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von Stoffpferd
erstellt: 25.07.2009
letztes Update: 08.08.2009
Geschichte, Allgemein / P12
(fertiggestellt)
Maßgeschneidert
-3-
Maßlos
Gotham schwitzte aus jeder Pore, ertrank in seinen klebrigen Ausdünstungen und ächzte unter der unbarmherzigen Herrschaft einer tyrannischen Sonne, deren Wirkungsgrad selbst durch die dicht aufgetürmte Wolkendecke nicht geschwächt wurde. Vielmehr war es so, als speicherte der Himmel unter seiner grauen Maske des nahenden meteorologischen Herbstes die ersterbende schwüle Hitze eines unerträglichen Sommers.
Lauren kamen diese widrig erscheinenden Arbeitsbedingungen dahingehend entgegen, dass sie nicht in Versuchung kam, nachts sonderlich lang zu schlafen. Das schweißfeuchte Laken, mit dem sie sich provisorisch zudeckte, weil sie ohne Decke nicht schlafen konnte, klebte so lange an ihr wie die feuchte, haftende Zunge eines Frosches, bis sie für gewöhnlich gegen Mitternacht jegliche Vorhaben in Sachen Einschlafen aufgab und sich in spärlicher Bekleidung an die Fertigung ihres jüngsten Auftrags setzte.
Die Stoffe hatten zwei Tage auf sich warten lassen, was Laurens Nervosität ins Unermessliche geschürt hatte, aber dafür hatte sich das Warten auch redlich gelohnt. Die Qualität der extravaganten und robusten Schurwolle, die sie bestellt hatte, wurde ihrem horrenden Preis durchaus gerecht. Fein und ohne Fäden zu ziehen, schmiegte sich der violett gefärbte Stoffbogen weich und doch resistent gegenüber äußerlichen Einflüssen in ihre Hand. Sie konzipierte einen zweiten dünneren Mantel, eine Art Sakko, das er wahlweise anstelle des doch recht warmen Deckmantels tragen konnte. Dieses war aus jeansähnlichem Stoff, leichter, dünner, aber nicht weniger elegant. Drei Knöpfe verschlossen ihn. Auch der Stoff für die dazugehörige Hose aus feinen Nadelstreifen, in die teuerste Chiffon-Seide eingewebt war, ließ Laurens Schneiderherz höher schlagen. Das Material, das sie für sein Hemd erwählt hatte; anthrazitfarbene, bläulich schimmernde Bourette-Seide mit einem konfusen Wabenmuster, dessen unterschiedliche Zellen jeweils ein anderes Muster beherbergten, von wild gepunktet bis hin zu feinen, nur nadelkopfgroßen Kreisen und kleinen Sternchen; wurde den hohen Erwartungen gerecht. Zumindest hoffte sie das. Er hatte etwas Extravagantes geordert, also sollte er es auch bekommen. Ein Problem würde Lauren noch die Weste bereiten, denn für die hatte sie sich einen besonderen Kniff ausgedacht. Vorn aus teurer, langfaseriger Baumwolle, gefärbt in kräftiges Grasgrün, sollte sie von einem leichteren, weicheren Stoff geschlossen werden. Der Zusammenschluss von Baumwolle und Seide war durchaus eine Herausforderung, aber wenn Lauren schon so viel Mühe in diese Arbeit investierte, dann sollte es auch rundum exquisit werden, ihr eigenes Meisterwerk, keine Spielerei.
Während der ersten Nacht, in deren Voraus die Stoffe geliefert worden waren, stieß Lauren bereits beim Zuschneiden der einzelnen Teile an ihre Grenzen. Auch wenn die Stoffmengen genügten, lastete der Druck auf ihr, sich nicht verschneiden zu dürfen, genau Maß halten zu müssen, um keinen Zentimeter Stoff zu verschwenden. Im trüben Schein der Schreibtischlampe steckte sie die Stoffbahnen ab, kontrollierte doppelt und dreifach jeden noch so gewöhnlichen Schritt, was ihre Arbeitszeit natürlich immens in die Länge zog und sie mit Schrecken feststellen ließ, dass bereits der Morgen graute, obwohl sie noch nicht einmal alle Stoffe grob zurechtgeschnitten hatte.
Die Zeit lief gegen sie, die Frist, die er ihr gesetzt hatte, um den Auftrag zu erfüllen, schwand zwischen ihren rauen, durch jahrelanges Nähen und Sticken mit Hornhaut überzogenen Fingerspitzen wie feinster Steinsand. Fast war sie versucht, den Laden tagsüber geschlossen zu halten, um mit der Arbeit voranzukommen, aber die wenigen Kunden, die sie noch hatte, wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Dabei wusste sie noch nicht einmal, was sie dazu trieb, so fieberhaft, ja, nahezu besessen an der absonderlichen Garderobe zu arbeiten. Er hatte ihr eine Frist genannt, aber verschwiegen, was geschehen würde, wenn sie diesen Zeitraum nicht einhielt. Es war also nicht mehr als die dumpfe Ahnung, dass er ihr gefährlich werden konnte, wenn sie nicht zu gegebener Zeit ein fertiges Produkt präsentierte, das seinen Vorstellungen entsprach. Was aber würde er tun? Ihr das bisschen Bargeld stehlen, das sie in der Kasse aufbewahrte? Ihren Laden verwüsten? Ihr wehtun? Lauren wog all diese Möglichkeiten ab und war sich dennoch bei keiner einzigen ihrer Befürchtungen sicher. Er hatte sie nie explizit bedroht, war in keiner Sekunde handgreiflich geworden und eine Waffe hatte sie an ihm auch nicht entdecken können. Warum also nagte das unumstößliche Gefühl an ihr, dass er ihr wirklich etwas antun wollen würde? Dass er nicht davor zurückschrecken würde, sie möglicherweise umzubringen?
