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von KathysSong    erstellt: 21.06.2009    letztes Update: 03.09.2010    Geschichte, Romanze / P12    (fertiggestellt)
Kapitel 2

Die Grüne Meerjungfrau




Beim Starbucks angekommen bot Craig ihr galant seinen Arm zur Stütze an. Besorgt hatte er bemerkt, dass ihr Knöchel mittlerweile gewaltig angeschwollen war und sein schlechtes Gewissen tobte deswegen. Er hätte die Augen offen halten können – wenn er wacher gewesen wäre. Normalerweise hätte er auch nicht so reagiert, wie er es getan hatte. Im Endeffekt tat es Craig fürchterlich leid; immerhin konnte er sich nun mit einem Kaffee revanchieren.

Entweder war Dana sehr müde oder aber durch Schmerzen ausgeschüttetes Adrenalin wurde von Endorphinen abgelöst. Sie kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass dieser Craig eigentlich  sehr charmant war. Es waren nur kleine Gesten ihr gegenüber gewesen, die ihre Meinung, dass er ein ungehobelter Klotz sein musste, gewaltig ins Wanken gebracht hatten. Wie er ihr Feuer gegeben hatte und ihr jetzt wie selbstverständlich seinen Arm anbot, zeugte jedenfalls davon, dass er ein höflicher Mann war.

Sie reihten sich in die Schlange ein und ihre Köpfe wanderten synchron zur Kaffeeauswahl. „Café Moccha mit doppeltem Espresso“, sagten sie gleichzeitig und brachen in Gelächter aus.

„Schokolade setzte Endorphine frei“, nickte Craig und gab dann die Bestellung auf. Als sie auf den Kaffee warteten, musterte er sie nachdenklich von der Seite. Rotes Haar fiel über ihre Schultern, von dem sie gerade ein paar wirre Strähnen hinters Ohr strich. Die andere Hand spielte mit dem Lederband um ihren Hals, an dem ein keltischer Dreifaltigkeitsknoten hing. Er lehnte sich gegen die Theke und betrachtete sie genauer. Sie war nicht sehr groß, aber auch nicht gerade klein. Durch ihre Absatzschuhe konnte sie ihm wohl mühelos in die Augen schauen. Sein Blick glitt über ihren Körper und was er sah, gefiel ihm. Sie war eindeutig eine Frau, die sich offensichtlich nicht an den Magermodels orientierte, aber eine Rubensfrau war sie auch nicht. Halt nicht dürr, aber auch nicht dick und das mochte Craig an Frauen.

Als hätte sie bemerkt, dass er sie musterte, sah sie auf und ihre Blicke trafen sich. Craig blieb an ihren Augen hängen, die einfach zu ihr passten. Er sah in ein klares Grün; kein dunkles Grün, aber auch kein Helles, das einen durchbohrte. Kleine Lachfalten um ihre Augen herum zeugten davon, dass sie gerade kein Kind von Traurigkeit zu sein schien. Auch wenn sie gerade ziemlich müde und abgespannt aussahen, ahnte Craig, dass in diesen Augen oft der Schalk aufblitzte.

Dana senkte den Blick, Craigs Blick war ihr plötzlich unangenehm. Ihre geballte Aufmerksamkeit wandte sich dem Karottenkuchen in der Auslage zu, er hatte es binnen Sekunden geschafft, sie zu verwirren. Er war nur ein Kerl, der sie über den Haufen gefahren hatte und sich gerade mit einem Kaffee dafür entschuldigen wollte. Warum zog er sich dann mit einem Mal so magisch an? Er war bestimmt kein Mann, der in der breiten Masse auffiel, aber er hatte etwas an sich, das sie nicht in Worte fassen konnte. Sie atmete tief durch und musterte ihn dann genauso unverhohlen, wie er sie gemustert hatte.

