Geschichte: Fanfiktion / Kinofilme / Alexander / Hurt
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
 
 
von Neta Sanguinea    erstellt: 22.07.2009    letztes Update: 22.07.2009    Geschichte, Drama / P18 Slash    (fertiggestellt)
Hey :D

Schön, dass ihr euch zu diesem kleinen Oneshot verirrt habt *alle ganz herzlich begrüßt und kekse verteilt*
Es sei von Anfang an vorweggenommen, dass Hephaistion hier ziemlich leiden wird, Alexander der Schuldige ist und das Ganze ziemlich dramatisch angelegt ist. Wer also keine Lust hat, diese Konstellation schon wieder zu lesen, der sollte schnell wegklicken. Ansonsten freue ich mich natürlich immer sehr über jeden einzelnen von euch Leserinnen und Lesern :)
Inspiriert wurde diese Story von einem sehr aufschlussreichen Traum meinerseits und dem Song Hurt von Nine Inch Nails, denen ich ein paar Lyrics und den Titel entwendet haben – Copyright liegt natürlich nicht bei mir, sondern bei den eigentlichen Besitzern.
Ein ganz liebes Dankeschön an Athene, die probegelesen und einige Fehler gefunden hat und eigentlich Beta war – danke, meine Süße! *knuddel*

Disclaimer: Die Personen gehören nicht mir, sondern sich selbst, und die Handlung ist - höchstwahrscheinlich ^^ - reine Fiktion.

Rating: P18-Slash (es kommen zwar keine expliziten Szenen vor, aber ich denke, die Thematik rechtfertigt das Rating)

Warnings: Diese Geschichte wird kein gute Ende nehmen...

Author’s Notes: Das Setting ist wieder einmal das wunderschöne Babylon, diesmal nachdem Alexander von seinem Asienfeldzug zurückgekehrt ist und bereits ein leichtes - *räusper* - Alkoholproblem hat. Die historischen Fakten habe ich nicht oder nur kaum berücksichtigt und alle handelnden Charaktere so sein lassen, dass sie ein mein Konzept passen. Außerdem schreibe ich ausschließlich aus Hephaistions Sicht...

Hier sind die Links zu der passenden Musikuntermalung (beide Versionen sind toll, darum überlasse ich euch die Entscheidung, welche ihr lieber hören möchtet *smile*):

Nine Inch Nails – Hurt: http://www.youtube.com/watch?v=cefrrdRUid4

Johnny Cash – Hurt: http://www.youtube.com/watch?v=o22eIJDtKho

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Hinterlasst doch ein Review, wenn es miss- oder gefallen hat *zwinker*

__________

Hurt


Beneath the stains of time

The feeling disappears -

You are someone else

I am still right here…


~*~


„Zier dich nicht so, Hephaistion!“, zischte Alexander wutentbrannt, seine bernsteinfarbenen Augen vor Rage und Frustration gefährlich aufblitzend, ehe er eine schwungvolle Wendung vollzog und die Hände vors Gesicht schlug, während er leise etwas vor sich hinmurmelte, das ich  aus der Entfernung zwischen uns nicht verstehen konnte.