Es war lediglich eine dunkle Ahnung, ein unbestimmtes Bauchgefühl, die Erinnerung an das unangenehme, winterkalte Prickeln, das die Berührung seiner in Leder gehüllten Hände auf ihrer Haut verursacht hatte. In einem der vielen Alpträume, die ihr in den wenigen Stunden seichten Schlafs Gesellschaft leisteten, hatte sie diese Hände, diese kalten, skrupellosen Hände an ihrer Kehle gespürt und war immer dann aufgewacht, wenn sie zugedrückt hatten. Wieder und wieder schalt sie sich albern, redete sich ein, dass er im schlimmsten Falle sein Geld zurückverlangen und schnaubend abziehen würde, aber mit erschütternder Gewissheit wusste ein Teil von ihr, dass das nicht so geschehen würde.
Noch bevor der erste Kunde ihren Laden betrat, hatte sie die Schnittmuster fertig. Das größte Problem würden ihr ihrer Vermutung nach die Handschuhe bereiten, denn auch die sollten eine Sonderanfertigung und kein Fertigprodukt sein. Warum er so viel Wert auf eine originelle Garderobe legte, wusste Lauren nicht, aber sie glaubte, dass es Teil seiner Maskerade war, des Versteckspiels, das er mit seiner rätselhaften Identität führte. Sie hatte Maß von seiner Hand genommen, hatte jeden Finger penibel abgemessen und die Daten festgehalten, aber einen Handschuh zu schneidern, erforderte außerordentliches Geschick. In ihrer gesamten Laufbahn hatte sie nur vier Paar Handschuhe hergestellt, zwei verkrüppelte Versuche zu ihrer Lehrzeit, die übrigen beiden hatte sie in Stulpenform gestrickt. Aber hartes, zähes Leder war kein Material, das man einfach mit einer Sticknadel bearbeiten konnte.
Jede freie Minute und Stunde saß sie an der ungewöhnlichen Kollektion, hielt die Ankleidepuppe, die diese Garderobe Probe trug, im hintersten Teil des Ladens verborgen, der nicht zugänglich für Kunden war. Immer wieder wanderte sie zwischen Verkaufsraum und Arbeitsstelle hin und her, bemüht, jegliche neugierige Blicke abzuschirmen. Nach Ladenschluss verbarrikadierte sie das Geschäft und setzte sich bis spät in die Nacht an den Schreibtisch, bis ihre Nähmaschine glühte und ihre Hände vor Verspannung schmerzten, ihre Gelenke fast arthritisch steif wurden. Und immer wieder waren es die gleichen Ängste und unheimlichen Vorahnungen, die ihr die Nachtruhe raubten, selbst als am vorletzten Tag ihrer Frist das Klima wesentlich milder und erträglicher wurde. Stets malte sie sich aus, dass sie es nicht zum gegebenen Termin schaffen würde und er ausrastete.
Immer dann spielte sie mit dem Gedanken, doch die Polizei zu benachrichtigen, die ihr hingegen nicht helfen können würde, wenn ihre Anschuldigungen nur auf unbelegbaren Vermutungen beruhte. Die Cops hatten in Gotham auch ohne ihr paranoides Zutun alle Hände voll zu tun; sie ahnte, dass sie von dieser Seite aus keine Hilfe erwarten konnte, solange keine konkrete Bedrohung vorlag. Lauren hätte lügen können, hätte vorgeben können, er hätte ihr Gewalt angedroht oder würde sie verfolgen. Aber wenn sie etwas in den letzten vierunddreißig Jahren ihres Lebens gelernt hatte, dann war es, dass sich Lügen früher oder später rächten und letztendlich ihr zum Verhängnis wurden.
Als erstes wurde die Hose fertig, ein elegantes Kleidungsstück, das des extravaganten Farbtons zum Trotz sicher auch seine Daseinsberechtigung in einer Runde nobler Herren gefunden hätte. Auch die Mäntel waren recht schnell zugeschnitten, umgenäht, mit glattem Innenfutter und Taschen versehen und mit Knöpfen bestückt; die größte Arbeit machten stets die Details. So fügte Lauren eine verspielte goldene Uhrenkette an, die in der Innentasche der Weste ihren Platz fand, nähte den Mantel so um, dass er schlank und in Form eines Schwalbenschwanzes um die Beine seines Trägers fließen würde, stimmte alles so aufeinander ab, dass es trotz aller Farben- und Musterfülle ein harmonisches Ganzes ergab. Die fertige Garderobe vereinte die unterschiedlichsten Materialien – von feinster Seide bis zu grobem Leder – und wirkte doch nicht willkürlich zusammengestellt. Zuletzt fertigte sie die seidige Krawatte an, ein elegantes Geflecht aus gelben, grünen und braunen diagonalen Streifen.
Als Lauren den letzten Saum umgenäht und selbst das Paar Handschuhe zu ihrer Zufriedenheit vollendet hatte, war es drei Uhr morgens; ihre Augen brannten, der Kopf war schwer und hämmerte vor lauter Sehnsucht nach Schlaf, ihre Finger waren geschwollen, die Haut von roten Flecken und Stichen übersät. Und doch legte sie der Puppe zur Vervollständigung die Handschuhe an, schob sie über das makellose Weiß künstlicher, androgyner Hände und machte einen Schritt zurück, um ihr Werk zu betrachten. In den vergangenen Tagen hatte sie kaum gegessen, noch weniger geschlafen und ihre gesamte Zeit in diese Arbeit investiert. Angst, Sorge und Hoffnung auf eine rettende finanzielle Entlohnung hatten sie angetrieben, ihr selbst in den zahlreichen schwachen und zermürbenden Momenten den entscheidenden Peitschenhieb versetzt.