Ein schlanker Körper steckte in Jeans und einem blauen Shirt, das einiges auf seinen Oberkörper schließen ließ. Die dunklen Haare waren kurz und so verstrubbelt, dass sie für jede Frau eine Aufforderung waren, mit den Händen durchzufahren und sie zu ordnen. Wahrscheinlich ohne Erfolg. Was ihn für Dana jedoch so faszinierend machte, war sein Gesicht, zu dem sogar – und sie grinste bei dem Gedanken – die etwas größere Nase passte. Er war definitiv ein Mensch, der viel lachte; ihr war aufgefallen, dass, wenn er es tat, sein ganzes Gesicht mitlachte und das war etwas, das sie an Menschen mochte. Seine Augen standen im Kontrast zu seiner Haarfarbe, stellte sie fest. Sie war nicht oft auf dunkelhaarige Menschen getroffen, die ein so klares Blau in den Augen hatten wie er.

Erst als er ihr den Kaffee reichte, fiel ihr auf, dass sie ihn nicht nur gemustert, sondern angestarrt hatte. Eine zarte Röte überzog ihr Gesicht, er musste sie für vollkommen verrückt halten.

Craig lächelte, als er sah, wie sie rot wurde. Vielleicht hatte Fortuna ja nur äußerst verworrene Pläne für den heutigen Tag mit ihm gehabt. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre, wäre er ihr jedenfalls nicht über den Weg gelaufen.

„Wollen wir den Kaffee im Stehen trinken oder uns mit Rücksicht auf deinen Fuß lieber setzen?“, fragte er.

„Wenn du mich nicht wieder auf den Trolley hieven möchtest, wäre es besser, wenn wir uns setzen“, entgegnete sie und humpelte los. Schnell hatte er sie wieder am Arm genommen und half ihr zu den Sesseln. Er nahm ihr den Becher ab, stellte ihn zusammen mit seinem auf dem kleinen Tischchen vor ihnen ab und ließ sein Unfallopfer dann vorsichtig auf den Sessel gleiten.

Dankbar lächelte sie ihn an und gönnte sich erst den ersten Schluck Kaffee, als er neben ihr saß. Genießerisch lehnte sie sich zurück und nippte von ihrem Kaffee. Ihr Blick fiel auf ihren Fuß, der nicht gut aussah. Ihre schwarze Stoffhose war im Sitzen ein wenig hochgerutscht und enthüllte einen Knöchel, der locker das Doppelte seines normalen Umfangs erreicht hatte. Vielleicht sollte sie in Dortmund eine Apotheke aufsuchen.

Er folgte ihrem Blick und sah reichlich zerknirscht aus. „Du solltest den Fuß besser hochlegen“, meinte er dann und stellte seinen Kaffeebecher auf dem Tisch ab.

„Wo? Auf den Tisch? Das wäre wirklich unhöflich.“ Verwirrt sah sie ihn an.

„Nein, meine Beine sollten vollkommen ausreichen.“ Kurzerhand schnappte er sich ihr Bein und legte es auf seinen Oberschenkeln ab.

Mit offenem Mund starrte sie ihn an. Er nahm wieder seinen Kaffee und trank, als ob nichts gewesen wäre. Merkte er überhaupt, wo seine linke Hand lag?

„Craig?“ Sie räusperte sich. Über den Rand seiner Tasse hinweg sah er sie an. „Deine Hand?“ Vorsichtiges Vortasten erschien ihr in der Situation am besten.

„Was ist mit meiner Hand?“ Nun war es an ihm, begriffsstutzig zu sein. Stumm deutete sie auf seine Hand, die locker auf ihrem Knie lag. „Und?“

Entweder wollte er sich nicht verstehen oder es machte ihm nichts aus, dass seine Hand für Danas Verhältnisse gewaltig auf Tuchfühlung ging. „Es gibt nicht viele Männer, die einfach ihre Hand auf mein Knie legen dürfen“, entgegnete sie trocken und genehmigte sich noch etwas Koffein, wobei sie erfolglos versuchte, das Kribbeln, das von seiner Hand ausging, zu ignorieren.

„Dein Ehemann ist im Flugzeug, als wird es ihn auch nicht großartig stören“, konterte er.

Sie hustete in ihren Kaffee. „Mein Ehemann?!“

Schnell brachte Craig ihren Kaffee in Sicherheit und sah sie dann fragend an. „Ihr seid doch verheiratet oder?“

„Er schon... ich nicht.“ Unbändige Lachlust stieg in Dana auf, die lediglich von dem letzten Rest Kaffee in ihrer Luftröhre unterdrückt wurde. Sein reichlich verdattertes Gesicht gab ihr dann jedoch den Rest und sie prustete los.

