicht verändert hatte. Er hatte genau gesehen, was sich, kurz bevor sie von der Pearl gegangen waren, zwischen ihr und Jack abgespielt hatte. Aber er wurde einfach nicht schlau daraus. Warum hatte sie Jack geküsst? Warum hatte sie seine Gefühle dermaßen mit Füßen getreten? Reichte ihre Liebe zu ihm nicht aus? War die Anziehungskraft von Jack dermaßen groß, dass sie nun die Seiten wechselte?
Will konnte nicht leugnen, dass er wütend war. Auf wen sich seine Wut allerdings mehr konzentrieren würde, das würde sich erst dann entscheiden, wenn sie Jack zurück von wo auch immer geholt hatten. Aber vorerst, beschloss Will, wollte er jeder Unterhaltung mit seiner Verloben und Fast-Ehefrau möglichst aus dem Weg gehen, denn der Schock saß noch sehr tief.

**~**


Die unbekannte Person hatte das Eintreten der kleinen Truppe sofort bemerkt und ihr war nicht entgangen, dass es diejenigen zu sein schienen, die versuchten, eine Crew für ihr Schiff anheuerten. Eine illustre Runde, die mehr einem Wanderzirkus glich als einer Schiffscrew. Zwei Personen von ihnen riefen aber Erinnerungen wach. Als sie die Beiden allerdings das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch ganz klein gewesen, also würden sie sie vermutlich nicht mehr sofort erkennen, was ihr nur recht und billig war.

„Wollen wir doch mal sehen, ob das die Leute sind, nach denen ich suche“, murmelte sie. Eine der am Tisch sitzenden Personen stand auf und ging zum Tresen, um etwas zum Trinken zu besorgen. Als der Unbekannte Barbossa eindeutig erkannte, schickte er im Stillen einen Fluch zu einer bestimmten Frau. Dass mit Schwierigkeiten zu rechnen war, schien klar gewesen zu sein, aber diese hier?

Der Unbekannte zog seinen Hut tiefer ins Gesicht und trat auf Barbossa zu. Er musste alle Tricks versuchen, damit er nicht sofort erkannt wurde. Schließlich wollte er so lange es ging seine Identität verbergen und unerkannt bleiben. Aber würde Barbossa ihn nicht doch wieder erkennen? Schließlich waren seit ihrem letzten Aufeinandertreffen mehrere Jahre vergangen. Er entschied, dass es besser war, das Risiko erkannt zu werden, auf jeden Fall zu vermeiden.

„Ich will auf Eurem Schiff anheuern. Ich hörte, Ihr sucht fähige und unerschrockene Männer“, sprach er Barbossa mit tiefer, verstellter Stimme an. Den Hut hatte er tief in die Augen gezogen und so war von seinem Gesicht nur der untere Teil zu erkennen und darüber breitete sich der Schatten der Krempe aus.

„Und warum glaubt Ihr, dass ausgerechnet Ihr fähig genug für unsere Crew sein würdet?“, stellte Barbossa die unvermeidliche Frage, auf welche er schon gefasst gewesen war. Überheblich wie eh und je!

„Seid doch froh, dass wenigstens ein Mann dumm genug zu sein scheint, sich darauf einzulassen, unter Eurem Kommando in See zu stechen und etwas zu suchen, das man die berühmte Stecknadel in einem Heuhaufen nennt“, brummte Gibbs. Warum, bei allen Piraten, musste dieser selbst ernannte Kapitän hier wieder unter den Lebenden weilen? Er brauchte dringend Rum!

„Nun, ich bin auf See aufgewachsen und kenne ihre Tücken. Außerdem bin ich diesem Ort hier überdrüssig und… ich kann Euch ein schnelles, wendiges Schiff besorgen, dass Euch an jedes Ziel bringen kann, an das Ihr zu gelangen wünscht“, antwortete die fremde Person mit immer noch verstellter Stimme. Immerhin konnte sie, im Falle eines Scheiterns, immer noch behaupten, dass sie es ernsthaft versucht hatte, ein Teil dieser Crew zu werden.