Lauren ließ sich auf ihrem Stuhl nieder, lehnte sich zurück und sah, wie das kuriose Sammelsurium an auffälligen Farben vor ihren Augen verschwamm, einen lila-grünen Nebel bildete, der ihren Kopf noch schwerer werden und nach hinten absacken ließ. Mit dem vertrauten Rattern ihrer Nähmaschine in den Ohren und einer verrückt wirkenden Komposition an Mustern und Farben vor dem inneren Auge, nickte Lauren ein, während über Gotham der letzte Tag ihrer Frist anbrach.
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Die harte, steife Kante der Rückenlehne bohrte sich tief und schmerzhaft in die kleine Nut, die den Übergang zweier Wirbel bildete. Es war der Schmerz, der Lauren aufwachen ließ, der stark genug gewesen war, sich über ihre Erschöpfung zu erheben und ihr Bewusstsein, das nur noch aus einem dichten, undurchdringlichen Nebel zu bestehen schien, zu erfüllen. Ihre Wirbelsäule pochte empört ob der unangenehmen Haltung, die ihr über die Dauer mehrerer Stunden zugefügt worden war. Wie viele Stunden es waren, wusste Lauren nicht so recht, aber sie sah zu ihrer eigenen Überraschung, dass sich hinter der Tür, die zu ihrem Laden führte, bereits die Dunkelheit der Abenddämmerung gesenkt hatte. Sie hatte einen ganzen Geschäftstag verschlafen, ihn hier auf ihrem Stuhl zusammengesunken zugebracht und hatte vor ihrer Erschöpfung kapituliert.
Obwohl sie den Schlaf bitter nötig gehabt hatte, fühlte sie sich geräderter denn je, erhob sich stöhnend in eine aufrechte Position und stützte die Arme auf ihren Knien ab, starrte ins leere Dunkel der schattigen Nische. Sie war am Ende ihrer Kräfte angelangt, hatte sämtliche Energie darin investiert, die Bestellung des merkwürdigen Fremden zu vollenden. Aber Lauren war auch von einer tiefen, befriedigenden Zufriedenheit erfüllt, die sie überraschte und erfreute. Bei allem Druck, der auf ihr gelastet hatte, konnte sie es nicht leugnen, diese obsessive, perfektionistische Arbeit genossen zu haben. Sie war an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gegangen, war nahezu manisch in jedes Detail, jeden Nadelstich vertieft gewesen, weil sie insgeheim gewusst hatte, dass diese Zusammenstellung ihr persönliches Meisterwerk werden würde. Sie hoffte, dass der regelrechte Wahn, in den sie während der letzten Stunden verfallen war, ihren akribischen Blick nicht getrübt und ihr ein illusorisches Trugbild vorgesetzt hatte, das nicht der Wirklichkeit entsprach.
Sie tastete mit der Hand nach dem Lichtschalter, während sie die Augen schloss und aufstand, um ihr schmerzendes Rückgrat durchzustrecken. Einige Wirbel unterhalb ihres Brustkorbs ächzten wie alte Möbelstücke; all ihre Glieder wirkten steif und unbeweglich, noch nie hatte sie sich solch einem Arbeitsmarathon ausgesetzt. Sie öffnete wieder die Augen, sah sich um und erstarrte. Das Mannequin, das Laurens leidenschaftlichstes Werk getragen hatte, stand nackt in seiner leblosen porzellanen Hülle vor ihr und begaffte sie mit leeren Höhlen, in denen keine Augen wohnten.
Der Anzug war verschwunden.
Lauren stürmte entgegen dem Rat ihres rebellierenden Rückens und ihrer schmerzenden Glieder nach vorn, riss die vom Schlaf verschleierten Augen auf und krallte ihre Hände um die zarte Statur, griff nach den Armen, wie um das Mannequin daran zu schütteln und zur Rede zu stellen, wo dessen Kleidung abgeblieben war. Aber es antwortete ihr nicht; der eingemeißelte Schemen eines Gesichts reagierte ohne jegliche Mimik auf Laurens grobe Annäherung, ließ sich schütteln und an sich rütteln, ohne Gegenwehr zu leisten.
„Verdammt! Verdammt! Das kann doch nicht wahr sein?!“ Lauren ließ von der schwankenden Ankleidepuppe ab, woraufhin diese träge vor und zurück wippte, um mit weitaus weniger Eleganz polternd zu Boden zu stürzen und dabei einen kalten und steifen Arm zu verlieren. Die junge Schneiderin schlug die Hände über dem Kopf zusammen, wie um ihrem Entsetzen über den unbeabsichtigten Sturz der Puppe Ausdruck zu verleihen; in Wahrheit galt ihr sichtlicher Schock dem verschwundenen Anzug. In ihr brandete eine brachiale, gewaltvolle Flut aus Gedanken hoch, einer panischer als der andere.