„Kannst du mir vielleicht erklären, was so lustig ist?“ Craig überspielte seine Verlegenheit so gut es ging. Irgendwie stieg in ihm die üble Ahnung auf, dass seine Beobachtungsgabe ihn für einen Moment im Stich gelassen hatte.

„Wir sind nicht verheiratet, er ist mein Chef“, lachte sie ihn an.

„Aber... ich meine... die Ringe?“ Verdammt, er stotterte, das passierte ihm eigentlich nur selten. Ihr Blick sprach Bände, sie musste ihn für einen kompletten Idioten halten – was sie seit ihrer Kollision vermutlich eh schon machte.

Sie nahm ihren Ring vom Finger und hielt ihm ihn hin. „Sieht das nach einem Ehering aus?“, fragte sie belustigt.

„Nun, wenn ich ehrlich bin... nein“, gab er zu, nachdem er den Ring in die Hand genommen und eingehend betrachtet hatte. „Aber er hat dich zum Abschied umarmt!“, trumpfte er dann auf.

„Gut, das macht er eigentlich nie; Beschützerinstinkt vermute ich.“ Als sie den Satz ausgesprochen hatte, hätte sie sich am liebsten auf die Zunge gebissen.

„Wollte er dich vor dem bösen Mann beschützen? Sein Blick war jedenfalls eindeutig.“ Amüsiert betrachtete er sie.

„Was für ein Blick?“ Danas gedankliches Notizbuch öffnete sich und richtig, ihre Ahnung wurde bestätigt.

„Der Blick, den er mir über deine Schulter hinweg zugeworfen hat.“ Craig war wieder die Ruhe selbst, die Runde ging eindeutig an ihn.

Felix: eine Woche kein englisches Weingummi und nur noch Roiboostee’, notierte Dana im Geiste. Damit war er definitiv einen Schritt zu weit gegangen.

Craig verbarg sein Grinsen in seinem Moccha, ihr Gesicht ließ gerade auf ihre Gedanken schließen. Es war genau der Blick, mit dem Mark ihn immer bedachte, wenn Craig sein Mundwerk durchgegangen war; und so ein Blick verhieß nichts Gutes.

Dana hatte bemerkt, dass Craig in seine Tasse grinste und schlug ihm in einem reinen Reflex gegen den Arm. „Das ist nicht witzig!“, empörte sie sich.

„Ja, wirklich nicht witzig, dass du mir in aller Öffentlichkeit Schläge verpasst.“ Er hob anzüglich eine Augenbraue und der Griff um Danas Tasse wurde sofort fester.

„Entschuldige, hätte ich gewusst, dass es dir gefällt, hätte ich natürlich gewartet.“ Eine neue Runde war eröffnet und sie schwor sich, dass diese nicht an Craig gehen würde. Es war eindeutig, dass er mit ihr flirtete. Nun gut, so wurde der Tag doch vielleicht ein wenig heller werden. Sie flirtete zwar nicht oft, aber so kam sie wenigstens nicht aus der Übung. Zudem war ein Flirt immer gut für das Seelenheil.

„Spiele in der Öffentlichkeit sind nicht so meine Sache.“

Sein Grinsen wurde breiter und sie wurde hellhörig. Hatte er gerade bewusst das Wort „Spiel“ gewählt oder war es nur eine Fehlleistung? Wie nebenbei begann ihr Zeigefinger, über den Rand der Tasse zu streichen, als sie über eine Antwort grübelte. „Du bist also verspielt?“, entgegnete sie langsam.

Für einen kurzen Moment war Craig abgelenkt, denn ihr Finger auf dem Tassenrand weckte Assoziationen in ihm, die bestimmt nicht flughafentauglich waren. Er rutschte näher an sie heran, vorsichtig darauf bedacht, nicht gegen ihren Knöchel zu stoßen, und sah ihr dann direkt in die Augen. „Ich denke, ich bin nicht weniger verspielt als du.“

Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Moccha und leckte sich dann genießerisch den Milchschaum von den Lippen. Ihr Miene war nicht mehr als ein ‚Aha?’.