Das Licht der untergehenden Sonne tauchte das königliche Gemach in blutroten Schein und umschmeichelte Alexanders nackten Oberkörper, sodass seine Haut einen weichen Schimmer bekam, der ihn mehr göttlich als menschlich wirken ließ. Für einen Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher als mit dem ersterbenden Licht zu vergehen und bloß als verblichener Glanz in Erinnerung zu verbleiben, damit mir die Qual seiner Reaktion erspart blieb. Noch nistete der gesamte Schmerz nur unterschwellig in meiner Brust, schwelend, auf seine Gelegenheit wartend und meine Kehle zuschnürend, doch aus Erfahrung wusste ich, dass meine Atemnot nur der Vorbote eines weitaus schlimmeren Zustandes war. Ausgerechnet an dem einen Abend in der Woche, wo Alexander meine Gesellschaft erbeten hatte, mussten die Götter schon in den ersten Minuten nach unserer Begegnung Zwiespalt säen und ich betete zu ihnen, dass diese ganze Situation bloß ein grausamer Albtraum war und ich schon bald in Alexanders Armen erwachen würde... als das nicht geschehen wollte, sondern die Spannung sich zwischen uns nur noch weiter verschärfte, akzeptierte ich stillschweigend die Realität und die damit einhergehende Tatsache, dass ich diese Nacht wohl oder übel alleine verbringen würde. Der Schmerz in meiner Brust schwoll mit jedem Atemzug weiter an, doch ich kämpfte ihn verbissen zurück, während meine Zunge kurz über meine Lippen glitt. Ohne mich zu bewegen, legte ich den Fokus meiner Stimme auf eine neutrale Gelassenheit, damit ich Alexander nicht noch mehr erzürnte und sagte betont ruhig: „Ich ziere mich nicht, Alexander. Denkst du, das ist ein Spiel für mich und ich weigere mich nur aus dem Grund das Lager mit dir zu teilen, weil ich dich ärgern möchte? Um dir irgendetwas zu beweisen oder dich herauszufordern?“

Alexanders Rückenmuskulatur zeichnete sich deutlicher ab als zuvor und plötzlich fuhr er auf dem Absatz herum und kam mit bedrohlich langen Schritten auf mich zu, sein Haupt von einem flammenden Kranz aus goldenem Haar umgeben. Er befand sich definitiv in Zerstörungslaune, das war ihm deutlich anzusehen, und ich wappnete mich geistig gegen seinen Übergriff, während er sich mir unwirklich langsam näherte – es war als würde die Zeit zäh dahinfließen, sodass ich jedes Detail seiner imposanten Erscheinung verinnerlichen konnte, einschließlich der bebenden Nasenflügel, zusammengepressten Lippen, die zu einem blutleeren Strich geschmolzen waren, und hervortretenden Kiefermuskeln. Die Schwelle meiner positiven Zuversicht war erreicht und einen Moment lang musste ich mich gegen den einsetzenden Fluchtinstinkt wehren und bemerkte, dass sich jede Faser in meinem Körper verkrampfte, bereit gröberen Schaden durch eine hastige Ausfallbewegung zu verhindern. Einem verängstigten Wild ähnlich stand ich stocksteif da, während mir auf einmal kalt wurde und ich meine eigene Stimme flüstern hörte: Alexander wird mir nichts tun, er kann sich beherrschen... hoffentlich.

Ich versuchte nicht ihm auszuweichen, wohl wissend, dass ihn diese Aktion nur noch mehr in seine blinde Wut getrieben hätte und spürte bloß, wie mein Rücken gegen die nächstbeste Wand krachte und einen dumpfen Schmerz durch meine Wirbelsäule sandte, der mir für einen Augenblick den Atem raubte; dennoch schwieg ich eisern und lauschte Alexanders von unterdrücktem Zorn zitternde Stimme: „Tust du es etwa, um mich zu ärgern, Hephaistion? Verweigerst du dich mir, um deine angebliche Macht zu demonstrieren oder testest du deine Grenzen aus? Spar dir diesen leidenden Blick und rechtfertige dich stattdessen!“
Sein heißer Atem schlug gegen mein Gesicht und ich konnte den sauren Geruch des verfluchten Weines ausmachen, des Weines, von dem ich hoffte, er würde aus meinem Geliebten sprechen. Unwillkürlich stellten sich die feinen Härchen auf meinen Armen auf und ich zwang mich dazu, direkt in Alexanders blutunterlaufene Augen zu sehen, obwohl es meinem Herzen einen schmerzlichen Stich versetzte die vollkommene Ablehnung in seinem Blick zu erkennen und ich diese unerwartete Wandlung seinerseits kaum ertragen konnte. Deine Augen sagen mir, dass du mich zutiefst verachtest und das ist schlimmer als jedes deiner Worte... Schließlich fand ich meine Stimme wieder und erwiderte schlicht: „Ich sehe nicht ein, warum ich dir körperlich nahe sein sollte, wenn deiner Haut immer noch der Geruch von Schweiß und diversen anderen Körperflüssigkeiten anhaftet, die dieser persische Lustknabe auf dir hinterlassen hat und du dir nicht einmal die Mühe gemacht hast, sie dir vom Leib zu waschen. Ich biete dir liebend gerne meine Gesellschaft an, aber nicht im Bett, Alexander, nicht heute.“