Wohin war der Anzug verschwunden? Hatte sie nur geträumt, so hart gearbeitet zu haben und hatte sie in Wahrheit rein gar nichts fertig geschneidert? Wenn dem so war, hatte sie dann nur geträumt, dass die Frist abgelaufen war und stand sie stattdessen noch ganz am Anfang? Wieso aber schmerzten ihre Hände, Knie und ihr Rücken, als hätte sie ihrem Körper eine unsägliche Belastung zugemutet? Und wenn es kein Traum gewesen war, wann würde der Fremde kommen, um seine Bestellung abzuholen? Wie würde er reagieren, wenn er zu der Erkenntnis kam, dass sie scheinbar keinen Finger krumm gemacht hatte?
Alptraumhafte Szenarien spielten sich vor ihrem inneren Auge ab, Angst, so greifbar wie die am Boden liegende, sinnlos zur Decke starrende Puppe, hielt sie mit der Leidenschaft eines Liebhabers umschlungen, durchsetzte ihre Nervenbahnen wie ätzendes Gift, bis es wie Blut durch ihren Körper floss. Sie realisierte nicht, dass sie am ganzen Leib zitterte, bebte, so als stünde sie unter Strom. Jegliche benommene Müdigkeit war schlagartig von ihr abgefallen, machte dem Schrecken der Realität ohne große Umschweife Platz.
„Das kann nicht sein...das kann nicht...sein“, stammelte sie wieder und wieder vor sich hin, drehte die Puppe mit der lächerlichen Hoffnung, sie hätte die Garderobe des eigentümlichen Kunden hinter ihrem kalten und harten Plastikrücken versteckt gehalten. Sie schaute sich um, ihr Blick jagte über die Auslage, vermutete hinter jeder verdächtig unsauber in ihrem Regal liegenden Stoffrolle das Versteck ihres jüngsten Werks, wenngleich sie sich nicht rational erklären konnte, wie es in die Regale gekommen sein sollte. Noch weniger jedoch konnte sie sich erklären, wie es überhaupt hatte verschwinden können. Den Laden hatte sie nicht geöffnet, war vor dem Beginn der Öffnungszeiten eingeschlafen.
Ein verräterisches Rascheln hinter ihr ließ sie herumwirbeln und der bedauernswerten Puppe einen versehentlichen Tritt versetzen, den diese jedoch ohne jegliches hörbare Wehklagen zur Kenntnis nahm. Lauren sah sich um und erkannte, dass das Rascheln aus einer der Umkleidekabinen stammte, die es ihren Kunden ermöglichte, umgeänderte oder maßgeschneiderte Kleidungsstücke anzuprobieren. Der dunkelblaue Stoff, der wie ein Duschvorhang an Plastikringen auf einer Halterungsschiene hin und her zuckte, als würde hinter ihm ein wilder Kampf ausgefochten werden, wölbte sich unheilvoll und ließ Lauren automatisch erschrocken zurückweichen. Was für eine Teufelei ging hier nur vor sich? War es vielleicht sogar möglich, dass sie hier und jetzt träumte? Unter diesen Umständen fühlte sich die bleierne Schwere ihrer Knochen nur allzu real an.
Als der Vorhang barsch zur Seite gezerrt wurde, woraufhin zwei der schwächeren Plastikringe durchbrachen und klappernd auf dem hölzernen Boden landeten, konnte Lauren nur mit aller Mühe einen spitzen Schrei unterdrücken, begnügte sich stattdessen damit, die Hände vor dem Mund übereinander zu schlagen und ohnmächtig in ihre Handflächen zu stöhnen. Ihr Herz schien einen ewig währenden Schlag lang auszusetzen und nur widerwillig seinen Dienst fortführen zu wollen. Erst als sie sah, was sich hinter dem Vorhang, einem Magier bei der Ausführung eines seiner Tricks gleich, verborgen hatte, war es ihr möglich, trotz des vermeintlichen Knotens in ihrer Lunge nach Luft zu schnappen. Ihre linke Hand wanderte zittrig auf ihre Brust, die rechte folgte mit einigem Zögern.
Vor ihr stand der Fremde und seine Erscheinung erklärte ihr auch, wohin die fieberhaft geschneiderte Montur verschwunden war. Er hatte sich komplett umgezogen, stand groß und dürr vor ihr, wie gewohnt mit leicht hängenden Schultern, die nun von edlem violetten Stoff umwunden waren, der seiner Statur ein wenig mehr Breite, etwas mehr Männlichkeit verlieh. Auch die dunklen, lilafarbenen Lederhandschuhe fügten sich geschmeidig in die Form seiner Hände, mit denen er das Revers zurechtzupfte und eine kleine Staubfluse von der Brust wischte. Er zerrte und zupfte am Kragen des Hemdes herum, das makellos zu seinem schrillen Auftreten passte, und benetzte die Unebenheiten seiner Lippen mit einem dünnen Film farblosen Speichels, während er gleichzeitig seinen dunklen, markerschütternden Blick auf sie lenkte.
„Oh, hab ich...dich geweckt?“, fragte er in einem unschuldigen Tonfall nach, der nicht so recht zu ihm passen wollte. Beide Brauen hatte er zur Wölbung zweier Fragezeichen erhoben, sein Gesicht wirkte seltsam äschern und bleich, ungesund und unnatürlich, nahezu so synthetisch wie das Antlitz der gestürzten Puppe. Beinahe farbenfroh stach da das leicht rosafarbene Gewebe seiner geschwulstartigen Narben auf seinen Wangen hervor, wie ein letztes Anzeichen von Leben auf einem toten Gesicht.
Lauren öffnete und schloss den Mund wie ein erstickender Fisch, ohne auch nur einen Ton über die Lippen zu bringen, während ihr Gegenüber sie mit aller Seelenruhe betrachtete und sich die nicht vorhandene Frisur richtete.
