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von Zerase    erstellt: 24.06.2009    letztes Update: 24.06.2009    Geschichte, Allgemein / P16 Slash    (fertiggestellt)
Anmerkungen: Ich muss zuallererst wohl eine explizite Verwirrungs-Gefahr anprangern, die nach dem Lesen dieses Oneshots ( und dem momentanen Stand von "Scherbenherz" ) vermutlich unvermeidbar ist. Momentan jonglieren Sikander und ich noch mit einer Menge loser Fäden, die sich oft genug erst sehr sehr viel später zu einem vernünftigen Konstrukt zusammenflechten werden. Dementsprechend konnte ich hier viele Dinge nur andeuten, da sie im späteren Verlauf der eigentlichen Geschichte noch wichtig werden und ich bitte daher zu berücksichtigen, dass ich manche Fragen nicht werde beantworten können. ;)
Hinzu kommt, dass der OS nach "Scherbenherz" geschrieben wurde und ich keine Haftung dafür übernehme, wenn er mit der Geschichte nicht bis ins kleinste Detail übereinstimmt bzw. die ersten Kapitel von "Scherbenherz" Reaktionen oder Gespräche auslassen, die der Logik nach eigentlich hätten folgen müssen - das ließ sich einfach nicht vermeiden.
Dieses Mal geht der gesamte Oneshot auf meine Kappe, Beta-Leserin war Neta Sanguinea (danke Süße *knuddel* ^__^); der Liedtext stammt sowohl am Anfang als auch am Ende aus dem Lied "Forever Yours" von Sunrise Avenue; der Kapitelname aus dem Lied "Weapon" von Matthew Good Band und der Titel ist mal wieder meinem Fimmel für die Todsünden zuzuschreiben, verkörpert dieses Mal also die Wollust, wobei das Wort im Lateinischen auch noch die Bedeutung "Übermut" hat und somit aus zweierlei Gründen ungemein passend war.
So, jetzt aber genug gequatscht - viel Spaß beim Lesen! :)



„Luxuria”
(How it makes you a weapon.)

You were mine and I was yours for one night
You were mine and there is no one who’s like me
These screams, they wake me up in the night; they violently filled my room
They keep me awake - I hate you.



Müde fuhr Hephaistion sich über die Augen und schüttelte den Kopf, als er bemerkte, dass Perdikkas im Begriff war, ihm ein weiteres Mal den Weinkelch zu füllen.
Es war ihm ein Rätsel, wie Ptolemaios es im Endeffekt geschafft hatte ihn zu überreden. Mit schleichenden, lockenden Worten hatte er ihn umgarnt und bereits in Richtung seines Zeltes bugsiert, als Hephaistion noch nicht einmal über eine Antwort nachdenken konnte.
Und jetzt saß er hier. Umgeben von lachenden, mehr oder minder angeheiterten Männern, die ihn die meiste Zeit über genauso ignorierten, wie er sie.

Das war ja noch nicht einmal das Problem - viel schlimmer wog die Tatsache, dass Perdikkas und Ptolemaios ihm gnadenlos einen Weinkelch nach dem anderen untergejubelt hatten und er die Auswirkungen langsam aber sicher deutlicher zu spüren bekam, als ihm vielleicht lieb war.

Hephaistion konnte sich was das anging in seiner Vergangenheit sicherlich nicht als Unschuldsengel bezeichnen, aber wie das eben immer so war, überging er solche Details aus purer Bequemlichkeit heraus.
Bis zu dem Augenblick, an dem viel zu helles Sonnenlicht und viel zu laute Stimmen ihn wecken würden; gefolgt von höllischen Kopfschmerzen
Und nach dem anfänglichen Gefluche auf alles und jeden, würde die Einsicht der Selbstverschuldung folgen. Irgendwann.
In Hephaistions Fall dauerte es meist ein wenig länger, bis diese Phase erreicht war.

Mit einem halbherzig angedeuteten Schmunzeln nickte er Ptolemaios zu, der ihm vom anderen Ende des Zeltes her zuprostete und sich dann wieder seiner lautstarken Unterhaltung mit Seleukos widmete, die im allgemeinen Stimmengewirr unterging, das zwischen den Planen eingeschlossen wurde.

Man konnte fast meinen, es mit einer ganzen Armee zu tun zu haben und nicht mit ungefähr zehn Männern, die sich auf den verhältnismäßig engen Raum drängten; scherzten und tranken, ohne an die Folgen zu denken. Ein Glück nur, dass Alexander nichts davon wusste.
Jedem von ihnen war bekannt, wie sehr der König Maßlosigkeit verabscheute; gerade wenn sie kurz davor standen, in eine Schlacht zu ziehen.

Doch vielleicht war es gerade das, was den Trinkkonsum derartig ankurbelte: der süße Wein lehrte, wie man vergaß und seine Sorgen hinter sich ließ und das war etwas, was nicht wenige Soldaten jeglichen Ranges gerade in solchen Situationen bitter nötig hatten.

Hephaistion zählte sich nicht zu ihnen; zumindest nicht in diesem Ausmaß.
Seine Ablenkung fand er vielmehr in Alexanders Gegenwart; seiner Nähe und seiner Zuversicht.
Furcht verspürte der junge Mann grundsätzlich nicht vor Schlachten. Sorge schon eher, aber auch nur die Sorge um das Leben des Königs, das Hephaistion, wenn nötig, stets mit seinem eigenen verteidigen würde.
Ein leises Seufzen ging nun von ihm aus, während er den leeren Weinkelch in den Händen drehte und dabei die wenigen roten Tropfen musterte, die noch an dessen Boden lagen.

Er konnte nicht wissen, was in den nächsten Stunden noch geschehen sollte - leider, denn dann hätte Hephaistion ganz sicher nicht darauf bestanden, dass Alexander einen Abend ohne ihn verbrachte; sich auf seine Aufgaben besann, die er nicht mehr länger vor sich herschieben konnte und sich dabei nicht von seinem Freund ablenken ließ.
Ihnen blieben schließlich noch genügend Abende und Nächte, die sie gemeinsam verbringen konnten, so hatte Hephaistions Argument gelautet, während er Alexander lächelnd aus einer sanften Umarmung freigegeben und dann den Rückzug angetreten hatte, ohne auf etwaige Proteste zu achten.
Aber es kamen ohnehin keine, ebenso wenig wie Alexander Anstalten gemacht hatte, ihn aufzuhalten und das sagte Hephaistion, dass er seinen Vorschlag, seine Bitte angenommen hatte.
Leider.