Die hellen Augen blitzten vorfreudig auf, während sich ein zweideutiges Lächeln auf seine Lippen stahl und er mit rauer Stimme fragte: „Dann lieber an der Wand? Oder vielleicht drüben auf dem Tisch, wenn du dem Bett so gänzlich abgeneigt bist?“

Ich sah die Erwartung, die sein Gemüt vorübergehend beruhigte, doch ich war immer noch nicht bereit, seinem Sehnen nachzugeben; außerdem beunruhigten mich diese unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen und darum versuchte ich nach Kräften den Sarkasmus aus meiner Stimme zu verbannen, als ich so sanft wie möglich antwortete: „Nein, Alexander – wenn du jemanden suchst, der deine sexuellen Gelüste befriedigt und dir ein paar schöne Stunden schenkt, solltest du wirklich nach deinem Harem schicken lassen. Ich bin mir sicher, es fänden sich unzählige Frauen und Knaben die alles dafür tun würden, ihrem König jeden Wunsch zu erfüllen und dein Verlangen zu stillen... aber ich bin nicht unter ihnen.“ Nach und nach hatte sich Bitterkeit und Enttäuschung in meinen Tonfall geschlichen, aber ich war recht zuversichtlich, dass Alexander diese in seinem Rauschzustand nicht bemerkt hatte.
Es brach mir das Herz, ihm vorzuschlagen sich jemand anderen ins Bett zu holen, doch ich hatte keine andere Wahl, wenn ich ihm zeigen wollte, dass ich mehr als nur ein Objekt war, das er benützen und wieder fallen lassen konnte, wie es ihm beliebte. Wann war ich zu Alexanders Spielzeug verkommen, wann ersetzbar geworden? Dass ich nicht der Einzige war mit dem er sein Bett teilte, war mir immer schon bewusst gewesen, aber ich hatte es ertragen und toleriert, weil er erstens der König war und tun konnte, wonach ihm der Sinn stand, und zweitens, was weitaus wichtiger für mich war, hatte er mir immer versichert, dass nur ich sein Herz besaß. Die Erkenntnis, dass ich offenbar zu einem netten Zeitvertreib geworden war, nicht einmal mehr eine einfache Konversation wert, tat so weh, dass es mich innerlich zerrissen hätte, wenn sich mein Geist nicht für jegliches Gefühl verschlossen und Vorsichtsmaßnahmen getroffen hätte. Ich wäre daran zerbrochen. Sogar jetzt fühlte ich, wie der Schmerz langsam tiefer bohrte, unschöne Gedanken und Bilder in meinen Kopf setzte und Übelkeit in mir aufstieg, bis ich mich am liebsten übergeben hätte. Wann habe ich dich verloren, Alexander, und wann haben wir uns verloren?

Alexanders Miene wurde hart und sein Lächeln erfror vor meinen Augen zu einer ausdruckslosen Fratze, ein Muskel an seiner Wange zuckte, doch ansonsten wirkte er erstarrte, bis er tonlos meinte: „Geh. Sieh dich von der Last, dich mir hingeben zu müssen, bis auf Weiteres befreit und halte dich von mir fern...“