Der Jagdtrieb in Craig war jetzt hellwach. Fortuna schien an diesem Tag doch auf seiner Seite zu stehen. Noch eindeutiger hätte sie auf dieses kleine Duell nicht einsteigen können. Er stützte den Ellbogen auf die Rückenlehne des Sessels und legte scheinbar nachdenklich seinen Kopf auf die Hand, während er das Treiben auf dem Flughafen beobachtete. So hatte er einen Augenblick Zeit, ihre Reaktion zu verdauen. Er bemerkte gar nicht, wie er die Kaffeetasse abstellte und seine rechte Hand auf ihrem Bein ablegte, wo sie sacht Richtung Knie strich.

So fühlte es sich also an, wenn man paralysiert war. Dana konnte gar nicht anders, als auf seine Hand zu starren. War ihr das Lederband um sein rechtes Handgelenk eigentlich schon vorher aufgefallen oder lag es an der Situation, dass es ihr dermaßen ins Auge sprang? Sein Ärmel war etwas hochgerutscht und enthüllte eine alte Vorliebe von ihr. Schlanke, von Venen durchzogene, Männerhände, die in einem muskulösen Unterarm endeten. Ihre Umwelt schien nur noch aus dieser Hand zu bestehen, die mittlerweile begonnen hatte, Kreise um ihr Knie zu ziehen.

Allerdings befanden sie sich immer noch auf einem Flughafen und sie kannten sich noch nicht einmal eine Stunde. Er ging weiter, als es jeder andere Mann vor ihm in diesem Stadium des Kennenlernens gedurft hatte und wenn er so weiter machte, würde die Situation außer Kontrolle geraten. Sie atmete tief durch, verfluchte sich für ihr Vorhaben und riss sie beide aus diesem wunderbar ruhigen Moment. „Du bist nicht zufällig Physiotherapeut, oder?“

Mit einem Ruck nahm Craigs Umwelt wieder klare Konturen an, entsetzt starrte er auf seine Hand, die sich selbstständig gemacht hatte. „Das... es...“, stotterte er los. Mit einem Mal war ihm warm. Er schielte auf seine Nase und stellte zu seinem Kummer fest, dass sie einem Buzzer in einer Gameshow nicht unähnlich sah. Wenn er genau hinsah, schien seine rote Nase sogar zu pulsieren.

Dana konnte nicht anders, sie lachte ihn offen an. Wann hatte sie das letzte Mal erlebt, dass einen Mann etwas so peinlich war, dass er rot wurde? „Sie liegt da eigentlich ganz gut; zumindest, wenn du die ehrenvolle Absicht hattest, die Schmerzen in meinem Knöchel verschwinden zu lassen“, lachte sie.

Er zog seine Hand zurück, als ob er sich verbrannt hätte. Warum tat sich der Erdboden nie unter einem auf, wenn man es brauchte? Die Entspannung, die sich gerade in ihm eingestellt hatte, war schlagartig verschwunden. Er war einfach nicht der Typ, der so schnell auf Tuchfühlung ging. Wenn er ehrlich war, hatte es auch keine Frau vorher geschafft, dass er sich in ihrer Gegenwart so wohl fühlte. Verlegen griff er zu seiner Tasse und trank den Rest des Mocchas.

Als er die Tasse wieder abstellte, wurde Danas Grinsen noch breiter, als es ohnehin schon war. Ein kleiner Klecks Milchschaum war auf seiner Nase, der einen wunderbaren Kontrast zum immer noch vorhandenen Rot bildete. Sie konnte einfach nicht widerstehen. Aus den Tiefen ihrer Handtasche zauberte sie ein Tempo hervor und wischte ihm den Klecks von der Nase.

Wunderbar, er erklärte sich hiermit zum kompletten Idioten. Eigentlich war er aus dem Alter raus, in dem er sich das Gesicht mit Lebensmitteln bekleckerte, aber ausgerechnet jetzt musste es ihm passieren. Eine Zigarette schien nicht genug für eine Glücksgöttin gewesen zu sein. Wahrscheinlich amüsierte sie sich gerade prächtig.