„Und? Wie sehe ich aus?“ Er drehte und wendete sich vor ihren Augen wie ein eitler Gockel, präsentierte sich einmal in herrischer, dann in galanter Pose und spazierte rings um Lauren herum, die vor lauter Schreck immer noch keinen Mucks von sich gab. „Herrlich!“, schnarrte er mit einer aggressiven Begeisterung, die Lauren dazu brachte, sich kurzzeitig abzuducken wie unter einem überraschend lauten Knall. „Herrlich, herrlich, einfach herrlich!“, plapperte er mit tiefer, kehliger Stimme vor sich hin, während er katzengleich vor den Spiegeln herumflanierte und sein Ebenbild begutachtete.
„Wie...wie sind Sie hier reingekommen, verdammt noch mal? Sie haben mir einen Heidenschrecken eingejagt!“, fand Lauren allmählich ihre Worte wieder und sah ihr eigenes Spiegelbild, als sie sich umdrehte, um seinem beschwingten Tänzchen durch ihr Atelier mit den Augen zu folgen. Sie erschrak beinahe vor sich selbst, so bleich war sie. Dunkle Augenringe umgaben ihre braunen Augen, reichten weit auf ihre Wangen hinab und ließen sie binnen weniger Wimpernschläge um Jahrzehnte altern.
„Hab ich das?“, ertönte die Stimme des seltsamen Fremden so dicht an ihrem Ohr, dass sie den um Haaresbreite verpassten Aufschrei nachholte und heftig zusammenfuhr. Er hatte sich unbemerkt so nah an sie herangeschlichen, dass keine Handbreite mehr zwischen sie und ihn gepasst hätte. Verwirrt nahm sie wahr, dass die frisch geschneiderten Sachen, die nach fabrikneuem Stoff rochen und einen gewissen Eigenduft mit sich trugen, seinen unerklärlich unreinen und gefährlichen Geruch zu einem nicht unbeachtlichen Teil angenommen hatten. Lauren antwortete ihm nicht, überließ es ihrem geschockten Gesichtsausdruck, Bände zu sprechen. „Weißt du, mir wird oft nachgesagt, dass ich...äh...ein Händchen dafür habe...Schrecknisse hervorzurufen.“ Er gestikulierte mit seinen Händen richtungslos in der Luft herum; ballte sie abschließend zu straffen Fäusten, unter denen das Leder vor Anspannung dumpf knirschte.
Lauren zweifelte in keiner Sekunde an der Wahrheit, die in seinen Worten lag. Auch sie hatte sich mehr als einmal vor ihm erschrocken. Ihre Begeisterung ob der vollbrachten Leistung war zerstoben wie eine schillernde Seifenblase und einer nackten Angst gewichen, die sie noch nie empfunden hatte und unerklärlich für sie war.
„Ich frage mich...manchmal...“, murmelte er, als er endlich damit aufgehört hatte, sie wie ein Aasgeier trudelnd zu umkreisen, und stattdessen vor ihr stehen geblieben war, „...ob es an den Narben liegt, die...meine Mitmenschen so verunsichern...“
Die neue Garderobe war vollends in Vergessenheit geraten; seine Pupillen waren gefährlich geweitet wie die eines Raubtiers, und obschon Lauren diesen Effekt auf das nur sehr schummrige Licht zurückführen konnte, war ihr doch, als glotzten sie diese unergründlichen Augen an wie die eines Hais, der Blut gewittert hatte. Ihre Angst ließ ihre Nerven mit ihr durchgehen, dass sie eine derart absurde Vorstellung besaß, doch egal, wie sie sich auch zu beschwichtigen versuchte; es gelang ihr nicht, sich zu beruhigen oder diesen sonderbaren Eindruck abzustreifen.
„Sind es die Narben, Missy? Sind es die Narben, die dir Angst machen?“ Seine Hand strich weich und flüchtig über ihr Profil, doch selbst diese scheinbar zufällige Berührung säte in Lauren entsetzliche Furcht aus. Das Gespräch, so wirr und einseitig es auch begonnen hatte, schlug eine Richtung ein, die ihr nicht gefiel. Sie wich vor ihm zurück, stolperte dabei um ein Haar über das gestrafte Mannequin.
„Wie sind Sie hier reingekommen?“, wiederholte sie ihre Frage, die er bis dahin unbeantwortet belassen hatte. Beinahe war es ihm gelungen, Lauren mit seinem unheimlichen Gerede auf eine falsche Fährte zu locken und abzulenken, aber sie war klug genug, sich am Wesentlichen zu orientieren, wenngleich sie nicht leugnen konnte, dass sie den Anblick dieses entstellten Gesichts fürchtete und sich insgeheim fragte, wie er zu diesem grotesken Narbengeflecht gekommen war. Um solche Narben zu verursachen, bedurfte es mehr als nur den unvorsichtigen Umgangs mit einem Küchenmesser. Sie konnte sich auch keinen Unfall ausmalen, der eine derartige Zeichnung zur Folge hatte.
„Wieeee...“, begann er gedehnt, „wie ich hier reingekommen bin?“, fragte er mit gerunzelter Stirn, so als wäre diese Frage das Dümmste, was er je gehört hatte. Lauren quittierte die Wiederholung ihrer Frage mit einem knappen, kaum ersichtlichen Nicken. Er zog kurz die Lippen in den Mund, was diesen zu einer leblosen Linie verkommen ließ, die nur die tiefen Furchen seiner Narben schmückte. Er entließ seine Lippen mit einem hohlen Schnalzen und formte ein Lächeln, das so unecht wie die Imitation eines menschlichen Körpers war, die zu Laurens Füßen lag und vergebens darauf wartete, dass man ihr wieder auf die Füße half.