„Wo willst du hin?” Perdikkas’ schleppende Stimme machte deutlich, wie schwer es ihm fiel, sich überhaupt verständlich zu artikulieren ohne die ein oder anderen Vokale zu verschlucken.
Hephaistion, der sich erhoben und dem Anderen damit überhaupt erst Anlass zu der Frage gegeben hatte, hob nur in gespielter Strenge eine Braue, während er das folgende „Der Spaß fängt doch erst langsam an, du kannst nicht gehen!” aus Ptolemaios’ Richtung - der Freund konnte sich wesentlich besser ausdrücken als Perdikkas - ebenfalls überhörte.

„Doch, ich fürchte, das kann ich”, entgegnete er dann über allgemeines Gelächter hinweg, das ausgebrochen war, als Leonnatos in dieser Sekunde irgendeinen derben Witz gerissen hatte. Tatsächlich stand Hephaistion der Sinn nur noch nach seinem Bett, den wärmenden Fellen und den kostbaren Stunden, die er noch ohne Kopfschmerzen verbringen konnte.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie Kassander sich ebenfalls erhob, doch maß er diesem Umstand keine weitere Aufmerksamkeit bei, da besagte schon wieder von Perdikkas beansprucht wurde.
Schwankend hatte der Jüngere sich nämlich erhoben und klopfte Hephaistion nun auf die Schulter; hätte sich aber auch genauso gut an dieser abstützen können, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
„S-sicher?”, hakte er dabei nach, erreichte jedoch nur, dass der Angesprochene seinen Arm von der Schulter schob, das darauffolgende Taumeln seines Gegenübers geflissentlich überging und bestimmt nickte.
„Ziemlich sicher.”

Zwar verspürte auch Hephaistion eine gewisse Leichtigkeit, ausgelöst durch den kaum verdünnten Wein, den man ihm eingeflößt hatte, aber er konnte sich wenigstens noch auf beiden Beinen halten.
Seiner Einschätzung nach.

Er bemerkte nicht, wie Kassander einen kurzen Blick mit Kleitos wechselte und dieser sich ein spöttisches Lächeln verkneifen musste, ehe er die Stimme erhob. „Vielleicht sollte dich jemand zu deinem Zelt begleiten, meinst du nicht?”
Es war ohnehin schon selten, Kleitos das Wort an seinen ehemaligen Schüler richten zu sehen, doch noch seltener war es, dass es sich bei den Bemerkungen dann nicht um diejenigen stichelnder und boshafter Natur handelte, die Hephaistion desöfteren von ihm einstecken musste.

Kein Wunder, dass er es sich beinah zur Gewohnheit gemacht hatte, alles zu überhören, was Kleitos von sich gab - so wie jetzt. Mit einer abwinkenden Geste in Richtung des Generals verabschiedete Hephaistion sich von Ptolemaios, Perdikkas und den restlichen Männern, die einen relativ normalen Umgang mit ihm pflegten und schob dann die Zeltplane beiseite.

Kühle, angenehme Nachtluft schlug dem jungen Mann entgegen, sodass er für einen Moment die Augen schloss und die erfrischende Atmosphäre genoss. Im Nachhinein kam es ihm vergleichsweise dazu in dem Zelt in seinem Rücken regelrecht stickig und heiß vor.
Als Hephaistion diesem noch einen Blick über die Schulter zuwarf, bemerkte er, dass offenbar auch Kassander der Meinung war, genug von diesem kleinen ‚Fest’ gehabt zu haben, denn der Jüngere war ihm langsam nach draußen gefolgt.
Die beiden verband wahrlich keine Freundschaft - bereits seit ihrer Jugend in Mieza waren sie hingegen eher Feinde, trugen diese Zwistigkeiten jedoch stets stumm und meistens unbemerkt der Anderen aus.

Alles andere hätte Alexander nicht geduldet: auch wenn der König selbst kein sonderlich inniges Verhältnis zu Kassander pflegte, so ging es in diesem Punkt um das Ansehen seiner Generäle und ihre Vorbild- und Führungsfunktion gegenüber der anderen Soldaten. Wenn sie sich untereinander bekriegten waren Aufstände und ein schlechtes Klima vorprogrammiert und Hephaistion respektierte diese Gründe selbstverständlich.
Umso verwunderlicher war es, dass Kassander jetzt offenbar keinen Streit suchte, im Gegenteil.

„Sie können ganz schön anstrengend werden, nicht wahr?”, fragte er in diesem Moment und blieb einige Schritte neben Hephaistion stehen, den Blick offen und nicht unfreundlich zu dem Älteren gewandt.
Dieser nickte leicht, rang sich aber noch nicht zu einer Antwort durch. Woher dieser plötzliche Sinneswandel kam, war eine gute und viel drängendere Frage.
Der Alkohol?
Vielleicht, auch wenn Hephaistion im Nachhinein nicht gesehen hatte, ob Kassander überhaupt und wenn ja, wieviel getrunken hatte. Hinzu kam, dass er auch nach früheren Festmahlen und dergleichen nie so freundlich zu ihm gewesen war, wie jetzt.

„Andererseits kann man es ihnen nicht verübeln, dass sie ein wenig Ablenkung suchen”, fuhr der Jüngere unbeirrt fort. „Darf ich?”
Die Frage richtete sich an die langsamen Schritte, die Hephaistion angeschlagen hatte und die ihn wohl zu seinem Zelt führen sollten.
Der Angesprochene hielt tatsächlich inne; das Blau seiner Augen, aus welchen heraus er Kassander nun einen irritierten Blick zuwarf, funkelte in einem spöttischen Unterton.
„Ich kann es dir wohl kaum verbieten, einen Spaziergang durch das Lager zu machen. Und wenn dein Weg dabei zufällig derselbe wie meiner ist, kann ich dir - so sehr ich es vielleicht auch möchte - nicht befehlen, umzukehren und von meiner Seite zu weichen”, lieferte Hephaistion ihm nun ungerührt die perfekte Entschuldigung, um dem Älteren tatsächlich zu folgen.

So manchen Beobachter hätte diese Antwort überrascht, denn selbst Kassander rechnete eigentlich mit einer Ablehnung; hatte es nur einmal auf den Versuch ankommen lassen.
Jetzt breitete sich ein Schmunzeln auf seinen Lippen aus, während er neben Hephaistion trat und dieser seine Schritte wieder aufnahm.

„Dass du es mir nicht befehlen kannst, heißt nicht, dass du es mir nicht befehlen würdest, nicht wahr?”, hakte er mit neckendem Tonfall nach und entlockte Hephaistion ein angedeutetes Zucken der Mundwinkel.
Natürlich, sie beide wussten, dass Kassander Recht hatte. In seinem Hochmut ließ der vertrauteste Freund des Königs sich gerne einmal zu Handlungen mitreißen, die ihm eigentlich nicht zustanden - und manchmal hatte er sogar Erfolg damit.

