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von Einsamer Wolf    erstellt: 05.08.2009    letztes Update: 05.08.2009    Geschichte, Drama / P18 Slash    (fertiggestellt)
So, hier kommt das ‚Wiedersehen’. Ein One-shot. Aber bevor es losgeht, muss ich mich noch mal ganz herzlich bei Euch bedanken. Eure Reviews zu ‚Abschied’ haben mich durch ihre Intensität (und auch ihre Anzahl) echt berührt. Ich freu mich sehr darüber, dass die Geschichte ein Anlass sein konnte, teilweise wirklich ernsthaft zu denken und zu schreiben. FF soll sicher Unterhaltung und Zeitvertreib sein, aber ich finde es als Medium inzwischen wirklich beachtlich … es gibt hier eine ganze Reihe Geschichten, die nicht nur so „dahergeschrieben“ sind … Und wenn ‚Abschied’ offenbar eine davon ist, dann macht mich das zufrieden ;-).

--

Clemens lächelte, als er sich auf die Bank setzte. Er war zufrieden mit seinem Werk. Trocknete sich langsam die Hände ab, die er unter dem kalten Wasserstrahl einigermaßen sauber bekommen hatte. Aber so richtig hatte die Erde nicht unter seinen Fingernägeln hervor gewollt.

„Da sieht man wenigstens, dass ich was getan habe“, murmelte er, legte schließlich die Arme auf die Rückenlehne und hielt sein Gesicht in die Sonne.

„Schön heute – nicht, Herr Fritz?!“

Clemens öffnete die Augen.

„Ja, richtig schön“, erwiderte er und nickte der alten Dame zu, die vor ihm stehengeblieben war. Eine Plastiktüte, eine kleine Schaufel und eine Gießkanne in der Hand. „Wie geht’s Ihnen?“

„Ach, man wird nicht jünger“, lachte sie. „Aber es geht schon.“

„Wem sagen sie das?“ grinste Clemens. „Aber wenn ich in ihrem Alter noch so fit bin, werde ich nicht meckern.“

„In meinem Alter?“ fragte sie gespielt pikiert zurück. „Die Jugend von heute hat auch kein Benehmen mehr.“

Clemens lachte aus vollem Hals und sie stimmte ein.

„Also, bis demnächst“, verabschiedete sich die „alte Lady“, wie Clemens sie innerlich immer nannte, nachdem sie noch ein bisschen geplaudert hatten.

Clemens schaute ihr nach. Er bewunderte ihre Haltung wirklich. Sie musste mindestens achtzig Jahre alt sein. Und trotzdem hatte ihr Gang etwas Beschwingtes. Gut, langsam war er, bedächtig und doch agil. Und bei allem Spaß war etwas Wahres an seinen Worten gewesen. Sollte er tatsächlich so alt werden, dann wäre er froh, wenn er noch so gehen könnte. Dafür schmerzten seine Knie jetzt schon viel zu sehr. Kein Wunder zwar, aber lästig. Fußballerkrankheit eben.

Er genoss die Ruhe noch ein wenig. Betrachtete die frisch gepflanzten Blumen. Es war Arnes fünfter Todestag. Jubiläum sozusagen. Da war eine Generalüberholung mal dran gewesen. Fast eine Stunde hatte er gebraucht, um das Grab neu zu bepflanzen. Wenigstens dieses Mal wollte er es selber machen. Und es war gut geworden. Sonst kümmerte sich ja die Friedhofsverwaltung um die Pflege.

Clemens seufzte. Inzwischen konnte er wirklich damit umgehen, dass Arne nicht mehr lebte. Er hatte gekämpft. Sie hatten gekämpft. Lange. Aber am Ende war der Krebs stärker gewesen. Wie so häufig. Aber sie hatten sich noch mehrere Jahre „geklaut“, wie sie gesagt hatten. Hatten noch eine richtige Weltreise gemacht. Hatten gelebt. Wirklich gelebt. Und Arne dann am Ende auch erlaubt, zu gehen. Den letzten Zyklus hatten sie nicht mehr mitgemacht. Hatten es geschehen lassen. Bewusst und gemeinsam. Nach 23 Jahren, die sie zusammen gewesen waren.