Etwas in meinem Inneren zerbrach unwiederbringlich in jener Sekunde, wo die unheilbringenden Worte noch in der Luft nachklangen, und ich spürte eine unsichtbare Hand, die mir die Kehle zudrückte und allmählich die Kraft zu atmen nahm, während sich Glassplitter in mein Herz zu bohren schienen. Ich wollte schreien, ihn schütteln und auf ihn einschlagen, damit er wieder zur Vernunft kam, doch das letzte Fünkchen Beherrschung das ich noch besaß verhinderte einen unkontrollierbaren Ausbruch. Trotzdem schaffte ich es nicht mehr die Tränen zurückzuhalten und einzelne Tropfen, die das letzte Sonnenlicht brachen, flossen stumm über meine Wangen. Er hatte es getan. Alexander hatte mich tatsächlich aus seinem Leben verbannt, weil ich nicht mit ihm schlafen wollte. Der Fakt, dass er geflissentlich darüber hinwegsah, dass er mir nichts Grausameres hätte antun können, schmerzte zusätzlich und brachte das Bewusstsein mit sich, dass ich wohl so verletzlich war, wie sonst kaum. Offenbar bedeutete ich ihm nichts mehr, zumindest nicht als Mensch. Du hast es geschafft, mein Alexander, ich werde vor dir auf die Knie fallen und dich anflehen deine Entscheidung zurückzunehmen, ganz egal, wie demütigend das aussehen mag - ich werde mich sogar zu deiner Hure machen, wenn das dein Wunsch ist, auch wenn ich den Männern dadurch die Bestätigung gebe all die Jahre nichts Anderes gewesen zu sein...

Ich schluckte hart und flüsterte beschwichtigend: „Alexander, es-“

„Noch bin ich dein König!“, fuhr der blonde Mann eisig dazwischen und verstärkte den Griff um meine Schulter, sodass sich seine Finger unangenehm tief in mein Fleisch gruben, während seine Augen einen distanzierten Ausdruck bekamen. „Wage es ja nicht noch einmal, derart respektlos mit mir zu sprechen, General, sonst wirst du es bereuen und das ist mein vollkommener Ernst. Ich wünsche, dass du gehst. Jetzt.“

Seine Stimmlage hatte sich von ihrem ursprünglichen Bariton in ein gefährliches Flüstern verwandelt und die Überzeugung in seinen Worten bohrte sich wie eine scharfe Klinge direkt in meine Magengegend, sodass ein heißer, stechender Schmerz durch meinen Unterleib fuhr. Er ließ jäh von mir ab und für einen schrecklichen Moment drohte ich den Halt zu verlieren und zu Boden zu stürzen; wie durch eine höhere Macht blieb mir das jedoch erspart und ich brach nicht auf der Stelle zusammen, sondern behielt mein Gleichgewicht. Nein!, schrie die Stimme in meinem Kopf verzweifelt. Nimm das zurück! In all den langen Jahren unseres Zusammenseins hatte Alexander mich nie bei meinem formellen Titel genannt, nie die Förmlichkeit bewahrt, wenn wir alleine waren und dass er diese Gewohnheit so plötzlich ablegte, zog mir den Boden unter den Füßen weg. War ihm eigentlich bewusst, was er hier gerade zerstörte?! Ich wollte etwas sagen, doch kein Laut drang über meine Lippen, nur ein ersticktes Schluchzen. Während meine Gedanken noch vollkommen verwirrt waren und mein Verstand nicht einsehen wollte, was gerade geschehen war, hörte ich am Rande meines Bewusstseins, wie Alexander nach seinen Wachen rief. Obwohl meine Gefühlswelt allmählich in sich verfiel, funktionierte mein Körper plötzlich wieder automatisch, wie ein perfekt angelernter Diener, und ich sagte leise: „Das ist nicht nötig, mein König. Ich werde gehen.“

Ich bemerkte kaum, wie Alexander sich endgültig von mir abwandte und seine Leibwachen mit einem triumphierenden Lächeln zurückwinkte, während ich selbst an ihnen vorbeiging und mein Körper langsam taub wurde. Meine Wahrnehmung beschränkte sich zunehmend auf eine tranceartige Empfinden meiner Umgebung, als befände ich mich in einem Traum, und eine trostlose Leere ergriff mich. Alexander, mein geliebter Alexander... er hatte mit einem Schlag alles zunichte gemacht, was wir uns seit unserer Jugend so mühsam aufbauen und erkämpfen mussten. Jetzt konnte ich erahnen, wie sich ein Großteil der Welt gefühlt hatte, als Alexander der Große gekommen war und ihr altes Leben mit einem Streich seines Heeres zerstört hatte. Diesmal waren seine einzigen Waffen Worte gewesen und trotzdem hatte er enormen Schaden angerichtet. Du musst tatsächlich ein Gott sein.