„Sie können froh sein, dass Alexander nichts von ihren Trinkgelagen weiß. Furcht und Zweifel hin oder her.”
Bei Hephaistions Worten warf Kassander ihm nur einen irritierten Blick zu - er war es nicht gewohnt, mit ihm ein längeres Gespräch zu beginnen und konnte deshalb auch nicht gut mit den plötzlichen Themenwechseln umgehen.

Doch Hephaistion schien damit gerechnet zu haben, traf ihn doch schließlich keine Sekunde später ein nachsichtiges, wenn auch herablassendes Lächeln. „Du sagtest, dass man es ihnen nicht verübeln kann, wenn sie sich Ablenkung suchen”, half er dem anderen auf die Sprünge.
Kassander deutete ein Nicken an und ließ den Blick kurz über die Zelte schweifen, die sich zu ihrer Linken auftaten; er wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr es ihn trotz allem wurmte, von Hephaistion behandelt zu werden, wie ein begriffsstutziges Kind.
Oder sich eingestehen zu müssen, dass er sich in dieser Situation tatsächlich so verhalten hatte.

„Ein von Angst benommener Geist ist vor und im Kampfe aber keine Hilfe”, wandte er nach einigen schweigenden Augenblicken ein, ohne den Älteren anzublicken.
„Ein vom Alkohol vernebelter Geist noch weniger”, folgte die prompte Antwort, aus der Kassander glaubte, ein weiteres dieser Lächeln herauszuhören. Vergewissern tat er sich nicht, zumal Hephaistion bereits fortfuhr.

„Furcht ruft irgendwann die Verzweiflung hervor - und ein verzweifelter Mann wird umso heftiger um sein Leben und alles, was ihm wichtig ist, kämpfen. Es ist diese Furcht, die ihn antreibt.”
Der Jüngere konnte nicht wissen, dass Hephaistion im Grunde genommen das zitierte, worüber er und Alexander vor wenigen Tagen noch gesprochen hatten und ließ so einen nachdenklichen Blick in dessen Richtung folgen.
Hephaistions Argumente klangen plausibel, sie hatten Hand und Fuß - und Kassander konnte ihnen nichts entgegensetzen. Wenn er denn einmal in eine Diskussion mit dem Dunkelhaarigen geriet, ging es meistens so aus - diese nüchterne Logik, die Hephaistion an den Tag legte; mit der er begründete, ließ keinen Zwischenraum mehr für Zweifel oder Widerlegungen.

„Wie kommt es, dass du so ruhig bist? Hast du denn gar keine Einwände? Du musst zugeben, dass es nahezu verrückt ist, was Alexander plant”, meinte Kassander stattdessen und warf Hephaistion aus den Augenwinkeln einen prüfenden Blick zu.
Die Versammlung, in der der König seinen Plan erläutern würde, war erst für einen der folgenden Tage anberaumt, aber Kassander wusste, dass der Andere bereits von Alexanders Strategie in Kenntnis gesetzt worden war.

Wie immer sprach der König schließlich vor allen anderen mit Hephaistion; hörte sich dessen Meinung an - und nahm sie, im Gegensatz zu einigen, denen dieses Glück nicht vergönnt war, stets ernst.
Es war also nicht weiter verwunderlich, dass der Vertraute Alexanders sich in den höheren Rängen so manche Feinde gemacht hatte.
Feinde, die seinen Einfluss auf den König nicht unterschätzten und zeitweilig kaum einen Hehl daraus machten, wie gerne sie ihn aus dem Weg räumen würden.

Wie Hephaistion dabei ruhig, ja noch nahezu herablassend bleiben konnte, war Kassander ein Rätsel, doch gleichzeitig kam er nicht umhin, so etwas wie Bewunderung für diesen unerschütterlichen Mann zu empfinden; ihre Differenzen hin oder her.
Der Ältere war ein oftmals undurchschaubarer Charakter, den niemand, abgesehen von Alexander, so Recht verstehen konnte.
Dafür gelang es ihm, beinah hinter jede Fassade zu blicken; egal wie gut man sich bemühte, Absichten und dergleichen zu vertuschen. Und das immer in den unpassendsten Momenten.

„Wenn du etwas über Alexanders Pläne erfahren willst, wirst du dich noch einige Tage gedulden müssen”, entgegnete Hephaistion und es war wohl einzig und allein dem Alkohol zuzuschreiben, dass er weiterhin freundlich blieb; Kassander sogar ein amüsiertes Schmunzeln schenkte und ihn nicht gleich anfuhr.
Ein leises Seufzen ging von ihm aus, während er den Blick wieder in die dunkle Ferne wandte. „Aber es stimmt, was du sagst. Es ist verrückt - und ich habe dennoch keine Einwände.”

Der Jüngere hob eine Braue, machte diese Aussage in seinen Ohren doch herzlich wenig Sinn. War Hephaistion denn wirklich bereit für Alexander so willens in den Tod zu gehen? Wollte er denn, dass sein Freund dasselbe Schicksal erlitt; sollten sie in der folgenden Schlacht tatsächlich aufgerieben werden?
Nein, die Logik, die sich hinter den durchdringend blauen Augen verbarg, die momentan ein spöttisches Funkeln zierte, blieb Kassander verwehrt.

„Es werden nicht alle so bereitwillig in den sicheren Tod gehen”, verlieh er stattdessen seinen Gedanken Ausdruck; schlug aber absichtlich einen vorsichtigen Tonfall an.
Bei Hephaistion wusste man nie, wann ihm der Kragen platzte und er von einer auf die andere Sekunde einen völligen Sinneswandel durchlaufen konnte. Für’s Erste beließ der Angesprochene es aber bei einem Schulterzucken.
„Das ist in erster Linie nicht meine Sorge.”

Auf den überraschten Blick Kassanders hin, legte sich ein verständnisloser Ausdruck auf seine Miene, dann, nach einigen Sekunden, entwich ihm ein leises Lachen.
„Ich bin Alexanders Freund, nicht sein Vormund”, schüttelte er den Kopf. „Ganz davon abgesehen, dass er vermutlich gar nicht zulassen würde, dass ich seine Probleme auf mich nehme.”

„Da könntest du Recht haben ...”, entgegnete Kassander mit hochgezogenen Brauen und musterte wieder den Boden zu seinen Füßen. Mittlerweile hatten sie, verfolgt von den überraschten und zeitweilig amüsierten Gesichtern der Soldaten, die den Anblick der einträchtig nebeneinander her wandernden Generälen nicht gewohnt waren, Hephaistions Zelt erreicht.