„Nun denn, dann setzt Eurer Zeichen dort auf diese Liste. Wir laufen im Morgengrauen aus“, gab Barbossa skeptisch zurück, denn irgendetwas hatte diese Person, die vor ihm stand, an sich, das ihm zumindest ansatzweise bekannt vorkam.

Die vermummte, unbekannte Person atmete erleichtert auf, grinste schief, unterschrieb auf dem ihr vorgelegten Papier und drehte sich gerade um, als sie mit jemandem zusammen stieß. Das erinnerte sie schlagartig wieder daran, warum sie Tortuga nur selten und höchst ungern aufsuchte. Überall begegnete man betrunkenen Männern, torkelnden Frauen und stinkenden Schweinen und es gab kaum genügend Platz, um sich umzudrehen. Die andauernden Schlägereien nicht zu vergessen.

„Verzeihung“, murmelte sie und ging in Richtung Ausschank davon. Sie wollte so wenig wie möglich auffallen, daher war es wohl am Besten, wenn sie sich gab wie jeder hier und sich einen neuen Krug Bier besorgte. Schreckliches Gesöff! Außerdem musste sie noch immer über Barbossas Aussage, sie würden im Morgengrauen auslaufen, schmunzeln. Wie wollte er das bewerkstelligen, zumal er noch kein Schiff besaß, welches er hätte auslaufen lassen können?

„Keine Ursache“, hörte der Unbekannte die Antwort des Mannes, mit dem er zusammen gestoßen war und sein Blick verfolgte ihn noch, bis er beim Wirt angelangt war.

„Kennt Ihr diese Person?“, richtete Will das Wort an Barbossa.

„Wir sind hier in Tortuga, Mister Turner! Hier kennt jeder jeden und dann doch wieder nicht“, lautete die Antwort des verfluchten Captains. „Ist das nicht wundervoll?“

„Irgendetwas hat diese Person an sich, was mir bekannt vorkommt“, stellte Will grübelnd fest, ließ diesen Gedanken aber fallen und wand sich den vorherrschenden Problemen wieder zu. Wichtig war im Moment nur dass sie Jack fanden. Abgesehen davon erinnerte er sich an sein Versprechen, das er seinem Vater auf der Flying Dutchman gegeben hatte. Vermutlich spielten ihm seine Sinne nur einen Streich und diese Person war genauso ein Trunkenbold, wie alle anderen Anwesenden hier.

„Seid Ihr sicher, dass Ihr diese Person an Bord haben wollt, Captain?“, fragte Gibbs ungläubig mit zusammengekniffenen Augen, wobei ihm das Wort ‚Captain’ noch immer etwas schwer über die Lippen ging. Als diese Person ihr Zeichen auf der Liste gesetzt hatte, war ihm das sprichwörtliche Licht aufgegangen. Das Licht des Erkennens. Und wenn er wirklich richtig gesehen hatte, dann…

„Stimmt etwas nicht, Master Gibbs?“, fragte Barbossa gelangweilt nach.

„Das ist der ‚Schwarze Schatten’!“, stammelte Gibbs. Ja. Daran gab es keine Zweifel. Alle Merkmale, an denen dieser Schatten zu erkennen war, stimmten.

„Noch nie davon gehört“, antwortete Will verwirrt, was Gibbs Gelegenheit gab, tief durchzuatmen und zu einer seiner weitschweifigen Geschichten anzusetzen.