***


Die Nacht war erfrischend kühl und der sanfte Luftzug strich liebkosend über mein Gesicht, während ich reglos außerhalb der speisenden Gesellschaft am Fenster stand und versuchte, das Gelächter und lallenden Rufe zu ignorieren. Ich wusste nicht, warum ich mich den betrunkenen Bastarden von Soldaten aussetzte oder warum ich dem Festmahl nicht einfach fern geblieben war. Wieder einmal hatte ich mir die halbernsten Kommentare bezüglich Alexander und dem persischen Tänzer, der ihn mit fließenden Bewegungen umgarnte, anhören dürfen und dabei ein nichtssagendes Lächeln auf den Lippen getragen, das meine innere Hoffnungslosigkeit verschleierte. Noch trotzte ich dem Drang mich hinzulegen und den Tod herbei zu sehnen, doch wie lange konnte ich diese Maskerade aufrecht erhalten, wenn ich Zeuge der schamlosen Annäherungsversuche dieses verfluchten Eunuchen wurde? Jeder lustvolle Blick den Alexander ihm schenkte, brachte meine gleichmütige Fassade mehr zum Bröckeln, verursachte feine Risse, die den unsäglichen Schmerz unterhalb erkennen ließen und machte es noch schwerer zu bleiben und gute Miene zu bösem Spiel zu machen. Warum tust du mir das an?

„Hephaistion! Möchtest du etwas Wein, mein Freund?“, rief Ptolemaios mir mit schwerer Zunge zu und schwang die Weinkaraffe über seinem Kopf, sodass schimmernde Tropfen der roten Flüssigkeit über den Rand schwappten und sich zu den bereits vorhandenen Flecken auf seinem ehemals hellen Chiton gesellten. Ich schaffte es, ein müdes Lächeln zu erzwingen und setzte mich in Bewegung, immer darauf achtend, nicht in Alexanders Richtung zu sehen, ehe ich mich neben dem angeheiterten Mann niederließ und ihm das Gefäß aus der Hand nahm.

„Ich denke, du hast schon genug.“, sagte ich eindringlich und stellte den außerhalb von seiner Reichweite ab; dann fügte ich nicht ganz ernst hinzu: „Zumindest wenn du heute noch nach weiblicher Gesellschaft strebst, solltest du noch in der Lage sein, den Weg in dein Zimmer zu finden.“

„Nicht nötig, mein lieber Hephaistion, nicht nötig – ich kann durchaus woanders nächtigen.“, meinte Ptolemaios lachend und mir schlug sein weinbehafteter Atem entgegen. Ich widerstand der Versuchung die Nase zu rümpfen und nickte nur mitleidig, was mein Gegenüber natürlich nicht registrierte, weil es sich blinzelnd nach passender Gesellschaft für die Nacht umsah. Manchmal wünschte ich mir, dass ich so einfach Ablenkung finden und meinen Verstand zum Schweigen bringen konnte, wie es die meisten anderen offensichtlich taten. Unwillkürlich glitt mein Blick wieder zu Alexander, der gerade seinen Becher hob und einen Toast auf den rasch atmenden Jüngling ausbrachte, der zu seinen Füßen kniete und dem er die andere Hand auf das gesenkte Haupt gelegt hatte. Abermals fühlte ich, wie es mir schwerer fiel zu atmen und meine Hände verkrampften sich, sodass die Knöchel weiß hervortraten – ich konnte es nicht mehr ertragen, ich konnte es einfach nicht. Zum zweiten Mal in meinem Leben bestimmte Eifersucht mein Denken, was damals bei Roxane schon nicht viel genützt hatte, doch meine immer dringlicher werdende Mordlust stieg mit jedem Moment, den ich diesem widerlichen Schauspiel zusehen musste. Plötzlich spürte ich eine warme Hand auf meinem Oberarm und wäre beinahe erschrocken zusammengezuckt, ängstlich, dass jemand meine Gedanken erraten hatte, doch es war nur Ptolemaios, der mich ernüchtert ansah und leise fragte: „Möchtest du lieber gehen? Es ist unübersehbar, dass du dieses Treiben nicht länger aushältst... und wenn ich ehrlich sein soll, halte ich es nicht aus, dich so leiden zu sehen, nur weil Alexander zu einem betrunkenen Wüstling mutiert ist.“
Ich schwieg beharrlich und deutete ein Nicken an, während Ptolemaios sich lautstark erhob, wobei er einige Tongefäße mit sich riss, die am Boden zerschellten, und auf einmal wieder vollkommen betrunken wirkte, sodass er schwankte und ich ihn geistesgegenwärtig festhielt, damit er nicht wieder umkippte. Er winkte dümmlich in die Runde und legte dann einen Arm um meine Schulter, wie um Halt finden zu wollen.
„Lass uns gehen.“, flüsterte er gedämpft und ich war ihm so dankbar, wie noch nie zuvor, als ich ihn aus dem Festsaal eskortieren konnte und so Alexanders Anwesenheit erfolgreich entkam. Der Lärm verebbte allmählich und kaum befanden wir uns außerhalb Hör- und Sichtweite der anderen Gelagegäste, straffte sich Ptolemaios und löste sich erfolgreich von mir. Minutenlang wanderte er stumm neben mir her, durch den mit Fackeln erhellten Palast, an dessen hohen Wänden unsere Schritte widerhallten und ein Echo verursachten.