„Hast du Angst?”, traf den Jüngeren nun von diesem die unvermittelte Frage, während er sich in Höhe der Zeltplane noch einmal zu ihm umdrehte.
Hephaistion selbst war es ein Rätsel, wieso er überhaupt nachhakte.

Vielleicht, weil das Gespräch erstaunlich friedlich verlaufen war - Es würde nicht heißen, dass Kassander und er ab morgen die besten Freunde wären, aber gegen einen normaleren Umgang hatte wohl niemand etwas einzuwenden.
Ausweichend zuckte der Angesprochene nun mit den Schultern.

Natürlich - Er sprach hier mit Antipatros’ Sohn; so jemand gab nicht einfach Furcht zu, egal wie groß sie auch sein mochte. Erst recht nicht vor einem eigentlichen ‚Feind’.
„Ein wenig”, gestand er zu Hephaistions Überraschung nach einigen Momenten und ließ den Blick noch einmal über das Lager schweifen. „Niemand ist so zuversichtlich wie du, Hephaistion. Und ich glaube, auch du hast in deinem Inneren Zweifel; so gut du sie auch verbergen und leugnen magst.”

Kassander stieß ein leises Seufzen aus, dann schüttelte er den Kopf. „Ich will hier noch nicht sterben, das ist alles.”
Ein verständnisvolles Nicken war die erste Antwort, dann folgte für einige Sekunden ein nachdenkliches Schweigen. Der Jüngere hatte den Blick immer noch abgewandt, sodass sich lediglich der Umriss seines Profils von dem Flammenschein abhob und Hephaistion glücklicherweise verborgen blieb, dass noch ganz andere - viel größere - Sorgen auf ihm lasteten.

Es gab durchaus einige, denen daran gelegen war, dass Alexander den Thron relativ schnell wieder verließ - Machtgier trieb die Menschen immer wieder zu abscheulichen Taten hin.
Kassanders Gedanken schweiften immer mehr ab, bis er sich irgendwann nicht mehr auf dem dunklen Lagerplatz wiederfand, sondern in seinem Zelt, während er sich im schwachen Schein einer Öllampe über ein Pergament beugte.


Kassander kniff die Augen zusammen, während er die letzten Zeilen des Briefes erneut durchlas; zu unglaublich erschien ihm die Botschaft im ersten Moment.
Der Bote hatte ihn zwar heimlich und mitten in der Nacht aufgesucht, doch die Dringlichkeit des Ganzen erschloss sich ihm erst, nachdem er die Nachricht des unverhofften Bittstellers mehrere Male gelesen hatte.

Selbstverständlich hatte Kassander von ihm gehört - wer sprach schließlich nicht von dem großen Demosthenes, dem athenische Redner, der zu Lebzeiten von Philipp so hasserfüllt gegen den makedonischen König gehetzt hatte? Dass sich seine Sympathien für das Königshaus, seit Alexanders Thronbesteigung nicht gerade gebessert hatten, war eindeutig.

Und dennoch kam die Bitte - Kassander fasste es zumindest einfach als solche auf - recht unvermittelt. Wie außergewöhnlich sie war; wie explizit der Brief, den er in Händen hielt, musste wohl nicht zusätzlich erwähnt werden.
Einen Moment lang starrte er noch auf die dicht geschriebenen Zeilen, dann landete das Pergament mit einem harten Rascheln auf dem Schreibtisch vor ihm; Kassander stieß es fort, als handele es sich um eine giftige Schlange - und irgendwie beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass dem tatsächlich so war.

Es käme ihm zu gute, wenn Alexander nicht länger den makedonischen Thron innehaben würde. Und wäre es nicht furchtbar tragisch, sollte der König bei einem Angriff auf die Perser sein Leben verlieren?
Dies zu bewerkstelligen war nicht weiter schwer; kämpfte Alexander doch schließlich stets mit seinen Soldaten im tiefsten Nebel des Schlachtfeldes.
Doch waren immer seine treuen Gefährten um ihn herum, die ein wachsames Auge auf ihn hielten, um ihm in schwierigen Situationen beistehen zu können.
Diese aus dem Weg zu räumen, würde weitaus schwieriger werden.

Kassander schüttelte leicht den Kopf und hielt inne, als er bemerkte, woran er eigentlich dachte.
Beschäftigte er sich gerade ernsthaft mit den Plänen zur Ermordung des Königs?
Dass diese in Demosthenes’ Interesse waren, war verständlich - und offenbar war der Athener gewillt, weiter zu gehen, als Kassander vielleicht vermutet hätte.
Weshalb er ausgerechnet ihn auserkoren hatte, die Hand zu sein, die den entscheidenden Schlag führte, war dem jungen Mann jedoch ein noch größeres Rätsel. Seine Loyalität zu Alexander war gewiss nicht so ausgeprägt, wie die einiger anderer, aber dennoch ...

Ein leises Seufzen von sich gebend, stützte Kassander das Gesicht in die Handflächen.
Es würde nicht leicht werden; ganz gewiss nicht.
Die einfachste Möglichkeit, ihn von seinem Schutz fortzulocken, war die eines Hinterhalts. Nicht auf Alexander selbst, sondern auf die Perser.
Es wäre dunkel, ein schnelles, aber umso erbitterteres Gefecht, bei dem selbst der König schnell einmal das Leben verlieren konnte... Nur wie sollte er es anstellen, ihn davon zu überzeugen?

Alexander war ein Mann von Ehre, er war nicht wie Kassander, der auch ein hinterlistiges Gefecht anzettelte, wenn es ihm die Möglichkeit zu einem schnellen Sieg brachte.
Alexander ging, wie er, über Leichen, aber niemals über diejenigen, die ermordet worden waren, ohne sich wehren zu können.

Mit der flachen Hand strich der Kassander sich durch die langen, braunen Haare. Wie sollte er dieses unmögliche Vorhaben bewerkstelligen? Demosthenes hatte nur geschrieben, dass er ihm und seinem Ideenreichtum vertraute und der Aussicht auf die gewiss nicht gering ausfallenden Belohnungen, die ihn im Falle eines Erfolgs seiner ‚Aufgabe’ erwarteten.
Doch was gab es schon, was Alexander von seinen Plänen abhalten konnte?
Welcher Stimme würde er lauschen?

Vollkommen in Gedanken versunken erhob er sich aus dem Scherensessel, zog das Pergament erneut zu sich heran und hielt es anschließend über die schwache Flamme der Öllampe, um jegliche Spuren zu vernichten.
Die Worte hatten sich in sein Bewusstsein geprägt, vergessen würde er sie so schnell nicht mehr.