„Durch die Tüüür“, gab er halb singend von sich, als wäre es das Selbstverständlichste und Offensichtlichste der Welt, und deutete unterstreichend mit der linken Hand auf die geschlossene Tür des Ladens. „Wie denn sonst?“, hakte er mit einem gewissen Amüsement in den rätselhaft unmenschlich anmutenden Zügen nach.
Laurens Blick glitt zur Tür; sie befeuchtete sich hektisch die Lippen und schüttelte den Kopf: „Das kann nicht sein.“ Ganz geheuer war ihr dieser Typ längst nicht mehr, aber sie hatte gehofft, er würde sich sein neues Gewand abholen, sie bezahlen und dann in die Unterwelt verschwinden, in der er offensichtlich zugange war. Diesen Gefallen schien er ihr jedoch nicht tun zu wollen.
„Niiiiicht?“, säuselte er und verschränkte die Arme vor der flachen Brust, stützte den rechten Arm darauf ab, um sein Kinn in einer nachdenklichen Geste mit der Hand zu stützen. Er schenkte ihr einen derart wissbegierigen Blick, dass es ihr erstaunlich schwer fiel, ihm seine Unwissenheit nicht abzukaufen.
„Nein“, sagte sie mit aller Entschlossenheit, die sie noch aufbringen konnte, „ich hab den Laden abgeschlossen. Sie können unmöglich über die Tür hineingekommen sein. Es sei denn...“
Er betrachtete sie neugierig, legte den Kopf zur Seite, sodass sein schmutziges Haar auf dem weichen Violett des Mantels landete, das seine Schulter umhüllte. „Es sei denn was?“, half er ihr auf die Sprünge und schenkte ihr einen Blick, dem sie sich beim besten Willen nicht entziehen konnte. Es war gefährlich, zu lange in diese zwei Abgründe aus leerer Schwärze zu schauen, aber Lauren konnte nichts dagegen ausrichten. Es war fast hypnotische Energie, die er mit seinen Blicken freisetzte.
„Es sei denn...“, murmelte sie heiser, „...Sie sind hier eingebrochen.“ „Eingebrochen!?“, wiederholte er in einem Ausbruch schrillen Gelächters, das ihn für einige Sekunden in seinen Bann schlug und sich ausschütten ließ, als hätte Lauren soeben das Witzigste von sich gegeben, das ihm je zu Ohren gekommen war.
„Hältst du mich etwa...für einen Kriminellen?“, fragte er dann mit großen runden Augen und eingezogener Unterlippe, mimte den Erschrockenen, „Das trifft mich jetzt aber!“ Er sagte es in einem Tonfall, von dem sie nicht zu urteilen wusste, ob er das Gesagte tatsächlich ernst meinte oder ob er ironisch wurde.
„Ich habe abgeschlossen“, sagte sie firm, aber war sich dabei nicht mehr halb so sicher wie noch vor wenigen Sekunden. Seine Mimik und Gestik war ein einziges Verwirrspiel, eine Scharade, bei der es galt, Wahres von Falschem zu unterscheiden. Das war in seinem Fall allerdings nicht halb so leicht, wie es sich anhörte.
„Bist du dir da sicher? Ich habe nämlich klopf, klopf, klopf angeklopft...“, er imitierte eine Klopfbewegung mit seiner Hand in der Luft, die Lauren jenen Volksmundreim ins Gedächtnis rief, den Stephen King schon für seinen gleichnamigen Roman verwendet hatte:
„Letzte Nacht und die Nacht davor,
Tommyknockers, Tommyknockers
klopfen an mein Tor
Ich möchte hinaus, weiß nicht, ob ich`s kann,
ich hab solche Angst
Vor dem Tommyknocker-Mann.“
Tommyknockers, Tommyknockers
klopfen an mein Tor
Ich möchte hinaus, weiß nicht, ob ich`s kann,
ich hab solche Angst
Vor dem Tommyknocker-Mann.“
Lauren erschauderte und hatte alle Mühe, die Erinnerung an das Horrormärchen zu verdrängen, das unangenehme Assoziationen in ihr wachrief. Der Tommyknocker-Mann. Stand er gerade leibhaftig vor ihr? „...aber du hast mir nicht aufgemacht“, stellte er pikiert fest, „also blieb mir nichts anderes übrig, als es selbst an der Tür zu probieren und siehe da...sie öffnete sich...simsalabim...auch ohne jegliches ‚Sesam öffne dich’.“ Er schnippte mit dem Finger und brachte Lauren dazu, zusammenzuzucken. Sie schaute ihn durchdringend an, versuchte vergeblich, in seinen Augen und seinem Gesicht zu lesen, doch er war ein einziges Rätsel; das Antlitz einer Sphinx hätte ihr mehr Aufschluss geboten.
„Glaubst du mir nicht?“, raunte er und trat näher auf sie zu, der violette Mantel schwang sanft um seinen schmalen Körper, begleitete jede seiner Bewegungen mit wogend schmeichelnden Streifzügen. Es war eine skurrile Farbgebung, in die er sich hüllte, aber sie passte zu ihm, war genauso abgedreht wie er es zu sein schien.
„Doch...“, flüsterte Lauren weniger wahrheitsgemäß als vor lauter Angst. Nervös senkte sie den Blick, schaute auf ihre Füße, konnte sich seiner Präsenz, die den gesamten Raum einzunehmen schien, nicht entziehen.