Schließlich blieb ich abrupt stehen und fühlte, wie sich meine Stimme zu überschlagen drohte, dennoch sagte ich leise: „Danke. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn...“ Es passierte, womit ich schon die ganze Zeit gerechnet hatte - meine Stimme brach endgültig und wurde abgelöst von einem schweren Atemzug, der so ähnlich wie ein Schluchzen klang. Vielleicht war es auch ein Schluchzen, aber war das nicht ohnehin egal? Ich war ein Wrack und konnte es nicht einmal mehr verleugnen, so wie ich es die letzten Stunden getan hatte. Selbstverachtung, gemischt mit Trauer, Enttäuschung und dem Gefühl, verraten worden zu sein, brodelten in meinem Inneren und drohten mich außer Gefecht zu setzen. Meine Hände zitterten unkontrolliert und ich biss mir hart auf die Unterlippe, um die Tränen zurückzuhalten.

„Es ist in Ordnung, Hephaistion.“, sagte Ptolemaios sanft und schob mich mit Nachdruck in die Richtung, wo ich mein Gemach vermutete; während meiner Flucht war mir gar nicht aufgefallen, dass ich den falschen Weg eingeschlagen und mich in den Wirren des Palastes verlaufen hatte und aus diesem Grund folgte ich dem Drängen meines Freundes widerstandslos. „Niemand erwartet von dir, die ganze Zeit stark zu sein, außer du selbst. Es ist abscheulich, was Alexander dir antut und gewiss sehr schmerzhaft, aber im Grunde liebt er nur dich. Das weißt du doch, oder?“

Ein kurzes, freudloses Lachen löste sich aus meiner Kehle und ich erwiderte mit einem bitteren Lächeln: „Ja, meinen Körper liebt er in der Tat... und das war es auch schon. Im Laufe der Jahre hat sich jedes Gefühl seinerseits in alten Erinnerungen verloren, sieht man einmal von seinem unersättlichem Sexualtrieb ab. Aber wenn das aufrichtige Liebe ist, liebt Alexander mich wahrlich von ganzem Herzen!“ Kaum ausgesprochen, bereute ich meine unbedachten Worte und schüttelte schuldbewusst den Kopf. Wie kam ausgerechnet ich dazu, über Alexander zu urteilen, nachdem er so lange mein Gefährte gewesen war? Ich hatte kein Recht, ihm irgendetwas vorzuwerfen. Vergib mir, Alexander. Von einem Schwindelanfall ergriffen, taumelte ich nach hinten und sah, wie die Welt vor meinen Augen verschwamm und in Dunkelheit getaucht wurde. Bevor ich bewusstlos in mich zusammensackte, packte mich Ptolemaios und ließ mich vorsichtig auf den kalten Steinboden sinken, wo er meinen Kopf behutsam auf seinem Umhang bettete, während er nach Hilfe rief.

