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von recycle    erstellt: 07.08.2009    letztes Update: 07.08.2009    Geschichte, Drama / P16    (abgebrochen, keine anonymen Reviews)
Heute ist ein heißer Augusttag, ein Freitag, der das Ende einer Ferienwoche einleitet.
Noch vor ein paar Jahren hätte ich an einem solchen Tag einsam vor meinem Computer, in diesem stickigen Zimmer, mit herabgelassenem Rollladen, gesessen. Eine virtuelle Realität in Form eines Online-Rollenspiels hätte vor meinen Augen geflimmert und mithilfe einer Tastatur und einer Maus hätte ich meinen Charakter durch diese unbekannte Welt geführt.
Der Charakter, den ich sofort an meinem letzten Schultag neu erstellt hätte, wäre bis zum Ende meiner Ferien mein treuester Freund gewesen und gleichzeitig mein Spiegelbild.
In dem kurzen Zeitraum von nur sechs Wochen hätte ich mit meiner neuen Existenz zahllose neue Kontakte über das Netz geknüpft und wäre schnell hoch aufgestiegen.
Es ist gerade kurz vor drei Uhr nachmittags – früher hätte das bereits mindestens sieben Stunden vor dem PC bedeutet.
Jede Minute hätte ich darin investiert, mit kurzen Unterbrechungen, da mein Körper auf so etwas triviales wie Nahrung nicht verzichten könnte. Alles hätte ich getan, um neue Erfolge in dem Spiel, nein in meinem 'Leben', zu verbuchen und um mich selbst vor der eigentlichen Realität zu behüten.
In Wahrheit war ich immer einsam, hatte keine wirklichen Freunde, die ihre freie Zeit mit einem Niemand wie mir verbringen wollten. Davor versuchte ich mich auf diesem Wege zu bewahren.
Inzwischen hat sich zumindest das in meinem Leben geändert. Ich habe Freunde gefunden, die mir zur Seite stehen und mit mir einen schönen Tag genießen möchten – mit mir gemeinsam.
Doch trotz dieser Tatsache sitze ich wieder völlig alleine in meinem Zimmer. Ein Raum voller blinkender Elektronik, die mir mit ihren Lichtern beweisen will, dass sie arbeitet – für mich.
Die Luft ist stickig und geschwängert von lauter, harter Musik. Trotz des Lärms, den ich sonst immer geliebt habe, der in gewisser Weise auch meine Zuflucht war, ist es seltsam ruhig hier.
Dieses Zimmer ist durchtränkt von Einsamkeit. Warum das so ist?
Das ist recht einfach zu erklären. Ob es verständlich sein wird? Eher nicht.
Ich habe mich nach und nach immer mehr von meinem neuen Leben, von diesen netten Menschen zurückgezogen. Das ganze Leben um mich herum hat mich erschreckt. Es bereitet mir angst. Ja, ich fürchte mich davor. Um ehrlich zu sein, hätte ich das niemals gedacht. Dass mir mein Herzenswunsch furchteinflößend erscheinen könnte. Doch so ist es.
Ich halte diese warme, liebevolle Nähe meiner Freunde nicht aus. Bin ich bei ihnen, merke ich erst, wie sehr ich schon in meiner Einsamkeit aufgegangen bin. Es zeigt mir wieder, was für ein Sonderling ich bin und dass ich dieser Zuneigung nicht gerecht werden kann.
Obwohl ich an einem sonnigen Tag mit meinen Freunden unterwegs bin und jeder lacht und unbeschwert sein Leben für einen Augenblick genießt, spüre ich den Regen in meinem Herzen und eine unüberwindbare Mauer scheint zwischen mir und diesen Menschen zu stehen.
Was bin ich?
Jeden dem ich diese Frage stellen könnte würde etwas antworten, wie:“Du bist ein Mensch, was denn sonst? Hey, hör mit den finsteren Gedanken auf und lass uns ein Eis essen gehen. Die Sonne scheint, da ist kein Platz für Trübsinn“
Sieht den wirklich niemand wirklich hin? Kann niemand erkennen, dass ich anders bin?
Sie müssen es sehen, jeder muss es sehen, immerhin wurde ich immer wie ein Aussätziger behandelt.
Wenn ich Freunde habe, kann ich doch nicht durch und durch ein schlechter Mensch sein, oder etwa doch?

Lange habe ich über meine eigene Existenz nachgegrübelt und den Unterschied zwischen mir und all den anderen Menschen. Eines Tages fand ich eine Antwort auf diese quälende Frage – ich bin tot.
Leben. Was bedeutet es zu leben? Reicht es aus einen funktionierenden Körper zu besitzen und zu wissen, dass das eigene Hirn aktiv arbeitet? Für Mediziner und Biologen könnte das ausreichen.
Sieht man sich das ganze von der ethischen Seite an, wird jemand leben, wenn eine Seele vorhanden ist – ein fühlendes Herz vielleicht.
In meinem Inneren spüre ich kein schlagendes Herz, das Freude oder wirkliches Leid empfinden kann. Oder empfinde ich gerade solches Leid?
Wenn ich inne halte, dann eigentlich nicht. Ich sitze in diesem leblosen Zimmer und spüre einen Dreck.
Die Einsamkeit ist mir zwar bewusst, aber sie stört mich auch nicht.