„Ich...es tut mir leid, ich...“, ihre Stimme erstarb, als sie zu ihm aufsah. Sie hielt es für unklug, ihn zu provozieren, ihn herauszufordern. Alles, was sie wollte, war, dass er ihren Laden verließ; wenn es sein musste auch ohne zu bezahlen.
„Du siehst müde aus, Missy...möchtest du...möchtest du schlafen?“, murmelte er über ihr. Vor wenigen Stunden hätte sie diese Frage noch bejaht, jetzt aber alarmierten sie seine Worte. Was auch immer er unter schlafen verstand, es konnte nichts Gutes bedeuten. Wie gelähmt stand sie vor ihm, unfähig, auch nur klar zu denken. „Weißt du, ich will dich auch gar nicht lange aufhalten, ich...“
„Sie haben noch viel zu tun, schon klar“, fiel sie ihm ins Wort und bereute es sofort, denn seine Gesichtszüge versteinerten sich für die Dauer weniger Sekunden, erhärteten sich zu einer Grimasse, in der kein Schalk, kein augenzwinkerndes Amüsement mehr verborgen lag. Lauren biss sich auf die Zunge und war sich schon sicher, gleich das wahre Gesicht des Fremden präsentiert zu bekommen, als er dunkel und gepresst entgegnete: „Das ist korrekt...“ Einige Sekunden lang sah er sie schweigend an, sein Blick pfählte sie, ging direkt durch sie hindurch. Lauren wagte weder zu atmen, noch zu schlucken, geschweige denn zu sprechen. Und plötzlich legte sich das aggressiv anmutende Flackern in seinen Augen und er trat von ihr zurück, schickte sich an, wieder die altbekannten ovalen Umlaufbahnen um sie herum zu ziehen.
„Du...“, hob er an, während er mit einem geschickten Tritt den hohlen Körper des Mannequin wieder in eine stehende Position versetzte und diesem fast kameradschaftlich auf die Schulter klopfte, während er ihn umrundete, kumpelhaft den Arm um den marmorfarbenen Hals legte, „...hast sehr gute Arbeit geleistet.“
Sie schaute zu ihm auf, unsicher, ob es klug war, etwas zu erwidern. Sie hatte sich schon einmal die Zunge verbrannt und ahnte, dass er es kein zweites Mal friedfertig übergehen würde. Ihr gesamtes Verhalten ihm gegenüber basierte auf diesem Bauchgefühl, dieser Intuition, es mit einem gefährlichen Mann zu tun zu haben. Etwas Ähnliches hatte sie noch nie empfunden; umso unsicherer war sie im Umgang mit ihm.
„Er...sitzt hervorragend, der Anzug, hervorragend!“, fuhr er fort und sah an sich hinab, fuhr mit einem andächtigen, beinahe verträumten Ausdruck über den Stoff; das Geräusch, das diese Bewegung erzeugte, war weich, ein gedämpftes Seufzen.
„Das...freut mich“, brachte sie brüsk hervor und verschränkte die Arme vor der Brust, umklammerte sich selbst damit, wie um sich in dieser beklemmenden Situation Trost zu spenden, suchte Abstand von ihm, wich gemächlich vor ihm zurück.
„Ich...hab noch was für dich“, versprach er mit tiefem, beinahe rauchig-kratzigem Tonfall, der nicht zur gewöhnlich melodischen Klangfarbe seiner Stimme passen wollte. Er zog den Mantel beiseite und obwohl es ihre Eigenkreation war, war ihr unwohl bei dem Gedanken, was er in einer der vielen Taschen verborgen halten mochte. „Es ist...sehr praktisch, dass du so viele Taschen eingearbeitet hast...weißt du, ich trage...allerhand...Plunder mit mir herum.“ Er ließ eine Lachsalve folgen, die sie nicht im Geringsten dazu animierte, in sein Gelächter mit einzustimmen. Schweigend sah sie dabei zu, wie er in beinahe jede Tasche griff, prüfend die Hand hineingleiten ließ, um zu ertasten, was er darin zurückgelassen hatte. Dann zog er ein Bündel Bargeld daraus hervor und warf es ihr zu. Beinahe hätte sie es fallen gelassen, nur im letzten Moment fing sie es mit Händen ab, die so stark zitterten, dass es so erschien, als stünde das Bündel in Flammen und sie hätte sich daran verbrannt. Schließlich hielt sie es und drückte es gegen ihre Brust, so als wäre es in der Lage, ihr nicht länger schlagendes, sondern rasendes Herz unter Kontrolle zu bekommen.
„Das sollte deine Anstrengungen entsprechend entlohnen“, sagte er beiläufig, ohne ihr größeres Interesse zu zollen. Er drehte die Hände, warf den Kopf zurück und besah sich von oben bis unten.
„Danke“, murmelte Lauren, ohne jedoch auch nur einen Blick auf das Geldpaket in ihren Händen zu werfen. Er drehte sich mit der kindlichen Ausgelassenheit eines Brummkreisels um die eigene Achse, sah beinahe fasziniert dabei zu, wie sich der weiche, leichte Stoff um seinen Körper legte, so anschmiegsam, als wären seine neu erworbenen Kleider eine zweite Haut.