Langsam stand Clemens auf. Sie hatten es geschafft. Frau Dahlmann war das beste Beispiel dafür. Er traf sie häufiger auf dem Friedhof. Und sie waren sogar ein paar Mal zusammen Kaffee trinken gewesen. Sie hatten es wirklich geschafft. Und den jungen Spielern von heute hatten sie damit einen großen Gefallen getan. Auch wenn das nie ihr eigentliches Ziel gewesen war.

Clemens musste grinsen. Er musste immer grinsen, wenn er daran dachte, wie die Journalisten aus allen Wolken gefallen waren. Sie hatten eine gewöhnliche Pressekonferenz vor einem Länderspiel genutzt, um es bekannt zu geben. Gut, es war ihr Abschiedsspiel gewesen. Ein Freundschaftsspiel gegen England. In Berlin. Mal wieder. Und Arne und er sollten natürlich noch ein paar Fragen beantworten. Rückblicke waren erwartet worden. Aber Arne hatte mit den Worten ‚ich will ihnen lieber einen Ausblick gewähren’ Clemens’ Hand genommen, sie hoch gehalten und dann einfach gesagt ‚Das eigentliche Großereignis dieses Wochenendes ist ein ganz anderes: Clemens und ich werden morgen heiraten.“

Und so war es auch gewesen. Im Beisein der Nationalelf und eines Großteils ihrer Vereinskollegen hatten sie in Berlin geheiratet. Sogar ein paar Engländer waren dabei gewesen. Spontan. Es war ein Wunder gewesen, dass es nicht vorher an die Öffentlichkeit gedrungen war, aber alle vorher Eingeladenen hatten tatsächlich Stillschweigen bewahrt. Und so war der Überraschungscoup gelungen. Gut, die Polizei musste anrücken, um vor dem Standesamt in Charlottenburg dafür zu sorgen, dass es kein Verkehrschaos gab, denn nach der Ankündigung gab es nicht nur viele Gäste, sondern wirklich viel Presse und Schaulustige. Aber das hatten sie in Kauf genommen. Bewusst.

Gut, sie hatten sich erst vor dem letzten Spiel ihrer Karriere geoutet. Aber sie wollten als aktive Nationalspieler diesen Schritt gehen, auch wenn ihre Karriere danach planmäßig beendet gewesen war. Und es hatte den gewünschten Effekt gehabt. Die Aufregung war riesig gewesen. Aber da nach dem Spiel kein Raum für irgendeine negative Reaktion von Gegnern, Fans, Medien oder sonst wem auf dem Platz, im Stadion geblieben war, hatten sie allen, die damit ein Problem hatten, die Angriffsfläche genommen. Und nun? Nach mehr als zwanzig Jahren war es nicht mehr außergewöhnlich, wenn ein Profi seinen Freund mit zum Mannschaftsessen brachte. Und darauf waren sie wirklich stolz gewesen. Und Clemens war es immer noch.

Clemens ging vor dem Grab noch einmal in die Hocke. Sein Knie knackten.

„So, mein Lieber, ich geh jetzt und in unserem Lieblingscafé ein dickes Stück Kuchen essen.“

Einen Moment war er versucht, über die Erde zu streicheln. Aber er konnte sich beherrschen. Das war das schwierigste. Immer noch. Dieses ‚sich nicht mehr anfassen können’. Daran würde er sich nie richtig gewöhnen. Aber ansonsten hatte er immer das Gefühl, dass Arne irgendwie in seiner Nähe war. Und dass er mit ihm sprach – mal laut, mal innerlich. War einfach so. Dafür schämte er sich auch nicht.

Die Gartenutensilien hatte er in einer alten Sporttasche verstaut. Hertha. Clemens grinste wieder. Hertha für den Gartenkram, Werder für das Sportstudio. Da war er sich doch treu geblieben. Mit einer Hertha-Tasche ließ er sich ansonsten nirgends blicken. Es gab auch Grenzen.

Ein letzter Blick zu Arnes Grab und er wollte gehen. Doch als er sich umwandte, blieb er wie angewurzelt stehen. Die lange Gestalt, die den Weg zwischen den Gräbern entlangkam, hätte er immer erkannt. Sofort. Und das nicht nur wegen der Länge. Auch der Gang, die Art, wie sich die Arme bewegten. So ging nur einer.