„Bitte, Master Gibbs! Verschont uns mit Euren Geschichten!“, stöhnte Barbossa auf. Wenn Gibbs erst zu erzählen begann…

„Niemand weiß, wer diese Person ist. Man hört immer nur von ihr. Man sagt, dass, überall, wo sie auftaucht, sonderbare Dinge geschehen. Noch nie hat jemand diese Person genau erkennen können. Sie trägt immer schwarze Kleidung, ihre Kampftechnik wirkt ungewöhnlich und sie ist sehr gefürchtet. Ihre Waffen sind seltsam aussehende kurze Schwerter, aber auch mit einem normalen Schwert kann sie umgehen wie kein zweiter. Man sagt sich, dass sogar Davy Jones es vorzieht, dieser Person nicht zu begegnen“, berichtete Gibbs geheimnisvoll. „Und dieser Tintenfisch hat eigentlich vor nichts und niemandem Angst.“

„Dann sollten wir uns glücklich schätzen, diesen ‚Schwarzen Schatten’, wie Ihr ihn nennt, mit an Bord zu haben“, gab Barbossa nachdenklich von sich und strich gedankenverloren über seinen Bart. Der Affe Jack kreischte, dass es sich beinahe so anhörte, als ob er seinem Herren zustimmen würde. Will ließ von nun an diese Person nicht mehr aus den Augen und dachte über Gibbs’ Worte zu dieser Person nach.
Vielleicht konnte er diesen „Schatten“ dafür gewinnen, ihm bei der Befreiung seines Vaters von der Flying Dutchman zu helfen? Wenn sogar Davy Jones die Konfrontation mit dem Unbekannten mied, so würde dessen Hilfe sicherlich nicht schaden.

Die Einzige, der die Worte von Gibbs egal waren, war Elizabeth. Sie machte sich immer noch schwere  Vorwürfe, dass einzig und allein durch ihr Handeln Jack Sparrow tot war. Sie hatte sein Blut an ihren Fingern kleben und wollte es nur noch ungeschehen machen. Außerdem vermisste sie diesen verfluchten Piraten mehr, als sie es je gedacht hätte.

**~**


Der „Schwarze Schatten“ lehnte locker am Tresen und verfolgte genau das Geschehen in der Spelunke mit. Barbossa war wieder hier! Hier in Tortuga und auf der Suche nach einer Crew. Wenn das mal nicht von Anfang an nach Schwierigkeiten roch, aber zumindest war er, der „Schwarze Schatten“, nun auch an Bord des Schiffes, das unter Barbossas Kommando in See stechen würde.

Schnell kippte er seinen letzten Schluck Bier hinunter, der mehr als schrecklich schmeckte, weil er schon abgestanden war, und verließ eiligen Schrittes die Spelunke. Er hatte Barbossa ein Schiff versprochen und genau so eines würde er ihm auch liefern. Schon bei seinem Eintreffen in dieser Stadt hatte er ein vielversprechendes Objekt ausgemacht. Alleine dessen Name gefiel dem „Schatten“ mehr als gut, passte er doch ganz genau zu ihm. Es sollte Barbossa gehören, aber nur so lange, bis dieser es nicht mehr brauchte. Danach würde er Anspruch darauf erheben und nach langer Zeit selbst wieder in See stechen.

**~**


„Ich sehe mich hier noch ein wenig um“, erklärte Will schnell, der bemerkt hatte, wie eilig es Gibbs’ „Schatten“ hatte, diesen wenig einladenden Ort zu verlassen. Die schwarze Gestalt war ihm nicht geheuer, aber etwas anderes war er auch gar nicht mehr gewohnt, sobald es mit Jack Sparrow zu tun hatte. Elizabeth sah ihm nur kurz nach und sowohl Barbossa als auch Gibbs schien es nicht weiter zu stören, einen weniger am Tisch sitzen zu haben.