Mit einem Mal hielt die Hand unvermittelt auf ihrem Weg inne, als Kassander die Augen öffnete und an die Wand des dunklen Zeltes blickte. Er bemerkte kaum, dass die gefräßige Flamme sich seinen Fingern näherte; so eingenommen war er von dem plötzlichen Einfall.
Natürlich.

Es war so einfach; so offensichtlich, dass er nicht von vorne herein daran gedacht hatte.
Es gab einen Menschen, einen einzigen, der eine kleine Chance besaß, Alexander diesen Wahnsinn aus- und ihn zu einer anderen Taktik zu überreden. Die Gerüchte, über seine Strategie und über die Zahlen der Perser, denen sie sich gegenübersehen mussten, hatten im Lager bereits die Runde gemacht und der König stieß nicht nur bei dem Großteil seiner Offiziere auf Unverständnis, wenn nicht sogar Panik.

Sie waren zwar bereit, ihr Leben für Alexander zu geben - aber ruhmreich; nicht in einem sinnlosen Kampf, in dem er ihre Truppen an den Feind auslieferte und sie zum Tode verurteilte.
Es gab einen Mann, der zu diesen Vorwürfen stets geschwiegen und sich dezent im Hintergrund gehalten; dem man die Wut über ihr Aufbegehren aber dennoch deutlich angesehen hatte.

„Hephaistion...”, entwich es Kassanders Lippen leise.
Ausgerechnet zu seinem ärgsten Feind musste er einen Zugang finden; ausgerechnet den verhassten General einwickeln und zu einer Marionette seines Spiels machen. Wie ihm das gelingen sollte, war ihm jedoch noch ein Rätsel ...



„Alles in Ordnung?”
Die Frage riss den Braunhaarigen aus seinen Gedanken und ließ ihn kaum merklich zusammenzucken. Vor seinem inneren Auge löste sich der Raum seines Zeltes auf und wich stattdessen dem flackernden Schein des Lagerfeuers in welches er gedankenversunken geblickt hatte.

„W-was?”, hakte Kassander nun irritiert nach, riss sich von dem Anblick los und sah hastig zu Hephaistion hinüber, der mit hochgezogenen Brauen vor ihm stand. Seine Miene machte deutlich, dass er langsam die Geduld verlor und darüber hinaus mit einer gehörigen Portion Unverständnis bezüglich des Verhaltens des Jüngeren ausgestattet war.
„Ich fragte nur, ob alles in Ordnung ist. Du bist mit einem Mal leichenblass geworden.”

Ja, das war er vermutlich in der Tat. Wie an dem Tag, an dem er den unterschwelligen Befehl zur Ermordung des Königs aus den Zeilen des Briefes herausgelesen hatte.
Jetzt jedoch beließ Kassander es bei einem hastigen Kopfschütteln. „Ja, geht schon.”

Hephaistions skeptischer Blick machte deutlich, dass er ihm diese Ausrede nicht abnahm, aber Kassander ging nicht weiter darauf ein; sondern unterzog sein Gegenüber stattdessen einer knappen Musterung.
Ausgerechnet Hephaistion.

Bisher war der Abend gut verlaufen; seine Chancen standen nicht schlecht. Hephaistion hatte getrunken und schien ihm gegenüber ausnahmsweise einmal nicht so feindselig eingestellt zu sein, wie sonst. Ja, vielleicht war der Moment gekommen.
Vor wenigen Tagen noch hätte Kassander darüber geflucht, dass jemand überhaupt so etwas von ihm verlangte und ihn förmlich dazu zwang, sich dieser Mittel zu bedienen, doch jetzt kam er nicht umhin, selbst so etwas, wie Interesse dabei zu empfinden, wenn er an sein geplantes Vorgehen dachte.

Gerade Hephaistions Anblick machte die Sache ungemein reizvoller. Es kam schließlich nicht oft vor, dass sich die beiden Männer so nah waren ohne einander die Köpfe einzuschlagen, sodass der Jüngere seine Gelegenheit nutzte und die Musterung unauffällig fortsetzte; sich der Vorstellung dessen, was sich wohl unter der leichten Lederrüstung verbarg, nicht entziehen konnte.

„Kassander?”
Hephaistions irritierte Stimme ließ den Angesprochenen den Blick wieder heben, sodass ihre Augen sich für einen Moment kreuzten. Zwar war der Tonfall seines Gegenübers nicht gerade freundlich gewesen, doch er kam nicht umhin festzustellen, dass es ihm gefiel, wie dieser seinen Namen aussprach, wenn einmal nicht der unverhohlene Hass darin mitschwang.

Die sonst so verschlossene Miene des Sohnes Amyntors verriet nun offenkundige Missbilligung. Hephaistion konnte es bekanntlicherweise nicht leiden, wenn er Dinge oder Verhaltensweisen nicht verstand und man sich mit einer Erklärung diesbezüglich genug Zeit ließ um den Bogen seiner ohnehin nicht lange währenden Geduld gnadenlos zu überspannen.
Doch es sollte auch keine Erklärung mehr folgen.

Stumm blickte Kassander ihm noch einen Moment in die strahlend blauen Augen; diese faszinierenden Spiegel des Meeres mit seinen aufgepeitschten Wellen; dem zornigen Sturm des Himmels. Doch es gab noch eine andere Seite an Hephaistion; diejenige, die man viel zu selten zu Gesicht bekam und die ungemein reizvoller war.
Und die sein Denken jetzt endgültig aussetzen ließ; alle Vernunft über Bord warf.

Ehe der Ältere reagieren konnte hatte Kassander schon eine Hand gehoben und an seinen Hinterkopf gelegt, um nun die letzten Zentimeter zwischen ihnen zu überbrücken und Hephaistion zu sich heranzuziehen. Erst, als ihre Lippen aufeinander trafen, erinnerte ein leises Stimmchen ihn daran, dass er sich nicht vergewissert hatte, ob wirklich keine Wache zufälligerweise in der Nähe war und die Szene verfolgte.
Nicht nur Hephaistion, sondern vor allem er wären dann in großen Schwierigkeiten, wenn Alexander davon erfuhr ...

Doch all das wurde nebensächlich; so unglaublich unwichtig, als die ersten Sekunden verstrichen und Kassander der Süße von Hephaistions Lippen gewahr wurde. Der Ältere schien immer noch zu überrascht, als dass er Gegenwehr erheben konnte und ließ es dementsprechend geschehen, sodass der Andere den Kuss voll und ganz ausnutzen konnte.

Was dabei in ihm vorging, war schwer zu beschreiben.
In den wenigen Augenblicken prallten Welten aufeinander, denen es unmöglich war, nebeneinander zu existieren; geschweige denn zusammen. Es war eine Frage des ‚entweder oder’ und diesem Falle lauteten die beiden Optionen Hass und Zuneigung.