***


Blasse Sonnenstrahlen fielen durch die schweren Vorhänge vor dem Fenster und tauchten das Zimmer in fahles Zwielicht, während ich mit weit aufgerissenen Augen im Bett lag und die Schwäche in meinen Gliedern zu ignorieren versuchte. Der königliche Heiler hatte eine leichte Lebensmittelvergiftung diagnostiziert – dass ich seit dem letzten Morgen keine Nahrung zu mir genommen hatte, schien ihn dabei nicht besonders zu interessieren – und mir einen speziellen Speiseplan zusammengestellt, der so ziemlich alles enthielt, außer genießbare Gerichte. Allerdings hatte ich nicht vor, besonders viel zu essen, denn dann würde ich das unmittelbare Risiko eingehen, mich andauernd zu übergeben und zumindest das wollte ich mir ersparen. Ich lag schon vier Tage in diesem isolierten Zimmer und fühlte mich um keinen Deut besser, obwohl ich mich ansonsten an die Anweisungen des Heilers hielt und sogar manchmal in kleinen Mengen aß.

Alexander war nicht aufgetaucht und ich bezweifelte, dass er sich überhaupt blicken lassen würde. Der dumpfe Schmerz darüber, dass er seine Ankündigung doch wahrgemacht hatte, war mittlerweile so vertraut, dass ich ihn gar nicht mehr bewusst wahrnahm; er war schnell zu einem Teil meiner Selbst geworden und ich akzeptierte ihn, ohne dagegen anzukämpfen. Ich hatte allgemein beschlossen, nicht mehr zu kämpfen und den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen... darum hegte ich auch nicht die Absicht, die tückische Schwäche abzuschütteln oder die tiefe Wunde meiner Seele verheilen zu lassen und damit den spürbaren Verfall meines Körpers aufzuhalten. Mein Wille war so gut wie gebrochen und ob ich nun ohne Alexanders Nähe weiterlebte oder gleich starb, war ohnehin bedeutungslos – für mich lief es auf dasselbe hinaus. Mein Mund war ausgetrocknet und die kalte Schweißschicht auf meinem Leib, gepaart mit plötzlich einsetzenden Fieberschüben, verhieß nichts Gutes, obwohl mich die anderen davon zu überzeugen versuchten, dass mein ursprünglicher Zustand bald wiederhergestellt sein würde. Es war mir egal. Nur Ptolemaios zuliebe tat ich so, als würde ich ebenfalls an meine Genesung glauben, auch wenn ich bereits mit dem Leben abgeschlossen hatte und selbiges in die Hände der Götter legte.

„Mein Alexander...“, wisperte ich traurig und beobachtete, wie die Sonne allmählich aufging und schließlich in all ihrer Pracht auf dem ungetrübten Himmel stand, wo sie Wärme und strahlendes Licht spendete. Du warst meine Sonne, Alexander, jeden einzelnen Tag meines Lebens.

...

Die Abstände, in denen ich bei Bewusstsein und ansprechbar war, wurden zunehmend kürzer und meistens befand ich mich in einem leichten, von Albträumen und erschreckenden Zukunftsvisionen geplagten Halbschlaf, sodass der Heiler eines Abends beschloss, mich ruhig zu stellen. Ich erinnerte mich danach nicht einmal daran, das Mittel getrunken zu haben und wunderte mich, woher ich die Kraft geschöpft hatte, die Schale zu halten, bis mir bewusst wurde, dass ein Page zu meiner Krankenwache abkommandiert worden war und mir zur Hand ging. Alexander war trotz der Verschlechterung meines Zustandes noch immer nicht gekommen und die Hoffnung, dass er es noch tat, schwand mit jedem meiner angestrengten Atemzüge. Manchmal verfluchte ich mich dafür, dass ich aufgegeben hatte und weinte stumme Tränen der Reue vor mich hin, bis ich wieder von der Müdigkeit übermannt wurde.
Ich will nicht ohne dich sterben, mein Achilles.

...