Sie musste Gedanken lesen können. Ihr Finger strich flüchtig über seine Nase, keinerlei Spott lag in ihrem Gesicht, als sie ihn ansah. Es konnte passieren, ihr wäre es wahrscheinlich genauso peinlich gewesen wie ihm. Glücklicherweise wusste er nicht, dass sie ein Abo auf solche Aktionen hatte. Wenn sie eine weiße Bluse anhatte, war es so sicher wie der morgendliche Stau auf dem Ruhrschleichweg – der offiziell beharrlich Ruhrschnellweg hieß – dass das Kleidungsstück im Laufe des Tages nähere Bekanntschaft mit Kaffee schließen würde. „Kennst du Murphys Gesetz?“ fragte sie.

Craig zuckte zusammen, an Herrn Murphy hatte er an diesem Tag schon zu viele Gedanken verschwendet. „Erinnere mich nicht an den“, seufzte er.

„Ah, okay“, grinste sie, „du hast heute auch schon innige Bekanntschaft mit ihm geschlossen, ja?“

„Auf alle Fälle“, grinste er zurück und all sein Unglück sprudelte aus ihm heraus; es tat definitiv gut, sich den ganzen Stress von der Seele zu reden.

Aufmerksam hörte sie ihm zu. Wenn es darum ging, wer den schlechteren Tag erwischt hatte, war Craig eindeutig der Gewinner. Kein Wunder, dass er in sie hineingelaufen war, er musste vollkommen übermüdet sein. Mit einem Male tat er ihr leid. Nach nunmehr über dreißig Stunden ohne Schlaf würde sie wahrscheinlich apathisch in einer Ecke stehen und aus dieser nicht mehr herausfinden.

Eines interessierte sie aber doch. „Was hat dich eigentlich zu dieser halsbrecherischen Planung veranlasst? Das konnte doch eigentlich nur schief gehen, wenn es nach Herrn Murphy geht?“

„Ich musste ausspannen, mein Job ist momentan ziemlich stressig“, erklärte er.

Nun war sie richtig neugierig. Ihr fiel auf, dass sie über solche unbedeutende Kleinigkeiten nicht geredet hatten; am Ende saß sie noch Seite an Seite mit einem Auftragskiller. John Cusack hatte als solcher schließlich auch sehr… Dana überlegte, aber ihr fiel kein anderes Wort ein… putzig gewirkt. „Was machst du denn beruflich?“, fragte sie.

Dies war der Moment, den Craig in jedem Gespräch fürchtete und vor dem er sich eigentlich immer so lange wie möglich herumdrückte. Auf eine so direkte Frage konnte er aber nur direkt antworten. „Ich bin Schauspieler“, erklärte er und hoffte, dass ihm ein Begeisterungssturm erspart blieb. Er schätzte sie jedenfalls anders ein.

Danas Augenbraue schoss in die Höhe. Schauspieler also, das erklärte auch seine Beobachtungsgabe. Sie hatte von Schauspielerei allerdings nicht viel Ahnung; bei Schulaufführungen hatte es immer für eine dankbare Statistenrolle gereicht und sie hatte ihre Kindheit nicht damit verbracht, mit einer Shampoo-Flasche in der Hand die Dankesrede für den Oscar zu üben. Sie wusste einfach, dass sie im Bezug auf Schauspielerei weitestgehend talentfrei war.

„Woran arbeitest du momentan?“ Im Geiste ging sie die Schauspieler durch, die Craig hießen und aus Neuseeland kamen. Sie musste sich nach längerem Überlegen eingestehen, dass ihr Wissen über neuseeländische Schauspieler nicht existent war.

„Zur Zeit probe ich für ein Theaterstück, das ab Ende Oktober in England aufgeführt wird“, erklärte er, froh, dass eine hysterische Reaktion ausgeblieben war. Es war eigentlich sehr entspannt, sich mit ihr darüber zu unterhalten. In Neuseeland war das Leben zeitweise sehr anstrengend für ihn geworden, der Fluch einer jeden Seifenoper hatte ihn ereilt. Man kannte ihn immer noch als Guy Warner aus Shortland Street, beinahe jeder Artikel über ihn begann mit dieser Bezeichnung. Das war auch der Grund gewesen, warum er nach Europa förmlich geflüchtet war; er bezeichnete es als sein verspätetes Gap-Year.