Es dauerte einen Moment, bis er vor ihm stand. Er hatte seine Schritte merklich verlangsamt, als er gesehen hatte, dass Clemens ihn bemerkt hatte.

„Clemens!“ sagte Per leise, als er schließlich bei ihm war.

Sie sahen sich an. Wortlos. Eine ganze Weile.

Es war länger her, dass sie sich gesehen hatten. Bei einer Werder-Feier zwei Jahre zuvor. Und da auch nur flüchtig. Und wenn sich Clemens richtig erinnerte, dann war das Mal davor sogar Arnes Trauerfeier gewesen.

„Irgendwie hatte ich gerade schon so ein Gefühl, als ich ausgestiegen bin, dass ich dich hier treffe“, unterbrach Per schließlich die Stille.

Clemens schluckte. Er hatte nicht gewusst, dass Per Arnes Grab besuchte.

„Bist du schon mal hier gewesen?“ platzte es aus ihm heraus.

Per sah ihn überrascht an, doch lächelte er dann ruhig.

„Jedes Jahr.“

Clemens verschlug es ein wenig die Sprache.

„Hast du ein bisschen Zeit für mich?“ fragte Per schließlich.

Clemens drehte sich unwillkürlich „zu“ Arne um.

„Sicher – wenn du schon mal in Berlin bist“, erwiderte er.

Clemens trat zur Seite.

„Ich setz mich da vorne auf die Bank und warte auf dich“, erklärte er und Per nickte.

Es warf ihn doch etwas aus der Bahn. Das musste er zugeben. Und er war froh, als er saß. Merkwürdig. Nun waren sie beide um die fünfzig. Hatten sich verändert. Auch, wenn man sie immer noch gut erkennen konnte. Ihre Körper hatten etwas an Spannkraft verloren, aber sportlich waren sie beide noch. Ihre Gesichter waren etwas älter geworden, aber nach wie vor unverkennbar. Clemens hatte mittlerweile ein paar graue Haare. Per hatte seine Jugendlichkeit dagegen irgendwie nicht richtig eingebüßt, auch wenn man die Falten – nein, Männer bekamen ja Linien – nicht übersehen konnte.

Clemens beobachtete Per verstohlen, wie dieser vor Arnes Grab stand. Als Per sich schließlich umdrehte und auf ihn zukam, setzte sich Clemens unbewusst etwas aufrechter hin.

Per ließ sich auf die Bank fallen und warf einen Blick auf Clemens’ Hände.

„Hast du schön gemacht“, lächelte er.

Verwirrt sah Clemens ihn an, bevor er beim Blick auf seine Fingernägel verstand, was Per meinte.

„Danke“, murmelte er.

Sie schwiegen wieder. Auch wenn es nun schon buchstäblich Jahrzehnte her war. Die Befangenheit zwischen ihnen war nie ganz verschwunden. Dafür war alles, was zwischen ihnen passiert war, zu schmerzvoll – und zu schön gewesen.

„Wie geht’s dir?“ fragte Per.

„Ooch, gut. Kann nicht klagen“, erwiderte Clemens einsilbig.

Per verzog etwas das Gesicht.

„Stör ich?“

Clemens hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Clemens’ Herz begann schneller zu schlagen. Pers Augen machten ihn immer noch – ja, was? Nervös? Vielleicht nicht. Aber es war halt – Per.

„Nein. Es ist nur – es freut mich – ach, was weiß ich. Es ist ungewohnt. Und dass wir uns nun ausgerechnet hier treffen. Ich weiß nicht.“

Es klang eindeutig weniger souverän, als er es sich gewünscht hätte.

Per drehte sich noch etwas mehr zu ihm herüber. Er zögerte. Das war nicht zu übersehen, doch dann legte er eine Hand auf Clemens’ Hand, streichelte vorsichtig mit einer kleinen Bewegung über sie und sah Clemens dann wieder an.

„Das war zwar nicht geplant, aber ich freu mich, dass wir uns getroffen haben.“

Clemens entzog ihm langsam seine Hand wieder. Nicht abrupt. Es fühlte sich zwar merkwürdig an, aber es war nicht unangenehm. Er nickte und für einen Moment lächelte er.