Mein Körper verkrampfte sich qualvoll und eine weitere Schmerzwelle flutete meinen Geist, sodass ich gezwungen war flacher zu atmen, während ich ergeben die Augen schloss und ein Ende herbeisehnte. Es war zu viel. Die Grenzen meiner Belastbarkeit waren erreicht. Ich war bereit zu sterben, auch wenn das bedeutete, Alexander alleine zurückzulassen. Es tut mir so Leid, Alexander, so unendlich Leid... Das besorgte Gesicht des Pagen erschien in meinem vernebelten Sichtfeld und ich beherrschte mich so weit, dass ich gepresst hervorbringen konnte: „Alexander... Bitte.“ Der Junge nickte hastig und lief ohne ein weiteres Wort davon, während ich abermals von Schmerzen übermannt wurde und zum ersten Mal dem Drang nachgab zu schreien, bis ich keine Kraft mehr hatte und mit unterschwelliger Erleichterung fühlte, dass mein Tod nahte. Ich würde alleine sterben. Ohne Alexander. Einsam. Plötzlich kam es mir so vor als würde ich federleicht emporschweben, fliegen, und ich ließ dieses letzte Mal bereitwillig los. Mögen die Götter dir gnädig sein und dich weiterhin so lieben, wie ich dich immer geliebt habe, Alexander... verzeih mir.

***


Der König stürmte mit langen Schritten in das Gemach seines geliebten Hephaistion und stürzte unhaltbar zu dem Krankenbett, wo er an der Seite des blassen Leichnams in die Knie sank und ein beinahe unmenschliches Brüllen des Verlustes von sich gab. Er klammerte sich weinend und schluchzend an den toten Körper und drohte jedem, der sich ihm näherte, mit einem qualvollen Tod, doch auch das konnte nichts mehr ändern: Er hatte den wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren, den Einzigen, den er jemals geliebt hatte.
Ich werde dir folgen, Hephaistion, so wie ich es dir damals versprochen habe... ich werde dir folgen.


~*~


If I could start again

A million miles away -

I would keep myself

I would find a way…


__________

Das war es auch schon wieder von mir – ich hoffe, ich habe mir jetzt keine Feinde gemacht ;)
Es war nämlich nicht meine Absicht, die Beziehung von Hephaistion & Alexander als leer und verbraucht darzustellen oder überdramatisch zu werden, denn ich bin eine Verfechterin der beiden als aufrichtig Liebende, aber ich glaube, dass sie gegen Ende viele Tiefpunkte hatten und diese kleine Geschichte ist eben der letzte. Aus den Überlieferungen geht ja hervor, dass Alexander bei Hephaistions Tod nicht anwesend war und tatsächlich nur wenig später eingetroffen ist. Darauf baut also der letzte Absatz auf. Und da Athene gemeint hat, das Ganze würde wie eine Erzählung aus dem Totenreich wirken: Geplant war das von meiner Seite nicht, aber ich gebe schon zu, dass man es tatsächlich auf ihre Weise interpretieren kann *zwinker*

Ich würde mich wirklich sehr über Feedback freuen, also bitte hinterlasst mir doch eure Meinung, sei es nun via Mail oder Review *puppy eyes* Füttert meine Muse, sie ist unersättlich!

Auf jeden Fall danke ich all jenen, die sich die Zeit genommen habe, diesen Oneshot zu lesen.
Vielleicht lesen wir uns ja wieder, wer weiß? Bis dahin wünsche ich euch eine tolle Zeit :)

Hochachtungsvoll,
Neta Sanguínea

Edit 29.07.09: Auf den Hinweis von Wind-up Bird hin & nachher noch einmal von Athene, habe ich den Satz, der etwas zu modern rübergekommen ist abgeändert - hoffe, jetzt ist es besser :) Danke euch beiden fürs genaue Lesen *knuddel*
 
 
Anzeigeoptionen|Review schreiben|Regelverstoß melden|★SocialBookmark
◄   Schriftgröße|Schriftart|Zeilenbreite|Ausrichtung|Zeilenabstand
◄   10px|12px|15px|17px|19px
◄   Times|Arial|Helvetica
◄   25%|50%|75%|100%
◄   Linksbündig|Blocksatz
◄   gering|normal|groß|sehr groß
> Nutzungsbedingungen <   > Datenschutz <   > Impressum <          v3.3-6311