„Ist Theaterspielen nicht unheimlich schwierig?“ Dana verdrängte den Gedanken, dass eigentlich ihr Schreibtisch nach ihr rief – die Rückfahrt nach Dortmund war sowieso etwas, worüber sie sich noch Gedanken machen musste – aber es machte Spaß, ihm zuzuhören, sie fühlte sich in seiner Gegenwart einfach wohl.

„Jedenfalls schwieriger als Film“, rutschte es aus ihm heraus. Nun würde die unweigerliche Frage kommen und richtig...

„In welchen Filmen hast du denn mitgespielt?“ Ihre Frage rutschte ihr ebenso unbedacht wie seine Antwort auf ihre vorherige Frage heraus.

Innerlich wappnete Craig auf alle Reaktionen, die er durchlitten hatte, wenn er die Katze aus dem Sack ließ. „Kennst du Herr der Ringe?“, fragte er.

Ob sie Herr der Ringe kannte? Beliebte er gerade zu scherzen? Natürlich kannte sie Herr der Ringe. Ziemlich in- und auswendig, wenn sie ehrlich war, aber das musste sie ihm ja nicht gerade auf die Nase binden. So beließ sie es bei einem neutralen ‚ja’.

„Bei dem Film war ich zum Beispiel dabei“. Craig atmete auf. Sie gehörte definitiv nicht in die Kategorie „Freak“, der gleich eine „War der Film canongerecht, ja oder nein“-Diskussion mit ihm vom Zaun brechen würde, wie er es auf diversen Conventions erlebt hatte.

In ihrem Hirn arbeitete es, blitzschnell flippte sie durch die Gesichter der Schauspieler, aber sein Bild konnte sie partout nicht zuordnen. „Darf ich fragen, wen du da gespielt hast? Entschuldige, aber durch die Kostüme sind die Schauspieler nur schwer zuzuordnen.“ Ein verlegenes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Craig musste ebenfalls lächeln, irgendwie war sie süß. „Ich war ein Elb“, antwortete er schlicht.

Okay, er kannte sie noch nicht gut genug, dies war eine Antwort, mit der sie sich bestimmt nicht zufrieden gab. „Welcher Elb?“, kam ihre Frage sofort retour.

Mist, der Plan war zunichte. „Haldir?“ Es was mehr eine Frage als eine Antwort. Seine Rolle war relativ klein gewesen und er erwartete nicht, dass sie sich spontan an den Elben erinnerte, der bei Helms Klamm eine Axt in seinen Rücken bekommen hatte und somit den Heldentod gestorben war – noch dazu absolut gegen den Canon.

Natürlich! Innerlich klatschte Dana sich ans Hirn. Wenn sie ihn jetzt genauer betrachtete, lag die Ähnlichkeit auf der Hand, die Augen- und Wangenpartie war unverkennbar. Plötzlich fiel ihr auch sein Nachname ein; Parker hieß er, erinnerte sie sich. Sie musste ihm ja nicht auf die Nase binden, dass sie Google strapaziert hatte, um herauszufinden, wer denn der Elb gewesen war, der so unnachahmlich arrogant gewirkt hatte. Dana schob es mit gutem Gewissen auf den Wochenbeginn und den Koffeinmangel, dass sie ihren Gegenüber nicht sofort erkannt hatte. Außerdem hatte Craig sich äußerlich doch etwas verändert, fiel ihr auf.

Ihr wurde bewusst, dass er ihre Miene studierte und sie hoffte, dass er nur einen Bruchteil davon erahnte, was gerade in ihr vorging. „Haldir ó Lórien“, grinste sie schließlich. „Der arme Elb, der als Metapher für das Sterben der Elben herhalten musste.“

Er musste lachen. „Genau der war ich.“

Sein Lachen war ansteckend. „Ich gebe zu, dass ich mitgelitten habe, als Haldir in Helms Klamm sterben musste.“

„Verlass dich darauf, ich musste auch leiden“, lachte er zurück.

Ihr Blick fiel auf ihre Uhr. Verdammt, langsam war es wirklich an der Zeit, wieder zum Ernst des Lebens zurückzukehren. Da gab es allerdings ein kleines Problem. „Ich brauche ein Telefon“, seufzte sie. Fragend sah er sie an. „Irgendwie muss ich ja zurück ins Büro kommen und mit dem Fuß...“

Sofort war sein schlechtes Gewissen wieder da. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er spontan.