Es war für Will gar nicht so einfach, an dieser fremden Person dran zu bleiben, denn die Straßen Tortugas waren sehr belebt und immer wieder torkelte ihm ein Betrunkener über den Weg oder eine Frau versuchte, ihm ein verlockendes Angebot für eine Nacht zu machen. Beinahe hätte er zwischendurch sein Verfolgungsobjekt aus den Augen verloren, doch beim Hafen war er ihm wieder dicht auf den Fersen. Fast hätte er ihn ergreifen können doch plötzlich war diese Gestalt wie vom Erdboden verschluckt. Die Geschichten um diese Person machten ihm keine Angst, dazu kannte er Gibbs‘ viel zu gut. Wie war das damals gewesen, als Jack von der Insel fliehen konnte? Schildkröten? Gibbs spannte einfach zu gerne Seemannsgarn, auch, wenn seine Erzählungen oft Wahrheit beinhalteten. Doch etwas anderes trieb ihn dazu, diesem „Schatten“ zu folgen. Gibbs meinte, dass sogar Davy Jones es vorziehen würde, ihm nicht in die Quere zu kommen. Vielleicht konnte er ihn dazu überreden, ihm zu helfen, sein Versprechen einzulösen, welches er gegenüber seinem Vater ausgesprochen hatte. Suchend blickte Will sich um, aber egal, wohin er auch sah, dieser „Schatten“ war nirgends zu finden. Anscheinend trug er seinen Namen zu Recht, denn niemand konnte von einer Sekunde auf die andere einfach so verschwinden.

Er wollte gerade einen anderen Weg einschlagen, wieder zurück zur Spelunke gehen, als sich von hinten eine Klinge an seinen Hals legte.

„Habt Ihr etwas verloren?“, fragte eine kratzige Stimme hinter ihm, worauf er langsam eine Hand an den Griff seines Schwertes legte. Mittlerweile war Will es gewohnt, sich in solchen Situationen wieder zu finden. „Das würde ich an Eurer Stelle schön bleiben lassen, oder ist Euch Euer Leben nicht lieb genug?“, drang es daraufhin spöttisch an sein Ohr.

„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, fragte Will vorsichtig und ärgerlich zugleich. Wer war dieser Kerl? Wenn er glaubte, dass er Angst vor ihm hatte, so hatte er sich mit dieser Annahme gewaltig geirrt.

„Hat man Euch das nicht schon gesagt? Ich dachte, einer Eurer Freunde hätte Euch in der Kneipe etwas zugeflüstert?“, vernahm er die Gegenfrage. Der Schatten hatte genau mitverfolgt, wie Gibbs den anderen die Geschichte über ihn erzählt hatte. Ammenmärchen, dachte sich der Schatten, aber zeitweise auch recht hilfreich.

„Mich kann nichts mehr erschrecken. Wenn Ihr etwas im Schilde führt, dann…“

„Was dann? Mache ich Bekanntschaft mit Eurer Klinge?“ Das war ja vielleicht ein amüsanter Bursche, dachte sich der Schatten. Zwar ziemlich vorlaut und draufgängerisch, aber amüsant.

„Ihr macht mir keine Angst“, versetzte Will und versuchte, sich die scharfe Klinge vom Hals zu schaffen.

Der „Schatten“ machte es ihm einen Augenblick später aber leicht und gab ihn freiwillig frei. Als Will sich umgedreht hatte und hoffte, das Gesicht der Person zu sehen, lag er jedoch vollkommen falsch. Der „Schatten“ schien wirklich sehr viel Wert darauf zu legen, nicht erkannt zu werden.

„Wer seid Ihr?“, fragte Will schneidend. Langsam hatte er genug!

„Das werdet Ihr noch früh genug erfahren, Mister…“

„Ich wüsste nicht, was Euch mein Name angeht.“

„Mister Ich-verrate-meinen-Namen-nicht, also. Nun, ich rate Euch geht wieder zurück zu Euren Piratenfreunden. Wir wollen doch nicht, dass Euch etwas zustößt, oder? Ihr solltet Euch besser ausruhen, denn morgen gehen wir auf Reisen.“

„Was führt Ihr im Schilde?“, fragte Will mit gefährlichem Unterton ein weiteres Mal nach.

„Ich besorge uns ein seetüchtiges Schiff, oder wollt Ihr an Euer Ziel schwimmen?“, meinte der „Schatten“ sichtlich belustigt, wandte sich von ihm ab und verschwand in der Dunkelheit.

„Seid Euch sicher, ich werde Euch im Auge behalten“, murmelte Will in die Richtung, in die der „Schatten“ verschwunden war. Er würde noch hinter das Geheimnis dieser Person kommen, das schwor er sich.


~Ende Kapitel 1~
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