Kassander vermied es absichtlich, auch nur an das Wort Liebe zu denken, weil es ihm für den Moment zu abwegig erschien.
Zu tollkühn.
Er stürzte sich mit seinem Handeln selbst ins Unglück, es war etwas, was weder er noch Demosthenes, noch irgendjemand anderes hätte vorhersehen können: und all das verwirrte den jungen General ungemein.

Mit einem Mal verspürte Kassander eine Hand, die ihn unsanft an der Schulter wegstieß und eine andere, die sich gleichzeitig um seine Kehle schloss. Keine Sekunde später unterbrach Hephaistion den Kuss, in dem er abrupt, so als habe er gerade erst begriffen, was hier vor sich ging, den Kopf zur Seite drehte und einen kleinen Schritt zurücktrat, sodass die beiden Männer nun immerhin wenige Zentimeter voneinander trennten.
Kassander hatte erschrocken nach Luft geschnappt, als er die unnachgiebigen Finger an seinem Hals spürte und nur mühsam verhindern können, dass er aus Reflex versuchte, sich aus dem Griff zu befreien.
Nicht, dass es ihm gelungen wäre.

Nein, er musste ruhig bleiben, so schwer ihm das auch fiel - aber in diesem Falle war es vermutlich das Beste auf seine innere Stimme zu hören und so behielt er die Augenlider immer noch gesenkt, als er Hephaistions Stimme, zusammen mit seinem warmen Atem, dicht vor seinen Lippen verspürte.
Er zitterte leicht, wie Kassander mit gemischten Gefühlen feststellte.

„Gib mir einen guten Grund, verlogene Schlange”, zischte der Ältere leise, stets darauf bedacht, dass die Wachen den würgenden Griff vom Feuer aus nicht sehen konnten, falls sie zufällig zu ihnen hinüberblickten. „Einen guten Grund, Kassander, weshalb ich dich nicht hier und jetzt umbringen sollte!”

Ohne, dass der Angesprochene länger darüber nachdenken konnte, hatte sich bereits ein spöttisches Lächeln auf seine Lippen gelegt, während er nun langsam den Blick anhob und dem zornigen Funkeln in Hephaistions Augen ungerührt begegnete.
Die Drohung schien den gegenteiligen Effekt zu haben, denn Furcht verspürte Kassander keine.

Hephaistion würde ihm nichts antun, dessen war er sich mit einem Mal ganz sicher. Er mochte noch so toben, aber er würde seine Worte niemals in die Tat umsetzen können und genau das verlieh dem Jüngeren seinen Mut, ihm zu antworten.
Demosthenes und der eigentliche Grund, wegen dem er sich die Gunst des Anderen erschleichen wollte, rückten immer mehr in den Hintergrund, bis er sie vollkommen ausblendete. Hier ging es um etwas ganz anderes.

„Weil du es genossen hast”, flüsterte Kassander also ebenso leise zurück und bedachte Hephaistion mit einem berechnenden Blick.

Aus dessen Miene war nicht herauszulesen, was er dachte oder fühlte; lediglich der Griff um Kassanders Kehle verstärkte sich warnend - der Ältere schwieg jedoch und bot ihm damit die Gelegenheit weiterzusprechen.

„Es ist nichts, wofür du dich schämen müsstest, Hephaistion”, säuselte er folglich, stets wachsam jede noch so kleine Regung in dessen Miene verfolgend. „Wir alle wissen von deiner Loyalität zu Alexander, aber ...”
Kassander hielt kurz inne und strich leicht über Hephaistions Wange, jeder Muskel in seinem Körper war spürbar angespannt. Es war ein schmaler Grat auf dem der Braunhaarige sich bewegte, aber er beschloss das Risiko einzugehen - musste es ja geradezu tun, da Angriff in solchen Fällen noch immer die beste Verteidigung war.
„... aber niemand kann es dir verübeln, dass du dir Abwechslung suchst. Es ist schwer, sich als Einziger gegen alle anderen zu stellen und den Menschen zu verteidigen, den du liebst, nicht wahr?”

Das Hinterhältige in Kassanders Stimme war einem mitfühlenden - wie falschen - Ton gewichen; ebenso legte sich ein bedauernder Ausdruck auf seine Miene, während er sich und Hephaistion unauffällig ein wenig mehr in den Schatten des Zeltes bugsierte, nur für den Fall dass doch eine Wache ihren Weg kreuzte. Oder womöglich gleich Alexander selbst.

Hephaistion schwieg immer noch, aber der Jüngere schöpfte neue Hoffnung, als er spürte, wie sich die Finger an seiner Kehle kaum merklich lockerten. Scheinbar war er auf dem richtigen Weg - konnte er womöglich sogar, durch reinen Zufall, eine schwache Stelle in der Fassade des unnahbaren Generals entdeckt haben?
Es gab nur eine Möglichkeit das herauszufinden.

„Ich weiß, wie sich das anfühlt. Im Grunde genommen sind wir gar nicht so verschieden, du und ich”, sinnierte Kassander weiter und fixierte den Dunkelhaarigen immer noch mit einem durchdringenden Blick; seine Hand ruhte mittlerweile leicht an seiner Wange.
„Und genau deswegen sollten wir uns nicht bekriegen. Was meinst du?”

„Ich meine, dass dein Blut schneller den Staub dieser Erde zieren wird, als dir lieb ist, wenn noch ein einziges Wort über diese verlogene Zunge kommt!”, entgegnete Hephaistion, der offenbar seine Sprache wiedergefunden hatte, erhitzt, stieß allerdings weiterhin auf taube Ohren.
Kassanders Lippen zierte einmal mehr ein Schmunzeln und er schüttelte, so gut es ihm durch den schmerzhaften Griff möglich war, den Kopf.
„Wir wissen beide, dass du das nicht tun würdest.”
„Sei dir nicht so sicher!”
„Du magst der engste Freund des Königs sein, aber das schützt dich nicht vor Gesetzen.”

Stille.
Das Schmunzeln nahm triumphierende Züge an, aber dieser Unterton verblasste nach wenigen Sekunden schnell wieder. „Hephaistion.”
Ein leises Seufzen folgte der Nennung seines Namens, dann ließ Kassander, nachdem er sich dieses Mal unauffällig vergewissert hatte, dass niemand die beiden beobachtete, einmal mehr die wenigen Zentimeter zurück, die die beiden voneinander trennten.

„Vergiss deinen Hass”, flüsterte er gegen Hephaistions Lippen und legte diesen einen sanften Kuss auf.
„Vergiss die Verpflichtungen.”
Ein weiterer Kuss, während Kassander gleichzeitig die freie Hand hob und um die verkrampften Finger an seiner Kehle schloss; dann wich er wenige Millimeter zurück, sodass seine Lippen beim Sprechen weiterhin über die des Älteren strichen; dem Hauch einer Berührung gleich.