„Das ist lieb gemeint, aber die Frage wäre dann: wie?“ In ihrem Kopf arbeitete es. Sie kam nicht drum herum, bei ihren Jungs anzurufen. Beide müssten nach Düsseldorf kommen und sie abholen.

„Ich könnte dich fahren“, sprudelte es aus ihm heraus. „Und vorher lassen wir deinen Knöchel durchchecken, du hast immer noch Schmerzen.“

„Ein sehr guter Vorschlag, du hast aber ein Detail vergessen“, entgegnete sie.

„Was für ein Detail?“

„Wie kommst du nach London?“

Craig grübelte. Die Frage war ganz und gar nicht unberechtigt. „Siehst du, wir haben beide ein Organisationsproblem“, seufzte sie widerwillig. Warum konnte sie nicht unter anderen Umständen auf ihn getroffen sein? „Ich denke, es ist das Beste, wenn wir erst einmal checken, wie du nach London kommst, hm?“ In Dana hatte die Assistentinnenseite übernommen. Spontanes Umorganisieren war ihr nicht fremd und dabei war sie in ihrem Element.

„Sagtest du gerade wir?“ Überrascht sah er sie an. Sie hätte ihn ebenso seinem Schicksal überlassen können.

„Ja, ich sagte wir. Schließlich bin ich nicht ganz unschuldig daran, dass du deinen Anschlussflug verpasst hast.“ Es war ein kleines Zugeständnis an ihn, dass er nicht allein die Verantwortung dafür trug, wie die Sache ihren Lauf genommen hatte. Jetzt konnte sie ihm wenigstens etwas für seine spontane Hilfe zurückgeben.

Vorsichtig hob er ihr Bein an und legte es auf dem Sessel ab, bevor er aufstand. Dann schnappte er sich die Tassen und brachte sie zurück zur Theke. „Mylady, “ scherzte er, als er wieder an sie herantrat „darf ich um Euren Arm bitten?“ Auffordernd hielt er ihr seine Hände hin.

„Du bist...“, entfuhr es ihr.

„... unmöglich, ja. Du bist nicht die Erste, die das zu mir sagt“, meinte er trocken und zog sie dann hoch.





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Soooo, ihr Lieben, da bin ich wieder mit einem neuen Kapitel. Eigentlich sollte Sonntag der Update-Tag sein, aber da ja ein paar Kiwi-Süchtige in diese Geschichten reingelesen haben *rotwird*, dachte ich mir, wir erhalten uns Freitag als Kiwitag, so dass die Updates nun quasi wie von ASYAC gewohnt am Freitag sein werden.

Ich habe mich auf alle Fälle einen Keks gefreut, dass sich einige entschieden haben, auf eine weitere Kiwi-Reise zu gehen *noch immer selig-dämlich vor sich hingrinst*

@Anni: Wir wussten doch schon immer, dass Craig umwerfend ist *lach*. Ich danke dir, deine Anregungen und Kommentare sind immer etwas für meine Seele. Ich werde mal in den nächsten Kapiteln noch mal drüberschauen, ob es so viele Perspektivwechsel gibt, da ging wohl die Tastatur mit mir durch *Kopf einzieh*

@Wuschel: Die Hibbelei hat ein Ende *g. Und ich bin grad tomatenrot ob deines Lobes. Vielen lieben Dank. Die Grundidee für das Aufeinanderprallen stammt übrigens von Ilmare *g

@ agent-epps: Noch ein Opfer von Wochenanfängen *g. Sie gehören verboten :D. Uffala, langsam gehen mir die Worte aus. Ich freu mich jetzt einfach mal darüber, dass ich dich mit auf den Flughafen entführen durfte und hoffe, du begleitest die Story auch weiterhin! Bedenken? Wegen des Sue-Aspekts *g. Irgendwoher muss Dana ja ihre sehr realistische Sicht der Dinge haben *in die Glaskugel schaut*

@Pooky: Schuldig im Sinne der Anklage *lach*. Den Großteil der Dana-Craig-Szenen von ASYAC nehme ich auf meine Kappe… Ich freue mich, an Bord der neuen Kiwi-Reise begrüßen zu dürfen und hoffe, dir bringt die Story auch weiterhin Spaß!
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