„Sollen wir Kaffee trinken gehen?“ fragte er. „Arne dürfte nichts dagegen haben, wenn ich dich zum Kuchenessen mitnehme.“

Per zuckte etwas zusammen, drehte sich kurz zu Arnes Grab um und sah Clemens dann wieder an.

„Gerne.“

„Bist du mit dem Auto?“ fragte Clemens.

Per schüttelte den Kopf.

„Ich hab vorhin ein Taxi genommen.“

„Dann kann ich dich ja mitnehmen.“

Sie versuchten es. Plauderten über ein paar Alltäglichkeiten. Belangloses. Und doch war es wichtig, etwas über die Kleinigkeiten des Alltags des anderen zu erfahren. Dass Per inzwischen Trainer von 96 war, wusste Clemens natürlich. Und dass er Single war auch. Die Trennung von seinem langjährigen Lebensgefährten – Joe, ein Musiker – war durch die Klatschblätter gegangen und auch Clemens nicht verborgen geblieben. Selbstverständlich nicht. Arbeitete Clemens doch inzwischen als Sportjournalist für die ARD.

Langsam taute auch Clemens auf. Spätestens als Per sich das zweite Stück Kuchen einverleibt hatte, musste er lächeln. Wirklich lächeln.

„Gewisse Dinge ändern sich nie, oder?“ fragte er.

Per hob die linke Augenbraue hoch.

„Wieso?“

Erst dann bemerkte er Clemens’ Blick, der immer noch auf dem Teller ruhte. Per legte seine Gabel drauf und verschränkte dann die Arme hinter dem Kopf.

„Nein! Gewisse Dinge ändern sich nie“, erklärte er dann und grinste.

Clemens’ Herz stockte. Das war eine der Gesten. Das war Per. So war er auch vor 25 Jahren schon gewesen. Ganz eindeutig.

„Warum hast du das damals eigentlich wirklich gemacht?“

Die Frage war draußen, bevor Clemens richtig nachgedacht hatte. Und es fühlte sich so an, als wären alle Menschen im Café schlagartig ruhig geworden. Was natürlich nicht stimmte, aber Clemens hatte das Gefühl, als hörte er für einen Augenblick buchstäblich nichts.

Per starrte ihn an. Das Grinsen war verschwunden. Ein nachdenkliches Schmunzeln lag auf seinen Lippen. Ein Schmunzeln? Ja, irgendwie. Ein trauriges.

„Was meinst du, wie oft ich mich das gefragt habe?“ entgegnete Per nach einer Weile und sah Clemens wieder in die Augen.

Clemens zuckte mit den Schultern. Es sah gelassen aus, aber sein Puls hatte sich ziemlich beschleunigt.

„Weißt du, so eine richtige Erklärung habe ich nie gefunden. Ich hab sogar öfter mit Joe darüber gesprochen. Aber so richtig kann ich es nicht erklären. Bis heute nicht.“

Clemens brummte.

„Ich glaube, dass ich vielleicht einfach noch zu jung war. Zu jung für die – perfekte Beziehung.“

Die beiden letzten Worte kamen sehr leise aus seinem Mund. Clemens bekam kalte Hände.

„Wir – es waren fünf perfekte Jahre. Ich hab danach nie wieder so etwas gefühlt. Auch nicht für Joe. Aber es kam vielleicht zu früh. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber ich finde das einigermaßen plausibel. Ich hatte sicher Angst, etwas zu verpassen. Ich hatte noch nicht genug erlebt, um damit leben zu können, dass es keine anderen Geschichten mehr geben würde. Sicher. Das war der Auslöser. Und ich war naiv genug, zu glauben, dass ich irgendwie damit durch komme. Dass du es hinnehmen würdest und es irgendwann auch gut wäre. Und ich war dumm genug, zu spät zu merken, dass es zu viel gewesen war. Und dabei hab ich mir vorgemacht, dass du es zwar scheiße gefunden hast, aber mich irgendwie auch verstehen konntest.“

Clemens presste die Lippen aufeinander.