All meine Freunde, alle Menschen um mich herum, entwickeln sich Tag für Tag weiter. Sie haben Träume und Ziele in ihrem Leben, die ihnen wichtig sind und nach deren Erfüllung sie streben können.
Ich dagegen bleibe immer auf dem gleichen Fleck und bewege mich kein Stück von diesem Platz fort. Obwohl ich renne und mit aller Kraft versuche Nähe zwischen mir und diesen Freunden zu schaffen, spüre ich nur eine immer größer werdende Distanz.
Warum entwickle ich mich nicht weiter? Warum habe ich eigentlich keine Träume und keine Ziele?
Vielleicht ist das der Beweis dafür, dass ich nicht lebe sondern nur existiere. Es ist mir seltsamerweise gestattet ein wenig hier zu verweilen.

Irgendwann habe ich angefangen den Tod zu sehen. Eines Tages stand er einfach in meinem Zimmer, hob die Hand zum Gruß und erwiderte meinen starren Blick mit einem freundlichen Lächeln. Ich weiß noch genau, dass mir in diesem Augenblick selbst der Tod lebendiger vorkam als ich mir selbst.
Seit diesem Tag sehe ich ihn ständig. Er ist mein Begleiter geworden, wandelt still neben mir durch diese Welt, in der ich meinen Platz suche.
Viele Menschen fürchten sich vor dem sterben, davor dem Tod gegenüber zu stehen. In meinen Augen fürchten sie sich nicht vor dem sterben an sich, sondern viel mehr vor dem danach.
Da kann jemand noch so ungläubig sein wie er will, aber allein der Gedanke, dass es danach noch etwas geben könnte, lässt sie erstarren und sich ängstigen.
Jeder Mensch weiß wie er gelebt hat, welche Sünden er in seinem Leben verbrochen hat. Vielleicht fürchtet er deswegen, dass es einen Ort namens Hölle wirklich geben könnte.
Ich habe keine Angst davor zu sterben. Nicht, weil ich ein besonders guter Mensch war, sondern weil ich meine persönliche Hölle schon längst erreicht habe.
Ich frage mich, wann ich angefangen habe so zu denken. Wann habe ich begonnen diese Welt, in der es so viele schöne Dinge und fröhliche Menschen gibt, als meine Hölle zu betrachten?
Es ist mir ein Rätsel.

Ich weiß nicht, wann mein Todestag ist.

Vor langer Zeit habe ich einen Abschiedsbrief geschrieben. Während ich die einzelnen Worte auf dem Blatt notierte, liefen mir so viele Tränen über mein Gesicht, dass ich nicht einmal mehr sehen konnte, was ich da überhaupt schrieb.
Nachdem ich den letzten Punkt dieses Briefes gesetzt hatte, konnte ich meinen Körper nicht mehr der Verwesung in der kalten Erde hingeben.
Ich habe es auch nicht geschafft, den Brief noch einmal zu lesen noch jemals einen neuen zu schreiben.
Lange saß ich nach diesem Erlebnis still auf dem Boden, mit dem Rücken an meine Zimmertür gelehnt. Eigentlich hatte ich mich so platziert, um das Leben aus dem Raum fern zu halten – das Leben daran zu hindern, mich vom sterben abzuhalten.
Mit geschlossenen Augen habe ich der Stille gelauscht, vielleicht gehofft etwas mir bis dahin unbekanntes hören zu können.
Meine Gedanken konzentrierten sich dabei auf eine einzige Frage, die dadurch sogar die Ruhe in diesem Raum gestört hatte.
„Warum konnte ich meiner Existenz kein Ende setzen?“
Mein Herz war doch schon längst in meiner Brust verdorrt, wie eine Blume ohne Wasser. Warum also war es für mich so unsagbar schwer, meinem Körper die letzte Ruhe zu gönnen?
Das ständig freundliche und milde Gesicht des Todes war vor meinem inneren Auge aufgetaucht.
Das Herz – mein Herz – es war noch nicht abgestorben. Es stand nur an einer Klippe und hatte den Absprung noch nicht gewagt.
Deswegen blieb der Tod wohl bei mir. Er wartete die Entscheidung meines unentschlossenen Herzens ab.
In diesem Moment verstand ich: Mein eigenes Herz hatte, von mir völlig unbemerkt, einen Wunsch.

„Bye bye my dearest bird. Leave everything far behind and find your way to the stars. Forget everything, my friend – even me. Maybe this will be the lonliest voyage ever but maybe the fariest.“

Und so flog es davon. Mein Herz machte sich auf die Reise, sich seinen einzigen Wunsch zu erfüllen. Der Wunsch ein Lebenszeichen zu hinterlassen.
 
 
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