„Vergiss Alexander...” Sacht, aber dennoch nachdrücklich bog er Hephaistions kleinen Finger zurück, bis dieser sich von seinem Hals löste.
„... und deine Bedenken ...”
Ringfinger.
„... deine Sorgen um ihn ...”
Mittelfinger.
„... deine Zweifel...”
Zeigefinger.
„... deine Maske.”
Auch der Daumen löste sich, sodass Kassander endlich wieder frei atmen konnte und scheinbar erst jetzt begriff, dass Hephaistion nicht eine Sekunde lang Einwände erhoben hatte.
Er stand einfach nur da; wie erstarrt und doch glaubte der Jüngere ein leichtes Flackern in seinen Augen zu sehen, als er ein weiteres Mal den Blick hob.
Ein Flackern, das Unsicherheit verkündete.
Genau das, worauf Kassander gewartet hatte.

Es wäre zwecklos gewesen, hätte er versucht zu leugnen, dass sich eine gewisse Begierde zwischen die beiden Männer gestohlen hatte.
Der Jüngere spürte sie deutlich; sie fachte sein Blut an, trieb seinen Herzschlag langsam in die Höhe - und ließ die Blicke verlangender werden, die er nun über Hephaistions angespannten Körper schickte.

Dieser blieb davon nicht unberührt; die Blicke brannten sich förmlich durch die leichte Lederrüstung in die darunterliegende Haut, die auf diese Empfindung mit einem angenehmen Kribbeln reagierte.
Handelte es sich bei diesen Reaktionen tatsächlich nur um eine Folge des Alkohols?
Irgendwelche Nervenstränge, die verrückt spielten und ihm Dinge vorgaukelten, die gar nicht sein konnten?
Nicht sein durften?

Hephaistion wusste es nicht, doch diese Fragen verwirrten ihn mehr, als er sich anmerken ließ oder zugeben würde. Irgendetwas hatten Kassanders Worte in ihm bezweckt; einen wunden Punkt angestoßen, der sich jetzt immer vehementer in den Vordergrund schob.
Der nach mehr verlangte.

Für einen Moment wanderte sein Blick über die verlassenen Zelte zu beiden Seiten, dann kreuzte er Kassanders helle Augen, die mittlerweile ebenfalls wieder auf seiner undurchdringlichen Miene ruhten; abwartend und siegessicher zu gleich.
Oh ja, Antipatros’ Sohn wusste ganz genau, was er in Hephaistion ausgelöst hatte und erkannte die Wahrheit vermutlich bereits, als dieser zwar handelte, aber sich nicht über die Gründe dafür im Klaren war.
Unter normalen Umständen sollte es ihn vermutlich verwirren, so zu fühlen, doch jetzt konnte und wollte er sich keine Gedanken mehr darum machen.
Jetzt zählte anderes.

Kassander keuchte überrascht auf, als der Ältere ihn mit einem Mal zu sich heranzog und ihn in einen heftigen, beinah schmerzhaften Kuss verwickelte. Seine Lippen waren von einer ganz speziellen Süße, so ganz anders als die von Alexander oder einer Frau und Hephaistion kam nicht umhin, festzustellen, dass es sich gut anfühlte, sie zu küssen.

Ein wenig unsanft zog er den Braunhaarigen nun hinter sich ins Zelt hinein und löste sich nach einigen Sekunden von ihm, um mit fahrigen Bewegungen die Plane zu schließen, während Kassander, der sich bereits daran machte, die Bänder seiner Rüstung zu öffnen, ihm ein leises Seufzen entlockte, als er Hephaistions Hals mit hauchzarten Küssen bedeckte.
So sehr er sich bis eben auch gegen den Jüngeren gesperrt hatte, konnte es Hephaistion jetzt offenbar nicht schnell genug gehen - sein Körper verlangte mit einer ungekannten Heftigkeit nach Kassander und er hatte nicht die Kraft, dagegen anzugehen.
Ebenso wenig, wie er über die Konsequenzen nachdenken konnte, die eine einzige, aber umso verhängnisvollere Nacht, mit sich bringen würde.

Lediglich für einen kurzen Moment blitzte Alexanders Gesicht vor seinem inneren Auge auf, so vertraut, dass er es selbst im Schlafe bis ins kleinste Detail hätte nachzeichnen können und für diesen Bruchteil von Sekunden schien Hephaistion tatsächlich zu zögern.
Kassander, der die Achterbahnfahrt im Verhalten des Älteren durchaus spürte, ließ den Zweifeln aber keine weitere Gelegenheit sich zu festigen; stattdessen drehte er Hephaistion wieder zu sich herum und verlangte ihm einen weiteren, fordernden Kuss ab.

Und spätestens jetzt wurde es dem Anderen zum Verhängnis, dass er darauf einging.
Es dauerte nicht lange, bis Kassander ihn der leichten Rüstung beraubt hatte, die ihren Platz achtlos auf dem Boden fand und nicht weiter beachtet wurde, dann dirigierte er Hephaistion rücklings zum Bett hinüber.

Vernunft spielte in diesen Minuten keine Rolle mehr.
Sie hätte ihnen nur verdeutlicht, wie töricht sie waren; dass mindestens einer von ihnen mit seinem Leben spielte. Und das wollte jetzt niemand hören.

Selbst Hephaistion kam nicht umhin, festzustellen, dass sich eine Gänsehaut auf seine nunmehr nackte Haut gelegt hatte, die zusammen mit dem Kribbeln in seinem Inneren nur allzu deutlich machte, wie sehr ihn die Aussicht auf das Kommende erregte. Mitriss.
Ein leises Seufzen entwich seinen geröteten Lippen, die Kassander mittlerweile wieder freigegeben hatte, um ihn stattdessen auf die weichen Felle zu drücken; dabei jedoch nicht zuließ, dass sich auch nur der winzigste Zentimeter zwischen die beiden Männer stehlen konnte.

Hephaistion bemerkte das Lächeln nicht, welches die Miene des Jüngeren begleitete, als er sich über ihn kniete und ihm keinen Augenblick später einen weiteren verlangenden Kuss raubte, nur um gleichzeitig mit den Fingerspitzen an seinem Oberkörper hinabzuwandern ...

* * *


Wie lange Kassander den schlafenden Körper neben sich schon ansah, vollkommen regungslos, wusste er nicht. Zeit hatte in den letzten Stunden ihre Bedeutung verloren.
Wie so manches andere auch.