„Ich werde nie diesen Moment auf Norderney vergessen. Als ich dich in diesem Strandkorb entdeckt habe. Als ich wusste, dass du alles gehört hattest. Als ich deine Tränen gesehen hab und ich doch wusste, dass du zu Arne gehen würdest. Damals ist für mich echt eine Welt zusammen gebrochen. Damals habe ich erst gemerkt, was ich wirklich verloren hatte. Was ich auf’s Spiel gesetzt hatte für ein paar mehr oder weniger gute Erlebnisse. Aber ich hatte dich verloren. An Arne. Der dich verdient hatte und in dem du den gefunden hattest, mit dem du so leben konntest, wie du wolltest. Der dir das gegeben hat, wonach du gesucht hast.“

Clemens holte Luft. Er hatte nicht nach Arne gesucht. Er hatte Per ja schon gefunden. Und mit ihm hätte er so leben können, wie er es gewollt hatte. Und er wollte von Per keine Zusammenfassung seiner Beziehung zu Arne hören. Das kam ihm nicht zu. Nicht nur an diesem Tag nicht. Sondern grundsätzlich nicht.

„Aber das ist doch keine Frage des Alters“, presste er hervor.

Per konnte ihm nicht richtig ins Gesicht sehen.

„Sicher nicht. Und vielleicht doch. Ich hab mit dir erlebt, wie es sein würde. Die Beziehung meines Lebens. Aber ich war erst Ende zwanzig. Ich wollte noch so viel machen. So viel erreichen. Im Ausland spielen. Und was weiß ich. Ich wollte mich ausprobieren. Wollte meine Grenzen austesten. Und hab stattdessen deine Grenzen ausgetestet. Das war verrückt. Dumm. Wie gesagt. Du wusstest, was du wolltest. Du hast in uns das gesehen, was ich erst gesehen habe, als es vorbei war. Ich war einfach noch nicht so weit. Dabei wollte ich nie, dass es mit uns zu Ende geht. Auch wenn es bescheuert ist, seinen Partner zu betrügen. Mit anderen ins Bett zu gehen und gleichzeitig immer wieder zu sagen, dass man ihn liebt und mit ihm zusammen sein will.“

Clemens nickte.

„Stimmt. Das war ziemlich bescheuert.“

Es kam so trocken rüber, dass – sie beide einen Augenblick lächeln mussten.

Per griff über den Tisch nach Clemens’ Hand. Der ließ ihn einen Augenblick gewähren, bevor er sich ihm wieder entzog und seine Hände in den Schoß legte.

„Joe hat mal gesagt, ich hätte nie aufgehört, dich zu lieben. Und damit hatte er recht.“

Clemens sah auf.

„Ich glaube heute, dass ich einfach noch nicht reif genug für uns war. Ich hab zwar gesehen, dass du der Mann meines Lebens gewesen wärst, aber ich hab es nicht begriffen. Nicht erkannt, was das heißt. Und was das für mich heißt. Dass man in einer Beziehung alles haben kann, aber eben auch nur das, was man gemeinsam will. Dass eine Lebenspartnerschaft wirklich eine Partnerschaft sein muss. Und nicht der eine etwas durchsetzen kann und der andere nur „ja“ sagen oder es beenden kann.“

„So hast du es aber gemacht!“

Die Bitterkeit in seiner Stimme überraschte Clemens selbst.

„Ich weiß“, flüsterte Per. „Und es tut mir wahnsinnig leid. Immer noch. Ich wollte dich nie so verletzen. Ich weiß, dass ich unsere Beziehung mit Füßen getreten habe. Dass ich dir nicht den Respekt entgegengebracht habe, den du verdient hattest. Dass ich einfach geglaubt habe, du liebst mich so, dass ich das darf. Dass du mich das machen lässt, bis ich genug habe. Aber das war Unsinn. Ich hätte mich entscheiden müssen. Hätte akzeptieren müssen, dass du diesen Scheiß nicht wolltest. Ich hätte die Konsequenzen ziehen müssen. Aber ich hab’s nicht. Hab einfach das gemacht, wonach mir war. War feige. Hab mich gedrückt. Hab gedacht, ich müsste mich zwischen uns und meiner Freiheit entscheiden. Und wollte das nicht. Wollte beides. Hab dich innerlich dafür verantwortlich gemacht, dass ich nicht mehr frei war. Und war trotzdem nicht in der Lage, mich zwischen uns und meiner Freiheit zu entscheiden. Und hab einfach nicht verstanden, dass ich frei war, solange ich mit dir zusammen war. Dass ich erst gefangen war, als ich dich verloren hatte. Gefangen in meiner Sehnsucht nach dir. Ich hab dich die Konsequenzen ziehen lassen. Und deswegen hatte ich es auch verdient, zu sehen, wie du mit Arne glücklich geworden bist.“

Warum Clemens auf einmal die Tränen übers Gesicht liefen, konnte er nicht sagen. Und doch war es klar. So eindeutig, wie nur irgendetwas.