„Wie heißt es so schön?“, fragte er, als er endlich wieder stillstand und nur der Mantel unruhig um seine Beine strich, „Kleider machen Leute.“ Er schenkte ihr ein mit Zähnen bestücktes Grinsen, ehe er ein weiteres Mal an sie herantrat und die Hand auf ihre schmale Schulter legte: „Du...solltest dich jetzt ein wenig hinlegen, meinst du nicht auch, Missy? Aber...“ Er beugte sich leicht zu ihr hinab, sodass sein Atem ihr Ohr umspielte, strich ihr mit einer Hand flaumige Strähnen des weichen braunen Haares in ihrem Nacken beiseite und fuhr fort: „...halte die Augen trotzdem offen...denn ich bin davon...überzeugt, dass wir uns wieder sehen. Oder du mich. Und dann werden die Karten neu gemischt.“
Damit ließ er von ihr, die wie benommen vor ihm stand und ihre Finger in das Geldbündel presste, ab, richtete sich zu voller Größe auf und deutete eine Verbeugung an, ehe er ihr zuraunte: „Gute Nacht, Schätzchen...und süße Träume.“
Lauren drehte sich nicht nach ihm um, um sich zu vergewissern, dass er auch wirklich gegangen war. Sie verließ sich auf die routiniert klingenden Glöckchen über der Tür, die seinen Weggang kundtaten und warf erst dann, einige Minuten später, als wieder die Stille in ihre kleine Nähstube Einzug gehalten hatte, einen Blick auf das Bündel in ihren Händen. Obenauf lag eine Fünfhundertdollarnote, und die darunter liegenden Scheine machten nicht den Eindruck, von geringerer Größenordnung zu sein. Lauren schüttelte den Kopf, noch immer recht benommen von dem unerklärlichen Gefühl, dem Sensenmann persönlich gegenüber gestanden zu haben und dabei nur mit viel Glück einem tödlichen Streich entgangen zu sein. Lauren sah in das wachsende Dunkel ihrer Arbeitsstätte. Sie würde ihn wieder sehen; das hatte er mit einer Gewissheit gesagt, die ihr Sorgen bereitete. Denn hoher Lohn hin oder her; der Teufel war ein Spieler und er pflegte in den seltensten Fällen zu verlieren.
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Nur wenige Tage nach der unliebsamen und erhofften letzten Begegnung mit dem narbigen Fremden sah ihn Lauren wieder; wenn auch nicht von Angesicht zu Angesicht. Es war an einem Montag, als sie in ihrem Lieblingscafé ein verspätetes Frühstück zu sich nahm und der allgemeinen Aufmerksamkeit Folge leistete, als sich mehr und mehr Köpfe zu dem kleinen Fernseher drehten, der in einer Ecknische an der Wand angebracht worden war. Angeregte Gespräche verstummten, Gelächter erstickte in den Hälsen, das hektische Klappern von leerem Geschirr, das die Kellnerinnen abräumten, senkte sich zu einem geflüsterten Staccato hinab. Lauren folgte der eintretenden Stille, sah zu dem flimmernden Bildschirm auf, der verstörende Aufnahmen prophezeit hatte, und spürte, wie ihr der Bissen von ihrem Bagel im Hals stecken bleiben wollte.
Der Fernseher zeigte einen am Boden sitzenden, gefesselten Mann, gekleidet in einem billigen Imitat eines Batmankostüms, der vor Angst schlotterte. Lauren erkannte die Stimme, die auf ihn einredete und ihn nach seinem Namen fragte, auf Anhieb, und doch wollte sie es einen Moment lang nicht wahrhaben, bis eine in einen lilafarbenen Handschuh gehüllte Hand nach vorn schnellte und die Wange des verängstigten Mannes tätschelte. Sofort war ihr, als spürte sie das kühle, glatte Leder auf ihrem eigenen Gesicht. Geräuschvoll landete die Kaffeetasse, die sie in ihrer Hand gehalten hatte, auf dem Teller, doch niemand drehte sich zu ihr um; alle starrten mit einer Mischung aus Entsetzen und einer unheimlichen Faszination nach oben an die Wand.
Dann drehte sich die Kamera und gab einen Ausblick auf den Sprecher frei. Eine verzerrte Clownsvisage füllte plötzlich das Bild aus, ein weiß geschminktes Gesicht, schwarz bemalte Augen und ein blutrotes Grinsen, das sich über beide Wangen erstreckte. Letzteres war nicht nur aufgemalt. Die Farbe verhüllte die zerklüftete Struktur tiefer Narben. Laurens Kehle wurde schlagartig trocken; die hektische Kameraführung gewährte einen kurzen Blick auf das Gewand, das er trug, einen violetten, langen Mantel, dessen Schnitt Lauren so verinnerlicht hatte, dass sie ihn blind hätte ausführen können. Da auf dem Bildschirm war der Fremde zu sehen, der sie in den vergangenen Wochen immer wieder aufgesucht hatte. Er hatte sich als Künstler ausgegeben, der in der Unterhaltungsbranche tätig war, doch hätte ihm das Attribut ‚Mörder’ besser zu Gesicht gestanden. Lauren war schlagartig der Appetit vergangen.
Sie hatte einen Verrückten neu eingekleidet, einen Mann, der so verdreht wie auch gefährlich zu sein schien. Und es war nur seiner Laune zu verdanken gewesen, dass er ihr nichts getan hatte. Mit einem Gefühl aufkeimender Übelkeit legte Lauren einen Zehndollarschein neben ihren Teller, tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab und verließ eiligen Schrittes das Lokal, noch ehe die Fernsehübertragung endete. Lauren hatte ihm ein neues Kostüm geschneidert und dafür aller Wahrscheinlichkeit nach Blutgeld in Empfang genommen. Blutgeld, das ihre wirtschaftliche Existenz rettete, aber für das sie ihre Seele zu einem spottbilligen Preis verhökert hatte.
Manchmal machten Kleider Leute. Leute und manchmal auch Monster.
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