Begleitet von einem Seufzen strich er Hephaistion eine lange Haarsträhne aus dem Gesicht; der Ältere quittierte die Berührung mit einem leisen Murren, wachte jedoch nicht auf, sondern drehte den Kopf nur auf die andere Seite. Selbst im Schlaf zierte eine gewisse Anspannung seine Miene; etwas, das Kassander nicht genau beschreiben konnte, aber das ihn ungemein faszinierte.

Wenn er es sich Recht überlegte, hatte er Hephaistion noch nie ohne eine gewisse Fassade erlebt, die den Dunkelhaarigen auf Schritt und Tritt zu verfolgen schien - auch jetzt noch. Erst vor wenigen Stunden hatte sich das geändert.
Ein Schmunzeln umspielte Kassanders Lippen, während er sich endgültig auf die Seite drehte und den Kopf in der rechten Handfläche abstützte; der genießende Blick, mit dem er Hephaistion musterte, sprach für sich.

Noch immer glaubte er, sein leises Stöhnen zu hören; die tastenden, haltsuchenden Fingerspitzen auf seiner Haut zu spüren; die unverkennbare Süße seiner Lippen zu schmecken ... und noch immer schwebte Hephaistions losgelöste Miene vor seinem inneren Auge.
Es war der erste Moment gewesen, in dem Kassander ihn vollkommen ohne Maske gesehen hatte, der Moment, in dem der Ältere sich ihm mit Körper und Seele hingab.
Nie war er ihm schöner, anziehender vorgekommen als in diesen Augenblicken.

Schweren Herzens löste Kassander sich von dem schlafenden Mann und sah stattdessen zur verschlossenen Zeltplane hinüber. So gerne er es auch gewollt hätte; lange konnte er nicht bleiben - schon bald würde das Lager erwachen und es somit unmöglich machen, ungesehen aus Hephaistions Zelt zu verschwinden.
Selbst jetzt musste Antipatros’ Sohn äußerste Vorsicht walten lassen und das tat er besser zu früh als zu spät.

Ein letztes Mal strichen seine Blicke über die ebenmäßigen Gesichtszüge des Anderen, dann schälte Kassander sich so leise wie möglich aus den Fellen, die seinen nackten Leib bedeckt hatten.
Während er die bequeme Lederrüstung und den Schurz auf dem dunklen Boden zusammensuchte, bemühte er sich, Hephaistion nicht aufzuwecken und warf dementsprechend immer wieder prüfende Blicke zur Schlafstätte hinüber auf der sich der ansehnliche Körper des Älteren nur als schemenhafte Silhouette abzeichnete.

Dementsprechend konnte er auch nicht wissen, dass Hephaistion bereits wach war, seit Kassander sich erhoben hatte und diesen nun aus halbgeschlossenen Lidern dabei beobachtete, wie er sich schweigend und ohne allzu große Hast ankleidete.
Ja, man merkte ihm an, dass er seine Anwesenheit in diesem Zelt hinauszögern wollte, vermutlich weil er wusste, dass ihn so schnell nichts mehr hierher oder gar in Hephaistions Nähe führen würde.
Dem Betreffenden brummte zwar ziemlich der Schädel - gedankt sei dem verfluchten Alkohol -, aber sein Erinnerungsvermögen war keineswegs beeinträchtigt.

Er wusste, was er und Kassander getan hatten; wusste, bereute und plagte sich mit einem schlechten Gewissen.
War es schwerwiegender, dass Hephaistion sich ihm überhaupt hingegeben hatte oder dass es ihm auch noch Gefallen bereitet hatte?
So oder so durfte Alexander niemals etwas davon erfahren; es war nicht auszudenken, was dann passierte.

Hephaistion selbst mochte vielleicht noch einigermaßen glimpflich davonkommen, aber Kassander hatte sich das Leben ganz schön schwer gemacht, in dem er ihn verführte.
Denn das hatte er Hephaistions Meinung nach getan; es war nicht der Alkohol gewesen, der auf beiden Seiten für den ‚Kontrollverlust’ gesorgt hatte - Nein, auf Seiten des Jüngeren war es pure Berechnung gewesen.
Er hatte gewusst, wie er Hephaistion umgarnen konnte, auch wenn das keineswegs entschuldigte, dass -

Eine Bewegung in seinem Blickwinkel ließ die Gedankengänge von einer Sekunde auf die nächste abbrechen, dann hatte der Dunkelhaarige auch schon wieder die Lider über das helle Blau seiner Augen gesenkt.
Wieso Kassander, der gerade einen prüfenden Blick an der Zeltplane vorbeigeworfen hatte, noch einmal zu ihm zurückkehrte, war Hephaistion ein Rätsel, doch seine Gedanken rasten ohnehin genügend, sodass er sich darum nicht auch noch kümmern konnte.

Für einen Moment blieb es still und der Ältere glaubte schon fast, dass Kassander wieder gegangen sei; wollte sich also schon dem Problem zuwenden, wie er Alexander unter die Augen treten und sich dabei nichts anmerken lassen sollte, als ein warmer Atemhauch über seine Lippen strich.
Hephaistion, der sich immerhin erfolgreich schlafend stellte, widerstand dem Drang zurückzuweichen.

Kassander verharrte noch einige Sekunden lang an Ort und Stelle, genoss den Moment und versuchte, die Gesichtszüge des Anderen in sein Gedächtnis einzubrennen. So nah würde er ihm gewiss nicht mehr kommen in nächster Zeit.

Dann jedoch überbrückte er auch die letzten Zentimeter und hauchte Hephaistion einen sanften Kuss auf die Lippen.
Es war nur ein leises Wispern, welches Kassander der zarten Berührung folgen ließ und dennoch lag so viel Überzeugung, so viel Leidenschaft in den Worten, dass sich unwillkürlich eine Gänsehaut auf Hephaistions Arme legte.

Leise Schritte verrieten, dass der Jüngere sich zurückgezogen hatte und das Rascheln der Zeltplane kündete wenige Sekunden später auch schon von seinem Verlassen.
Hephaistion rührte sich dennoch nicht; er hatte lediglich die Augen geöffnet und starrte Kassander gedankenversunken hinterher.

Das Versprechen - denn ja, so klang es - war nicht für seine Ohren bestimmt gewesen und sollte dennoch so lange in ihnen nachhallen, bis Ptolemaios ihn einige Stunden später aufsuchen würde, um ihn zu wecken. Kassanders Stimme hatte sich förmlich in sein Bewusstsein eingebrannt und mit ihm die verhängnisvollen fünf Worte, die er ihm gegen die Lippen geflüstert hatte.

„Irgendwann wirst du mir gehören ...”


I will find something more; someone I am made for
Shame on you, baby
Forever yours.
 
 
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