„Lass uns hier verschwinden“, zischte er Per zu und ging einfach.

Ein paar Minuten später stand Per neben ihm vor der Tür. Sie machten ein paar Schritte und standen dann an der Spree.

„Du hast echt nicht mehr alle Tassen im Schrank“, rief Clemens plötzlich. „Du kommst hier her. Und erzählst mir das nach all den Jahren. Dass du mich immer noch … dass du wusstest, dass das so einfach nicht ging. Dass du mich wie Dreck behandelt hast. Und dass es dir leid tut? Dass ich der Mann deines Lebens --- und das erzählst du mir heute? Ausgerechnet heute? An Arnes ---“

Clemens biss sich in die Hand. Er hatte geschrien. Wut und Entsetzen wechselten sich mit Trauer und --- ja, was eigentlich ab?!

Sie starrten beide auf das trübe Wasser und zuckten zusammen, als eines der vielen Ausflugsschiffe tutete. Eine Schulklasse stand an Deck. Machte richtig Krach und winkte ihnen dann zu.

Entdecken Sie Berlin von der anderen Seite.

Stand in dicken Buchstaben am Rumpf. Clemens schnaubte.

„Ich hab euch immer bewundert“, sagte Per nach einer Weile leise. „Und ich freu mich, dass du mit Arne glücklich geworden bist.“

Clemens schwieg und deutete dann auf das Schiff, das gerade um die nächste Biegung verschwand.

„Vielleicht muss man sich wirklich auch von der anderen Seite kennenlernen. Diese ganze Geschichte hat zu dir überhaupt nicht gepasst. Deswegen hat dich auch niemand verstanden damals. Ich vielleicht ja sogar noch am meisten. Aber das hat es nicht leichter gemacht.“

Per seufzte.

„Weißt du, die Narbe ist nie verschwunden. Wenn ich dich gesehen habe, hat es immer weh getan. Und es hat mir weh getan, zu sehen, dass du nie den Mumm hattest, mit mir wirklich noch mal zu reden. Dass wir über smalltalk bei all diesen Feiern und Gelegenheiten nie hinaus gekommen sind. Aber ich hab dir irgendwann verziehen. Irgendwann war es gut. Und das lag an Arne. Arne hat mir ermöglicht, dass ich einem Menschen wieder richtig vertraut habe. Zu 100%. Ihm. Und danach konnte ich dir verzeihen.“

Ihre Blicke trafen sich wieder und der Groll war irgendwie verschwunden.

„Und dann hab ich nach seinem Tod Eure Emails gefunden. Die vom 'Trottel'.“

Per machte unwillkürlich einen Schritt zurück. Clemens lächelte.

„Er hat sie ausgedruckt und aufgehoben. Ich hab sie gelesen. Hab gelesen, dass du dich mit der Geschichte wirklich auseinandergesetzt hast. Dass ausgerechnet Arne dein Ansprechpartner war. Und dass ihr tatsächlich eine Sprache gefunden habt, über diese Dinge zu reden. Eigentlich unmöglich. Ausgerechnet ihr! Aber vielleicht auch gerade deshalb. Weil Arne einfach akzeptiert hat, dass du --- immer einen Platz in meinem Herzen haben wirst.“

Clemens trat auf Per zu, griff nach seiner Hand und zog ihn an sich. Per versteifte sich erst, doch dann erwiderte er die Umarmung fest. Sie lösten sich erst nach einer ganzen Weile wieder voneinander.

„Ich find es schön, dass du ausgerechnet heute hier bist. Arne hätte das gefallen.“

Per wischte sich über seine Augen. Sie holten beide tief Luft.

„Sollen wir in Ruhe was essen gehen?“ fragte Clemens.

Ein kleines Lächeln trat auf Pers Lippen.

„Das wär’ schön!“

„Na, dann los. Hier in der Nähe ist ein Restaurant, das für seine Desserts berühmt ist.“

ENDE!


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